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Belagerung von Neisse (23 Feb. - 16 Jun. 1807).

Neisse. Vor und während der Belagerung.Bearbeiten

Lage der Stadt und der Festung, und näheres Detail der letzteren.Bearbeiten

PanoramaNeisse BL


Wenn man von Breslau nach Neiße kommt, so sieht man nicht eher diese Stadt, als bis man die Höhe des so genannten Kapellenberges erreicht hat. Dann erblickt man die Stadt mit allen ihren Umgebungen in einem Thale, das von dieser Seite von vielen Erhöhungen umgeben ist. Die Stadt selbst hat ein finsteres trübes Aeußeres, ist in altem Geschmack, mit den Giebeln nach der Straße zu gebaut. Sie hat mehrentheils enge, wenig breite Straßen, die durch die hölzernen Dachrinnen, die zwischen den Häusern oft sehr weit über die Straße hervorragen, ein widriges Aeußeres erhalten. Der einzige geräumige Platz ist der Ring (Markt). Die Einwohnerzahl beläuft sich nicht über 6000, welche fast alle katholisch sind, denn man findet hier unter acht Klöstern und Kirchen nur eine Lutherische. Die Stadt nährt sich vom Handel, der Viehzucht und Brauerei. Die Einwohner selbst sind selten reich, die mehrsten gehören zum Mittelstande. Auf der Morgenseite fließt die Neiße durch die Stadt, und auf der Abendseite die Biele. Letzterem Flusse hat sie vorzüglich auf der Seite, die an sich sehr eben und tief ist, einen großen Theil ihrer Unzugänglichkeit und Sicherheit gegen feindliche Anläufe zu danken.

Was die Festungswerke betrift, so gehört Neiße in dieser Hinsicht zu den ersten Festungen. Von der Morgenseite ist sie mit einem großen Retranchement, das Kapuziner-Retranchement genannt, umgeben, welches Friedrich der Große anlegen ließ; und dazu bestimmt zu seyn scheint, eine große sich zurückziehende Armee aufzunehmen, indem der Raum in demselben sehr groß und ausgedehnt ist. In seinem Innern liegt ein Theil der Vorstadt, die Mährengasse genannt, das Kapuzinerkloster, mehrere Kornfelder und Magazine. Auf dem rechten Flügel führt die Grottkauer Barriere durch die übrigen Festungswerke zur Stadt. Auf dem linken Flügel dehnt sich dies Retranchement an das Bombardier-Fort; doch ist zwischen beide keine Kommunikation. Dies Retranchement ist also ein für sich bestehender Werk, das sich selbst vertheidigen, und wo die Besatzung bei einem Hauptsturme sich auf die verschiedenen, im Rücken verpallisadirten Bastionen dieses Retranchements, wenn sie geworfen würde, zurückziehen und sich so lange vertheidigen muß, bis Sukkurs aus der Stadt herbeieilt, und dem Feinde das fernere Eindringen unmöglich macht. Dem Feinde dies Retranchement überlassen und sich zurückziehen, wäre nicht nur sehr schwierig, sondern auch unverantwortlich; es wäre ein sehr großer Fehler gegen die Vertheidigungskunst und verriethe die gränzenloseste Dummheit des Kommandierenden. Schwierig wäre es deshalb, weil nur eine Barriere (Kapuziner-Barriere) auf dem linken Flügel geöffnet werden kann, durch welche sich immer nur ein sehr kleiner Theil dieser Besatzung in die Stadt zu werfen im Stande ist, und Gefahr läuft, theils vom Feinde niedergehauen zu werden, theils auch mit dem Feinde zugleich in die Stadt einzudringen. Fehlerhaft, unverantwortlich und unüberlegt wäre es aber aus dem Grunde, weil der Feind, wenn die Besatzung das Retranchement verlassen hätte, die Brust desselben tourniren, und von hier aus nicht nur auf die Stadt, sondern auch der Besatzung im Rücken schießen würde. Dies Retranchement muß also vorzüglich gut besetzt und bis auf den letzten Mann vertheidigt werden. Es zu ersteigen, mögte für den Feind auch wohl ein verzweifeltes Unternehmen seyn, da der Graben sehr tief und breit ist. Im Graben so wie auf dem Glacis können Wolfsgraben angelegt werden, und so ist es also, freilich nur bei gehöriger Aufmerksamkeit und Wachsamkeit der Besatzung, sehr schwierig, es zu ersteigen. Die vorliegenden Berge, von denen dies Werk dominirt wird, sind zwar für die Besatzung ein sehr großes Hinderniß, indeß kann mun sich gegen die feindlichen Kugeln durch eine gute Verschanzung, Erhöhung der Brustwehr, oder Senkung der Batterieen sichern. Dem Feinde würde man zwar, und besonders bei Nacht, das Einschleichen in die verschiedenen sich hin und wieder zwischen den Bergen hinziehenden Schluchten und Hohlwegen nicht verwehren; indeß würde man ihm auch mit dem auf den verschiedenen Posten placirten Wurfgeschütz großen Abbruch thun können. Um sich durch diese nicht unvermerkt den Werken zu nähern, ist Aufmerksamkeit und Wachsamkeit der Besatzung erste Pflicht.

Wendet man sich durch die Grottkauer Barriere links gegen die Werke der Stadt, so führt ein an der ersten Zugbrücke rechts gelegener Damm an die so genannte Kapuziner-Redoute. Diese ist mit einem tiefen Wassergraben umgeben, und dient dazu, von hier aus, so wie vom Bombardier-Fort, und aus denen an die Kapuziner-Barriere des linken Flügels placirten Geschützen, den Feind, wenn er sich im Retranchement festgesetzt hätte, zu beschießen. Zwischen der Zugbrücke und der genannten Redoute, liegt eine Schleuse, deren bei Neiße 24 sind. Zu welchem Behufe dieselben hier erbauet sind, werde ich weiter unten sagen.

Geht man über die Zugbrücke, die über die Neiße führt, so kommt man rechts in die äußere Enveloppe, die sich von hier aus um die ganze Stadt erstreckt, und mit allen Thoren in Verbindung steht. Auf jener Seite bildet dieselbe die äußere Linie der Festungswerke. Links von der Zugbrücke kommt man auf die Schleuse Nr. 14, einen sehr wichtigen Außen-Posten, von dem man die Höhen und einen sehr großen Theil der Ebenen bestreichen kann. Auch wird von ihr das Kapuziner-Retranchement unterstützt. Vor der Fronte dieser Schleuse fließt die Neiße, und der Feind kann nur dadurch, daß er sich mit Fahrzeugen nähert, die Schleuse bestürmen. Die linke Flanke dieser Schleuse nach dem Retranchement zu, hängt zwar mit dem Lande zusammen, und dies wäre allenfalls für den Feind der zugänglichste Ort; die Besatzung aber, wenn sie allart ist, würde des Annähern verhindern. Auch der rechte Flügel des Kapuziner-Retranchements würde ihr hierin zu Hülfe kommen. Im Rücken dieser Schleuse befindet sich eine Brücke, die ebenfalls in die äußere Enveloppe führt. Sie hat vor der Fronte einen Graben, der von der Biele bewässert wird. Eine, am Neustädter Ravelin gelegene Brücke dient zur Passage zu und aus der Stadt. Bei Belagerungen wird sie abgebrochen, um dem Feinde das Eindringen zu verwehren; dafür sind hier kleine Fähren, die dazu dienen, die zu einem Ausfall bestimmte Mannschaft überzusetzen. Im Rükken der äußern Enveloppe befindet sich auf beiden Seiten der Stadt eine zweite Umgebung, die innere Enveloppe genannt, die die äußere dominirt, um jene im Fall der Noth unterstützen zu können. Da aber bei Belagerung einer solchen Festung wie Neiße, bei der zu großen Ausdehnung der Festungswerke, eine ungeheure Menge Geschütz erforderlich ist, so kann gewöhnlich die innere Enveloppe nicht armirt werden, und sie kann also nur dazu dienen, um bei einem heftigen Eindringen des Feindes mit den kleinen Kanonen in der größten Eile dahin zu retiriren, die größeren zu vernageln, und sich während der Retirade mit Kartätschen den Feind abzuhalten. Aber auch hier wird sich die Be- atzung nicht halten können und muß sich auf den Hauptwall, der beide Enveloppen dominirt, werfen. Um aber auch hier dem Feinde Hindernisse entgegen zu stellen, muß die retirirende Besatzung die Brücken hinter sich aufziehen und wenn es möglich ist, sie ganz abbrechen.

Dieser Hauptwall umgiebt ebenfalls die ganze Stadt, und liegt ihr am nächsten. Vier Brücken führen auf der Abendseite durch das so genannte Zollthor, sechs Brücken auf der Morgenseite durch das Berliner und Breslauer Thor auf den Hauptwall, deren hervorspringende äußere Winkel Bastionen heißen. Von hier aus kann die ganze umliegende Gegend übersehen, alle Seiten können beschossen, alle Linien bestrichen werden. Doch kann auf der Morgenseite der Hauptwall erst dann thätig seyn, wenn die Besatzung das Kapuziner-Retranchement verlassen hat. Bastion Nr. 1. allein kann, weil es am höchsten gelegen, und den rechten Flügel des vorliegenden Retranchements und der Schleuse Nr. 14. dominirt, beide vorliegende Posten ansehnlich unterstützen. Auf den übrigen Seiten, und von den übrigen Posten des Hauptwalls, sind der Thätigkeit desselben keine Hindernisse entgegen gestellt.

Wir gehen jetzt, nachdem wir die der Stadt zunächst gelegenen Festungswerke kennen gelernt haben, zum Berliner Thor hinaus, zwischen den beiden Enveloppen durch, und kommen dann über eine große Zugbrücke über die Neiße in die Friedrichsstadt. Auch diese ist von Werken eingeschlossen. Auf der Morgenseite liegt das große Kapuziner-Retranchement, von dem sie aber durch einen graben, der sich rechts an die Kapuziner-Redoute, und links an das Bombardier-Fort hinzieht, und über welchen eine Brücke durch die Kapuziner-Barriere führt, getrennt ist. Auf der Mittagsseite die Stadt mit ihren Festungswerken. Auf der Abendseite das Inundations-Retranchement, bestehend aus der Kardinals-Redoute und Schleuse Nr. 1., welche beide an die äußere Enveloppe gränzen und von ihr unterstützt werden. Auf der Mitternachtsseite liegt das Fort Preußen, die Jerusalemmer-, die Kaninchen-Redoute und kasemattirte Batterie. Die Kaninchenredoute liegt auf einem Berge, wie die kasemattirte Batterie, links von und vor dem Fort Preußen, und ist stark befestigt. Doch können sich alle drei Werke sehr gut einander sekundiren. Das Inundations-Retranchement hat daher seinen Namen, weil nicht nur dies ganze Werk zur Zeit der Belagerung, vermöge der 24 Schleusen, durch die das Wasser der Biele und Neiße gespannt wird, sondern sogar die Dörfer, die eine Viertelmeile von den Werken entfernt liegen, gänzlich unter Wasser gesetzt werden können. An diesem Retranchement liegt eine Barriere, durch welche man auf einem hohen Damm, der wegen seiner Höhe nicht überschwemmt wird, zum Blockhause gelangt.

Nach dieser Beschreibung sieht man sehr bald, daß die Festungswerke auf dieser Seite freilich nicht so wichtig sind, als die auf jener, und dies fällt sogleich in die Augen, wenn man von dieser Seite nach Neiße kommt. Dann scheint es, als wäre die Festung bei weitem nicht so wichtig, als sie es ist, und doch ist es für den Feind weit schwieriger, sich ihr von dieser, als von jener Seite zu nähern. Da diese Seite die schwächste ist, so ließ Friedrich der Große, um von da aus Neiße vorzüglich zu sichern, dies Retranchement nebst den vielen Schleusen, mit dem ungeheuersten Kostenaufwande anlegen. Noch immer gaben die ihm folgenden Regenten jährlich große Summen zur Ausbesserung und Aufrechthaltung derselben her, und gerade zu einer Zeit, wo man sich von ihrem Nutzen so große Versprechungen machte, leisteten sie am wenigsten, und bewogen den Feind, nicht von jener, sondern von dieser Seite anzugreifen. Doch hiervon Mehreres an seinem Orte.

Ueber die Friedrichsstadt und deren Festungswerke, ist ein besonderer Kommandant gesetzt, da eigentlich die Friedrichsstadt mit ihren Werken zur Zeit der Belagerung mit der Stadt in gar keiner Verbindung steht, und die Besatzung der Friedrichsstadt, wenn auch die Stadt kapitulirte, sich dennoch halten kann und muß, wenn übrigens die Umstände von der Art sind, daß sie dies zulassen. Ueber die Stadt und deren Werke steht ein Gouverneur, der jedoch auch über die Friedrichsstadt und deren Besatzung das Gouvernement führt. Sein Ansehn hört aber auf, so bald der Kommandant nicht in die Uebergabe willigt.

Die Friedrichsstadt selbst ist klein, hat meistentheils nur einstöckige Häuser, schließt aber sehr viele Magazine, Verwahrungsörter, Kasernen und auch die Garnison-Apotheke in sich. Der Kommandant hat hier seine Wohnung, und die Besatzung thut nur hier und nicht in der Stadt, Dienste.

Alles was ich in diesem ersten Anschnitte gesagt habe, mußte ich gleichsam als Vorbericht für das Ganze voranschicken, um dem Leser wenigstens eine oberflächliche Bekanntschaft mit der Stadt und Festung zu geben, damit er aus der fernern Verfahrungsart, während der Belagerung selbst, sein Urtheil für das größere oder mindere Verdienst der Anführer und ihrer Untergebenen, folgern könne. Dem eigentlichen Nichtkenner, oder dem, der nie eine Festung gesehen hat, werden zwar die Benennungen der verschiedenen Werke fremd seyn, und er wird sich von ihrer zusammenhängenden Lage keine richtige Vorstellung machen können; indeß diese Skizze würde theils zu weitläuftig werden, wenn ich ihm dieselben nach der Lehre der Fortifikation zergliedern wollte, theils würde es mich auch von meinem Zwecke abziehen. Einen Plan kann und darf ich nicht beifügen; der Leser begnüge sich also mit dem, was ich gesagt habe, und gehe zu den folgenden Abschnitten über, die interessanter für ihn seyn werden.

Charakteristische Darstellung der Männer, denen das Kommando und die höchsten Stellen anvertraut waren.Bearbeiten

Es ist seht natürlich, daß wenn man über eine Sache ein richtiges Urtheil fällen will, man genau mit ihr bekannt seyn muß. So ist es auch hier. Bei den Festungen, die sich ohne den geringsten Widerstand, also auf schändliche Art ergaben, liegt es am Tage, daß die Männer, denen das Kommando anvertraut war, keine gewissenhafte, verständige, ehrliche und patriotische Menschen waren. Anders verhält es sich aber mit denen, die sich lange hielten, und dennoch fielen. Hier wäre das Urtheil hart und vorschnell, wenn man sagen wollte: auch hier war der Gouverneur oder der Kommandant ein dummer, ein treuloser, ein feiger Mensch! Ich werde jetzt die ersten Männer von Neiße gewissenhaft aufführen.

Als Gouverneur stand an der Spitze der General-Lieutenant von Steensen, ein Däne und ein und siebzig jähriger Greis, der vierzig Jahre dem König diente. Ob er gleich sehr schwächlich war, kaum mehr gehen und nicht mehr schreiben konnte, da ihm ein Schlagfluß seine Glieder gelähmt hatte, so kann man doch nicht sagen, daß er sich der Sache nicht ernstlich angenommen hätte. Seine Befehle waren gut und zweckmäßig, und ob er gleich nicht immer alles selbst ausführen konnte, so unterstützten ihn der G. L. v. d. Lahr und sein Adjutant der Lieutenant Schmidt vom Mineur-Korps ernstlich und gewissenhaft.

Ich glaube, daß er mehr gethan hat, als ihm seine Kräfte zu thun gestatteten. Etwas mehr Strenge und Entschlossenheit hätte vielleicht viel bewirkt. Er war nicht wie viele andere kommandirende Generale, die bloß deshalb, weil sie befahlen, Gehorsam wissen wollten, sondern er hörte auch diejenigen, denen er es zutrauete, daß sie diese oder jene Sache, mit der er nicht so ganz bekannt war, besser als er, würden beurtheilen können. Hätte er sich weniger vom Herrn W. leiten lassen, und dafür lieber einen vernünftigen Mann zum Rathgeber gewählt, so würde manches besser gegangen seyn. Uebrigens war der Gouverneur vom Stolz und der Herrschsucht entfernt und behandelte jeden seiner Untergebenen auf eine Art, wie sie sich derselben mehr oder weniger würdig machten.

