Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Nicht weit von der Stadt hat die regierende Herzoginn eine kleine Villa bauen und einige Anlagen machen lassen. Es heißt <big>Klein Richmond</big>, und man hat da eine Aussicht, die in einem Lande, das an Naturschönheiten nicht eben reich ist, gesehen zu werden verdient. Freylich findet man hier nicht jene bevölkerten, reichen und schönen Gefilde, an die der Nahme dieses Landhauses erinnert, und welche, so schön sie auch sind, sich durch Luxus, Pracht und Kunst selbst noch mehr auszeichnen, als durch die sehr schöne Natur; aber man wird immer mit Vergnügen einen Morgenspaziergang auf dieses kleine Richmond machen, das für jede anständig gekleidete Person offen steht.
 
Nicht weit von der Stadt hat die regierende Herzoginn eine kleine Villa bauen und einige Anlagen machen lassen. Es heißt <big>Klein Richmond</big>, und man hat da eine Aussicht, die in einem Lande, das an Naturschönheiten nicht eben reich ist, gesehen zu werden verdient. Freylich findet man hier nicht jene bevölkerten, reichen und schönen Gefilde, an die der Nahme dieses Landhauses erinnert, und welche, so schön sie auch sind, sich durch Luxus, Pracht und Kunst selbst noch mehr auszeichnen, als durch die sehr schöne Natur; aber man wird immer mit Vergnügen einen Morgenspaziergang auf dieses kleine Richmond machen, das für jede anständig gekleidete Person offen steht.
   
