MNW Warschau


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Georg Reinbeck.

[1805]

[1]

Bei der Kürze meines Aufenthalts in Warschau, kann ich Ihnen, m. B., von seinen Umgebungen nur wenig berichten. Ich habe blos das königliche Lustschloß Leschinka besuchen können, das Stanislaus Poniatowsky seine Erbauung verdankt. In der Bauart hat es viel Aehnlichkeit mit dem Palais zu Astankina bei Moskwa, dessen ich in meinen vorigen Briefen erwähnt habe: allein welch ein Abstand findet nicht im Innern Statt. In Leschinka ist wenig Pracht, und nur der runde Saal, welcher von oben sein Licht empfängt, und die Capelle haben etwas Ausgezeichnetes. Da das Schloß ein Privat-Eigenthum des Königes war, und also der Masse und den Erben desselben gehört, so ist alles stehen geblieben, wie es sich befand, als der Besitzer es kaum, nachdem es vollendet war, verließ, um es nie wieder zu betreten. Aus Vorsicht ist eine ziemlich starke Wache davor gesetzt. -- Die Zugänge sowohl, als die Anlagen des Ganzen, sind geschmackvoll, aber nicht groß gedacht, welches vielleicht bei der nicht sehr günstigen Lage kaum möglich war. Unter den vielen Marmor-Statuen, welche den Garten schmücken, soll es mehrere Meisterstücke geben; sie sind aber alle mit hölzernen Kasten bedeckt, um sie vor Verletzung zu schützen. Eine davon, die unbedeckt war, Virginius, wie er den Dolch dem Busen seiner Tochter entreißt, die in seinen Armen stirbt, und zum Decemvir im schrecklichen Triumphe hinauf blickt, eine herrliche Gruppe, erregt ein vortheilhaftes Vorurtheil für die übrigen. Das Sehenswürdigste ist das Amphitheater am Ende des Gartens, eine Nachahmung des Griechischen. Die Bühne von nicht beträchtlichem Umfange stellt sehr täuschend Ruinen dar; sie wird von den Zuschauern, deren Sitze sich in einem Halbzirkel amphitheatralisch erheben, durch ein Bassin geschieden. Alles ist von Stein. Ob bei Regenwetter eine Leinewand konnte überzogen werden, ist mir entfallen. Erleuchtet muß diese Bühne in einer schönen Sommernacht einen sehr reizenden Effect gemacht haben.

In dem Schlosse selbst finden Sie Stanislaus unter allen Gestalten portraitirt; einmal als König Salomo unter seinen Kebsweibern, die gleichfalls Portraite sind; dann wieder zu den Füssen einer Geliebten u. s. w. Wahrlich, man kann sich nicht des Gefühls der Nichtachtung für einen König erwähren, der sich in solchen Darstellungen gefallen konnte. Die Sammlung der Gemählde seiner Begünstigten ist sehr beträchtlich, und es gibt Meisterstücke darunter. -- Stanislaus Poniatowsky war ein wahrer Sybariten-König; und doch war er ein Mann von Bildung und Geschmack. Sein Cabinet, worin er -- vielleicht selbst an der Geschichte seiner Zeit, in welcher er eben nicht die glänzendste Rolle spielte -- arbeitete, steht noch unangerührt da; die Feder liegt sogar noch auf dem Schreibezeuge. In den kleinen Glasschränken umher stehen noch einige Bände aus seiner Handbibliothek. Den größten und schätzbarsten Theil hatte ein gewisser Herr auf seine Güter genommen, um sie zu ordnen. Es sollen mehrere Seltenheiten an Manuscripten sich darunter befunden haben. Jetzt ist sie für das Gymnasium zu Krzeminiez, welches den Namen des Volhyner-Gymnasiums führen wird, für 45,000 Rbl. gekauft worden.

Unweit des Schlosses hatte sein vorzüglichster Günstling ein zweites Lustschloß auf Speculation erbaut, in einem grössern Geschmacke, und in einer weit schönern Gegend. Die Zinnen kann man von Leschinka aus erblicken. Die Speculation mißglückte aber diesmal, denn sein Herr war vor der Vollendung bereits bankerot.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Flüchtige Bemerkungen auf einer Reise von St. Petersburg über Moskwa, Grodno, Warschau, Breslau nach Deutschland im Jahre 1805. In Briefen von G. Reinbeck. Leipzig, bei Wilhelm Rein und Comp. 1806.
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