Als Kommandant der Friedrichsstadt folgte auf ihn der G. M. von Weger, ein Schlesier. Er war ein alter und schwächlicher Mann, der ebenfalls nicht mehr leisten konnte, als er leistete, da seine Verstandeskräfte und sein Gedächtniß schon sehr schwach waren. Er war in seinen Befehlen pünktlich und bestimmt, ließ sich zwar für den ersten Augenblick, wo er etwas befahl, selten anders stimmen, widerrief aber auch bald seine Befehle, und ersetzte sie durch bessere, wenn er sah, daß die ersteren nichts fruchteten. Da diese beiden genannten Männer keine Freunde waren, so sah man sie selten eigentlich freundschaftlich mit einander sprechen oder sich berathschlagen, was doch billig solchen Männern sehr wichtig seyn sollte. Daher kam es denn auch, daß manche Befehle nicht so ausgeführt wurden, als er hätte geschehen sollen. Etwas mehr Unpartheilichkeit würde dem Kommandanten, einem übrigens ganz achtungswerthen Manne, sehr zu empfehlen gewesen seyn. Er liebte seine Infanterie zu sehr, und war hart und auffahrend gegen die Offiziere der Artillerie, die ihm eigentlich doch die wichtigsten Dienste leisteten. Und dies war die Ursache, warum es so oft zwischen den Offizieren zu Händeln kam. Der Artillerie-Offizier darf während der Belagerung schlechterdings sein Ansehn nicht vergeben, so bald er seinen Dienst versteht, und dies muß man den Artillerie-Offizieren, die in Neiße gegenwärtig waren, zum Ruhm nachsagen. Der Artillerist weiß bei solchen Fällen am besten zu überlegen, was geschehen müsse, er kennt die Dinge, die der Infanterist oft nur dem Namen nach kennt, genau, da sie in sein Fach gehören, und ihm und dem Ingenieur muß es daher einzig und allein überlassen bleiben, wie sie, wenn sie übrigens rechtliche Männer sind, verfahren wollen und können. Wie widersinnig war daher der Befehl des Kommandanten, daß auch die Artillerie unter den Befehlen des wachthabenden Infanterie-Offiziers stehen sollte!? Der Infanterie-Offizier ist dann ein tüchtiger Offizier, wenn er die verschiedenen Manövres und Evolutionen kennt und auszuführen versteht, und die dazu gehörigen Kenntnisse und Wissenschaften erlernt hat. Indeß er versteht deshalb noch nichts von der Artillerie, weil dies ein eigenes Studium ist, und die Wissenschaften, die dasselbe erfordert, bei einem Infanterie-Offizier selten gefunden werden. -- Sein Adjutant, der Lieutenant v. K..., hatte eigentlich gar keine Kenntnisse. "An den General melden!" damit waren seine Befehle, die er an Offiziere gab, -- "rein ausprügeln!" damit die an Unteroffiziere und Soldaten zu bringenden Befehle verbunden. Der G. L. v. d. Lahr, Chef des Mineur-Korps, war zwar schon ein Mann von drei und siebzig Jahren, aber noch sehr rasch. Es ist bekannt, was für wichtige Dienste er dem Staate geleistet hat. Man versprach sich zuerst, ehe der Gouverneur Kränklichkeits halber wieder erscheinen konnte, sehr viel von ihm, aber niemand wußte es sich zu erklären, warum er während der ganzen Belagerung sich eigentlich so passiv verhielt. Wollte er sich deshalb nicht in Angelegenheiten mischen, weil er nicht Gouverneur oder Kommandant war? -- Das läßt sich von einem so klugen und rechtschaffenen Mann nicht erwarten. Sein Rath hätte vielleicht manches nutzen können. Nur Schade! daß er zu sehr an sich hielt.

Der General v. Pelchrczim, Chef eines in Neiße garnisonirenden Infanterie-Regiments, war ein guter, aber alter und schwächlicher Mann. Weiter läßt sich von ihm nichts sagen, da der Tod noch vor der Annäherung der Feinde seine Leben ein Ende machte.

Der Obrist Wernitz, Kommandeur en Chef der ganzen schlesischen Festungs-Artillerie und Kompagnie-Chef in Neiße, war ein zwei und siebzigjähriger Greis, der sein Fach ganz verstand, der aber zu friedlich gesinnt war, um manches durch seinen Rath und seine Vorstellungen zu verbessern, oder wohl gar widersinnigen Befehlen ernstlich und mit Nachdruck zu widersprechen. Er bat die Seinigen, wenn sie sich über Härte der Befehle beklagten, um Geduld, Ausdauer und Hoffnung auf bessere Zeiten. Feigheit und Angst kannte er gar nicht, denn er war der einzige Staabs-Offizier, der selbst während des fürchterlichsten Bombardements die Werke durchging, selbst Hand anlegte, und die Artilleristen ermunterte.

Der Major v. Jarroy. Ein Ingenieur, ein tüchtiger und geschickter Mann, in seinen besten Jahren. Etwas Eigenliebe und Herrschsucht konnte man ihm wohl verzeihen, da er eben so patriotisch und brav war. Seine Untergebenen, die Ingenieur-Kapitains Schulz und Vatteri, und der Lieutenant v. Hülsen waren thätige und geschickte Männer, die sich keine Mühe verdrießen ließen. Von den übrigen Offizieren der Infanterie waren die mehrsten brav, patriotisch und voll Feuer. Die Artillerie-Officiere, deren nur sehr wenige waren, und deshalb oft Wochen lang in Feuer standen, waren unermüdet und thätig. Dies waren die Offiziere, die ich vorfand, als ich nach Neiße kam, und von diesen kann ich also auch nur jetzt eine Schilderung machen. Die, welche später kamen, werden meine Leser der Ordnung halber auch später kennen lernen.

Anstalten zur Armirung und Proviantirung.Bearbeiten

In der Mitte des Novembers 1806 kam ich nach Neiße. Es wurden thätige Anstalten zur Armirung unternommen, da Glogau schon gefallen und mit Wahrscheinlichkeit auf eine baldige Annäherung des Feindes zu rechnen war. Alle verabschiedete und pensionirte Soldaten aus dem Kreise wurden nach Neiße beordert, um wieder Dienste zu nehmen. Die mehrsten von ihnen wurden zur Artillerie gegeben, da diese sehr schwach war. Täglich mußte eine große Anzahl Bauern an den Festungswerken arbeiten. Doch war man immer noch nicht einig, welche Werke man denn eigentlich am stärksten mit Geschütz besetzen wollte. Da die mehrsten der Meinung waren, daß der Feind wahrscheinlich auf der Morgenseite sich lagern werde, indem man sich auf die Schleusen verließ, wodurch man jene Seite überschwemmen und unzugänglich machen wollte, so wurde auf dieser Seite natürlich am meisten gearbeitet. Es wurden demnach lauter 24-Pfünder, die hier natürlich die mehrste Wirkung thun konnten, auch einige 12-Pfünder, jedoch wenig Wurfgeschütz, wodurch man die Hohlwege hätte bewerfen können, auf dem Kapuziner-Retranchement placirt. Vorzüglich wurde das Fort Preußen, die Kaninchen- und Jerusalemmer-Redoute sehr stark, auch mit mehrerem Wurfgeschütz versehen. Eben so fleißig wurde auf dem Hauptwall gearbeitet, und dieser, wie die Schleuse 14, stark besetzt. Auf die Enveloppe und übrigen Posten placirte man nicht so viel Geschütz. Aus dem ganzen Kreise mußten die Bauern und Edelleute Bäume ans ihren Forsten zu Pallisaden liefern und sie anfahren. Mit diesen wurden nicht nur die schwächsten Außen-, sondern auch die innern Werke umgeben. Die Riegelitzer- und Kapellen-Bastionen, auf dem Kapuziner-Retranchement gelegen, wurden auch im Rücken mit starken und hohen Pallisaden und Thorwegen umgeben, damit die Besatzung, wenn sie geworfen werden sollte, sich hier hineinziehen, um, wie ich oben schon gesagt habe, sich gegen den einstürmenden Feind vertheidigen zu können. Bei andern, ohnedies schon geschlossenen und stark gesicherten Posten, war dies nicht nöthig. -- Bombenfeste Magazine, zur Aufbewahrung der erforderlichen Munition, wurden auf jedem Posten angelegt. Während die Bauern diese Arbeit verrichten mußten, sorgten die Artilleristen für die Placirung ihrer Geschütze. Die Bettungen, auf denen dieselben gestellt werden sollten, und die viel zu hoch waren, wurden gesenkt. Jedoch blieb es dabei, daß die Geschütze über Bank feuern sollten, weil man in die Brust eines Werks nicht eher Schießscharten einschneiden kann, als bis man weiß, wo der Feind seine Batterie aufwerfen werde. An den Brücken und Barrieren auf den Dämmen der Neiße, an den Graben der Enveloppe u. s. w. wurden Pallisaden gesetzt. Alle in der Stadt und in der Nähe um dieselbe befindlichen Weiden wurden geköpft, um davon Faschinen und Schanzkörbe anzufertigen. In den Laboratorien wurde eben so fleißig Munition angefertigt, diese sogleich auf allen Posten vertheilt, und der übrige Theil in die Magazine geschafft.

Als man nun die Werke gehörig armirt und mit Munition versehen hatte, ging die erste Sorge dahin, die in der Bedienung der Geschütze noch unerfahrnen Leute darin zu unterrichten und zu üben, wozu täglich 4 bis 5 Stunden bestimmt waren. Sie lernten diese Behandlungsart so wie die verschiedene Munition sehr bald kennen, und ob es gleich schon zum Theil alte Leute waren, so hab ich nicht leicht Menschen gefunden, die sichs angelegener seyn ließen.

Auch für den Proviant der Festung war man sehr besorgt. Die Landleute mußten Ochsen, Schweine und Schafe liefern; ein großer Theil derselben wurde geschlachtet, das Fleisch eingesalzen und geräuchert, der übrige Theil gefuttert, um davon der Besatzung während der Belagerung frisches Fleisch zu liefern. Mehl, Getraide, viele Arten Gemüse, Heu und Stroh, wurden in die Magazine geliefert, und den Bürgern wurde von Gouvernements wegen anbefohlen, sich auf ein halbes Jahr mit Proviant zu versehen, oder die Stadt zu verlassen. Die Besatzung wurde vertheilt, und mit dem Posten, den sie vertheidigen sollte, bekannt gemacht, die Plätze wurden ihnen angewiesen, auf denen sie sich bei entstehendem Allarm versammeln sollte, um sogleich ihre Posten besetzen zu können.

Der Fürst von Pleß, als General-Gouverneur von Schlesien, kommt nach Neiße.Bearbeiten

Ein großer Theil der Königlich-Preußischen Länder war schon in den Händen der Feinde, und es mußte daher wohl jedem Patrioten auch um Schlesien, das dem Könige so theuer ist, bange werden. Wie patriotisch gesinnt die Schlesier in dem letzt geendigten Kriege waren, ist, so wie das Schreiben des Grafen Pikler an den König, hinlänglich bekannt. Die Schlesier wollten aus ihrer Mitte eine Armee aufbringen, sie bekleiden und besolden; sie baten um die Erlaubniß dazu, so wie um einen einsichtsvollen geschickten General. Der Anführer erschien, jedoch zu spät, denn der patriotische Verfasser jenes Schreibens hatte sich aus Unmuth über das Mißlingen seines Planes das Leben verkürzt. O hätte Preußen viele solcher heldenmüthigen patriotischen Unterthanen gehabt!!!

Dem König selbst war es um die Erhaltung der Schlesischen Festungen sehr zu thun. Dies beweis't, daß er dem General Reinhard, einem Manne, auf den er sein ganzes Zutrauen gesetzt hatte, den ehrenvollen Posten eines Gouverneurs in Glogau antrug; die vielen Kabinetsordres, die er an den Kommandanten in Schweidnitz, den Obristlieutenant von Hacke ergehen ließ, wo er ihm : "bei Verlust seines Korps" die Erhaltung der Festung anbefahl, oder, im Fall sie dennoch fallen würde, "sich einem strengen Kriegesgerichte zu unterwerfen.

Schlesien war verwaist; der König schickte deshalb den Fürsten von Pleß, den Obersten und bald darauf den Chef eines Husaren-Regiments, als General-Gouverneur nach Schlesien, ertheilte ihm die Vollmacht, alles so zu ordnen, und zu bestimmen, wie es dem Wohl und der Erhaltung Schlesiens angemessen sey, und befahl jedem Kommandanten, sich unbedingt den Befehlen des Fürsten zu unterwerfen, und alle seine Befehle als Königliche anzusehen. Ein Mann, wie der Fürst war, hätte, wäre er vor der feindlichen Invasion in Schlesien erschienen, vieles thun können. Der Major und Flügeladjutant des Königs, Graf von Götzen, stand dem Fürsten zur Seite. Er war schon eher in Neiße angekommen, und hatte vor der Ankunft des Fürsten selbst schon manche Anstalten getroffen. Er ließ eine große Menge Montirungsstücke anfertigen, womit die Ranzionirten, die sich jetzt sehr häufig einfanden, besonders die Kavalleristen, bekleidet wurden. In Neiße, wie in allen andern Festungen, war die Besatzung sehr schwach. Der Fürst errichtete dieserhalb zwei Bataillons, die das 4 und 5te Bataillon von Pelchrczim ausmachten, und ersteres dem pensionirten Major von Monsterberg, letzteres dem Major von Kiekebusch übergab. Zum 3ten Bataillon des Regiments Müfling unter dem Major von Berengi, fügte er ebenfalls 2 Bataillons hinzu, unter dem Kommando des Majors von Bönigk vom Regiment Pelchrczim und des Majors von Zastrow, des Chef einer Provinzial-Invaliden-Kompagnie. Eine Anzahl Grenadiere vom Regiment Pelchrczim und Müfling versah er mit Montirungsstücken und Gewehren und übergab sie dem Kommando der Grenadier-Offiziere von Schweinitz und Rüdgisch. Das Schützen- und Jägerkorps, (das letztere bestand aus Königlichen und herrschaftlichen Jägern und Forstbedienten), erhielten der Lieutenant von Ustarbowsky und von Heugel. Einige Eskadrons Kavallerie, die aus allen Regimentern der Kavallerie zusammengesetzt waren, die sich zum Theil unter der Anführung ihrer braven Offiziere durchgeschlagen, zum Theil ranzionirt, zum Theil ein Depot in Neustadt in Oberschlesien formirt hatten, stand unter dem Kommando des Majors von Rumpf und Rittmeisters von Podewills. Die Unberittenen erhielten Remontepferde, die hierher gekommen waren. Verschiedene Feldwebel, Wachtmeister und Unterofficiere avancirte der Fürst zu Offizieren und stellte sie bei den Kompagnieen und Eskadrons an. Verabschiedete und pensionirte Offiziere rief er nach Neiße und machte sie zu Kompagnie- und Eskadrons-Chefs. So brav und geschickt die meisten ihrer Anführer waren, so wenig war dies bey vielen der Subalternen der Fall, die zum Theil gar keine Kenntnisse, wenig Muth und Erfahrung hatten.

Der Fürst geht mit einem Korps nach Breslau, um es zu entsetzen.Bearbeiten

Des Fürsten kluger und gut angelegter Plan war nun, mit einem großen Theil dieser und der Besatzung anderer Festungen, als: Glatz, Silberberg, Schweidnitz, Cosel und Brieg, gegen Breslau aufzubrechen und es zu entsetzen. Die Kommandanten wurden beordert, eine bestimmte Anzahl Truppen nach Strehlen, dem Versammlungsorte des ganzen Korps, welches der Fürst selbst anführen wollte, stoßen zu lassen.

