Die Franzosen räumen Berlin.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 4. März 1813.

Da nach den fürchterlichen Unfällen, welche die französ. Armee in Russland trafen, auch Murat die Trümmer derselben verlassen hatte, übernahm der Vice-König von Italien Eugen den Oberbefehl derselben. Er wusste nichts besseres zu thun, als sich mit dem grössten Theile seiner Macht nach Magdeburg zu ziehen, um sich am Ufer der Elbe bis zur Ankunft der neuen Verstärkungen, welche Napoleon herbeiführte, zu behaupten. Eine Folge dieses Rückzugs war die Räumung des bisher so hart mitgenommenen Berlins, welche am 4. März geschah. Sogleich rückten die Russen unter Czernitschew in die verlassene Stadt ein.


Die Russen besetzen Berlin.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der vierte März 1813.

Während die russische Hauptmacht sich in der letzten Hälfte des Februars zwischen Posen und der Oder zusammenzog, erschienen die Kosacken schon am 17ten in der Nähe von Berlin, doch wurde diese Hauptstadt erst in der Nacht vom 3ten auf den 4ten März von den Franzosen geräumt, dagegen aber von den Russen unter dem Fürsten Repnin und General Czernitscheff besetzt. Die Befreyung der Königsstadt aus der Gewalt der Franzosen, die schleunige Vertreibung der Ueberreste des feindlichen Heeres unter dem Vicekönig von Italien und dem Marschall Augereau aus den preussischen Staaten bis zur Elbe, waren die Vorboten und Unterpfänder einer neuen glücklichen Zeit für Preussen, für Deutschland, ja für alle in der Unterdrückung schmachtenden Länder von Europa.


Der Abzug der Franzosen und die Ankunft der Russen in Berlin.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Enthaltend den Zeitraum vom 20. Februar bis 4. März 1813.


Seit einer langen Reihe von Jahren hat man der französischen Armee eine Unfehlbarkeit sonder gleichen zugeschrieben. Die sind schlau, die lassen sich nicht überlisten, diesen ist nichts zu sein, war das Gerede hier und aller Orten. Ob es hier in diesen Tagen eine Bestätigung erhalten, wird folgende Erzählung beurtheilen lassen.

Am 20sten Febr. 1813 war die französische Besatzung in Berlin äußerst ruhig und sorglos. Viele Soldaten gingen ohne Waffen auf den Straßen noch um halb 12 Uhr Mittags spazieren, die Wachparade wurde um diese Zeit im Lustgarten abgetheilt, keine Wache war oder wurde verstärkt, und doch waren bereits seit 10 Uhr mehrere Kosaken vor den Prenzlauer und Schönhauser Thoren. Davon wußten die Franzosen nicht ein Wort. Die Thore waren offen, und viele Menschen strömten hinaus, um die neuen Gäste zu begrüßen, und ihnen Essen und Trinken zu bringen.

Gegen 12 Uhr Mittags sprengten gegen 150 Kosaken in die Stadt, und wären es mehrere gewesen, so würde die ganze Besatzung von 7000 Mann sich haben ergeben müssen. Nirgends war Ordnung, und die Franzosen liefen alle einzeln oder in einzelnen Trupps mit den Bürgern zugleich herum. Die Mannschaft in der Caserne in der Münzstraße, so viel deren zu Hause waren, hatte sich nicht einmal herausgezogen, sondern schoß aus den Fenstern auf die heransprengenden Kosaken, schoß aber nicht diese, sondern eigene Kameraden, welche erst nach Hause kamen, und einige Bürger todt.

Gegen 1 Uhr hatten sich die Franzosen endlich auf dem Schloßplatz gesammelt, und die Hälfte von allen, welche nicht auf den Wachen waren, verfügte sich theils nach der Königsvorstadt, theils wurden die dasigen Thorwachen verstärkt. Der Schloßplatz und Lustgarten blieb bis in die Nacht mit Truppen und Kanonen besetzt, und als die Kosaken wieder abgezogen waren, wurde die Mannschaft von der Vorstadt herein beordert und die Thore verrammelt.

