Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Ich habe die Architektur des ''buen Retiro'' bereits angegeben. Sie ist nicht edel, und wird durch mehrere Zusätze von Façaden im bessern Geschmack sogar widerlich. Nur seinem Theater möchte ich einen Vorzug einräumen, auf welchen man in südlichen Klima's so selten bedacht ist, und den man auch hier nicht genutzt hat. Von seinen vielen Vergoldungen und Spiegeln rede ich nicht; auch nicht von den vier Gemälden des Amiconi in der königlichen Loge, welche nur zu laut an den albernen Schäfergeschmack erinnern, in dem sich die verdorbensten Höfe und Nationen eine Zeit lang gefallen konnten. Sein Hauptwerth besteht für mich, wie es bei so Vielem, was ich in Spanien sah, in dem, was man daraus machen könnte, und ich getraute mir in demselben Feste zu geben, die in neuern Zeiten wenigstens einzig seyn müßten. Der Hintergrund der Scene lehnt sich an die schönen Alleen an. Wenn man die Wand auf dieser Seite völlig durchbräche, so könnte man die Scene so sehr man wollte verlängern, und den ganzen Reichthum einer schönen Natur borgen, welche doch nie von der Dekorationskunst erreicht wird. Unser Theatergeschmack thut so viel für Coup d'oeils, warum besinnt man sich nicht einmal auf ein solches Zusammenwirken der Kunst und der freien Natur? Wie leicht wäre es hier Wälder, Seen und den klaren Abendhimmel mit allen Sinnenreizen des Tanzes und der Musik zu vereinigen, und in angenehmer Nachtkühlung ein Schauspiel zu genießen, welches man zur wahren Feerei erheben könnte!
 
Ich habe die Architektur des ''buen Retiro'' bereits angegeben. Sie ist nicht edel, und wird durch mehrere Zusätze von Façaden im bessern Geschmack sogar widerlich. Nur seinem Theater möchte ich einen Vorzug einräumen, auf welchen man in südlichen Klima's so selten bedacht ist, und den man auch hier nicht genutzt hat. Von seinen vielen Vergoldungen und Spiegeln rede ich nicht; auch nicht von den vier Gemälden des Amiconi in der königlichen Loge, welche nur zu laut an den albernen Schäfergeschmack erinnern, in dem sich die verdorbensten Höfe und Nationen eine Zeit lang gefallen konnten. Sein Hauptwerth besteht für mich, wie es bei so Vielem, was ich in Spanien sah, in dem, was man daraus machen könnte, und ich getraute mir in demselben Feste zu geben, die in neuern Zeiten wenigstens einzig seyn müßten. Der Hintergrund der Scene lehnt sich an die schönen Alleen an. Wenn man die Wand auf dieser Seite völlig durchbräche, so könnte man die Scene so sehr man wollte verlängern, und den ganzen Reichthum einer schönen Natur borgen, welche doch nie von der Dekorationskunst erreicht wird. Unser Theatergeschmack thut so viel für Coup d'oeils, warum besinnt man sich nicht einmal auf ein solches Zusammenwirken der Kunst und der freien Natur? Wie leicht wäre es hier Wälder, Seen und den klaren Abendhimmel mit allen Sinnenreizen des Tanzes und der Musik zu vereinigen, und in angenehmer Nachtkühlung ein Schauspiel zu genießen, welches man zur wahren Feerei erheben könnte!
   
