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Die wahre abentheuerliche Lebensbeschreibung des heldenmüthigen 18jährigen Mädchens, Namens Anna Lüring.Bearbeiten

Lieben deutschen Freunde!

Ich ergreife die Feder, um zwar nur eine kurze, aber desto interessantere Geschichte zu schreiben, -- eine Geschichte, die, der Nachwelt zum Beyspiel, in den Jahrbüchern aufbewahrt zu werden verdient, indem das heilige Feuer der Freyheit sogar in einer weiblichen Brust entzündet worden.

Aber es mußte auch so kommen, wenn wir von den schimpflichen Fesseln befreyet werden sollten, welche wir leider so lange getragen haben, von welchen wir aber nun, durch Gottes Hülfe und durch Deutschlands Muth und Beharrlichkeit, endlich sind erlöset worden, als wofür wir dem Herrscher des Himmels und der Erden nicht dankbar genug seyn können. -- Aber Dank sey es, nächst Gott, auch den hohen verbündeten Monarchen, welche uns, durch ihren mächtigen Beystand, auf diese glorreiche Bahn geführt haben.

Auf welche Art und Weise aber unsre Heldin ihre große Laufbahn angetreten und fortgesetzt hat, möge uns folgende Nachricht sagen.

Anna Lüring, ward geboren in Bremen, am 3ten August 1796. Sie ist die Tochter des daselbst wohnhaften Stadt-Baumeisters Lüring. Sie trug unwiderstehlichen Unwillen im Herzen über die französischen Tyraneyen. Das Lesen patriotischer Schriftsteller, so wie die Lieder des wackern Theodor Körner, entflammte ihren edeln vaterländischen Freyheits-Geist so sehr, daß, als endlich das von Lützowsche Frey-Corps, welches sich bemannt hatte, den Kampf für Freyheit zu wagen, in Bremen einrückte, sie den geheimen Entschluß faßte, sich diesem Corps anzuschliessen. In der Nacht auf den 14ten Febr. 1814 entkam sie, in der Kleidung ihres Bruders, glück ich der Beobachtung des Vaters, dem sie augenblicklich zurückzukommen versprach, und eilte über das Eis der kleinen Weser zu den Vaterlandsvertheidigern. Nach langem Wandern fand sie das dritte Bataillon der Fußjäger von Lützow in der Belagerung Jülichs begriffen. Am 1sten März begab sie sich daher zu dem commandirenden Lieutenant von Reil, mit der Bitte, sie als Jäger in seine Compagnie aufzunehmen. Sie gab sich den Namen, Eduard Kruse, mit dem Vorgeben, aus Oldenburg gebürtig zu seyn. Niemand ahnte damals im Mindesten, daß sie weiblichen Geschlechts sey. Mit der männlichsten Ausdauer ertrug dieses 18jährige Mädchen alle Beschwerden des militairischen Dienstes. Doch gesteht sie auch, mit der ihr eigenthümlichen liebenswürdigen Bescheidenheit und Freymuth, wie das erstemal, als sie in der unfreundlichen Witterung auf den äussersten Vorposten gestanden, doch öfters ein geheimes Grauen sie angewandelt habe. Sechs Wochen lang wohnte sie der Belagerung von Jülich bey. Kaum war darauf das Corps in Aachen angelangt, bekam Anna Lüring Befehl, vor dem Hauptman Helmstreit sich zu stellen, der das von Lützowsche Corps einstweilen commandirte. Dieser hatte einen Brief aus Bremen erhalten, und erklärte unserm jungen Büchsenjäger, bey seiner Erscheinung, geradezu, er sey nicht Eduard Kruse, sondern Anna Lüring, aus Bremen. Ihre jungfräuliche Sittlichkeit konnte ihr nicht erlauben, der leicht zu ergründenden Wahrheit zu widersprechen. Sie gestand also, that aber die dringendste Bitte, ihren Kammeraden das Geheimniß doch nicht zu entdecken. Diese Bitte ward ihr gerne gewährt; und der Commandant selbst fordert sie auf, den Preußischen Dienst nicht zu verlassen, und dem Corps, das nun nach Frankreich marschirte, muthig zu folgen. Das that sie voll Hochherzigkeit, und rückte darauf mit