Nun hätte man meinen sollen, daß der größte Theil der Besatzung wenigstens am anderen Morgen sich hätte vor die Stadt verfügen, die Russen aufsuchen oder entgegen gehen können, aber von dem allen geschah nicht viel. Nur wenige gingen zum Observiren hinaus; und ein Mehreres außer den Mauern der Stadt zu leisten, fand man sich, nach den Außerungen der Officiere, durch den Mangel an Cavallerie verhindert.

Am morgen des 21sten hatten die Truppen sich auf der Promenade unter den Linden aufgestellt. Die ersten Vorposten standen auf der Schloßfreiheit; auf der Hundebrücke ein Piket, ein noch größeres am Zeughause und bei des Königs Palais; die Opernbrücke konnte mit 3 Kanonen, jede der folgenden Querstraßen mit einer und das Brandenburger Thor ebenfalls mit 3 Kanonen bestrichen werden.

Erfahrne Militärs behaupteten, daß dieser Sack für sie sehr gefährlich hätte werden können, wenn die Russen noch einmal und zwar verstärkt eingedrungen wären. Die eine Kanone auf jede der Queerstraßen würde bald genommen worden seyn, und von der Infanterie hätten immer nur wenige, sich aufstellen und feuern können. Selbst durch die Häuser der Lindenallee hätte man dringen können indem diese mit denen in den dahinter laufenden Straßen größtentheils durch Höfe in Verbindung stehen. Eine größere Linie als straßenbreit hätten sie nicht formiren können, und sobald nur zwei von den neuen Zugängen genommen worden wären, hätte keiner dem andern mehr zu Hülfe kommen können.

Die Stadt hat 5 Stunden im Umfange, eine schwache Mauer von 14 Fuß Höhe und 15 Thore. Dieser ganze Umfang war mit keiner einzigen Kanone, und jede Thorwache nur mit 40 bis 50 Mann besetzt. Nur allein das Brandenburger Thor konnte von innen mit drei Kanonen bestrichen werden. An Cavallerie waren kaum hundert Mann in der Stadt.

Wenn die Russen ein Thor oder ein Stück Stadtmauer eingeschossen hätten, so wären sie wahrscheinlich Meister von der Stadt geworden, und hätten sie zugleich das Brandenburger und einige Nebenthore zu besetzen gesucht, so hätte von der ganzen Besatzung kein Mann entrinnen können. Man fragte sich überall auf den Straßen: handeln die Franzosen mit dieser Stellung nach der immer gerühmten Klugheit und Tapferkeit? oder wollen die ihr Leben mit dem Wohl der Stadt zugleich aufopfern? Wir sind ja nicht in einer Festung, sagte man, und es sey wohl gebräuchlich, sich durch eine offene Stadt durchzuschlagen, aber nicht Sitte, darin den Feind zu erwarten. Warum besetzte und schloß man nicht sogleich die Thore, als die Kosaken zwei bis drei Stunden lang in der Stadt herumschwärmten? Man hätte je diese Handvoll Leute alle fangen können.

Ob ihr Muth wieder gewachsen, oder ob sie den Vorstellungen von Seiten der Stadt Gehör gegeben, oder auch, ob sie das Mißliche ihrer Disposition selbst eingesehen haben, genug am 25sten Febr. wurde die Lindenallee wieder verlassen, das Bivouaquiren daselbst hörte auf, mehrere Soldaten marschirten ab, andere wurden wieder einquartiert, und neue von der Oder gekommene Regimenter hatten die Dörfer auf der östlichen Seite der Stadt besetzt. Der Marschall Augereau hatte in der Nacht vorher die Stadt verlassen.

