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Breslau's Belagerung im November und December 1806.Bearbeiten

Das sechste Jahr des neunzehnten Jahrhunderts neigte sich, und die Aussichten ins folgende wurden trüber. In wenigen Wochen war geschehen, was etliche Wochen früher für unmöglich gegolten hatte. Der wohl gegründete preußische Staat schwankte, erschüttert im Innersten, und stand seines mächtigen Bollwerks, eines für unüberwindlich gehaltenen Heeres, beraubt. Die meisten Provinzen waren in Feindes Hand, und an der Spree Eine Veste, und an der Oder zwey, und an der Elbe eine, wichtiger, als die wichtigste von jenen, fast ohne Vertheidigung (ein Räthsel für den Krieger und Nicht-Krieger!) gefallen und besetzt vom fremden Heere die Hauptstadt der ganzen Monarchie. Nur die östlich und südlich liegenden Länder hatten die Erschütterung des Krieges noch nicht erfahren, und ihre Vesten, vorzüglich die zahlreichen Schlesiens, schienen der einzige Damm, der des Sturmes Wogen, wenn nicht brechen, doch aufhalten möchte. Auch entging dem Feinde ihre Wichtigkeit nicht. Es war klar, daß er, in ihrem Besitz, getroster an der Weichsel fernen Ufern (dort stand er bereits) streiten und, wenn das Loos der Schlacht unglücklich entscheide, sich leichter sammeln werde.

Glogau versprach einen guten Stützpunkt, von wo aus weiter zu wirken sey, und eine schnelle Eroberung. Schon am 7ten November ward es aufgefordert und berennt. Viel Vertrauen setzten die entfernt wohnenden und mit der Lage der Dinge unbekannten auf die Beschränktheit des Umfangs, die Abwesenheit von Vorstädten, welche den Unternehmungen von außen immer förderlich, denen von innen hinderlich sind, und auf der Besatzung Muth und der Bürger Treue. Mehr noch hofften die umwohnenden von dem Donner des Geschützes, der lebhaft von den Wällen ertönte. Der Erfolg hat gelehrt, daß beyde sich täuschten.

Noch war indeß die Festung nicht gewonnen, als plötzlich den 17ten Nov. um Mittagszeit, über die rechte Seite der Oder sich von Hundsfeld herunter bewegend, ein Zug von Bayern, meist Reiterey, unter der Leitung des Generals Montbrun und ein anderer auf der linken Seite über Neumarkt unter dem französischen Befehlshaber Lefebvre vor den Thoren Breslau's erschienen und Einlaß begehrten. Der größte Theil der Einwohner hielt die Unternehmung für ernsthaft und rechnete auf nachdrückliche Belagerung; aber es zeigte sich bald, der Feinde meine nicht also, sondern lebe der Hoffnung, daß das Glück den Kühnen begünstige. Nur wenige Schüsse fielen am Tage Elisabeths (d. 19ten Nov.) in die Nicolai Straße, fast ohne Wirkung. Wir selbst zündeten früher vom Walle herab etliche Häuser in der Nähe des Oberthors an, theils, um den Heranschleichenden Feind zu vertreiben, theils, um zu zeigen, daß man Aufopferung zur Erhaltung nicht scheue. Seit dem 20sten, wo nochmals einige Schüsse herein kamen, ward täglich klärer, die Belagerer seyen weder stark genug, um rasch zu erstürmen, noch gerüstet zu langsamer Eroberung. Die nächsten Tage schlichen träge dahin und als herrsche keine Gefahr vor den Mauern; denn nicht einmahl der verkehr mit den sich rettenden Vorstädtern ward unterbrochen. Am 23sten zog der Feind, schwerlich, weil ihn das Herannahen fremder Hülfsvölker (viele meinten es) schreckte, sondern des fruchtlosen Versuchs müde, von der Stadt ab.

