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Cività vecchia, eine Stadt und der beste Hafen des Päbstlichen Stuhls am mittelländischen Meere, ist fest, und ward im Jahr 1741 als Freyhafen vom Pabste erhoben. Er ist für Fregatten aber nicht für Kriegsschiffe tief genug. Die Hauptartikel der Ausfuhr sind Getreid und Wolle.


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Von Reisende.Bearbeiten

Joseph Gorani.

Ueberfahrt von Neapel nach Civita-Vecchia.

Das Fahrzeug, auf welches ich mich zu dieser Ueberfahrt einschiffte, war eine der apostolischen Kammer zu Rom gehörige Tartane. Diese Fahrt kostete sehr wenig, denn ich habe für mich und meinen Bedienten nur ungefähr zwei Dukaten, das heißt zwei und zwanzig französische Livres bezahlt; aber wir haben unsere Provision selbst besorgen müssen. Bei den Passagieren befand sich ein Franziskanermönch, und noch ein zerlumpter Geistlicher, dessen ganzer Ton aber sehr unterwürfig und demüthig war. Dem Barfüßer gefiel es, und ganz abscheuliche Farcen zu geben; er wollte den Rosenkranz und noch andre lateinische Gebete anstimmen. Ich mußte alles ertragen, da ich wie der Vogel im Käfig war.

Der Schiffskapitain sagte mir, dieses Schiff diente dazu, das der apostolischen Kammer gehörige Getreide zu transportiren, und wieder welches hereinzubringen, wenn es unter dem von ihr sich vorgesetzten Preise zu haben ist. Die Schiffsleute haben mir sehr umständliche Dinge von der Schelmerei des Monsignor Schatzmeisters erzählt; sein Vorgänger sey, sagten sie, ein noch abscheulicherer Mensch gewesen. Er hatte heimlich in einige Fahrzeuge, so auch in einige Häuser, Salz bringen lassen, um einen Vorwand zu haben, Eigenthümer zu pfänden. Alle Leute in Bedienung, die Kardinäle, und besonders der Neffe des heiligen Vaters, haben ihren Theil an dem Raube, wenn er vertheilt wird.

Wir hatten noch einen Mann am Bord, dessen Bildung wirklich erschrecklich war. Man konnte ihn, nach allen Regeln der Physionomik, für einen abscheulichen Bösewicht halten; auch war er es. Der Schiffsherr sagte, dieser Mensch sey ein gebohrner Neapolitaner. In seiner Jugend war er ins Kloster gegangen, hatte es aber, ehe er zum Altardienst zugelassen wurde, wieder verlassen. Nachdem er in seinem Vaterlande verschiedne Diebstähle begangen hatte, war er in den Kirchenstaat geflüchtet, wo er das Gewerbe eines Kundschafters trieb. Zuletzt hatte er unbarmherzigerweise einen jungen Menschen ermordet, der ihm seine Geliebte entführt hatte, und diesem Bösewichte war, weil er einen Bedienten des Kardinals Albani zum Freunde hatte, durch die Vorsprache des Prälaten, diese Missethat verziehen worden; auch gieng er sehr unbekümmert nach Rom zurück.

Der Hafen von Civita-Vecchia.

Verschieden Innschriften, welche man auf Steinen lieset, beweisen, daß Trajan der Stifter dieses Hafens gewesen ist. Man siehet noch, ungefähr drei Meilen von der Stadt, die noch in sehr guten Umständen erhaltenen warmen Bäder, welche dieser Kaiser gebauet hat. Diese Stadt faßt Monumente in sich, welche Beweise sind, daß die Römer für die Ewigkeit baueten. Ich sehe gern, wenn eine Nation so denkt, und sich mit dem Wohl zu kommender Geschlechter beschäftigt. Die Völker, welche nur die Gegenwart umfassen, zeigen damit an, daß ihre Verfassung fehlerhaft ist.

Der Hafen von Civita-Vecchia ist sicher; er ist nicht groß, kann aber doch hinreichend viel Schiffe zur Unterhaltung eines beträchtlichen Handels aufnehmen. Der Eingang zum Hafen ist einigermaßen gefährlich, welcher Gefahr man aber entgehen kann, wenn man sich einem Steuermanne aus diesem Lande anvertrauet.

Ich habe Bekanntschaft mit einem Geistlichen gemacht, der eine Sammlung von Basreliefs und Medaillen besitzt, welche es bekräftigen, daß Trajan der Stifter des Hafens von Civita-Vecchia ist. Ich habe verschiedne von den Innschriften kopirt. Es scheint, daß dieser Hafen im fünften Jahre der Regierung dieses Kaisers zu bauen angefangen ist.

Nach der Zerstöhrung von Civita-Vecchia haben die Päbste eingesehen, wie wichtig es sey, diesen Hafen wiederherzustellen. Die Festung wurde auf Befehl und auf Kosten des Papst Paul III. aus den Hause Farnese gebauet Man befolgte dabei die Plane des Michel Ange. Urban VIII. hat 1635. den Hafen wiederhergestellt. Das Bassin für die Galeeren ist ein schönes Werk, von Klemens XIII. Rezzonico vollendet. Der prächtige Springbrunnen ist ein Monument der wohlthätigen Absichten Benedikts XIV. Lambertini. Und das Arsenal ist unter der Regierung Alexander VII. ausgeführt worden.