Am 22sten Februar trafen 800 bis 1000 Mann Cavallerie, von 8 bis 9 verschiedenen Regimentern, und mit ihnen der Vice-König von Italien hier ein. Dieser ging am anderen Tage nach Köpenick, und daselbst war also nun das Hauptquartier der sogenannten großen Armee. Wie groß die in diesen Tagen noch war, hat man nicht erforschen können, aber anzunehmen ist, daß sie seit ihrem Rückzuge von der Memel, wo man sie auf 30,000 Mann höchstens schätzte, bis hieher wohl noch manchen Mann verloren hat. An der Oder hat sie sich vermuthlich mit der nach der Zeitungen 40,000 Mann starken Avantgarde der Elbarmee vereinigt, und rechnet man die große Armee mit dieser Avantgarde zusammen, so läßt sich ein recht hübscher Zeitungs- oder Bülletin-Artikel daraus machen.

Man hat aber Ursach, sowohl an der großen Armee, als auch an der 40,000 Mann starken Avantgarde zu zweifeln. Von der ersteren haben wir hier nichts weiter gesehen, als die 800 bis 1000 Mann Cavallerie und ein Regiment Infanterie, größtentheils Polen, welches am 25sten eintraf, und am 26sten weiter der Elbe zu ging. Einzelne Brocken, welche von Zeit zu Zeit eintrafen, machen keine Zahl von Bedeutung aus. Was sonst ankam, waren Regimenter von dem Grenierschen Corps, welches einige Wochen früher 20 bis 25000 Mann stark der Oder zu ging. Daß die Mehrzahl von der großen Armee gleich von Frankfurt an der Oder aus nach Sachsen geflüchtet sey, kann man, wenn man will, annehmen; was jetzt der Vice-König bei sich hatte und noch erhielt, waren etwa 20 bis 25000 Mann.

Am 26sten Februar übernahm der Marschall Gouvion St. Cyr das Commando in der Stadt, und am Morgen des 27sten verließ der Vice-König auch schon wieder das so neue Hauptquartier, und verlegte dasselbe noch mehr zurück in das Dorf Schöneberg. Zugleich kamen 3 Regimenter Infanterie und 2 Regimenter Chasseur zu Pferde, alles zusammen ungefähr 4000 Mann, hier an. Diese wurden nicht nach der gewöhnliche Art, sondern auf die südliche Seite der Spree, dem Halleschen Thore zu, 40 bis 100 Mann in einem Hause einquartiert. Die Mannschaft durfte selbst des Nachts nicht aus den Kleidern, und was sonst noch an Truppen sich nach hiesiger Gegend gezogen hatte, mußte außerhalb dem Halleschen Thore bivaquiren. Vor diesem und anderen Thoren, theils innerhalb, theils außerhalb, wurden Gräben aufgeworfen, und in der Stadtmauer, nahe an den Thoren, in einer Höhe von 8 bis 10 Fuß, Löcher eingehauen, welche jedoch nur zum Durchgucken gebraucht wurden. Nur allein das Hallesche, Brandenburger, Oranienburger und Frankfurter Thor, waren nicht gänzlich geschlossen, und wurden zu gewissen Stunden mit ängstlicher Vorsicht aufgemacht. An allen anderen Thoren war die Erde aus den daselbst gezogenen Gräben mannshoch aufgeworfen. Am 28sten wurden auch die Brücken mitten in der Stadt mit Wachen besetzt, und zum Theil des Nachts aufgezogen.

In den folgenden 3 Tagen wurden zwei Bataillone und ungefähr hundert Pferde, nebst einigen Kanonen, zum Recognoscieren ausgeschickt, und kamen, da es nicht ohne Scharmuziren abging, jedesmal verringert und zum Theil mit blutigen Köpfen wieder zurück. Gefangene Russen sah man niemals einbringen.

Aus dem hier Gesagten ergiebt sich, daß die Franzosen den Kopf eben so gut verlieren können, als die Deutschen, und daß sie, wenn ihnen nicht Hunderttausende von Menschen zu Gebote stehen, ebenfalls verzagen. Specielle Fälle von Einzelnen, welche sich am 20sten Febr. zutrugen, werden dies noch mehr bestätigen.