Wer sich einige Zeit zu Braunschweig aufhält, und den Grundsatz hat, daß die Zeit, die er auf Reisen auf seinem Zimmer zubringt, größtentheils als verlohren zu betrachten ist, wird hier bisweilen verlegen seyn, seine Vormittage nützlich auszufüllen. Ein solcher wird einmahl eine Fahrt nach Wolfenbüttel und Salzthal machen, wo er eine wichtige Bibliothek und die Herzogliche Gemähldesammlung sehen kann: und beydes kann er in einem Vormittage vollenden, wenn er spät zu Mittage speißt. Ich habe also auch die berühmte <big>Bibliothek zu Wolfenbüttel</big> gesehen! Allein mit dem Besehen der Bibliotheken hat es für die mehresten Reisenden eine ganz eigene Bewandniß: und größtentheils meynen wir, wenn wir davon reden, wenig mehr als das Gebäude, das sie Bücher enthält, und seine Einrichtung. Wenn man zuerst anfängt zu reisen, so haben für den Liebhaber der Wissenschaften und für den Mann von Classischen Kenntnissen, große Bibliotheken allerdings viel Auszeichendes! Hier sieht er so manches, wovon er Jahrelang gelesen und reden gehört hat; die Ausgaben von 1400. sind allein eine Quelle von Vergnügen, die vielleicht Jahre lang an einem Orte gelebt hat, wo er die mehresten der letztern täglich sehen konnte, wenn er allmählig einige der berühmtesten Bibliotheken besucht, und die einigen großen Hauptstädte durchwandert hat, so verliert alles, was ihm sonst selten war, und es nun nicht mehr ist, seinen Reiz; er hat zugleich gelernt, daß jeder Ort seine Callifichets, und die Bibliothekare ihre Steckenpferde haben, und daß man ihm das und jenes mit Pomp aufstellt, was im Grunde eine Armseligkeit ist. Wenn Sie Alles das zusammen nehmen, so bleibt einem alten Reisenden, der einer Bibliothek nur kurze Zeit schenken kann, wenig Genuß mehr übrig; es sey denn, daß er Nahrung in alten und seltenen Manuscripten suche. Auch ich habe einst meine Freude darinne gefunden, daß ich sagen konnte, ich kenne die Buchstaben dieser und jener berühmten Handschriften; allein wenn ich bedenke, wie kurze Zeit man sich gewöhnlich bey diesen Handschriften aufhalten kann, und wie gar geringe der Nutzen ist, den der Reisende aus der bloßen Besichtigung zieht, so muß ich die Freude, die in dem <big>Gesehen haben</big> liegt, offenherzig für eine Charlatanerie erklären. -- Indessen ist sie sehr unschuldig, und der Himmel bewahre mich, daß ich irgend einem ehrlichen Manne seine Freude nehmen wollte. </blockquote>
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Wer sich einige Zeit zu Braunschweig aufhält, und den Grundsatz hat, daß die Zeit, die er auf Reisen auf seinem Zimmer zubringt, größtentheils als verlohren zu betrachten ist, wird hier bisweilen verlegen seyn, seine Vormittage nützlich auszufüllen. Ein solcher wird einmahl eine Fahrt nach [[Wolfenbüttel]] und Salzthal machen, wo er eine wichtige Bibliothek und die Herzogliche Gemähldesammlung sehen kann: und beydes kann er in einem Vormittage vollenden, wenn er spät zu Mittage speißt. Ich habe also auch die berühmte <big>Bibliothek zu [[Wolfenbüttel]]</big> gesehen! Allein mit dem Besehen der Bibliotheken hat es für die mehresten Reisenden eine ganz eigene Bewandniß: und größtentheils meynen wir, wenn wir davon reden, wenig mehr als das Gebäude, das sie Bücher enthält, und seine Einrichtung. Wenn man zuerst anfängt zu reisen, so haben für den Liebhaber der Wissenschaften und für den Mann von Classischen Kenntnissen, große Bibliotheken allerdings viel Auszeichendes! Hier sieht er so manches, wovon er Jahrelang gelesen und reden gehört hat; die Ausgaben von 1400. sind allein eine Quelle von Vergnügen, die vielleicht Jahre lang an einem Orte gelebt hat, wo er die mehresten der letztern täglich sehen konnte, wenn er allmählig einige der berühmtesten Bibliotheken besucht, und die einigen großen Hauptstädte durchwandert hat, so verliert alles, was ihm sonst selten war, und es nun nicht mehr ist, seinen Reiz; er hat zugleich gelernt, daß jeder Ort seine Callifichets, und die Bibliothekare ihre Steckenpferde haben, und daß man ihm das und jenes mit Pomp aufstellt, was im Grunde eine Armseligkeit ist. Wenn Sie Alles das zusammen nehmen, so bleibt einem alten Reisenden, der einer Bibliothek nur kurze Zeit schenken kann, wenig Genuß mehr übrig; es sey denn, daß er Nahrung in alten und seltenen Manuscripten suche. Auch ich habe einst meine Freude darinne gefunden, daß ich sagen konnte, ich kenne die Buchstaben dieser und jener berühmten Handschriften; allein wenn ich bedenke, wie kurze Zeit man sich gewöhnlich bey diesen Handschriften aufhalten kann, und wie gar geringe der Nutzen ist, den der Reisende aus der bloßen Besichtigung zieht, so muß ich die Freude, die in dem <big>Gesehen haben</big> liegt, offenherzig für eine Charlatanerie erklären. -- Indessen ist sie sehr unschuldig, und der Himmel bewahre mich, daß ich irgend einem ehrlichen Manne seine Freude nehmen wollte. </blockquote>
   
   

Aktuelle Version vom 6. Februar 2021, 13:10 Uhr

Braunschweig.[]

