Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Bordeaux.[]


Bordeaux,[1] die Hauptstadt der Provinz Guienne nach der alten, und der Gironde nach der neuen Eintheilung Frankreichs, am Fluß Garonne; eine der größten und schönsten Handelsstädte in Frankreich, mit einem Hafen, welcher einen überaus schönen Anblick gewährt. Hier ist die Hauptniederlage der Weine, welche aus Frankreich in das Ausland gehen. Vor der Revolution, durch welche Bordeaux sehr gelitten hat, zählte es gegen 200,000 Einwohner. Das dasige Schauspielhaus ist vielleicht das größte von allen neuern Theatern. In der Barfüßer-Kirche sieht man Montaigne's Grabmal; auch findet man Ueberbleibsel römischer Alterthümer in Bordeaux. In der Nachbarschaft liegt das Schloß de la Brede, wo Montesquieu lebte und starb.


Bordeaux.


Von Reisende.[]

Christian August Fischer. [2]


Achter Brief.

Bordeaux. May 1797.

An die schönen Quais von Holland gewöhnet, wunderte ich mich nicht wenig, hier an einem niedrigen schlammigten Ufer zu landen, da der schlechte hölzerne Damm erst in der Nähe des Chateau-Trompette anfängt. Der schmale Weg lief neben einer Reihe meistens vortrefflicher Häuser hin, war aber so voller Maulthiere, Fußgänger und Wagen, daß man Mühe hat, durchzukommen. Die Aussicht links auf den Strom ist zum Entzücken schön. Über den Mastenwald hinweg ruht das Auge auf einer üppigen blühenden Landschaft aus, die sich in Perspektiven eröffnet. Ein paar Mädchen boten sich mir zu Führerinnen an, und trugen den ziemlich schweren Coffre wechselweise auf den Köpfen, ohne ihre Schäckereyen einen Augenblick zu vergessen.

Rijksmuseum Amsterdam.

Des kürzern Weges halber gingen wir durch das Chateau-Trompette, die alte Citadelle von Bordeaux, welche nächstens abgebrochen werden soll, um den Platz in eine Esplanade zu verwandeln. Ich sah eine Menge gefangener Portugiesen, die gerade Erlaubniß hatten frische Luft zu schöpfen, und die Mannschaften mehrerer Prisenschiffe waren. Man hält sie übrigens nicht weniger als hart, und es ist leicht möglich, daß die als Gefangene in Frankreich besser leben, als in Portugall in ihrer Freyheit. Wir traten jetzt aus der Festung. So wenig das schmuzige Glacis zu versprechen scheint, so angenehm wird man bald darauf durch die Alleen von Tourni, durch das herrliche Theater, und den großen Platz überrascht, der im Hintergrunde mit ansehnlichen Gebäuden verziert ist. Man sieht durch die schöne Straße Chateau-Rouge bis an die grünenden Ufer des mit Schiffen bedeckten Stromes, und das Ganze macht einen edlen und großen Eindruck.

Bordeaux bildet eigentlich einen unvollkommenen Triangel. Folgt man aber der Biegung des Flusses, so findet man die Figur eines Halbmondes, dessen östlicher Theil die Stadt, der südliche die Vorstadt ausmachet. Letztere unter dem Namen "les Chartrons" bekannt, zeichnet sich durch die Schönheit der Gebäude, das romantische ihrer Aussichten, und die Anzahl der reichen Kaufleute, ihrer Bewohner, aus. Auch die Häuser der eigentlichen Stadt sind meistens von weißen gehauenen Steinen gebauet, und haben daher ein gewißes Ansehen von Pracht und Wohlstand; aber die Straßen sind eng, unregelmäßig und schlecht gepflastert, und beweisen das Alterthum der Stadt.

Die Alleen de Tourni, die gleich bey dem Schauspielhause anfangen, sind innerhalb der Stadt der vorzüglichste Spaziergang. Man hat sie so eben am Ende mit einem neuen Caffeehause verschönert, welches durch eine Menge schlüpfriger Gemählde viele Gäste anlocket. Die Sujets der meisten scheinen aus dem Ariost genommen zu seyn, und waren, als Kunstwerke betrachtet, vortrefflich ausgeführt. Eine Bude mit Wachsfiguren, worunter die Männer und Frauen "du jour"; eine andere mit "ombres chinoises" für das nämliche Interesse berechnet, einige Equilibristen u. s. w. erinnerten, wiewohl unvollkommen, an die Boulevards von Paris.

