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Geschichte des Angriffs, der Blockirung und Uebergabe von Glogau.Bearbeiten

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von Carl Friedrich Benkowitz.

Der Krieg war im Beginnen. Schon wälzten sich dunkle Gerüchte von den Schauplätzen desselben daher, gleich Schneebällen, die von einem Gebirge langsam herabrollen, und entweder zerstieben, oder ein emporgethürmtes Denkmal zurücklassen. Unter diesen Gerüchten war eins außerordentlich. Lange vor dem 10ten October, schon den 3ten d. M., erscholl die allgemeine Sage, der Prinz Louis sey geblieben, und die Sage pflanzte sich ununterbrochen fort, bis endlich den 14ten jenes unglücklichen Monats die traurige Bestätigung eintraf.

Hatte die Fama eine prophetische Kraft, oder ließ die Gegenwart schon auf die Zukunft schließen? Hatte der Feind den vortheilhaftesten Angriffspunkt schon bestimmt, und sah man voraus, daß der heldenmüthige Prinz sich aufopfern würde, oder verkündigte der Zufall diesen Schlag voraus? Wer mag dies entscheiden? Genug, wir wußten den Tod des beweinten Prinzen früher, als er eintrat, und vielleicht geschah dies an mehrern Orten.

Die Scene seines Todes ward so rührend erzählt, daß jeder Fühlende bewegt ward. Auch es war das erste große Opfer, das der beginnende Krieg verschlang, ein Opfer aus dem Heldenstamm Friedrichs II. Vermochte ich doch seiner Asche ein würdiges Denkmal zu setzen!

Niemals hat den erhabenen Mann mein Auge gesehen,
Aber es weinet ihm nach. Denn von dem, der sein Angesicht schaute,
Tönt dem Entschlafenen nur die melodisch Stimme des Ruhmes.
Königlich war des Leides Gestalt, noch schöner die Seele,
Liebend und hold sein Thun, und sanft die Rede des Mundes.
Wohlthun war sein heilig Geschäft, und Milde die Wonne
Seines Herzens. Vermochte so viel erhabene Tugend
Nicht vor des Todes Pfeile zu schützen den kämpfenden Jüngling?
Nein! Es wollte fallen der Held, und er fiel in der Feldschlacht.
Als er fliehen die Seinigen sah, und siegen die Feinde,
Stürzt' er sich unaufhaltsam ins Blut, und sank, und der Staub trank
Königlich Blut, trank Blut von dem Heldenstamme des Thrones,
Auf dem Friedrich saß. Er flocht sich sterbend den Lorbeer.
Siehe, nun liegt der blutige Held entseelt vor dem Altar.
Um ihn ist die trauernde Schaar der Seinen versammelt,
Welche des Feindes gewaltiger Arm umschlang. Sie umjammern
Seinen Sarg; es fließt die Thräne der Krieger; sie küssen
Die erblichene Hand, und schneiden die blutige Locke
Von dem Haupt des entschlafenen Herrn zum bleibenden Denkmal.
Auf, erwachet ihr Künstler, und bildet die heilige Scene
Durch des Gemähldes Spiel, durch der Kunst nachahmende Schöpfung.
Siehe, so lange der Name des großen Friedrichs genannt wird,
Wird von Ludwig auch die Sage des Todes erschallen.

Lange würden ihm unsere Thränen geflossen seyn, aber die Wirbel des Unglücks, die uns so eilend trafen, rissen das Vaterland von Schmerz zu Schmerz fort, und kaum war eine Thräne getrocknet, so ward die andere ausgepreßt.

Das Gerücht erzählte: die ganze Schaar, die mit dem Prinzen war, sey aufgerieben worden, der Feind habe die Kette unsrer Armee gesprengt, und nahe sich Leipzig. Um uns über die traurige Nachricht zu trösten, verbreitete sich zugleich das Gerücht: die durchgebrochenen feindlichen Corps wären abgeschnitten, und würden zu Gefangenen gemacht werden.

Von jetzt an drängten sich die Nachrichten, daß der Feind in Sachsen eindringe. Kaufleute kehrten von der Leipziger Messe zurück, und erzählten von der Ankunft der Franzosen, von Brandschatzungen, vom Flüchten der Meßleute. Mitten unter diesen beunruhigenden Nachrichten erscholl die Sage von einem großen Siege, den die Preußen erfochten, und den zwölf Trompeter in Berlin verkündigt hätten.

Da der Sieg in der Schlacht bei Auerstädt sich anfangs auf die Seite der Preußen zu neigen schien, so ward dadurch wahrscheinlich diese Sage veranlaßt, denn die Fama ist unglaublich schnell. Virgil giebt ihr nur hundert Augen, und hundert Ohren, und hundert Zungen, aber sie hat auch hundert Flügel.

Um uns vollkommen irre zu machen, folgte bald darauf die Ahndung von einem Waffenstillstande, oder einem Frieden zwischen Frankreich und Sachsen. Das grüne Gewölbe, welches auf vielen Wagen nach Breslau gebracht werden sollte, erhielt plötzlich bei Bunzlau Order, Halt zu machen, und kehrte nach Dresden zurück. Wohin deutete dies? Es ließ zwei Erklärungen zu: einen Sieg der Preußen und Sachsen, der das Flüchten der Kostbarkeiten unnöthig machte, oder eine Uebereinkunft der Franzosen und Sachsen, wodurch sie auch in Dresden sicher waren.

Wir müheten uns, das erste zu glauben, aber die zersprengte Kette der preußischen Armee, der Durchbruch der Feinde bei Hof, Schlaitz, Gera, Zeitz, bis Naumburg, predigte uns das Gegentheil.

Mit bangen, wechselnden Erwartungen sahen wir der Zukunft entgegen, und widersprechende Gerüchte durchkreutzten sich unaufhörlich. So kam der 20ste October heran, und mit ihm begann uns ein entscheidendes Licht zu leichten. Wir fanden in der Berliner Zeitung gleich im Anfang die Worte:

Berlin den 18ten October.

"Laut vorläufig eingegangenen Nachrichten hat die Armee des Königs am 14ten dieses bei Auerstädt eine Schlacht verloren; die nähern Umstände sind noch nicht bekannt, doch weiß man, daß Seine Majestät der König, und dessen Brüder, Königliche Hoheiten, am Leben und nicht verwundet sind."

Es ist unglaublich, was diese wenigen Worte für einen Eindruck machten. Alles ward bestürzt, in Alles Angesicht las man Erschrockenheit. Man wollte zweifeln, man hätte gezweifelt, aber man mühete sich umsonst, Gründe des Zweifels zu erfinden. Keiner andern Zeitung wäre diese Nachricht geglaubt worden; aber es war die Berliner Zeitung, welche sprach.

Daß die Schlacht ganz unbedingt als verloren angegeben war, daß wir von unserm König nichts wußten, als er sey am Leben und unverwundet, dies hatte etwas Fürchterliches, und schlug unsern Muth tief nieder.

Nicht lange, so liefen Privatnachrichten über die Schlacht aus Berlin ein, und sie lauteten schrecklich. Zwanzigtausend Preußen, hieß es, wären auf dem Schlachtfelde geblieben, eben so viel gefangen genommen, und den Rest der Armee habe der General-Feld-Marschall von Möllendorf gesammelt, um ihn nach Erfurt zu führen. Das meiste sey zerstreut.

Diese Nachrichten waren erschütternd und betäubend.

Wer Freunde oder Anverwandte in der Armee hatte, dem spiegelte die Einbildungskraft in traurigen Bildern vor, wie sie unter der ungeheuren Anzahl verwundet, erstarrt und hülflos liegen geblieben, und vielleicht langsam verschmachtet wären, vielleicht verstümmelt und ohne Pflege auf den kalten Steinen in den Kirchen lägen.

Wie quälend war dies! wie zerrissen diese Gedanken das Herz des Fühlenden! Wie viel zahllose Thränen wurden in dieser Zeit von den Vätern, den Müttern, den Bräuten, den Brüdern, den Schwestern derer, die in der Schlacht gekämpft hatten, geweint!

Immer trauriger und trauriger lauteten die mündlichen Nachrichten, und die Tage wurden nun in unserer Vestung so wichtig, daß jeder einen eigenen Abschnitt verdient.


PanoramaGlogau X


Dienstag, den 21sten October.

An diesem Tage traf ein Befehl bei dem hiesigen Commandanten, dem General von der Marwitz, ein, die Vestung mobil zu machen, sie verpallisadiren zu lassen, und überhaupt in Vertheidigungsstand zu setzen. Um sie mit den nothwendigsten Lebensmitteln zu versorgen, erhielt er eine Anweisung auf 10000 Thlr.

Glogau ist eine Stadt, die bei einem nur geringen Umfange eine Anzahl von 10- bis 11000 Einwohnern hat. Sie ist also zu jeder Zeit belebt, und die Straßen sind etwa in dem Grade mit Menschen bedeckt, wie die volkreichsten Straßen in der Friedrichsstadt zu Berlin.

Das Leben auf den Straßen vermehrte sich von jetzt an mit jedem Tage, und schon heute wurden Bauern aus den umliegenden Dörfern aufgeboten, um in den Vestungswerken zu arbeiten, und die Artilleristen setzten ihre Geschäfte mit verdoppeltem Eifer fort.

Mittwoch, den 22sten October.

Wir hatten heute das seltsame Schauspiel, daß nicht allein die Aufgebotenen in den Werken arbeiteten, sondern auch Freiwillige. Unter diesen sah man Bürger, Juden, die Schüler aus dem Jesuiter-Collegio, und selber Officianten. Wie leicht war dies Opfer! Wie gern würde man sich die Hände blutig arbeiten, wenn dadurch das Wohl des Vaterlandes gewinnen könnte!

Die Arbeit der Freiwilligen und Aufgebotenen bestand jetzt in nichts anderm, als Gräben zum Einsetzen der Pallisaden in den Werken zu machen. Besonders geschah dies auf der Fußbank hinter dem Glacis. Hier sollten Pallisaden um die ganze Vestung gepflanzt werden.

Außer diesen Arbeiten ward eine Menge Mehl in Tonnen ins Jesuiter-Collegium gebracht, und die Soldaten erhielten scharfe Patronen. Nur acht Tage waren erst seit der Schlacht bei Auerstädt, zwölf Tage erst seit dem Beginnen des Krieges verflossen, und schon mußten wir in dem entfernten Glogau die Vorboten davon empfinden?

Donnerstag den 23sten October.

Ehe ich in meiner Erzählung fortfahre, muß ich eine kurze Beschreibung von Glogau voranschickten, um mich verständlicher zu machen.

Diese Stadt gehört zu denen von mittlerer Größe, und hat, wie schon gesagt wurde, 10- bis 11000 Einwohner. Sie ist freundlich gebaut, und hat meistens massive Häuser. Der Ring oder der Marktplatz ist der schönste und geräumigste Theil von Glogau.

Es besteht eigentlich aus zwey Städten: aus der Stadt selbst, und dem Dom. Zwischen der Stadt und dem Dom fließt unweit der Stadtmauer die Oder, über welche eine lange Brücke führt, und beide Städte mit einander verbindet. Es sind hier drey Thore: gegen Osten das breslausche, gegen Westen das preußische, und gegen Norden das Oberthor. Aus dem breslauschen Thor führen die Straßen über Lüben, Parchwitz, Neumarkt nach Breslau. Ferner nach Liegnitz, Jauer, Schweidnitz, so wie nach Bunzlau, Haynau, Löwenberg, Goldberg. Aus dem preußischen Thor fährt man über Beuthen, Grünberg, Crossen und Frankfurt nach Berlin. Außerdem nach Neustädtel, Sprottau, Sagan an die sächsische Gränze. Das Oberthor führt nach Südpreußen, so wie über Fraustadt und Lissa nach Posen, so wie über Rawirz und Zduni nach Kalisch.

Die beiden größten Gebäude in der Stadt sind das Königliche Schloß, und das Jesuiter-Collegium. In dem Schloß, das an der Nordseite der Stadt nach dem Dom zu liegt, sind die Zimmer für die Kammer und Oberamtsregierung; in dem Jesuiter-Collegio wohnen ohngefähr 7 Jesuiter-Professoren mit ihren Schülern. Es ist sehr massiv gebaut, und hat gewölbte Gänge und Zimmer. Nach diesen Gebäuden folgt das Commödienhaus, worin unten die Fleischbänke, in der Mitte der Redoutensaal, und oben die Bühne ist. Es liegt am Markt, und vor demselben ist der Paradeplatz.

Was Kirchen betrifft, so giebt es eine evangelische Stadt- und eine Garnison-Kirche in Glogau, aber mehrere katholische: die Pfarrkirche, die Jesuiter- Franciscaner- Dominikaner-Kirche, so wie den Dom und die Kirche des Jungfernstifts. Endlich ist auch eine reformirte Kirche vorhanden.

Außerdem sind mehrere große Magazin-Gebäude erbaut, besonders an der Ost- und Süd-Seite der Stadt, so wie auf dem Dom.

In Absicht der Befestigung würde Glogau, wenn man sechs Rang-Ordnungen von Vestungen annähme, und etwa Königsstein, Silberberg, Magdeburg, Glatz in den ersten Rang setzte, Glogau den dritten Rang einnehmen. Es ist gegen Osten und Süden vollkommen regelmäßig befestigt, gegen Norden aber und zum Theil gegen Westen von der Oder und mehreren Armen derselben gedeckt, so daß man von dieser Seite eine Menge Brücken passiren muß, ehe man in die Stadt selbst kömmt.

Außer den Werken, welche die Circumvallations-Linie der Befestigungen bilden, hat es gegen Osten eine Sternschanze, gegen Norden jenseits der Oder eine andere Schanze, die Wasser-Redoute genannt, und am Ende der Dom-Vorstadt bei der letzten Brücke noch eine kleine Brückenschanze. Kanonen, Bomben, Kugeln, so wie Pulver, sind hinlänglich vorhanden.

Nach dieser kleinen Beschreibung wird man das, was in dem Lauf der Belagerungsgeschichte von der Lage der Stadt vorkommen sollte, besser verstehen können.

Der 23ste October war sehr thätig in Glogau. Das preußische Thor, von welcher Seite man den Feind erwartete, wurde gesperrt, und gänzlich verpallisadirt, daß weder Wagen noch Fußgänger mehr herein konnten.

Schon am 22sten Oct. hatte der Landrath des Glogauschen Kreises den Befehl erhalten, 600 Arbeiter mit Schaufeln aus dem Kreise seiner Inspection zu stellen, um in den Vestungswerken zu arbeiten. Diese trafen ein, und ein großer Theil davon zog durch die Stadt, um sich in den Werken unter ihren Aufsehern zu vertheilen.

In der Stadt waren die Arbeiter eben so thätig; den ganzen Tag hindurch wurden Kanonen auf die Wälle gebracht und auf die Lavetten gelegt. Um die Annäherung irgend einer feindlichen Streifpartei bemerken zu können, wurden Pikets in einiger Entfernung von der Stadt ausgestellt, und einige Dragoner, die wir in der Stadt hatten, mußten Patrouille auf die nahen Dörfer reiten. Damit auch in der Stadt kein liederliches Gesindel sich sammeln könne, so wurde scharfe Visitation in den Häusern gehalten, unterdeß die Thore geschlossen waren, und die aufgegriffenen entweder fortgeschaft, oder zur Arbeit angestellt wurden.

Die Eile, mit welcher man die Vestung in Vertheidigungsstand zu setzen suchte, war so groß, daß die Arbeit in den Schanzen auch in der Nacht vom 23sten bis zum 24sten Oct. fortgesetzt wurde.

Freitag, den 24sten October.

Heute begannen sich Spuren zu zeigen, daß die Landleute sich nicht mehr sicher in ihren Dörfern hielten. Eine große Menge Betten, Kasten mit Kleidungsstücken, und anderes Geräthe wurden auf Wagen in die Stadt gebracht. Wer keine Wagen hatte, trug seine Habseligkeiten herein, und suchte sie unterzubringen. Bei der Verschließung des preußischen Thores wurde das Gedränge am breslauer Thor äußerst stark, und der Weg war oft gesperrt. Durch zu große Eile wurde Verzögerung bewirkt.

Uebrigens kreuzten sich jetzt die Estaffetten von allen Seiten, und unaufhörlich bei Tag und Nacht kamen welche an. Ihr Blasen nahm einen traurigen Ton an, weil sie gewöhnlich nur traurige Nachrichten brachten.

Sonnabend, den 25sten October.

Wir hatten heute einen sehr traurigen Anblick. Die Graben unserer Vestung sind trocken, und in dem Hauptgraben sind unter den Brücken vor dem breslauer und preußischen Thore einige bedeutend große Gärten angelegt, so daß man, wenn man über die Brücken kömmt, an beiden Seiten 20 bis 25 Fuß tief in einen Garten hinunterschaut. Die Bäume und Hecken derselben erhoben sich mit ihren Zweigen bis an die Brücke, und das Ganze gewährte einen freundlichen Anblick. Die schönen Fruchtbäume und Hecken wurden heute angehauen, und sanken vor den Augen einer großen Menge Zuschauer nieder. Es war ein sehr trauriges Schauspiel. Was mindestens ein Vierteljahrhundert zum Entstehen brauchte, ward jetzt in wenigen Stunden vernichtet. Zugleich drängte sich das Vorgefühl der immer näher kommenden Gefahr auf, weil solche Aufopferungen gemacht wurden, und man erblickte kein einziges fröhliches Gesicht.

Man beklagte die schönen Obstbäume, und die allgemeine Stimme war, daß das Umhauen derselben, da es in wenigen Stunden geschehen war, noch hätte verschoben werden können. Und welcher Nutzen erwuchs der Vestung daraus? Im Hauptgraben konnte der Feind keine Batterie anlegen, und wenn er einmal hier war, so ließ sich von den Bäumen weder viel Nachtheil noch Vortheil erwarten.

Am 23sten October ward der Befehl zur Pallisadirung der Vestung erlassen, und heute wurden die ersten Pallisaden angefahren. Eine Anzahl von 38000 Stück gewöhnlicher Pallisaden, 10 rheinländische Fuß lang, und 10 Zoll stark, so wie 7400 Stück Tambour-Pallisaden, 15 rheinländische Fuß lang, und 12 Zoll stark, war dazu erforderlich; zur Anfahrung derselben aber bedurfte es 5000 vierspännige Fuhren, die aus den nächsten Kreisen geleistet wurden. Der Wald des Fürsten von Carolath und der Stadtforst wurden bestimmt, die Stämme dazu zu liefern.

Abends um halb 8 Uhr traf eine Estaffette vom König aus Küstrin ein, welche die Nachricht an die Kammer brachte, daß der General-Lieutenant von Reinhart zum Vice-Gouverneur des Regiments von Zastrow in Glogau einrücken würde, und daß alle Vorkehrungen getroffen werden sollten, die Vestung gegen einen feindlichen Angriff zu sichern.

Das Einrücken von Truppen in Glogau war vorzüglich nothwendig, denn es befand sich in dieser Vestung nichts, als das dritte Bataillon des Regiments vacant von Grevenitz, und das dritte Bataillon des Regiments von Tschepe aus Fraustadt, nebst einer Invaliden-Compagnie aus Neustädtel.

Sonntag, den 26sten October.

Ohngeachtet des Feyertages wurden die Arbeiten in den Werken fortgesetzt, und eine Menge Pallisaden aufgerichtet. Auch sah man eine Menge derselben aus den Forsten anfahren, die zwischen den Werken abgeladen wurden. Die Artilleristen setzten ebenfalls ihre Geschäfte fort, und der Sonntag ließ sich nicht mehr von dem Wochentage unterscheiden.

