Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Lord Loughborough.[]

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Lord Loughborough Gross Cantzler von England. 1796.

Lord Loughborough unterstützte als Großkanzler, als Sprecher und Haupt des Oberhauses, die kräftigen Maßregeln, die Pitt während des Revolutionskrieges für nöthig hielt, um eines Theils den Anmaßungen des Feindes zu begegnen, andern Theils die unruhigen Köpfe in Ordnung zu erhalten, die sich sehr zur Unzeit gegen die hergebrachte Ordnung auflehnten; und spielte also in diesem Unglück schwangeren Zeitraum eine sehr bedeutende Rolle. Er hieß, vor seiner Erhebung zum Peer, Alexander Wedderburne, wurde im Jahre 1733 zu Edinburg geboren, und ist der Sohn eines angesehenen Rechtsgelehrten.

Der junge Wedderburne zeichnete sich als Student in seiner Vaterstadt durch glückliche Anlagen und gelehrte Kenntnisse so vortheilhaft aus, daß verschiedene junge Gelehrte, die weit älter waren als er, ihn in eine literarische Gesellschaft aufnahmen, die sie gestiftet hatten. Die genauere Verbindung mit diesen Männern -- Fergusson, Blair und Robertson befanden sich unter ihnen -- und das sorgfältige Studium der Philosophie hatten einen so großen Einfluß auf seine Rechtsgelahrtheit, daß er schon als Jüngling einen gewissen Alexander Lockart, zu der Zeit den größten Advoten in Schotland, in dem Streit über eine wichtige Rechtsfrage zum Schweigen brachte. Das Haupt der Juristen nahm dies so übel, daß der Ueberwinder seinen Sieg mit der Proskription bezahlen mußte: denn da Lockart erklärt hatte, er werde sich nie wieder auf Geschäfte einlassen, an welchen Wedderburne Theil hätte, so hielt es dieser für das Beste nach England zu gehen, weil Lockart in der Regel zu allen wichtigen Prozessen zugezogen wurde.

Durch großen Fleiß gelangte er bald zu einer vertrauten Bekanntschaft mit den Englischen Gesetzen, und in den Londner Disputir-Gesellschaften (debating Societies) lernte er die Englische Aussprache; auch fand er hier, zur weitern Ausbildung des Rednertalents, an Thurlow und Burke Gegner, seiner vollkommen werth. Der große Ruf, den er sich in den Gerichtshöfen erwarb, verschaffte ihm bald eine Stelle im Unterhause, wo er sich so lange zur Opposition hielt, bis er im Jahre 1773 Königlicher Generalprokurator (Solicitor General) geworden war. Ungefähr um diese Zeit erwarb er sich ein großes Verdienst um junge, reiche Verschwender durch das Gesetz, daß Leibrenten, von Personen verschrieben, die noch nicht ein und zwanzig Jahr als sind, keine Gültigkeit haben, welches er vorschlug.

Als Thurlow 1778 Großkanzler ward, wurde Wedderburne an dessen Stelle Königlicher Kronfiskal (Attorney General), und zwei Jahr später nicht allein Peer des Reichs, unter dem Titel eines Lords Loughborough, sondern auch Oberrichter bei dem Gerichtshof der gemeinen Prozesse (Court of common Pleas), der die Rechtshändel zwischen Privatleute entscheidet. Als ein Freund von Lord North gehörte er zu der Koalition, wie er denn die berühmte Ostindienbill des Herrn Fox eben so geschickt, aber nicht mit so gutem Erfolg, im Oberhause vertheidigte, als Burke sie in der Kammer der gemeinen unterstützt hatte, und auch lange Zeit ein Gegner des Herrn Pitt blieb. Bei der Krankheit, die den König hinderte, seine Gerechtsame auszuüben, stand er im Oberhause an der Spitze derer, welche die Befügniß des Thronerben, zu regieren, mit dem Erbfolgerechte desselbe für analog hielten, und man sagt, er habe den Plan entworfen, den Fox der Opposition empfahl.