Die Bäume der Allee waren überall mit Affichen beklebt. man gewöhnt sich in Frankreich bald an den Posaunenton dieser Ankündigungen; aber folgende war mir zu sehr auffallend, um nichts darüber zu sagen. Sie war von einem sogenannten "Officier de santé" der alle und jede Krankheiten in Minuten oder Stunden, Tagen oder Wochen, Monaten oder Vierteljahren, zu heilen versprach. So vertrieb er zum Beyspiel Zahnschmerzen in fünf Minuten, die Kolik in drey Viertelstunden, das Fieber in drey Tagen, die Gicht in vier Wochen, die Lungensucht (!) in drey Monaten. Die Affiche beweiset die Geschicklichkeit des Arztes zur Gnüge.

In dem prächtigen, sehr oft beschriebenen Schauspielhause sah ich Gluk's Orpheus und Eurydice mit einem vortrefflichen Ballet aufführen. Wer die Menge junger Leute, die große Anzahl der mit Juwelen beladenen Frauenzimmer betrachtete, hätte nie glauben sollen, daß Frankreich nun seit acht Jahren zerrüttet worden sey. Dasselbe bemerkte ich auch auf den Spaziergängen, und unter andern auch in dem Concerte einer jüdischen Virtuosinn. Alles schien einen so ungeheuern Luxus, einen so zügellosen Hang nach Vergnügungen, einen so verschlingenden Egoismus zu athmen, daß sich dem Beobachter keine erfreulichen Betrachtungen über die Fortschritte der wiedergebornen Nation darboten. Man zeigte mir mit ihnen Weibern und Maitressen eine Menge "nouveaux enrichis," von denen vor der Revolution mehrere "garçons" in Caffeehäusern, Bediente, ja sogar Trödler und Schuhflicker gewesen waren. Scheint es nicht, als ob bey allen sogenannten Revolutionen sich nur die Formen veränderten, und die Materie immer dieselbe bliebe?


Von Reisende..[]

(Unbekannt.)

Bourdeaux im Junius 1808. [3]

In Form eines Dreiecks erhebt sich die Stadt aus der Ferne, leiblicher und imposanter in ihr, als in der Nähe, wo die scharfen Ecken sich mehr herausheben, die kleinen Straßen sich richten, die großen verlieren, und das regelnde und verschönernde Auge und Gemüth durch die Wirklichkeit beregelt und in die engen Schranken einer phantasielosen Gegenwart angezwängt wird.

Am breiten und majestätischen Flusse, (woher wohl der Name bord d'eaux) krümmt sich die Stadt mondförmig in einer langen Reihe von Häusern hin. Die beiden äußersten Spitzen nähern sich dem Bette. Die Entfernung der, in der Mitte und die Nähe der an beiden Enden gelegenen Gebäude haben für Schiffahrt und Handel manche Bequemlichkeit. Jene umschließt und sichert, was diese empfängt und fördert. Fest und regelmäßige Quais von Quadersteinen mit breiten Zugängen, mit sinnreichen Ankerbefestigungsplätzen, und mit sichern Bequemlichkeiten für Ab- und Ausladungen, umfassen das Ufer. Der vordere Theil der Stadt liegt höher, der niedere tiefer. In ältern Zeiten war sie sumpfig und ungesund. Die anschwellende Garonne trat bei der Meeresfluth in den flachen Theil aus. Strabo, der die Stadt Aquita, Auson, der sie Vibisca nennt und als Vaterstadt kannte, beschreiben sie so. Aber schon frühe zur Römer Zeit mußte sich dieses geändert haben. der Gallienische Pallast -- ein prachtvolles ovales Amphitheater 127 Schuhe in der Länge, und 140 in der Breite, noch in verstümmelten Ruinen sichtbar, und die frühe Anlegung eines Havens zur Sicherstellung einer Flotte, beweisen es. Jetzt gedeiht auf den Morästen kostbarer Wein; auf ihnen erheben sich sicher Reihen von Häusern, und gesunde Menschen finden hier ihre Nahrung.

