Bialystok.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Bialystok,[1] gutgebaute Stadt, ehemals in der polnischen Woiwodschaft Podlachien. Sie hat ziemlich gerade und wohlgepflasterte Gassen, mit einem sehr schönen Schlosse und Garten, worauf der vormalige Krongroßfeldherr, Graf Branitzky, als Besitzer, große Summen verwendete. Man nennte es daher das polnische Versailles. In der Folge kam es an die Potockische Familie. Von ihr hat seit der lezten Theilung Polens eines der beyden Kammerdepartements in Neuostpreussen den Namen, welches 10 Landräthliche Kreise und 513,000 Einwohner enthält. Die Stadt hat weder Mauern noch Thore, ist der Sitz der Kammer und der Regierung, und hat in 455 Feuerstellen 3,376 Einwohner, ohne das Militair. Unter den Einwohnern sind viele deutsche Professionisten.


Krieges- und Domainen-Kammer zu Bialystock.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


[2] Das Departement derselben (welches gegen Abend durch das Lithauische und Plocker Departement, gegen Mittag durch den Bugstrom und West-Gallizien, gegen Mitternacht und Morgen durch den Memelstrom und durch Russisch-Lithauen begränzt wird) enthält folgende 10 Kreise: den Lomzaschen, Goniondzschen, Drohycinschen, Suraczschen, Bialystockschen, Bielskschen, Dombrowaschen, Wigryschen, Kalwaryschen und Marienpolschen Kreis.


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich Schulz. [3]

[1793]

Von Sokolk bis Buksstal (3 M.) dauerte der vorhin erwähnte Straßendamm noch fort und der Reisende bemerkt dies zu seiner größten Zufriedenheit. Von Buksstal bis Bialystock ist es derselbe Fall. Ich machte diese 6 Meilen in Stunden. An den beyden vorhin genannten Orten fand ich in den Posthäusern Zweige von zwey Sächsischen Familien, die, seit Augusts des Zweyten Zeiten, hier die Postmeisterstellen ausfüllen, und die jetzt schon 44 Köpfe stark sind. Sie bilden eine kleine bürgerliche Gesellschaft, die durch Blutsfreundschaft genau zusammenhängt, ihre Kinder wechselsweise unter einander verheyrathet, kein Polnisches Blut einläßt, (so weit dies zu vermeiden ist) und übrigens ächt Sächsische Sitte und Mundart beybehalten hat, wenn auch die Männer sich zum Theil Polnisch kleiden. Nettigkeit und Sauberkeit zeichnen die Posthäuser, worin sich dies Völkchen befindet, vor allen übrigen in Lithauen sehr vortheilhaft aus.

Bialystok, wo ich Abends um 7 Uhr, nach zurückgelegten 16 Meilen, schon ankam, ist das neueste und artigste Städtchen, das ich bisher angetroffen habe. Es liegt schon in Podlachien. Die Straßen sind gerade und in der Mitte sehr gut gepflastert; die Häuser fast alle regelmäßig, von Backsteinen aufgeführt; in gewissen Entfernungen von einander abstehend, und fast alle nach einerley Geschmack erbauet, nämlich den Giebel nach der Straße und Einen Stock hoch. Der Marktplatz ist geräumig und wird durch eine Halle, die ein Thurm ziert, recht artig aufgeputzt. Es war sehr lebhaft. Fast in allen Häusern war Musik und aus allen Fenstern sahen, und vor jeder Thür standen, Menschen mit fröhlichen, freylich ziemlich hochroth gefärbten Sonntagsgesichtern und aufgetriebenen Zügen, welche auf die Art ihres Genusses deuteten. Da eine beträchtliche Abtheilung Polnischer Infanterie hier stand, so lieferte diese die Stutzer für die Stutzerinnen aus der Küche und den Schenkstuben, und das Verkehr dieser lustigen Bande war wirklich praktischer und weniger versteckt oder decent (wie man es heißt) als ihres Gleichen aus der großen Welt es zu unterhalten pflegen.

Dies Städtchen gehört der Schwester des Königs, "Madame de Cracovie", Witwe des Hetman Branicki *). Es ist hier ein Schloß, mit einem geräumigen, gut unterhaltenen Garten. In dem Gebäude selbst herrscht ein regelmäßiger Italiänischer Geschmack, und die Menge von Säulen, die seit 10 oder 15 Jahren fast alle Neuere Palläste stützen zu sollen scheinen, findet man daran nicht. Das ganze gewährt einen sehr heitern, freyen Anblick, den die neuere Baukunst immerhin einen kahlen nennen mag, und Höhe und Umfang sind der Lage und Bestimmung so angemessen, daß dem Gefühle der Paßlichkeit nicht die mindeste Gewalt angethan wird. Der Garten ist klein, Französisch und kalt, aber seine Umgebungen sind desto lebendiger. Man tritt nämlich aus demselben in ein großes Rasenfeld, das mit stattlichen Bäumen bepflanzt, mit künstlichen Erhöhungen und Vertiefungen durchschnitten und von einem dichten, romantischen Thiergarten begränzt ist, in welchem eine Menge von Rehen und Tannhirschen spielen, die hier, in einem Umfange von drittehalb Meilen, kaum fühlen können, daß sie ihre Freyheit verloren haben. Die Kunst hat hier der Natur fast unmerklich nachgeholfen und beyde befinden sich sehr wohl dabey. Unter andern stößt man auf eine Allee, die ich, so schön gesehen zu haben, mich nicht erinnere; und ich sage dieß, ohne durch die schauerliche Dämmerung, während welcher ich sie sah, ohne durch den eigensinnig-abwechselnden Nachtigallengesang, der mich dort entzückte, gewonnen zu seyn. Ich fühlte mein Herz, nach einer Reihe von erkältenden und verengenden Geschäften, zum erstenmal wieder erwärmt und erweitert, und alle die Saiten auf einmal wieder angezogen, mit deren Erschlaffung ein großer Theil meiner Gesundheit und ein kleinerer Theil meiner Heiterkeit verloren gegangen war.

*) Lies Branizki.

Das Innere des Schlosses ist ziemlich leer und etwas vernachlässigt, seitdem die Besitzerin in Warschau lebt; indessen fehlt es nicht an schönen Zimmern und Sälen, die man auf diesem Flecke zwischen Petersburg und Warschau nicht zu finden vermuthet.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor zu Altdorf. Neu bearbeitet von Konrad Mannert, Königl. Bairischen Hofrath und Professor der Geschichte und Geographie zu Würzburg. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1805.
  2. Handbuch über den Königlichen Preussischen Hof und Staat für das Jahr 1804. Berlin, bei Johann Friedrich Unger.
  3. Reise eines Liefländers von Riga nach Warschau, durch Südpreußen, über Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nürnberg, Regensburg, München, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol. Berlin, 1795. bei Friedrich Vieweg dem ältern.
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