Da die Anzahl der Zimmerleute in Glogau nicht hinreichte, um die nothwendigen Arbeiten an der Vestung zu bestreiten, so waren die Zimmerleute aus den nächsten Städten und Kreisen von der Kammer auf Anregung des Commandanten requirirt worden. Diese erschienen nun, und der Ingenieur de Place, der Hauptmann Moritz, wies sie zu ihren Geschäften an. Sie hatten besonders die in den Wäldern noch nicht zugespitzten Pallisaden zu bearbeiten, die Flügel zu den neu angebrachten Thoren zwischen den Wällen zu verfertigen, und zuletzt auch die Brücken abzureißen.

Zu Verpallisadirung und Armirung der Vestung war eine Summe von 6000 Thlr. angewiesen worden, über welche das Gouvernement disponirte.

Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, den 27sten, 28sten, 29sten und 30sten October.

So nothwendig es war, die Vestung eilend in Vertheidigungsstand zu setzen, eben so sehr bedurfte es der eilenden Verproviantirung derselben, und bereits unterm 21sten October waren von dem in Schlesien dirigirenden Staatsminister, Grafen v. Hoym, die nöthigen Verfügungen zu diesem Behuf an das Gouvernement und an die Kammer erlassen, auch eine Summe von 10000 Thl. dazu angewiesen worden.

Die Landräthe hatten also zu Herbeischaffung der Bedürfnisse die nöthigen Befehle erhalten, und die Lieferungen begannen nun von allen Seiten einzutreffen. Da eine bedeutende Menge Lebensmittel und Fourage dazu gehört, um eine Vestung, wie Glogau, zu verproviantiren, so war das Gedränge in den Thoren von Menschen, Wagen und Pferden unbeschreiblich. Ich hatte Gelegenheit, in meiner Wohnung, welche dicht am breslauschen Thore liegt, alles genau zu beobachten, und der Anblick hatte nichts Erfreuliches; im Gegentheil war er oft empörend. Die Bauern und Knechte, welche die Lieferungen brachten, wurden von der Wache und andern Aufsehern auf das ärgste gemißhandelt, und das traf den Schuldigen und Unschuldigen. Wenn eine Stockung entstand, so wurde auf Menschen und Pferde so unbarmherzig zugeschlagen, daß ich oft vom Fenster zurücktreten mußte, um nicht Zeuge von den Grausamkeiten zu seyn. Eine sorgsamere und weisere Leitung der Wagen hätte alle diese Mißhandlungen unnöthig gemacht; denn durch Stockschläge, durch Stöße und Verwünschungen, wird keine Verwickelung von Wagen und Pferden gehoben. Im Gegentheil geriethen die Bauern und Knechte in eine solche Angst, daß sie weniger noch sich zu helfen wußten.

Die Stimmung der Menschen übrigens in Glogau war Niedergeschlagenheit. Die frühern Nachrichten von der Armee, die drohenden Anstalten, und die Ungewißheit über unser künftiges Schicksal, machten auch den Fröhlichen traurig. In wenig Tagen war eine große Menge Veränderungen in den Meinungen vorgegangen, und diese begann sich allmählig immer lauter zu äußern.

Es ist so leicht, Krieg zu wünschen, wenn man selbst nichts dabey wagt, wenn man das entfernte Schauspiel der Schlachten und der wichtigen Staatsereignisse genießen, oder einen Privathaß gegen eine fremde Macht befriedigen will. Aber wie ändern sich die Wünsche, wie ändert sich die Sprache, wenn die Gefahr näher kömmt, wenn wir selbst an dem Theil nehmen sollen, was wir so laut begehrten! Diejenigen, die den Anfang der Feindseligkeiten gar nicht abwarten konnten, die, welche zitterten, daß der Friede noch vor dem Beginn der Schlachten zu Stande kommen möchte, die recht nach Blutvergießen dursteten, diese wollten von dem eignen Blut auch nicht einen Tropfen hergeben, geriethen bei weitem in die größte Angst, als sie nur einen Theil von dem erfahren sollten, was sie Millionen andern gewünscht hatten, und lernten nun plötzlich ein Wort aussprechen, das ihnen vorher ein Greuel gewesen war, das Wort: Friede.

Das ist sehr kleinlich! Aber es giebt viel Kleinliches in der Welt, und es äußerte sich noch auf mancherley Art. Die Schimpfreden gegen feindliche Mächte verstummten, man begann von großen Talenten zu reden, von edlen Zügen zu erzählen, man begann zu äußern, daß doch wohl -- Genug!

Diese Schaamröthe kann meine Wange nicht bedecken, und über die Inconsequenz anderer bin ich nicht zum Richter gesetzt. Nur die Wahrheit kann nicht oft genug wiederholt werden, daß durch Schimpfen, Schmähen, Herabwürdigen des Feindes, Trotzen auf zukünftige Siege und dergleichen Ausbrüche der Leidenschaft, keine Vaterlandsliebe an den Tag gelegt wird, sondern daß blinde Wuth in seinen Folgen dem Vaterlandshaß ähnlich ist, wovon wir leider die schrecklichen Beweise vor Augen haben.

Muß Napoleon erst vor den Thoren seyn, ehe man seine Größe anerkennt? Wußte man nicht schon, als Er in Paris Anstalten zu den Siegesfesten machte, daß noch nie ein einsichtsvollerer und größerer Feldherr gelebt hat, als Er? Mußte Er erst die neue für uns so schreckliche Probe davon ablegen?

Es scheint Generale in der preußischen Armee gegeben zu haben, welche den Wahn hatten, als sey mit der Taktik des siebenjährigen Krieges noch jetzt, und zwar gegen Napoleon, auszureichen. Es scheint Obristen gegeben zu haben, welche glaubten, man könne schon Krieg führen, wenn man ein Regiment einen halben Tag unter mancherley pedantischen Uebungen auf dem Exerzierplatz herumzuhetzen, und eine alte Lection aufsagen zu lassen verstände. Es gab Hauptleute, welche es für etwas Wesentliches im Dienst hielten, ihre Soldaten in den Mauern der Stadt einzusperren, ihre Freiheit auf das möglichste zu beschränken, durch Gassenlaufen und Stockprügel sie in Ordnung zu erhalten, kurz, sie im Frieden so zu behandeln, daß sie vollkommen unbrauchbar im Kriege werden mußten.

Wenn dies keine leeren Behauptungen sind, wenn es dergleichen Befehlshaber in der Armee gab, sollte sich dadurch nicht etwas von dem schrecklichen Räthsel lösen, das uns aufgegeben worden ist?

In diesen Tagen liefen die Nachrichten ein, daß die Baiern durch Sachsen gegen Schlesien vorrückten. Man beschrieb sie ungestümer und drückender in ihren Forderungen, als die Franzosen, und dies war kein Trost für uns. Die Franzosen, hieß es, wären in Frankfurt. Von unserer Armee erhielten wir dagegen gar keine Nachricht; dies war für den, der Anverwandte und Freunde dabei hatte, äußerst quälend. Die Ungewißheit ist das Fürchterlichste, weil ihre Leiden kein Ziel haben, weil der Fürchtende das Schrecklichste immer noch erwarten muß, weil Hoffnung immer zurückkehrt, und also keine Fassung über das Unglück statt findet.

Ich schrieb nach Berlin, um Nachrichten zu erhalten, aber die Briefe kamen zurück; die Communication zwischen Schlesien und der Hauptstadt war aufgehoben. Eben so blieben die Zeitungen aus, und wir waren nun von der übrigen Welt beinahe schon abgeschnitten. Man wünschte, es ganz zu seyn, man wünschte, sich in einem Winkel der Erde verbergen zu können, wo man nichts mehr sähe, nichts mehr hörte, nicht mehr von den traurigen Gerüchten gepeiniget würde.

Freitag, den 31sten October.

Es begannen sich Nachrichten zu verbreiten, daß die Franzosen in den Oertern zwey Meilen von Glogau schon angekündigt würden; die Baiern aber, sagte man, hätten in Dresden Ordre bekommen, Halt zu machen. Ueberhaupt wurde viel von einem Waffenstillstande gesprochen, und dieser war den Wünschen Aller, mit sehr wenigen Ausnahmen, gemäß; denn dadurch allein, schien es, könnten die reißenden Fortschritten des Feindes aufgehalten werden.

Es kamen heute Artilleristen aus Breslau zu Wagen hier an, weil Glogau lange nicht hinlänglich damit versehen war.

Statt der 600 Bauern, die bis jetzt in den Werken gearbeitet hatten, wurden von dem angekommenen Gouverneur von Reinhart 1000 Arbeiter verlangt, und diese beschäftigten sich vorzüglich mit Pflanzung der Pallisaden.

Wir erfuhren, daß die Brücke über der Oder in Frankfurt abgebrochen wäre, und in unserer Gegend wurden die Oderkähne auf die rechte Seite des Flusses geführt, die Prahme versenkt, und die Brücken über die kleinern Flüsse abgebrochen, um das Vordringen des Feindes aufzuhalten.

Sonnabend, d. 1. November 1806.

Es kam jetzt ein ungeheurer Vorrath von Heu, Stroh und Getreide an, womit die Kirchen und Klöster angefüllt wurden. Das Getümmel in der Stadt, das Gedränge in den Straßen, besonders an den Thoren und in der Gegend der Magazine, war unbeschreiblich. Die Stimme und das Geräusch des Krieges erscholl, ehe er noch auf unsern Fluren erschienen war.

Auch begannen sich die Spuren von der schrecklichen Schlacht bei Jena und Auerstädt noch auf andere Art zu zeigen. Eine Menge Flüchtlinge, einzeln und truppweise, kamen von der großen Armee an. Sie waren zum Theil blessirt, zum Theil gesund, mit und ohne Waffen. Einige hatten Gewehr und Tornister, andere beides nicht.

Wie wenn ein fürchterlicher Orcan unter eine Heerde fährt, ihr den Hirten und die schützenden Hunde raubt, und sie unter Donnerschlägen und Blitzen aus einander scheucht, wie dann die unglücklichen Thiere hülflos in den Gefilden herumirren, und den Hirten suchen, so waren unsere verlassenen Krieger nach dieser greulichen Schlacht.

Ich sprach mit allen, die ich erblickte, denn man kannte die Zurückkehrenden gleich. Ich durstete nach Nachrichten von der Schlacht, von den Gebliebenen, von dem Zustande der Armee. Aber dieser Durst ward nicht gestillt. Was ich erfuhr, war wenig, und mit Dunkel umhüllt. Was konnten Menschen, die keine Uebersicht von dem Ganzen hatten, für Aufklärung geben? Nur ihr eigenes Schicksal konnten sie erzählen; wenn sie ins Feuer kamen, wie lange sie darin blieben, was sie vor der Schlacht, was sie nachher erduldeten.

Viele von ihnen waren gefangen gewesen, und hatten sich selber ranzionirt. Die erzählten schreckliche Dinge von dem Hunger, den sie, eingesperrt in Kirchen, in Klöstern, in Ställen, hatten erdulden müssen.

Ist dies die Menschlichkeit der Franzosen? Oder konnten sie keine Menschlichkeit üben, wenn sie auch wollten? Sie hatten die Magazine der Preußen in Händen, war es nicht möglich, die Truppen mit ihrem eignen Brode zu sättigen? Das wollte ihr großer Kaiser gewiß. Sie haben sich über den Hunger und über jede Mißhandlung, die sie ihre Gefangenen erdulden ließen, vor den Augen der Welt zu rechtfertigen, und nur die Unmöglichkeit, sie anders zu behandeln, kann den Flecken der Grausamkeit von ihnen abwaschen.

O, die braven Preußen haben das Elend, das sie traf, nicht verdient. Sie haben die Schlacht verloren, sie sind zu Gefangenen gemacht, sie sind geflohen. Aber wer wagt es, mich anzutasten, wenn ich sie dennoch brav und tapfer nenne? Floß nicht das Blut der Preußen in Strömen? Dauerte nicht die Schlacht einen ganzen schrecklichen Tag? Focht nicht die Armee des Königs, nachdem sie schon umgangen war, und nach dem Verlust der Magazine von der Seite angegriffen ward? Hatte nicht schon der Mangel in ihren Eingeweiden gewütete, als sie aufs Schlachtfeld trat? Und hat sie dennoch nicht mit Löwenmuth gefochten? Lagen nicht 20000 Preußen auf dem Schlachtfelde blutend, sterbend, verstümmelt? Nicht eben so viel Feinde, nicht mehr noch? Entschied nicht Uebermacht der Zahl, nicht der unendliche Siegesblick, nicht das übermenschliche kriegerische Talent Napoleons?

Wenn alle diese Fragen sich mit Ja beantworten ließen, sollte dann nicht kühn die Behauptung aufgestellt werden können, daß die Preußen verdienten, den Sieg zu erkämpfen, ohne ihn erkämpft zu haben? Sollte man nicht hinzufügen dürfen, daß sie ihn gegen alle Völker der Erde würden erkämpft haben, nur gegen Napoleon nicht?

Die Gerechtigkeitsliebe wird erwachen, sie wird auch bei dem Feinde erwachen, denn sein eigner Ruhm heischt dies. Es ist ehrenvoller, einen tapfern, schwer zu besiegenden Feind zu überwinden, als einen feigen, unkriegerischen, bei dem ersten Angriff fliehenden. Die öffentlichen Blätter werden aufhören, nur das aufzustellen, was zur Schmach der Preußen gereichen könnte; sie werden auch das verkünden, was ihren Ruhm predigt, und der große Kaiser wird es dulden; denn was könnte Er gewinnen, wenn der preußische Muth befleckt würde, wenn daß Volk Friedrichs II. seinen Ruhm verlöre?

Der heiligen Wahrheit nur sey jedes Opfer geweiht, das die Schriftsteller der Nation jetzt aufstellen: denn sie legen es am Altar des Vaterlands nieder; und wehe dem Elenden, der sie zum Nachtheil seiner Nation verunstalten könnte!

Wir wollen das Unglück, das unser Vaterland traf, nicht verbergen, nicht bemänteln, wir wollen den unsterblichen Ruhm dessen, der an der Saale, an der Elbe und an der Ostsee der Sieger war, nicht schmälern; aber Er sey gerecht gegen das preußische Volk, gegen ihr Heer, Er vergönne uns, zu sammeln, was zu zu dessen Ruhm gereicht; Er lasse eine edle Nation, ein tapfres Heer nicht zu tief herabwürdigen, und gebiete nur der heiligen Wahrheit, zu reden. Wenn der große Kaiser sich selber kennt, so muß Er fühlen, daß die Schande nicht groß sey, von Ihm besiegt zu werden.

Wer einen Tropfen preußisches Blut in seinen Adern hat, wer auch unter den Feinden den Namen Preußen mit Achtung zu nennen gewohnt ist, der stelle es öffentlich auf, was den Preußen zum Ruhm gereicht, was das Unglück, besiegt zu seyn, mildern kann, und was ohne ihre Erniedrigung ihr schreckliches Schicksal herbeiführte. Er stelle es auf, wo er vermag; und wer es in diesen Blättern thun will, dem sollen sie offen seyn. Mit dankbarer Freude soll jede schmucklose Wahrheit, die dem unglücklichen Vaterlande Ehre bringt, jede Prüfung, aus welchen Quellen ein so schnelles Verderben über dasselbe kam, aufgenommen werden.

Das Kriegsschiff erster Größe kann, wie die kleinere Fregatte, vom wütenden Sturm auf dem Meer umhergetrieben werden, kann Schiffbruch leiden, und nur wenig an das sichere Gestade gerettet werden; und dennoch kann der Steuermann seine Pflicht gethan haben; die Schiffer können dennoch erfahrne und muthige Seefahrer seyn.

Ob dies Gleichniß ganz auf das preußische Heer paßt? Ich wage nicht, dies zu entscheiden. Noch hängt der Himmel zu dunkel über die Gefilde der Schlacht hinab, um hell hindurch zu schauen; aber das wenigstens kann als heilige Wahrheit aufgestellt werden, daß unser Monarch mit dem höchsten Muth und unter der größten Gefahr focht, daß mehrere unserer Feldherren ihre Truppen mit Muth und Weisheit führten, und daß das tapfere preußische Heer, wenn es von einer grössern Anzahl seiner Befehlshaber gut geführt worden wäre, Wunder verrichtet haben würde.

Ich wende meinen Blick von denen ab, die in diesem wichtigen Zeitpunkte, verlassen von ihrem Kopf oder ihrem Muth, ihre Pflicht nicht thaten, und das Vaterland in diese Tiefe versinken ließen. Vielleicht wurden auch sie in dem unaufhaltsamen Strom mit fortgerissen, und die Zukunft wird ihre Thaten hell genug beleuchten. Wer gerecht ist, der wird fühlen, daß das Unglück des preußischen Heers mehr eine Folge des übermenschlichen Kriegstalents Napoleons, als der Muthlosigkeit desselben ist.

Ich kehre zu meiner Erzählung zurück.

Andere von den zurückkehrenden Preußen waren nicht gefangen gewesen, sondern hatten sich in der allgemeinen Verwirrung mit geflüchtet, waren herumgeirrt, um die Armee zu erreichen, und kamen endlich nach den Städten ihrer Garnison zurück. Alle stimmten darin überein, daß die Schlacht und das Blutvergießen bei Jena gräßlich gewesen, daß die Kartätschen und Kugeln dicht wie Schneeflocken herumgeflogen wären, und daß mehr Franzosen noch, wie Preußen, auf dem Schlachtfelde gelegen hätten *).

*) Da nur die möglichst reine Wahrheit in diese Blätter aufgenommen werden soll, und ich Andere zur unbemäntelten Darstellung derselben auffordere, so würde ich es mir nie verzeihen, wenn ich selber im geringsten davon abwiche. Jene obige Behauptung schreibe ich aus dem Munde vieler nach, die das Schlachtfeld sahen, und die keine Absicht haben konnten, die Wahrheit zu verhehlen.

Die Rückkehrenden wurden, obwohl sie von verschiedenen Regimentern waren, unter die Besatzung von Glogau aufgenommen, und dies war höchst nothwendig; denn noch lange hatte diese Vestung nicht die hinlängliche Mannschaft zu einer festen und kräftigen Vertheidigung.

Sonntag, den 2ten November.

Es kamen heute einige hundert Recruten hier an, die dem Könige nach Graudenz zugeführt werden sollten; aber leider erhielten wir zugleich die traurige Nachricht, daß dies nicht mehr möglich sey, weil die Passage schon von dem Feinde abgeschnitten wäre. Die Ausgehobenen wurden auf die nahen Dörfer vertheilt, und ich habe weiter nichts von ihnen erfahren. Sie sind wahrscheinlich, als der Feind anrückte, zu ihrem Heerde zurückgekehrt.

Montag, den 3ten November.

Heute kam die traurige Nachricht von der Capitulation des Fürsten von Hohenlohe bei Prenzlow an. Die Gemüther waren schon von den frühern Nachrichten zerrissen, und diese neue Wunde drang sehr tief ein. Der Fürst von Hohenlohe und der General von Rüchel, hieß es, wären gefangen. Wie sollte man es fassen, wie es glauben?

Die Erzählungen lauteten noch dunkel von der Begebenheit, aber das sagte man, daß das Corps des Fürsten unglaublich viel ausgestanden habe, daß es ohne Brod, ohne Fourage gewesen sey, und sich endlich durch Lähmung aller Kräfte habe ergeben müssen. Kann der Menschenfreund zürnen, daß es geschah? Nur beweinen läßt sich das Schicksal der unglücklichen, rastlos verfolgten Armee. Ein höheres Geschick scheint ihren Ruin beschlossen zu haben.

