Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Unruhen in Belgien.[]

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Bald nach den Holländischen Unruhen, entstanden andere in den Oestreichischen Niederlanden, über die Neuerungen, welche Kaiser Joseph II.*), sowohl in der Civil- als in der Kriegsverfassung der Belgischen Provinzen vorhatte. Seit dem 1. Januar 1787 hatte der Kaiser mehrere Edikte ergehen lassen, um daselbst ein neues Verwaltungssystem einzuführen. Die Stände des Landes sahen alle diese Verordnungen als der bestehenden Constitution zuwiderlaufend an, und als unvereinbar mit den Verpflichtungen, welche ihr Souverän bey seiner joyeuse entrée (Art Capitulation beym Einzug oder beym Antritt der Regierung) übernommen hatte. Die Gährung, welche diese Neuerungen verursachten, war so groß, daß sie den Kaiser bewog, seine Edikte im November desselben Jahres zurück zu nehmen, und alles wieder auf den alten Fuß zu setzen. Indeß waren von beyden Seiten die Gemüther einmal verbittert, und es dauerte nicht lange, so brachen die Unruhen aufs neue aus. Die Stände von Brabant und Hennegau weigerten sich, einige Zeit darauf, die Subsidien zu bezahlen; dieß bestimmte den Kaiser die Amnestie, welche er ihnen bewilligt hatte, zu widerrufen; ja, er ging noch weiter, cassirte die Stände und den Souveränen Rath von Brabant, und erklärte, daß er sich durch seine joyeuse entrée nicht mehr gebunden halte. Viele Personen, unter andern mehrere Mitglieder der Stände, wurden auf seinen Befehl verhaftet. Der Erzbischof von Mecheln, und der Bischof von Antwerpen, die in Verdacht standen, die Unruhen angestiftet zu haben, retteten sich durch die Flucht.

*) Gleich nach dem Tode der Kaiserin Maria Theresia, seiner Mutter, welche den 29. November 1780 starb, hatte Joseph II. eine Reform in seinen Staaten unternommen. Die Veränderungen, die er nach und nach in allen Provinzen der Oestreichischen Monarchie, besonders in Betreff des Kirchenwesens machte, zogen die Aufmerksamkeit des Römischen Hofes auf sich, und bewogen den Papst Pius VI., 1782, seine berühmte Reise nach Wien zu unternehmen. Man sehe Mémoires historiques et philosophiques sur Piu VI. tom. I. chap. 12. et suiv.

Es gab damal zwey Parteyen, die in den Belgischen Provinzen das Feuer der Zwietracht unterhielten. Die eine, welche der Advokat Vonk leitete, und die Herzoge von Ursel und von Aremberg unterstützten, hielt es mit Oestreich, und forderte nur die Abstellung der Mißbräuche, und ein besseres Repräsentationssystem in Absicht der Stände des Landes. Die andere, an deren Spitze der Advokat van der Noot, und der Pönitentiarius van Eupen standen, trachtete darnach, die alten Formen aufrecht zu halten, und den Ständen die Unabhängigkeit und Souveränetät zu geben, welche sie dem Hause Oestreich zu entreißen vorhatte. Die Vonksche Parthey wollte, durch ihre eigenen Mittel, die von ihr beabsichtigten Reformen ausführen; van der Noots Anhänger hingegen gründeten ihre Hoffnungen auf den Beystand fremder Mächte, und besonders auf die Hülfe Preußens, welches, wie sie glaubten, vermittelst seines eigenen Interesse, diese Gelegenheit Oestreichs Macht zu schwächen, ergreifen würde. Diese letztere Partey errichtete Truppen Versammlungen von Brabanter Emigrirten, auf dem Gebiet der Vereinigten Niederlande, in der Nähe der Stadt Breda. Zuerst handelten beyde Parteyen in Uebereinstimmung mit einander. Van der Mersch, aus Meenen (Menin) in Flandern gebürtig, und ehemaliger Obrister in Oestreichischen Diensten, ward, auf Vonks Vorschlag, von beyden Parteyen zum General erwählt.

