Frau von Lafayette.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Vom Herausgeber der Minerva.

Da die Minerva kein Journal ist, worin man sich beeifert, wenn gleich mit gebührender Rücksicht auf das Neue, doch nicht vorzüglich auf das Neueste Jagd zu machen, so wird man diesen Beytrag zur Nekrologie hoffentlich nicht zu spät finden.

Die Gemahlin des berühmten, immer viel zu wenig gekannten, Generals Lafayette, einer der edelsten Frauen der neuern Geschichte, starb am 24sten December des vorigen Jahres (1807) zu la Grange, zehn Lieues von Paris, auf einem Vorwerk, das allein dieser Dame von der sehr reichen fürstlichen Erbschaft des Hauses Noailles übrige geblieben war. Man hatte unter Robespierre auch dies, durch seine Festigkeit ausgezeichnete, den alten deutschen Ritterschlössern ähnliche, Gebäude zertrümmern wollen, die Befehle dazu waren auch schon gegeben und die rasenden Sansculots standen zur Zerstörung bereit, als man durch unmächtige Versuche überzeugt wurde, daß ohne eine große Menge Pulver die überaus dicken Mauern nicht niedergestürzt werden konnten. Da man nun damals das Pulver zu anderweitigem Gebrauch hochnöthig hatte, so mußte die Zerstörung unterbleiben, und das Gebäude wurde erhalten.

Dies ist jetzt der Wohnort des Generals Lafayette seit seiner Rückkehr nach Frankreich. Hier hab die vortreffliche Frau, durch Vorzüge des Geistes und des Herzens geschmückt, und in unserm verdorbenen Zeitalter mit seltensten Tugenden, ja mit Helden-Tugenden begabt, ihren edlen Geist auf. Sie starb als vieljährige Märtyrin ihrer Pflicht und der Ungerechtigkeit der Menschen.

Nicht allen Lesern der Minerva dürften der Character dieser ausserordentlichen Frau und ihre Schicksale mehr erinnerlich seyn; und wie wenig Menschen haben jetzt wohl noch Lust dem Vergangeneu nachzuspüren, da die Gegenwart sie so schrecklich beschäftigt. ein anderes ist es, wenn man ihnen dies Vergangene vorlegt, und sie von der Politik und ihrem Gefolge, von Jammer, Elend und Blut-Scenen, auf einige Augenblicke abruft, um sie zum Grabe einer wahrhaft Edlen, großen Frau zu führen. Man hofft daher, daß viele das Nachstehende gewiß nicht ohne Interesse lesen werden.


Frau Lafayette, die Enkelin des Marschalls, Herzogs von Noailles, wurde zu Paris im Pallast ihres Großvaters erzogen, und von ihm am Hofe Ludwig XVI eingeführt, wo sie durch Character und Sinnesart gar nicht hinpaßte, und ihn auch bald verließ. Das Schicksal verband sie mit einem der edelsten Menschen, dem Marquis de la Fayette, damals Marechal de Camp bey der Französischen Armee, und bald nachher durch seine Abentheuer, seine großmüthigen Aufopferungen, sonderbare Handlungen, und Feldzüge in America bekannt. Man weiß, welchen thätigen Antheil, er, der in jedem Welttheil mit Freyheits-Begriffen Genährte, hernach an der Französischen Revolution nahm, und welche große Rolle er dabey spielte, bis er, als commandirender Feldherr einer Armee, ein Opfer, nicht der Freyheit, die er so oft mit Lebensgefahr unter dem wüthenden Pariser Pöbel, behauptet hatte, sondern der ausgebrochenen Freyheits-Raserey wurde. Die großen Höfe, die damals, zum Unglück des Menschen-Geschlechts, ein höchst verkehrtes System, oder vielmehr gar keins hatten, machten sich durch die Verfolgung eines von den Jacobinern geächteten, tugendhaften Edeln gleichsam zu Verbündeten dieser abscheulichen Menschen-Classe. Er wurde auf seiner Reise nach Holland mit allen seinen Reise-Gefährten ganz widerrechtlich verhaftet, aus einer Festung in die andere geschleppt, bis er endlich in Olmütz erst ein Gefängniß, sodann einen Kerker fand. Aus diesem wohlbewachten Kerker gelang es ihm dennoch, seinen entfernten Freunden von seinem Zustande Nachricht zu geben. Seine Gemahlin wurde nun davon auch unterrichtet.