Eine Menge abgetakelter Schiffe, verlassen von den Rhedern, und nur bewacht von nothdürftigen Wächtern, um dem Schaden der Ruhe zu begegnen, erstreckte sich entlang. Die spärliche Hoffnung auf Aenderung der Zeiten, erhellt noch mit einigen schwachen Strahlen die finstere Resignation. Gegen auch und dreißig preußische Schiffe, bei dem ungeahneten Ausbruche des Kriegs in Beschlag genommen, lagen untermischt mit den übrigen, und die Trauer, die sie selbst als Beute vergrößerten, wurde durch das frische Leben der leichten Fahrzeuge und Nachen vergräßlicht. Die preußische Farbe, schwarz und weiß, regte in mir ernstere Gedanken an Tod und Nacht auf, als Licht und Leben erheitern können. Ueberfahrt und Fischfang treibt jetzt in kleinen beengten Kreisen den Piloten herum, der sonst alle handelnde Europäer, die Kolonieen und die vereinigten Staaten von Amerika mit sich durch das Länder gehende Schiff paarte. Der sichere und geräumige Haven, am einigen Stellen 600 Toisen breit, sonst bis in die sinkende Nacht lebendig, hat den thätig rastlosen Kaufmann in einen freudeleeren Spaziergänger ungewandelt. Jährlich wurden hier über hunderttausend Tonnen Wein und Branntwein geladen, die noch jetzt Abnehmer haben könnten, aber keine Versender ermuntern können. Die köstliche Traube dient Parmentier zum Surrogat des Zuckers, der sonst in ganzen Ladungen einlief, und den gewinnreichen Tauschhandel beseelte. Die Wirthshäuser für Teutsche, Holländer, Italiener, Spanier, Portugiesen, Amerikaner mit Inschriften ihrer Landessprache -- eins einladender als das andere, gleichen sich alle in der Ruhe, wie die Menschen im Grabe. Amerikaner und Afrikaner lassen sich zu den gewöhnlichsten Arbeiten brauchen, um ihr Leben zu fristen. Mehrere hat die Noth geschickt gemacht. Ich habe unter ihnen Künstler, vorzüglich in Wagner- und Seilerarbeiten angetroffen. Die Börse, -- die leserlichste Urkunde der ehemaligen Regsamkeit, ist eine Rotunde im hohen Stile, von 24 großen Fenstern erhellt. An ihnen stehen die Inschriften für die handelnden Nationen, und jede wußte, was sie suchen und was die finden sollte. Sie tragen die einheimischen Charaktere und Zeichen, und folgen in dieser Ordnung auf einander: Schweden, Dännemark, Teutschland, Rußland, Holland, Persien, Ostindien, Türkei, China, Italien, Spanien, Portugal, die Schweiz, Guinea, Westindien, England, vereinigte Staaten, hanseatische Städte. so macht der Handel groß, was klein ist, und so verkleinert er das Große, wie er das Geordnete verwirrt und das Verbundene trennt, um es auf eine andere Art zu entwirren und auf eine andere Art zu verbinden, -- und so ist also nur groß, was groß überall ist. Das Lokal und die allmählige Erweiterung des Moments der Gegenwart und das Eingreifen des Handels einer Nation in den Handel anderer, den größten Antheil. Die Börse selbst ward zuerst 1571 eröffnet, wo man schon zu Paris und Lyon Börsen hatte.

Auch meistens aus der Größe des Handels, nicht aus der Wärme des Klimas, giengen die vortrefflichen Badeanstalten hervor, die man in dem brennenden Kessel von Bayonne nicht findet. Die Größe und weite Verbindung dieses Handels zeigte einen Frohgenuß, der Alles gestaltet, wie er durch Alles gestaltet wird. Die Bains chinois sind eine wahre Badebörse. Paris steht dagegen zurück, so vorzüglich auch die Bäder auf der Seine sind. das Gebäude mit der Straße gleichlaufend, nicht verborgen in der Tiefe, eine freie und breite, eine offene und geschmackvolle Ansicht gewährend, reinlicher erhalten, besser und bequemer bedient, theilt sich zwar, wie die Pariser Hauptbäder, in zwei Abtheilungen, für männliche Personen und Frauenzimmer, aber in Bourdeaux sind schon die Zugänge geschieden, und einmal eingetreten, ist keine Verbindung mehr möglich. In dem Badekabinet ist für jedes Bedürfniß der Noth, des Zufalls und des anständigen Genusses mit unbefangener Liberalität, mit wenig Kosten für den Badenden, und mit einer Schonung gesorgt, die den Verdacht aller willkührlichen Uebertheurung entfernt. Ein gedruckter Anschlagzettel unterrichtet den Badenden von Allem, was er zu zahlen schuldig ist; die Preise sind mäßig; die Gegenstände des Bedürfnisses und des Genusses detaillirt, die Bedienung schnell, und was den Badegast freuen muß, so tritt der gewählte Bediente nach dem Austritt des Badegastes aus dem Badezimmer, hält seinen Herrn an, bittet ihn zu warten, und geht in das Badekabinet zurück, um nachzusehen: ob nicht etwas vergessen sey. Für alles dieses kann er nichts fodern, und zwei Sous verbinden ihn zum Danke. Reine, weiße Servietten zum Abtrocknen, über Kohlenkörben und Kupferpfannen gewärmet, stehen am Eingange, wie der Bediente bereit, um dem Nachtheil des Uebergangs aus dem warmen Bade in die freie Luft, und den Anfällen des Zufalls zu begegnen. Ein kleines ungewohntes Geräusch wird mit der Anfrage von außen: befehlen Sie was, mein Herr? unterbrochen. -- Erfrischungen aller Art hängen von der Auswahl ab, und hier wird dem Gaumen mehr, als in dem Pariser Bade, angeboten. Eine solche Badeanstalt schien mir eine Weltanstalt zu seyn, und jeder gebildete Fremde muß hier seine Familie finden, die um sein Leben zarte Sorge trägt, da das, was man zahlt, mit den Ausgaben des Eigenthümers in keinem Verhältniß zu stehen scheint.

