Haag.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[1]
Haag, die Residenzstadt des Königs der Niederlande, neben den Dünen der Nordsee gelegen.

Neopolem.

Die Stadt ist groß, schön, mit trefflichen Plätzen und Palästen versehen und mit Kanälen durchschnitten. Die Bevölkerung, die sonst gegen 40,000 Menschen betrug, hat in den neuesten Zeiten abgenommen. Haag war vormals nur ein unbedeutendes Dorf, dessen Name von dem, einen Theil der Domainen der Grafen von Holland ausmachend, Walde Haag herrühren soll; es stieg aber in kurzem zu einer großen und prächtigen Stadt empor. Hier war des Sitz des Statthalters und der Generalstaaten; das Residenzschloß enthielt unter andern ein herrliches Kunst- und Naturalienkabinet. Als Holland zu einem eigenen Königreiche constituirt worden, hatte der König von Holland seine Residenz im Haag, bis zur Vereinigung des Landes mit Frankreich. Außer sechs großen Plätzen hat die Stadt vortrefliche Promenaden und einen schönen Thiergarten. Der Hof von Holland, wo die Generalstaaten sich versammelten, ist ein altes, wegen seiner trefflichen Malereien sehenswürdiges Gebäude. In der Nähe liegen die schönen Lustschlösser und Dörfer Schevelingen, Hondslaardyk, Ryswick, t' Huys im Bosch, Sorgvliet, St. Anneland u. einige a.



Neopolem.


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dr. Johann Friedrich Droysen.

[2]

[1801]

Antwerpen, den 6ten July 1801.

Wir verließen den 27sten Leyden und kamen nach einer Fahrt von drey Stunden im Haag an, wo wir hart am Eingange der Stadt in den sieben Thürmern Roms unser Quartier nahmen, weil die Träger mit ihren unglaublich impertinenten Forderungen für den Transport unserer Sachen, uns abhielten von ihnen geprellt zu werden. –

Haag ist eine der reitzendsten Städte Hollands, nicht nur durch seine Lage und seine Bauart, sondern auch durch seine reitzende, angenehme Lebensart, die es von jeher unter den Holländischen Städten ausgezeichnet, und zum Lieblingsaufenthalte der Fremden gemacht hat. Die gütige und freundschaftsvolle Aufnahme, die wir bey dem jetzigen Präsidenten des Directoriums der Batavischen Regierung, dem als Physiker berühmten van Swinden fanden, die vergnügten Tage, die wir im Kreise seiner liebenswürdigen Familie verlebten, machten diesen Aufenthalt sehr reitzend, und mir unvergeßlich.

Haag ist sehr schön gebauet, und hat vortreffliche öffentliche Plätze und Promenaden. Unter den merkwürdigen Gebäuden zeichnet sich der neue Tempel durch seine Bauart aus. Das weite Gebäude ist oben durch ein prächtiges, äußerst künstliches Hänge- und Sprengwerk geschlossen, das man als ein Meisterwerk der Baukunst ohne alle Bekleidung gelassen hat, so daß es von unten ganz gesehen werden kann, wodurch freylich das Innere der Kirche kein angenehmes Ansehen erhält. Dieß Gebäude muß außerordentlich viel gekostet haben; hier wären Bohlendächer anwendbar gewesen. -- Ich hörte hier eine Holländische Predigt, mit viel Wärme und Leben vorgetragen; die Gemeinde zeichnet sich durch Stille und Aufmerksamkeit aus, und wahrlich die Holländische Sprache hat viel Kraftvolles, Nachdrückliches und Eindringendes.


HGA Den Haag


Der alte Hof (oude Hof), ehemahliger Pallast des Erbprinzen, jetzt die Wohnung der Directoren und ihr Versammlungshaus, vor demselben große Wache; und ein schöner Garten hinter demselben, der jetzt als (National-Tuin) Nationalgarten zu öffentlichen Promenaden dient.

Der Hof, die ehemahlige Residenz des Erbstatthalters, jetzt der Sitz der Legationskammern. Man kann den Versammlungen dieser beyden Kammern, nicht aber denen des Directoriums auf den Tribunen beywohnen.