Hierzu war auch Artillerie erforderlich; der Fürst gab daher einem Artillerie-Offizier den Befehl, eine leichte Batterie zu errichten, die im Stande wäre, mit der Kavallerie zu agiren. Dies hätte nun freilich, um es der Kavallerie an Schnelligkeit gleich thun zu können, eine berittene Batterie seyn müssen. Dazu fehlte es, wenigstens an dazu tauglichen Pferden. Der beorderte Artillerie-Offizier ersann daher eine Idee, die seinem Kopfe alle Ehre machte. Er ließ nehmlich die Protzkasten der Kanonen polstern, und sie zu Sitzen für 6 Artilleristen einrichten. An den vier Ecken des Protzkasten gingen eiserne Stäbe in die Höhe, an welchen vorn, hinten und an den Seiten, starke Rieme befestigt wurden, die zu Lehnen diesen sollten, um beim schnellen Fahren Unglück zu verhüten. Die Lehnen wurden so eingerichtet, daß sie aus ihren Haken, in die sie mit Oesen eingehangen wurden, abgenommen wurden, und die Artilleristen beim Haltmachen auf eiserne Tritte, die am Protzkasten angebracht waren, herunterspringen konnten. Die Artilleristen und die zur Bespannung erforderlichen Pferde wurden unter den Vorhandenen dazu ausgewählt, und dann dem Fürsten diese Batterie vorgeführt, der dann diese Einrichtung sehr zweckmäßig und passend fand. Sie erhielt den Namen der Kavallerie-Batterie. Auch eine leichte Fuß-Batterie wurde zu diesem Ende mobil gemacht. Alles wurde in Bereitschaft gesetzt, und der Tag bestimmt, an dem die Truppen ausrücken sollten. Geheimnißvolle Verschwiegenheit wurde allen Kommandeurs anbefohlen, keiner wußte etwas vom nahen Ausmarsche, und die Soldaten erstaunten nicht wenig, als sie am Abend vorher dazu beordert, und von ihren Wachen, die sie an diesem Morgen sogar noch bezogen hatten, abgelöst wurden. Den andern Morgen, als den 21sten Decbr. 1806, marschirte ein großer Theil der Besatzung, bestehend aus 1 Kavallerie- und 1 Fuß-Batterie, dem Schützen- und Jägerkorps, den Grenadieren, dem Regiment Pelchrczim nebst seinen Kanonen und einem Theil der Kavallerie zum Breslauer Thore hinaus. Muth und Entschlossenheit las man auf allen Gesichtern. Das Korps stand bis zum Ankunft des Fürsten selbst, der einige Tage später Neiße verließ, unter dem interimistischen Befehl des G. M. von Pelchrczim. Das ganze versammelte Korps bestand aus ungefähr 10,000 Mann. Es war stark genug, um den Feind zu überfallen, zu vertreiben und Breslau zu befreien. Wie unglücklich dieser Entsatz ausfiel, ist aus andern Schriften hinlänglich bekannt. Hätte als dies Korps sich Breslau näherte, der Gouverneur, G. L. v. Thiele aus Breslau einen Ausfall gewagt, so wäre der Feind sehr ins Gedränge gerathen. Mehrere Offiziere, die ich in Breslau sprach, und die an dem Morgen, als das Korps anrückte, sich auf den Außenwerken befanden, versicherten mich, daß sie dies seht gut bemerkt, und sogleich geahnet hätten, daß dies ein Korps sey, welches zu ihrer Rettung herbeieile. Sie hätten den Gouverneur mehrere Male davon benachrichtigt und ihn gebeten, einen Ausfall zu machen; allein er habe ihnen sagen lassen: "es sey eine faux attaque vom Feinde, und man dürfe dem Dinge nicht trauen!"

Sein Benehmen verdient um so mehr Vorwürfe, wenn es wahr ist, wie man sagt; daß er durch den Fürsten von Pleß von diesem Ueberfall benachrichtigt worden, und mit ihm die bei Oltaschien brennende Mühle, als Zeichen des anrückenden Korps, verabredet sey. Ich kann und darf hier mit meinem Urtheile, wenn die Sache sich so verhält, nicht vorgreifen, sondern überlasse es dem weisen und gerechten Monarchen, der gewiß jeden nach seinem größeren oder geringeren Verdienste belohnen und bestrafen wird. Wenn die Sache sich aber so verhält, so wird das Benehmen des Gouverneurs von Breslau ihm ein ewiger Vorwurf bleiben.

Stärke der Besatzung von Neiße und Stimmung derselben.Bearbeiten

Nach dieser unglücklich beendigten Diversion war die Besatzung von Neiße schwächer geworden. Einige waren getödtet, mehrere gefangen, und mehrere, besonders die Grenadiere, waren treulos geworden, hatten die Waffen von sich geworfen und waren davon gelaufen. Wie mogte es den guten Fürsten schmerzen, bei allem seinem Eifer und seinem Muthe ein Unternehmen, das für ganz Schlesien hätte vortheilhaft werden können, vereitelt zu sehen! -- Die ganze Besatzung war jetzt, alles zusammen genommen, 7 Bataillone, also ungefähr 5600 Mann stark, in einer Festung, die 15000 M. Besatzung erforderte. Sie war also nicht einmal halb so stark, und die Zukunft ließ von diesen größtentheils ungeübten, unerfahrenen, sehr mittelmäßig bekleideten und bewaffneten Truppen nicht viel Gutes hoffen.

Durch des Fürsten Abgang nach Glatz, auch für diese Festung zweckmäßige Anstalten zu treffen, und von hier aus den Feind von der Besetzung des wichtigen Passes bei Wartha abzuhalten, verloren wir unsere besten Artilleristen, indem der Fürst nicht nur beide genannte Batterieen, sondern auch einen Theil Kavallerie dahin mitnahm. Unsere Artillerie bestand jetzt nur noch aus 8 Offizieren und 140 Mann zu 350 Geschützen. Rechnet man hierzu auch 700 Mann Hülfstruppen von der Landmiliz, so kommt nur eine Summe von 860 bis 900 Mann heraus, folglich auf jedes Geschütz noch nicht 3 Mann. Ob nun zwar gleich nicht immer alle Posten besetzt wurden, indem nicht alle thätig seyn konnten, so wurden freilich die übrigen Leute auf jene wichtigeren und stets thätigern Posten vertheilt. Dadurch konnten zwar die Geschütze schneller und besser bedient werden, aber die Leute, die nun auch täglich im Dienst waren, wurden durch zu große Anstrengung zu sehr ermüdet. So war's auch mit der Infanterie. Mit einer Nacht mußten sie Wache thun, und auch die freie Nacht war noch nicht einmal zur Ruhe für sie bestimmt, indem sie theils auf Piquet, theils zur Reserve in der Stadt, aber beständig angekleidet, bestimmt wurden. Mit Tages Anbruch verließen zwar die Piquets ihre Posten, und es blieben ihnen nur wenige Stunden zur Ruhe und Erholung übrig, da sie den Mittag schon wieder ihre Wachen besetzen mußten. So ging es täglich. Auf keinem Posten hätte die Infanterie, bei einem ernstlichen Sturme, in zwei Gliedern gestellt werden können. Unter den Truppen selbst waren verschiedene Unzufriedene und Uebelgesinnte. Ein großer Theil der Besatzung bestand aus Polen, und diesen schwindelten die Köpfe von dem Freiheitsgeiste, der ihre ganze Nation ergriffen hatte. Die Nachrichten, die mitunter einliefen, trugen nicht wenig dazu bei. Bald sollte der Feind auch den noch übrigen Theil unserer Armee aufgerieben haben, der König todt seyn; die Russische Armee kam nicht; bald sollte sie sich schon mit der Preußischen verbunden haben, und was dergleichen Gerüchte mehr waren. So schwankte mancher zwischen Furcht und Hoffnung, und jeden Trost, den man erhielt, schlug bald darauf eine desto traurigere Nachricht mächtig zu Boden. Der größte Theil der Offiziere und Soldaten war aber standhaft, ließ sich durch nichts außer Fassung bringen, that ruhig seine Pflicht, und erwartete gelassen die Dinge, die kommen würden.

An Munition und Proviant, besonders an ersterem, fehlte es nicht, und so lange diese noch in einer Festung da ist, wenn auch die Portionen etwas sparsamer zugetheilt werden müssen, ist noch keine Noth vorhanden, darf kein Kommandant unterhandeln oder gar kapituliren.

Stimmung der Bürger.Bearbeiten

Mit diesen verhielt es sich, wie mit dem Militair. Die mehrsten belebte der Geist der Vaterlandsliebe, der den Schlesiern so eigen ist. Ruhig verhielten sie sich bei allen Anstalten, die zum Empfang der Feinde gemacht wurden, und ohne Murren erfüllten sie die Befehle des Gouvernements und Magistrats. Sie mußten ihre Gewehre und andere Waffen auf das Rathhaus abliefern. Mit diesen wurden theils diejenigen Soldaten, die noch keine Gewehre hatten, versehen, theils war man nun auch sichrer, daß die Bürger, wenn je ein Aufruhr unter ihnen entstände, doch keine Waffen hatten. Sie nahmen an den erfreulichen Nachrichten, so wie an den traurigen, herzlichen und aufrichtigen Antheil. Alle Nachrichten, die der Fürst erhalten konnte, ließ er, ob er gleich abwesend war, dennoch öffentlich anschlagen. Von Mund zu Mund lief eine solche Nachricht, die ihnen neuen Muth gab, und jeder eilte in ein öffentliches Haus, um sie entweder Andern mitzutheilen, oder von Andern etwas Erfreuliches zu erfahren. Mit dem größten Unwillen sprachen sie von den schlechten Anführern der Armee, die Verachtung von denjenigen Kommandanten, durch deren Treulosigkeit und Dummheit eine Festung gefallen war, und schmeichelten sich mit der frohen Hoffnung, daß sie Einwohner einer Stadt und Festung seyn würden, die ihre Pflichten genau erfüllen wollten, wenn auch Unglück aller Art sie treffen, ihr Haab und Gut den Flammen und der Verwüstung Preis gegeben würde. Sie haben auch treulich alles ausgehalten. Ihre Häuser wurden verwüstet, sie klagten nicht; mancher verlor die Seinigen, er murrten nicht. So dachte, so handelte der größte Theil der Einwohner. War auch vielleicht hin und wieder Einer, der mit der Anordnungen und Befehlen nicht zufrieden war, der sich lieber dem, was zur allgemeinen Ordnung abzweckte, widersetzt hätte, so durfte er doch nicht laut damit werden, aus Furcht, von seinen Mitbürgern verachtet, oder von den Gesetzgebern ergriffen und bestraft zu werden. Ich erinnere mich noch immer mit Vergnügen, mit welchem Vertrauen sie oft unter einander sagten: "Neiße wird nicht belagert werden, wird es aber auch belagert, so werden wir uns doch nicht ergeben!" -- Dies war gewiß der aufrichtigste, herzlichste Wunsch eines Jeden, aber die Umstände wollten es nicht, daß wir nach geendigtem Kriege uns zu den Wenigen rechnen konnten, die nicht gefallen waren.

Ein kleiner Zeitraum bis zur Belagerung.Bearbeiten

Schon war Breslau gefallen, und was war gewisser, als einem baldigen feindlichen Besuche entgegen zu sehen. Der Gouverneur hielt es daher für seine erste und heiligste Pflicht, alles in gehörigen Stand zu setzen, damit es an nichts fehlen mögte, wenn der Feind anrücken sollte. Er erschien, sobald seine Schwächlichkeit es ihm erlaubte, nachdem der Fürst abgereiset war, nun täglich selbst bei der Parole, ordnete verschiedenes an und überlegte mit den Staabsoffizieren der Garnison die bessere Einrichtung dieser oder jener Sache. So hatte er vorher die Idee gehabt, den Hauptwall am stärksten und die Außenwerke, vorzüglich die Enveloppe, wenig oder gar nicht zu armiren; indeß der Major v. Harroy hatte als Ingenieur de la place sein Ansehn angewandt, um ihn zu überreden und dahin zu vermögen, von zu stark besetzten Posten, Geschütz ab- und in die äußere Enveloppe zu führen. Es gelang ihm, und in kurzer Zeit war die Enveloppe mit großen und kleinen Geschützen armirt. Auch das Blockhaus wurde stärker besetzt. Bis jetzt hatte es nur 1 bis 36pfündige Kanonen gehabt; da man sich aber von der Wichtigkeit dieses Postens überzeugte, so wurden nicht nur schwere Geschütze dorthin geschafft, sondern er wurde auch mehr und besser verschanzt. Wurfgeschütze, wo sie nöthig waren, besonders um die vorliegenden Hohlwege zu bewerfen, wurden an die Stellen von Kanonen placirt. Um die Brücken und Gräben gehörig zu bestreichen, wurden gegen dieselben Schießscharten eingeschnitten und Kanonen darin placirt. Die Munitions- und Proviantmagazine waren reichlich gefüllt, und so war zum Empfang des Feindes alles bereit. Da man aber immer noch der Meinung war, daß der Feind von der Seite nach Breslau zu angreifen würde, so hatte man noch nicht ernstlich daran gedacht, jene Seite, wo das Inundations-Retranchement liegt, unter Wasser zu setzen; es würde auch die Landleute verhindert haben, der Stadt von der Seite aus Lebensmittel zuzuführen.

Die armen Bewohner der Gegend um Neiße empfanden schon jetzt, noch ehe der Feind sich eigentlich bei ihnen festgesetzt hatte, das Ungemach und den Druck des Krieges. Sie mußten nicht nur Vorspann nach Breslau und Brieg stellen, sondern auch Proviant dort hinschaffen. Feindliche Patrouillen, die oft bis auf eine halbe Meile vor Neiße herumschwärmten, quartierten sich bei ihnen ein, und mißhandelten sie oft. Besonders mußten die Geistlichen hiervon viel erfahren. Unsere Kavallerie ritt täglich nach verschiedenen Seiten des Stadt zum Rekognosciren aus, und sehr oft war es der Fall, daß sie mit feindlichen Patrouillen handgemein wurde, ihnen oft Beute und Gefangene abnahm, mit unter aber auch Menschen einbüßte.

Um diese Zeit kam ein großer Theil Kavallerie, von der einige den Fürsten nach Glatz begleitet und der Affaire bei Cants beigewohnt hatten, ein großer Theil aber von andern Depots und Eskadrons, die zersprengt und von den beiden braven und klugen Husarenrittmeistern von Eisenschmidt und von Schmiedeberg gesammelt worden war, nach Neiße. Beide hatten die Absicht gehabt, sich zum Korps des Königs zu begeben, hatten sich überall durchgeschlagen, und waren eben im Begriff, durch das Kaiserliche zu gehen, als ihnen hier, der Neutralität gemäß, der Durchmarsch verweigert wurde. Gewalt hätte hier nichts genutzt, sie mußten sich daher bequemen, ihren Rückmarsch anzutreten. Es war für uns alle eine angenehme und erfreuliche Erscheinung, als dieses ansehnliche Korps Kavallerie in die Thore einrückte. Sie wurden sehr gern aufgenommen, und bezogen das nahgelegene Dorf Heidersdorff. Hier muß ich einen Coup erzählen, den der Rittmeister von Eisenschmidt ausführte. Er hatte nemlich durch einen Spion erfahren, deren er immer sehr viele abschickte, daß von Frankenstein nach Breslau am folgenden Tage 10,000 Thaler wurden transportirt werden. Der Rittmeister, für den kein Unternehmen zu schwer, keine Gefahr zu groß war, der nie unthätig seyn konnte, eilte daher mit einem Theile seiner Kavallerie dem Wege zu, den die Post, die es nach Breslau bringen sollte, passiren mußte. In Grottkau ereilte er sie glücklich. Ein Baierscher Commissarius war zur Ueberbringung des Geldes mitgegeben worden, und der Rittmeister erstaunte nicht wenig, als er sahe, daß dies Unternehmen, das er schwieriger auszuführen sich gedacht hatte, so leicht und glücklich von statten ging. Mit der größten Artigkeit komplimentirte er den Commissarius vom Wagen herab, und erklärte, daß ihm nun diese Beute gehöre. Sogleich ließ er das Geld nach Neiße bringen, und in einem Nu breitete sich dieser glückliche Fang unter den Soldaten und die Bürgern aus. Dies gab wieder neuen Muth. Eben so glücklich nahm er dem Feinde mehrere Wagen mit Fourage ab, und vermehrte dadurch unsre Magazine, bei deren Anfüllung man freilich auf so viel Kavallerie nicht gerechnet hatte, ansehnlich. Das Unternehmen, ein feindliches Kavallerieregiment, das bei Grottkau herumschwärmte, aufzuheben, hätte er vielleicht eben so glücklich ausgeführt, wärt es nicht verrathen worden. Unsere Kavallerie, die hier überfallen wurde, mußte im völligen Karriere bis eine halbe Meine vor Neiße, wo der Feind vom Verfolgen abstand, retiriren, doch hatte sie mehrere Todte, Blessirte und Gefangene. Fast alle Gefangene ranzionirten sich aber gleich wieder in den ersten Tagen, und kehrten zu ihrem Korps zurück. Es war eine brave, gut berittene Mannschaft, und hatte tapfere und kluge Offiziere, wovon die wenigsten Edelleute waren. Unsere Kavallerie bestand jetzt aus 600 Mann in 8 Eskadrons. Sie wurde in 2 Bataillons getheilt, wovon das erste der Major v. Rumpf, das zweite der Rittmeister Eisenschmidt, kommandirte. Es war freilich keine prächtig equipirte Mannschaft, sondern ein buntes Gemisch von Kürassieren, Dragonern und Husaren.

Da man sah, daß des Feindes Absichten nun auch auf Neiße gerichtet waren, so mußte man allerdings auf seiner Hut seyn, um dem Feinde keine Blößen zu geben, oder sich vielleicht in der Nacht nicht einmal überfallen zu lassen. Dieserhalb wurden alle äußere Werke, die nun völlig armirt waren, mit Infanterie- und Artillerie-Wachen besetzt, die des Nachts noch durch Piquets verstärkt wurden. Letztere durften am Morgen nicht eher ihre Posten verlassen, bis die Kavallerie-Patrouillen wieder zurück und rapportirt hatten. Das Blockhaus wurde ebenfalls besetzt; in der neuen Mühle und dem Kapuziner-Retranchement lag eine Kavallerie-Wache, um bei der geringsten Annäherung eines feindlichen Troupps sogleich den Gouverneur und Kommandanten davon zu benachrichtigen.