Wir trösteten uns mit der Hoffnung, daß die Uebergabe des Corps eins von den vielen sich wälzenden Gerüchten sey; aber bald verschwand auch der letzte tröstende Zweifel, denn es kamen Augenzeugen von dem Treffen an, die weit mehr erzählten, als man vernehmen wollte.

Zugleich kam die Nachricht, daß der Feind bis Wartenberg und Neusalz streife, und daß er gedroht habe, die Dörfer einzuäschern, wo man Signalstangen anzünden würde; denn dies sollte geschehen, um uns eilend vom Anrücken des Feindes Nachricht zu geben.

Die Bürger in Glogau erhielten heute Befehl, Wasser auf die Böden zu bringen, und es ließ sich überhaupt aus mehrern Anzeigen schließen, daß die Gefahr näher rücke. Die Brücke am Breslauer Thor wurde abgerissen, und die Soldaten hatten den Hauptwall stark besetzt. Diese Besetzung sah fürchterlich außerhalb der Vestung aus, denn man erblickte blos die Köpfe der Soldaten, wie sie sammt der Spitze des Gewehrs über die Brustwehr hervorragten. Der Mahler, der etwas gräßlich Pittoreskes von kriegerischen Darstellungen entwerfen wollte, müßte diese Köpfe mit Gewehrspitzen mahlen.

Um die äußerst schwache Besatzung zu vermehren, rückte heute das Bataillon von Zastrow aus Posen hier ein.

Dienstag, den 4ten November.

Einige Bauern von denen, die zu den Arbeiten in den Werken bestimmt waren, hatten heute ihre Beschäftigung auf dem Hauptwall, wo sie das Abschüssige der Brustwehr abstachen, damit die Soldaten näher herantreten, und bequemer darüber hinweg feuern könnten.

Es liefen unaufhörlich Nachrichten ein, daß kleine Streifkorps in den Städten umher brandschatzten: in Neusalz, Neustädel, Grünberg, Wartenberg u. s. w. Sie näherten sich also schon der Vestung bis auf einige Meilen. Auch konnte nun keine Nachricht mehr eingezogen werden, ob eine Armee vorrückte, und wie stark sie sey.

Mittwoch, den 5. November.

Um etwas zu erfahren, und um die Streifkorps zu recognosciren und anzugreifen, wurden heute Patrouillen von der wenigen Mannschaft, die wir an Reutern und Husaren hatten, abgeschickt; sie trafen keinen Feind, wohl aber ein liederliches Gesindel, das die kriegerischen Umstände benutzte, um auf dem Lande zu rauben und zu plündern. Von diesem zigeunerartigen Volk wurden Gefangene eingebracht.

Donnerstag, d. 6ten November.

Wir erhielten von dem gefangenen rückkehrenden General Pelet die Nachricht, daß der Frieden unterhandelt würde, und daß ein Parlementair mit annehmlichen Friedensbedingungen vom Kaiser zum König nach Graudenz gegangen sey. Es waren jetzt nur noch höchst wenig übrig, die den Frieden nicht wollten, und die fast allgemeine Stimmung, die jene Nachricht hervorbrachte, war Freude. Der Wunsch nach Krieg hatte sich nie so allgemein geäußert, als jetzt der Wunsch nach Frieden. In wenigen Wochen war eine Veränderung in den Meinungen vorgegangen, die Demosthenes und Cicero, und Fox mit allen Gründen gegen das Traurige, das Ungewisse und Gefährliche des Kriegs, nicht hätten hervorbringen können. Der Glaube daran mußte ihnen in die Hand gegeben werden.

Aber man bilde sich ja nicht ein, daß nun die Lust zum Kriege überhaupt in ihnen erstickt gewesen wäre. Nicht weniger! Der rechte Zeitpunkt zum Kriege war nach ihrer Meinung nur nicht getroffen. Gegen Ende des Jahrs 1805 hätte der König von Preußen ihn beginnen sollen -- dann, dann hätten sie alle ihre Feinde zum Schemel ihrer Füße gesehen!

Es giebt Menschen, die ihr Leben lassen, nicht für das Vaterland, nicht für die Ehre des Königs, nicht für die Ehre der Nation, nein, um Recht zu behalten. Wäre der Krieg noch einmal verschoben worden, wäre er gegen das Ende des Jahres 1807 ausgebrochen, und wäre sodann erfolgt, was jetzt geschah, so hätten sie laut geschrieen: der October 1806 wäre der günstige Zeitpunkt des Krieges gewesen. Sie haben ihn ja auch jetzt, noch vor wenigen Wochen, durch ihr lautes Seufzen nach dem Anfang der Feindseligkeiten dafür erklärt. Daß sie sich also in dem günstigsten Zeitpunkt zum Kriege irren können, muß ihnen ihre veränderte Meinung vor und nach dem October 1806 laut predigen.

Wäre der Krieg am Ende des Jahrs 1805 aufgelodert, und wäre sodann ein Unglück über den preußischen Staat gekommen, so hätte man wahrscheinlich mit geringem Scharfzinn einen frühern günstigern Zeitpunkt aufgefunden; denn es ist ein sehr weites Feld, das Feld der Vergangenheit, wenn man Vermuthungen macht, was unter gewissen Umständen geschehen seyn würde.

Aber diejenigen, die sich auf diesem Felde herumtummeln, mögen wenigstens einige Punkte mit etwas Kälte erwägen: daß der König höher stand, wie sie alle, um den politischen Horizont zu überschauen; daß er mit weisen Räthen umgeben war, welche die Ursachen zum Kriege und Frieden tief erwägen konnten; daß vor dem französischen Durchmarsch durch Anspach die Neutralität Preußens fast allgemein gebilligt ward; daß nach demselben, wo die französische Armee in vollem Laufe des Sieges war, die günstige Angriffszeit sich höchst schwierig finden ließ; daß die preußische Armee während der Begebenheiten in Ulm zu entfernt war, um wirken zu können; daß nach der Schlacht bei Austerlitz der Friede mit Oestreich und der Rückmarsch der Russen in einem Augenblick zu Stande kam, und Preußen allein auf dem Kampfplatz geblieben wäre; daß Napoleon nicht in einem Jahr seine Kriegskunst gelernt hat, sondern schon 1805 der größte Feldherr war; daß die Preußen dagegen in einem Jahr nicht alles verlernen konnten, und daß, wenn ihre Armee im Jahr 1806 in einem so kurzen Zeitraum beinahe gänzlich vernichtet ist, man unmöglich annehmen kann, sie würde 1805 Wunder gethan haben; daß Frankreich schon damals mit allen Kräften Europa's ausgerüstet war, und endlich eine Armee von sechszehnjähriger Kriegserfahrung hatte.

Wenn sie diese Punkte ohne Leidenschaft erwägen, so sollte man denken, es würde auch dem wüthendsten Schreier schwer werden, an einen glücklichen Krieg im Jahr 1805 zu glauben. Ueberhaupt sollten die mittelmäßigen und schlechten Köpfe bei wichtigen Staatsangelegenheiten schweigen, mindestens nicht laut schreien; denn durch das allgemeine Geschrei der Enrage's ist diesmal ein großes Unglück über den preußischen Staat gekommen, und dies wird in jedem Staat geschehen, wo ihre Stimme durchdringt.

Es ist die Frage aufgeworfen worden, was Friedrich II. unter den kritischen Umständen in Europa gethan haben? Dieser Monarch konnte nur große politische Ansichten haben, er konnte nur an einer Unbesiegbarkeit des preußischen Staats arbeiten, und sein höchstes Augenmerk, mit Beyseitsetzung aller Nebenrücksichten, mußte darauf gerichtet seyn.

Was würde er, um seinen Zweck zu erreichen, gethan haben? Ich wage, den kühnen Gedanken auszusprechen:

Friedrich II. hätte sich mit Napoleon verbunden, um mit ihm die Welt zu beherrschen, um einen ewigen Frieden mit ihm zu stiften, da beide die Abscheulichkeit des Krieges kannten und empfanden.

Ich frage jeden, den nicht Privatleidenschaft beherrscht, der nur die Größe seines Staats vor Augen hat, ob ein preußischer Patriot einen erhabnern Gedanken fassen kann?

Verbindet sich nicht der vermögende Kaufmann mit einem andern vermögenden, um in alle vier Welttheile wirken zu können?

Friedrich II. sagte einst zu Daun sehr fein: Sezzen Sie sich neben mich. Ich sehe Sie weit lieber an meiner Seite, als gegen mir über. Würde er es nicht zu Napoleon gesagt haben? Was würden wir dann seyn, und was sind wir nun?

Ich lehre von diesen großen Ansichten auf das kleine Gefilde zurück, das mir während der merkwürdigen Begebenheiten dieses Krieges angewiesen war.

Freitag, den 7ten November.

Es wurde am Morgen der Befehl ertheilt, daß alle Gewehre der Bürger aufs Rathhaus geliefert werden sollten. Wahrscheinlich fürchtete man sich, zwei bewaffnete Gewalten in der Stadt zu lassen. Die Ablieferung geschah, und sehr schöne Gewehre von der Schützengilde wurden in ein Magazin vereinigt. Uebrigens war alles sicher, und wir hatten uns schon an die häufigen Nachrichten von streifenden Partheien gewöhnt. Aber weit plötzlicher, als wir erwarteten, begann das einzutreten, was wir seit dem 20sten October von weitem daherkommen sahen.

Es war Nachmittag um drey Uhr, als ich einen Auflauf auf der Straße aus meinem Fenster bemerkte. Bald darauf kamen einige Bauern durch das Thor gesprengt, eilten zum Commandanten, und berichteten, daß Franzosen in Anmarsch wären. Die Menschen auf den Straßen begannen zu laufen, die Wagen zu jagen, und an der allgemeinen Unruhe, die entstand, bemerkte man, daß etwas Außerordentliches vorging.

Bald darauf saß ein Commando Husaren von 50 bis 60 Mann auf, und rückte eilend aus dem breslauer Thor, um die Gegend zu recognosciren. Zu ihnen gesellte sich ein kleines Commando von Gränzjägern, die kurz vorher zur bessern Vertheidigung in die Stadt eingerückt waren.

Unterdeß wurde der Auflauf immer stärker, und besonders eilten die Menschen, die nicht in die Stadt gehörten, das Thor zu erreichen, um nicht versperrt zu werden. Nicht lange, so erschien der Gouverneur von Reinhart und der Commandant von der Marwitz am breslauer Thor, und es wurden Befehle gegeben. Die Lermtrommel ward geschlagen, und nun begannen Soldaten und Artilleristen auf die Wälle zu eilen, und sich zu stellen. Alles dies geschah im Lauf.

Kaum war es geschehen, als eine Kanonade vom preußischen Thor her anfing. Die Kugeln schlugen in die Häuser ein, und pfiffen über die Stadt hinweg, die Menschen liefen in die Häuser, und es sprengten Husaren umher, um sie von den Straßen zu verjagen. Zugleich verbreitete sich die Nachricht, daß der Feind auch von der Oderseite anrücke.

Vom Anfang des Auflaufs und dem Hereinsprengen der Bauern an, bis zum Anfang der Kanonade, war kaum ein Zeitraum von einer halben Stunde verflossen. Der Angriff sah also ganz einer Ueberrumpelung ähnlich, und man begriff nicht, wie der Feind plötzlich so nahe habe anrücken können, ohne verrathen zu werden.

Der Feind war von der Abendseite gekommen, und machte seinen Angriff am preußischen Thor. Hier hatte er Kanonen hinter dem evangelischen Kirchhof, wo er von einigen Gartenhäusern, Grabmählern und großen Bäumen geschützt war, unweit dem Glacis aufgepflanzt, und beschoß die Stadt heftig. Eben so war in der Gegend des Galgens mehr nach der Nordseite zu eine Anzahl Kanonen aufgeführt, die auf die Stadt zu spielen begannen.

Niemand hatte geglaubt, daß das Beschießen der Stadt einen so schnellen Anfang nehmen würde; und wenn auch manche vorher schon an die Sicherheit ihrer Sachen gedacht hatten, so war doch das Meiste davon noch nicht geborgen. Während der Kanonade also beschäftigte sich jeder, in der größten Eile seine Mobilien und Kostbarkeiten in die Gewölbe und Keller zu schaffen.

Von den Arbeitern in den Vestungswerken waren bei der plötzlichen Sperrung der Thore über 70 eingeschlossen; diese glichen einer verscheuchten Heerde, unter welche der Wolf gefahren ist, und die nun nicht mehr zu ihrer gewohnten Hürde gelangen können.

Gegen 5 Uhr kam der Befehl, daß die Artilleristen bis auf weitere Ordre zu schießen aufhören sollten. Die Kanonen schwiegen, und ein Trompeter zeigte sich auf dem Glacis. Nicht lange nachher wurden drey Parlementairs mit verbundenen Augen durch die Stadt zum Gouverneur geführt, welche die Vestung aufforderten.

Während diese bei dem Gouverneur waren, verbreitete sich die Nachricht, daß capitulirt würde, und daß der Feind am andern Morgen einrücken werde. Diese Nachricht hatte auf keine Weise etwas Angenehmes, es erschraken vielmehr viele Menschen davor, und mir selbst war der Gedanke ein Stich, daß wir ohne Vertheidigung in die Hand des Feindes übergehen sollten.

Indessen bestätigte sich dies Gerücht nicht. Im Gegentheil wurde die Brücke vor dem breslauer Thor vollends angerissen, und die Arbeiter mit Gewalt dazu angetrieben.

Unterdeß kam die Dunkelheit des Abends heran, und es mußte Lichter in die Fenster gesetzt werden. Laternen wurden auf den Wall gebracht, und die Soldaten erhielten Befehl, die Nacht auf demselben zu bleiben. Bei diesen Anstalten, bei dieser Erwartung einer Belagerung und eines Bombardements gab es keinen schrecklichern Gedanken, als den an Feuersgefahr; denn die Stadt war mit Magazinen von Heu, Stroh, Getraide und Holz angefüllt, so wie mit brennbaren Lebensmitteln und geflüchtetem Hausgeräth. Bei einem großen Feuer hätten wir vor Glut und Dampf ersticken müssen.

Die Fortsetzung folgt.

Fortsetzung der Geschichte des Angriffs, der Blokirung und Uebergabe von Glogau.

Den 8ten November.

Daß man sich am vergangenen Abend mit ängstlichen Erwartungen niederlegte, darf dem nicht erst gesagt werden, der die Vorboten einer Belagerung kennt; denn das Erwarten irgend eines Unglücks ist meist schrecklicher, als das Unglück selbst.

Indessen blieb die Nacht alles ruhig, und man hörte nichts, als das fürchterliche Rufen der Soldaten, die auf den Wall postirt waren. In jeder Viertelstunde zog dies Geschrei um die Festung her, und da sie sich einander nahe standen, sehr lauf schrien, und das Rufen sich sodann allmählig in die Ferne verlohr, so machte es einen ganz seltsam schauerlichen Eindruck. Es schien, als schrien die bösen Geister in der Hölle, und als wollten sie ihrem Feinde durch Geschrei sich furchtbar machen. Die Belagerer mußten dies Geschrei sehr gut hören.

Morgens nach 6 Uhr fing die Kanonade von neuem an, und man sah Haubitzen fliegen, hörte Kugeln pfeifen und einschlagen. Zwei Kanoniere auf der Sebastiansbastei wurden von einer Kugel, einer am Unterleibe, und einer am obern Schenkel tödtlich verwundet. Der erste blieb auf der Stelle todt, der Andere lebte noch einige Zeit nachher.

Sachverständige werden sich wundern, daß Kanoniere auf dem Hauptwall an solchen Stellen verwundet wurden, da nur der Kopf an ihnen hätte in Gefahr seyn sollen. Aber gerade auf der Sebastiansbastei war die Brustwehr verfallen, und so niedrig, daß die Artilleristen mit darüber hinwegragten. Dies war um so gefährlicher, weil gerade von dieser Seite der Angriff geschah.

Die Kanonade dauerte diesen Morgen nicht lange. Sobald sie vorbei war, ließ ich eine wärmende Suppe von Bier und Gewürzen auf den Wall tragen, und vertheilte sie selber unter eine Anzahl von 30 bis 40 Mann. Ich fand eine gute Stimmung zur Vertheidigung unter ihnen, und suchte diese zu vermehren, indem ich ihnen die Anzahl der Feinde als klein und ungeübt vorstellte.

Man erlaube mir, diese aufscheinenden Kleinigkeiten zu erzählen, denn man wird später sehen, warum; man erlaubte mir, von mir selber zu reden, denn in einer belagerten Stadt kann nur seiner eignen Beobachtung gedenken. Ein Theil des Publikums hat mich gern auf meinen Reisen nach Italien begleitet, vielleicht begleitet er mich auch mit Theilnahme durch die Schicksale einer belagerten Stadt!

Ich begann bald anfangs eine merkwürdige Erfahrung an mir zu machen. Seit dem 20sten Oktober, wo die Nachricht von der verlohrnen Schlacht bei Auerstädt eintraf, wo die traurigen Nachrichten von unsern Niederlagen und Verlusten sich drängten, war ich sehr traurig gewesen, hatte bei dem Gedanken an das Unglück und das Elend unserer Truppen oft die Thränen nicht zurückhalten können, und war ganz in mich selbst gekehrt. Sobald die Belagerung Glogau's begann, verlohr sich meine Schwermuth. Ich ward heiter, ich ward offen, ich mischte mich mit Vergnügen unter die Vertheidiger auf dem Wall. Was mir von weitem sehr fürchterlich vorgekommen war, das hatte in der Nähe etwas Ermunterndes, etwas Angenehmes für mich.

Diese Erscheinung weiß ich mir nicht ganz zu erklären. Vielleicht ist sie in den folgenden Bemerkungen gegründet. Ich hatte mit inniger Theilnahme das Unglück der Monarchie und der Armee gesehen, zumal, da ich immer laut gegen den Krieg gewesen war; ich hatte mit meinen Empfindungen mich über das ganze Schreckliche, was in dem beginnenden Kriege geschah, verbreitet: jetzt concentrirte sich mein Gefühl plötzlich auf mich selbst, und auf den kleinen Punkt, worauf ich lebte. Ich vergaß die Gefahr des Ganzen über die eigne, und diese letzte ertrug ich gern; das Nähere verdrängte das Entferntere, und das Nähere hatte vor der Hand noch keine schreckliche Ansicht. Auch waren wir nun von der Welt abgeschnitten, und erfuhren keine neuen Nachrichten mehr. Es wurden keine neuen Wunden geschlagen, und die alten verharschten allmählig.

Diese Bemerkungen erklären vielleicht meine veränderte Stimmung. Kurz, von dem Augenblick der Belagerung an befand ich mich weit glücklicher, als vorher.

Auf dem Wall sah man eine Menge besoffener Soldaten. Viele davon lagen an der kalten, feuchten Erde, und schliefen. In dieser Jahrszeit kann dies nichts anders, als die nachtheiligsten Folgen haben. Auch entdeckten dieselben sich bald; denn, wenn die Schlafenden erwachten, so waren sie so erstarrt und betäubt, daß sie sich kaum zu besinnen vermochten, und auch den Gebrauch ihrer Glieder erst allmählig wieder erhielten. Sollte so etwas im Kriege nicht ein größerer Feind seyn, als die feindliche Armee!

Man erzählte sich heute, daß die Belagerer zum Theil auf Schiffen gekommen wären, daß sie aus Bayern und Würtembergern beständen, und die Stadt hätten überrumpeln wollen. Da man so wenig Nachricht von ihrer Annäherung hatte, so wäre dies freilich nicht unmöglich gewesen.