Der Sinn, alle Schönheiten der Stadt und eines großen Umfangs der Gegend in einem Moment zu vereinigen, spricht sich in der Anlage eines, drei Stock hohen, Kaffeehauses auf der Garonne lebendig aus. Das Gebäude selbst ist geräumig, enthält mehrere Billiarde, und im obern Stocke geht ein Flügel mit einem Erker auf die Garonne, um den weiten Ueberblick über dieselbe und auf den Seiten die Ansicht der Stadt zu gewähren. Durch eine geschickte Maschinerie kann der Aufenthalt im Freien gegen Regenschauer und die brennenden Sonnenstrahlen gesichert werden, und doch habe ich an keinem Orte weniger Frohsinn, als hier gefunden. Der freie Ton, der hier herrscht, lößt den Gram nicht, der tief im Herzen liegt. Das gute Bier, das hier getrunken wird -- so selten sonst im südlichen und westlichen Frankreich, ist wahrscheinlich vom teutschen Vaterlande einheimisch geworden. Gewöhnlich mit Wasser verdünnt, erinnert es zugleich an die Nothwendigkeit teutscher Tugend -- an Nüchternheit und Mäßigkeit.

Ich logirte auf dem Place de Remi, Hotel Perigueux. -- Der Platz selbst ist enge, der Gasthof mittelmäßig, die Bewirthung gut und billig. Eine nachbarliche Reihe von Häusern, von dem Eigenthümer des Gasthofs eigenthümlich und miethweise besessen, ist meistens öde und leer, wird freundlich durch freundlicher Grüße, die man dem willkommenen Gast unbefangen entgegen bringt. Seltenheit der Bewohnung dieser Häuser hat die Zuvorkommenheit der Empfänger erhöht. In der Vorstadt Chartrons, die vielleicht die ansehnlichsten Kaufmanns-Palläste enthält, und in der ansehnlichen Straße das Quartier Chapeaurouge, oder auf einem Theile des Boulevart, giebt es schönere, größere, bequemere, vielleicht auch besser bediente Gasthöfe, z. B. Hôtel d'Angleterre xc. aber williger und billigere Wirthe gewiß nicht. Der Wirth, dafür bekannt, scheint ein Interesse mit dem Rufe, worin der Gasthof seit langer Zeit steht, zu verbinden. man ißt hier gewöhnlich um 1 Uhr zu Mittag, nicht um 3 und 5 Uhr, wie in Paris. Die Auswahl der Speisen ist nicht reich, aber gut, nur leider alles gezwiebelt oder geknoblaucht. Es fehlt weiter nichts, als den Kaffee in Begleitung einer Zwiebel zum Frühstück zu nehmen. Die Tassen riechen sogar darnach. Was würde Gregorius von Tours sagen, wenn ihm statt seines Burgunders, woran er die Grobheit über den Zwiebelgeruch vergaß, ein Mädchen in bezauberndem Anzuge und mit dem vollen Reize der Schönheit an einem lauen Sommermorgen begegnete, und den balsamischen Duft der Luft, durch eine frische, wie einen Apfel gegessene Zwiebel oder eine Bolle Knopflauch schleunig verwandelte? Dumoulin Appareil permanent oder Luftreinigungsmittel muß für ungewohnte der beständige Begleiter in den Gasthöfen seyn. Man kann das Departement der Gironde das wahre Zwiebel- und Knoblauchs-Departement nennen, das ärger und ärger wird, je weiter es gegen das Departement der Haiden (Landes) sich erstreckt, und das dennoch in diesem noch nicht geendigt ist, sondern erst in den Niedern-Pyrenäen seine Vollendung erhalten haben muß.