Die Französische Revolution, die alles, was bis dahin heilig war, umzustürzen drohete, bewog ihn, die Opposition zu verlassen -- er opferte gern Privatmeinungen und den Vortheil der politischen Sekte, zu der er so lange gehört hatte, dem Wohl des Ganzen und der Erhaltung einer Konstitution auf, bei der er sich noch immer wohl befunden hatte -- der Hof ernannte ihn daher am Ende des Jahres 1792 zum Nachfolger des Großkanzlers Lord Thurlow. Er war von nun an gleicher Meinung mit Herrn Pitt, außer bei der Frage: ob die papistischen Irländer mit ihren protestantischen Landsleute gleiche Rechte haben sollten? die er verneinete. Dessen ungeachtet hatte der Ministerwechsel, den dieser Streit nach sich zog, auch auf ihn Einfluß; Lord Eldon nahm am 14. Aprill 1801 den Sitz des Großkanzlers ein, Loughborough aber ging nicht leer aus, sondern verwechselte bloß das große Reichssiegel mit dem kleinern, als geheimer Siegelbewahrer des Königs (Lord privy Seal). Er setzt als solcher das kleinere Siegel zu Freibriefen und andern von dem König unterschriebenen Sachen, ehe sie das große erhalten, und auch zu den Bewilligungen von Pensionen und ähnlichen Dingen, die von dem Großkanzler nicht untersiegelt werden. Diesen Posten kann nur ein guter Jurist bekleiden: denn wenn das geheime Siegel zu etwas gesetzt würde, was gegen die Gesetze des Landes wäre, so ist nicht der König, sondern der Lord privy Seal dafür verantwortlich.

Lord Loughborough zeichnete sich durch Gelehrsamkeit und vertraute Bekanntschaft mit der Landesverfassung vor den meisten seiner Zeitgenossen aus, und ist ein sehr guter Redner. Man hat ihn mit Cicero vergleichen wollen, aber es fehlt ihm offenbar die Fülle der Gedanken und das Feuer, durch welche jener Römer die Zuhörer unwillkührlich mit sich fortriß, obwohl er es ihm, als ein philosophischer Kopf, in der Deutlichkeit des Vortrags, und in der Bündigkeit der Schlußfolgen, wie auch in der Anmuth der Rede und in der Schönheit des Ausdrucks gleich thut. Der Lord ist nicht groß, aber ein lebhafter, durchdringender Blick, und eine feste, zuversichtliche Haltung heben seine Figur. Der anhaltende Fleiß und die große Arbeitsamkeit, mit welchen er sich immer den Geschäften überließ, haben seine Körperkräfte geschwächt und mancherlei Beschwerden herbeigeführt. Der vielen Amtsarbeiten, die er von jeher hatte, und der Gewissenhaftigkeit, mit welcher er sie verwaltete, ungeachtet, ist er ein sehr guter Gesellschafter, eben so beredt als bescheiden, eben so witzig als scharfsinnig, und in der Unterhaltung eben so belehrend als angenehm. Er war zwei Mal verheirathet. Von seiner ersten Frau, einer gebornen Dawson, hat er keine Familie, und von der zweiten, der Schwester des Vicomte Courtney, nur einen Sohn.

Die glänzende Seite seine Charakters ist der Muth, mit dem er seinen Ueberzeugungen folgt, ohne auf die Eingebungen des Parteigeistes zu merken. Diese große Eigenschaft hatte ihn vor der Revolution zum Manne des Volks gemacht; aber durch die strengen Maßregeln gegen Meutereien und unruhigen Köpfe, die, während des vorletzten Krieges, nöthig schienen, und ihm zum Theil zugeschrieben werden, verlor er seine Popularität bei denen, die der hergebrachten Ordnung feind oder schwach genug sind, zu wähnen, man könne, ohne erhebliche Folgen und nicht zu berechnende Gefahren, den großen Haufen reizen, aufhetzen und loslassen.


Quellen.[]

  1. Neuer Brittischer Plutarch. Oder Leben und Charaktere berühmter Britten welche sich während des Französischen Revolutionskrieges ausgezeichnet haben. Nebst einem Anhange von Anekdoten. Von Friedrich Wilhelm Gillet, erstem Prediger bei der Werderschen und Dorotheenstädtschen Kirche. Berlin, 1804. Bei Friedrich Maurer.
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