Neiße war jetzt schon eigentlich blockirt. Nur von den nahgelegenen Oertern konnte noch Zufuhr nach der Stadt gebracht werden. So stand die Sache im Februar. Täglich erwartete man eine feindliche Annäherung. Am 22sten hörte man gegen Abend ein starkes Schießen. Ein großer Theil der Besatzung, vorzüglich der Friedrichsstadt, (weil auf der Seite nach Schweidnitz und Glaz hin dies schießen gehört wurde,) trat unters Gewehr, und verstärkte die Posten; indeß erhielt der Kommandant noch am nehmlichen Abend die Nachricht, daß dies Schießen beim Warthe-Paß gewesen war. Um also die Besatzung nicht unnöthig anzustrengen, marschirte sie wieder in ihre Quartiere zurück. Die Nacht über blieb alles ruhig.

Der Feind rückt an.Bearbeiten

Am andern Morgen erfuhren wir, daß ein Theil feindlicher Truppen am vorigen Abend auf drei Meilen von Neiße entlegenen Ortschaften zugebracht habe. Nichts war daher gewisser, als daß sie noch an diesem Tage anrücken würden und schon Mittags um 11 Uhr, da wir eben bei der Parole versammelt waren, verkündigte uns die Allarmkanone die Ankunft des Feindes. Alles eilte auf seine Lärmplätze und begab sich von hieraus auf seine Posten. Die verschiedenen Gerüchte, ehe man sich selbst überzeugen konnte, wollten sie schon unter den Kanonen der Kaninchenredoute wissen; indeß bald überzeugte man sich eines bessern, indem man sahe, daß nun erst die Kavallerie heranrücke. Die Besatzung der Friedrichsstadt eilte sogleich auf ihre Posten, trat mit geladenem Gewehre an die Brust der Werke, und erwartete so, was geschehen würde. Nur einzelne Trupps und die Plänker kamen den Werken so nahe, daß man sie mit Kanonen erreichen und sie in Respekt halten konnte. Indeß der Neuheit wegen waren die Geschütze sehr thätig, und hin und wieder wurde einer vom Pferde heruntergeschossen. Die mehrste feindliche Kavallerie kam über den Kapellenberg, und zog sich rechts nach Heidersdorf hinunter. Unsere Kavallerie, die hier gelegen hatte, hatte schon am vorigen Tage ihre Quartiere in der Friedrichsstadt genommen. Heidersdorf hatte das Unglück, zuerst die Rache des Feindes zu empfinden. Um 3 Uhr Nachmittags steig an mehrern Orten desselben zugleich ein starkes Feuer auf, das es in wenig Stunden in Asche legte. Noch immer glaubte man, der Feind würde sich auf dieser Seite lagern, allein er zog sich hinter Heidersdorf weg, und gieng auf einem großen Umweg über die Biele und lagerte sich auf jener Seite der Stadt bei dem Dorfe Bielau und den übrigen dort gelegenen Oertern. Gegen Abend hörte das Anrücken der feindlichen Truppen auf, und ein großer Theil der Besatzung verließ seine Posten und ließ, nebst der Wache, einige starke Piquets zurück.

Schon vor mehrern Wochen war den Einwohnern der oben angeführten Vorstadt, der Mährengasse, vom Gouverneur befohlen, sich nebst ihrer Haabe in die Stadt zu begeben, da beim Anrücken der Feinde ihre Wohnungen abgebrannt werden müßten. Viele von ihnen hatten schon diesen Befehl vollzogen, allein noch immer bewohnten einige von ihnen ihre Wohnungen, indem sie den Feind noch nicht sobald erwartet und also noch auf die Erhaltung ihrer Häuser gerechnet hatten. Eine große schöne Allee von hohen Linden, war schon vor der Ankunft der Feinde niedergehauen, um bis nach St. Rochus, wohin diese Allee führte, eine freie Aussicht zu erhalten, um den Feind zu verhindern, sich hier festzusetzen, und ihn von den Werken aus besser beobachten zu können. Am Tage des feindlichen Anzuges verließen nun die Einwohner sogleich ihre Wohnungen und begaben sich theils in die Stadt, theils an andere Oerter. Die Brücke an der Grottkauer Barriere auf dem rechten Flügel des Kapuziner-Retranchements wurde, so wie die Zugbrücke über die Neiße, die zum Breslauer Thor führt, abgebrochen. Die Neißbrücke zwischen dem Berliner Thor und der Friedrichsstadt blieb der Kommunikation halber. Alle Barrieren wurden gesperrt, die Brücken aufgezogen und außer der Kavalleriepatrouille und denen, die ganz ausdrückliche Erlaubniß vom Kommandanten hatten, durfte Niemand aus der Stadt, oder in dieselbe. Die Einwohner der Stadt bereiteten sich schon größtentheils ihre Wohnungen in den Kellern ihrer Häuser, um vor dem feindlichen Bombardement gesichert zu zu seyn.

Jetzt war man ernsthaft darauf bedacht, jene Seite der Stadt, wo sich der Feind nun gelagert hatte, unter Wasser zu setzen. Alle Schleusen wurden gespannt, oder anstatt, daß man das Wasser hätte auf eine Viertelmeile um die Stadt treiben sollen, konnte man dies bei der größten Anstellung doch nur auf 600 Schritt bewerkstelligen. So schlecht waren die Schleusen im Stande, von denen man sich so viel versprochen hatte, und dem Feinde konnte es daher nicht entgehen, daß von dieser Seite, als der schwächsten, die Stadt am besten anzugreifen sey. Am folgenden Tage, als den 24sten, rückte noch mehr Kavallerie heran, und ihr folgte dann ein großes Korps Infanterie. Das ganze Korps bestand aus Wirtembergern, Baiern, Sachsen und französischer Artillerie, die aber erst späterhin kam. Es stand unter dem Kommando des französischen Generals Vandamme, der in Bielau sein Hauptquartier nahm. Artillerie und Munition hatte man dem Korps nicht folgen sehn. Am Mittage erschien schon an der neuen Mühle ein Parlamentair, der von unserer Kavallerie bis ans Thor geführt wurde, wo man ihm seine Depeschen abnahm. Während dieser Zeit und bis zur Zurückkunft desselben stand das ganze Korps bei Bielau aufmarschirt. Ging des Parlamentairs Auftrag nun dahin, die Stadt zur Uebergabe aufzufordern, oder war es etwas anders gewesen, das wurde nicht bekannt; er wurde mit dem Befehle an seinen General entlassen: "keinen Parlamentair, wenn er wegen Uebergabe unterhandeln sollte, wieder in die Stadt zu schicken."

Bei der Parole befahl der Gouverneur, die Mährengasse, so wie die jenseits der Neiße gelegenen Vorwerke und Ziegeleien abzubrennen. Das Kapuziner-Retranchement, das zunächst lag, sollte jene, die Schleuse Nr. 14, die diesem gegenüber lag, letztere abbrennen. Es wurden demnach Granaten hineingeworfen, da diese aber nicht recht zündeten, so wurde beschlossen, einige Artilleristen hinüberzuschicken und sie anzünden zu lassen. Dies geschah von beiden Posten, und ob es gleich an dem Tage stark regnete und die Flammen dadurch sehr erstickt wurden, so lag doch ein großer Theil der Mährengasse, die Vorwerke aber ganz, nach einigen Stunden in Asche. Ich war Augenzeuge dieses Auftritts; mir brach das Herz, als ich die unglücklichen Einwohner mit Thränen in den Augen und mit Wehklagen um mich stehen und ihre Wohnungen in Feuer aufgehen sahe. Wie baten da so vielen, doch ihrer Wohnungen zu schonen, und viele waren so glücklich, ihre Häuser, die weit entlegen waren, zwar von uns, aber bald darauf nicht vom Feinde verschont zu sehen.

Hart ist zwar das Loos, das die einer Festung nah gelegenen Einwohner zur Zeit der Belagerung trifft; indeß der Pflicht eines Kommandanten muß dies Opfer gebracht werden, sobald die Vertheidigung darunter leidet. Aber eben so ungerecht und grausam wäre es, wenn ein Kommandant alle, auch die weit entferntern, die der Vertheidigung kein Hinderniß wären, oder wohl gar dann noch wollte abbrennen lassen, wenn die Kapitulation schon nahe oder wohl gar schon gewiß wäre, wie dies bei Schweidnitz der Fall war. -- -- Die Umgebungen der Stadt, die sonst so schön waren, waren jetzt verwüstet, die schöne Allee, in der so mancher Einwohner sonst lustwandelte, lag darnieder, öder und still war die ganze Gegend. Man sah, man hörte keinen Menschen. Alle Wege um die Stadt versandeten und bewuchsen. Unter den Einwohnern herrschte Stille; tiefe Trauer, Furcht und Hoffnung wechselten mit einander ab. Die Glocken verstummten, die Kirchen wurden seltner geöffnet, und die Uhren durften nur am Tage die Zeit verkünden. Jeder sinkende Tag ließ Gefahren, Angst, Noth und Elend fürchten, aber an jedem neuen Morgen, nach glücklich überstandener Nacht, nach einem sanften, ruhigen Schlaf, der jetzt noch Manchen, späterhin aber Wenige mehr erquickte, dankte alles dem Schöpfer inbrünstig, und gelobte Muth, Ausdauer, Geduld und Ruhe.

Die nächsten Dorfbewohner hatten unserer noch nicht ganz vergessen. Noch zuweilen versahen sie uns mit Lebensmitteln, die sie bis an die Werke brachten. Hier wurden sie ihnen entweder im Ganzen abgekauft, oder sie stiegen auf eine Leiter in die Gräben, und kamen so in die Stadt, wo sie die Viktualien sich zwar theurer als sonst, aber nicht zu übermäßige bezahlen ließen. Auch die Fleischer der Stadt versuchten es noch zuweilen, mit Genehmigung des Kommandanten durch die Jerusalemmer Barriere, die zwar gesperrt, dessen Brücke aber nicht abgetragen war, Schlachtvieh in die Stadt zu bringen. Obgleich dies Unternehmen zuweilen sehr gewagt und gefährlich war, so gelang es doch Einigen, der Wachsamkeit des Feindes zu entgehen.

Von Seiten des Feindes wurde gar nicht, von unserer nur auf einzelne Trupps geschossen. Der Feind war ganz unthätig und man sah nicht, daß er Verstärkung oder Geschütz erhielt, ohne das er, wenn die Belagerung ihm ein Ernst war, nichts hätte unternehmen können. Viele glaubten daher, der Feind würde Neiße bloß blokkiren, noch einige Wochen lang es mit ansehen, um Uebergabe anfragen lassen, und wenn diese nicht erfolge, sich wieder zurückziehen, und sich nicht weiter um Neiße bekümmern. Dies war die Meinung des Publikums; indeß derjenige, der über die Sache richtiger nachdachte, fand sein Verfahren sehr natürlich. Daß Neiße ganz verschont bleiben würde, daran war gar nicht zu denken. Belagert und erobert konnte es nur mit Geschütz werden. Das hatten sie noch nicht, wenigstens sahen wir damals nichts davon, und hatten sie auch einiges, so konnte dies nur von kleinem Calibre seyn, sie würden Neiße sonst sogleich beschossen und damit nicht gezögert haben, bis ihnen Schweidnitz und Breslau späterhin Geschütze und Munition lieferte. Der Prinz Jerome, der in Schlesien kommandirte, hatte dies Korps nur aus dem Grunde vorangeschickt, um Neiße einzuschließen, die Zufuhr abzuschneiden, die Trencheen zu eröffnen, Batterien darin zu errichten, damit zur Ankunft des Geschützes alles in Bereitschaft wäre. Es mit Sturm zu erobern, konnte der feind gar nicht wagen, dazu war er zu schwach, wenn man annimmt, daß die Belagerer siebenmal stärker, als die Belagerten seyn müssen. Hätte die ganze Besatzung von Neiße damals unter der Anführung eines einsichtsvollen, braven Mannes einen Ausfall gewagt, so hätte man dem Feinde vielleicht großen Abbruch thun können, die Belagerung wäre vielleicht nicht ganz aufgehoben, aber doch verzögert worden. Allein Niemand wußte eigentlich die wahre Stärke des Feindes, und aus Furcht, sie mögte stärker, als die Besatzung oder gegen dieselbe viel zu stark seyn, unterließ man es.

Daß man von feindlicher Seite aber so lange unthätig seyn würde, das hatte Niemand vermuthet, die Einwohner hatten gleich nach der Annäherung des Feindes ein Bombardement befürchtet. Die Straßen wurden mit Mist belegt, damit die Bomben und Granaten beim Zerspringen nicht so großen Schaden anrichten mögten. Die Böden der Häuser waren ebenfalls mit Mist und Sand belegt, um das Durchschlagen zu verhüten. Der Gouverneur, der Kommandant und die Ersten der Stadt wohnten noch in ihren Häusern, das Militair in den Kasernen. Alles, was der Feind unternahm, war, daß er Jäger detaschirte, die des Nachts die vor dem Fort Preußen gelegene Fleschen (Aufwürfe) beunruhigen mußten, die aber mir Nachdruck zurück gewiesen wurden. Oft verbreitete sich das Gerücht, der Feind stürme die Fleschen, dies ermunterte aber die Besatzung, desto vorsichtiger und wachsamer zu seyn. Unter den Offizieren der Infanterie war mancher Furchtsame, der durch das geringste Schießen, das er in der Ferne sah oder hörte, so in Angst und Schrecken gerieth, daß er seinen ganzen Posten besetzen, und unaufhörlich, sogar aus Musketen, schießen ließ, während er dann auch der Artillerie befahl, die oft nichts sah und hörte, sogar mit Kartätschen zu feuern!! da er vielleicht einmal gehört hatte, daß man mit diesem Geschosse aus Stürmende schießen müsse. Ich habe unter diesen Offizieren einige kennen gelernt, die, ohne selbst sich zu überzeugen, dem Rapport ihrer Schildwachen, die oft gar nichts, wer weiß was? -- gesehen hatten, Glauben beimaßen. Die Furcht kam hinzu, und nun mußten die Artilleristen feuern, daß man hätte glauben sollen, der feind sey schon im Graben, und doch sah man, ungeachtet der fürchterlichsten Kanonade, nicht Einen Todten vor den Werken liegen. So wurde eine ungeheure Menge Pulver verplatzt, und dies war die Folge jenes widersinningen Befehls des Kommandanten. Endlich sahen sich die Artillerie-Offiziere genöthigt, mit Nachdruck ihren Artilleristen zu befehlen, nicht eher, als bis es nöthig sey, zu schießen. Sogleich beriefen sie sich dann auf den Befehl des Kommandanten, und übten ihr Ansehen weidlich aus. Es mußten natürlich dieserhalb beständig Streitigkeiten entstehen. Der Artillerie-Offizier konnte und durfte sich von einem Infanterie-Offizier, der oft nichts verstand, schlechterdings nicht in sein Fach greifen lassen, seine Rechte nicht vergeben. Der Gouverneur Herr von Steensen sah dies Unschickliche und Zweckwidrige bald ein, und befahl daher: daß kein Infanterie-Offizier, bei Strafe des Arrestes, sich unterstehen solle, sich in die Angelegenheiten der Artillerie zu mischen. Indeß der dadurch verursachte Schaden war nicht wieder gut zu machen, und die große Menge unnöthig verschossenen Pulvers war nicht wieder zu ersetzen, das zur Zeit der Noth besser hätte gebraucht werden können.

Bei der Nacht wurden von allen Seiten Leuchtkugeln geworfen, um die Unternehmungen des Feindes zu beobachten. Indeß da gerade diese Art von Munition die seltenste und theuerste war, denn der Vorrath von Salpeter war sehr gering, so befahl der Artillerie-Obrist, Herr Wernitz, mit dieser Munition sparsamer, als bisher geschehen war, umzugehen, damit auch zur Zeit der Noth noch etwas Vorrath seyn mögte.

Der Feind eröffnet die erste Parallele.Bearbeiten

Ob die Besatzung gleich immer sehr auf die Unternehmungen des Feindes aufmerksam war, so konnte sie es doch nicht verhindern, daß er die Trancheen eröffnete. Dies war das Unternehmen in einer stürmischen Nacht, wo es vorzüglich stark schneiete. Schon am Abend bemerkte man eine große Menge Lichter, die für Wachtfeuer gehalten wurden. Auf diese wurde zwar stark geschossen, mehrere Leuchtkugeln dahin geworfen, die aber dies Unternehmen nicht verriethen. Am Morgen, als den 1sten März, sah man eine ungefähr 2000 Schritt lange, 750 Schritt von den Außenwerke entfernte, eröffnete Parallele. Alles fiel nun über den Obersten Wernitz her, und machte ihm Vorwürfe, daß er durch seine und der Seinigen übertriebene Sparsamkeit im Schießen, besonders im Leuchtkugelnwerfen dies Unternehmen des Feindes begünstigt habe. Mehrere Artillerieofficiere versicherten aber, daß, ob sie gleich Leuchtkugeln geworfen, dennoch nichts davon gesehen und gehört hätten. Freilich hatten die Belagerer die Dunkelheit und das Schneegestöber der Nacht benutzt, auch sich der List bedient, an einem andern Orte, wo sie gar nicht arbeiteten, Wachtfeuer anzünden zu lassen, wodurch sie die Aufmerksamkeit der Besatzung dahin zogen. Noch an demselben Tage sah man Bauern in den Trancheen arbeiten, obgleich stark auf sie geschossen wurde, konnten doch die fernern Arbeiten nicht gehindert werden.