Er hatte gedroht, bald und nachdrücklicher wiederzukommen; beyde hielt er. Am 6ten und 7ten December erschien er abermals unter dem französischen Feldherrn Vandamme, besser versehen mit Geschütz und in größere Anzahl, (man schätzte sie, wiewohl nicht übereinstimmend, auf sechs tausend Mann Fußvolk) und begrüßte den 10ten aus Schanzen in der Gegend des neuen Begräbnisses den westlichen Theil des Stadt. Viel litten jetzt schon und in den fünf folgenden Tagen (denn angebothene Unterhandlung ward verworfen) die Antonien-Nicolai- und reußische Gasse, mehr noch die Vorstädte. Jeden Abend brannten, durch unser eigenes Geschoß entzündet, hohe Gebäude und niedre Hütten, meist Sitze regen Fleißes und friedlichen Wohlstandes, und die unglücklichen Einwohner, gedrängt von Freund und Feind, erfuhren zwiefach des Krieges Elend. Des Heiligen ward so wenig verschont, wie des Gemeinen, und das Unentbehrliche verwüstet. Am 13ten Nachmittags ging die Kirche zu eilf tausend Jungfrauen in Flammen auf, und am 14ten röthete die hochlodernde Gluth der Holzflöße vor dem Ohlauer Thore, ungewiß, wie, von wem und weshalb entzündet, die südliche Himmelsgegend. Der Feind indeß versuchte den 11ten und seitdem öfters, zumal im Dunkel des Abends und im Nebel des Morgens, jetzt anderswo, Ueberraschung oder Gewalt, und lärmender Trommelschlag rief die ganze Besatzung wiederholt zum Schutze des Walles auf.

Den falschen Angriffen und dem wiederholten Beschießen folgte den 15ten um Mittag Ruhe und den 16ten Morgens lebhafte Freude über vermeinten Abzug, beyde von kurzer Dauer. Die letztere, kaum geboren, vereitelte ein mißlungener Ausfall, und die erstere ein heftiges Feuern, das Mittags anhub und bis zur siebenten Stunde des Abends dauerte. In der Stadt entstand Brand in der Gegend der sieben Rade-Mühle. Zum Glück blieb es unerwartet die Nacht hindurch ruhig und Zeit zum Löschen. Den 17ten unterhandelte man, doch vergeblich, über die Auslieferung eines französischen Offiziers, der gleich beym Anfange der Belagerung in unsere Hände gerathen war, und den 18ten über die im Kriege gefangenen und nun in Breslau lebenden Preußen. Sie erhielten Befehl sich in Lissa vor dem dort wohnenden Prinzen Hieronymus Napoleon zu stellen, und gingen dahin ab, ohne während der Belagerung zurückzukehren. In beyden Tagen fielen wiederholt Schüsse und erwachten und starben einzelne Feuer.

Die Nacht auf den 19ten war eine der schönsten December-Nächte, unvergeßlich für den Verfasser, der einen Theil derselben auf der Höhe der Magdalenen-Thürme verlebte. Den Himmel trübte kein Wölkchen und die Luft, mild, wie im May, ruhte. Unter ihm lag, erleuchtet, die ganze Stadt, seitwärts brannten die sieben Hufen, deren Tiefe des Feindes furchtbarste Schanze verbarg, hinter ihm die Häuser um Mauritius und den Barmherzigen, vor ihn ein oder etliche Gebäude über dem neuen Begräbniß, weiter hinaus die feindlichen Wachtfeuer längs der alten Oder, in deren klaren Fläche sich einzelne spiegelten. Von da herüber erscholl, trotz der Entfernung vernehmlich, der Anruf der Scheidenden Lebewohl, und rings von den Wällen der Donner des Geschützes, der fast ununterbrochen furchtbar rollte und, lange nachtönend, verhallte. Das Ganze beleuchtete von oben herab der ruhige Mond, und von unter herauf eine von Zeit zu Zeit aufflackernde Leucht- und Feuer-Kugel. Solche Scenen waren es unstreitig, die Rembrandten den Stoff zu seinen magischen Schöpfungen liehen und Kanten zum Begriff des Erhabenen leiteten.