RIJKS Amsterdam

In dem Versammlungssaale der ersten Kammer, in dem ehemahligen Tanzsaale saß der Präsident auf einem erhöheten Platze, auf einem Sessel, rechts und links die Secretäre, und vor ihm stand der Rednerstuhl; die 60 Mitglieder, von denen sehr viele fehlten, saßen auf amphitheatralischen Sitzen rund umher, schwarz gekleidet; das Ganze war mit grünem Tuche bekoriret. Durch einen Hammerschlag geboth der Präsident Stillschweigen, die Sitzung ward mit einem von ihm gesprochenen, kurzen Gebeth eröffnet; worauf die Berathschlagungen anfingen, deren Resultate durch einen Hammerschlag des Präsidenten Gültigkeit erhielten. Viele der Mitglieder schienen während den Vorlesungen unaufmerksam, und manche schliefen dabey ein. –

Die zweyte Kammer versammelte sich in einem andern Theil dieses großen Gebäudes, in einem minder prächtigen Saale, wo die Fremden nur durch eine Barriere von den Mitgliedern, deren 30 an der Zahl sind, getrennt waren. Auch hier fingen die Geschäfte mit Gebeth an. Beyde Kammern machen zusammen das gesetzgebende Corps aus. Die übrigen Zimmer dieses großen, alten Gebäudes, dessen innerer Hof ebenfalls mit Wachen versehen ist, sind für die übrigen Collegien bestimmt, und in einem großen Saale, der ehemahls wohl eine Capelle war, hingen die eroberten Fahnen der Holländer, und -- die Lotterie ward darin gezogen. -- Mehrere der andern schönen Gebäude und ehemahligen Schlösser sind als Nationaleigenthum bald zu diesem, bald zu jenem Behufe gebraucht, in dem einen ist eine Caserne für das Französische Militär, in dem andern ein Magazin u. s. w. –

HGA Den Haag

Außer der schönen Promenade auf dem mit Bäumen bepflanzten Wall, dem Paradeplatze, dem Quay längs dem Canale u. s. w., ist die schönste unter allen die Promenade nach (Huys in den Bosch) dem Hause im Busch, einem ehemahligen Lustschlosse des Erbstatthalters, worin jetzt, da es vermiethet ist, oben eine geschlossene Gesellschaft einige Säle und unten ein Restaurateur die Zimmer bewohnet. Der ganze Weg dahin ist ein angenehmes Holz von uralten Eichen und jungem Anwuchs, ein Ueberrest der alten Forsten, den die Spanischen Soldaten auf Philipps Befehl schonen mußten, und den die Stadt an sich kaufte, wie 1575 die Staaten ihn verkaufen wollten; die Natur hat hier mehr als die Kunst gethan. Eine schöne Allee führt längs dem Canale hin, auf das Lustschloß Oraniensaal, an das sich ein freundlicher sehr besuchter Garten anlehnt; die Lieblingspromenade der Haager.

In dem Schlosse werden eine Sammlung von Gemählden, vorzüglich einige schöne Stücke von Jordanus, eine Magdalene von van Dyck, eine von Guido Rheni, ein schöner Johanniskopf von Rembrandt und mehrere andere Stücke, die ich nicht beurtheilen kann, gezeigt: ferner ein äußerst kostbar dekorirtes Zimmer mit seidenen, aufgelegten Tapeten, die mit viel Geschmack und Kunst gearbeitet sind, und ein Geschenk eines Supercargo von Canton an den Prinzen von Oranien seyn sollen; so auch noch einige, aus der Geschichte der Holländer, wichtige Stücke, z. B. der Geusenbecher, woraus sich die Verschworenen zutranken; eine hölzerne Kugel, worin jeder von ihnen einen Nagel einschlug; der Oraniensaal, ein Mausoleum der Gemahlinn Friedrich Heinrichs mit seiner Lebensgeschichte, von Jordanus gemahlt, ehemahls der Audienzsaal; eine von Ruyter aus Afrika gebrachte mit Gold und Silber belegte Kanone u. d. gl. mehr, aufbewahret und erhalten. Alles dieß wird als Eigenthum der Nation betrachtet und steht jetzt jedem, der ein Billet mit zwölf Stüvern löset, offen. Die Franzosen hatten mehrere von diesen Dingen in Beschlag genommen, behielten aber nur das Cabinett des Erbstatthalters und gaben wieder zurück, was der Nation gehörte. –

