Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Vermischte Nachrichten.[]

[1812]

Lüttich.[1] Am 19ten Oktober hielt hier Herr Professor Robertson die angekündigte Luftfahrt. Da der Wind den Ballon beym Hinabsenken noch heftig herumtrieb, so kam ihm ein Partikulier zu Hülfe; indeß war dieser einige Zeit unentschlossen, weil ihm sein zehnjähriger Sohn weinend zurief: "Geh nicht hin, Papa, geh nicht hin, es ist der Teufel!" Einige Augenblicke nachher kamen andere Personen zu Hülfe, und Herr Robertson, der in dem Departement der Ourte, wo er geboren worden, seine erste Luftfahrt hielt, kam grade an dem Orte zur Erde nieder, wo er studirt hat, und wo er von einem ehemaligen Schulfreund empfangen wurde.


Von Reisende.[]

August von Kotzebue. [2]

[1804]

Eine Luftfahrt habe ich in Riga mit angesehen, Robertson war es der aufstieg. Ich zweifle keinen Augenblick, daß man die Direktion der Luftballons nächstens finden werde, ja ich bin gewiß, man würde sie schon gefunden haben, wenn nur, wie vermuthlich bei dem ersten Wasserbeschiffer geschah, die große Lehrerin Noth ihre Stimme erhoben hätte. So lange die Luftreisen bloß angestellt werden, um neugierigen Gaffern ein Schauspiel zu geben, so lange wird es wohl beim Auf- und Niederfahren, nach Willkühr der Winde, sein Bewenden haben; aber man lasse einmal irgend eine Art von Noth, besonders Hungersnoth- und Liebesnoth ein keckes mechanisches Genie ergreifen, und plötzlich werden wir die Luftballons so zahlreich als die Schwalben herum segeln sehen. Dieser Gedanke ist es, der mir jede Luftfahrt doppelt interessant macht. Ich denke mir, wie bald vielleicht ein liebender Jüngling, ganz im Stillen, ohne diese Menge Volks um sich zu versammeln, aus seinem einsamen Hofe bei nächtlicher Weile aufsteigen wird, um eine hundert Meilen entfernte Geliebte mit gutem Winde zu besuchen; oder wie ein zärtlicher Hausvater, der in einer belagerten Stadt Weib und Kindern hungern sieht, sich plötzlich kühn in die Luft schwingt, über den Häuptern des Feindes höhnend dahin schwebt, auf Freundes Boden seine Gondel statt des Ballastes, mit Brodt befrachtet, und nach wenigen Stunden triumphirend zurückkehrt. Will ich lachen, so denke ich mir einen Contrebandierer, mit herrlichen Spitzen beladen, der dem dicken lauernden Zollvisitator, im eigentlichsten Wortverstande, Sand in die Augen streut; oder einen hübschen, muthigen Faublas, der mitten in den Garden eines Nonnenklosters, zum großen Schrekken der alten Domina, herabsinkt. Ha! welch ein neues unabsehbares Feld für die Romanenschreiber! wie werden dann die Ritter und Geister auseinander stieben, wenn die Luftfahrer erscheinen werden.

Robertsons anspruchlose Kühnheit gefällt mir. Er machte seine Anstalten mit eben so vieler Ruhe als Gewandtheit, ja er hatte diese Ruhe selbst seiner Gattin eingeflößt, die ohne sichtbare Bewegung den Augenblick herannahen sah, in welchem das unermeßliche Meer ohne Klippen sie von dem Gatten trennen sollte. Sein Sohn, ein hübscher Knabe, lief spielend unter den tausend Zuschauern herum. -- Jetzt war der Ballon gefüllt, Robertson bestieg die Gondel, ließ sich, an Stricken schwebend, einmal im Kreise herumführen, und gab dann das Zeichen, ihm den Winden Preis zu geben. Es geschah, aber der Ballon senkte sich wieder, und, um ihn zu erleichtern, war Robertson genöthigt, die Köpfe der nächsten Zuschauer mit Sand zu taufen. Jetzt hob er sich zwar, doch nur wenig, der ziemlich starke Wind gab ihm sogleich eine schiefe Richtung, und er schwebte, zu unser Aller Schrecken, grade auf ein Dach zu. Schon war er im Begriff an dieser Klippe zu scheitern, schon streifte sein Anker das Dach, als er noch zu rechter Zeit, durch Auswerfen seines ganzen Ballastes, dem er sogar seinen Mantel nachsandte, sich der Gefahr entzog, und nun in der That majestätisch dahin schwebte. Das Händeklatschen der jauchzenden Menge gab ihm das Geleite. Einige Meilen von Riga, auf der Petersburgischen Straße, stieg er glücklich aus dem unsichern Element auf den mütterlichen Boden herab.

Was diese Luftfahrt am merkwürdigsten machte, war seines Nebenbuhlers, Garnerin, Gegenwart. Dieser kleine Mann hat überall den Ruf der Habsucht hinterlassen, und vielleicht wissen sogar die Vögel, die er in der Luft besuchte, ein Lied davon zu singen. Man sah es ihm auch heute wohl an, daß er hinter seiner spöttischen Larve den heimlichen Wunsch barg, Robertsons Unternehmen scheitern zu sehen. Hätte er Glauben gehabt wie ein Senfkorn, und folglich Berge versetzen können, er würde nicht ermangelt haben, dem edleren Nebenbuhler, statt jenes Daches, eine Alpe in den Weg zu werfen. Man sagt, er habe Rußland mit dem Versprechen verlassen müssen, nie wieder dahin zurück zu kehren; wenigstens versicherte ein Postmeister, diese schmeichelhafte Clausel in seinem Passe gelesen zu haben.


Quellen.[]

  1. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 264 Sonnabend, den 2. /14. November 1812.
  2. Erinnerungen von einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel von August von Kotzebue. Berlin 1805. bei Heinrich Frölich.
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