Von nun an beruhigte uns, vier Tage hinter einander, den 19ten früh von fünf bis neun, den 20sten Nachts von zwey einige Stunden, den 21sten Abends von neun bis fünf Uhr Morgens und den 22sten von neun Abends bis ein Uhr Morgens, das heftigste Feuer aus Mörsern und Kanonen von den Schanzen vor dem Ober- Nicolai- und Schweidnitzer-Thore. Ungemein viel litten, außer den schon genannten Straßen, die Oder- und Herren-Gasse, die Westseite des Marktes, der Salzring, und unter den öffentlichen Gebäuden die Kirche und Schule zu Elisabeth, die Barbara-Kirche, die Börse, das Kloster der Elisabethinerinnen und andere. Nicht bloß die Giebel der Wohnungen stürzten zusammen; mehrere Häuser wurden gänzlich unbewohnbar, einige, wie unter andern in der Nacht auf den 22sten die schöne Stube, halb von den Flammen verzehrt. Die verscheuchten Einwohner flüchteten in dunkle Gewölbe und dumpfe Keller, oft ohne hier die nöthige Sicherheit zu finden. Ueberall herrschte Gefahr und Schrecken. Zärtliche Personen mußten den gewohnten Bequemlichkeiten entsagen und abgehärtete den ersten Bedürfnissen. Einen eigenthümlichen Anblick gewährte die Bartholomäus-Kirche unter der Kreuz-Kirche. in diesem festen Zufluchtsorte hatten sich eine Menge Einwohner vom hintern Dohm, viel vom Dohm selbst und mehrere aus der Stadt gerettet. Da haufte und lebte der Priester neben dem Laien, der Vornehme neben dem Geringen, der Reiche neben dem Armen, der Gesunde neben dem Kranken, der Gebildete neben dem Rohen. Noth reißt jede Scheidewand nieder und führt zur wirklichen Gleichheit. Betten standen an Betten, eine Sakristey war die gemeinsame Küche und die Sorge für dem Leib die einzige, die hier obwaltete. Hogarth hätte in diesem bunten Gemische des Lebens, wie auf dem Stadthause, in dessen weiten Sälen und Kammern an dreyhundert Menschen die Nacht verlebten, und in den Gewölben des Schweidnitzer Kellers einen unerschöpflichen Stoff zu Gemählden gefunden. Dennoch übte selbst in diesen Tagen des Unglücks die Liebe ihre gewohnte Herrschaft. Ein gebildeter Schlesier, der lange auf Ceylon gelebt und die Linie mehrmals durchschifft hatte, ließ sich unter dem Donner der Kanonen seine Erwählte antrauen und schuf den Keller zur Brautkammer um.

Während der Feind durch Beängstigung der Stadt sich seinem Ziele zu nähern strebte, vergaß er der Gewalt-Mittel nicht. Am Morgen des 23sten unternahm er eine Brücke auf Tonnen zu schlagen und oberhalb des Soldaten-Kirchhofs auf die Vorwerke des Walls zu gelangen. Das Gefecht ward hier von fünf bis acht Uhr ungemein lebhaft. Angriff reihte sich an Angriff, Schuß lief auf Schuß. Endlich fühlte der Feind, der Kampf sey zu ungleich und stand davon ab. Ein französischer Genie-Offizier ward im Wallgraben gefangen.

Nach vielfachem Feuer aus großem und kleinem Gewehr und manchem auflodernden und wieder gelöschten Brande, wie unter andern im Kranken-Hospital auf dem Burgselfe und in der Elisabeth-Bibliothek, deren um den Auftritt stehende Bücher von einer einfallenden Granate zerschmettert wurden, ging der 23ste und 24ste December vorüber. Dem letzten folgte eine ängstliche Nacht. Der Sturm raste bis gegen Morgen. Die ganze Natur war in Empörung und schien zeigen zu wollen, daß sie auch der gigantischen Kräfte der Kunst und alles Menschwerks spotte. Kaum gewahrte man des Kanonen-Halls, der sich zuweilen dumpf in der Winde Sausen und Toben mengte. Jedes Ohr lauscht bang auf das Feuerzeichen vom Thurme. Aber die Vorsehung (das zweifelnde Herz ergreift sie gläubig in solchen Augenblicken) bewies sich mächtig und gütig zugleich. Alles ging ruhig vorüber. Der Sturm selbst wirkte kräftig der Kraft entgegen.

Der erste und zweyte Christtag flossen, wie der Vorabend für die Kinder ohne Freude, so für die Erwachsenen (die Kirchen waren seit dem vierten Advent-Sonntage geschlossen) ohne Klang und Gesang, Predigt und Anrede hin. Unterhandlungsgesandten vom Feinde kamen und gingen, trugen auf Uebergabe der Stadt an, meinend, das Unglück habe die Gemüther gebeugt, und berichteten, der Fürst von Pleß, auf dessen helfende Ankunft gerechnet ward, sey den 24sten bey Strehlen geschlagen. Viele angesehene Bürger unterstützten das Ansuchen, andere (denn Eintracht findet in Lagen der Art selten oder nie statt) sprachen für die Verwerfung der angebothenen Bedingungen, die Vorsteher der Collegien überließen alles, was billig, der obersten Kriegsbehörde, sich begnügend, auf den erlittenen Verlust hinzuweisen. Im Kammerhause war eine große Menschenmasse versammelt, viel Geräusch, noch mehr Erwartung. Um eilf Uhr hörte man, von Ergebung sey nicht mehr die Rede, man wolle aushalten, dulden, harren. Die Officiere der Besatzung ließen den König, die Befehlshaber der Stadt die Bürgerschaft leben. Alles waffnete sich von neuem, der Krieger zum Kampf, der Nicht-Krieger zur Geduld.