Eine zweyte, sehr interessante Promenade ist die nach Schevelingen, das eine gute Stunde vom Haag, hart am Strande der Nordsee liegt. Schevelingen ist ein bloßes Dorf, aber freylich ein Holländisches Dorf, das unsere kleinen Städte weit an Reinlichkeit und guter Bauart übertrifft, und größtentheils von Fischern bewohnt ist. Auf dem ganzen Wege dahin, der eine schöne Allee ist, begegneten uns eine Menge von Wagen mit Hunden bespannt, ein hier, so wie in den Niederlanden häufig gebrauchtes Fuhrwerk. Die Hunde scheinen eine Spielart von Jagdhunden und großen Schäferhunden zu seyn, werden zu drey, vier, ja achten angespannt, ziehen ordentlich in Seilen bedeutende Lasten von Fischen, Gemüse u. d. gl., und gewöhnlich sitzt der Führer noch mit auf dem kleinen Wagen. Auf diesen ebenen, gepflasterten Wegen geht es recht rasch, fast immer einen kleinen Trott, oder sehr starken Schritt. Die Schevelinger, die kein Futter für Vieh bauen können, musten freylich auf eine Weise dem Mangel an Zugvieh abhelfen, und dieß ging durch Thiere, die sie mit Fischen futtern können am besten. Wir waren kaum durch das Dorf und hatten eine mäßige Düne erstiegen, so lag die unermeßliche See zu unsern Füssen, am fernen Horizonte eine Menge von Schiffen, die man uns für Englische, hier kreuzende Kriegsschiffe ausgab.

HGA Den Haag

Der Strand selbst war hier bloßer Sand mit unzähligen Muscheln und Seeschalthieren bedeckt. Rechts und links hatte die Natur selbst auf dem Lande einen hohen Sanddamm durch und gegen ihre eigene Gewalt gebildet, um das zum Theil niedriger, als die See liegende Land zu schützen. Wir machten eine kleine Fahrt auf der Nordsee mit einem Fischerbothe, kehrten aber bald wieder ans Land zurück, weil die See zu hoch ging. Die Fischer waren jetzt, da die Engländer sie fischen ließen, und ihnen ihre Fische sehr theuer bezahlten, wohl zufrieden und versicherten, noch vor wenig Tagen bey Engländern an Bord gewesen zu seyn. -- Hart am Ufer liegt ein schönes Kaffehhaus, von dessen Balkon wir noch ein Mahl beym Frühstücke einer schönen Aussicht über die unermeßliche Ebene genossen.

Wir verließen den Haag ungern, da unser Aufenthalt in demselben so sehr angenehm war. Die Stadt selbst, deren Bevölkerung auf 40,000 Menschen, ohne die 12,000 Mann starke Französische und Holländische Garnison, angegeben wird, ist lachend, frey und schön gebauet, die Straßen sind gerade, breit und größtentheils mit Bäumen bepflanzt, welches in Holland, wo die Ausdünstung der Canäle schädlich ist, und die Gassen doch so breit sind, daß die Luft hindurchstreichen kann, gewiß sehr wohlthätig ist. Das Gewimmel in der Stadt ist lebhaft ohne beschwerlich zu seyn. Die Menschen sind freundlicher, gefälliger und artiger, als in den übrigen Holländischen Städten, weil der Hof, die verschiedenen Collegien, und der Umgang mit Fremden, die nicht gerade auch Handelsleute sind, einen andern Geist eingeführt haben. Man hört an der table d'hote dich andere Gespräche, als solche die den Handel zum Gegenstand haben.