Die ersten Merkmahle von der Beschießung der Stadt waren eine Menge zersprungener Fenster und beschädigter Dächer. Am Marktplatze war ein Haubitze in das Haus eines Bäckers eingedrungen, hatte einen Baum vor der Thür beschädigt, war sodann durch einen Laden auf den Hausflur, und von hier durch ein Fenster seitwärts in eine kleine Stube geflogen. Hier warf sie eine Uhr vom Tisch, zerschmetterte sodann, als sie sprang, die Stubenthür, und schlug Stücke von der Decke herunter. Dies war ohngefähr die Würkung einer acht und zwanzigpfündigen Haubitze.

Eine sechspfündige Kugel hatte ein großes Stück Mauer von einem Hause am Markte heruntergeworfen, und eine andere hatte eine freistehende Vase auf dem Accisdirectionshause so künstlich getroffen, daß bloß der Kelch der Vase hinweggenommen wurde, Fuß und Deckel aber an einer eisernen Stange zusammenhängend stehen blieben, so daß nun die Vase einem japanischen Dach ähnlich sah. Der übrigen gewöhnlichen Beschädigungen waren so viel, daß sie nicht erwähnt werden können.

Man entdeckte vom Wall, daß es meistens Kavallerie sei, die sich vors erste der Stadt genähert hatte. Diese besetzte das Dorf Boustau, welches in der Entfernung einer viertel Meile von Glogau liegt. Uebrigens bemerkte man Chasseurs, die im Felde herum flankirten, und sah einige todte Menschen und Pferde liegen, die bei der Kanonade geblieben waren.

Mittags um 11 Uhr erschien ein Trompeter auf dem Glacis, und bald darauf wurden zwei Officiere mit verbundenen Augen in die Stadt geführt. Die Neugierde, sie zu sehen, war so groß, und sie wurden von einer dichten Volksmenge bis zum Hause des Gouverneurs begleitet. Hier blieben sie eine Stunde. Obwohl es erst der zweite Tag des Angriffs auf die Festung war, so foderte man doch dieselbe schon zur Uebergabe auf. Die Parlementairs kehrten mit einer abschlägigen Antwort zurück.

Unterdessen wurden den Soldaten Speisen von ihren Wirthsleuten, ihren Weibern und Geliebten auf den Wall gebracht, denn sie durften ihren Posten nicht verlassen. Zu ihrer Sicherheit arbeiteten sie selber an der Brustwehr, und machten sie höher.

Die Stadt war nun völlig blokirt, denn rings um dieselbe standen Vedetten, die sich einander abrufen konnten, und niemanden durchließen. Man schoß zuweilen von dem Hauptwall nach ihnen, aber da es schwer ist, mit einer Kanonenkugel einen einzelnen zu treffen, auch nach den angenommenen Grundsätzen der Artillerie ein Einzelner des Schusses nicht werth ist, so unterblieb dies nachher. Auch habe ich nicht bemerkt, daß je ein Einzelner getroffen worden wäre.

Gegen Abend kam die Nachricht, daß der Feind eine Batterie in der Gegend der nach Süd-Süd-Ost bei der Stadt liegenden Lohmühle anlegen wollte. Es wurden einige Leuchtkugeln hingeworfen, und sie brannten auch, aber erleuchteten die Gegend umher zu wenig, um die Arbeiten der Feinde zu entdecken. Ich hatte einen ganz andern Begriff von einer Leuchtkugel gehabt, und von der Erhellung, die sie auf einem gewissen Raum gewährt; aber vielleicht waren diese nicht so verfertigt, wie sie zu ihrer ganzen Würkung hätten verfertigt seyn sollen.

Ehe ich in meiner Erzählung fortfahre, muß ich einige Worte von der Lage meiner Wohnung sagen. Ich wohnte dicht am Breslauer Thor an der Ostseite der Stadt, zwei Treppen hoch, und hatte aus meinen Fenstern eine sehr schöne Aussicht über die Wälle hinweg tief ins Feld hinein. Ich übersah die ganze Friedrichsbastion mit der Linie vor derselben bis zum Thor, und einen beträchtlichen Theil von den Außenwerken. Stieg ich eine Treppe höher, so übersah ich mehrere Bastionen nach der Oderseite und Landseite zu, so daß ich fast eine Hälfte von den ost- und südlichen Umgebungen der Stadt beobachten konnte. Ich hatte also in meiner eignen Wohnung Gelegenheit, viele Bemerkungen über den Angriff und die Vertheidigung der Stadt zu machen; und dies war nothwendig, um die Geschichte derselben zu schreiben. Denn in einer beschossenen Stadt ist jeder nur von dem ganz sicher, was er selber beobachtet.

Ohngefähr zwanzig Schritt von meiner Wohnung zwischen dem Hauptwall und der Stadt lag ein großes Mehlmagazin, welches ich aus meinem Fenster übersah, die andere Seite der Straße aber nahm das große Jesuitercollegium ein.

Ohngefähr 350 Schritt in gerader Linie von meiner Wohnung lag außerhalb den Werken nach der Ostseite die Sternschanze, und dicht an derselben fließt die Oder. Die Lohmühle sah ich etwa 800 Schritt von mir nach der Südseite der Stadt liegen.

Ich war nun voller Erwartung, daß das Magazin würde beschossen werden, sobald die Batterien an der Lohmühle fertig wären. Geschah dies, so war meine Wohnung dem stärksten Feuer ausgesetzt, und überhaupt glaubte man, daß sie höchst gefährlich läge. Demohngeachtet verließ ich sie nicht, denn sie war zur Beobachtung äußerst anziehend.

Abends um 8 Uhr begann ein erschreckliches Schießen von den Wällen der Festung: ein fortdauerndes Kanonen und kleines Gewehrfeuer. Kaum kann in einer Schlacht der Donner der Feuerschlünde stärker seyn, denn es spielten hier vielleicht gegen 100 Kanonen, worunter viele vier und zwanzigpfünder waren. Wenig Menschen mögen einen solchen Kanonendonner gehört haben, auch wenn sie einer Schlacht beiwohnten; denn das Feldgeschütz ist bei weitem nicht von der Größe des Festungsgeschützes.

Da ich nicht wußte, was vorging, und nicht unterscheiden konnte, ob das Feuer aus der Festung von dem Feinde beantwortet wurde, mein Haus aber weit über die Wälle hervorragte, so war ich keinen Augenblick sicher, daß nicht Kanonen- und Flintenkugeln in meine Wohnung einschlugen. Ich stieg also in die unterste Etage des Hauses hinab. Auf dem Flur stand ich einen Regimentstambour, der einen andern hieher geflüchteten Tambour herausholen wollte; aber ich merkte aus seinem ganzen Betragen, daß er selber nicht Lust hatte, sich wieder ins Freie zu begeben, und nur zum Schein seine Untergebenen dazu aufforderte. Kurz, sie blieben beide zögernd aus dem Flur, und der letzte, der todtenblaß war, wandte sich sehr naiv mit den Worten zu mir: ich werde doch da jetzt nicht herausgehen!

Hätte der Tambour den Feind in die Flucht trommeln können, so würde ich ihn gedrungen haben, sich an seinen Posten zu begeben; so aber mußte ich schon diese appellatio ad hominem laut belachen. Indessen bemerkte ich auch andere Soldaten, die von dem Kanonendonner so in Schrecken gesetzt waren, daß sie in einem Holzstall ihre Zuflucht suchen wollten, jedoch nur wenige.

Was übrigens an Einwohnern in der Stadt war, flüchtete in die Keller, und viele blieben die ganze Nacht darin.

Man hat nachher nicht genau erfahren können, woher diese heftige Kanonade entstand. Mehrere sagten, der Feind wäre auf der Oder zu Schiffe der Festung näher gekommen, um auf der schwächsten Seite in dieselbe einzudringen, und die Vertheidiger hätten sich sodann auf die Punkte verbreitet, wo kein Angriff geschah. So viel konnte der Feind indessen aus diesem Vorfall sehen, daß wir Munition hatten und wachsam waren.

Sonntag, den 9ten November.

Es war heute besonders schönes Wetter. Das Thermometer, das in der Nacht auf 2 Grad gestanden hatte, stieg am Tage bis auf 10 Grad. Die Soldaten lagen auf dem Wall an der Erde, und schliefen. Denn vom 7ten d. M. an waren sie beständig unter freiem Himmel gewesen. Ihr Essen wurde ihnen von den Bürgern auf den Wall gebracht, aber es waren meistens Kartoffeln. Jedoch wurde auch Brod und Bier vertheilt, und Suppe für sie gekocht.

Da es sich voraussehen ließ, daß die Mannschaft ein fortdauerndes Bleiben unter freiem Himmel nicht aushalten würde, so wurden heute Häuser dicht am Thore ausgewählt, in welchen eine Wache war, und die Reserve sich aufhalten konnte. Am Breslauer Thor traf diese Auswahl das Haus, worin ich wohnte, und eine große Anzahl Soldaten brachten die Nacht darin zu.

Die übrigen, die auf dem Wall seyn mußten, zündeten ein großes Feuer an, um sich zu wärmen, und standen rings um dasselbe her. Dadurch entstand in der dunkeln Nacht eine so schöne Beleuchtung, daß ich nie etwas ähnliches gesehen habe. Aus meinem Fenster hätte ein Mahler das herrlichste Nachtstück entwerfen können, denn die Mannschaft auf der Friedrichsbastion hätte ihm zu einem fortdauernd schönen Tableau gedient. Das rothe, schwarze und gelbe der Uniformen, so wie das Metall derselben schimmerte oft im höchsten Licht, unterdeß andere Parthien in tiefes Dunkel zurücktraten.

Den Abend hindurch blieb es vollkommen ruhig; aber in der Nacht wurden wir zweimal vom Kanonendonner geweckt, um 11 Uhr, und um 1 Uhr.

Montag, den 10. Nov.

Die Belagerer, die, wie wir nun wußten, aus Bayern und Würtembergern bestanden, hatten in der Nacht einige Batterien zu Stande gebracht, und man entdeckte sie deutlich vom Wall. Nach den Regeln der Vertheidigung hätte nur ein Ausfall aus der Festung geschehen müssen, um sie wieder zu zerstören; aber es war keine Kavallerie vorhanden, welche dazu nothwendig erforderlich ist. Das Kommando Husaren von ohngefähr 50 Mann, welches man den 7ten zum Recognosciren ausgeschickt hatte, war nicht zurückgekehrt, und es befanden sich nur noch wenige schlechte Pferde in der Festung. Die Batterien blieben also ruhig vor unsern Augen liegen.

Nach dem bürgerlichen Schießhause indessen, welches von der Nordseite der Stadt dicht am Glacis, so wie auch an der Oder liegt, fuhren Infanteristen und Jäger zu einer mir unbekannten Expedition aus der Festung hin. Sobald die Belagerer dies bemerkten, kam ein Kommando Kavalleristen aus dem Dorfe Brustau, wahrscheinlich, um sie aufzuheben. Ich befand mich auf dem Boden meines Hauses, als dies geschah, und konnte die Gegend überschauen.

Sobald die Kavalleristen schußrecht waren, bekamen sie einen Kartätschenschuß vom Wall, der sehr gut gerichtet seyn mußte, denn sie sprengten plötzlich aus einander, und gallopirten eilend zurück. Es ist unglaublich, mit welcher Theilnahme man selbst dergleichen kleine Vorfälle beobachtet.

Der Angriff auf die Festung war auf eine ganz eigne Art gemacht, und nach meiner Meinung gar nicht in der Regel. Auch konnte dies nicht wohl seyn, denn der Feind war anfangs viel zu schwach zu einer förmlichen Belagerung. Er hatte geglaubt, die Festung durch einen coup de main zu bekommen, nachdem andere bedeutendere Festungen so leicht in seine Hände gefallen waren. Da dies nicht glückte, so entstand eine periodische Beschießung und Blokade; denn nach der Regel hätte eine erste, zweite und dritte Parallele gezogen werden müssen. Dies geschah nicht, aber der Feind war schon um ersten Tage des Angriffs da gewesen, wo er erst bei der dritten Parallel hätte seyn sollen, nemlich am Glacis. Der ganze Krieg wurde außerordentlich geführt, und dies bemerkten wir selbst bei dem Theil, den wir davon empfanden.

Die Blokirung war indeß sehr strenge, und es wurde niemand weder heraus noch herein gelassen. Nahte sich jemand den Vedetten, so wurde er ergriffen, und von einer Vedette zur andern bis zum Hauptquartier transportirt. Dies konnte man sehr deutlich vom Hauptwall bemerken.

An dem evangelischen Kirchhofe vor dem preußischen Thor stand eine Allee von großen schattigen Linden; hinter denselben hatten jedoch die Belagerer gleich Anfangs Schutz gefunden, und fanden ihn noch. Es wurden also Arbeiter unter einer Bedeckung von Jägern und Musketier hinausgeschickt, um sie umzuhauen. Während dies geschah, begann die Bedeckung auf eine Vedette zu feuern, die in einiger Entfernung hielt, und zwar mit einzelnen Schüssen.

Ich befand mich auf dem Hauptwall, und sah alles deutlich vor mir. Ein Mensch sollte hier getödtet werden; man legte vor seinen Augen auf ihn an, zielte und schoß unaufhörlich nach ihm. Bei dieser Gelegenheit machte ich eine seltsame Bemerkung an mir. Ich, der ich sonst keine Taube mag würgen sehen, der ich von jedem Leiden der Menschen und Thiere erweicht werde, ich wünschte, daß er möchte getroffen werden; ohne diesen Menschen, ohne die Belagerer zu hassen, wünschte ich, daß er vor meinen Augen möchte getödtet werden.

Welch ein schrecklicher Einfluß des Krieges! Und wie weit müssen die gebracht werden können, die sich ohne Grundsätze den Empfindungen desselben überlassen! Das Schrecklichste wird ein Scherz, und das Leben der Menschen ein Spiel, wobei man gleichgültig, wie bei einem Spiel mit Zahlpfennigen verfährt.

Erst am folgenden Tage, als die Rede davon war, daß die Vedette ihren Platz nicht hatte verlassen dürfen, fiel mir ein, wie schrecklich es sei, nach einem Menschen, der in seinem Beruf ist, wie nach einer Scheibe, zu schießen, und ihn eine geraume Zeit hindurch eine fortdauernde Todesangst empfinden zu lassen. Ich schämte mich jetzt einer Blutgier, die ich noch nie in meinem Leben gefühlt hatte, und freute mich, daß die Vedette mit dem Leben davon gekommen war, denn unter den dreißig Schüssen, die man auf sie that, hatte kein einziger getroffen.

Ueberhaupt scheint es höchst unrecht, und eine Art von Mord zu seyn, wenn im Kriege einzelnen das Leben geraubt wird. Menschenblut darf, selbst nach den fürchterlichen Kriegsgesetzen, nur dann vergossen werden, wenn entscheidende Augenblicke da sind, oder wenn dem Feinde ein wesentlicher Vortheil durch das vergossene Blut erwächst.

Die Belagerer ließen sich selten in großen Haufen sehen, aber heute bemerkte man doch ein Infanterieregiment, welches sich an einer Anhöhe, ohngefähr 1/4 Meile von der Stadt, hinaufzog. Auch sah man mehrere Menschen aus Brustau nach den Batterien, die man aufgeworfen hatte, zu eilen, um darin zu arbeiten. Da ihr Haufen ziemlich groß war, so ward eine Bombe aus der Festung nach ihnen geworfen, und man sah deutlich, wie sie sich tief bückten, als diese über ihre Köpfe hinwegflog. Bei dem Scherz, den man darüber auf den Wallen machte, ließ sich wieder fühlen, wie sehr das Leben der Menschen ein Spiel im Krieg wird. Die Bombe platzte zu spät, und that also keinen Schaden. Ueberhaupt bemerkte ich häufig, daß die geworfenen Bomben eine geraume Zeit, oft eine halbe Minute lagen, ehe sie zersprangen, und also den Umstehenden Zeit genug ließen, sich zu retten. Dies ist ein Fehler in der Artillerie, indem der Schlag in der Bombe so berechnet seyn muß, daß sie gleich nach dem Niederfallen zerspringt.

Wo sich heute nur Feinde sehen ließen, da wurden ihnen gleich 6 und mitunter 24 Pfünder entgegengeschickt. Einer von den letzten flog durch das Gartenhaus in Lindenruh, welches man deutlich vom Wall bemerkte.

Am Abend sah man viele Wachfeuer auf den Anhöhen um Glogau, als wäre ein ganzes Lager gebildet worden; aber man glaubte in der Festung, daß dies eine falsche Vorspiegelung sei. Auch blieb in der Nacht alles ruhig.

Dienstag, den 11ten November.

Am Morgen wurde ein Detaschement abgeschickt, um das Schießhaus, worin die Belagerer sich sehr leicht verbergen konnten, zu demoliren. Die Bayern zogen sich, sobald sie dies bemerkten, in das Gesträuch an der Oder gegen das Schießhaus, und es entstand ein Scharmützel, wobei das große und kleine Geschütz spielte. Den Leichnam eines erschossenen Bayers bekamen die Belagerten in ihre Gewalt, und führten ihn über die Oder nach den Damm. Aber zugleich desertirten auch 9 Mann nebst einem Schützen von unserer Seite.

Wir hatten jetzt Gelegenheit, die Beobachtung zu machen, die man auch mit wenigen Einsichten im Frieden machen kann: wie wenig Soldaten taugen, die nur mit Gewalt in ihrem Posten zurückgehalten werden. Es ist fast unmöglich, daß sie im Kriege etwas leisten können, denn sie schmachten nach dem Augenblick, wo sie ihrer Gefangenschaft entledigt werden, und ergreifen ihn mit Freuden.

Zur ernsten Vertheidigung Glogau's hätten, wie schon bemerkt, vor allen Dingen Ausfälle gehört, um die aufgeworfenen Batterien zu vernichten, und die Belagerer in ihren Positionen zu beunruhigen. Auch fühlten dies alle Belagerte: Kunstverständige und Unwissende. Aber die ewige Antwort, die man bekam, wenn man von einem Ausfall sprach, was, daß man sich auf die Mannschaft nicht verlassen könnte, und daß sie insgesamt davon gehen würde, wenn man sie herausließe.

Ist es möglich? Hat man nur Soldaten dazu, daß sie die Wachparade beziehen, auf dem Exercierplatz manövriren, Schildwache stehen, und auf der Pritsche schlafen? Prügelt, geißelt, mißhandelt man sie nur, um Friedenspuppen, um abgerichtete, seelenlose Schießmaschinen zu seyn? Bildet und behandelt man sie so, daß sie bloß im Frieden brauchbar sind, daß sie auch im Frieden nur nach dem Ende ihrer Leiden schmachten, und den Krieg als das Ziel derselben ansehen?

Es sind Abscheulichkeiten und Unbegreiflichkeiten vor unsern Augen vorgefallen, die den denkenden und fühlenden Menschen ganz empören, gegen die aber dennoch niemand zu reden wagen durfte. Hilft die jetzt erhaltene Lection nichts, lernt man nicht einsehen, daß jeder Mensch, also auch der Soldat, seinen Stand liebhaben muß, um etwas darin zu leisten, fährt man auch künftig fort, ihn so zu behandeln, daß er seine Lage verabscheut, und es als das größte Glück seines Lebens ansieht, sie verlassen zu können, -- nun, so ist keine Hoffnung vorhanden, je Soldaten zu bilden. Die zahllosen Greuel und Barbareien, die Negersklaverei mitten in Europa wird fortdauern, um Menschen -- zu Sklaven zu machen, die das Tagewerk eines Sklaven leisten.