[1]
Braunschweig, Hauptstadt des Herzogthums Braunschweig, an der Oker, mit 2845 Häusern und ungefähr 30,000 Einwohnern, soll schon im Anfange des neunten Jahrhunderts von einem gewissen Bruno gegründet seyn; wenigstens scheint die Ableitung des Namens Braunschweig (Brunonis vicus), welche sich auch in dem plattdeutschen Brunswik erhalten hat, auf jenen Bruno hinzuweisen. Vormals hatte diese Stadt wegen Aufrechterhaltung ihrer ansehnlichen Freiheiten vielen Streit mit den Herzogen. Sie ward aber im Jahre 1671 von Herzog Rudolph August erobert, steht nunmehr völlig unter der herzoglichen Botmäßigkeit, und ist seit 1754 die Residenz der braunschweigischen Regenten. Die Stadt hatte sonst zwölf Kirchen, von denen jetzt zwei aufgehoben sind, und unter welchen sich eine reformirte und eine catholische befinden, so wie die Juden auch eine Synagoge daselbst besitzen. Braunschweig hat ferner zwei große Canonicatstifter, St. Blasius und St. Cyriacus, von denen jenes der erste Landstand ist. Unter den Gebäuden sind merkwürdig: das Schloß (ehemals der graue Hof genannt), welches während der französischen Besitznehmung mit sehr beträchtlichen Kosten und vielleicht auch nicht ohne Geschmack ausgebaut worden ist; das landschaftliche Gebäude (während der französischen Regierung die Präfectur), das große Opernhaus, der Dom (Burgkirche); das Zeughaus mit dem Museum; das viewegsche Haus u. s. w. Die bierbaumsche Gartenanlage auf dem Walle gewährt zwar eine etwas kleinliche, aber dennoch erfreuliche Ansicht, so wie der dieselbe umgebende englische Park vortheilhaft erwähnt zu werden verdient. Das Lustschloß Richmond vor dem Augustthore, welches nach dem Muster des Schlosses gleichen Namens bei London für die letzte verstorbene Herzogin erbaut wurde, hat, außer seiner angenehmen Lage an der Oker, in seiner beschränkten Einförmigkeit nichts Angenehmes. Im Jahre 1745 ward zu Braunschweig unter Leitung des berühmten Jerusalem das Collegium Carolinum gestiftet, welches gleichsam den Uebergang zwischen Gymnasium und Universität bilden sollte und während vierzig Jahre geblüht hat. Auch gab diese Lehranstalt Veranlassung, eine Menge gelehrter nach Braunschweig zu ziehen, die späterhin eine Zierde der deutschen Literatur geworden sind, und der Stadt selbst im Auslande einen ausgebreiteten Ruhm verschafft haben. Unter der westphälischen Regierung 1808 wurde das Carolinum in eine Militärschule verwandelt; nach der Wiederbefreiung des Landes hat ihm aber der Herzog seine frühere Bestimmung, mit wesentlichen Verbesserungen, wieder gegeben. Im Jahre 1534 erfand hier der Bildhauer und Bildschnitzer Jürgen die ersten Spinnräder, so wie der Bierbrauer Christian Mumme das bekannte und berühmte Getränk gleiches Namens. Der Handel Braunschweigs, der in den letzten Jahren, die ungünstigen Zeitverhältnisse abgerechnet, sich noch stets vermehrt hat, wird durch die beiden Messen, die freilich in der letzten Zeit bedeutend verloren haben, sehr befördert. Den jährlichen Umsatz berechnet man ehemals auf zwei Millionen Thaler.


Von Reisenden.[]

Carl Gottlob Küttner.

[1794]

[2]

Braunschweig.

im Herbste.

Die Vormittage ausgenommen, haben wir unsere Zeit hier größtentheils am Hofe zugebracht, der aus drey Häusern besteht, nehmlich dem des regierenden Herzogs, der verwittweten Herzoginn und des Erbprinzen: in allen dreyen findet der Fremde den verbindlichsten Empfang. Nie bin ich an einem Hofe gewesen, wo, in dieser Rücksicht, Alles einander so sehr in die Hände arbeitet, und wo jedermann scheint, sich es angelegen zu seyn zu lassen, daß der Gast sich wohl und angenehm fühle. Ich würde Ihnen noch weit mehr davon sagen, wenn es Privathäuser wären; allein man fürchtet sich, in einem lobpreisenden Tone von Höfen zu reden, weil es so gar gewöhnlich ist, daß Reisende bloß die Gefühle ausdrücken, die der Empfang, den sie selbst fanden, in ihnen erregte. Und dann rühmen oder tadeln so viele, ohne alle weitere Rücksicht. Nur so viel will ich noch hinzusetzen, daß ich, bey meiner Rückerinnerung an die angenehmen Tage,  die ich zu Braunschweig zugebracht habe, allemahl mit Vergnügen und Dank an den Hof denken werde: wobey ich einige Männer einschließe, die ich da kennen gelernt habe.

Die Stadt selbst hat wenig, das einen Fremden, der schon lange gereißt ist, sehr beschäfftigen könnte. Indessen habe ich doch das und jenes da gesehen, das mich interessirt hat, worunter ich denn auch den berühmten Onyx rechne, der von einer Größe ist, der nichts von Allem, was ich in Italien oder in andern Ländern gesehen habe, auch nur einigermaßen gleich kommt.