An jenem Schreckenstage für die Franzosen, am 20sten Februar, sprengten zwei Kosaken der langen Brücke zu, und eine hinter derselben aufgefahrne Kanone sollte eben auf dieselben abgefeuert werden, als einer von den dastehenden Einwohnern dem Kanonier die brennende Lunte aus der Hand riß, in den Koth trat, und andere die Kanone in den Winkel, den das Schloß und das Badeschiff bildet, zogen; zitternd ließen die Kanoniere alles geschehen. Ein Officier mit 30 bis 50 Mann stand auf der andern Seite, hatte bereits zum Anschlagen kommandirt, und einer der Bürger rief: das Gewehr in Arm! und die Soldaten folgten. Der Officier wurde mit Todtenblässe überzogen, und ging ab. Auf zwei Kosaken mit Kanonen und kleinem Gewehre zu feuern, wenn mehr als tausend andere Menschen in der Schußlinie sind, ist doch wohl kein Heldenmuth. Warum ließ man sie nicht herankommen, und forderte sie dann auf, sich der Mehrzahl zu ergeben? Jedoch das Gegentheil war an diesem Tage an der Tagesordnung.

Zu derselben Zeit fuhr im starken Trapp an der Stechbahn-Ecke ein Pulverkarrn an einen Prallstein, daß die Stränge rissen. Die Einwohner bemächtigten sich des Wagens, schleppten ihn nach der Spree, und warfen Pulver und Wagen bei der Schleuse ins Wasser. Die Fuhrknechte hatte sich mit den Pferden eiligst davon gemacht, und kein Militär war da, oder hatte Lust, dies Verfahren zu hindern. Die Bürgerwachen und Polizeibedienten waren es nicht vermögend.

Die Thorwachen, da wo Kosaken herein kamen, streckten alle sogleich die Gewehre, und eben so die Hauptwachen vor dem Spandauer Thore und an der Dreifaltigkeitskirche. Zwei Kosaken waren überall hinreichend, 20 Mann zu entwaffnen. Der Ruf Kosak! erregte Zittern und Beben.

Ein französischer Oberst wurde mit 10 Dragonern, die Thore zu revidiren, geschickt, und einer von unsern Gensd'armerie-Officieren ihm zum Wegweiser gegeben. Der Letztere wollte zum Thore hinaus und außerhalb der Mauer reiten, aber der Oberst bestand darauf, die Tour innerhalb längs der Mauer zu machen, und als man in der Gegend das Cotbuser Thores wirklich einige Kosaken in der Ferne erblickte, da trat der Herr Oberst den Rückweg an.

Ein General ritt in der Friedrichsstraße, in der Gegend von No. 16., und unglücklicher Weise kam aus der Ferne vor und hinter ihm der Ruf Kosak! Sogleich sprengte er in einen offenstehenden Hof, warf sich vom Pferde, gab einer dastehenden Frau einen Friedrichsd'or, lief die Treppe hinauf, und bat, ihn zu verbergen. Als es auf der Straße wieder ruhig geworden war, bat er, ihm einen alten Mantel und Mütze zu borgen, gab wieder einen Friedrichsd'or, und schlich sich zu Fuß davon. Nach einigen Stunden holte er in starker Begleitung zu Pferde sein Pferd ab.

Das Betteln einzelner Soldaten bei den Bürgern, ihnen das Gewehr abzunehmen und die zu verbergen, haben sehr viele Einwohner erlebt. Selbst in den folgenden ruhigern Tagen sah man nicht selten Soldaten, welche um andere Kleider oder im einiges Geld zu dergleichen weinend baten. Jeder wollte gern den Russen entlaufen.

