Briefe eines Bürgers aus Magdeburg über die Belagerung und Uebergabe dieser Festung im Jahr 1806.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Erster Brief.

Seit dem dritten Tage nach der Schlacht bei Auerstädt haben wir hier keinen frohen Tag gehabt. Keine Stadt in der preußischen Monarchie kann mehr Augenzeuge der Folgen dieser verlornen Schlacht gewesen seyn, als Magdeburg.

Am sechszehnten verbreitete sich ein falsches Gerücht, die Preußen hätten gesiegt, und die französische Armee gänzlich in die Flucht geschlagen. -- Einige hatten sogar Briefe über die nähern Umstände durch Kouriere erhalten. Die Straßen hallten vom lautem Jubel wieder. Alt und Jung, Freund und Feind, Groß und Niedrig, umarmten sich in der ersten Begeisterung dieser Botschaft. Das gleiche Gefühl der Herzen schien alle Menschen auszugleichen, und Schillers Ode, wo es heißt: -- "Bettler werden Fürsten-Brüder, wo der Freude Zauber weilt," erlebte einen schönen Triumph.

Herr Schropp, ein großer Patriot, welcher eine Weinstube hält, die von mehreren hundert Gästen besucht wird, gab an diesem Tage seinen Besuchern freie Zeche. Viele andre Bürger zeigten sich in ihrer patriotischen Denkungsart.

Da fuhr wie ein Blitz unter eine sorglose Heerde, die gewisse Nachricht, daß alles verloren sey, die ganze Armee nach Magdeburg eile, und die Franzosen bald vor dieser Festung seyn würden. je süßer die kurze Täuschung gewesen war, um desto härter und erschütternder war der Schlag. --

Kaum daß man hierüber einige Worte wechseln konnte, so stürzte der König, alle Ersten der Generalität, und unzählige Boten, Kouriere und Flüchtlinge in die Stadt hinein. Der König, um dessen Wagen sich Tausende drängten, eilte zum General Gouverneur von Kleist. Sein Blick war ernst, jedoch freundlich, und es füllten sich seine Augen mit Thränen, als er die Theilnahme seiner guten Unterthanen bemerkte. Man verschlang gleichsam seine bald Hoffnung bald Verzweiflung erweckenden Blicke.

Militair aller Art erfüllte die Stadt. Der Magistrat war nicht mehr im Stande, die Tausende von Truppen, welche theils Regimenterweise, theils in kleinen Trupps von Officiere geführt, theils einzeln ohne alle Ordnung eindrangen; gleichmäßig einzuquartieren. So geneigt der Bürger war, die Leute, die so viel gelitten hatten, und die wie hungrige Wölfe über ein Jedes Stück Brot, das man ihnen reichte, herfielen, zu versorgen, so war es bei dem zu großen Andrang doch nicht vermögend.

Alle Kommunikationen wurde auf den Straßen, durch den zu einem Thor herein und zum andern herausreichenden Zug, gehemmt. Auf dem breiten Wege der durch die Stadt führenden Hauptstraße, hatten sich aller Art Wagen und Kanonen so verfahren, daß Niemand vor- noch rückwärts konnte. -- Man brauchte mehrere Stunden Zeit, um einige Häuser weit fort zu gehen. -- Hunderte von Packknechten oder Bedienten mit vielen Handpferden, vermehrten das Gedränge. Ganze Straßen waren bedeckte mit liegenden halb verhungerten Pferden, auf andern liefen sie ohne Herrn und Führer wild umher. Nicht selten mußten Menschen, um nicht an den Mauern erdrückt zu werden, ihre Zuflucht von außen in die Fenster nehmen.

In steter Sorge und in der traurigsten Ungewißheit, was aus diesem Tumult werden sollte, erfuhr man, daß der König abgereist sey. Er hatte Truppen hinter sich folgen lassen, und der Fürst von Hohenlohe marschirte auch mit vielen Corps ab. So bekam endlich diese allgemeine Stockung wieder Luft.