Man denke sich einen Augenblick die Lage dieser Dame. Sie hatte ihrer Mutter und ihre Schwester auf dem Schaffot sterben gesehn; auch sie, die sich zu Paris im Kerker befand, war schon dem Mordbeil geweiht, jede Stunde ihr Todes-Urtheil erwartend. Sie hatte ihr ganzes großes Vermögen verloren; sahe sich mit zwey nicht erwachsenen Töchtern ohne allen Unterhalt, von der Welt verlassen, und der Dürftigkeit preis gegeben, während ihr Gemahl in einem fremden Lande, in einem sehr entfernten Gefängniß seine elenden Tage verlebte.

Das Schicksal hatte sie aber zu noch mehr Leiden bestimmt. Sie entgieng der Guillotine durch ein halbes Wunder -- in Hinsicht der Todfeindschaft, die Robespierre gegen Lafayette hegte -- durch die diesmal bey dem Wütherich kräftige Verwendung des Americanischen Gesandten; auch wurde ihr Gefängniß für sie geöffnet. Welchen Gebrauch aber machte sie von dieser so unerwartet glücklich erlangten Freyheit? Das Elend ihres Gemahls bestimmte bald ihrer Entschluß; sie hatte bey ihrer Leiden Beweise von seltenem Starkmuth und seltener Resignation gegeben; jetzt zeigte sie sich von einer andern , nicht minder hochachtungswürdigen Seite: sie hatte nur einen Sinn, für die Erfüllung ihrer Pflichten als Gattin. Sie fand Mittel, zu einigem Reisegelde zu gelangen, und so begab sie sich mit ihren beyden Töchtern, ohne alle andre männliche, oder weibliche Begleitung nach Havre de Grace, wo sie sich dem Meere vertraute, und mit ihren Kindern ein nach Altona segelndes Schiff bestieg.

Ich konnte meinen Sinnen kaum trauen, als alle drey Damen zu mir ins Zimmer traten, und sich mir zu erkennen gaben. Die Mutter sagte: "Ich bin vor zwey Stunden zu Altona angekommen, und eile unserm eifrigsten Freunde für seine Dienste unsern Dank darzubringen, und mir seinen Rath zu erbitten." Sie theilte mir hierauf ihren Entschluß mit, nach Oesterreich zu reisen, und das Gefängniß ihres Gemahls mit ihn zu theilen. So sehr ich auch ihren Entschluß ehrte, so sahe ich doch bey der Ausführung in Gesellschaft von zwey Töchtern, von vierzehn und sechszehn Jahren, zumal bey gänzlicher Unkunde der deutschen Sprache, so manche Schwierigkeit, so manches Bedenkliche, das ich ihr nicht verhehlen konnte. Ihre Antwort war: "Ich werde Ihren Rath in Allem befolgen; hierüber aber ist mein Entschluß fest, und nichts in der Welt kann mich davon abbringen."

Dabey blieb es; Sie verweilte nur wenige Tage bey uns, und vermied alle Gesellschaften. Ich führte sie jedoch zu Klopstock, dem vieljährigen Verehrer ihres Gatten. Nie sah ich diesen großen Mann so gerührt, als bey dem Anblick dieser tiefgebeugten Frau, die durch Ton und Rede, durch Sanftmuth und Verstand, durch ihre heroische Ergebung in ihr Schicksal, durch ihre überall hervorstrahlenden Tugenden, und durch ihr ganzes Benehmen überhaupt, so sehr geeignet war, Theilnahme und Bewunderung einzuflößen.