Genug, wir durften nicht wagen, mit unsern Soldaten dasjenige zu unternehmen, was zu ihrer ersten Pflicht gehört, und wozu sie eigentlich da sind. Man schob freilich auch die Schuld des nie gewagten Ausfalles auf die wenige Kavallerie, die in der Festung war, aber wir hatten vor der Hand nur eine geringe Anzahl Feinde gegen uns, und es hätte sich wohl der Plan zu einem Ausfall mit Infanterie machen lassen.

Nachmittags schlichen sich feindliche Schützen bei den Gärten zwischen dem breslauischen und preußischen Thor dicht an das Glacis der Festung, und fiengen an auf den Hauptwall zu schießen. Ich befand mich eben auf demselben, und hörte die Kugeln über mich wegpfeifen, die bis auf den Markt in die Stadt flogen, und dort in die Dächer einschlugen. Dies verursachte sogleich ein lebhaftes Feuer von der Festung; denn wir blieben nie eine Antwort schuldig, und das Geschütz auf der Friedrichs- und Engelsbastion fing stark an zu spielen. Der Feind in der Nähe war verborgen, aber in einer grössern Entfernung unweit von Lindenruh ließ sich ein größerer Haufen sehen, auf welchen man einen Kartätschenschuß abfeuerte. Man sah die Kugeln deutlich einschlagen, und den Haufen auseinander fliehen, aber es war nicht zu erkennen, ob welche auf dem Platz blieben. Nachher hieß es, daß sechs gefallen wären.

Am Abend sah man viele Wachfeuer um die Festung her, jedoch in einer Entfernung, wo die Kartätschen nicht hinzureichen vermochten, und wo selbst die Kugeln keine Würkung mehr thaten.

Es waren nun schon vier Tage seit dem Anfang der Belagerung verflossen, und unsere Garnison, besonders die Artilleristen, hatten die Wälle noch nicht verlassen dürfen. Wie sehr die Menschen litten, in dieser Jahrszeit Tag und Nacht unter freiem Himmel zu bleiben, ist leicht einzusehen, und es ließ sich befürchten, daß es in kurzer Zeit selbst an physischen Kräften mangeln würde, diese angreifenden Beschwerlichkeiten länger zu ertragen.

In der folgenden Nacht blieb alles ruhig.

Mitwoch, den 12. November.

Man hat in dem Winter 1806/7 die Bemerkung gemacht, daß er sehr gelinde war. Heute war einer von den schönsten Tagen, und dies diente etwas zur Erhohlung der Mannschaft. Das reamürsche Thermometer mochte in der Nacht ohngefähr auf 2½ Grad stehen, am Tage stieg es bis auf 8 Grad. Die Kanoniere benutzten das schöne Wetter, um an ihren Schanzen zu arbeiten, und die Brustwehr höher zu machen; denn diese waren zum Theil an den Spitzen der Bastionen, wo die meisten Kanonen standen, am niedrigsten.

Um auch künftig die Mannschaft etwas gegen den Ungestüm des Winterwetters zu schützen, wurden die Marktbuden auf die Wälle gebracht, und einiges Stroh hineingelegt. Bei jeder Bastion befand sich also nun eine kleine Hütte, wo ein Theil von der Besatzung Platz fand. Vor derselben wurde gewöhnlich ein Feuer angezündet, und dies war alles, was die Mannschaft zum Schutz gegen den Winter hatte. Sie führte also eine Art vom Leben der Wilden, nur daß diese noch mehr vor der Kälte geschützt sind.

Nachmittags erschien ein Trompeter mit einem Brief, der ihm am äußersten Thor abgenommen wurde, und der, wie man nachher erfuhr, eine Privatangelegenheit betraf. Einzelne Desertionen fielen vor; allein ein Rekrute, der die Festungswerke noch nicht genau kennen mochte, wurde in dem Hauptgraben erwischt, und sollte erschossen werden. Man erfuhr aber weiter nichts von der Hinrichtung, und wahrscheinlich ist er mit den menschenfreundlichen Spießruthen davon gekommen.

Am Abend sah man an den Gurkauer Bergen eine Menge von Wachtfeuern, und zwar in einer so geraden Linie, als wenn sie zu einer Illumination gehört hätten. Es mochten 40 bis 50 Feuer seyn, die zu einem Lager zu gehören schienen.

Unterdeß wir aber in der Entfernung Feuer sahen, hatten wir in der Nähe selbst ein weit größeres. Das Holz auf dem Holzplatz vor dem preußischen Thor war von den Belagerern in Brand gesetzt, und da niemand sich zum Löschen hinauswagte, so brannte es ungestört fort.

Donnerstag, den 13. November.

Wir wurden gegen 4 Uhr des Morgens auf eine gewaltsame Art aus dem Schlummer gerissen: durch Kanonendonner, durch Sausen der Kugeln, und durch plötzliches, lautes Zusammenrufen der Wachen. Alles, was zum Militair gehörte lief eilend auf den Wall, gerüttelt aus dem tiefsten Schlaf, und von der größten Ruhe in dem schützenden Zimmer mußte sich jeder plötzlich den Kugeln der Belagerer unter freiem Himmel aussetzen.

Es war einer der fürchterlichsten Morgen, die ich je erlebt habe; denn zu dem Donner des Geschützes gesellte sich ein schrecklicher Sturm, mit Regen vermischt. Diese Vereinigung von Tönen, das Brausen des Sturms, das grausige Zischen der Kugeln, der Schlagregen an den Fenstern, und das Rufen des Militairs, bildete eine furchtbare Scene. Niemals habe ich tiefer gefühlt, wie schwer die Pflichten des Soldaten sind, als an diesem Morgen, wo er aus der friedlichen Ruhe der Nacht plötzlich in eine von Schrecken, von Empörung und Tod schwangere Umgebung übergehen mußte. Die meisten von den Soldaten waren überdieß nur leicht gekleidet, und mußten sich ohne Mantel dem ganzen Ungestüm des Wetters aussetzen.

Die Gefahr war an diesem Morgen bedeutend, und ich selber gerieth darein. Ich hatte mich noch nicht entschließen können, in dem Keller zu schlafen, obwohl der größte Theil von den Einwohnern Glogau's darin schlief; ich hatte mir in meinem Stockwerk bloß ein Hinterzimmer zu meiner Schlafstelle gewählt, weil vorne die Kugeln von der Südostseite der Stadt gerade in meine Fenster, die über den Hauptwall hervorragten, hineinfliegen konnten. Heute kam eine Kugel von der Oderseite der Stadt, und flog gerade über mein Nachtlager hinweg, indem sie mehrere Wände durchschlug, und sodann in einer Räucherkammer liegen blieb. Es war ein Sechspfünder, und sie verursachte ein großes Geräusch in dem Hause.

Ich stieg zu meinem Wirth hinunter, bei welchem ich mehrere Bewohner des Hauses, die nicht in dem Keller waren, versammelt fand. Da ich gewöhnlich in der Gefahr ruhig, oft selber scherzhaft war, so flößte sich diese Stimmung mehrern ein, und wir blieben während der Kanonade ziemlich unerschrocken zusammen.

Um zu wissen, wie es auf den Straßen aussähe, ging ich an die Hausthüre. Ich erblickte keinen Menschen, alles war still in den Straßen, und man hörte nichts, als den Donner des Geschützes, das ahnungsvolle Sausen der Kugeln, und das Herabstürzen der Mauer- und Ziegelsteine von den getroffenen Häusern. Der Himmel war blutroth von dem Feuer auf dem Holzplatz. Thüren und Fenster krachten von den Explosionen der Mörser und 24 Pfünder auf dem Wall.

Dies war ohnstreitig eine Scene, wie man sie nur selten haben kann, und sie mußte bei jedem einen ergreifenden Eindruck hervorbringen. Das Sausen der Kugeln durch die Luft nahe um uns hat etwas so eignes Charakteristisches, daß es sich schwer beschreiben läßt, und scheint selber physisch auf den Körper zu würken. So wie man sagt, daß bei einem Erdbeben Uebelkeit und Erbrechen bei manchen Menschen von der wankenden Bewegung entsteht, so scheint auch das schnelle Trennen und Zusammenfließen der Luft durch die Bewegung der Kugeln den Leib physisch zu afficiren, auch wenn die Kugel nicht ganz nahe vorbeifliegen.

Indessen mischt sich immer eine geistige Einwürkung darunter, auch wenn man nicht furchtsam ist. Der bloße Gedanke, daß in jedem Augenblick eine eiserne Masse den Körper zerschmettern kann, und das Hören dieser Masse, ohne sie zu sehen, scheint eine leichte Art von Fiberempfindung hervorzubringen, die jedoch entfernt von aller Angst, bloß augenblickliches Krankheitsgefühl seyn mag. Es scheint, als wenn die Luft umher schwanger von Todeskrämpfen ist, von denen sich etwas dem Körper mittheilt. Doch glaube ich, daß man diese Bemerkungen nur machen kann, wenn man beinahe ganz kalt bei der Gefahr ist. ---Die Kanonade dauerte gegen zwei Stunden, und am Morgen waren fast alle Häuser, Kirchen und Thürmen beschädigt. Das Holz, von welchem ein Vorrath von ohngefähr 1500 Klaftern vorhanden war, brannte hell auf dem Holzplatz, und niemand wagte es, etwas davon zu retten.

Zwischen 8 und 9 Uhr erschienen Trompeter und zwei Officiere als Parlementairs, von welchen der eine mit einem großen Orden decorirt war. Sie wurden, wie gewöhnlich, mit verbundenen Augen durch die Stadt geführt. Es verbreitete sich jetzt das Gerücht, daß die Stadt würde übergeben werden, und dies machte einen höchst schmerzlichen Eindruck. Hie und da hörte man wohl einen Menschen aus der niedrigsten Klasse von Uebergabe sprechen, aber der größte Theil der Einsichtsvollen, so schein es wenigstens, war dagegen.

Die Aufforderungen der Festung geschah heute durch den Prinzen Jerome Napoleon, der sich in dem Hauptquartier vor Glogau befand. Der Parlementair mit dem Stern war der General Lefevre und das Gerücht der Uebergabe mochte durch irgend einiges Wanken des Gouvernements hervorgebracht seyn. Es bestätigte sich indessen nicht, und die Parlementairs kehrten in einem Wagen zurück.

Eine Wahrnehmung darf ich nicht übergehen, die ich in Absicht der Besatzung machte. Ich hörte nämlich heftiges Streiten über diejenigen, die während der Kanonade am Morgen auf dem Wall gewesen wären oder nicht. Die Soldaten machten den Abwesenden die bittersten Vorwürfe, und spotteten über sie mit sarkastischer Laune. Besonders mußten die Flüchtlinge aus der Schlacht bei Jena und Auerstädt große Bitterkeiten hören, und wenn einer von ihnen zur unrechten Zeit den Wall verließ, so riefen die andern: das ist auch einer von denen, die bei Jena so liefen. Die Flüchtlinge nahmen die Vorwürfe gewöhnlich schweigend auf.

Ich will hier nicht untersuchen, ob sie dieselben verdienten, und ob nicht auch andere in ihrer Lage würden geflohen seyn, aber so viel scheint mir doch aus diesen kleinen Zänkereien hervorzugehen, daß die Stimmung der Besatzung gut war, und Muth verrieth. Dieser hätte sehr hoch gehoben werden können, wäre die Besatzung besser verpflegt worden; aber leider stand ihr Unterhalt mit den Strapatzen, die sich auszustehen hatte, in gar keinem Verhältniß.

Der Major, Baron von Putlitz, Chef des dritten Bataillons von dem vacanten von Gravenitzischen Regimente, war bestimmt, dem Prinzen Jerome Napoleon die Antwort auf die am Morgen ergangene Auffoderung der Festung zu überbringen, und er ritte am Nachmittage mit einem Trompeter in das Hauptquartier der Belagerer. Die Antwort war verneinend.

Unsere Besatzung erhielt heute einige Mäntel; dies war das Nothwendigste, was ihr gereicht werden konnte, aber die meisten blieben unbedeckt, blieben in der leichtesten Kleidung allem Ungestüm der Winterwitterung ausgesetzt. Es war eine Menge Geld für die Winterkleidung der Armee zusammengebracht worden; da diese nun nicht mehr existirte, so war es unbegreiflich, daß man das Geld nicht für die Besatzung, die so viel ausstehen mußte, verwandte, und jedem Soldaten wenigstens einen Mantel gab. Es hieß sogar, daß in dem Jesuitercollegio eine Menge von Reutermänteln vorhanden sei; aber auch von diesem kam kein einziger zum Vorschein. Die Besatzung mußte bei allem Vorrath von Tuch und Kleidung beinahe erstarren! -- --

In dieser Noth der Mannschaft traten einige Bewohner der Festung auf, und halfen hie und da dem Einzelnen durch einige Bedeckung. Ich selber gab her, was ich entbehren konnte: einen Mantel, eine Bettdecke, die in einen Mantel verwandelt wurde, und einen alten Schlafrock. Unter dieser Bedeckung sah ich täglich drei Krieger auf den Wällen herumgehen. Kurz, der friedliche Schlafrock, der lange Zeit des Morgens und Abends bei stiller Lampe den Musen gedient hatte, war jetzt in den Dienst des Mars getreten, und paradirte mitten unter bunten Uniformen in Reih und Glied. So weit erstreckte sich die allgemeine Umkehrung der Dinge!

Uebrigens ertheilten uns die Belagerer viele Lobsprüche wegen tapferer Vertheidigung der Festung. Niemals waren die Lorbeeren wohlfeiler gewesen, als jetzt. Nach der Schlacht bei Auerstädt und Jena, nach der Affaire bei Prenzlau, nach der eilenden Uebergabe von Festungen, wie Magdeburg, Spandau, Cüstrin u. s. w., waren sie schon einzuerndten, wenn auch nur etwas ganz gewöhnliches geleistet wurde.

Mir fiel in diesem Zeitpunkte oft ein, wie leicht es im Grunde sei, eine Festung zu vertheidigen. Man braucht nur ihren Anlagen etwas zu Hülfe zu kommen, denn eine Festung vertheidigt sich von selbst. Dies zu Hülfe kommen aber kann aus einem bequemen, bombenfesten Gewölbe geschehen, wo der Gouverneur den Plan der Festung vor sich hat, seine Rapports erhält, und die nothwendigen Befehle ertheilt. Er kann die besten Vertheidigungsanstalten treffen, ohne einen Fuß auf den Wall zu setzen; er hat einen einzigen festen Standpunkt, von welchem er alles beobachten und anordnet, unterdeß der General im Felde seinen Standpunkt häufig verändern, und sich so wie seine Mannschaft den Strapatzen aussetzen muß.

In der Festung sind es eigentlich die Soldaten auf dem Walle, denn sie sind Tag und Nacht der Gefahr und der Witterung Preis gegeben. Ist es nicht schreiend, wenn man nicht alles mögliche aufbietet, für sie zu sorgen? Ist es nicht unverantwortlich, wenn man nicht einmal im Winter, bei diesem fast unaufhörlichen Ausharren unter freiem Himmel, für ihre Bedeckung sorgt?

Wie wichtig ihr Dienst in der Festung sei, läßt sich bei wenigem Nachdenken empfinden. Alle Autoritäten ruhten in der Stadt. Es gab kein Geschäfte bei der Kammer, bei der Oberamtsregierung, bei der Accisdirection, bei dem Magistrat; mindestens nur sehr wenige. Die einzige Thätigkeit war bei dem Militair, besonders bei den Artilleristen und bei dem gemeinen Soldaten. Dies machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich fast beständig unter ihnen war, und ich habe nie den gemeinen Soldat mehr respectirt, als in der Zeit der Belagerung.

In der Nacht vom 13ten bis zum 14ten November war ein fürchterlicher Sturm, und während desselben brannte das Holz auf dem Holzplatz unaufhörlich fort. Die Funken davon flogen in die Stadt, und man war besorgt, daß auch sie entzündet werden möchte. Da eine Anzahl von 10,000 Klafter Holz verbrannt ist, so kann man schließen, welch eine Glut bei diesem Brand entstand. Man sah ganze Flammengebürge, ganze Flammenmeere; das Feuer schlug Wellen wie ein wirkliches Meer, denn die Flamme, die an einem Orte durch den Wind niedergedrückt wurde, stieg am andern um so höher wieder empor. Auch spielte das Feuer in ganz verschiedenen Farben nach den verschiedenen Holzarten, welche in Brand geriethen.

Freitag, den 14. November.

Am Morgen hatte die Wuth des Feuers sich beinahe gelegt, denn der größte Theil des Holzes war verbrannt; aber das Schießhaus in der Nähe stand noch. Auf dem Judenkirchhof, welcher neben dem Holzplatz liegt, brannten die Grabmähler.

Jetzt versprach man jedem Bürger, der Holz retten würde, ein Klafter davon. Es wurden Anstalten dazu gemacht, aber die Belagerer thaten Schüsse auf die Rettenden, und diese zogen sich zurück. Es stand freilich in keinem Verhältniß, sein Leben gegen eine Klafter Holz zu wagen. Aber wäre es nicht möglich gewesen, das Holz in Sicherheit zu bringen, da man eine Belagerung gewiß voraussah? Man brauchte es ja nur zu Schiffe von einem Ufer der Oder zum andern zu bringen!

Man zeigte sich jetzt überall Kugeln und Granatensplitter, welche in die Häuser hineingeflogen waren, und Verwüstung angerichtet hatten; doch war noch kein Einwohner verwundet, weil sie meistens in den Kellern sich aufhielten.

Weit mehr, als das Beschießen der Festung, dünkte uns der Gedanke, was aus uns werden sollte. Wir wußten nichts von unserm König, von unserm Lande, von unserer Armee. Die letzten Nachrichten, die wir erhalten hatten, lauteten so traurig, daß wir auf einen Sturz des Ganzen schließen mußten. Bei Civil und Militair also entstand eine ängstliche Besorgniß über unser künftiges Schicksal, und dies war auch dasjenige, was mich, der ich sonst immer heiter war, zu Zeiten niederbeugte.

Gegen Abend geschahen einzelne Schüsse aus Kanonen und Mörsern, weil die Belagerer Geschütz in die Batterien führten. Es schien, als wenn ein neuer Angriff drohte, und es entstanden neue Besorgnisse. Die Nacht blieb jedoch alles ruhig.

Sonnabend, den 15. November.

Ich war am Morgen um 4 Uhr erwacht; denn da gewöhnlich um diese Zeit die Kanonade anfieng, so hatte man schon im Schlaf eine Vorempfindung davon, und erwachte früher wie gewöhnlich.

Es war alles ruhig, und eine tiefe Stille herrschte. Um halb 5 Uhr hörte ich eine feindliche Kugel in die Stadt kommen. In derselben Minute antwortete unser Geschütz, und nun begannen die Kugeln von allen Seiten zu sausen; die Morgenkanonade nahm wieder ihren Anfang.

Ich stand auf, um ihre Würkung zu beobachten. Als ich ans Fenster trat, sah ich zwei Granaten in die Stadt kommen, und merkte überhaupt, daß ich mit Gefahr in meinem Zimmer umgeben war. Ich stieg also hinunter ins erste Stockwerk, um wenigstens vor den Kugeln in Sicherheit zu seyn. Die Kanonade dauerte fort, und besonders kamen viele Granate, ohngefähr 50 Pfund schwer, in die Stadt.

Um 6 Uhr brannte in der langen Gasse ein Judenhaus, und bald darauf ein Haus unweit dem Wall am preußischen Thor. Das feindliche Geschütz schwieg allgemach, denn man wollte nicht gerade unsere Stadt verbrennen; aber das unsrige spielte fort.