Die Dreistigkeit der Kosaken war aber auch ganz außerordentlich. Bei der Stralauer Hauptwache ritt ein Einzelner gerade auf die dastehenden 14 Mann zu, griff sie jedoch nicht an, sondern ritt im Schritt vorüber. Die 14 Mann ließen dies auch geschehen. Drei andere nahmen einen Oberst in einem Hofe gefangen und führten ihn davon. Ein einzelner wurde in der Königsstraße von 8 Reitern verfolgt, und doch nicht erhascht. Von allen in die Stadt gekommenen haben nur zwei das Leben eingebüßt.

Man hätte nach diesen Vorkehrungen nun glauben können, daß die Franzosen sich hier wochenlang halten wollten. Unsere gute offene Stadt war in Belagerungszustand versetzt. Die Posten gingen nicht regelmäßig, die Märkte konnten nicht von den Landsleuten versorgt werden, und Unheil vieler Art drohete uns. Aber der Tag der Erlösung war früher da, als man ihn erwartete. Der Himmel hing am 4ten März voller Wolken. Es gab Regen und Schneegestöber. Jedoch Märzschnee macht schön, und mit diesem fing der neue Tag und das neue Leben an.

Am 3ten März suchten einige Franzosen zu verbreiten, daß sie am Abend des 4ten, nach einer Convention mit den Russen, Berlin verlassen und die letzteren den 5ten Morgens einziehen würden. Sie, die Franzosen, wollten die Stadt nicht länger in Gefahr setzen, jedes Uebel von derselben abwenden, und deshalb hätten sie die Convention geschlossen. Eine solche Convention war zwar nicht geschlossen, aber die Vorspiegelung war eine Folge des wirklich beschlossenen Abzugs, da die Nachricht von Annäherung der Russischer Infanterie erfolgt war.

Bereits in der Nacht vom 3ten zum 4ten März, Morgens um 4 Uhr, fingen die Franzosen an abzuziehen, und zwar ohne Trommelschlag, ohne einen Pfeifenlaut, selbst ohne vieles Gespräch. Zwei Stunden vorher hatten sich in einiger Entfernung bei jedem Thor- und Stadtwachthause hinlängliche Bürgergardisten eingefunden, und so wie die Franzosen ein Wachthaus verließen, besetzte die Bürgergarde dasselbe. Bald nach 5 Uhr meldeten sich die Kosaken an den Thoren, und wenn man nicht wollte, daß sie selbige sprengen sollten, mußte man sie einlassen. Die Gräben außerhalb und innerhalb der Thore waren in wenigen Minuten wieder ausgefüllt, und sogleich sprengten die Kosaken mit zwei Kanonen in die Stadt. Die Franzosen waren noch im Herausmarschiren. Mehrere wurden abgeschnitten und gefangen genommen. In der Wilhelmsstraße und am Halleschen Thore kam es zum wirklichen Feuern. Die Gräben, welche die Franzosen an den Halleschen Thore gezogen hatten, waren jetzt Ursach, daß sie selbst nicht schnell genug fliehen konnten. Alles dies giebt den deutlichen Beweis, daß keine Convention mit den Russen statt gefunden hat, denn sonst wären die ersteren nicht noch in der Stadt angegriffen worden, und man hätte das Gefecht nicht gleich vor dem Thore fortgesetzt. Vom Morgen bis Nachmittags um 3 Uhr rückten ununterbrochen Russische Truppen ein, Kosaken, leichte Cavallerie, Infanterie und Artillerie, zusammen 12 - bis 13000 Mann, von der Graf Wittgensteinschen Armee, und zum Corps des Fürsten Repnin gehörig. Die Cavallerie befehligte der General Tschernitschef. Zwei Drittel von allen verfolgte die Franzosen, und die Uebrigen stellten sich im Lustgarten, auf dem Schloßplatze und unter den Linden auf. Mehrere von den Kosaken sprengten in der Stadt umher, und suchten diejenigen Franzosen auf, welche sich noch versteckt hielten und gern Abtrünnige von der großen französischen Armee seyn wollten. man brachte mehr als 200 zusammen, und aus dem Wasser holte man am anderen Tage mehrere Gewehre heraus, welche friedlich gesinnte Franzosen selbst hinein geworfen hatten. In dem hiesigen französischen Lazareth fand man 1600 Kranke.