Sie sehnte sich ihren neuen Kerker zu erreichen, wurde von einem Freunde reichlich mit Gelde versehen, und nun reißte sie gerade nach Wien. Hier sprach sie den Kayser Franz, der es nicht an gütigen Worten fehlen ließ, ihr aber sagte: "Hier sey von keiner Gnaden-Sache, sondern von einer Cabinets-Angelegenheit die rede, worüber er nicht entscheiden könne." Indessen ertheilte er ihr die Erlaubniß, sich auf eine selbst beliebige Zeit nach Olmütz zu ihrem Gemahl zu begeben, wohin sie nun auch unverzüglich abreißte. Es war ihr in Wien von vornehmen machthabenden Personen zugesagt worden, daß sie auf der Festung -- wie sich wohl von selbst verstand -- nicht wie eine Gefangene, sondern wie ein ganz freye Person behandelt werden sollte, und das hiervon auch in Betreff ihrer Töchter natürlich keine Frage seyn könne. Sie hegte jedoch hierüber gleich anfangs einige Zweifel, die sich nicht auf den guten Willen des von ihrer Lage gerührt gewesenen Kaysers, sondern auf die Befehle andrer Machthaber und auf die Hartherzigkeit, oder Gutmüthigkeit der Vollzieher seines Willens in Mähren bezogen.

Von der letzten Station vor Olmütz meldete sie mir alles bis dahin Vorgefallene, ihre Besorgnisse und geringen Hoffnungen, und ergab sich ihrem Schicksal, das fortdauernd grausam gegen sie war. So wie ihr Gemahl, wurde auch sie, und eben so auch ihre Töchter fest eingeschlossen; sie konnten also die Gefängniß-Stube nicht verlassen. Man gestattete ihnen keine Messer und Gabel; und das Essen wurde Ihnen, von Soldaten, in kleine Stücke geschnitten, dargebracht. Nach Art der Türken mußte diese Damen mit ihren Fingern in den Schüsseln herum wühlen, und sich so hottentottisch sättigen. alle Abend wurden die beyden jungen Frauenzimmer von Grenadieren aus des Generals Gefängniß geholt, und für die Nacht nach einer abgesonderten Gefängniß-Kammer gebracht, wo auch sie durch Riegel und Schlösser reglementsmäßig verwahrt wurden. -- Nach ihrer erlangten Freyheit sagte Frau v. Lafayette zu mir mehr als einmal, daß sie weit weniger in Robespierres Kerker, als in dem Olmützer gelitten hätte, und daß beyde nicht mit einander zu vergleichen gewesen wären.

Frau v. Lafayette wollte, der ihr gemachten Zusage gemäß, die Festung verlassen und ein Logis in der Stadt miethen. Hierauf erklärte man ihr: "daß sie Festung zwar verlassen könnte, solche aber hernach nicht wieder betreten dürfte." Dies war hinreichend, sie zu bestimmen, ihre Gesundheit aufzuopfern und auszuharren.

Dies Harren aber währte noch zwey ganzer Jahre. Entfernt von freyer Luft, in einem dumpfen Kerker Tag und Nacht hausend, und dies Jahre lang, war für ihren zarten Körperbau zu viel. Das Uebel griff sie stark an, ihre Beine schwollen, und sie wurde endlich bey großen, anhaltenden Schmerzen, so elend, daß sie nicht gehen konnte, und bald contract war. So kam sie im Jahre 1797 mit ihrem nunmehr losgelassenen Gemahl, mit seinen Unglücks-Gefährten *) und ihren Kinder wieder nach Hamburg, reisete im folgenden Jahre mit ihrem Uebel, diesem Gefängniß-Erbtheil, nach Frankreich zurück, wo auch gegen dasselbe keine Hülfe war, und das auch diese Dulderin, nach einer langen, ununterbrochen wüthenden, langsam tödtenden Marter, ins Grab legte.

v. A.
*) Der eine, der General Latour-Maubourg, ist jetzt Kayserlicher Staatsrath, der andre, Bureau de Pusy, starb vor zwey Jahren nach seiner zu Lyon vollbrachten, durch eine sehr wohlthätige Administration ausgezeichneten, Präfectur, als Präfect von Genua; der dritte Unglücks-Gefährte, Alexander Lameth, Neffe des in der neuern Kriegs-Geschichte berühmten Herzogs v. Broglio, ein talentvoller Officier, der bekanntlich in den ersten Jahren der Französischen Revolution sich sehr thätig zeigte, war schon früher in Freyheit gesetzt worden, und ist jetzt Präfect zu Achen.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Herausgegeben von J. W. v. Archenholz. Für das Jahr 1808. Im Verlage des Herausgebers und in Commission bey B. G. Hoffmann in Hamburg.
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