Das einzige Mittel, diese Trancheen für den Feind völlig unbrauchbar zu machen, wären die Schleusen gewesen, wenn man durch sie das Wasser hätte hineintreiben können. Sie wurden demnach so sehr, als möglich, gespannt, das Wasser drang auch noch etwas vor, indeß ganz erreichte man den Zweck doch nicht, und mit Erstaunen bemerkte man am andern Morgen, daß das Wasser merklich gefallen war, da die Belagerer das Wasser der Biele abgegraben hatten. Auch dadurch, daß ein großer Theil der Besatzung, mit Waffen und Spaten versehen hinausgeschickt worden, und die eröffnete Parallele zugeworfen wäre, hätte man den Feind, wo nicht ganz an der Eröffnung einer neuen Parallele verhindert, ihm dies erste Unternehmen doch wenigstens vereitelt, so wie man überhaupt jede Gelegenheit, dem Feinde zu schaden, benutzen sollte.

Die Eröffnung der Parallele machte auf das Militair und die Einwohner einen üblen Eindruck. Alle glaubten, daß der Feind auch bald Batterien anlegen, sie mit Geschütz besetzen und dann die Stadt beschießen würde; der Gouverneur, Kommandant und die Vornehmsten der Stadt bezogen die Kasematten, doch blieben die Soldaten noch in ihren Kasernen. Indeß von feindlicher Seite erfolgte weiter nichts. Nach einigen Tagen arbeiteten sie nicht mehr darin, und die Parallele blieb wie sie war. Späterhin eröffneten sie auch tausend Schritt vor der Fronte der Kaninchenredoute eine Parallele, die ebenfalls unbesetzt blieb.

Die Garnison macht Ausfälle.Bearbeiten

Noch immer attakirten die Jäger die Außenwerke der Friedrichsstadt. Mit unter kamen sie zwar ganz nahe heran, da wir mehrere Kugeln von ihnen in den Pallisaden fanden, indeß schadeten sie bis jetzt noch Niemanden. Der Kommandant war endlich dieser Neckereien überdrüßig, und beschloß, mit einem Theil seiner Besatzung einen Ausfall zu machen, um sie aufzuheben. In dem nahgelegenen Dorfe Klumpenau hatten sie ihr Quartier. Er machte diesen Plan am Abend vorher seinen Offizieren bekannt und empfahl ihnen Verschwiegenheit, damit nicht etwa durch einen Deserteur, deren wir jetzt schon mehrere gehabt hatten, es verrathen werden mögte. Der Mannschaft selbst wurde erst am andern Morgen der Befehl zum Ausfall ertheilt. Ein Theil der Kavallerie, Schützen und Jäger gingen in aller Frühe hinaus, erreichten glücklich die Vorposten, hoben diese auf und kamen unbemerkt vor dem Thorweg eines großen Gehöftes an, worin die Jäger ihr Quartier hatten. Sie waren eben mit dem Schlachten eines Ochsen beschäftigt, als ihr Hauptmann, der Erste, der unsre Truppen wahrnahm, seinen Jägern voll Erstaunen die Nachricht von einem Ueberfall hinterbrachte. Alles griff sogleich zu den Waffen, indeß ihr Widerstand war unnütz, da unsre Jäger und Schützen ihnen durch den Garten im Rücken und die eindringenden Husaren und einige Schützen von vorn durch den Thorweg auf den Hof kamen. Der Thorweg wurde aufgesprengt, und der Hauptmann war der erste, der, mit dem Säbel in der Faust, den Thorweg vertheidigte. Eine Kugel streckte denselben aber tödtlich verwundet zu Boden. Auf den Fall ihres Anführers warfen alle Jäger die Waffen von sich, und ergaben sich zu Gefangenen. Der Hauptmann und sämmtliche Jäger wurden nach Neiße gebracht. Ersterer wurde sehr menschenfreundlich behandelt und der Kur eines geschickten Arztes, des Regimentschirurgus Rütnick übergeben, in dessen Armen er aber schon am Abend seinen Geist aufgab. Der Gouverneur und Kommandant gaben bei diesem Vorfall herrliche Beweise ihrer Menschenfreundlichkeit auch gegen den Leichnam eines Feindes. Sie bestatteten ihn auf eine ehrenvolle Art zu Erde, wie es einem so braven und tapfern Manne gebührte.

Ein großer Theil der Besatzung paradirte dabei, und fast alle Offiziere folgten seiner Leiche. Auch seine Jäger durften ihm noch den letzten Beweis ihrer Zuneigung und Liebe geben, dadurch daß sie seiner Leiche zu Grabe folgen konnten. Es mußte ein vorzüglich braver und vortrefflicher Mann gewesen seyn; dies sah man aus den Aeußerungen seiner Untergebenen und aus der Stimmung, die bei seinem Grabe unter ihnen herrschte.

Für die Belagerten war dieser Ausfall glücklich gewesen, und die Belagerer selbst mogten ihre Jäger sehr vermissen, denn seit dieser Zeit hörten alle Neckereien auf. Einige Ausfälle, die späterhin gemacht wurden, waren minder glücklich, einige sehr unglücklich. Der Feind machte viele Gefangene. Da unsere Besatzung dadurch sehr gelitten hatte, so wurde wegen Auswechselung der Gefangenen unterhandelt. Obgleich Neiße noch eine ziemlich Anzahl Gefangene von Breslau her hatte, so wollte doch der General Vandamme sich nicht dazu verstehen, diese gegen Gefangene von uns anzunehmen, sondern er bestand auf seine Jäger. Der Gouverneur sah sich daher genöthigt, die Jäger auszuwechseln, und dagegen Verwundete, zum Dienste unbrauchbare Menschen zu nehmen. Durch Deserteurs, die bei diesen Ausfällen davon gelaufen waren, hatten wir viel verlohren.

Der Feind beschießt die Stadt.Bearbeiten

Bis jetzt hatte der Feind eigentlich noch nichts unternommen, was auf die Stadt Einschluß haben konnte. Die Trancheen waren zwar geöffnet, aber noch immer hatte er keine Batterie errichtet, und Geschütze darauf placirt, aus denen er die Stadt hätte beschießen können. Es war daher eine sehr unerwartete Erscheinung, als in einer Nacht der Feind mehrere Granaten in die Stadt warf. Das erregte unter den Einwohnern ein panisches Schrecken. Daß diese Granaten nicht aus den Trancheen kamen, davon waren die zuerst weiten, dann kürzern Würfe, so wie das baldige Aufhören und das kleine Kaliber der Granaten ein deutlicher Beweis. Sie zündeten wenig oder gar nicht, und das Feuer, das dadurch entstand, wurde bei den guten Löschanstalten sehr bald gedämpft. Daß auch der Feind Schaden erlitten hatte, ließ sein baldiges Zurückziehen vermuthen, und er gestand nachher selbst, daß ihm mehrere Geschütze demontirt, Affuiten und Räder zerschossen wären. Es war eine reitende Batterie, die bald hier, bald dort, bald ein, bald mehrere Male in der Nacht erschien. Die Einwohner, die sich nun in ihren Wohnungen nicht mehr sicher glaubten, bezogen die Keller, und pallisadirten ihre Fenster und Thüren mit dicken Balken. Unserer Besatzung war dadurch noch kein Schade zugefügt. Diese Beunruhigung dauerte mehrere Wochen lang.

Bald darauf bemerkten wir von der äußern Enveloppe und dem Hauptwall aus sehr deutlich, daß in den feindlichen Trancheen wieder sehr fleißig gearbeitet, daß Faschinen, Schanzkörbe und Bolen hineingetragen wurden. Sehr natürlich ließ dieß ernstlichere Unternehmungen und ein wirkliches Bombardement vermuthen. Von der Kaninchenredoute hatte man einen großen Transport von Geschützen und Wagen nach dem Hauptquartiere zufahren sehen. Mehrere Landleute, die auch jetzt noch mitunter in die Stadt kamen, erzählten von einer großen Menge Geschütz, das bei ihnen durchgegangen sey, und dennoch gab es sogar sehr einsichtsvolle und kluge Männer, die diesen Aussagen noch immer keinen Glauben beimaßen.

Die Arbeiten wurden vom Feinde immer stärker und anhaltender betrieben; schon sah man ansehnliche Erhöhungen in den Trancheen, Batterien und sogar Schießscharten. Dagegen konnten wir nun wol nicht länger gleichgültig seyn, da mehrere unsrer Posten zu hoch, und dieselben noch nicht so verschanzt waren, um eine Kanonade lange aushalten zu können. Da unsre Geschütze fast alle noch über Bank feuerten, so wäre es jetzt die höchste Zeit gewesen, sich zu senken, Schießscharten einzuschneiden, und sich so lange als möglich zu sichern. Allein der Feind kam uns zuvor, noch ehe von uns die Arbeit angefangen wurde. Denn eines Tages, als ich eben die Posten der äußern Enveloppe durchgieng, und mich am Saillant Nr. 14, am Neustädter Ravelin gelegen, aufhielt, auf die Brustwehr trat, um die feindlichen Batterien der Reihe nach zu betrachten, so sah ich sehr bald, daß der Feind die Sache jetzt ernstlicher unternehmen würde. Vorzüglich war ich für dies Saillant sehr besorgt, da dieser Posten sehr hoch lag, und die zur Bedienung der Geschütze erforderliche Mannschaft gar nicht gedeckt war, sondern Mann für Mann vom Feinde gesehen werden konnte. Noch stand ich hier, als ohngefähr um 9 Uhr 3 Kartätschenschüsse auf diesen Posten zukamen. Ich sprang sogleich herunter, um die Leute, die dadurch entsetzlich erschrocken waren, zu ermuntern, jetzt ihre Schuldigkeit zu thun und zu zeigen, daß sie Männer wären. Mit großer Mühe brachte ich sie endlich an die Geschütze, und es gieng ziemlich gut. Jetzt war das feindliche Wurfgeschütz thätig, und eine große Menge Bomben und Granaten kreutzten sich in die Stadt. Die erste Bombe hatte eine Frau blessirt, einige andre hatten gezündet, aber das Feuer wurde bald gedämpft. Während dies vorgieng, kam der Artillerie-Lieutenant Steinzner, der heute in der Enveloppe kommandirte, und ich gieng in die Stadt, um weitere Befehle zu erwarten. Auf der Brücke am Neustädter Thor begegnete mir zwei Wagen mit gefüllten Bomben, die der Enveloppe diese Munition zufahren wollten. Mir war hierbei nicht ganz wohl zu Muthe. -- Die Wagen kamen zwar unbeschädigt an, indeß kaum waren sie zum Abladen geöffnet, als eine feindliche Granate hineinschlug, und die Bomben entzündete. Es entstand eine fürchterliche Explosion, wodurch der Lieutenant Steinzner, der Oberfeuerwerke Annorius, mehrere Artilleristen, Knechte und Pferde getödtet, der Zeug-Lieutenant Krüger und viele andere so stark blessirt wurden, daß ersterer und mehrere der letztern 8 Tage darauf starben. Mehrere Geschütze waren beschädigt, Affuiten zerschmettert, und dies Werk wurde dadurch auf den ganzen Tag außer Thätigkeit gesetzt. Dies machte nun auf die Besatzung, besonders auf die Artilleristen, einen starken Eindruck, die für sich hieraus ferneres Unglück folgerten.

Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte die fürchterlichste Kanonade und das heftigste Bombardement fort. Auch der Hauptwall wurde besetzt, um die Außenwerke zu unterstützen. Auch hier schlugen mehrere Bomben und Kugeln ein, die aber wenig Schaden anrichteten. Aber auch die Friedrichsstadt blieb von den feindlichen Kugeln und Bomben nicht verschont, das Militair war in den Kasernen nicht mehr sicher. Das dritte Bataillon Müffling bezog die Kasematten des Forts Preußen, das vierte und fünfte Bataillon bezog ein Lager im Kapuziner Retranchement. Um 3 Uhr hörte die Kanonade auf. Schon waren mehrere Häuser beschädigt, die Dächer eingeschlagen, und einige Bomben schlugen sogar bis in die Keller, und richteten beim Zerspringen großen Schaden an. Mehreren Artilleristen waren Arme und Beine abgeschossen, mehrere blessirt. Um 5 Uhr Abends fieng ein neues schreckliches Bombardement an, wodurch das Jesuiter Collegium, worin wir einen sehr großen Theil unsers Proviants hatten, in Brand gesteckt wurde. Ungeachtet aller Anstrengungen der Soldaten und Bürger konnte dem Feuer nicht Einhalt gethan werden, da der Feind sie durch immerwährende Kugelschüsse daran hinderte. Es brannte mit dem größten Theil dessen, was es in sich hielt, und der Kirche gänzlich aus. So wurde Neiße eines Theils seiner Artillerie, seiner Munition und was am übelsten war, eines großen Theils Proviant beraubt, von dem die Besatzung wochenlang hätte leben können. Der Feind fuhr fort, täglich 12 - 16 Stunden lang zu schießen, wodurch täglich Menschen getödtet und verwundet wurden. Die Desertion war eben so stark, nächtlich verließen einige ihre Posten, selbst am Tage liefen sie zuweilen zum Feinde über. Von den vielen Deserteurs erhielten wir nur zwei wieder, die zur Warnung für Andre aufgehängt wurden. Ungeachtet aller guten und zweckmäßigen Vorkehrungen konnte diesem Uebel nicht vorgebeugt werden. Man wollte es durch Verdoppelung der Posten verhindern, aber auch dies half nicht, denn oft liefen beide zugleich davon.

Indessen setzte der Feind sein Bombardement sehr ernstlich fort, und es war dadurch unter den Einwohnern sowohl, als im Militair großer Schaden verursacht. Doch hatte er bis jetzt noch keinen Sturm gewagt. Auch auf jener Seite wurde die Besatzung zuweilen durch Plänkereien beunruhigt, die aber weiter nichts zur Absicht hatten, als uns eine Menge Pulver abzulocken, was leider noch oft sehr unnütz verschossen wurde. Selbst unter den Offizieren waren mehrere, die einen Sturm wahrsagten, und dem Kommandanten diese Idee beigebracht hatten. So hatte sich von einigen Dörfern her das Gerücht verbreitet, denn an Ueberbringern derselben fehlte es nie, daß auf jener Seite des Kapellenberges eine große Menge Faschinen und Sturmleitern in Bereitschaft lägen, und noch immer mehrere geliefert würden; der Tag, an dem der Feind stürmen wolle, sey schon bestimmt. Der Kommandant, um sich davon zu überzeugen, schickte sogleich eine Kavallerie Patrouille hinaus, Erkundigung einzuziehen. In der That fand diese daselbst eine beträchtliche Menge Leitern und Faschinen, aber -- keine Besatzung dabei. Noch an demselben Tage gieng ein starkes Detaschement Kavallerie, unter der Anführung des Majors Rumpf hinaus, der sogleich alles in Brand stecken ließ.

Es konnte seyn, daß von feindlicher Seite, ob es gleich ein sehr unüberlegtes und schwieriges Unternehmen gewesen wäre, ein Sturm beabsichtigt wurde, und es war daher sehr gut, daß dies Unternehmen nun noch schwieriger gemacht, und vielleicht ganz gehindert wurde. Dafür schien der Fei d sich nun durch heftiges, fast unaufhörliches Schießen rächen zu wollen, wodurch freilich die Artillerie schon viele, sehr brauchbare Menschen verloren hatte. Auch das Auffliegen eines Munitionskastens, entweder durch Unvorsichtigkeit oder durch feindliche Granaten, richtete öfters Unglück an. In der Stadt selbst sah es fürchterlich aus. Die Straßen waren mit Dachziegeln besäet, ganze Wände von massiven Häusern waren eingestürzt, und mehrere derselben ganz unbewohnbar geworden. Vorzüglich mußte eine kleine enge Straße, die der Seite, wo der Feind stand, am nächsten lag, von den feindlichen Kugeln, Bomben und Granaten sehr viel erfahren. Mehrere Hunderte kamen täglich in die Stadt selbst, ohne die, welche die Werke und Vorstädte trafen.