Der Handel von Civita-Vecchia

Ist nicht sehr beträchtlich. Es giebt hier keinen einzigen Millionair; kaum daß hier fünf bis sechs Häuser sind, die einigen Ruf haben.

Von den französischen Provinzen nimmt die einzige Porvence Antheil an dem Handel mit Civita-Vecchia, und Marseille ist die einzige Stadt dieser Gegenden, welche Schiffe in diesem Hafen hat; aber es sind doch überhaupt nur Tartanen von hundert bis zwei hundert Tonnen. Ihre Anzahl beläuft sich jährlich auf funfzig bis fünf und funfzig. Diese Schiffe bringen Kaffee, Zucker, Stockfisch, Provenzaler Früchte, Weine, u. s. w. Sie nehmen dafür wieder Alaun, Schwefel, Bauholz und Wolle mit.

Ein Dutzend holländische Schiffe bringen jährlich Spezereien, Tücher, Thee, Käse und Tobak. Sie führen dagegen Getreide, Wolle und einige Seidenwaaren aus. Englische Schiffe kommen jährlich dreißig bis vierzig, mit Lebensmitteln von ihren Kolonien, und mehrern andern Erzeugnissen der Brittischen Inseln befrachtet.

Die Genueser treiben einen ansehnlichen Handel nach Civita-Vecchia mit Pomeranzen, Citronen, Oel, Sammet, und verschiednen spanischen Waaren. Hundert dreißig bis hundert funfzig Schiffe und Tartanen sind mit diesem Transporte befrachtet. Es kommen auch in diesen Hafen verschiedne kleine Schiffe von Neapel, Sizilien, Korsika und Maltha. 1789 sah man dort achtzig Toskanische Fahrzeuge.

Die Einwohner haben wenige, ihnen gehörige Fahrzeuge. Man sieht etwa zehn bis zwölf mit Fischen beschäftigte Tartanen, die dann, wenn die Ausfuhr erlaubt ist, oder wenn die apostolische Kammer Getreide zu einem Preise verkaufen kann, wobei irgend eine Spekulation zu machen ist, sich mit der Ausführung beschäftigen. Die Kammer hat sechs bis sieben Tartanen in ihrem Dienste, um diesen Handel zu bestreiten.

Funfzehn bis zwanzig Felucken oder kleine Schiffe fahren beständig die Tiber auf und ab, die Waaren aus den fremden Ländern nach Rom zu transportiren. An einem andern Orte werde ich von der Marine des heiligen Stuhls sprechen, die heut zu Tage eben keine beträchtliche Macht ist.

Die Garnison, die Galeerensklaven und die Verbrecher.

Die Besatzung von Civita-Vecchia bestand, als ich daselbst war, aus fünfhundert sechzig Mann, welche so schlecht montirt waren, daß sie nicht einmal die nemliche Uniform trugen, obgleich sie nur Ein Korps ausmachen. Nur in der Farbe, welche blau ist, kamen sie überein. Es ist ein sehr undisciplininirtes Militair. Der Soldat thut nur nach seinem Gutbefinden seine Dienste, und spottet oft der Befehle, die ihm der Offizier giebt. Ihr Sold besteht monatlich in dreyßig Paula's. Obschon diese Soldaten ein sehr bequemes Leben führen, so desertiren sie doch viel, weil sie sehr liederlich sind und in wenig Tagen verzehren, womit sie einen Monat auskommen sollen; dann borgen sie, stehlen, begehen tausend Excesse, und desertiren endlich.

Das Loos der türkischen und Galeerensklaven ist sehr leidlich in Civita-Vecchia. Sie genießen vieler Freiheit, gehen und kommen ohne Wachen, und treiben mehrentheils einen kleinen Handel. Ueberdem giebt es hier beinahe kein schönes Frauenzimmer, welches nicht einen Galeerensklaven unterhielte. Ich war erstaunt zu sehen, daß Handelsleute diesen Galeerensklaven Waaren, um sie im Einzelnen zu verkaufen, anvertrauten. Das Merkwürdigste bei dem allem ist, daß alle diese Milderungen den wirklichen Verbrechern zugestanden werden. Die mahometanischen Sklaven können dieser Vorzüge nicht theilhaftig werden, weil sie der Landessprache unkundig sind. Die Strafe fällt also auf die ehrlichen Leute, und die Verbrecher erhalten statt der Strafe Belohnung. Es entwischen oft türkische Sklaven, denn die Polizei ist weder strenge noch wachsam, und die Wache ist leicht zu bestechen.

Ein bedeutender Posten in Civita-Vechia ist der Anführer der Alguazils. Er verdient jährlich sieben bis achthundert Dukaten. Von ihn kommt es an, ob er die Elenden hart oder milde behandeln will, und also genießt er eines großen Ansehens.