Daß es in Braunschweig mehrere Personen gibt, die in vielen Rücksichten interessant sind, wissen Sie. Ich habe einige kennen lernen, die, bey meiner Abreiße, ein lebhaftes Verlangen erregt haben, sie wieder zu sehen und näher kennen zu lernen.

Wenn ich bedenke, wie nahe Braunschweig an Berlin und Leipzig liegt, und daß diese Stadt schon längst ein beträchtliches Verdienst um die deutsche Litteratur hat, so ist es auffallend, daß man unter den gemeinen Ständen so viel von dem hört, was freylich nicht geradezu Platdeutsch genannt werden kann, was aber doch auch von diesem nicht so gar sehr verschieden ist.

Nicht weit von der Stadt hat die regierende Herzoginn eine kleine Villa bauen und einige Anlagen machen lassen. Es heißt Klein Richmond, und man hat da eine Aussicht, die in einem Lande, das an Naturschönheiten nicht eben reich ist, gesehen zu werden verdient. Freylich findet man hier nicht jene bevölkerten, reichen und schönen Gefilde, an die der Nahme dieses Landhauses erinnert, und welche, so schön sie auch sind, sich durch Luxus, Pracht und Kunst selbst noch mehr auszeichnen, als durch die sehr schöne Natur; aber man wird immer mit Vergnügen einen Morgenspaziergang auf dieses kleine Richmond machen, das für jede anständig gekleidete Person offen steht.

Wer sich einige Zeit zu Braunschweig aufhält, und den Grundsatz hat, daß die Zeit, die er auf Reisen auf seinem Zimmer zubringt, größtentheils als verlohren zu betrachten ist, wird hier bisweilen verlegen seyn, seine Vormittage nützlich auszufüllen. Ein solcher wird einmahl eine Fahrt nach Wolfenbüttel und Salzthal machen, wo er eine wichtige Bibliothek und die Herzogliche Gemähldesammlung sehen kann: und beydes kann er in einem Vormittage vollenden, wenn er spät zu Mittage speißt. Ich habe also auch die berühmte Bibliothek zu Wolfenbüttel gesehen! Allein mit dem Besehen der Bibliotheken hat es für die mehresten Reisenden eine ganz eigene Bewandniß: und größtentheils meynen wir, wenn wir davon reden, wenig mehr als das Gebäude, das sie Bücher enthält, und seine Einrichtung. Wenn man zuerst anfängt zu reisen, so haben für den Liebhaber der Wissenschaften und für den Mann von Classischen Kenntnissen, große Bibliotheken allerdings viel Auszeichendes! Hier sieht er so manches, wovon er Jahrelang gelesen und reden gehört hat; die Ausgaben von 1400. sind allein eine Quelle von Vergnügen, die vielleicht Jahre lang an einem Orte gelebt hat, wo er die mehresten der letztern täglich sehen konnte, wenn er allmählig einige der berühmtesten Bibliotheken besucht, und die einigen großen Hauptstädte durchwandert hat, so verliert alles, was ihm sonst selten war, und es nun nicht mehr ist, seinen Reiz; er hat zugleich gelernt, daß jeder Ort seine Callifichets, und die Bibliothekare ihre Steckenpferde haben, und daß man ihm das und jenes mit Pomp aufstellt, was im Grunde eine Armseligkeit ist. Wenn Sie Alles das zusammen nehmen, so bleibt einem alten Reisenden, der einer Bibliothek nur kurze Zeit schenken kann, wenig Genuß mehr übrig; es sey denn, daß er Nahrung in alten und seltenen Manuscripten suche. Auch ich habe einst meine Freude darinne gefunden, daß ich sagen konnte, ich kenne die Buchstaben dieser und jener berühmten Handschriften; allein wenn ich bedenke, wie kurze Zeit man sich gewöhnlich bey diesen Handschriften aufhalten kann, und wie gar geringe der Nutzen ist, den der Reisende aus der bloßen Besichtigung zieht, so muß ich die Freude, die in dem Gesehen haben liegt, offenherzig für eine Charlatanerie erklären. -- Indessen ist sie sehr unschuldig, und der Himmel bewahre mich, daß ich irgend einem ehrlichen Manne seine Freude nehmen wollte.


Quellen.[]

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Wanderungen durch die Niederlande, Deutschland, die Schweiz und Italien in den Jahren 1793 und 1794. Leipzig, 1796. bei Voß und Kompagnie.