Obgleich nie eher geschossen wurde, ehe der Feind nicht dazu Anlaß gab, und unsre Geschütze schwiegen, sobald der Feind inne hielt, so war dich unsre Munition schon sehr zusammen geschmolzen. Aber auch unsre Schüsse thaten gute Wirkung, und bewiesen, daß unsere Artilleristen Männer waren, die ihr Handwerk verstanden. Mehrere Geschütze wurden dem Feinde demontirt, dies konnte man sehr gut beobachten. Auch an Todten hatten sie schon viele gehabt, denn an Einem Tage wurden bei dem Dorfe Neuland mehrere Hundert begraben. Hierauf hatte unsre Artillerie ganz vorzüglich ihr Augenmerk gerichtet, besonders auf die Kirche, in der wahrscheinlich ein Magazin etablirt war. Mehrere Bomben wurden dort hingeworfen, zündeten auch zuweilen, und legten mehrere Häuser, in denen sich feindliche Truppen zuweilen aufhielten, in die Asche, die Kirche aber blieb verschont. -- Bei dem ganzen Bombardement war unser Lazareth am übelsten daran. Ein großes Gebäude in der Stadt diente zuerst dazu. Auch hier waren mehrere Bomben eingeschlagen, es wurde also hier entfernt, und in ein andres, weiter in die Stadt gelegenes Haus, verlegt, auch dies blieb nicht verschont, und nun wurde das Lazareth in die Gebäude des Franziskaner-, und da dieser Raum nachher zu eng wurde, auch in die des Kapuziner-Klosters gebracht. Bei den gefährlichen Wunden, woran die Mehrsten darnieder lagen, wegen des zu engen, beinahe verpesteten Raums, starben freilich die mehrsten Kranken.

Nach einem ungefähr vier wöchentlichen Bombardement bemerkten wir, daß von Seiten des Feindes nicht mehr so stark als sonst, endlich gar nicht mehr geschossen wurde. Für unsere Besatzung diente dies am Tage zu einer guten Erholung, denn nur selten geschahe von unserer Seite ein Schuß. Doch war die Besatzung in der Nacht eben so munter, als sonst. Diese Zeit fiel gerade um und in das Pfingstfest. Den armen Einwohnern und unserer Besatzung war dies ein doppeltes Fest. Alles kam aus seinen Schlupfwinkel hervor, um einmal wieder freie Luft zu athmen. Die Besatzung erholte sich, und konnte ihre, vom Feinde ruinirten, Posten wieder ausbessern. Jetzt, da der Feind keine Munition hatte, war es Zeit, einen Ausfall zu machen, seine Batterien zu ersteigen, und die Kanonen zu vernageln. Es wurde dieserhalb zwischen dem Gouverneur und Kommandanten die Verabredung getroffen, mit einem Theil beider Besatzungen nach beiden Seiten einen Ausfall zu machen. Beide liefen aber sehr unglücklich ab. Die Mannschaft, die zum Ersteigen der feindlichen Batterien bestimmt war, wurde übergesetzt, und stand unter dem Kommando des Hauptmanns v. Aulock und Ustarbowsky. Schützen und Jäger sollten die zum Vernageln der Geschütze bestimmten Artilleristen, die mit Beilen und Nägeln versehen waren, decken. Gerade auf die Batterien loszugehen, dazu war der Ausfall zu schwach. Sie wollten sie daher umgehen, und auf dem linken Flügel in die Trancheen eindringen. Der Hauptmann Aulock stieß hierbei auf einen Vorposten, der sich zwar zurückzog, wobei er jedoch verwundet, und der Lieutenant Ustarbowsky erschossen wurde. Dadurch ließ sich indeß der Hauptmann Aulock nicht abhalten, weiter vorzudringen, und vielleicht wäre es ihm auch gelungen, wenn seine treulose, unzuverläßige Mannschaft nicht zum Feinde übergegangen wäre, den Feind davon benachrichtigt, und die Unsrigen zurückgetrieben hätte, als die Artilleristen schon in die Trancheen eindringen wollten. Wäre dies Unternehmen gelungen, so würde ein großer Vortheil daraus entsprungen seyn. Aber warum nahm der Gouverneur nicht den größten Theil der Besatzung heraus, und ließ nur Wenige in den Werken zurück? Warum vertheilte er die Kavallerie nicht an den Seiten, um den Ueberläufer abzuhalten? Vom Kanonenfeuer hatte der Ausfall nichts zu besorgen, da der Feind keine Munition hatte. So liefen fast alle Ausfälle, außer dem Ersten, dahin aus, daß unsere detaschirten Trupps schwächer zurück kamen, als sie hinausgingen.

Indeß, diese Zeit der Ruhe dauerte nicht lange, denn nach acht Tagen fing der Feind aus allen Kräften ein noch fürchterlicheres Bombardement an, das aber von uns eben so fürchterlich beantwortet wurde. Alle feindliche Batterien vom rechten bis zum linken Flügel waren in Thätigkeit. Kurz nach diesem Stillstande fing der rechte Flügel allein an in einer Nacht besonders stark zu schießen, der linke schwieg ganz. Dies war ungefähr um 12 Uhr. Ungefähr eine Viertelstunde darauf sahen wir rechts von der Enveloppe, zwischen dem Blockhause und dem Inundations-Retranchement, die dort befindlichen Häuser, die bis jetzt noch von den feindlichen Bomben verschont waren, hell brennen. Mehrere glaubten, daß sie durch feindliche Bomben in Brand gesteckt wären. Allein bald darauf erhob sich ein so gräßliches Geschrei, daß man glaubte, der Feind wolle die Festung stürmen. Alle unsere Geschütze waren thätig, nur das Blockhaus schwieg, und dies verrieth uns dann sehr deutlich, daß dasselbe genommen worden sey. Dies war jedem unbegreiflich, da nicht nur das Blockhaus sehr stark besetzt und pallisadirt, sondern auch die neue Mühle, wo seit der Belagerung schon täglich ein starkes Piquett lag, nicht sobald genommen werden konnte. Hätte der Feind bloß dieses Piquett, und nicht zugleich auch dies Blockhaus genommen, so mußten wenigstens die Geschütze des Letztern thätig seyn. Aber es verhielt sich wirklich so. Der Feind hatte die nicht wachsame Besatzung der neuen Mühle zuerst überfallen, war dann auf dem, nach dem Blockhause sich hinziehenden Damme, der sonst gewöhnlich stark mit Schildwachen besetzt wurde, dem Blockhause in den Rücken gekommen, und hatte auch so die Besatzung desselben genommen. Ein sonst sehr thätiger und wachsamer Offizier, der Lieutenant v. Pfeil, Regiments Pelchrczim, hatte die Wache gehabt. Der aus der Stadt mit der Hülfsmannschaft herbeieilende Hauptmann v. Langken gerieth ebenfalls mit seinem Kommando in Gefangenschaft. Die Besatzung und das Geschütz wurde fortgeführt. Am andern Morgen besetzte der Major Berengi mit seinem Bataillon das Blockhaus wieder, wovon aber, da man keinen von feindlicher Seite darin fand, nur eine Wache zurück blieb. Man berathschlagte nun darüber, ob man das Blockhaus wieder armiren müsse oder nicht? -- Wessen Stimme den Ausschlag gab, weiß ich nicht, so viel weiß ich aber, daß es nicht mit Geschütz besetzt wurde. Auch auf der neuen Mühle war wieder ein Piquett, und die Wache vom Blockhaus wurde eingezogen. Der Feind hatte also hier freies Spiel. Die Kardinals-Redoute und Schleuse No. 1. wurde nun stärker besetzt, weil man von hier aus dem Feinde, wenn er sich im Blockhause festsetzen würde, am mehrsten schaden konnten. Schon in der folgenden Nacht arbeitete der Feind an der Tournirung der Brustwehr des Blockhauses, brachte sogar Wurfgeschütz hinein, und zog seine Trancheen bis an dasselbe heran. Die Besatzung von der neuen Mühle mußten sich nun ganz in die Stadt ziehen, da ihre Gegenwart durchaus ohne Nutzen war. Kaum hatte der Feind seine Arbeit, worin ihn auch das fürchterliche Schießen der Kardinals-Redoute nicht hindern konnte, vollendet, als er mit dem, auf dem Blockhause gegen die Stadt gerichteten Wurfgeschütze dieselbe, so wie die Werke fürchterlich bombardirte, und diejenigen, die den Rath gegeben hatten, das Blockhaus unbesetzt zu lassen, indem der Feind wegen des Feuers der Kardinals-Redoute und der Schleuse Nr. 1. sich doch daselbst nicht lange würde behaupten können, mußten sich jetzt sehr getäuscht sehen. Die Belagerer waren dadurch der Stadt und den Werken beträchtlich näher gekommen, und warfen jetzt ihre Bomben und Granaten nicht nur in und auf dieselben, sondern trieben sie auch durch starke Ladung bis in die Friedrichsstadt, in das Lager in dem Kapuziner-Retranchement, wo sie aber keinen Schaden anrichteten, auf das Fort-Preußen, sogar bis auf das Glazis des vor ihm liegenden Grabens.

Da der Feind noch immer zuweilen von unsern Ausfällen, besonders von der Besatzung der Friedrichsstadt beunruhigt wurde, so ließ der General Vandamme auf dem Kapellenberge eine Redoute anlegen. Daran konnten die Geschütze des Kapuziner-Retranchements wegen der zu großen Entfernung von 2750 bis 3000 Schritte wenig Hinderlich seyn, und aus diesem Grunde hatten wir denn von dort aus auch vom Feinde keinen Schaden zu erwarten. Diese ziemlich große Redoute war für die feindlichen Truppen, wenn sie bei einem Ausfall sollten geworfen werden, zum Rückzuge und Sammlungsorte bestimmt. Auch rechts von der Möhrengasse bei der Rochuskirche waren in eben so große Entfernung, zu demselben Zwecke, mehrere Aufwürfe (Flechen) gemacht worden.

Schon oben habe ich erwähnt, daß tausend Schritt vor der Kaninchenredoute eine Parallele eröffnet worden war. Auch hier war weiter nichts unternommen worden. Aus Haubitzen, die sie hier placirten, warfen sie nun Granaten in die Stadt, doch geschah dies nur abwechselnd, und es war daraus zu schließen, daß sie eben die Haubitzen auch anderswo mitunter gebracht haben. Eine reitende Batterie, die sich in die Hohlwege unter dem Kapellenberge einschlich, und eine andere, die sich auf jener Seite, am rechten Flügel ihrer Trancheen sehen ließ, richteten ebenfalls in der Stadt und auf den Werken großen Schaden an, und oft kamen wir sehr ins Gedränge, denn von allen Seiten hatten wir nun Feuer. Den größten Schaden stiftete aber die Wurfbatterie auf dem Blockhause. Von allen Seiten war die Festung jetzt umringt, wurde sehr oft von allen Seiten zugleich angegriffen, und für die ungleich schwächere Besatzung wäre es jetzt freilich ein verzweifeltes und schwerlich geglücktes Unternehmen gewesen, dem Feinde großen Schaden zuzufügen, oder ihn gar aufzureiben, da man ihm so viel Zeit gelassen hatte, sich recht festzusetzen. So stand die Sache, als der Kommandant, Herr von Weger, einen Ausfall machen ließ, um das in den Rochus-Bergen liegende Jägerpiket zu überfallen und aufzuheben. Die Besatzung der Friedrichsstadt gab die dazu bestimmte Anzahl Leute. Ein Theil der Kavallerie deckte diesen Ausfall, und der übrige Theil war innerhalb der Grottkauer Barriere aufmarschirt, um im Fall der Noth herbeieilen zu können. Um dieses Unternehmen glücklich auszuführen, sollte, während ein Theil der Infanterie die Jäger attakirte, der andre sich der Kommunikationsbrücke, die hier vom Feinde über die Neiße gebauet war, bemeistern. Auf dem jenseitigen Ufer waren an der Brücke zwei Fleschen aufgeworfen, die mit einigen Kanonen besetzt waren. Diese verhinderten nicht nur die Einnahme der Brücke, sondern ein über die Brücke eindringender, starker, feindlicher Trupp drängte unsre Infanteristen zurück, und dieser, so wie jener Theil der die Jäger attakirte, wurde umringt, 2 Officiere und mehrere Mann getödtet, 1 Officier und Mehrere blessirt, und der größte Theil gefangen. Die Wenigen, die noch einen Ausweg fanden, zogen sich zwar zurück, wurden aber so nachdrücklich verfolgt, daß, ehe sie das Barriere erreichten, es zu einem hitzigen Gefecht kam, in welchem Mehrere getödtet wurden. Der unglückliche Ausgang dieses Unternehmens hatte zwei Gründe. Der Feind wurde nehmlich durch Deserteurs in der vorigen Nacht von dem Ausfall benachrichtigt, konnte sich daher in gehörigen Stand setzen, und auf uns bei der Brücke eindringen. Es war also ein großer Fehler, daß dessenungeachtet der Ausfall doch gemacht wurde; der zweite lag darin, daß noch lange vor Tagesanbruch die Truppen ausrückten. Von den Werken aus konnte die Besatzung, aller Aufmerksamkeit ungeachtet, dennoch nichts unterscheiden, und alle unsre Truppen nicht gehörig unterstützen, unsre Geschütze konnten daher, als es zwischen dem feinde und den Unsrigen zu einem Gefechte in der Mohrengasse kam, nicht gebraucht werden.

Geldmangel, Proviant und Munition nahmen merklich ab.Bearbeiten

Bis jetzt hatten die Soldaten noch immer ihre Löhnung richtig erhalten; indeß nach einer dreimonatlichen Belagerung mußte freilich das Geld sehr abnehmen, da alle Ausgaben einzig und allein aus den in Neiße befindlichen Kassen bestritten werden mußten, und daher kam es denn, daß die Offiziere ihre Gage im letzten Monate in verschiedenen Terminen, und die Compagnie-Chefs den Sold für ihre Leute nicht mehr, wie bisher den ersten jeden Monats, sondern an jedem Löhnungstage erhielten. Hätte der Gouverneur auf mehrere Monate voraus eine Steuer vom Lande erhoben, und dies Geld den Kassen hinzugefügt, so würde kein Mangel entstanden seyn. Die Offiziere mußten befriedigt werden, dem Soldaten hätte man von der Löhnung etwas abziehen, im Fall der Noth, da sie Naturalia erhielten, ihnen den Sold ganz vorenthalten können, ohne daß er gerade deshalb murren durfte; indeß dieß ging bei den Offizieren nicht an, da für sie keine Lebensmittel herbeigeschafft waren, und sie also von ihrer Gage leben mußten. Es wurden daher, als man diesen Mangel wahrnahm, Anleihen in der Stadt gemacht, und die Bürger brachten mehrere Summen auf. Da das Ansehn und die Macht eines Gouverneurs während der Belagerung unbeschränkt ist, und er alles das, was zur Erhaltung der ihm anvertrauten Festung abzwecken kann, sey es auch noch so hart, sey es auch zuweilen unbillig, mit unerbittlicher Strenge verordnen und veranstalten darf und muß, so hätte er auch zuletzt diesem Geldmangel durch Assignate, mit seinem Namen unterzeichnet, die nach geendigtem Kriege wieder ausgewechselt werden konnten, abhelfen können. Dies ist freilich immer das Letzte, da das Geld doch in der Festung bleibt, und der Gouverneur Anleihen, im Fall sie gütlich verweigert würden, gewaltsam erpressen kann. Bei einer hinlänglich mit Proviant versehenen Festung kann das Geld überhaupt sehr leicht entbehrt, und der Mangel desselben kein hinreichender Grund zur Uebergabe werden. --

Die Bürger hatten, wie gesagt, schon mehrere Summen aufgebracht, als nach und nach auch ein Mangel an Proviant und Medizin entstand. Neiße hatte zu Anfang einen großen Vorrath, indeß das Unglück des ersten Tages, so wie die anhaltende Belagerung und das Abbrennen der Bäkkerei, wobei einige tausend Brode verbrannten, hatte den größten Theil desselben hinweggenommen. Sparsam genug war man damit umgegangen, besonders mit der Austheilung des Fleisches, und zuletzt wurden auch die sonstigen Portionen noch geschmälert. Aber besonders war der eingetretene Mangel der Medizin bemerkbar. Davon waren unsre Lazarethe deutliche Beweise. An dem Tode manches Menschen mochte wol die Ungeschicklichkeit des Chirurgus, und der enge Raum selbst Schuld seyn, indeß der Mangel der Medizin war wol die Hauptursache. Neiße an sich ist ein äußerst ungesunder Ort, und dies zeigte sich während der Belagerung noch weit mehr. Der Krankheiten waren so viele, daß manchen Tag 5 bis 6 Menschen starben. Ohne helfen zu können, hätten unsre Verwundete und Kranke sterben müssen.