HGA Den Haag


Das Französische kleine Schauspiel und das Holländische gewähren kleine Abwechselungen, obgleich wenig Unterhaltung. Die Gesellschaften sind gemischter, die Französische Sprache gewöhnlicher, und alles lebendiger, feiner. –

In den Buchläden fand ich mein Urtheil über Holländische Litteratur bestätigt; wenig neues, und fast nichts als Uebersetzungen Französischer und Deutsche Romane, theologische Schriften, Erbauungsbücher und theologische Streitschriften. Es ist überhaupt dem Holländer eigen, über theologische Gegenstände, viel zu lesen und zu sprechen; ich bin zuweilen erstaunt, in Gesellschaft oder an der Mittagstafel einen Streit über irgend einen theologischen Gegenstand so ausgeführt zu sehen, wie man es von diesen Männern, die nicht Theologen ex professo waren, nie hätte erwarten sollen, sie wanden sich unter schulgerechten Definitionen und feinen subtilen Distinctionen umher, wie auf einem Catheder. Die Freyheit in den Untersuchungen dieser Art, ist sonst durch das Verboth aller Schriften gegen die Religion, d. h. gegen die Dortrechtsche Synode, in der Provinz Holland, und durch die scharfe Censur aller theologischen Schriften sehr gehindert; und vielleicht liegt eben hierin der Grund des grössern Interesses für diesen Gegenstand. Sonst ist die Pressfreyheit freylich unbeschränkt, wenn man die Confiscationen der für gefährlich gehaltenen Schriften nicht als einen Eingriff in dieselbe ansehen will. Ein Censur-Collegium hat, so oft es vorgeschlagen ist, nie durchgehen können.

Unläugbar wird überhaupt in Holland Verhältnißmäßig weit weniger geschrieben und gedruckt, als in Deutschland, Frankreich und England; vielleicht keine 200 Bücher jährlich; die neuen Schriften werden mit vielen Lobe von den Buchhändlern in den politischen Journalen angekündigt, und daher können diese so ungeheure Pacht bezahlen, z. B. die Haarlemmer Zeitung 5000 Fl. jährlich. Die Schriftsteller müssen ihre Werke den Buchhändlern, die gewöhnlich auch Papierhändler sind, auf Discretion überlassen, und erhalten ein kleines Honorarium.

Den 31sten Junius verließen wir Haag, um über Delft nach Rotterdam zu gehen, wir hatten zu diesem Wege, von drey Stunden, einen ganzen Tag bestimmt, um uns in Delft länger verweilen zu können; denn so klein dieser Ort ist, so merkwürdig wird er theils durch einige interessante Monumente, wovon man uns schon allenthalben so viel Rühmens gemacht hatte, theils durch eine Fabrik von physikalischen, mathematischen und chirurgischen Instrumenten; Gegenstände, die ich Ihnen, mein Bester, umständlicher beschreiben muß.


Von Reisende..[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Caspar Heinrich Freiherr von Sierstorpff. [3]

[1803]

Abends fuhr ich beym schönen Herbstwetter und hellen Vollmonde von Delft nach dem Haag. Die am Canal stehenden Bäume, und jedes oft nur mit einem Lichtchen beleuchtete Häuschen oder Schiff, spiegelte sich in dem stillen Wasser, und erinnerte mich an irgend einen von Van der Neer gemalten Mondschein. Man muss hier eine solche nächtliche Wasserbeleuchtung gesehen haben, um in den sonst nicht gefälligen Bildern dieses Meisters den hohen Grad von Natur recht zu erkennen. Da es Nacht war, so konnte ich das auf diesem Wege des dort geschlossenen Friedens wegen berühmte Dorf Ryswik nicht sehen, bey welchem der alte Schiffer einige sehr treffende politische Bemerkungen machte. Abends 10 Uhr kam ich im Haag an, und suchte den andern Morgen meine Freunde und Bekannte auf.