Als es hell war, stieg ich auf den Wall, um unter die Artilleristen eines Bastions Suppe vertheilen zu lassen. Ich scherzte mit ihnen, und sagte, daß ich ihnen die Sauce zu den Klößen brächte, die ihnen der Feind geschickt hätte, aber sie waren vor Kälte beinahe erstarrt, und hatten keinen Sinn für Scherz. Mitten unter dem Feuer von zweierlei Geschütz, und dem Brande in der Stadt mußten sie beinahe erfrieren, denn auch sie hatten keine gehörige Bedeckung. Man behandelt den Soldaten gleich einem Sclaven, und verlangt dennoch von ihm die Pflichten der Vaterlandsleibe, der ädelsten Hingebung, und aller heroischen Tugenden. Welch ein kleinlicher, und grausamer Widerspruch!

Auch sah ich heute vor meiner Thür einen Soldaten mit Stockschlägen bestrafen, der eine Taube auf der Straße geschossen hatte. Einer hieb von der rechten, der andere von der linke Seite und zwar mit einem dicken Rohr. Sein Fehler bestand in einem augenblicklichen Muthwillen, der bei dem vielen Schießen an allen Orten verzeihlicher war. Auch schien es übrigens ein ordentlicher Mensch zu seyn.

Ich habe stets die Bestrafungen der Soldaten mit großem Widerwillen angesehen, weil sie immer von der Art sind, daß nur eigentlich incorrigible Bösewichter damit belegt werden sollten; aber vorzüglich war es mir während der Belagerung zuwider, wenn ich diejenigen, von denen die Vertheidigung der Festung abhieng, so hart behandeln sah. Dies lag indessen in dem ganzen System der preußischen Disciplin, und der Chef, der diese Strafe verordnete, war übrigens an und für sich keinesweges hart und ungerecht.

Um 9 Uhr bemerkte man Feinde in der Klostermühle, ohngefähr 900 Schritt von der Stadt entfernt, und warf Granaten dahin, um sie in Brand zu stecken; aber umsonst. Eben so vergeblich versuchte man das Wirthshaus, die blaue Flasche genannt, anzuzünden. Ueberhaupt scheint es mit groben Geschütz sehr schwer zu seyn, einen gewissen Punkt zu treffen. Ich bin mehreremale Zeuge gewesen, daß man nach einem Hause oder nach einer Batterie zehn Schüsse gethan hat, ohne daß die Kugel ein einziges mal traf. Besonders schwer ist es, ein Haus mit einem Bogenschuß, wie Granaten und Bomben ihn fodern, zu treffen.

Das Schießhaus hatte man ebenfalls mehreremal anzuzünden versuchte; allein es stand noch immer, nachdem auch alles Holz umher schon verbrannt war. Die Feuersbrünste haben ihren eignen Eigensinn, sie verzehren manches nicht, was ihnen sehr nahe liegt.

Um 11 Uhr kamen wieder zwei Officiere zum Parlementiren in die Festung. Unterdeß sie bei dem Gouverneur waren, fuhr man draußen fort, in den Batterien zu arbeiten, und ließ sich durch alles Winken von den Wällen nicht irre machen. Da dies gegen die Kriegsregeln ist, indem, wenn Parlementairs in der Festung sind, eo ipso ein Waffenstillstand entstehen muß, wo wurde gleich herausgesandt, und nun unterblieb das Arbeiten. Die Parlementairs kamen übrigens auch heute ihrem Ziele wegen Uebergabe der Festung nicht näher.

Es war nun schon eine weit größere Zerstörung in der Stadt, wie bisher. In den Zimmern mehrerer Häuser waren Granaten zersprungen, und hatten eine große Verwüstung angerichtet. Eine drang durch eine Oeffnung in ein Souterrain ein, worin 24 Fabrikarbeiter versammelt waren, brannte und zersprang, aber mit so weniger Kraft, daß keiner von allen Anwesenden verwundet ward; nur einem Kinde waren die Haare versengt.

Man zeigte sich jetzt überall die Zerstörung von den Kugeln und Granaten, und war schon etwas daran gewöhnt. Denn man gewöhnt sich an alles, selbst an das Pfeifen der Kugeln, an Feuersbrünste, an Gefahr. Man lernt den Krieg wie jede andre Kunst: durch Uebung. Unsere Bürger waren nun schon beherzter geworden, und unsere Soldaten, besonders die Artilleristen wußten sich nun schon ganz anders zu nehmen, wie anfangs. Schon den zweiten Tag der Belagerung hatten sie weit besser geschossen, als den ersten. Denn der Krieg will durchaus gelernt seyn, und ich bin überzeugt, daß Muth und Tapferkeit weit eher eine Kunst oder Wissenschaft ist, die aus Uebung entspringt, als eine angebohrne Eigenschaft. Wer das erstemal Kugeln um sich pfeifen hört, geräth in Furcht, und dies ist der menschlichen Natur gemäß. Nur öftere Erfahrung kann die Furcht vertreiben.

Wir Menschen leben ja überhaupt in einer Schlacht, in einer ewigen Schlacht, wo der Tod rings um uns her Menschen abwürgt, ohne daß wir selber vor dem Abwürgen sicher sind, und wir haben uns dennoch daran gewöhnt. Sollte man sich nicht an eine wirkliche Kriegesschlacht gewöhnen können, wo der Tod die Menschen nur etwas dichter hinwegraft!

Die Sterblichen lernen sehr viel, und haben schon viel lernen müssen. Wenn gar kein Tod in der Welt gewesen wäre, und er käme plötzlich, es würde plötzlich jedem die Wahrheit gepredigt, daß er in jedem Augenblick am Tage und in der Nacht sterben könnte, würden die sterblich gewordenen nicht in der ersten Zeit außer sich vor Furcht und Schrecken seyn? Und wir haben uns dennoch treflich an diese Lage der Dinge gewöhnt.

So gewöhnt man sich auch an Schlachten und Gefahr im Kriege. Aber Muth und Tapferkeit sind noch lange nicht hinreichend zu einem guten Soldaten; er muß auch die Vortheile, die Kunstgriffe, kurz die Praxis des Krieges kennen, und die kann er ebenfalls nur im Kriege lernen. Es ist daher etwas sehr gewagtes, wenn eine Friedensarmee mit krieggeübten Truppen einen Kampf beginnen will. Caeteris paribus verliehrt sie gewiß.

Eine Armee, die ihre Künste nur bei Revüen und Manövers gelernt hat, verhält sich zu einer krieggewohnten Armee, wie einer, der die reine Mathematik an der Tafel studirt hat, zu einem wirklichen Feldmesser. Wenn jener, der die ganze Theorie und alle Lehrsätze weiß, zum erstenmal die Geometrie üben will, so findet er tausend Dinge im Felde, die auf der Tafel nicht waren, die ihn gänzlich konfus machen, und seine Operationen verhindern. Ein geübter Feldmesser wird diese Schwierigkeiten überwinden, ein ungeübter wird darin stecken bleiben.

Ein solcher Zögling der reinen Mathematik war die preußische Armee, und sie würde wahrscheinlich eine andere Armee, die mit ihr in gleicher Lage war, überwunden haben; aber sie wagte sich an die seit so vielen Jahren Krieg und Sieg gewöhnte französische Armee, wagte sich mit so vieler Zuversicht, so vielem Glauben an eigne Unfehlbarkeit an dieselbe, daß fast gar keine Maaßregeln im Fall eines unglücklichen Ausganges getroffen waren. Diese fast unglaubliche Sorglosigkeit läßt sich nur dann erklären, wenn man die Reden eines preußischen Generals erwägt, der seine Truppen bei einer Stadt übte, und als die Uebung zu seiner Zufriedenheit ausfiel, rief: o wenn wir so manövriren, so schlagen wir die Franzosen mit zwei Bataillon's!

Die Lection, welche man bekommen hat, wird eine andere Sprache einführen, aber es ist zu spät. Der militärische Irrthum hat den Ruin eines ganzen Staats nach sich gezogen, und seine Unterthanen in eine so unglückliche und kritische Lage durch die bange Ungewißheit, in welcher sie schweben, gebracht, daß sich alles Geschehene nie wieder ausgleichen läßt. Schützen diese kriegdurstenden Generale jetzt die armen Unterthanen, über welche sie das Ungewitter des Krieges gesammelt haben, vor dessen Ausbrüchen? Wenden sie das Elend ab, das aus dem Ernähren fremder Truppen, aus den Requisitionen, der Durchmärschen, den Plünderungen, den Contributionen, den Bombardements der Festungen, das aus vielen unvermeidlichen Mißhandlungen der wehrlosen Unterthanen entsteht? Nein! Sie sind vom Schauplatz verschwunden. Sie würkten nur, um das Elend herbeizuführen. Jetzt würken sie nicht mehr. Aber sie leben, sie befinden sich wohl. Warlich, man kann von ihnen sagen, daß sie unsterblich sind!

Wer über die letzten Begebenheiten schreibt, der muß, wenn er auch den sanftesten und nachsichtigsten Charakter hat, unaufhörlich über seine Feder wachen, daß sie ihn nicht zu den bittersten Ausfällen hinreißt, denn die arrogante, alles niederschlagende Zuversicht des Militärs war zu groß; kannte keine Grenzen.

Es gab Menschen, die vor der Schlacht bei Auerstädt und Jena, eine bescheidne, furchtsame Sprache führten, die einen Frieden, wenn auch nicht in Königsberg, Memel, oder gar St. Petersburg, doch in Berlin, voraussahen; aber wer hätte es wagen dürfen, diese Sprache vor jenen Generalen hören zu lassen! Er wäre wahrlich ihren Mißhandlungen in Worten, vielleicht selbst in Thätlichkeiten, nicht entgangen.

Es scheint, als hätten die preußischen Officiere eine gewisse Arroganz, wodurch viele im Frieden so drückend für den Civilstand wurden, *) auch auf den Krieg ausdehnen wollen, und damit auszureichen geglaubt. Aber es ist eine ganz andere Sache, einen wehrlosen Civilisten vor sich zu haben, den man niederstoßen kann, wenns einmal beliebt, oder aber einen geübten Krieger, den gleiche Rechte, schützen, der gleiche Waffen führt. Der unsichtbare, halb allmächtige Nimbus von Pointd'honneur, womit sich jene Arroganten im Frieden gegen den wehrlosen Bürger umgeben, verläßt sie im Kriege, und sie ergreifen schimpflich die Flucht, oder die Gefangenschaft!

*) Ich setze mit Bedacht viele; denn daß es Ausnahmen giebt, daß auch viele zu vernünftig sind, um im Stolziren, Bramarbasiren und Beleidigen etwas zu suchen, davon kann ich selbst eine Menge Zeugnisse aufführen.

Es gab in dem militärischen Pointd'honneursystem etwas Erschreckliches, wovor dem denkenden Menschenfreunde die Haare zu Berge stehen mußten. Der Civilist durfte immerhin von dem Officier geschlagen werden, aber wenn er seinen Gegner niederschlug, so konnte dieser nur den Schimpf mit dem Blute des Civilisten abwaschen. Es ist unglaublich, aber es ist wahr; es gehörte für das Kaiserthum Fez Marokko, aber man fand es in dem aufgeklärtesten Königreiche von Europa. Waren die Hände des Civilisten infam? War sein Blut minder kostbar, als das Blut des Officiers?


Diese Greuel wurden geduldet, weil man glaubte, daß dies superfeine bis zur Thorheit hinaufgeschraubte Ehrsystem im Kriege Wunder thun würde. Dies hat sich nicht bestätigt. Die Besiegung des Feindes geht aus etwas ganz anderm hervor; die braucht nicht mit dem Blute und mit der Schmach des Civilisten bezahlt zu werden. Das wahre Ehrgefühl sieht seinen Ruhm in Gerechtigkeit und Billigkeit gegen seine Nebenmenschen, sie mögen vornehm oder gering, adelich oder bürgerlich seyn. Weg mit jenem erbärmlichen Pointd'honneur! Wir bedürfen keiner bramarbasirenden Studentenhelden.

Es werden sich manche Menschen gegen diese Bemerkungen erheben, besonders diejenigen, die in einen in die Queer gesetzten Hut, in einen drohenden Gang, in Brüskiren anderer, und in ähnliche Schwachheiten, etwas setzen, aber Männer, die richtig denken und empfinden, werden mir ihren Beifall nicht versagen, und jene Wahrheiten werden auch von andern Schriftstellern so oft gesagt werden, bis man endlich daran glaubt.

Genug von diesem Gegenstand! Ich kehre zum 15ten November zurück.

Nachmittags geschahen einzelne Schüsse auf die Batterien der Belagerer; aber hier bemerkte ich wieder, wie schwer es sei, dieselben zu treffen. Von dieser Seite haben die Belagerer einen großen Vorzug. Von ihren Schüssen geht fast kein einziger verlohren, denn sie haben eine große Scheibe vor sich. Eine Batterie hingegen, die nach optischen Regeln dem Auge in der Entfernung vielleicht nur in der Größe eines Fingers erscheint, erfordert beim Richten der Kanonen eine sehr genaue Directionslinie. Doch wurde heute in meiner Gegenwart von der Sebastiansbastei eine Batterie sechsmal hinter einander getroffen. Die hatte die Würkung, daß die Menschen, die sich darin befanden, sich daraus flüchteten, und eilend davon liefen.

Ich habe schon oben bemerkt, daß das Haus, in welchem ich wohnte, wegen seiner bequemen Lage am Thor zu einem Aufenthaltsort der Reserve, und überhaupt zu einer Wache bestimmt war. Ich sah mich also Tag und Nacht mit Soldaten umgeben, und wenn ich des Abends zu Hause kam, fand ich die Vorsäle und Treppen ganz mit schlafenden und wachenden Kriegern bedeckt, die in einer leichten Kleidung auf platter Erde lagen. Dieser Anblick erschütterte mich oft tief, denn es waren je die Hauptpersonen in der Stadt, die hier so erbärmlich umherlagen; sie waren es ja, die unsere Festung vertheidigten, und ohne welche die Belagerer in jeder Stunde freien Zugang gehabt hätten.

Sonntag, den 16. November.

Die gewöhnliche Morgenkanonade begann um 4 ½ Uhr. In 5 Minuten ohngefähr hörte ich 15 bis 20 Kugeln vor meiner Wohnung vorübersausen. Nicht lange nachher brach Feuer auf der preußischen Gasse aus, wahrscheinlich durch eine zersprungene Granate veranlaßt. Ich eilte auf die Straße und bemerkte eine sehr fürchterliche Szene. Die Dunkelheit, das Leuchten des Feuers durch die Nacht, der Donner der Kanonen, das Einschlagen der Kugeln und Granaten, das klägliche Geschrei: Feuer, Feuer! machte einen so schauderhaften Eindruck, daß ich mich etwas ähnlichen nicht zu erinnern vermag. Denn wenn die Stille der Nacht nur durch solche Töne des Schreckens unterbrochen wird, so muß sie wohl eine furchtbare Gestalt annehmen.

Das Feuer auf der preußischen Gasse war noch in seiner vollen Wuth, als eine Scheune des Kommandanten, welche dich am Wall stand, und mit Stroh angefüllt war, zu brennen begann, und unter einer erschrecklichen Gluth gänzlich danieder brannte. Ueberhaupt entstand am heutigen Morgen an vielen Orten Feuer; aber die Hausbesitzer waren nun schon so klug und muthig geworden, daß sie hineilten, wenn eine Granate in ihrem Hause gesprungen war, und das entstehende Feuer wieder löschten, ehe es völlig zum Ausbruch kam.

Bei Anbruch des Tages schwieg das feindliche Feuer, aber das unsrige dauerte fort. Besonders spielte ein 24 Pfünder und ein Mörser auf der Friedrichsbastei gegen meinem Fenster über. Die Würkung dieses Geschützes war so groß, daß das Haus in seiner Grundfeste erschütterte, die Thüren zusammenschlugen, und die Fensterflügel aufsprangen. Auch war die Batterie, worauf das Geschütz spielte, zerschossen, wie ich nachher am Hauptwall bemerkte.

In der Stadt waren nun auch wenige Häuser nur noch unbeschädigt. Manche Hausbesitzer bezahlten jemanden sehr theuer, um auf ihren Boden während der Kanonade zu bleiben, und das etwa entstehende Feuer zu löschen, unterdeß sie selber ihre Sicherheit im Keller suchten. Kann man hier aber Sicherheit finden, oder bringt nicht vielmehr diese Sicherheit in andern Rücksichten Gefahr? Die Kugeln wurden hier vermieden, aber die Kellerluft war in meinen Augen etwas schlimmeres. Man nannte mich hie und da tollkühn, weil ich während der ganzen Belagerung fortfuhr, im zweiten Stockwerk zu schlafen, und zwar in einem dem Anschein nach so exponirten Hause. Aber ich möchte diesen Namen nicht verdienen, und glaube nicht, daß ich ihn verdiene. Ich hatte die Gefahr berechnet, und konnte mich dabei beruhigen. Gegen Südwest war ich durch das Jesuitercollegium geschützt, gegen Osten durch die Sternschanze, gegen Norden und Westen aber durch die Masse der Stadt. Kugeln konnten mich nur von der Südseite der Stadt, von der Lohmühle her, treffen, und hier entdeckte ich noch keine Batterien, die ich aus meinem Fenster hätte wahrnehmen müssen. Eine Granate hingegen konnte mir nur gefährlich werden, wenn sie von der Nordseite der Stadt, wo die Batterien sehr entfernt von mir waren, durch das Fenster in mein Zimmer kam. Dies konnte einer wahrscheinlichen Berechnung nach nur höchst selten geschehen; mit Bomben aber wurden wir noch nicht beschossen. Kurz, ich fürchtete die Kellerluft mehr, als das Geschütz, und es war nicht Kühnheit, sondern Berechnung, wenn ich nicht unter der Erde schlief.

Um uns vor dem häufigen Beschießen zu sichern, wäre wieder nichts heilsamer gewesen, als ein Ausfall. Bei den gemeinen Soldaten durfte man davon reden, und sie waren meistens mit Freuden bereit dazu; aber es gab Officiere, welche tausend Einwendungen dagegen hatten. Einst wurde ich, als ich von einem Ausfall redete, von einem derselben sehr angefahren, und er sagte zornig: diejenigen, die so redeten, und müßig auf dem Wall herumgingen, möchten doch hingehen, und einen Ausfall machen.

Gründlich und weise war diese Antwort nicht, höflich auch nicht, aber sie hatte doch etwas an sich, wodurch man zum Schweigen gebracht wurde. Kurz, ich verstummte, und habe mit diesem bescheidenen Officier nie wieder von einem Ausfall gesprochen.

Trotz seiner gründlichen Widerlegung indessen, trotz dem übrigen, ewigen Refrain gegen den Ausfall, daß man keine Kavallerie habe, und sich auf die Besatzung nicht verlassen könne, hätte sich doch vielleicht ein Plan dazu machen lassen.

Es mußten mindestens 1000 sichere Landeskinder in der Stadt seyn; 500 von diesen waren zu einem Ausfall genug, und es blieben dann noch 2500 Mann in der Festung. Diese 500 Mann konnten den Feind nicht in seiner Stärke angreifen, aber konnten sie nicht die Vedetten gefangen nehmen, konnten sie nicht auf die Batterie losgehen, und sie demoliren, konnten sie nicht, wenn die Belagerer mit einem übermächtigen Corps herbeieilten, sich unter die Kanonen der Festung zurückziehen, und wenn der Feind sie verfolgte, ihn auf einen Punkt hinlocken, wo die Kanonen der Wälle ihn von allen Seiten trafen? Diesen Punkt hätte der Chef der Artillerie bestimmen müssen.