Der größte und unersetzlichste Mangel aber war der der Munition. Eine vierteljährige Belagerung hatte allerdings einen sehr großen Theil derselben bei dem so starken und anhaltendem Schießen erfordert. Zu Anfange geschah, wie ich erzählt habe, zwar mancher unnütze Schuß, indeß bei der Thätigkeit so vieler Geschütze, die oft 12 bis 16 Stunden des Tages donnerten, mußte bei dem großen und ansehnlichen Vorrath dennoch Mangel entstehen.

Stimmung des Militairs und der Bürger.Bearbeiten

Der Soldat ist oder wird gewöhnlich nie unzufriedner, und glaubt oft nie mehr Ursache zum lauten Klagen und Murren zu haben, als wenn das, was ihm zukommt, ihm entweder nicht am bestimmten Tage, oder in der gehörigen Güte und Menge, und besonders dann später, schlechter und kärglicher gereicht wird, so wie, wenn sein Dienst schwerer, anhaltender und ermüdender ist. Leicht, seht leicht läßt er sich dann zu Vergehungen verleiten, die gewöhnlich für ihn die unangenehmsten Folgen haben. -- Im Ganzen war dies in Neiße nicht der Fall.

Selten hatte die Infanterie, die Artillerie fast nie Zeit zur Erholung. Ein Dienst folgte dem andern. Indeß sie wurden nach und nach so daran gewöhnt, daß sie sich auf ihrem Posten gewöhnlich am wohlsten befanden. Der ihnen am Morgen gereichte Branntwein verscheuchte bei ihnen alle Erinnerung an erduldete Mühseligkeiten, Beschwerden und Gefahren der vergangenen Nacht, und ermunterte sie zu neuer Thätigkeit. Das Unglück mehrerer ihrer Kameraden, die in ihrer Gegenwart todtgeschossen oder blessirt wurden, erregte zwar für den ersten Augenblick Angst und Furcht, doch war dieser Eindruck immer nur von kurzer Dauer. Eigentlich gab es wenige Unzufriedene, wenigstens solcher nicht Viele, die laut wurden. Nur zwei Beispiele weiß ich von einem Soldaten vom Regiment Pelchrzim, und einem Unterofficier vom vierten Bataillon Müffling, die im Dienste raisonnirt und über ungegründete Ungerechtigkeiten sich beschwert hatten. Die Folge davon war, daß Ersterer mit einer guten Anzahl Stockprügel zur Ruhe verwiesen und Letzterer, da er Mehrere aufgewiegelt hatten, erschossen wurde. Manche von den Soldaten würden treuer, tapferer und braver gewesen seyn, wenn ihre Anführer sie menschlicher behandelt hätten, und ihnen mit bessern Beispielen vorangegangen wären.

Auch die Stimmung der Bürger war so, wie sie in solchen Zeiten nur seyn kann. Viele hatten die Ihrigen verloren, viele sahen schon ihre Wohnungen ruinirt, aber dennoch wollten sie ferner gern alles Ungemach ertragen, wenn die Zukunft nur desto erfreulicher für sie seyn dürfte. Ohne Murren gaben sie gern und willig die Summen zur Erhaltung der Militairs her. Ruhe und Ordnung herrschte in jeder Straße, in jedem Hause, und die zum Patroulliren in die Stadt kommandirte Kavallerie hat nie Ursache gehabt, mit Strenge gegen sie zu verfahren. Auch gegen das Militair waren sie freigebig und wohlthätig, und suchten dadurch dasselbe thätig zu erhalten. Unter ihnen zeichnete sich darin besonders die Wittwe des verstorbenen Distillateurs Pohle aus. Mehrere Wochen lang speisete sie täglich die Besatzung des Blockhauses. Selbst Geschenke an Geld wurden öfters von ihnen unter das Militair ausgetheilt. Diese Ruhe, diese Ausdauer des Militairs wie der Bürger, hatte seinen Grund in den erfreulichen Nachrichten, die nach und nach eingezogen wurden, in der festen Hoffnung auf einen baldigen Entsatz. Diesen erwartete man mit Zuversicht entweder vor der Armee selbst, oder doch vom Korps des Grafen v. Götzen in Glaz, das sehr angewachsen war. Das Gerücht hatte die erfreuliche Nachricht verbreitet, daß die Preußische Armee in Verbindung mit der Russischen merklich vorgedrungen sey, und vielleicht auch bald zu Schlesiens Rettung herbeieilen werde, Magdeburg wäre schon wieder in unsern Händen, und was dergleichen erfreuliche Nachrichten mehrere waren. Von Seiten des Grafen v. Götzen war der Gouverneur zur ernstlichen und standhaften Ausdauer ermahnt, und selbst während der Belagerung hatte er den Lieutenant v. Rottenburg, seinen Adjutanten nach Neiße gesandt, die Besatzung zu ermuntern, mit der Versicherung, daß er gewiß zu ihrem Entsatz herbeieilen werde.

Erste Unterhandlungen.Bearbeiten

Obgleich der Feind sein Bombardement immer stärker fortsetzte, obgleich die Stadt schon fürchterlich mitgenommen, viele Soldaten und mehrere Bürger getödtet, viele blessirt und krank waren, obgleich der Feind auch schon die zweite Paralelle eröffnet hatte, die jedoch für ihn wegen des Wassers unbrauchbar war: so wurde doch unsrer Seite noch an keine Unterhandlungen gedacht, obwohl sich alles nach einem baldigen erfreulichen Ausgang der Belagerung, nach einer ehrenvollen und rühmlichen Entscheidung sehnte. Schon hatte die Besatzung eine 14 Wochen lange Belagerung ausgestanden, als an einem der ersten Tage des Junius von feindlicher Seite besonders stark geschossen wurde. Von 5 Uhr Morgens bis 11 Uhr Mittags war von beiden Seiten ein fürchterliches Bombardement. Um 11 Uhr endigte es sich, und bald darauf wurden von allen feindlichen Batterien drei Salven abgegeben, und von allen ertönte ein lautes: Viktoria! Den Grund hiervon wußte sich Niemand von uns zu sagen. Nachmittags erschien ein Parlementair, der und die traurige Nachricht von der Uebergabe Danzigs brachte, und die Stadt ernstlich aufforderte, sich nun zu ergeben, da ferneres Zögern unnütz, ja von großem Nachtheil für die Stadt und deren Besatzung seyn könnte und würde. Zu diesem Ende wurde ein 24stündiger Waffenstillstand geschlossen, und von Seiten des Generals Vandamme eine Unterredung zwischen ihm, dem Gouverneur und Kommandanten auf den folgenden Tag bei Heidersdorff vorgeschlagen. Beides wurde angenommen. Ob man hieran recht that, will ich nicht entscheiden. Heidersdorff war abgebrannt. Es wurde demnach Zelter und andre Bequemlichkeiten, Wein und Gebackenes hinausgeschaft, um den General Vandamme standesmäßig zu empfangen. Am andern Morgen begaben sich der Gouverneur und Kommandant, von einer Menge Offiziere und einer Eskorte Kavallerie begleitet, an den bestimmten Ort hin, und bald darauf erschien der General Vandamme unter noch größerm Pompe. Dieser eröffnete nun seinen Antrag mit der Uebergabe von Neiße, indem er erklärte: daß Danzig kapitulirt habe, von der Preußischen Armee, so wie vom Korps des Grafen v. Götzen sey kein Entsatz zu hoffen, und es würde daher vom Gouverneur hart seyn, die guten Bedingungen, die man jetzt allenfalls noch erwarten konnte, von sich abzulehnen, die aber bei fortgesetzten Feindseligkeiten nicht nur nicht gestattet werden dürften, sondern im entgegengesetzten Falle werde sich der General Vandamme auch der Festung durch einen Sturm zu bemächtigen wissen. Dieser Antrag wurde vorzüglich vom Kommandanten, General v. Weger abgewiesen, mit dem Zusatze: daß er sich eher unter den Trümmern des Fort Preußens werde begraben lassen, als sich ergeben. Wäre der Kommandant seinem allerdings sehr rühmlichen Vorsatz treu geblieben, oder hätte er lieber damit gar nicht geprahlt, wenn er einsah, daß dies nicht auszuführen war, so wäre seine Einwilligung, wenige Augenblicke darauf, und zwar aus Furcht vor der Aeußerung und dem Unwillen Vandamms: "er werde Tag und Stunde bestimmen, wo er Neiße mit Sturm einnehmen werde" nicht so sehr zu tadeln gewesen. Kurz der Waffenstillstand wurde nicht nur angenommen, sondern auch fortgesetzt, mit dem Befehle: bis auf weitre Ordre nicht zu schießen. Das erregte bei Manchen einen sehr großen Zweifel an längerer Ausdauer, und man sagte sich schon heimlich, daß die Kapitulation im Werke sey.

Bedingungen der fernern Unterhandlungen.Bearbeiten

Der Major von Harroy wurde unsrer Seits zum Parlementair bestimmt, nachdem man sich überzeugt zu haben glaubte, daß ferneres Halten bei dem Mangel an Provinant und Munition gänzlich unnütz, Danzig gefallen, und auf einen Entsatz nicht zu rechnen sey. Auch der Lieut. von Rottenburg, der sonst immer viel vom Entsatze gesprochen hatte, war jetzt ganz still davon. Der Parlementair begab sich in das feindliche Lager, um hier wegen der Bedingungen der Kapitulation, an die man nicht mehr zu zweifeln war, zu unterhandeln. Die Bedingungen waren: Ehe man in die Uebergabe willigen würde, müsse man sich erst wirklich überzeugen, ob es unmöglich sey, von der Armee oder von Glatz Entsatz zu erwarten, die Uebergabe selbst aber sey 14 Tage, als bis zum 16ten Juni auszusetzen, und dann erst, wenn keine Hülfe zu erwarten sey, darin zu willigen. Erfolgte dieselbe, oder wäre nur einigermaßen darauf zu rechnen, so sollten die Feindseligkeiten wieder fortgesetzt werden. Wäre dies aber nicht der Fall, so sollte am 16ten Juni die Garnison mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiele ausrücken und das Gewehr strekken. Doch sollten von der Kapitulation 10 zur Armee gehenden Officiere ausgeschlossen seyn. Die Besatzung, außer den Verheiratheten und einem großen Theil der Landskinder, sollten Kriegsgefangene, die Officiere aber nicht nur auf ihr Ehrenwort entlassen werden, sondern auch aus der Kreiskasse der Provinz oder der Stadt, wo sie sich aufhalten würden, ihre Gage bis zur Auswechselung erhalten. Das Eigenthum eines Jeden sollte respektirt und die Stadt mit der Plünderung verschont werden. Die Festung sollte mit alle dem, was sie in sich hielte und wie sie jetzt wäre, dem Feinde übergeben werden. Dies waren die vorzüglichsten Bedingungen, die denn auch angenommen wurden. Ueberdies erließ der General Vandamme ein sehr schmeichelhaftes Schreiben an den Gouverneur und die Offiziere der Garnison, worin er ihnen wegen ihrer Ausdauer und ihrer Geschicklichkeit die größten Lobsprüche machte.

Die Kapitulation wird unterzeichnet und geht in Erfüllung.Bearbeiten

Nachdem von beiden Seiten die Bedingungen genehmigt waren, wurde, nach vorhergegangener Versicherung dieselben treu zu erfüllen, die Kapitulation unterzeichnet. Alle Feindseligkeiten hörten auf, der Gouverneur und Kommandant fuhren zu einem prächtigen Gastmale in das Hauptquartier und die Offiziere besuchten die Trancheen. Doch durften die feindlichen Offiziere noch nicht in die Stadt kommen, außer diejenigen, die Lebensmittel, als Eier, Schafe, Ochsen, je sogar Weine in die Stadt brachten, wovon jedoch die Besatzung wenig oder gar nichts von erhielt.

Noch mancher brave Mann glaubte seinem Fall nicht so nahe, als er wirklich war. Noch immer glaubte mancher, das Hülfe herbeieilen und Neiße befreien werde. Noch immer besetzte ein sehr großer Theil der Besatzung des Nachts die Werke, und alles wurde wie sonst beobachtet. Obgleich die Kapitulation schon abgeschlossen war, die Bürger schon wieder ihre Wohnungen, von denen die Pallisaden weggenommen wurden, aufräumten und bezogen, so sagte doch der Gouverneur eines Tages bei der Parole zu einigen Offizieren, die ein Gesucht an ihn hatten: Wer sagte Ihnen, meine Herren, daß ich kapitulire? -- !!! -- Und dennoch wurde es am Tage vor der Uebergabe schon stillschweigend angenommen, daß der Tag derselben bekannt seyn müßte, da doch eigentlich vorher nichts davon gesagt war, und dennoch gab der Gouverneur verschiedene Befehle auf den folgenden Tag. Den Tag vorher besetzten die gegenseitigen Truppen das Neustädter Thor und einen Theil des Hauptwalls, der General Vandamme stattete dem Gouverneur seinen Besuch ab. Auf den braven, patriotisch gesinnten Mann machte dies einen unangenehmen Eindruck. Die Festung, die er 16 Wochen lang für seinen König vertheidigt, wo er Leiden aller Art erduldet, wo er die besten Freunde und Kameraden verloren hatte, diese Festung sollte nun auch fallen! Und dennoch konnte er nichts dagegen thun, dennoch mußte er sich in die Befehle seiner Obern fügen.

Der schrecklichste aller Tage erschien, der Tag der Uebergabe. Angst, Furcht vor den einziehenden Soldaten herrschte unter den Bürgern, Ungewißheit und Sorgen für die Zukunft unter Vielen der Garnison. Am frühen Morgen wurde die Besatzung von ihren Posten abgelöst, und versammelte sich an der Jerusalemmer Barriere. Zur Ankunft des Prinzen Jerome, der an diesem Tage nach Neiße kam, wurden auf allen Wällen die Kanonen gelöst. Das Geweine der Kinder, das Wehklagen der Eltern und Gatten, die ihre Väter, Söhne und Geliebten zu verliehren glaubten, drang bis in das Innerste meiner Seele, und dennoch durfte man ihnen nicht das Begleiten ihrer Angehörigen gestatten, und mußte sie mit Härte zurückweisen. Alles marschirte nun zwischen zwei Gliedern der gegenseitigen Truppen durch, bis eine halbe Meile vor Neiße, wo die ganze Besatzung das Gewehr streckte. -- Ein schmerzliches Gefühl bemächtigte sich hierbei gewiß der Mehrsten. Ehre und Freiheit waren dahin, und die schrecklichste, ungewisseste Zukunft vergegenwärtigte sich Allen. Die Offiziere gingen zur Stadt zurück. Nachmittag hielt der Prinz Jerome seinen glänzenden Einzug. Den andern Tag erhielten die Offiziere, so wie die, die von der Besatzung nicht zu den Kriegsgefangenen gehörten, ihre Pässe, und jeder ging dahin, wo es für ihn am vortheilhaftesten zu seyn schien, er eilte zu den Seinigen zurück, um sich bei ihnen Hülfe, Trost und Ruhe zu suchen. -- Auch mit ward es zu enge in einem Orte, wo ich eine Zeit durchlebte, die die wichtigste Periode meines Lebens ausmachte. Aber mir war es nicht vergönnt, zu Menschen zu eilen, von denen ich Theilnahme erwarten konnte. Nur wenige, sehr wenige Freunde fand ich in dem Orte, wo ich diese Skizze geschrieben habe.

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Das ist die Belagerungsgeschichte einer der wichtigsten Preußischen Festungen. Sie hielt sich lange, sie fiel -- aber nicht so, wie die mehresten ihrer Schwestern; sie steht den Festungen Cosel, Collberg, Graudenz, die sich einen unsterblichen Ruhm erworben haben, zunächst. Ich habe die Belagerung von Neiße deshalb so weitläuftig erzählt, um den Leser, besonders den Kenner, in den Stand zu setzen, ein richtiges Urtheil über das Betragen mancher Männer, über ihr kleineres oder größeres Verdienst fällen zu können. -- Die Stelle eines Gouverneurs oder Kommandanten ist eben so ehrenvoll, als gefährlich und schwierig, besonders wenn ihm die dazu nöthige Erfahrung und Entschlossenheit fehlt. Das Alter drückte die mehresten dieser Männer, und die mit demselben verschwisterte Geistesschwäche leitete sie sehr oft falsch. Aber die mehresten derselben handelten nicht nur ohne Ueberlegung, sondern sogar gewissenlos und schändlich, besonders die, die sich sobald ergaben. Ich überlasse es nun dem Leser, zwischen Jenen, die mit einer stärkern Besatzung, mit bessern Hülfsquellen, als sie noch hoffen konnten, sich auf diese Art ergaben, und Diesen in Neiße einen Vergleich anzustellen. Rings umher hatte der Feind sich schon festgesetzt, der Ressourcen waren so wenige, die Besatzung schwach.