Man machte sich nun darauf gefaßt, daß die Franzosen bald vor der Stadt erscheinen würden, und traf alle Vorkehrungen zu einer förmlichen Vertheidigung der Festung. -- Obgleich ich keine gegründete militairische Kenntnisse besitze, so entging mir es doch nicht, wie sehr es in Magdeburg an Allem fehlte, was man zu einer Belagerung hätte früher einrichten müssen. Die größte Unordnung war leider auch hier in allen Zweigen der Vertheidigungsanstalten so sehr merklich! -- Einer lief gegen den Andern, ohne zu wissen wo er hingehörte. -- Der Ingenieur des Platzes, der Hauptmann v. K., ein Mann von vieler Thätigkeit aber wenigen Kenntnissen, sollte alles einrichten. Er wußte sich aber in diesem Geschäft gar nicht zu finden, und vergaß eine Sache über die andere. -- Es war ihm dieses aber auch sehr zu verzeihn, da stets hunderte zugleich Rath und Hülfe von ihm verlangten. Gewiß hätten drei der erfahrensten Ingenieure ihre Arbeit daran gehabt, alles in gehörige Ordnung zu bringen.

Die sonst so lobenswürdige Sparsamkeit des Königs hatte wohl darin gefehlt, daß er -- die ansehnlichen Kosten scheute, die weitläuftigen Werke dieser Festung im Stande zu erhalten.

Seit einem Vierteljahre hatte man aber mit ungeheuerm Kostenaufwand die ganze Festung durch starke eichene Palisaden an einigen Seiten sogar doppelt versehn. Tausende von Bauern, von welchen jeder täglich 8 Groschen erhielt, waren in dieser Zeit beschäftigt, an der Verbesserung der Werke zu arbeiten. -- Alle Zimmerleute und Maurer der ganzen Gegend waren in Beschlag genommen, und mußten ebenfalls an der Festung arbeiten.

Beiläufig sage ich Dir hier nur, daß ein Ingenieur-Officier schon vor einigen Jahren oft mit mir über die fehlerhafte und zu extendirte Anlage dieser Festung gesprochen hatte. -- Unter andern sagte er mit, er wisse aus dem Tempelhoff, daß man zur Vertheidigung dieser Festung wenigstens dreißig tausend Mann haben müsse.

Das Eindringen der Truppen dauerte immer noch fort, und man fing jetzt damit an, diejenigen einzutheilen, die zur Besatzung in Magdeburg bleiben, und die weiter marschiren sollten. -- Jetzt marschirten auch einige Bataillons ein, welche vorher hier in Garnison lagen. -- Ich war Zeuge davon, wie Frauen und Kinder ihren Bekannten entgegenstürzten, und fragten: -- "wo ist mein Mann, mein Vater?" -- und wie sie dann erstarrt stehen blieben, als man ihnen antwortete: -- er ist geblieben! er ist erschossen! -- O lieber Freund, dieses machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich rief aus: -- "wenn die Monarchen alle die Jammerscenen voraus bedächten; wenn alle diese Unglücklichen sich ihnen vor Augen stellten; wenn ihre Ohren die Klagen der Sterbenden, und die noch mehr erschütternden der Witwen und Verwaisten hörten, wie schwer würde es ihnen werden, einen Krieg zu eröffnen.

Zweiter Brief.

Am 19. Oktober, eben als sechs Bataillons, welche bis dahin unter den Kanonen der Festung bivouaquirten, in die Festung hinein gezogen wurden, zeigten sich Chasseurs zu Pferde und Tirailleurs, und machten ein lebhaftes Feuer gegen die Stadt. -- Man schloß die Thore. Einige feindliche Plänkler ritten keck bis an die Palisaden und hieben mit dem Säbel hinein, vorzüglich geschah dieses zwischen dem Sudenburger- und Ulrichsthore. -- Indem man im Geringsten keine Nachrichten von der französischen Armee und ihren eingeschlagenen Märschen hatte, wurde allgemein befürchtet, daß sich eine große Macht stürmend auf die Festung werfen würde. -- Eiligst wurde daher die ganze Besatzung ohne alle Eintheilung, Bataillonsweise in den verdeckten Weg und auf die Wälle gestellt. -- Von der Wasserseite, wo sich noch keine Feinde sehen ließen, blieb das Brückthor auf.

Die Bürger, welche vor der Stadt schießen hörten, eilten aus den Häusern auf die Straßen, und wer Bekannte im Militair hatte, wurde auf die Wälle gelassen. Ein Freund von mit, der Major v. B., erlaubte mir, ihm Gesellschaft zu leisten, und ich erzähle, was ich da gesehen habe.