Ich vermag nichts Ungereimtes, nichts Unmögliches, nichts Gefährliches in einem solchen Plan zu finden. Denn wozu alle Soldaten, wenn sie im Augenblicke der Noth nicht zu gebrauchen sind? Hier hat das bisher bestandene militärische System solche traurige, und allgemein schädliche Widersprüche, daß die das menschliche Herz empören müssen. Man macht viele tausend Menschen den größten Theil ihrer Lebenszeit hindurch unglücklich, um sie -- nicht gebrauchen zu können.

Indessen genossen doch unsere Soldaten heute das kleine Glück, (es war Sonntag) daß jeder von ihnen ½ Mäsel Erbsen, und ½ Pfund Rindfleisch bekam; ja es hieß, daß dies nun alle Tage so fortgehen würde. Welch eine glänzende Belohnung für die Vertheidiger der Stadt! Aber man glaube ja nicht, daß sie ihnen zu Theil ward; nur dann und wann ward ihnen etwas von Lebensmitteln ausgetheilt, denn wie hätte man alle Tage diese Großmuth üben können.

Unser Holz hatte das Feuer gefressen, und es hatte ganz den Anschein, als wenn unsern Vorrath von Butter, Speck, Erbsen, Graupen, Linsen u. s. w. der Feinde essen würde. Traurige Sparsamkeit!

Uebrigens hatte uns jetzt der Feind die Waffenröhren abgeschnitten, und die kleinen Pumpen hörten auf zu laufen; aber die Oder konnte er uns nicht abschneiden, und wir brauchten nicht besorgt zu seyn, vor Durst zu sterben.

Beschluß der Geschichte der Blokade bis zur Uebergabe.

Von hier an, dem 17ten November, bis zum Tage der Kapitulation, dem 2ten December, läuft die Geschichte des Angriff's und der Vertheidigung, des ungewissen Schwebens der Gemüther zwischen Furcht und Hoffnung, der Divergenz in den politischen Meinungen, Ansichten, Wünschen, Aeusserungen xc. meist, ohne erhebliche Unterbrechung, in eben dem trocknen, einförmigen Gleise fort, wie die frühern Detail's dies alles bereits umständlich und wiederholt genug vor die Augen gelegt haben. Im Gange des Ganzen gleicht forthin ein Tag dem andern, eine Nacht der andern. -- Nur der Tage und Zeiten, welche etwas Besonderes, etwas Ausgezeichnetes mit sich brachten und dadurch einigermaßen bleibendes, historisches Interesse erhielten, kann füglich hier nur noch -- will man sonst nicht der Geduld des Lesers Gewalt anthun -- gedacht werden. -- Und so mache dann in der Reihe der merkwürdigen Auftritte sogleich

der 18te November

den Anfang! Denn ist auch gleich, an und für sich betrachtet, an diesem Tage nichts Großes und ausgezeichnet Preißwürdiges vorgefallen; so ist es doch, bei der Individualität einer nicht mit besonderer Energie ausgerüsteten, mehr zaudernden, als handelnden Besatzung, wenigstens nennenswerth, daß sie heute, Nachmittags 3 Uhr, einen kleinen, und noch dazu glücklichen Ausfall wagte. -- Vier Artilleristen wurden mit Pechkränzen, unter Bedeckung von 45 Freiwilligen, hinausgeschickt, um einem Häuflein Bayern, die auf der nahgelegenen Graudmühle sich geborgen glaubten, und von dort aus durch häufiges Schießen, besonders die Besatzung der Sternschanze, beunruhigten, das muthwillige Handwerk nachdrücklich zu legen. Die Mühle ward umzingelt. -- Der Angriff war lebhaft und muthvoll und der Sieg auf Seiten der Preußen bald entschieden. Und das Resultat desselben? -- Was anders, als einige Todten auf beiden Seiten; außerdem aber 22 Mann Gefangene nebst einem Subalternofficier, die alsbald wie im Triumph durch die gedrängten Reihen staunender Zuschauer mitgebracht wurden. Der Officier indeß erhielt schon wieder am folgenden Tage seine Freiheit. –

Den 24ten November.

Unstreitig merkwürdig ist dieser Tag in den Annalen des preußischen Patriotismus; denn die Herren von Rochow und von Stosch, Ersterer Kreisdeputirter auf Kleinkauer, Letzterer aber Landschaftsdirector, Baron, und Gutsbesitzer von Gleimig und Gustau, eilten, gegen Abend, versteht sich mit freundlicher Genehmigung des Belagerungscorps, in die Stadt, um, wie sie sagten, gerührt von den Bedrängnissen des Landmanns (der Gutsbesitzer?) und angetrieben von ädlem Eifer für des Landes Wohlfahrt, das Gouvernement und die Kommandantur durch Vorstellungen und Bitten zur Uebergabe der Festung zu bewegen! Ihre patriotischen Bitten sind in Erfüllung gegangen -- mögen sie nun auch vor allen der geretteten Landeswohlfahrt recht froh werden! -- -- -- -- Traurig aber ist derselbe Tag für die Spezialgeschichte der Stadt: ein Knabe, das Kind eines Unterofficier's, ward auf der Straße, von einer Kugel tödtlich getroffen, und gab bald nachher seinen Geist auf. Ein gleicher Fall betraf späterhin eine Dienstmagd. -- Dies ist dann aber auch alles, was eine ungünstige Laune des Schicksals als wirklich schmerzlich und betrübt über den friedlichen Civilstand verhieng. –

Den 27ten November.

Gleich der Morgen brachte die traurige Nachricht, daß in der Nacht 100 Mann des Bataillons von Zastrow desertirt seyen. Man wollte indeß wissen, daß nur ein geringerer Theil aus freiem Entschlusse zu diesem schändlichen Komplotte sich verstanden habe; indem nämlich der größere, bloß durch die Vorspiegelung, als solle ein Ausfall gemacht werden, irre geleitet, mit fortgegangen sei. -- Doch 100 Mäntel und 100 Pfund Fleisch aus den reichen Magazinen hätten sie vielleicht sicherer, als selbst Pflicht und Ehre, und jede andere Rücksicht zurückgehalten. -- --

Den 1. December.

Der Feind hatte nun Verstärkung an Mannschaft und Geschütz bekommen, und mit Anbruch dieses Tages begann daher eine der lebhaftesten Kanonaden. Viele Granaden, und selbst auch Bomben kamen in die Stadt, und richteten, wie es nicht wohl anders seyn kann, bald hier, bald dort, einigen Schaden an. Beinah' kein Fenster blieb ganz. -- Kaum ließ das Schießen etwas nach, als sich schon wieder die Verhandlungen der Parlementairs, die beinahe keinen Tag ausgesetzt wurden, neuen, und wie es heut schien, den lebhaftesten Fortgang gewannen. Schon dies; später aber der gemessendste Befehl an die Garnison, bei Spießruthenstrafe, alles fernere Schießen einzustellen, verbreitete beim Civil, wie beim Militair, die ängstlichste Spannung, und gab der nun immer mehr in Umlauf kommenden Vermuthung, daß wohl an die Kapitulation und Uebergabe der Festung mit Ernst gedacht werden möchte, den stärksten Vorschub. Und leider! bedurft' es auch nur des Anbruch's eines neuen Tag's,

des 2. Decembers,

um für dies alles die traurige Bestätigung zu erhalten. "Die Festung hat kapitulirt" so lief die Trauerbothschaft von Munde zu Munde. -- Die Bestürzung war allgemein und gerecht; denn Niemand wußte das Räthsel dieser sonderbar plötzlichen Katastrophe mit Bestimmtheit und genügend zu lösen. -- Die Garnison insbesondere schien dem wildesten Schmerze; ja der Verzweiflung selbst hingegeben. -- Tumultarisch schwärmte sie, wie eine zügellose Horde, Abends und den größten Theil der Nacht auf der Straße umher, und häufte Excesse auf Excesse. –

Der 3ten December

brach nun an -- und eine allgemeine stumme Trauer lag auf dem sonst so fröhlichen Städtchen. -- Der frühe Morgen schon versammelte das Militair auf dem Markte; aber auch da gab es keine Ordnung, keine Regel mehr. Der noch vor kurzem so überaus knapp und kurz gehaltne Zügel der Subordination war mit Eins zerrissen, und wie ein Strom, wenn er plötzlich aus langgewohntem, engem Ufer gewaltsam bricht, alles in wildem Strudel mit sich fortreißt: also wogten nun auch die wilden, feindlich losgelassenen Kräfte verderblich und eccentrisch durch einander. -- Hier zerschlug ein Soldat in unbesonnenem Uebermuthe seine Waffen; dort feuerte ein Anderer, dich unter den Augen seines Chef's, keck und kühn sein Gewehr ab -- dort wieder nahm ein Dritter seinen Officier in's Gebet und hielt ihm ein langes Sündenregister zur Abrechnung, Buß und Besserung, vor -- hier -- doch wer schildert jede einzelne Scene, wo, wollte man alles erschöpfen, tausend zu schildern wären! -- Genug, die stürmische Fluth bekam endlich ihren Abfluß! -- Bataillonsweise zieht die Garnison durch's Breslauer Thor und streckt auf dem Glacis das Gewehr -- die siegenden Belagerer eilen in die Stadt, an ihrer Spitze General Vandamme! -- -- -- Dies wäre denn also die vollendete Geschichte einer in den neuesten Annalen Glogau's Epoche machenden; mehr oder weniger aber auch auf das allgemeine Schicksal der preußischen Monarchie einwirkenden Begebenheit, -- und die Hauptfrage, die sich jedem wohlgesinnten Preußen, ja jedem redlichen Deutschen, wenn er diese Geschichte gelesen, mit feurigem Interesse zum Herzen drängt, und die ihm erlaubt ist, eben weil er gut preußisch und ein Patriot ist, dürfte nun unstreitig die seyn:

entsprach der Generallieutenant von Reinhardt, als Gouverneur und oberster Befehlshaber der Festung, dem Vertrauen, welches des Königs Majestät in ihn gesetzt hatte; erfüllte er die Pflichten, die ihm in dieser Qualität oblagen, treu, redlich nach ihrem ganzen Umfange?

Es kann hier nur Ort und Zeit seyn, diese Frage aufzuwerfen; nicht aber, sie zu beantworten: entfernte Layenansichten gnügen dazu nicht; nur das Auge, der in das kleinste Detail eindringende Scharfblick des Kunstgeweihten, erfahrnen Militair's kann darüber ein competentes Urtheil aussprechen -- nur der Gouverneur selbst soll es aussprechen. -- Soll es aussprechen? -- Nicht anders; denn über eine öffentliche Angelegenheit kann auch nur, nach der richtigern Idee, die Rechenschaft dessen, der diese Angelegenheit führte und leitete, öffentlich seyn -- er ist also diese Rechenschaft dem Publikum schuldig -- noch mehr aber dem Stande, dem er angehört und am allermeisten endlich seiner eignen Ehre. Denn -- warum sollt es verschwiegen bleiben? -- -- die öffentliche Meinung ist ihm nicht günstig, ist wenigstens über sein Verhalten in Zweifel und Ungewißheit. -- Die Ehre des Militair's gleicht ja aber der Sensitive, die schon von der fernsten Berührung im Innersten erzittert und -- nicht ohne Nutzanwendung auf jene -- auch unter der charakteristischen Benennung: Noli me tangere bekannt genug ist. -- Und so mögen denn, um dem Herrn General das Geschäft zu erleichtern, hier zum Schlusse, jedoch nur kürzlich, die Hauptfragen stehen, die das Publikum mit stets erneueten, bedenklichen Zweifeln sich aufwirft:

1) Traten wirklich auf einmal so dringend bestürmende Motiven ein, daß die Festung, nachdem sie sich nahe an die 4 Wochen gehalten, und die äussern Umstände, dem Anschein nach, keine auffallende, bedeutende Veränderung erfahren hatten, dem Feinde so plötzlich übergeben werden mußte?

Diese Frage ist um so wichtiger, und im Munde des schlesischen Patrioten um so verzeihlicher, als die Festung Glogau von der Seite, wo der Feind kam, den Schlüssel für ganz Schlesien abgab; bei längerer Weile, Succurs von Seiten der breslauischen Besatzung oder des plessischen Corps mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten stand; die Stadt selbst bis zur Uebergabe noch keiner bedeutenden Gefahr, keinen großen, folgereichen, tragischen Auftritten ausgesetzt gewesen, und der Muth der Bürger und des Militairs, mit Ausnahme weniger Verzagten, nur für den Augenblick lebender Seelen, ungeschwächt und fröhlich war, wie in den Tagen des ersten Beginnens. Man hat vorgegeben; Holzmangel habe zur Uebergabe bestimmt; allein das erscheint wahrhaft nicht anders, als die frostige Dichtung eines noch frostigern Herzens! -- --

2) Warum wurden die Magazine, mit Provision aller Art angefüllt; warum eben so der ganze, reiche Pulvervorrath dem Feinde, gleichsam mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit, überliefert und conservirt: indeß, während der Blokade, in der rauhesten, ungestümsten Jahrszeit, der, unter schwerem Dienstjoche seufzenden, Garnison kaum die nothdürftigste Bedeckung -- hie und da einmal ein alter Mantel, oft nur eine Pferdedecke! -- kaum die armseligste Verpflegung gereicht ward?

Dies sind um so auffallendere Erscheinungen, als, wie schon Seite 25 des ersten Hefts angeführt worden, der General von d. Marwitz zu Besorgung der Lebensmittel 10,000 Thaler erhielt; außerdem aber auch noch vor dem Anfange der glogauischen Drangsale eine nicht ganzunbedeutende, patriotische Beisteuer zur bessern Winterkleidung des Militairs zusammengebracht worden war. Wo blieb diese Beisteuer -- wem gereichte sie zum Nutzen? -- --

3) Warum wurde die Kapitulationnicht bekannt gemacht?

Die Feind waren da, ehe der ruhige Bürger es sich versah, und womit hatte er, der, während der ganzen Blokade, vernünftige Mäßigung und ruhig ausdauernden Sinn erwiesen, der am Gemein-Wohl und Wehe den nächsten, gefühltesten Antheil genommen hatte, es verdient, daß man ihn, allem sonstigen Kriegsbrauch, und der Natur der Sache, die eine öffentliche ist, zuwider, über sein Hauptinteresse, über die Entscheidung seines eigenen und der Stadt Schicksal so ganz im Dunkel liess? -- -- Möge es all' denen, die bei Direction der Festungsvertheidigung thätig interessirten, bald und leicht gelingen, alle diese Bedenklichkeiten zu ihrer Ehre, und des Publikums Befriedigung zu lösen; möge insbesondere dem allgemein verehrten Herrn Major von Putlitz es einst, bei ruhiger Muse, gefällig seyn, seine so überaus entscheidende Stimme in dieser Angelegenheit öffentlich abzugeben! -- Gewiß, keine Freude wird über den Sieg der Wahrheit und der gerechten Sache grösser seyn, als die des preußischen Patrioten und deutschen Biedermann's! -- --


UmgebungGross-Glogau


Kriegsgeschichte von Bayern -- Berennung und Einnahme von Glogau..Bearbeiten

[2]
. . .

Zur Unterstützung dieses Entwurfs hatte auch das baierische Armee-Corps unter Jerome Napoleon Befehl, auf welches wir jetzt zurückblicken müssen.

Noch am 18ten October 1806 stand die 2te Division Baiern unter einsweiliger Anführung des Generals Mezanelli bei Plauen, wo gänzlicher Mangel an Lebensmitteln in der von so vielen Kriegsvölkern schon durchgezogenen Gegend zwang, einzelne Aussendungen zu machen, und die nöthigen Bedürfnisse aufzutreiben. Dort geschah es, daß verzweiflungsvoll die sächsischen Landleute in den Dörfern Kindersdorf, Seiklendorf und Schilbach bewaffnet aufstanden, den Oberlieutenant Zintel vom dritten Regiment, mit seinen 24 Mann überfielen, ihn selbst mit andern verwundeten, und andere tödteten. Die Rache folgte, schwerer, als sie bestimmt war. Das Anzünden vom Hause des entflohenen, schuldigen Schulzen von Kindersdorf zog die Einäscherung des ganzen Dorfes nach sich. Mezanelli rückte darauf mit seiner Division nach Dresden (22ten October). Dieselbe Richtung nahm auch die erste Division unter Generallieutenant Deroy von Ingolstadt (19ten October) über Baireuth. Ihr folgte in Entfernung eines Tagmarsches, von Vietigheim her, das würtembergische Contingent. *)

*) Aus fünf Infanterie-Regimentern, zwei Jäger- und zwei leichten Bataillons, so wie aus drei Cavalerie-Regimentern bestehend.

Von Dresden gieng der Zug der zweiten baierischen Division (31ten October) über Cotbus und Guben nach Crossen (7ten November), wo bedeutende Getreid- und Salz-Vorräthe auf der Oder erbeutet wurden. Jerome ließ noch denselben Tag, da man in Crossen einrückte, drei Regimenter baierischer Reiterei, die Chevauxlegers König und Leiningen, und Taxis Dragoner bis Glogau rücken, unter Befehl des französischen Generals Lefebre. In Linie sprengten sie bis gegen das Pfahlwerk der Vestung an, schossen ihre Pistolen nach dem bedeckten Wege ab, und hielten, troz des heftigsten feindlichen Artillerie-Feuers, die Vestung umfangen, und beschossen die Stadt aus der leichten Batterie Caspers, **) die sie mit sich geführt hatten, bis die Division Deroy's nachrückte.

**) Diese aus einer 6 Pfünder Kanone und 2 Haubitzen bestehende Batterie empfing bei dieser Gelegenheit standhaft das heftigste Feuer aus dem Geschütze der Festung und hatte einige verwundete Soldaten.

Dieser war von Dresden ohne Verzug (3ten November) über Grüneberg, Neustadt und Prostau in Schlesien eingedrungen gegen Glogau, und hatte den General Raglowich mit einem Theil der Division ***) am linken, den General Siebein mit dem andern Theil *) am rechten Ufer der Oder, diese Stadt umschliessen lassen. (10ten November). Bald verstärkte ihn noch das Kriegsvolk des Königs von Würtemberg, befehligt vom Generallieutenant Seckendorf. Prinz Jerome schlug sein Hauptlager in dem kleinen, nahe der Vestung gelegnen Schlosse Ziebern auf.

***) Mit einer Fußjäger-Compagnie, zweien Compagnien des Bataillons Taxis, dem 2ten Bataillon des 1sten Infanterie-Leib-Regiments, dem 10ten Regimente Junker und einer halben Batterie.
*) Mit einer Fußjäger-Compagnie, zweien Compagnien des leichten Bataillons Taxis, dem 1sten Bataillon des Lein-Regimentes, dem 4ten und 5ten Linien-Infanterie-Regimente, einer und einer halben Fuß-Batterie, dann einer fahrenden Batterie.

Zum erstenmahle schien hier ein preußischer Befehlshaber mit Vertheidigung der ihm anvertrauten Veste Ernst machen zu wollen. Er wies jede Aufforderung ab; er glaubte sich an der Spitze von 2,400 Tapfern, und mit 200 Kanonen auf den Wällen, stark genug, Glogau so lang zu behaupten, bis sein König, dem noch ein kleines aber entschlossenes Heer von 25,000 Mann übrig geblieben war, oder bis die russische Macht, welche unter Benningsen 80,000 Mann stark, Preußisch-Polen durch schreiten sollte, Schlesien retten würde.

. . .

Die rasche Eroberung Schlesiens war ihm wichtig, damit der Rücken seiner Heermacht in Polen gesichert werde. Darum ward bei Glogau der Anfang gemacht.