Ich sage Ihnen nichts, mein Fr., von den Alterthümern dieser Gegend, von der Abtheilung, und den Hauptplätzen, den 20 Thoren der Stadt, ihren schönen Gebäuden und Kirchen, ihrer vortrefflichen Bibliothek, den Spazier- und Vergnügungsörtern, und dem in seiner Anlage kostbaren geschmackvollen Theater, wovon man zweifelhaft ist, ob man das kühne, große, majestätische Aeußere, oder mehr die besetzte Gallerie darin -- ein wahrer Kranz von Grazien, bewundern soll -- das Alles ist zum Theil bekannt, (und das Bekannte wissen Sie zu gut,) oder ich werde eine schicklichere Gelegenheit hierzu benutzen. Aber gern werden Sie mich nach Rabbat, 1½ Stunde von Bourdeaux begleiten, wovon in unsern Zeit- und Reiseschriften gar nichts, das Gewöhnliche aber recht breit erzählt wird. (>>>)


Handelsberichten.[]

[1811]

Aus Frankreich, vom 17ten December. [4]

Nach Handelsberichten aus Bordeaux ist der Verkehr mit Kolonialprodukten seit einigen Wochen sehr lebhaft geworden. Vorzüglich wurden im Kaffee starke Geschäfte gemacht, und dieser Artikel hat daher im Preise bedeutend angezogen. In Zucker fanden ebenfalls beträchtliche Verkäufe statt, ohne daß jedoch die Preise besonders gestiegen waren. Auch Indigo, westindische Baumwolle, Farbholz und Pfeffer finden vielen Abgang. Es ist auffallend, daß der senegalsche Gummi, der seit einiger Zeit so sehr gesunken war, dennoch nicht begehrt wird, so daß die Besitzer keinen Absatz darin machen können, ob er gleich immer seltener wird und wenig Hoffnung vorhanden ist, sich neue Provisionen zu verschaffen. In Landesprodukten war der Verkehr in Bordeaux gleichfalls besonders lebhaft. Aus den Häfen der benachbarten Provinzen kommen dort häufig starke Provisionen an. Das Einlaufen der anlangenden Schiffe in die Gironde hat jetzt keine Schwierigkeit, seitdem sich die englischen Kriegsschiffe, die im vorigen Herbste in den dortigen Gewässern kreuzten, gänzlich entfernt haben. Von allen Handelsartikeln war in den letzten Wochen Branntwein der gesuchteste. An guten Wechseln war zu Bordeaux Mangel. Es hielt sogar einigermaßen schwer, sich Tratten auf kurze Sicht nach Paris zu verschaffen.

Für Rechnung des Hauses Bousquet zu Bordeaux war zu Quimper in Bretagne ein großes amerikanisches, mit Zucker, Kaffee, Indigo und Chinarinde beladenes, Schiff eingelaufen.

Am 13ten December war das amerikanische Schiff "der Kemp" mit einer beträchtlichen Ladung Kolonialwaaren angekommen. Den 20sten sollte eine öffentliche Versteigerung starker Partien amerikanischer Baumwolle ihren Anfang nehmen. Die seit Kurzem zu Bordeaux errichtete Handelsschule gedeiht ganz besonders; die Zahl ihrer Zöglinge wird täglich bedeutender. Mit Anfangs Novembers haben die Vorlesungen aufs Neue begonnen. Sie werden in einem der großen Säle des schönen Börsengebäudes gehalten, und erstrecken sich über alle, auf Handel bezug habende Wissenschaften. Die Lehrer werden von der Handelskorporation besoldet, so daß die Zuhörer nichts bezahlen.