Gleich am Morgen waren auf dem Schloßplatze Wagen und Brod, Heringe und Branntwein aufgestellt. Da konnte jeder Russe zulangen. Die Einwohner theilten jedoch aus eigenen Mitteln mehr mit, als dies Aufgestellte betrug. Jeder theilte mit, Speise, Trank und Herz. Ruß, Preuß, Bruder! sagten die Kosaken, und viele derselben hatten die Preußische Kokarde aufgesteckt. So viele herzliche Händedrücke und Umarmungen, so viele Thränen der innigsten Freude, so viele Ausrufungen: Gott Lob, nun sind wir wieder frei! sind wohl in Berlin in einem ganzen Jahrhunderte nicht gesehen und gehört worden. Bärtige Kosaken wurden von zarten Frauen geküßt, und Flaschen mit ordinären Branntwein, welchen die Ersteren ihnen zutranken, dreist an den Mund gesetzt. Wer konnte wohl Menschen etwas versagen, welche ihr Vaterland wieder erobert haben, und nun ihr Leben auch für das unsrige aufopfern wollen!

Aus den mehresten Fenstern weheten weiße Tücher und überall erscholl tausendfältiges Hurrah! Die Russischen Officiere hatte vollauf zu thun, für den lauten Jubel des Volkes ihre Säbel und Degen zu neigen. Jedem Soldaten und gemeinen Kosaken sah man es an, daß er sich freue, zum Wohl eines Volks so viel beigetragen zu haben. Russen zu Pferde und zu Fuß, Geschütz und Berliner Einwohner, waren unter einander verkettet, als wenn dies schon Jahre lang so Gebrauch gewesen wäre. Kein Gensd'arme, so wie bei den Franzosen, hielt die Bürger ängstlich zurück, damit nicht etwa einer etwas erspähen könne, oder damit ihre Parade um so mehr imponire. Abends war die ganze Stadt erleuchtet, und weder die Russen noch die Policei hatten dies befohlen.

Der General Tschernitschef machte durch einen Anschlag bekannt, daß durch seine Zusammentreffen mit den Franzosen noch in der Stadt die Ruhe derselben nicht weiter gefährdet werden solle. Zugleich zeigte derselbe an, daß der Major Graf Puschkin zum Platzcommandanten ernannt sey. Dieser Anschlag war mit dem Datum des alten und neuen Calenders, nach russischer Gewohnheit, unterzeichnet, nämlich den 20. Febr. (4. März). Zufällig giebt dies zugleich eine Erinnerung an den 20sten Februar, wo sich hier die ersten Kosaken zeigten. Das Gouvernement übernahm einstweilen der Fürst Repnin.

Einquartiert wurden an diesem Tage keine Russe. Alle, welche die Franzosen nicht verfolgten, blieben für die Nacht unter freiem Himmel. Die Einwohner schickten ihnen aber reichlich warmes Abendessen.

So endigte sich dieser für Berlin so merkwürdige 4te März, und wohl jeder redliche Einwohner legte sein Haupt ruhiger nieder, als in der vergangenen Nacht, obgleich da die Thore recht gut geschlossen waren. Tausende von uns und Millionen außerhalb Berlin haben Jahre lang seufzend geklagt: eine solche Veränderung erleben wir nicht! und sie ist doch erfolgt, unvermutheter, als man dachte. Gott wird weiter helfen!


Friedrich Wilhelm's Einzug in Berlin.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wer hätte an jenem unglücklichen 26sten October 1806 von Berlin's Einwohnern, der damals den Eroberer Napoleon durch's Brandenburger Thor einziehen sahe, geahnet, sieben Jahr später werde Friedrich Wilhelm einen Sieges-Einzug hier halten, nachdem Napoleon geschlagen, der alte Preußische Ruhm wieder erobert worden, so wie alle verlorne Provinzen? Nur die sind in Berlin zu beklagen, welche den 23sten October 1813 nicht erlebt haben.

