Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Bengalen, große Landschaft in Ostindien, so vom Ganges durchströmt wird. Man schäzt ihre Größe auf 3000 ge. Quadratmeilen, und die Zahl der Bewohner auf 15 Millionen, Behar und Orissa mit eingeschlossen; Bengalen allein soll 9 Millionen enthalten. Bengalen liegt zwar unter einem heißen Himmelsstrich, da es aber der mächtige Ganges in vielen Armen und andere beträchtliche Flüsse durchfließen und sehr hohe Gebirge auf dem Rücken des Landes liegen, so ist die Hitze gemäsigter als man sie erwarten sollte; und die Flüsse erleichtern zugleich die Ausfuhr der zahlreichen Producte des äusserst gesegneten Landes. Es hat einen Ueberfluß von Reis, Baumfrüchten, Baumwolle, in neuern Zeiten auch von Zucker, Indigo, Seide, viel Salpeter, sehr vorzügliches Opium, wovon die beste Sorte aus Behar kommt und an den Küsten einen großen Vorrath von Seesalz. Mit diesen Artikeln, und mit den vielen sehr fein gearbeiteten und wegen der frugalen Lebensart der Einwohner nach ihrer Proportion wohlfeilen Baumwollenstofen, auch jeder Art Seidenzeugen, wird ein sehr wichtiger Handel getrieben, welcher mit Ausschluß einiger freygegebenen Artikel in den Händen der Compagnie ist. Auch die Franzosen, Holländer und Dänen haben Comptoire in Bengalen, aber unter der Oberaufsicht der Engländer und mit manchen Beschränkungen. Bengalen stund abermals unter der Herrschaft des Großmogols, und ward von einem Nabob oder Unterkönig regiert. Allein die Ostindische Compagnie in England, die zu Calcutta und andern Orten ansehnliche Etablissements hatte, verfuhr, nach der Zerrüttung des Mogolischen Reichs, durch Thomas Kuli Khan mit den Nabobs, die sich von dem Großmogol meist unabhängig gemacht hatten, nach ihrem Gefallen; und das Mir Kossim Aly Khan, den sie selbst zum Nabob im J. 1760. erhoben hatte, nicht so geschmeidig war, als sie es verlangte, so ward er von ihr bekriegt, und der Ausgang davon war daß Major Adams, im J. 1763. innerhalb 4 Monaten ganz Bengalen eroberte und den Nabob aus seiner Provinzen verjagte. Zufolge eines Tractats vom J. 1765. den die Compagnie mit Schah Zadah, der den Titel Mogol angenommen hatte, schloß, ward sie von ihm zu seinem beständigen Duan oder Einnehmer der Revenüen in Bengalen, Bahar und Orixa ernannt. Sie übernahm es, ihm jährlich eine gewisse Summa zu zahlen, und auch einem zeitigen Nabob, zur Bestreitung der Kosten der bürgerlichen Regierung, die er führen sollte, und zur Aufrechthaltung seiner Würde, etwas gewisses zu entrichten. Das übrige der Revenüen sollte der Compagnie gehören, welche dafür die nöthigen Truppen zum Schutz des Landes unterhält. Vermög dieser Einrichtung, die durch Lord Clive vornemlich zu Stande kam, erhielt die Compagnie, nach Abzug aller und jeder Kosten, ein reines jährliches Einkommen aufs wenigste von 1,700,000 Pfund Sterling. Der Nabob war ein leeres Schattenbild, so wie der Großmogol beynahe ein Unding, und sie allein hatte die wahre, höchste Gewalt in diesem großen und reichen Lande. Diese übte sie oder ihre Beamten auf eine sehr tyrannische Weise aus. Die Indianischen Fabrikanten, besonders von der Tanty oder Weberkaste, werden von den Gomosthas oder Factoren der Kaufleute genöthiget, Zettel anzunehmen, worinn sie sich verbindlich machen, ein gewisses Quantum von Stoffen, wovon ihnen schon twas voraus bezahlt wird, zu einer bestimmten Zeit und für einen beliebig bestimmten Preis, der meistens 15. und mehr, ja