HGA Den Haag

Da diese aber zum Theil auf ihren nahe liegenden Landhäusern, oder wie sie hier heissen, Aussenplätzen wohnten, so leitete mich mein Weg, nachdem ich einige der schönsten Strassen und Plätze gesehen hatte, an die Allee, welche nach dem vormals Fürstlichen Landschlosse, das Haus in Busch, führt. Der schöne, in mehren Reihen mit Ulmen bepflanzten Weg und das heitere Herbstwetter brachten mich bald zu dem Entschlusse, diesen Spaziergang von ungefähr dreyviertel Stunden sogleich vorzunehmen. Links des Weges sieht man den Exercirplatz, und rechts eine grosse Befriedigung, worin vieles Damwild gehalten wird, und kömmt bald darauf in den kleinen mit mehren geraden und schlangenförmig laufenden gesäuberten Wegen durchschnittenen Wald, das grösseste und mit den stärksten Bäumen besetzte Gehölz in ganz Holland, an dessen andern Ende das kleine Schloss liegt, wo vordem der Erbstatthalter einen Theil des Sommers zubrachte, und von dem jetzt das untere Geschoss und Garten an einen seine Gäste möglichst prellenden Gastwirth verpachtet, das obere Geschoss aber zum Museum der Republik bestimmt ist. Nach der von den Hochmögenden darauf gesetzten Taxe, öffnen hier 11 Stüber jedem Fremden die Thüren, und obgleich alles noch ganz im ersten Entstehen ist, und die hohen alliirten die besten Kunstwerke weggenommen haben; so sieht man dich hier einige sehr schöne Gemälde, die seitdem zusammengebracht und grösstentheils angekauft sind, und giebt dem sehr gefälligen Aufseher, der ein feiner Kenner Niederländischer Bilder zu seyn scheint, gern noch doppelt so viele Stüber für geleistete Conversation zu. Man sieht hier eine Sammlung Portraits von ausgezeichneten Officieren, die der damalige Erbstatthalter von dem berühmten Bildnissmaler Johann von Ravestein malen liess. Ein ganz vortreffliches Portrait des berühmten Admiral Ruyter, von Ferdinand Boll, und ein eben so schönes, des Admirals von Ness, von van der Helst, die beyden unglücklichen Gebrüder de Witt, wie ihre Leiber am Abend den 20sten August 1672 vom Volke zertheilt wurden, ein grausamschönes Bild von Jean Mieris. Ein schön gezeichneter und colorirter, aber ganz ekelhaft niederländisch-natürlich componirter Kindermord von Cornelius von Harlem, die Enthauptung Johannis von Rembrandt, eines seiner bessten Stücke sowohl im vortrefflichen Colorit und Helldunkel, als wegen eines sonst in seinen Werken ganz ungewöhnlichen, mehr veredelten Styls. Ein Stück von Venix mit einem todten Schwan und Haasen, ist das schönste Bild, das ich von ihm gesehen habe. Carl der II. und seine Schwester als Kinder von Vandyk ist ein sehr schönes und angenehmes Bild. In einem Zimmer sind das Platfond und mehre Gemälde von Lairesse, worin man richtige Zeichnung und edle Composition bewundern muss, obgleich ich im Ganzen doch kleinere Staffeleygemälde von ihm vorziehe. In einem andern Zimmer, worin einige Holländische Alterthümer aufbewahrt werden, hat Jacob de Witt drey Stücke gemalt, die halb erhabene Gipsfiguren so natürlich vorstellen, dass man sich ihnen sehr nähern muss, um von der Malerei überzeugt zu werden; man glaubt auf einigen erhabenen Stellen sogar Staub liegen zu sehen. Unter jenen sind einige Hausgeräthe der aus der Geschichte bekannten Gräfin Jacoba von Bayern, sammt ihrem Portrait mit dem Jahrszahl 1300. -- Eine hölzerne Kugel mit einem Stück einer Kette, die als Bundeszeichen zu den Zeiten der Margaretha von Parma gegen die Spanier im Jahre 1564 gedient, und worein jeder der Verbündeten einen Nagel geschlagen haben soll, deren wenigstens eine grosse Anzahl darinnen steckt, und der dabey gebrauchte Becher von rohem, noch mit der Rinde versehenem Birkenholze, welcher der Berkemeier heisst. Bey den in unseren Tagen erlebten convulsivisch-politischen Veränderungen, sind einem dergleichen Dinge aus den älteren Zeiten interessanter geworden, und deswegen habe ich sie in meinem Journal bemerkt. Mit besonderer Verehrung und einem wahren Nationalstolze zeigte der Aufseher hier auch den Degen und Commandostab des Admirals Ruyter, und gerieth dabey über den jetzigen Zustand seines Vaterlands in volle Bewegung. Alle Zimmer sind bis auf Eins nach ohne Meublen. Dies ist ein kleiner Saal, der mit ächten Chinesischen, erhaben gestickten Tapeten, und Tafelwerk von altem Lacke mit grossen Kosten geziert ist, und alles übertrifft, was man in dieser Art Schönes sehen kann.

