Beyme.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Beyme, königl. preußischer Staatsminister, ehemaliger Großkanzler, ist ein Mann im preußischen Staate, der von vielen verehrt, von etlichen gehaßt, von noch wenigern gering geachtet wird. Als Kammergerichtsrath zu Berlin erwarb er sich bald den Ruf eines scharfsinnigen und überaus thätigen Juristen; doch wollten tiefer blickende Kenner der Rechtsgelahrtheit und der Kunst, welche sie ausübt, an ihm wahrnehmen, daß er sich seines Scharfsinnes in der Jurisprudenz zu seht freue, und über einen klaren, gediegenen Sinn der Satzungen bisweilen hinweggeht, um ihnen einen neuen aufzudringen, und durch seine Entdeckungen in Lehren, welche der Rechtsbrauch so lange ganz anders verstanden hatte, Bewunderung seines Geistes zu erregen. Er ward mit zwei andern Geschäftsmännern zum königlichen geheimen Cabinetsrath vorgeschlagen, als der edle, an Gesinnung und Wissen wahrhaft humane Menke, welcher dem jungen König zuerst Liebe erworben, und Glorie über dessen Regierungsanfang verbreitet hatte, durch gänzliche Erschöpfung seiner physischen Kräfte verhindert wurde, mit der nie getrübten Klarheit seines Geistes und Herzens die Geschäfte des Cabinets noch länger zu leiten. Auf den ersten Blick ward Beyme von dem König erkohren, dessen eigene Geradheit von der Offenheit des Mannes im Ausdruck der Rede, des hellen Auges, in der bestimmten und lebendigen Haltung angezogen zu seyn scheint. Von nun an schenkte er demselben auch sieben Jahre hindurch bis zu der unglücklichen Catastrophe der preußischen Monarchie ununterbrochen sein ganzes Vertrauen. Der Posten eines königl. geheimen Cabinetsraths für die innere Staatsverwaltung war damals von einer solchen Macht bekleidet, welche das Ansehen der sämmtlichen Staatsminister weit überwog. Friedrich der zweite, Selbstherrscher in jedem Sinne des Worts, der auch seine Minister nur als Präsidenten ihrer Bureaux nahm, und die wesentlichsten Entscheidungen, auch in den innern Angelegenheiten, immer von seinem Cabinet ausgehen ließ, brauchte die Räthe, die für dasselbe angestellt waren, im eigentlichsten Sinne, zu seinen Secretären, welche keinen andern Einfluß, als den zufälligen, ausübten, der einem jeglichen in der Nähe eines selbstherrschenden Monarchen wird. Sein Nachfolger ließ die Regierungsmaschine, wie er sie vorfand; aber wenig aufgelegt zu einer regelmäßigen Arbeit und zu einer fortdauernden Selbstregierung, konnte er nicht hindern, daß die Cabinetsräthe schon eine größere Macht gewannen. Allein es wirkten so viele andere Partheiungen, so viele Günstlinge und geliebte Treuen, solche mystische Intriguen, so viele Zerstreuungen durch Freuden des Lebens und durch Kriege auf den Monarchen ein; er hatte in den bessern Stunden einen so durchdringenden Blick, solches Selbstbewußtseyn seiner Kenntnisse und seiner Kraft; er hatte endlich so viele Geneigtheit, seine Staatsminister zu hören, daß seine geheimen Cabinetsräthe nie die monarchische Gewalt mit ihm theilten. Ohne die Erfahrungen und ohne die Leidenschaften, womit er den Thron bestiegen hatte, folgte ihm sein Sohn, belastet von Pflichtgefühl, welcher ungeheuern Arbeit er sich redlich unterziehen solle, zu bescheiden, um sich zu gestehen, welche Kraft für die Geschäfte in ihm vorhanden sey, zu sehr durchdrungen von einem edlen königlichen Stolz, um vielen bekennen zu wollen, daß er einer Geschäftsführung im Sinn, im Umfang der Selbstregierung Friedrichs des Großen nicht gewachsen sey. Er hielt für Pflicht, er liebte, von dem Cabinette aus, wie ein unumschränkter Monarch zu herrschen, und sein Cabinetsrath mußte ihm dazu Kenntnisse, Erfahrungen, unermüdete Thätigkeit