bis 40 pro Cent geringer ist, als die Waare auf ordentlichen Märkten gelten würde, zu liefern. Wer sich weigert, Zettel und Geld unter solchen Bedingungen anzunehmen, wird mit Schlägen dazu gezwungen. Zu gleicher Zeit sollen diese Leute auch ihren Landbau besorgen, um die darauf haftenden Abgaben zu entrichten. Eine Folge hievon ist, daß die Manufakturen, besonders das Nesseltuch, viel schlechter ausfallen, als ehemals, und daß viele Fabrikanten genöthigt waren, ihre Handthierung und ihr Land zu verlassen. Durch das 1766. angeführte Monopol mit Salz, Betel und Toback mußten in den 2 Jahren, da solches dauerte, die Einwohner des Landes über 670,000 Pfund Sterling mehr bezahlen, als diese Artikel ihnen gekostet hätten, wenn der Handel, wie vorhin frey geblieben wäre. Diesen Gewinn zog eine Gesellschaft von 60 Personen, an deren Spitze Lord Clive war, welche, ungeachtet der wiederholten Verbothe von den Direktoren der Compagnie in England, sich dieses Monopol zugeeignet hatte. Im J. 1770. entstund, durch Mißwachs, ein Mangel an Reis, dem vornehmsten Nahrungsmittel der Einwohner; und die Bedienten der englischen Compagnie machten, durch Aufkauf des noch vorhandenen Vorraths, daß daraus eine schreckliche Hungersnoth entstund. Sie sahen gleichgültig die Indianer zu tausenden hinsterben; und Bengalen verlohr dadurch über 3 Millionen Einwohner. Unter den vier Präsidentschaften, in welche die englischen Besitzungen in Ostindien abgetheilt sind, ist Bengalen die größte und wichtigste. Es gehört ausser dem Reiche Bengalen noch zu derselben: Die Provinz Behar, ein Theil von Allahbad und ein kleines Stück von Orissa; denn der größere Theil dieser Provinz steht unter der Herrschaft der östlichen Maratten. Ueberdieß gehorcht den Befehlen der Engländer der Nabob von Avad oder Aude, unter den Namen eines Bundesgenossen, dessen Festungen mit englischen Truppen besetzt sind, die er jährlich mit 7,600,000 Rupien bezahlen muß. Seine Besitzungen haben eine große Ausdehnung längst der beyden Ufer des Ganges Fluß. Die Einkünfte von Bengalen, ohne die Subsidiengelder des Nabob von Aude zu rechnen, betrugen im J. 1800. 6,339,204 Pfund Sterlinge, und nach Abzug aller Unkosten bleibt von dieser Summe reiner Gewinn für die Compagnie 1,897,156 Pfund Sterlinge. Dies ist aber nur der Ueberfluß, welchen die Gesellschaft als Souverain des Landes bezieht, und der sich wieder durch Zuschüsse an die Kosten der übrigen Präsidentschaften verliert. Der große Gewinn für England fließt aus dem ungeheuern Handel nach diesen Gegenden, welche von Europa so wenig bedürfen und so viel abgeben können. Die stehenden Truppen, welche die Compagnie in diesen Ländern halten, bestehen in Friedenszeiten gewöhnlich aus 4000 Europäern und gegen 24000 Seapois, oder einheimischen mohammedanischen Soldaten; zur Zeit des Kriegs wird diese Macht beträchtlich verstärkt. Die Zahl aller Truppen der Ostindischen Compagnie giebt man auf 10,000 Europäer und 60,000Seapois an. Die Hauptstadt von Bengalen ist Calcutta; und der Sitz der Präsidentschaft, an deren Spitze der Generalgouverneur steht, in dem dabey gelegenen Fort Williams.


Quellen und Literatur.[]

  • Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor zu Altdorf. Neu bearbeitet von Konrad Mannert, Königl. Bairischen Hofrath und Professor der Geschichte und Geographie zu Würzburg. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1805.
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