Der Major befand sich zwischen dem Sudenburger und Ulrichsthor mit mehreren Compagnien. ein ansehnlicher Trupp Franzosen nahete. B. hätte sie gern mit Kartätschen empfangen; allein er bemerkte mit Schrecken, daß theils gar keine, theils nur unbrauchbare Munition auf den Wällen war, und die Artilleristen zur Bedienung des Geschützes fehlten. Man schickte nach allem Nöthigen hundert Boten, ließ dem Aufseher des Laboratoriums drohende Worte sagen, rapportirte an den Gouverneur und Kommandanten, allein die Unordnung war so groß, daß weder Antworten nach Boten zurückkamen.

Plötzlich öffnete sich das Stadtthor und einige Eskadrons des Regiments Reitzenstein, welches das einzige Kavallerie-Regiment in dieser Festung war, sprengten heraus, und vertrieben die einzeln die Stadt beunruhigenden Feinde.

In der Nähe eines kleinen Kanonenschusses zogen nun Pikets und Wachen außerhalb des Glacis auf, und stellten ihre Vorposten noch weiter vor.

Von verschiedenen Bastions war mit schwerem Geschütz auf die Plänkler geschossen worden, und du glaubst nicht, welche Gährung dieser ungewohnte Ton unter Magdeburgs Bewohnern hervorbrachte. Man hatte öfters wohl schon gekrönte Häupter mit donnernden Wällen empfangen und begleitet, aber noch Niemand hatte es erlebt, diese todttragenden Schlünde gegen Feinde gerichtet zu sehen, und ein veralteter Frieden hatte die Möglichkeit einer Belagerung bezweifeln machen.

Es wurde Abend, und es fiel weiter nichts merkwürdiges vor.

Als ich nach Hause ging, begegnete mir der L. v. H., welcher mir erzählte, daß man auf verschiedenen Werken in den Kanonen Steine gefunden, und sie dadurch zum Feuern unbrauchbar befunden habe. -- Da man in Friedenszeiten Kinder und mehrere Leute auf die Wälle ließ, so hat sich vielleicht jemand einmal den Spaß gemacht, dieses Geschütz zu verstopfen. Aber mich wundert es nur, daß man diese Kanonen nicht früher nachgesehen und gereinigt hat.

Die Freunde der Magdeburger Bewohner, so wie des Militairs, was allgemein sehr groß darüber, daß der General Kleist Vertheidiger dieser Festung sey. Man kannte ihn von jeher als einen strengen Ehrenmann, und wenn der Bürger je etwas befürchtete, so war es, die Stadt vielleicht in einen Schutthaufen verwandelt zu sehen, aber an eine Uebergabe der Festung wagte Niemand zu denken. --

In Beziehung der Wachen und Eintheilung der Bataillons hatte immer noch keine ordentliche Einrichtung gemacht werden können. Mehrere Regimenter waren drei Tage beständig auf den Wällen, und an vielen Orten wurden die postirten Officiere gar nicht abgelöset. Nicht selten liefen Kompagnien den Abend um 8 Uhr noch umher, denen man den Namen ihrer Bastion, ihres Ravelins, oder wie die hundert Kunstnamen alle heißen, gesagt hatte, und konnten den Ort nicht finden, wo sie schon des Morgens um 9 Uhr hätten ablösen müssen. Die Innen- und Außenwerke Magdeburgs waren in dieser Zeit mit beinahe 600 großen und kleinen Wachen besetzt, die alle verschiedene Namen trugen. Die Besatzung bestand aus 22 Bataillons, von denen aber kein einziges komplett war, und von denen man wohl im Durchschnitt angeben kann, daß sie nur die halbe Anzahl Leute auf dem Platz hatten. Die meisten von diesen Bataillons waren in der Stadt fremd, und mehrere Regimenter bestanden aus Polen, und andere aus Leuten, die nicht den mindesten Begriff vom Festungsdienst hatten. --

(Die Fortsetzung folgt.)


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Löscheimer. Herausgegeben von H. v. L--n. Ein Journal in zwanglosen Heften. 1808.
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