Ein Corps Insurgenten, welches van der Mersch kommandirte, rückte den 24. Oktober 1789 gegen Turnhout (spr. Turnhaut) im Brabantschen vor, und schlug daselbst die vom General Schröder zum Angriff herbey geführten Oestreicher zurück. Dieser erste Sieg veranlaßte die Insurrektion; die sich nun, von Brabant aus, den andern Belgischen Provinzen mittheilte. Die Oestreicher, nach und nach aus allen vornehmsten Städten und Festungen verdrängt, zogen sich nach Luxemburg zurück. Der Advokat van der Noot hielt den 18. December 1789 einen triumphirenden Einzug in Brüssel. Die in dieser Stadt versammelten Stände von Brabant, ließen den 26. desselben Monats die Unabhängigkeit proklamiren, und erklären: Kaiser Joseph II. habe seine Souveränetätsrechte verloren, weil er die bey seiner joyeuse entrée gethanen Versprechungen gebrochen hätte. Die Stände der andern Provinzen folgten bald dem Beyspiele der Brabantischen.

Die zu Brüssel versammelten Deputirten aller Belgischen Provinzen, unterzeichneten den 11. Januar 1790 eine Urkunde, wodurch diese Provinzen unter den Nahmen: Belgische Vereinte Staaten, zusammen traten. Die Souveränetätsrechte, in so fern sie die gemeinschaftliche Vertheidigung betrafen, wurden einem aus den Deputirten der verschiedenen Provinzen bestehenden Congreß beygelegt, welcher sich Souveräner Congreß der Belgischen Staaten nannte. Jede Provinz behielt ihre Unabhängigkeit, und die Ausübung der gesetzgebenden Macht. Ihre Union war für immerwährend und unwiderruflich erklärt, an der Religion und der Constitution ward nichts verändert; auch nahm man keine andere Repräsentanten an, als die schon früher gewählten.

Mit dieser letzteren Einrichtung waren der General van der Mersch und alle Anhänger Vonks sehr unzufrieden; denn sie verabscheuten die Oligarchie der Stände eben so sehr, als sie den Despotismus des Wiener Hofes fürchteten. Indeß die Partey der Staaten behielt die Oberhand, durch das Ansehen van der Noots, und durch den Einfluß der Priester und Mönche. Der General van der Mersch, und Alle welche mit Eifer auf eine Reform drangen, wurden von der Geschäftsführung entfernt. Der Erstere ward sogar arretirt, und General Schönfeld bekam seine Stelle. Plünderung, Angebungen, Verhaftungen, waren die Folgen des Triumphs der Aristokratischen Partey.

Diese Zwistigkeit, und der Tod Josephs II. welcher um die nähmliche Zeit starb, bewirkten eine für den Wiener Hof vortheilhafte Veränderung. Leopold II., der seinem Bruder auf dem Oestreichischen Throne folgte, zeigte sich bereitwillig den Streitigkeiten ein Ende zu machen. Auch der Belgische Congreß, welcher sah, daß er auf die Hülfe der fremden Mächte nicht rechnen dürfte, wünschte seinen Vergleich. Der Berliner Hof hatte den Belgischen Provinzen seinen Schutz verweigert, und England widersetzte sich förmlich ihrer Unabhängigkeit. Diese beyden Höfe, gemeinschaftlich mit den Vereinigten Niederlanden, trugen ihre Vermittlung an, um die Unruhen zu stillen. Der Kaiser Leopold that das förmliche Versprechen, welches die drey vermittelnden Mächte garantirten: Belgien hinführo nach den Constitutionen, Freyheitsbriefen, und Privilegien zu regieren, welche unter der Kaiserin Maria Theresia bestanden hatten, nie im geringsten sie zu verletzen, und Alles zu widerrufen, was unter Josephs II. Regierung denselben zuwider vorgenommen war. Eine Erklärung Leopolds, die im November 1790 bekannt gemacht ward, befahl alle Belgischen Unterthanen ihm aufs Neue den Eid der Treue zu leisten. Er bewilligte Allen denjenigen, die in einer bestimmten Zeit die Waffen niederlegen würden, eine allgemeine und uneingeschränkte Amnestie. Darauf unterwarfen sich alle Provinzen eine nach der andern. Brüssel öffnete den 1. December 1790 den Oestreichischen Truppen die Thore. Die Patrioten van Eupen und van der Noot flohen nach Holland .


Quellen.[]

  1. Gemählde der Revolutionen in Europa. Von Christoph Wilhelm Koch. Mitglied des Tribunats und der Ehren-Legion, Correspondenten des National-Instituts. Berlin. 1811.
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