Verschont war bis jetzt noch die Süd- und Ost-Seite der Stadt. Nun nach verweigerter Uebergabe dachte der Feind darauf, auch diese Gegenden, den Rettungsort vieler anderwärts nicht mehr Sichern, zu zerstören und legte den 27sten und 28sten neue Laufgräben in der Nähe der sogenannten Sauerecke an. Seine Absicht gelang ihm um so mehr, weil die verschonten Häuser jener Gegend keine freye Schußlinie verstatteten. Den 29sten von sieben bis zehn und von eins bis vier und abermahls von neun bis Mitternacht dauerte, fast unausgesetzt, das Beschießen der Stadt und vermehrte das Elend ihrer Bewohner. Die ohlauische und die mit ihr gleichlaufenden Gassen lagen dem Geschütz preisgegeben, und die Magdalenen-Kirche und Schule nebst dem Kammerhause und andern öffentlichen Gebäuden wurden heftig beschädigt, der Gasthof zum blauen Hirsch entzündet. Auch den 30sten von acht früh bis um drey Nachmittags rastete der Feind und seine verwüstenden Werkzeuge nicht. Eines von den gothische Gewölben der Magdalenen-Kirche, die Heugelsche Capelle, ward von zwey sich folgenden Bomben durchbrochen und allenthalben die Scene des Jammers erneuert. In diesen Leiden fiel etwa um eilf Uhr Mittags ein Strahl von Hoffnung. Man wollte von den Thürmen herunter dumpfen Canonen-Donner vernommen haben, sah Dürgan brennen und rechnete auf Entsatz. Die Hoffnung zerrann, wie eine frühere, welche (d. 21.) ein in Hundsfeld aufsteigendes Feuer und andere Vorzeichen erregt hatten. Abends brannte die Lederfabrik im Bürgerwerder, durch eine feindliche Granate entflammt. Die Nacht hindurch spielten die Canonen, vorzüglich das Wurfgeschütz, von unsern Wällen gegen die Werke der Feinde, welche indeß dieses Feuer nur sparsam erwiederten.

Der letzte Tag des Jahres floß, wenn nicht ungestört, doch ruhig im Ganzen, dahin, nicht also das Jahr selbst. Zwischen zehn und zwölf Uhr brach, unentschieden, wie und wodurch, in dem Hinterhause des Siegellack-Verfertigers Schneider ein heftiges Feuer aus, dessen Gewalt der wüthende Sturm vermehrte. Die Funken sprühten nicht, sondern wogten ganz eigentlich stromartig um die Kirche von Magdalene und erhellten den weiten Kirchhof. Nie bewährten sich Breslau's Feuer-Anstalten, nie der Muth und Eifer seiner Bewohner mehr, als in dieser Nacht. Man fürchtete den Untergang des ganzen Viertels, und nichts ging verloren, als ein Haus. Mit Schrecken hatte das alte Jahr geendigt, mit Schrecken begann das neue. Von Mitternacht bis gegen fünf Uhr des Morgens ergoß sich ein fortdauernder Kugel- und Bomben-Regen. Noch zweymal entstand Feuer (auf dem Schlachthofe und in den Holzkrämer-Buden des Neumarkts); mehrere Menschen wurden erschlagen und die noch über der Erde gelebt hatten, flüchteten vollends unter die Erde. Erschütternd war der Eindruck dieser Nacht auf den Verfasser, und -- er glaubt es mit Sicherheit annehmen zu dürfen -- auf jedes fühlende Herz. Wenn schon der gewöhnliche Uebergang von einem Jahre ins andere jedes unverdorbene Gemüth zu feyerlichem Ernste stimmt, wie vielmehr ein Uebergang, stürmisch und gefahrvoll, wie dieser!

Den 1. Januar fielen am Tage einzelne Schüsse; den 2ten, da von unserm Walle Nachmittags Mehreres gegen die feindlichen Werke versucht worden war, folgten von halb fünf bis sechs, und wieder mit großer Gewalt von halb zwölf bis zwey und den 3ten von eins bis drey Nachmittags Bomben und drohten alles in Asche und Schutt zu begraben. Bang zitterte Jeder der einbrechenden Nacht entgegen und fürchtete schrecklichere Auftritte, als die durchlebten. Da erscholl plötzlich, von der obern Behörde ausgehend, die beruhigende Nachricht, man habe auf drey Tage einen Waffen-Stillstand geschlossen. Zum ersten Mahle nach wochenlanger Quaal warf man sich unbesorgt in die Arme des Schlafes und genoß seiner erquickenden Wohlthat.

