Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Cortes sind die Stände des Königreichs Spanien, unter denen von jeher die von Castilien, die aus dem hohen Adel, der hohen Geistlichkeit, den Ritterorden von St. Jacob, Calatrava und Alcantara und aus den großen Städten bestanden, den ersten Rang behaupteten.

In den frühern Zeiten waren die Könige von ihnen sehr abhängig; ja, sie hatten sich selbst in den Besitz des Waffenrechtes gesetzt und übten es nicht selten aus ihrer Mitte, el Justicia genannt, der entstandene Streitigkeiten zwischen dem Könige und den Unterthanen entschied und so die königliche Gewalt in den constitutionellen Schranken hielt.

Dem Könige Ferdinand von Aragonien und seiner Gemahlin Isabella von Castilien aber gelang es, sich unabhängiger von den Ständen (las Cortes) zu machen, und als die Castilianer es wagten, auf dem, von dem mächtigen, keinen Widerspruch duldenden Carl V., zu Toledo 1538 gehaltenen Reichstage, eine von ihm verlangte außerordentliche Steuer zu verweigern: da hob der erzürnte König auf der Stelle die Versammlung auf, und weder die Geistlichkeit, noch der Adel, sondern bloß die Abgeordneten von 18 Städten wurden seitdem zusammenberufen und nur in den Fällen, wo neue Auflagen bewilligt werden sollten. Dies geschah in Castilien, allein bald erfuhren die Aragonier die Schwere des königlichen Scepters, als Philipp II. ihn trug, der im Jahre 1591 bei Veranlassung einer Empörung den Justicia, (Johannes de la Nuza), ohne gerichtliches Verfahren enthaupten ließ. Die wenige Privilegien, die nach diesem Vorfälle den Aragoniern noch blieben, (z. B. eine eigene Regierung), gingen in dem spanischen Erbfolgekriege verloren, wo sie, mit Valencia und Catalonien, die österreichische Partei ergriffen hatten.

Seit jener Zeit wurden die Cortes nur zur Huldigung des Königs oder des Prinzen von Asturien, oder wenn sonst etwas wegen der Thronfolge bestimmt werden sollte, zusammengerufen. Doch der Gewittersturm, der Spaniens Ruhe in dem Innersten erschütterte, führte die Reichsstände desselben am 15. Jun. 1808 auf Napoleons Einladung zu Bayonne zusammen, um eine neue Constitution zu entwerfen.

In der zwölften und letzten Sitzung dieser sogenannten allgemeinen Junta ward die neue Constitutions-Acte angenommen, deren neunter Artikel von den Cortes oder der Nationalversammlung handelt, welche aus 172 Mitgliedern, nämlich aus 25 Erzbischöfen, 25 Adeligen und 122 aus dem Volke bestehen sollte (m. v. d. Art. Spanien.)

Später versuchte Napoleon durch das Anerbieten, die Cortes in ihrer ganzen vormaligen Würde wiederherzustellen, den spanischen Adel und durch ihn die Nation zu gewinnen; aber auch dieser Kunstgriff wirkte nicht. Schon zuvor hatte die Junta, welche, seit der Entfernung der Bourbonischen Dynastie aus Spanien, im Namen Ferdinands die Regierung führte, eine Zusammenberufung der Cortes veranstaltet, und lange wirkten diese Stellvertreter der Nation, während die furchtbarsten Bewegungen den Staat erfüllten, für die Rettung seiner Selbstständigkeit, für die Vertilgung der Usurpation, und für die Wiederherstellung des rechtmäßigen Königs.

Am Ende des Jahrs 1813 ließ sich Ferdinand, durch französische Arglist, zu dem Tractat von Valency bereden, der ihm seine Freiheit und seine Krone wieder gab, ihn aber zugleich aufs Neue der Willkühr Napoleons überlieferte. Dieser Tractat wurde von den Cortes von Rechtswegen verworfen, weil ihre gegen England eingegangenen Verbindlichkeiten keine Separatverträge erlaubten, und weil sie früher schon decretirt hatten, keine Maßregel für giltig anzusehen, welche der König, so lange er unter dem Einflusse einer fremden Macht wäre, ergreifen dürfte. Diese Weigerung demüthigte den heftigen, mit Ungestümm nach der verlohrnen Herrschermacht verlangenden Ferdinand.

Als er denn nach Napoleons Sturze in Spanien ankam, schickten ihm die Cortes die von ihnen entworfene Constitution entgegen, welche bei vielen guten und zweckmäßigen Anordnungen doch die Macht der Nationalrepräsentation über alle Massen ausdehnte, und die königl. Gewalt ungebührlich beschränkte. Da die in dieser Constitution ausgedrückten Ideen bei vielen Großen des Reiches, der Geistlichkeit und dem Volke die entschiedenste Mißbilligung fanden, so war es dem Könige leicht, dieselbe zu verwerfen. Zugleich löste er die Versammlung der Cortes auf, und es begannen gegen diejenigen Mitglieder derselben, deren patriotische Gesinnung am meisten offenbar geworden war, schreckliche Verfolgungen, die zugleich auf alle ihre Anhänger ausgedehnt wurden, und gewöhnlich mit willkührlichen, das ganze Lebensglück der Verfolgten grausam zerstörenden Verdammungsurtheilen endigten.

Dieses Verfahren gegen Männer, deren Patriotismus und Energie Spanien die Erhaltung seiner Selbstständigkeit und der König die Wiedererlangung seiner Krone verdankte, machte in ganz Europa eine für den letztern sehr nachtheilige Sensation; selbst die Minister der vier großen Mächte am Madrider Hofe erhielten den Auftrag sich für die Verfolgten zu verwenden, und zu gemäßigtern Maßregeln zu rathen. Indessen beharrte der König bei seiner Handlungsweise; die in seiner Erklärung vom 4. Mai 1814 gegebene Zusicherung, daß er eine auf liberale Grundsätze gebaute Verfassung einführen werde, blieb unerfüllt; auch eine neue Zusammenberufung der Cortes, die man verschiedentlich hatte erwarten lassen, kam nicht zu Stande; und so scheint es, daß diese Art von Nationalrepräsentation wieder in den beschränkten Zustand zurücksinken werde, in dem sie sich vor der spanischen Revolution befunden hat.

S. die Artikel Ferdinand VII. und Spanien.


Quellen und Literatur.[]

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
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