[1812]

Bordeaux, den 7ten Februar. [5]

Nach einem officiellen Verzeichniß sind im Laufe des Januars in unserm Hafen 103 Schiffe eingelaufen, nämlich 2 aus dem Auslande mit fremden Produkten; 32 französische Schiffe mit Getreide, 36 französische mit inländischen Fabrikaten und Landesprodukten, 21 französische mit Salz beladen, und 12 ohne Ladung. Ausgelaufen sind während derselben Zeit 148 Schiffe, worunter 126 mit Wein, Branntwein, Seife und einigen andern Bordeleser Artikeln, insgesammt nach französischen Häfen bestimmt; 2 ins Ausland, mit ähnlichen Produkten beladen, und 20 ohne Ladung.

Die Weinpreise sind etwas gestiegen; da man jedoch auf eine stärkere Erhöhung zählt, so halten die Eigenthümer der bessern Qualitäten einstweilen noch zurück. Doch fängt man an, beträchtliche Provisionen für Paris aufzukaufen. Die stärksten Transporte zu Lande gehen gewöhnlich erst im künftigen Monat ab, und alsdann werden sich die Preise auch definitiv fixiren. -- Nach den Weinen ist Branntwein der Hauptzweig unsers Absatzes an Landesprodukten. Gute Qualitäten von Branntwein von Armagnak und Languedok sind jetzt ziemlich selten, und werden nicht gern losgeschlagen; die Preise der erstern sind 205 Franks, die der zweyten 190 und 200. Aus den benachbarten Departementen ist die Zufuhr an Landesprodukten ziemlich langsam; dies begünstigt die Spekulationen der Kaufleute, die Vorräthe haben, um die Preise immer mehr zu erhöhen. Nach Bretagne, so wie nach Bayonne, ist der Absatz an Branntwein gegenwärtig gering. Der sogenannte Kognak hat in diesem Augenblick stärkern Debit.

Man hat jetzt beym hiesigen Hafen (zwischen la Font de l'Or und der Porte de la Grave) eine große neue Weinhalle errichtet. Sie ist sehr geräumig, gänzlich bedeckt und geschlossen. Die Kosten betragen für den ersten Monat 82 Centimes für jedes Faß (nämlich für die droits de roulage, droits de halle und plaçage, ohne die Kourtagegebühren zu rechnen, die auf 75 Centimes pr. Faß festgesetzt sind). Für jeden der folgenden Monate werden nur 20 Centimes bezahlt. Alle zum Verkauf bestimmten hieher gebrachten Weine dürfen nur in dieser neuen Halle exponirt und veräussert werden. Selbst die öffentlichen Versteigerungen von Weinen, mit Ausnahme der gerichtlichen, dürfen nur hier statt haben. Jeder Tag, ausser den Sonntagen und den von der Regierung anerkannten Festen, wird hier Weinmarkt gehalten. Die für den Dienst dieser Halle angestellten Personen müssen von der hiesigen Mairie anerkannt und bestätigt seyn. Es ist den Kaufleuten und Kondukteurs bey Konfiskationsstrafe verboten, Weine an Bord der Schiffe zu verkaufen. Die Hallpolizey ist beauftragt, mit Sorgfalt darüber zu wachen, daß keine verfälschten oder verdorbenen Weine zum Verkauf ausgesetzt werden. Nur patentirte und mit den gesetzlichen Brevets versehene Kourtiers werden bey diesen Verkäufen zugelassen; jedoch sind die Eigenthümer und Kommissionärs nicht verbunden, sich ihrer Dazwischenkunft zu bedienen; sie können ohne ihre Zuziehung unter sich abschließen. Für die Regisseurs der Institution ist eine strenge Responsabilität angeordnet. Ein weitläuftiges Reglement, das hier publicirt worden ist, enthält die nähern Bestimmungen der Einrichtung, die für diesen so interessanten Handelszweig unsers Platzes von großer Wichtigkeit ist.


Bordeaux, den 6ten Juny. [6]

Die Engländer haben abermals 3 amerikanische Schiffe genommen, nämlich l'Hirondelle, kommend von New-York, le General Gates, welches von dem Flusse von Bordeaux auslief, und den Connecticut, der nach Bayonne segelte.


Quellen.[]

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Reise von Amsterdam über Madrid und Cadiz nach Genua in den Jahren 1797 und 1798. Von Christian August Fischer. Nebst einem Anhange über das Reisen in Spanien. Berlin, bey Johann Friedrich Unger. 1799.
  3. London und Paris. Jahrgang 1810. Rudolstadt, im Verlage der Hof- Buch- und Kunsthandlung. 1810.
  4. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 13. Montag, den 15. Januar 1812.
  5. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 71. Freytag, den 22. März 1812.
  6. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 168. Sonnabend, den 13/25. July 1812.
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