Wären die Schleusen in gehörig brauchbarem Stande gewesen, wäre man im Anfange mit der Munition nicht zu verschwenderisch umgegangen, wären die unternommenen Ausfälle oft stark genug, oft zu rechter Zeit geschehen, wären sie besser ausgeführt worden, wäre nicht ein großer Theil des Proviants durch das Unglück des ersten Tages verloren gegangen: so wäre Neiße dadurch in den Stand gesetzt worden, sich dennoch bis zum nahen Frieden zu halten, hätte dann unter den wenigen Festungen, die sich behaupteten, eine schöne Stelle eingenommen, dem Könige ihre Treue dadurch an den Tag gelegt, und sich für die Nachwelt einen unsterblichen Namen erworben.


Vertraute Briefe.Bearbeiten

Friedrich von Cölln.

Fünfter Brief [4].

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Die Vestung Neisse, welche am 23. Februar berennt wurde, und wo man in der Nacht vom 1sten zum 2ten März die Laufgräben öffnete, hielt 123 starke Bombardements aus, und vertheidigte sich überhaupt 114 Tage. Wegen Mangel mehrerer dringender Bedürfnisse mußte sie sich endlich am 16. Juny dem Feinde ergeben, nachdem von unsern Batterien 160000 Schüsse gegen den Feind, von diesem aber etwa die Hälfte so viel auf die Werke und in die Stadt geschehen waren. Ihre muthige Vertheidigung, welche der Stadt der nicht zu ermüdenden Thätigkeit und Geschicklichkeit des Chefs der schlesischen Festungsartillerie, Obristen Werniz, und des Ingenieurmajor und Brigadier von Harroy -- zwey Männer, die Bürgerkronen verdienten! -- zu danken hat, erregt desto größere Bewunderung, je genauer man den Zustand kennt, in welchem sich die Vestung befand, als der Feind sie berennte. -- An Geschütz fehlte es uns nicht, wohl aber an Menschenhänden, es vollständig zu besetzen; hierzu hätten wir fast zweymal so viel Artilleristen bedurft, als wir hatten, und doch thaten ungeübte Handlanger, die der brave Obrist im Drange der Umstände anstellen mußte, unter der geschickten Leitung der Artillerie- und Ingenieuroffciere, halbe Wunder. Es war wohlthätig für das Herz des ächten Patrioten, wenn er bemerkte, wie der Geist ihrer Chefs diese beyden Officiercorps beseelte, wie Männer, zum Theil dem Greisenalter nahe, Jünglingskraft zeigten, und jede Beschwerde überwanden; wie der Major von Harroy Tag und Nacht an den gefährlichsten Plätzen zugegen war; wie der Obrist Werniz mit eigener Hand eine Quantität gefüllter Granaten aus dem sie umgebenden Feuer zog, welches der Feind auf dem 14ten hervorspringenden Winkel durch Ansteckung eines Pulverwagens erregt hatte, und wie beyde durch ihren Muth den Muth ihrer Untergebenen aufrecht erhielten. Ich sprach in der Folge mehrere feindliche Officiere von Kopf und Herz, welche einstimmig versicherten, daß sie keiner Vestung so viele Opfer gebracht hätten, als dieser, und welche dem Verdienst jener edlen Männer Bewunderung und Achtung zollten; ein sprechender Beweis hierüber ist ein Schreiben des kayserlichen französischen Divisions-Generals Vandamme an den hiesigen Gouverneur, General-Lieutenant von Steensen, vom 1sten Juny, welches ich diesen Bemerkungen als Beylage buchstäblich hinzufüge.

Weniger Kraft, als die Artillerie und die Ingenieurs, hatte die Infanterie zur Vertheidigung; theils war sie kaum halb so stark, als sie in dieser auf wenigstens 12000 Mann berechneten Vestung seyn sollte; theils waren die neuerrichteten Bataillons ungeübt, auch schlecht bewaffnet, weil es an Gewehren fehlte; theils endlich bestätigte sich die Erfahrung dieses ganzen Krieges auch in Neisse: es fehlte Energie, weshalb auch ein paar Ausfälle eben so mißrieten, wie die Vertheidigung eines Außenwerks des Blockhauses. -- Mancher machte indeß auch hier eine rühmliche Ausnahme, namentlich der brave Generalmajor und Commandant des Forts Preußen, von Wanger, welcher sich der Gefahr, ungeachtet seines Alters und seiner Kränklichkeit, niemals entzog.

Gegen das Ende der Belagerung wurde die Lage der Artillerie sehr unangenehm. In der Enveloppe, wo der Hauptangriff geschah, hatten Artilleristen und Handlanger bereits 10 Wochen, ohne abgelöst werden zu können, in kleinen mit Bretern bedeckten Erdhütten zugebracht; sie hatten nichts, als ihre Montirung, nicht einmal Mäntel; natürlich rissen Krankheiten ein, und dennoch erhielt das Feuer der wenigen Gesunden den Feind in Respekt. Lavetten und Mörserklötze stürzten, des anhaltenden Feuers längst entwöhnt, zusammen, und konnten, wegen Mangel an starken Eisen, nicht hergestellt werden; wir mußten daher jeden Augenblick erwarten, einen großen Theil unserer Kanonen und Mörser, die Hauptmittel unsrer Vertheidigung, ausser Aktivität gesetzt zu sehen. Die Stärke des Wasserdrucks bey dem anhaltenden Spannen der Schleuse Nro. 1 beschädigte sie so, daß man ihr Ausreißen mit Grunde besorgte: geschah dieß, so hörte die große Inundation über Glompinglau hin von selbst auf. Diese Umstände zusammengenommen, verbunden mit dem täglich wachsenden Mangel der Arzneymittel für unsre Kranken, machten eine fernere Vertheidigung eben so gewagt, als unmöglich. Der Sachkundige wird einen Beleg zu dieser Behauptung schon im nachstehenden Zustande der Besatzung zur Zeit ihres Ausmarsches finden:

Oberofficiere. Unterofficiere. Gemeine.
Infanterie - 99 311 3372
Artillerie - 10 43 176
Handlanger derselb. -- -- 727
Mineurs - 3 8 66
Ingenieurs - 5 -- --
Cavallerie - 10 30 300
Invaliden - 15 30 347
im Ganzen also 5522 Köpfe.

Man erwäge außer dem, was ich oben über die Infanterie und über den Gesundheitszustand der Garnison sagte, noch besonders, daß die Cavallerie zum Dienst auf den Wallen nicht geschaffen ist, und daß man von den Kräften schwächlicher Greise, der Invaliden, nur wenig fordern kann, daß folglich 25 Officiers, 60 Unterofficiers und 647 Gemeine fast als nicht existirend betrachtet werden mußten.

Wenn indeß auch Neisse nicht das Verdienst erwerben konnte, sich selbst zu erhalten; so behauptet es doch den Ruhm, daß es dem Staate Cosel, Glatz und Silberberg erhielt, welche alle fallen mußten, wenn Neisse nur 14 Tage früher überging; denn Glatz capitulirte gleich nach der Uebergabe von Neisse, und wurde, wie Cosel, nur durch den erfolgten Frieden erhalten. Hätte dagegen Großglogau sich nur 8 Tage, und Schweidnitz, von dem man es mit Recht fordern konnte, sich 4 Wochen länger gehalten; -- besonders da letzteres noch gut nichts gelitten hatte! -- so würde die für den Staat so wichtigen Vestung Neisse, und mit ihr ganz Oberschlesien erhalten worden seyn.


Zeitungsnachrichten.Bearbeiten

[1807]
Nachrichten vom Kriegsschauplatze.

Ueber die Lage der Dinge in Schlesien hatte man folgende, ämtliche, in Stuttgart durch Kourier angekommene Berichte:

"Das Würtembergische Armeekorps, wovon jedoch mehrere Regimenter und Bataillone zu andern Zwecken bestimmt sind, hält gegenwärtig Neisse eingeschlossen. Mangel an Stärke, da selbst die zurückgebliebenen Korps starke Kommandos und Detaschements zu versehen haben, macht es zwar unmöglich, den Ausfällen der Garnison stäts die gehörige Streitmasse entgegensetzen zu können, wie auch der Festung alle Kommunikazion abzuschneiden; doch Tapferkeit, Wachsamkeit und militärische Einsicht machen stäts die Unternehmungen des Feindes unwirksam. Den 8. März wurde Hauptmann v. Brüsselle mit seiner Kompagnie, welche ein weitläuftiges Terrain zu decken bestimmt, und so von schneller Unterstützung entblößt war, durch 600 Mann und einige Kanonen angegriffen. Mit bedeutendem Verluste wurden zwar solche im Anfange zurückgeworfen: doch die Würtemberger, ihren errungenen Vortheil mit Ungestüm verfolgend, sahen sich plötzlich von einer andern feindlichen Kolonne umgangen. In dem nehmlichen Augenblicke erhielt ihr Anführer eine tödtliche Schußwunde. Nun war das widrige Schicksal der Kompagnie entschieden: sie gerieth größtentheils, nach einem hartnäckigen Gefechte, in welchem der Feind ungleich mehr verlor, als die Würtemberger, in Gefangenschaft. Mit desto mehr Glück endigte sich das Gefecht vom 17. d. M., wo der Feind abermahls einen Ausfall mit 1200 Mann und 4 Kanonen that. In der Gegend des Ausfalls hatte sich das Leibregiment Chevauxlegers schon seit einigen Tagen in Versteck gelegt; und da der Feind seine Absicht, einen unserer Posten umgangen, und solchen nun in seiner Gewalt zu haben glaubte, brach dieses Regiment plötzlich aus seinem Hinterhalte hervor, durchbrach die feindlichen Reihen, und vernichtete die Absichten des Feindes. Unterstützt vom Jägerregiment zu Pferd und einigen Kanonen, blieb diesem nun nichts übrig, als unter dem Schutze von den Kanonen der Festung sich dahin zurückzuziehen; 86 Mann, von denen der größte Theil verwundet worden ist, und unter welchen sich 2 Offiziers befinden, wurden gefangene genommen; ausserdem hatte dieses Treffen auch noch die glückliche Folge, daß sowohl die den 8. d. M. in Gefangenschaft gerathene Kompagnie, wie auch sämmtliche während des Feldzuges gefangene Würtembergische Offiziere ausgewechselt wurden. Der Verlust, den die Würtemberger bey diesen Vorfällen erlitten haben, besteht in dem Tode des Hauptmanns v. Brüsselle, und 21 verwundete Gemeinen. Major v. Jett und die Stabsrittmeister v. Moltke, und Graf von Normann Ehrenfels vom Leibregiment, welche sich am Tage des 17. März besonders ausgezeichnet haben, sind, die ersteren zu Rittern des königl. Würtembergischen Militär-Verdienstordens ernannt, und dem dritten durch ein Belobungsschreiben die Zufriedenheit Sr. königl. Majestät zu erkennen gegeben worden."


In Schlesien hatten die wirtemb. Truppen in der Nacht zum 1. May bedeutende Vorschritte zur Eroberung von Neisse gemacht. Denn trotz des lebhaften Widerstandes der Preussen war es ihrer Tapferkeit gelungen, das Blockhaus, die Walkmühle, die Johannesmühle und den Fürstengarten, alles Aussenwerke dieser Festung, zu erstürmen. Das Blockhaus oder Wasserfort wurde völlig rassirt, und die Gebäude des Fürstengartens, der Walk- und Johannesmühle verbrannt. Ausserdem fielen auch noch 9 Kanonen und 130 Mann in die Hände der Wirtemberger. Indessen hat man seitdem noch nichts von der Uebergabe der Festung Neisse gehört.

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"Königsberg am 21. May (2. Jun.) Den 8. (20.) wollten die Feinde Neisse mit Sturm einnehmen, und gebrauchten dabey 3000 unsrer eigenen Bauern zur Avantgarde. Viele verloren ihr Leben, und mehrere flüchteten sich in die Festung. Am 13. (25.) unternahm der Feind einen zweyten Sturm auf Neisse, er war von eben so wenigen Erfolge als der erste, und er wurde mit grossem Verluste zurückgewiesen." [Petersburger Hofzeitung]

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Die Nachricht von der Kapitulation der Festung Neisse hat sich bestätiget. Nachdem der General Vandamme am 29. May drey volle Stunden die Festung hatte aus allen Batterien beschießen lassen und durch künstliche Bewegungen, wie auch durch das in der Nacht auf den Höhen angebrachte blinde Barakenlager der Garnison zu Neisse vorgespiegelt hatte, als hätte das Belagerungskorps beträchtliche Verstärkungen erhalten; so ließ er den Gouverneur von Neisse, den preuß. Generallieutenant v. Steensen, nochmals zur Uebergabe auffordern. Hierauf kam unter dem 1. Jun. die Kapitulation zu Stande, der zu Folge die Festung auf den 16. Jun. dem Belagerungskorps übergeben wird und die preußische Garnison kriegsgefangen ist.

Züge von Heldenmuth.Bearbeiten

Menschenrettung.

Aus dem Wirtembergischen. Bey der Belagerung der nun eroberten Festung Neisse verrichtete der Korporal Klenk, vom wirtembergischen Regiment Herzog Wilhelm, mit Gefahr seines eignen Lebens eine ruhmwürdige That, die vielen hunderten seiner Mitkämpfer das Leben rettete. Am 26. May fiel nämlich eine brennende Stopin in das Munitionsdepot einer Batterie, worin 22 gefüllte Bomben waren; das Brandrohr einer Bombe, und das Stroh, auf dem sie lag, war bereits in Brand gerathen; die alles zerstörende Explosion des ganzen Depots war nahe, und nur der schnell ergriffene Moment konnte das Unglück abwenden. Da ergriff der Korporal Klenk die entzündete Bombe, trug sie etliche und 20 Schritte bis an ein morastiges Wasser, wo er solche erstickte, und dann mit Hülfe des Vizekorporals Keller, das brennende Stroh vollends löschte.



Der würtembergische Korporal Klenk.

Bey der Belagerung der schlesischen Festung Neisse, im Jahr 1807, deren bereits Erwähnung geschehen ist, war eine preußische Granate in das Munitions-Depot der Belagerer gefallen, worinn eine große Anzahl von gefüllten Bomben lag, und hatte schnell das Brandrohr einer der Bomben und das Stroh angezündet, auf welchem sie lagen.

Die Noth war groß, der Augenblick einer alles zerstörenden Explosion nicht ferne, und die Anwesenden fiengen an zu fliehen. -- Da eilte der Korporal Klenk vom würtembergischen Infanterie Regiment Herzog Wilhelm aus eigenem Antrieb und mit schneller Entschlossenheit herbey, ergriff die entzündete Bombe, trug sie etliche zwanzig Schritte weit in eine Pfütze, und erstickte sie darinn, ohngeachtet er sich bey dieser Unternehmung die Kopfhaare versengte.

Durch sein Beyspiel angefeuert, folgte ihm der Vice-Korporal Keller vom nämlichen Regiment, half ihm das brennende Stroh löschen, das Magazin ausleeren, und so das gefürchtete Unglück abwenden.

Klenk erhielt die goldene, und Keller die silbere Verdienst-Medaille, und ersterer noch außerdem ein Gnadengeschenk von 25 Dukaten. Auch wurde dessen Beförderung zum Feldwebel bey eintretendem Erledigungsfall befohlen.

Als der König von Würtemberg über das Armee-Corps, nachdem solches aus dem Felde zurückgekehrt war, Musterung hielt, wollte er den Helden zum Offizier ernennen. Klenk lehnte aber dieses mit der Aeußerung ab, daß er zwar ein guter Unteroffizier seyn könne, sich aber nicht für fähig halte in eben dem Verhältnisse ein guter Offizier zu seyn. Hierauf unterblieb zwar die Beförderung; doch erhielt er die Auszeichnung eines Offiziers und den Gehalt als Lieutenant.

Klenk wurde nachher, wie so manche Tapfere, ein Opfer des russischen Feldzugs.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Neisse. Vor und während der Belagerung. Eine Skizze in Abschnitten. Herausgegeben von einem Augenzeugen. Berlin, bey Dieterici. Leipzig, bey Mittler. 1808.
  • Vertraute Briefe über die innern Verhältnisse am Preussischen Hofe seit dem Tode Friedrichs II. . . . Band. Amsterdam und Cölln 1807. bey Peter Hammer.
  • National-Zeitung der Deutschen. 22tes Stück, den 28ten May 1807.
  • National-Zeitung der Deutschen. 25tes Stück, den 18ten Juny 1807.
  • National-Zeitung der Deutschen. 27tes Stück, den 2ten July 1807.
  • Wiener-Zeitung Nro. 29. Sonnabend, den 11. April 1807.
  • Wiener-Zeitung Nro. 59. Sonnabend, den 25. Julius 1807.
  • Züge teutschen Muthes und Hochsinns nebst einigen Gedichten verschiedenen Inhalts. Gesammelt und zur Ausführung eines wohlthätigen Zweckes herausgegeben von C. V. Sommerlatt. Zweiter Theil. Basel, 1826. gedruckt in der Schweighauserschen Buchdruckerey.
  • Magazin des Kriegs. Zweytes Heft. Belagerung der Vestung Neisse. Mit einem Plan. Leipzig, bey Gerhard Fleischer dem Jüngern. 1808.
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