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Aufruf des Kaisers Alexander an seine erste Hauptstadt Moskau.Bearbeiten

Der Feind ist mit großen Heeren auf das russische Gebiet eingebrochen; er verwüstet unser theures Vaterland. Ungeachtet die russische Armee von Muth brennt, sich den Unternehmungen dieses verwegenen Feindes entgegen zu stellen und sie zu vereiteln, so können wir doch aus väterlicher Vorsorge für Unsere getreuen Unterthanen ihnen die Gefahr nicht verhehlen, von der sie jetzt bedroht werden. Der Feind muß wenigstens seine Fortschritte nicht einem Mangel von Vorsicht unserer Seits zu verdanken haben. Da wir um deswillen im Innern des Reichs neue Streitkräfte zu unserer Vertheidigung aufzustellen gedenken, so wenden Wir Uns mit dem Antrag dazu zuvörderst an Moskau, diese alte Residenz unserer Vorfahren. Von jeher stand sie unter den übrigen Städten Rußlands oben an; aus ihren Mauern gingen die Heere hervor, welche ihre Feinde in den Staub warfen. Nach ihrem Beyspiel eilten aus allen umliegenden Ortschaften die Söhne des Vaterlandes zu ihrer Vertheidigung herbey, so wie das Blut immer wieder dem Herzen zufließt. Das Bedürfniß der Vertheidigung war nie dringender als jetzt, da die Regierung, der Thron und der Staat allesammt von Gefahr bedroht sind. Der Adel und alle übrigen Einwohner des Staats mögen dann sich zum Streit erheben, Gott und unsere rechtgläubige Kirche werden denselben segnen. Möge ein gedeihlicher Wetteifer von Moskau ausgehen, sich über das ganze weite Reich verbreiten und von allen Seiten neue Streitkräfte herbeyführen; Wir werden unverzüglich in Person nach Moskau und nach den andern Städten des Reichs Uns begeben, um Einheit in die Vertheidigungsmittel zu bringen, dem Vordringen des Feindes Gränzen zu setzen, und ihn überall, wo er sich zeigen möchte, zurückzuschlagen. Möge die Vernichtung, mit welcher er uns bedroht, auf sein eigenes Haupt zurückfallen, und ganz Europa, nachdem wir es von seinem Joche befreyt haben werden, den Namen Rußlands segnen.

Gegeben in Unserm Lager von Polotsk, am 6ten (18ten) July 1812.

(Unterz.) Alexander.


Moskau.Bearbeiten

Dieser Aufruf ward am 10ten (22sten) July, Abends um 9 Uhr, in Moskau publicirt, und Tages darauf traf der Kaiser daselbst ein. Die Moskauer Zeitung fügt hinzu:

Se. Majestät, der Kaiser, haben Ihre zahlreichen Heere, die mit Allem reichlich versehen sind, noch keinen Abgang erlitten haben und mit kraftvollem Muthe dem Feinde entgegen gehen, verlassen, und sind am 11ten (23sten) July um Mitternacht bey hohem Wohlseyn im Kreml dieser Hauptstadt angekommen.

Die Moskauer Zeitung vom 1sten August meldet hierauf, daß sich am 27sten nach dem Wunsch des Kaisers der Adel und die Kaufmannschaft Morgens um 8 Uhr im Pallast der Slobode versammelt habe. Beyden Korporationen ward hierauf, einer nach der andern, der Aufruf des Kaisers zur allgemeinen Landesvertheidigung vorgelesen, und hierauf von dem Adel eine Aushebung von 10 Mann für jedes 100 streitfähiger Köpfe angeordnet, von den Kaufleuten aber die zur Bewaffnung dieser Masse, welche für das Gouvernement von Moskau 80,000 Mann betrug, gehörige Summe unterzeichnet, ausserdem aber noch von einzelnen Kaufleuten zusammen anderthalb Millionen Rubel hergeschossen. Der Kaiser erschien hierauf persönlich, bezeigte dem Adel seinen Dank, und setzte hinzu: er habe nicht weniger von ihnen erwartet, der Adel habe die gute Meinung, welche er stets von ihm gehegt, vollkommen bestätigt. In der Versammlung der Kaufleute ward der Kaiser mit dem Zuruf bewillkommnet, daß man ihm als dem Vater des Landes Gut und Blut opfern wolle; der Bericht schließt folgendermaßen: Möge Alles dies zur Kenntniß des Feindes gelangen, des stolzen Mannes, der mit dem Schicksale seiner Unterthanen nur ein Spiel treibt! möge er es erfahren und erbeben! wir erheben uns Alle gegen ihn, wir streiten für die Religion, für das Vaterland und für unsern Fürsten, und sind Alle entschlossen, zu siegen oder umzukommen.