Berliner Blätter enthalten Folgendes aus Berlin vom 26sten October.

"Nachdem Se. Majestät der König in allerhöchstem Wohlseyn, zur unbeschreiblichen Freude ihrer treuen Unterthanen den 23sten Abends um 5 Uhr, aus Leipzig siegreich in Potsdam eingetroffen waren und sich am folgenden Morgen nach Charlottenburg verfügt hatten, hielten Hochdieselben von da aus, Sonntag den 24sten gegen 12 Uhr, in Begleitung eines zahlreichen Gefolges, Ihren Einzug in Berlin, um für die errungenen Siege mit unter Ihrem Volke Gott öffentlich zu danken. Bei'm Brandenburger Thore bis zum Palais, stand die Infanterie und Cavalerie in Spalier. Se. Maj. wurden aus allen Fenstern und von den zahlreich unter den Linden versammelten Einwohnern mit unaufhörlichem Jubel begrüßt, Blumen und Kränze entgegengestreut, und ein Lebe hoch! über das andere erschallte. Se. Maj. stiegen vor der Domkirche ab, und brachten dem Allerhöchsten Ihren Dank für die sichtbare göttliche Huld und Gnade, für den errungenen Sieg und das gerettete Vaterland. Se. Maj. wohnten mit allen hier anwesenden Prinzessinnen des Königl. Hauses, und den höchsten und höhern Staatsbehörden dem Gottesdienste, dem Tedeum, der Predigt des Hofprediger Stosch bei und ließen sich bei'm Anfang des Dankgebetes nach der Predigt zuerst mit der ganzen Königl. Familie, allen Behörden, und der gesammten Gemeinde auf das Knie nieder. Die Rührung Sr. Maj. bei'm Einzuge sowohl, als vornehmlich an der heiligen Stätte, war sichtbar. Nach dem Gottesdienst verkündigten im Lustgarten, 101 Kanonenschüsse der Stadt das geendigte Dankfest und die Gegenwart unsers allertheuersten Monarchen."

"In allen Kirchen, selbst in allen Militär-Lazarthen, war feierlicher Gottesdienst. Auf dem Opernplatze war ein großer Theil des Militärs, das nicht in der Garnisonkirche Platz gefunden, zum Gottesdienst versammelt. Auch hier wurde von allen Kriegern und den zahlreich umstehenden Zuhörern kniend ein feierliches Dankgebet gehalten."

"An den Kirchthüren wurde für die verwundeten Krieger reichlich gesammelt. Reine ungeheuchelte Andacht, ächte Menschenliebe, thätiges Mitleiden, sind die Hauptzüge Berlin's, im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts."


Quellen und Literatur.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Historischer Militair-Almanach des 16. 17. 18. und 19. Jahrhunderts. Mit besonderer Hinsicht auf das letztere, und den oesterreichischen Kaiserstaat. Mit 15 Portraits, für Freunde der neueren und neuesten Kriegsgeschichte von Johann Ritter von Rittersberg. Prag bei C. W. Enders 1825.
  • Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Augsburg und Leipzig in der Jenisch und Stageschen Buchhandlung.
  • Das neue Deutschland. Enthaltend größtentheils freimüthige Berichte zur Geschichte der Bedrückung und der Wiederbefreiung Deutschlands. Berlin 1813 (1814), bei den Gebrüdern Gädicke.
  • Kurzer Umriß der Begebenheiten auf dem festen Lande von Europa, in den Jahren 1813 und 1814 zur Befreiung von der Französischen Tyrannei; nebst kritischen Bemerkungen, von einem Engländer. Weimar, im Verlage des Landes - Industrie - Comptoirs. 1814.
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