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Von Reisende.Bearbeiten

Jean-Philippe Graffenauer.

[1807]

Die lange Brücke führt nach dem geräumigen Schloßplatze, an welchem mehrere ansehnliche Häuser stehen, und der einen trefflichen Anblick gewährt. Rechts erhebt sich das Schloß, ein sehr bedeutsames, in einem grandiosen Styl errichtetes Gebäude, das sich sogleich als die Wohnung eines mächtigen Regenten ankündigt. Es hat die Gestalt eines Trapeziums. Von der einen Seite hat er die Ansicht nach dem Schloßplatze, von der entgegenstehenden nach dem Lustgarten; die beiden andern Seiten führen nach der Spree und der Schloßfreyheit, einer Reihe dem Schlosse gegenüber gelegener großer und schöner Häuser. Der untere Theil des Daches ist von einer mit Statuen verzierten Balustrade umgeben. Das Schloß ward allmählig und zu verschiedenen Zeiten gebaut; daher hat es einige Mängel in Hinsicht der Symmetrie, die jedoch den erhabenen Total-Eindruck nicht schwächen. Die Façade nach der Spree-Seite ist das einzige Ueberbleibsel von de alten Residenz der Kurfürsten. König Friedrich der Erste, und sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm der Erste, ließen die drey andern Façaden neu erbauen. Erst im Jahre 1716 ward das Ganze fertig.

Friedrich der Große that wenig für das Schloß; der letztverstorbene König aber trug viel zur Verschönerung desselben, durch prächtige Meublirung und Ausschmückung der Zimmer, bey.

An drey Façaden des Schlosses sieht man schöne Portale, unter denen sich das nach der Schloßfreyheit belegene auszeichnet. Es ist dem Triumphbogen des Septimius Severus in Rom nachgebildet. Der Verfertiger desselben war ein berühmter Baumeister, Namens Schlüter. In einem Pilaster dieses Portals findet man eine Windeltreppe von hundert und sieben und funfzig Stufen, die aus dem Kellergeschoß des Schlosses bis unter das Dach desselben führt. Hier laufen die Röhren einer hydraulischen Maschine, die aus der Gegend der Werderschen Mühlen das Wasser in drey große über dem Portal angebrachte Behälter leitet. Durch diese Vorrichtung sind, für den Fall einer unvermuthet ausbrechenden Feuerbrunst, stets sieben Tausend Tonnen Wasser vorräthig.

Das Innere des Schlosses entspricht seinem Aeußern; fast alle Zimmer sind prächtig und geschmackvoll eingerichtet. Ich kann mich auf ihre detaillirte Beschreibung nicht einlassen, und nenne nur, als die merkwürdigsten, die Zimmer Friedrich Wilhelms des Ersten, die des letztverstorbenen Königs, den Thron-, Konzert-, Ordens-, Speise-, Schweizer-, weißen und Ritter-Saal, die Gemälde-Gallerie u. s. w. Auf dem Schlosse werden auch das Curiositäten- und Naturalien-, so wie das Antiken- und Medaillen-Kabinet aufbewahrt.

Diese Sammlungen, welche sich unter der Aufsicht des königlichen zweyten Bibliothekars, Herrn Henry, befinden, enthalten viel Merkwürdiges.

In dem ersten der oben genannten Kabinete findet man allerlei aus Elfenbein und Bernstein verfertigte Kunstwerke; eine Sammlung von Seltenheiten aus China, Japan, Amerika und den Südsee-Inseln, mehrere aus Wachs geformte Kunstwerke; z. B. die Statuen des großen Kurfürsten, König Friedrichs des Ersten, und anderer preußischen Regenten; ferner viele Alterthümer, z. B. Urnen und Götzenbilder, die in der Mark gefunden worden; das Modell eines englischen Schiffes und einer von Peter dem Großen zu Sardam verfertigten Windmühle; Toiletten mit vielen Edelsteinen; der berühmte pommersche Schrank Philipps des Zweyten, der im Jahre 1606 von vier und zwanzig Augsburger Künstlern verfertigt wurde. u. s. w.

Das Naturalien-Kabinet ist sehr reichhaltig; vorzüglich bedeutend ist der Vorrath von seltenen Mineralien. Besonders merkwürdig war mir ein Stück Holz, dessen Zwischenräume mit Bernstein ausgefüllt waren, weil dadurch der vegetabilische Ursprung dieses Harzes außer Zweifel gesetzt wird. Aus dem Pflanzenreiche sind viele Seltenheiten hier; vor allen aber sind die zoologischen Vorräthe sehenswerth. Ich erwähne nur der vom verstorbenen Doctor Bloch herrührenden zahlreichen Sammlung von Fischen, deren man hier achthundert und funfzig Arten findet, von welchen fünfhundert und zwanzig in Weingeist aufbewahrt, und die übrigen theils getrocknet, theils ausgestopft sind.

Das Antiken- und Medaillen-Kabinet übergehe ich mit Stillschweigen, da beide, als ich sie besah, in großer Unordnung waren. Herr Henry bedauerte sehr den Verlust einiger seltnen und trefflichen Medaillen, die nach Paris geschafft worden waren.

Der dem Schlosse nordwestlich liegende Lustgarten ist eigentlich ein viereckigter freyer Platz, der zum Exerzierplatze dient, und von einer schönen Allee von Kastanien und Pappeln eingefaßt ist. in dieser Allee, dem Schlosse gegenüber, steht eine Bildsäule des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, eines der Schöpfer der preußischen Infanterie. Diese Statue von weißem karrarischen Marmor ist mit Basreliefs und Inschriften geschmückt. Der Verfertiger dieses Kunstwerkes ist der Bildhauer Schadow.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Meine Berufsreise durch Deutschland, Preußen und das Herzogthum Warschau, in den Jahren 1805, 1806, 1807 und 1808. Von J. P. Graffenauer, Doktor der Arzneygelahrtheit, vormaligem Arzte bey der großen französischen Armee, mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitgliede. Chemnitz, bey Carl Maucke. 1811.
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