Am Morgen des 4ten Januars gesellte sich zu dem gestrigen Gerüchte ein neues, das Gerücht von baldiger Uebergabe, willfährig geglaubt und nicht unglaublich: denn überall sprach man von Unzulänglichkeit vorhandener Lebensmittel, einreißenden Seuchen, Unmöglichkeit sich mit Sicherheit zu bergen, am meisten von Zwecklosigkeit längern Widerstandes, da der Entsatz, vom Fürsten von Pleß herangeführt, am 29. Decemb. unglücklich gekämpft habe und die Einnahme von Glogau (es war am 3. Dec. besetzt worden) dem Feinde hinlängliche Hülfsmittel zu Breslau's Zerstörung reiche. Der 6te ließ bereits keinen Zweifel mehr übrig, daß alles zwischen uns und den Belagern besprochen und verabredet sey. Schon wurden die Wälle von ihren Vertheidigern verlassen; schon erlaubte sich der gemeine Soldat, nun eigenmächtig die Bande des Gehorsams lösend, mancherley Unordnungen und behandelte sie ihm vertrauten Waffen und die königlichen Vorräthe und Kriegsgeräthschaften als verkäufliches Eigenthum; schon ertönten mehrere Gegenden der Stadt, vorzüglich das Burgfeld, vom wilden Getöse des Aufruhrs; schon fürchtete der schutzlose Bürger für die Ruhe der Nacht und wünschte, es möge der Feind seinen Einzug beschleunigen.

Am 7ten früh um sieben Uhr verkündigte der, seit Wochen nicht gehörte, Ton der Schlaguhr die Rückkehr wenn nicht der alten doch einer friedlichern Ordnung der Dinge. Die einheimische Besatzung zog noch denselben Vormittag aus und die fremde, aus Bayern und Würtembergern bestehende, ein. Jetzt erst dachte man ruhiger an die überwundene Gefahr, an die Folgen längern Widerstandes und an den erlittenen Verlust. Mehrere Straßen lagen mit Schutt und Trümmern bedeckt, das Kloster der Elisabethinerinnen, der willkommene Zufluchtsort so vieler unglücklichen Kranken, konnte mehr nicht als funfzehn fassen, über hundert und dreyßig Personen bürgerlichen Standes waren theils getödtet, theils verwundet, drey in einer zusammenstürzenden Stube verschüttet, sieben in einem einzigen Zimmer (der Verfasser selbst war zum Theil Zeuge von diesem herzzerreißenden Ereignisse) erschlagen oder beschädigt worden, zwölfmal Feuer aufgegangen, viele tausend Schüsse in und aus der Festung gefallen, die Vorstädte ringsumher niedergebrannt, ihre Einwohner der mühsam errungenen Haabe beraubt, brodlos, ohne Dach, der rauhen Witterung ausgesetzt. -- Wie leicht und flüchtig gleitet sich das Auge in den Geschichten der neuern Kriege und Eroberungen über die Wörter Einschließung, Belagerung, Beschießung hinweg! Eigene Erfahrung giebt ihnen Gehalt und Bedeutung und flößt jedem, der das Große noch zu fühlen vermag, Achtung für die unerschütterliche Beharrlichkeit ein, die so manche deutsche Stadt in rauhern, aber auch kräftigern Zeiten ihrem verehrten Fürsten bewies.


Rühmliche Züge von den königlich-baierschen Truppen.Bearbeiten

Der K. baier. Sergeant Kistler hatte dem ersten Anfall der Preussen, welche am 16. Dezbr. 1806 aus Breslau einen Ausfall wagten, mit etlichen Schützen so tapfer und einsichtsvoll begegnet, dass sie die Preussen mit Verlust des Lieutenants von Lehsten wieder eiligst unter die Festungswerke zurückziehen mussten. Von dem Kaiser Napoleon erhielt er deswegen das Kreuz der Ehrenlegion, und von dem Königs von Baiern nebst mehrern Tapfern das silberne militärische Ehrenzeichen.

Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Das Jahr 1806 und Deutschlands Souveraine zu Anfang des Jahres 1807. Uebersicht der denkwürdigsten Vorfälle seit dem Preßburger Friedens-Tractat. Mit den Bildnissen der fünf Stifter des Preußischen Kriegsheeres und einer Anzeige aller Länder der Preußischen Monarchie in chronologischer Folge. Gedruckt im Februar 1807.
  • Sammlung von Anekdoten und Charakterzügen aus den beiden merkwürdigen Kriegen in Süd- und Nord-Deutschland in den Jahren 1805, 6 und 7. Leipzig, in der Baumgärtnerschen Buchhandlung.
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