Die Stadt.

Civita-Vecchia hat, den Hafen mit inbegriffen, nicht über eine halbe Meile im Umfange. Es wird neun bis zehn tausend Einwohner haben, wenn man die Besatzung und die Galeerensklaven mitrechnet; dieser letztern sind sechs hundert an der Zahl. Die vornehmsten Straßen sind ziemlich breit und gut gepflastert. Der Exerzierplatz ist groß und schön.

Die schöne Kirche der Franziskaner hat eine Inschrift, welche meldet daß Pius VI. das Kapital zu ihrer Vollendung hergegeben hat. Man versichert mich, es sey falsch; man habe bloß die Großmuth des Pabstes dadurch spornen wollen, daß man ihm ein voreilendes Lob gab. Uebrigens muß man nicht zu eilfertig dergleichen Innschriften Glauben beimessen, wenn man sie im Kirchenstaate siehet.

Es befand sich eben zu Civita-Vecchia eine Truppe elender Schauspieler, und ich sah sie Stücke von Goldoni sehr schlecht vorstellen. Die Entree kostete einen Paula. Der Schauspielsaal ist klein, aber ziemlich hübsch. Seine Form ist eine halbe Elliptik, welche die schiklichste ist.

Gewöhnlich sind in den italienischen Städten sehr viele Pfarreien. Es giebt welche, die nur fünf bis sechs tausend Einwohner, und fünf bis sechs Pfarreien haben. Civita-Vecchia hat deren nur eine.

Die Klöster.

Wenn es, wie eben angemerkt worden ist, nur eine Pfarrei in Civita-Vecchia giebt, so ist dagegen ein desto größerer Ueberfluß an Klöstern. Die Kapuziner, welche des Gelübde der Armuth thun, wissen Mittel, in einer nicht reichen Stadt in der größten Ueppigkeit zu leben. Ich bin, als sie eben aßen, in ihrem Speisesaal gewesen, und es ist mir vorgekommen, als ob sie sehr gut äßen; und doch war es an einem Fasttage. Die Kapuziner stehen, insonderheit in Italien, in großem Ansehen. Der gemeine Mann betrachtet sie als Heilige, und man spendet ihnen reichliches Allmosen. Diese Patres sind schlau; sie geben sich das Ansehen, als ob sie ein sehr strenges Leben führten, indeß sie von allen Mönchen das angenehmste genießen. Sie belästigen das Volk, drohen ihm mit den Höllenstrafen, und entreissen so dem Aermsten seinen Bissen Brod. Demzufolge sind es wirkliche Räuber, und ihre Klöster kommen mir wie jene Höhlen vor, in welchen sie Straßenräuber zusammenrotten, die Reisenden auszuziehen. Also auch, um das Gleichniß auszuführen, merke ich noch an, daß man vor der Thür eines jeden Kapuzinerklosters einen hochstämmigen Baum sieht, gleichsam um anzuzeigen, was für eine Gattung Menschen diese Höhlen bewohnen.

Die Jakobiner sind die reichsten Mönchen in Civita-Vecchia. Man sagte mir, sie gäben sich mit Handelsgeschäften ab, worüber ich mich nicht wunderte, da ich schon dergleichen in Genua gesehen hatte. Ihr Kloster hat zwei und zwanzig tausend Thaler Einkünfte. Man kann sich leicht denken, daß ihre Küche nach ihrer Einnahme eingerichtet ist. Sie haben fünf bis sechs Galeerensklaven unter sich, welche sie ihren Detailhandel besorgen lassen, und weil diese alle Mädchen in der Stadt kennen, so verschaffen sie diesen Kuttenträgern Gelegenheit, sich ohne öffentlichen Anstoß zu belustigen.

Dem Hospital des Hospitalitenmönche wird sehr übel vorgestanden. Die Mönche, welche Aerzte und Chirurgi vorstellen, sind sehr unwissend, und verstehen nicht einmal gehörig zur Ader zu lassen.

Es giebt auch ein Kloster von Doktrinariern, zum Unterrichte des gemeinen Mannes. Es würde schwer halten, eine Stadt aufzufinden, in welcher die Einwohner so wenig Unterricht, so gar in Absicht der Religion hätten, als diese; daher kann man sich denn einen Begriff von ihren Lehrern machen, Sie legen kein Gelübde ab, und können, wenn es ihnen beliebt, in die Welt zurückkehren, um ein anderes Gewerbe zu treiben.

Ich war verwundert, kein Nonnenkloster in Civita-Vecchia zu finden. Diejenigen, welche ins Kloster zu gehen verlangen, müssen sich nach Rom wenden.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor zu Altdorf. Neu bearbeitet von Konrad Mannert, Königl. Bairischen Hofrath und Professor der Geschichte und Geographie zu Würzburg. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1805.
  • Geheime und kritische Nachrichten von Italien nebst einem Gemälde der Höfe, Regierungen und Sitten der vornehmsten Staaten dieses Landes. Von Joseph Gorani, französischem Bürger. Aus dem Französischen übersetzt. Frankfurt und Leipzig 1794.
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