diesem Corps bis 10 Meilen von Paris ein, von wo sie nach Berlin zurückkehrte, woselbst sie mit den glorreichsten Auszeichnungen empfangen wurde, und wo ihr von des Königlich-Preußischen General von Tauenzien Excellenz eigenhändig die Ehrenmedaillen von 1813 und 1814 eingehändigt, und wo sie von der Königl. Familie reichlich beschenkt wurde. Aber die schönste Belohnung ihres Heldensinnes empfing sie bey der Rückkehr in ihre Vaterstadt, den 4ten Februar, denn kaum war in Bremen das Gerücht lautbar, daß ihre tapfere Mitschwester, in Brinkum zwey Stunden von Bremen, angelangt sey, als man viele hiesige Einwohner, zu Fuß, zu Pferde und zu Wagen, worunter viele der angesehensten, aus dem Thore eilen sah, ihre selbst im Auslande so sehr ausgezeichnete Landsmänn n zu begrüßen. Begleitet von Mehreren ihrer jungen Freundinnen, begab sich auch der Vater zu der schmerzlich verlohrnen und so herrlich wiedergefundenen Tochter und feyerte im Angesichte vieler Anwesenden eine höchst rührende Scene des Wiedersehens, welche alle Umstehende bis in Thränen bewegte. Als die junge Vaterlands-Vertheidigerin, mit der Uniform des von Lützowschen Corps bekleidet, sich den Thoren der Vaterstadt näherte, bildeten sämmtliche anwesende Reiter, unter denen man verschiedene Freywillige der Reiterey desselben Corps, wie auch viele Söhne der angesehensten Familien hieselbst, ferner die Staabs-Officiere der Hanseatischen und der Bürgergarde, so wie das übrige Officier-Personale dieser beyden Corps, und mehrere angesehene Bürger, bemerkte, eine Ehren-Garde welche den Wagen auf dem unsre Heldin saß, bis zu der väterlichen Wohnung begleitete, und die den Namen "Ehrengarde" um so eher verdiente, da kein Befehl, ja, nicht einmal eine Aufforderung oder Vereinbarung, sondern der freye Drang des Herzens, dem Verdienste zu huldigen, sie gebildet hatte. Der Abend vereinigte mehrere bey dieser Begleitung gegenwärtig gewesene, so wie ausserdem einige Mitglieder unsers Senats, den Königl. Preussischen Consul und Verschiedene des von Lützowschen Corps, nebst ihren Familien beyderley Geschlechts, im Rathskeller, wo bey einem Becher vaterländischen Weines zuerst auf die Gesundheit der Vaterlands Vertheidigerin, welche durch den unbefleckten Ruf ihres Muthes und durch ihre jungfräuliche Sittlichkeit Bremens Namen nur noch rühmlicher gemacht hat, dann auf das Wohl ihres anwesenden Vaters und des von Lützowschen Corps, getrunken wurde. Die reinste Fröhlichkeit herrschte in diesem Kreise, der sich erst nach Mitternacht auflösete. Am folgenden Tage stattete die junge Heldin bey den sämmtlichen Mitgliedern des Senats eine Besuch ab, und fand die verdiente herrliche Aufnahme; so wie Bremens sämmtliche Bewohner sich beeifern, derselben Beweise ihrer Huldigung zu geben.

So ruhe nun aus auf deinen Lorbeeren, tapferes Mädchen; und Gott gebe, daß, wenn je Einer Deutschlands Freyheit und Gerechtsamkeit zu nahe treten wollte, wir an dir ein Beyspiel nehmen mögen, wie man sein Vaterland lieben müsse!


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Die wahre abentheuerliche Lebensbeschreibung des heldenmüthigen 18jährigen Mädchens, Namens Anna Lüring, gebürtig aus Bremen, welche als freywilliger Jäger, unter dem Königl. Preußischen Lützowschen Corps, diesen heiligen Krieg, welche Deutschland von seinen Sclaven-Fesseln befreyet, tapfer mitgemacht hat. Nebst einem Liede, welches sie zu diesem heldenmüthigen Entschluß bewogen hat, von Theodor Körner, Dichter, und Streiter fürs Vaterland. Bremen, 1815.
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