im Geschäfte der Feder leihen, mußte seine eigene Rechtschaffenheit durch eine juristische Fertigkeit und Gediegenheit unterstützen, mußte allein um das Geheimniß wissen, wie täglich eine Cabinetsregierung im Geist des großen Ahnherrn ohne dessen Genie geführt ward. Nach allen diesen Rücksichten war Beyme eine vortreffliche Wahl. Alle erfoderliche Eigenschaften besaß er, nur daß man zweifeln mußte, ob er die umfassende allgemeine Bildung, die gründlichen Kenntnisse in allen Zweigen der Staatswissenschaft besitze, welche demjenigen unentbehrlich sind, der beständiger Rath eines unumschränkten Königs für alle Theile der Staatsverwaltung seyn soll. Es hat sich gezeigt, daß er wenigstens bemüht war, sich diese allgemeinen und umfassenden Kenntnisse anzueignen, bestimmte Ansichten von allen Gattungen der Staatsgeschäfte zu gewinnen, und bei aller Selbstständigkeit, die er zu behaupten fast eifersüchtig wachsam war, besaß er doch, so wenig ihm behagte, den Staatsministern einen Einfluß auf die Geschäfte zu verstatten, der seinem Einfluß gefährlich werden konnte, zu viel gute Einsicht, zu viel redlichen Willen, für das öffentliche Wohl zu sorgen und das wahre Verdienst hervorzuheben, als daß er nicht den Reichthum trefflicher Kenntnisse benutzt hätte, welche sich für alle Zweige der Staatsverwaltung unter den preußischen Geschäftsmännern findet. In militärischen Dingen war der König Selbstregent; die auswärtigen Angelegenheiten sind solcher Natur, daß der Staatsminister, welcher sie leitet, der unmittelbaren Mittheilungen gegen den Monarchen nicht entbehren kann. Auf beide sichte Beyme auch nicht Einfluß zu erhalten, auf die politischen Geschäfte wenigstens nur unmittelbar. Ein besonderer Cabinetsrath trug über sie dem König vor, Lombard, nicht ohne Geist und elegante Kenntnisse, doch ein schwacher Charakter und Körper. Er war sehr abhängig von Beyme's Kraft und Ansehen. Nach der Zertrümmerung der preußischen Monarchie war es unmöglich, die alte Regierungsmaschine wieder einzurichten und fortgehen zu lassen. Freiherr von Stein übernahm, der Schöpfer eines neuen preußischen Staates zu werden. Ein heftiger Gegner der bisherigen Cabinetsregierung, wollte er sie bis auf die letzte Spur vertilgen. Aber, es gereicht zum größten Lobe Beyme's, daß gleichwohl jener unumwundene Staatsmann gegen sein bestimmtes und nie zu bezweifelndes juristisches Verdienst Achtung genug empfand, um ihn dem König, der gern darauf einging, zur Würde des Großkanzlers zu empfehlen. Keiner unter den alten Staatsministern Preußens hatte den Rang, die Wirksamkeit, die nöthigen selbstständigen Grundsätze eines solchen gegen den mächtigen Cabinetsrath so zu behaupten gewußt, als der Freiherr von Hardenberg. Schon deßhalb mochte die Revolution in der preußischen Staatsverwaltung, welche diesen als Staatskanzler an die Spitze brachte, für Beyme nicht angenehm seyn; aber in eine Organisation, wodurch die Minister von dem Kanzler ziemlich abhängig werden sollten, glaubte er sich nicht fügen zu dürfen. Er bekam deßhalb seinen Abschied als Großkanzler; weil indeß auch Hardenberg ein zu großes eigenes Verdienst und zu hohes Gemüth besitzt, um das Verdienst nicht auch am Gegner zu achten, bleibt Beyme bald in dieser, bald in jener Thätigkeit für den Staat; die übrige Zeit verlebt er auf seinem Landsitz zu Steglitz bei Berlin im Genuß der alten Schriftsteller. Im Jahr 1817 war er einer der Minister, die in die Provinzen gesandt wurden, um die projectirte repräsentative Verfassung vorzubereiten. Er ging mit diesem Auftrage nach Schlesien.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
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