Bey der Durchreise des Kaisers zu Smolensk erbot sich der Adel des Gouvernements, 20,000 Mann aufzubieten, und eine Deputation des Adels aus dem Gouvernement von Kaluga erbot sich zu Moskau zu jeder dem Kaiser beliebigen Aufopferung.


Die Moskauer Zeitung meldet ferner: daß der Erzbischof Platon dem Kaiser das Bildniß des heiligen Sergius zugeschickt, daß dieser es aber für die neu aufgebotene Mannschaft zurückgesandt habe, damit sie unter dem Schutz dieses Heiligen siegreich seyn möge!


Proklamation.Bearbeiten

Vermittelst einer Proklamation des Kaisers vom 18ten (30sten) July wird verordnet, daß die Gouvernements von Moskau, Twer, Jaroslaw, Wladimir, Tula, Kaluga und Smolensk die in ihrem Bezirk aufgebotene Mannschaft zur Vertheidigung von Moskau marschiren lassen sollen; die Gouvernements von Kasan, Niegorodnow, Pensa, Kostroma, Simbirsk und Wiatka ihre Mannschaft vorläufig nur in Bereitschaft halten, nicht aber marschiren lassen, und die Bauern nicht in der Feldarbeit stören sollen. Die Gouvernements von Petersburg und Nowogrod sollen zur Deckung von Petersburg vorläufig ein Gleiches veranstalten; alle übrigen Gouvernements des Reichs hingegen sollen vor der Hand durchaus nichts unternehmen, bis es nöthig seyn wird und sie dazu aufgerufen werden. Von allen Kronsgütern und Domänen solle zu diesem Aufgebot durchaus nicht ein Mann genommen werden, sondern diese nur der gewöhnlichen Rekrutirung unterworfen seyn; das jetzige Aufgebot sey keine Landmiliz, auch keine stehendes Heer, Jeder könne in beliebiger Uniform erscheinen, und solle von demselben Augenblick an, da der Feind aus dem Lande werde vertrieben seyn, wiederum nach Hause entlassen werden.


Gouvernement Pensa.Bearbeiten

Der Civilgouverneur von Pensa, Fürst Gallitzin, berichtet unterm 15ten (27sten) July, daß der Adel dieses Gouvernements die zu Bewaffnung eines Regiments Infanterie erforderlichen Gelder zusammengeschossen und aus seinen eigenen Mitteln 2500 Schlachtochsen für die Armee hergegeben habe.


Gouvernement Nowogrod.Bearbeiten

In Nowogrod trat der Adel zusammen, und beschloß in Anwesenheit der Großfürstin Katharina Pawlowna, welche mit ihrem Gemahl (dem Herzog von Oldenburg) aus Petersburg dahin gekommen war, daß dies Gouvernement, welches 340,000 Seelen zählt, 10,000 Mann zum Aufgebot stellen wolle, welche das Gouvernement überdem auszurüsten, zu bewaffnen und zu Bekleidung sich anheischig macht. Der Adel ernannte aus seiner Mitte die Officiere, und die Kaufmannschaft brachte 200,000 Rubel zum Dienst des Vaterlandes dar.

(Der Beschluß folgt.)


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 247. Montag, den 14/26. Oktober 1812.
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