So viel von dem Theater! In den vielen Gemächern des Pallastes sieht man nichts mehr, als Gemälde. Und unter diesen sind vor allen andern die Schöpfungen des Luca Giordano bewunderungswerth. Ich nenne die Schöpfungen, weil die größten Kompositionen mit einer Leichtigkeit und einem Feuer hingegossen sind, als ob sie nur das Werk eines augenblicklichen schönen Gedankens und allmächtigen Wortes wären. Erfindungsreicher, als dieser Künstler, ist keiner vor, und keiner nach ihm gewesen. Seine vielen Arbeiten sind kühne Fantasieen, und er ist immer am glücklichsten gewesen, wo er die verwegensten [[Wunder]] der Fabelwelt in den Kreis seines Kunstwirkens stellen konnte. Sie benützte er, um den kalten Allegorien jene brennende Glut einzuhauchen, in welcher sein Genie, wie die Sonne, am herrlichsten leuchtet. Die Stiftung des Ordens vom goldenen Vließ ist gewiß kein günstiges Sujet für ein Plafondgemälde. Aber wem die Mythe mit allen ihren Wundern so zu Gebot steht, wie dem Luca-Giordano, für den gibt es keine willkommere Aufgabe. Das umfassendste Sinnbild von Stärke, Muth und Ausdaurung, Herkules, reicht Philipp dem Gütigen, von Burgund, das wunderbare Vließ. Ringsherum ist der unglückliche Kampf der Titanen gegen Athane und die übrigen Götter, dargestellt sind die sämmtlichen Thaten des Herkules als Vorbilder für diejenigen, welche würdig das köstliche Kleinod tragen wollen. Diesem Allem ist die Hoffnung der Erfüllung seines Zwecks in eben so kühnen Allegorien zur Seite gegeben. Spanien auf einer Erdkugel sitzend, mit der Wuth und den Feinden der Religion zu ihren Füssen, und einem fruchtbaren Löwen, der sie bewacht. Über ihr bilden die Tugenden einen Chor, auf den Seiten ist Apoll mit den Musen sichtbar, und zum Zeichen, daß alles dieses ewig dauren soll, sind die vier Weltalter in den Ecken unter kühnen allegorischen Figuren angebracht. -
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So viel von dem Theater! In den vielen Gemächern des Pallastes sieht man nichts mehr, als Gemälde. Und unter diesen sind vor allen andern die Schöpfungen des Luca Giordano bewunderungswerth. Ich nenne die Schöpfungen, weil die größten Kompositionen mit einer Leichtigkeit und einem Feuer hingegossen sind, als ob sie nur das Werk eines augenblicklichen schönen Gedankens und allmächtigen Wortes wären. Erfindungsreicher, als dieser Künstler, ist keiner vor, und keiner nach ihm gewesen. Seine vielen Arbeiten sind kühne Fantasieen, und er ist immer am glücklichsten gewesen, wo er die verwegensten Wunder der Fabelwelt in den Kreis seines Kunstwirkens stellen konnte. Sie benützte er, um den kalten Allegorien jene brennende Glut einzuhauchen, in welcher sein Genie, wie die Sonne, am herrlichsten leuchtet. Die Stiftung des Ordens vom goldenen Vließ ist gewiß kein günstiges Sujet für ein Plafondgemälde. Aber wem die Mythe mit allen ihren Wundern so zu Gebot steht, wie dem Luca-Giordano, für den gibt es keine willkommere Aufgabe. Das umfassendste Sinnbild von Stärke, Muth und Ausdaurung, Herkules, reicht Philipp dem Gütigen, von Burgund, das wunderbare Vließ. Ringsherum ist der unglückliche Kampf der Titanen gegen Athane und die übrigen Götter, dargestellt sind die sämmtlichen Thaten des Herkules als Vorbilder für diejenigen, welche würdig das köstliche Kleinod tragen wollen. Diesem Allem ist die Hoffnung der Erfüllung seines Zwecks in eben so kühnen Allegorien zur Seite gegeben. Spanien auf einer Erdkugel sitzend, mit der Wuth und den Feinden der Religion zu ihren Füssen, und einem fruchtbaren Löwen, der sie bewacht. Über ihr bilden die Tugenden einen Chor, auf den Seiten ist Apoll mit den Musen sichtbar, und zum Zeichen, daß alles dieses ewig dauren soll, sind die vier Weltalter in den Ecken unter kühnen allegorischen Figuren angebracht. -
   
 
Mir ist die Wirksamkeit dieses Mannes immer unbegreiflich gewesen. Seinen Fleiß mögen wohl viele Künstler besessen haben; aber solche unermüdliche Fantasie ist eine, in der Geschichte des menschlichen Geistes einzige, Erscheinung. Mit Recht hat ihn sein Zeitalter den Wunderbaren genannt; denn seine Werke sind Wunder ähnlich, für welche das Leben eines einzigen Menschen zu eng scheint. Welche Kunstsammlung hat nicht Arbeiten von ihm aufzuweisen? Und wie vieler Gebäude einzige Merkwürdigkeiten und vielleicht auch Dauer besteht blos in seinen ungeheuren Freskogemälden? Aber wenn diese einst verwittert seyn werden -- denn es kommt eine Zeit, wo von den schönsten Werken der Kunst nichts, als Sagen, mehr übrig seyn werden -- so wird die Nachwelt seine Wirksamkeit für eine Fabel halten, welche die Vergangenheit zum Neid für die Zukunft erdichtet hat.
 
Mir ist die Wirksamkeit dieses Mannes immer unbegreiflich gewesen. Seinen Fleiß mögen wohl viele Künstler besessen haben; aber solche unermüdliche Fantasie ist eine, in der Geschichte des menschlichen Geistes einzige, Erscheinung. Mit Recht hat ihn sein Zeitalter den Wunderbaren genannt; denn seine Werke sind Wunder ähnlich, für welche das Leben eines einzigen Menschen zu eng scheint. Welche Kunstsammlung hat nicht Arbeiten von ihm aufzuweisen? Und wie vieler Gebäude einzige Merkwürdigkeiten und vielleicht auch Dauer besteht blos in seinen ungeheuren Freskogemälden? Aber wenn diese einst verwittert seyn werden -- denn es kommt eine Zeit, wo von den schönsten Werken der Kunst nichts, als Sagen, mehr übrig seyn werden -- so wird die Nachwelt seine Wirksamkeit für eine Fabel halten, welche die Vergangenheit zum Neid für die Zukunft erdichtet hat.

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