Hier hatte die baierische Brigade Siebein am rechten Oderufer eine ausgedehnte Stellung, dem Brückenkopf der Vestung entgegen, eingenommen, links an den Fluß gelehnt. Eine Compagnie Fußjäger hielt die Dörfer Grätz und Zerbow besetzt, und hinter denselben eine Batterie, unter dem Oberlieutenant Hofstetten, aufgestellt. Diese Stellung unterbrach zwar die Verbindung zwischen Glogau und Fraustadt, war aber durch ihre große Ausdehnung im Fall eines feindlichen Ausfalles sehr gefährdet. Am 13ten November ward die Vestung zum erstenmahle aus sechs Batterien *) lebhaft, jedoch ohne Wirkung beschossen, weil das aufgeführte Geschütz nur leichtes, und 700 bis 1000 Schritt von den Werken entfernt war. **) Als der französische General Lefebre, begleitet vom baierischen Major Grafen Rechberg darauf in die Vestung gieng, dem Befehlshaber derselben, Generallieutenant Reinhard die Aufforderung zur Uebergabe zu erneuern, ward sie abgeschlagen. Das bewirkte der preußische Major Pudlitz vorzüglich, durch seine nachdrücklichen Erklärungen; auch ward er selbst Ueberbringer der Antwort.

*) Es waren die baierischen 6 Pfünder Batterien Roppelt, Göschl, Caspers, Vandouwe, Peters, die 12 Pfünder Batterie Tausch.
**) Ehrenvoller Erinnerung verdient hier der baierische Hauptmann Stonor des 5ten Linien-Infanterie-Regiments Preysing, welcher sich, freiwillig unterstützt durch den Lieutenant Kaspers eben dieses Regimentes, durch die Sergeanten Seebauer und Streussel, dann die Gemeinen Johann Leibel, Andreas Krammer, Beno Eberl, Anton Nossler. Wolfgang Holzner, Stauner, Homaier, und Gössel, den Fußjäger Andreas Moser, Klinger, Kopp und Krempl, den auf dem Glaçis der Vestung auf dem linken Oder-Ufer vor der neuerrichteten baierischen linken Flügel-Batterie befindlichen feindlichen sehr beträchtlichen Holzstoß näherte, solchen mit großer Gefahr anzündete, und dadurch den Feind eines Hauptmittels beraubte, sich der baierischen TruppenAufstellung ungesehen nähern und derselben bedeutenden Schaden zufügen zu können.

Zwei Tage nachher ward die Beschiessung wiederholt, doch nur aus vier Batterien. Während dem zog General Lefebre mit den Regimentern Taxis-Dragoner und Leiningen-Chevauxlegers, der leichten Batterie Kaspers und einem würtembergischen Reiterregiment aufwärts gegen Breslau.

. . .

Inzwischen gieng die unvollkommene Belagerung der Vestung Glogau langsam vor sich. Der Truppen waren zu wenig; es fehlte am nöthigen Geschütz. General Mezanelli, mit dem ersten und zweiten Regiment Chevauxlegers, mußte eine Vorposten-Kette zur Deckung des Einschließungscorps bilden, und zugleich die Verbindung mit General Lefebre, so wie mit der zweiten Division in Grünberg unterhalten. Der Obristlieutenant des vierten Chevauxlegers-Regiments, Michel, ward Befehlshaber aller sich zu Crossen sammelnden Reiterei-Depots in Schlesien, und General Minucci übernahm einsweilen den Befehl gesammten Fußvolks der zweiten Division.

Man beschoß die Vestung (16ten November) einige Stunden lang von neuem, ohne damit mehr, als einen heftigen Brand an zwei Orten zu stiften. Man sprach davon, die Werke zu stürmen, und die Neigung herrschte dazu überall vor; allein man stand von dem verwegenen Gedanken glücklicherweise ab, da man nicht einmahl einen Grundriß von dem festen Platze besaß. Einen schwachen Ausfall der Besatzung an demselben Tage wies der Oberstlieutenant Ströhl an der Spitze des baierischen Leib-Regiments sogleich zurück. Als gleichzeitig die würtembergischen Truppen unter Generallieutenant von Seckendorf eintrafen, bildete sofort die baierische Brigade Siebein den rechten Flügel des Belagerungs-Corps am linken Oder-Ufer, wo Hauptmann Stonor mit seinen tapfern Freiwilligen auf dem Glaçis der Vestung einen Ueberrest des Brennholzes verbrannte, der dem Feinde eben wichtig genug war, häufige kleine Ausfälle zu machen. Nach schmerzlicher mußte den Belagerten das Abgraben verschiedner Quellen werden, von denen sie bisher ihr Trinkwasser erhalten hatten. Dafür rächten sie sich (18ten November) durch Ueberfall der sogenannten Grundmühle, wo sie den Lieutenant Stengel mit zwanzig Baiern aufhoben.

Man erwartete nur das Belagerungs-Geschütz von Cüstrin. Baron Gravenreuth, Hauptmann beim Generalstab, und Ingenieur-Lieutenant Staudacher schlugen indessen, um die Verbindung zwischen beiden Oder-Ufern zu sichern, eine Brücke bei Peicha, eine Stunde unterhalb Breslau. Aber bald darauf erschien Befehl (25ten November), die Baiern sollten nach der Weichsel aufbrechen, die Würtemberger die Belagerung Glogau's unter Oberbefehl des französischen Generals Vandamme vollenden. Und am 3ten December ergab sich ihnen die Vestung wirklich, sobald einmahl endlich, durch Anstrengungen würtembergischer und baierischer Artillerie-Offiziere, *) das Belagerungs-Geschütz von Cüstrin auf der Oder herbeigeschafft war. Doch bis dahin war die Lage des Belagerungs-Corps allerdings nicht nur mühselig, sondern selbst gefahrvoll gewesen. Denn die Würtemberger hatten eine Umwallungs-Linie von einer Meile Länge zu besetzen gehabt; mußten ihre Reiterei auf den Straßen gegen Breslau in Thätigkeit halten; geraume Zeit drei ihrer Bataillons (zu Lissa und Mitteltribiz) entbehren, und wegen der großen Regen und Gebirgswasser jeden Augenblick ihre Ober-Communication bedroht sehen.

*) Von Letzteren der Oberstlieutenant Espiard de Colonge, die Lieutenants Weishaupt, Lessel und Kehler.


Würtemberger.Bearbeiten

[3]
Den 8. Nov. rückte das Würt. Corps in Krossen ein, wo sodann die Formation des Prinz Jerom'schen ArmeeCorps, welches zum 9ten der großen französischen Armee ernannt worden war, zu zwei Königlich Baierischen und der Würtembergischen Division erfolgte.

Die in 8 Regimentern bestandene Cavallerie dieses ArmeeCorps, wurde in 3 Brigaden getheilt, wovon die erste aus 3 Königl. Baierischen, die zweite, unter dem OberBefehl des französischen Generals Montbrun, aus den beiden Würt. Chevauxlegers Regimentern, und die dritte, unter dem franz. General Lefebres des Nouettes, aus dem Würt. JägerRegiment und zwei Baierischen Regimentern bestand.

Am 9. Nov. rückte das ArmeeCorps vor, und zwar eine Baierische Division mit dem HauptQuartier des Prinzen nach Grünberg, die zweite Baierische nach der Vestung Glogau, und die Würtemb. nach Züllichau. Die LinienInfanterie und Cavallerie wurde in und bei dieser Stadt, die leichte Infanterie auf den Straßen von Meseritz, Posen, Glogau und Grünberg aufgestellt.

Am 15. Nov. Wurden: -- GenMajor v. Lilienberg mit dem 1. FußjägerBataillon, den LinienInfanterie Bataillons Kronprinz und Herzog Wilhelm und 4 fußgehenden Piecen unter Hauptmann v. Bausch und Lieutenant v. Seckendorf, auf dem rechten OderUfer gegen Glogau, um eine Abtheilung der vor dieser Vestung gestandenen K. Baierischen Truppen, welche sich auf das linke Ufer begeben mußten, abzulösen, -- die beiden Chevauxlegers Regimenter unter General Montbrun, ebenfalls auf der rechten Oderseite zur Rekognoszirung gegen Polnisch Lissa und Fraustadt, und endlich -- die CavallerieBrigade Lefebres des Nouettes, auf dem linken OderUfer gegen Lissa, unweit Breßlau, detaschirt.

Letztere Brigade hatte den Auftrag, die Vestung Breßlau, welche auf der andern Seite bereits von Baierischen TruppenAbtheilungen beobachtet wurde, auch von dieser Seite zu beobachten, während Glogau belagert würde.

Das Gros der Division marschirte erst den 18. November ebenfalls gegen Glogau bis Kuttlau, wo dasselbe den 19. eintraf. Von hier aus mußte auch das 2te Fußjäger-Bataillon unter Obrist v. Scharfenstein, und das 1ste leichte Infanterie-Bataillon unter Obrist v. Neubronn, mit 4 Piecen reutender Artillerie zu dem General Montbrun nach Polnisch Lissa und Fraustatt abgehen, wobei die Ansicht war, Contribution an Lebensmitteln und andere ArmeeBedürfnisse einzutreiben.

Dem GeneralLieut. v. Seckendorf wurde das Commando der Blokade von Glogau übertragen. Er ließ die Bataillons v. Seckendorf und von Schröder auf dem rechten Ufer vorwärts von Kuttlau, bei dem Dorfe Zerbau stehen, und gieng mit dem übrigen Corps in der Nacht vom 24. Nov. über die Oder, um die Baiern, welche von da aufbrechen mußte, auch auf dem linken Ufer abzulösen, und nahm sein Hauptquartier abwechslend in Biegnitz auf dem rechten, und Brostau auf dem linken Ufer.

In den ersten Tagen, bevor die detaschirten 3 leichten InfanterieBataillons wieder eingetroffen waren, hatte GeneralLieutenant v. Seckendorf nur das 1ste Fußjäger- und die 5 Würtembergischen LinienInfanterie-Bataillons zu Besetzung der eine Meile langen CircumvalationsLinie zur Disposition, und nur 14 Piecen FeldGeschütz. Gen. Montbrun war jedoch befehligt, mit den beiden ChevauxlegersRegimentern und dem JägerRegiment zu Pferd, das nun auch zu seiner Brigade gehörte, eine Stellung bei Polkwitz zu nehmen, um dadurch die rechte Flanke des BlokadeCorps, so wie die Zugänge von Breßlau zu decken.

Um den schwachen Cordon möglichst zu verstärken, wurden in der Nacht vom 25. auf den 26. einige Brustwehren auf 600 Schritte vom Glacis der Vestung aufgeworfen, auch einige bereits von den baierischen Truppen aufgeworfene benutzt. Den Tag über wurde Feldgeschütz hinter diesen Brustwehren aufgepflanzt, und in angemessener Entfernung Infanterie- und CavallerieTrupps zu ihrer Unterstützung aufgestellt. Bei Nacht wurde das Feldgeschütz zurückgezogen, und die Brustwehren mit verstärkten InfanteriePiquets besetzt, welche ihre Vedetten bis an die Pallisaden poußirten. Hierbei kam es öfters zu kurzen Kanonaden und Plänklereien, wobei übrigens die Artillerie das Feuer der Vestung, welches meistens aus 24Pfündern geschah, nur mit leichten 6Pfündern und 7pfündigen Haubitzen beantworten konnte.

Die Nähe der Vestung und die schwachen Brustwehren hätten dieses unthunlich gemacht, wenn nicht die Vorsicht getroffen worden wäre, daß schon in der Nacht vom 25. am Fuße des Glacis, den feindlichen Batterien gegenüber, mehrere Löcher gegraben worden wären, in welche den Tag über ganz tüchtige Scharfschützen gestellt wurden, welche, sobald die feindliche Artillerie zu spielen anfieng, gegen ihre Schießscharten feuerten, wodurch dieselbe behutsamer werden mußte.

Da durch viele Ueberläufer aus der Vestung die Gewißheit erhalten wurde, daß große Unzufriedenheit unter der Garnison herrsche, und vorzüglich Mißverhältnisse zwischen den Polnischen und deutschen Truppen, auch eine unter der Besatzung eingerissene Zügellosigkeit aus den Gesprächen bemerkt wurde, welche die Soldaten der Garnison häufig durch Zurufen mit den in jenen Löchern postirten Würt. Jägern unterhielten, so wurde von dem Würt. GeneralStab ein Sturm beschlossen, der in der Nacht vom 29. Nov. ausgeführt werden sollte, und wozu bereits die Disposition entworfen war. Es übernahm aber am 28. Nov. der französische DivisionsGeneral Vandamme das Commando der Blokade, und dieser genehmigte den Sturm nicht. Da um eben diese Zeit etlich' und zwanzig Stück BelagerungsGeschütz auf der Oder von Cüstrin angekommen war, welches man inzwischen wegen allzuhohem Wasser nicht mit Gewißheit erwarten konnte, so beschloß Vandamme, mit einer starken Beschießung der Vestung den Versuch zu machen. Er ließ jedoch zuvor den Commandanten zur Capitulation auffordern, was aber von diesem abgeschlagen wurde.

Am 29. Nov. wurde das BelagerungsGeschütz ausgeschifft und am 30. Nov. in der Nacht mit dem vorhandenen FeldGeschütz in 5 Batterien auf dem linken OderUfer, dem Dorfe Zerbau gegenüber gebracht, wozu die oben bemerkte Brustwehren diesen mußten, welche in dieser und der vorhergegangenen Nacht möglichst verlängert und verstärkt wurden. Starker Regen und sehr morastiger Boden machten das Einführen des schweren Geschützes in die Batterien äußerst beschwerlich; doch wurde dieses bewerkstelligt, ohne vom Feinde bemerkt zu werden. Sämmtliche Batterien wurden von den Kanonieren der reutenden und der 2 Fußbatterien bedient, welchen Handlanger von der Infanterie beigegeben wurden.

Am 30. Nov. mit Tagesanbruch fieng ein mit möglichster Geschwindigkeit und ununterbrochen unterhaltendes Feuer aus ungefehr 40 Geschützen an, welches die Scharfschützen in den Lüchern an dem Glacis bestens unterstützten. Die Kanoniere feuerten nur zum kleineren Theil auf die feindlichen Batterien, und zum größeren mit den WurfGeschützen auf die Stadt. Der Feind beantwortete dieses Feuer lebhaft, bis gegen Mittag Vandamme solches einstellen, und durch einen Parlamentär den Commandanten, GeneralLieutenant v. Reinhardt wiederholt auffordern ließ; worauf dann eine Capitulation erfolgte, nach welcher die 3000 Mann starke Besatzung am 3. Dez. mit militärischen Ehrenzeichen ausmarschirte und auf dem Glacis das Gewehr streckte.

Man fand 208 Kanonen und Munition im Ueberfluß.

Das Breßlauer und OderThor wurden schon am 2. Dezember von dem Bataillon Kronprinz besetzt.

Der Verlust an Mannschaft, während die Truppen vor Glogau standen, war im Ganzen sehr unbedeutend, und erstreckte sich meistens nur auf die Scharfschützen und die Artillerie, von welcher letzteren ein Lieutenant v. Seckendorf durch einen unglücklichen Zufall in der Nacht vom 22. November von einer Würtemb. Vedette erschossen wurde.


Zeitungsnachrichten.Bearbeiten

[1806]

[4]
Die Uebergabe der Festung Großglogau in Niederschlesien bestätigt sich officiel. Folgendes sind die nähern Berichte hierüber: "Die Blokade dieser Festung wurde den 19. Nov. dem Königl. Würtembergischen Armeecommandanten, Generallieutenant von Seckendorff, übertragen. Auf dem linken Ufer der Oder hielten die Königl. Würtembergischen Truppen, und auf dem rechten Ufer dieses Flusses die Königl. Bayerischen Truppen die Festung eingeschlossen. Mit stürmender Hand solche einzunehmen, ward schon den 20. Nov. beschlossen; allein bey näherer Untersuchung, da man in Ermangelung eines Grundrisses von der Festung nur auf sehr unbestimmte und unsichere Angaben hatte bauen können, fand sich dieses unthunlich. Den Feind aber durch Bombardement zur Capitulation zu bewegen, war gegenwärtig noch nicht möglich, da das Würtembergischen und Bayerische Geschütz, so lebhaft es auch das Feuer unterhielt, von zu schwachem Caliber war, und das von Küstrin aus erwartete Belagerungsgeschütz noch nicht angekommen war. -- Den 24. erhielt Generallieutenant von Seckendorff den Befehl, die Bayerische Division des Generals Deroy, welche bis jetzt auf dem rechten Ufer der Oder die Festung blokirt gehalten hatte, abzulösen, und folglich mit dem demselben anvertrauten Armeecorps die Belagerung allein zu übernehmen. -- Da nun die Circumvallationslinie, welche die Würtembergischen Truppen einnehmen mußten, über eine Meile lang war; fast sämmtliche Cavallerie aber die Zugänge von Breslau her besetz halten mußte; desgleichen auch drey leichte Bataillons, welche zu Lisse und Mittel-Tribiz detaschirt standen, erst den 26. Nov. zum Belagerungscorps eingezogen werden konnten, so war den 25. die Lage der Truppen, welche von allem schweren Geschütze entblößt waren, und da überdies das schlechte Wetter und häufige Regengüsse die über die Oder geschlagene Schiffbrücke, welche die Communication der Truppen bewerkstelligte, stäts wegzuschwemmen drohte, -- einer Festung gegenüber, in welcher 3000 Mann mit allem Nöthigen versehen lagen, allerdings höchst mißlich. Doch vereitelte die Wachsamkeit und Thätigkeit sowohl der Bedeckungstruppen, als auch des Belagerungscorps alle Unternehmungen des Feindes. Den 29. kam das erwartete Belagerungsgeschütz von Küstrin auf der Oder an, und wurde den 30. in die Batterien eingeführt, welche den 1. Dec. früh halb 6 Uhr von den Würtembergischen Artilleristen und einigen zurückgebliebenen Bayerischen Feuerwerkern bedient, dergestalt ihr gut angebrachtes Feuer unterhielten, daß der Commandant der Festung, Generallieutenant v. Rheinhard, auf die Aufforderung des Generals Vandamme, (welche einige Tage früher auf Befehl des Kaisers Napoleon die Belagerung mit den Würtembergischen Truppen fortzusetzen commandirt war) veranlaßt wurde, zu capituliren. In Gemäßheit dessen streckte die 3000 Mann starke Garnison den 3. Dec. nach geschehenem Ausmarsch aus der Festung vor den Königl. Würtembergischen Truppen ihre Gewehre. In der Festung befanden sich 100 Canonen, und sowohl Munition, als auch Lebensmittel im Ueberfluß."


Quellen.Bearbeiten

  1. Neue Feuerbrände. Herausgegeben von dem Verfasser der vertrauten Brief über die innern Verhältnisse am Preussischen Hofe seit dem Tode Friedrichs II. Ein Journal in zwanglosen Heften. Amsterdam und Cölln, 1807. Bei Peter Hammer.
  2. Kriegsgeschichte von Bayern unter König Maximilian Joseph I. Von Ed. Frh. v. Völderndorff u. Waradein, Major im Königlich-Bayerischen General-Quartiermeisterstabe. München, 1826. Gedruckt bey Michael Lindauer, K. Hofbuchdrucker.
  3. Tagebücher aus den zehen Feldzügen der Würtemberger unter der Regierung Königs Friderich. Ludwigsburg. Im Verlag bei Friedrich Nast. 1820.
  4. Wiener Zeitung Nro. 103. Mittewoche, den 24. December 1806.


Literatur.Bearbeiten

  • Geschichte des Angrifs, der Blokirung, und Uebergabe von Glogau. Nebst einem Blick auf den Krieg zwischen Preußen und Frankreich, nebst einem Schrei des Erstaunens über die Begebenheiten seit dem 10ten Octob. 1806, von Carl Friedrich Benkowitz. Leipzig, bei Heinrich Gräff, 1807.
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