Was mich aber hier am meisten interessirte, war der berühmte Saal, in welchem einige Niederländische Maler, als Lievens, van Thulden, und vor allen Jacob Jordaens, alle Wände und die Decke gemalt haben. Alte Gemälde stellen Scenen aus dem Leben Friedrich Heinrichs von Oranien vor, der dieses Schloss zu bauen angefangen hat. Das Hauptstück, eine Apotheose desselben, ist von Jacob Jordaens. Der Held wird von vier brausenden Pferden in einem Triumphwagen gezogen, wobey eine Menge Menschen, die Götter des Ruhms, Engel, Tod, und Alles in voller Bewegung ist, was die feurige Einbildungskraft des Malers nur immer zusammenbringen konnte. Es ist dem Maasse nach gewiss eins der grössten Gemälde in der Welt, und von oben bis unten voller Figuren in Lebensgrösse, so, dass man mit Mühe den Zusammenhang der Vorstellung heraus studiren muss. Jordaens scheint in diesem Stück ein ganz andrer Meister zu seyn, und man kann sich kaum vorstellen, dass er derselbe sey, wenn man nur seine gewöhnlichen, äusserst gemeinen Strassenphysionomie- und nur seine kurzen, wohlgenährten Silenen- und Bachantenfiguren kennt. Hier hat er ganz wie Rubens componirt, wenigstens eben so gut gezeichnet, und diesen im natürlichern Colorit bey weitem Grade brillant, feurig und doch natürlich wahr. Ich kenne gar kein Bild mit solchen prächtigen Farben; er scheint auf seiner nicht günstig beleuchteten Stelle doch wie in vollem Lichte hervor; und damit hält man ihm denn manches zu gut, das sonst neben einem grossen Italiener nicht wohl zu geniessen seyn möchte. Auch habe ich in den hiesigen Gemälden von van Thulden dieser Meister nicht gleich erkannt; sie scheinen alle recht gewetteifert, und jeder hier sich selbst übertroffen zu haben.

HGA Den Haag

Der Haag wird, wenn von Städten die Rede ist, gewöhnlich als ein Dorf angegeben, wenigstens hat der Haag nicht das Recht, so wie die übrigen 19 Städte der Provinz Holland, Deputirte zu der Staaten-Versammlung dieser Provinz zu schicken, und keine Festungswerke, die man fast um alle Holländische Städte sieht. Und obgleich es die ehemalige Residenz des Erbstatthalters war, und des ganzen Holländischen Gouvernements auch noch jetzt ist, und auf die Verschönerung allenthalben darin grosse Kosten angewendet sind; so hat man dabey doch gewissermassen immer das Freye und Ländliche eines Dorfs beybehalten, und mit dem Stadtmässigen zu vereinigen gesucht; und folglich ist dieses schöne und prächtige Dorf, denn jetzt als die Hauptstadt des ganzen Landes anzusehen, und sie zeichnet sich wegen ihrer höhern Lage, schönern Gebäuden, Strassen, Canälen und mehren grossen Plätzen vor den anderen Städten eben so sehr aus, als die Einwohner derselben von ihren übrigen Landsleuten, wovon die verschiedene Lebens- und Erwerbsart und die vielen sich hier aufhaltenden Fremden Ursach sind.

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Denn statt des in den andren Städten Hollands betriebenen grossen Handels, werden hier seit Jahrhunderten nur die Gouvernements- und politischen Geschäfte geführt, und da bey solchen auf eine ganz andere Weise negotiirt, intriguirt und angeführt wird, wie bey jenem, auch sich dazu eine ganz andre Menschen-Klasse zusammenzieht; so giebt das in allen Verhältnissen sehr merkbare Verschiedenheiten. Man lebte ehedem im Haag ganz, wie in andern grossen volkreichen Residenzstädten, sowohl in Hinsicht auf den ehemaligen sehr brillanten Hof, als auf die ersten Privathäuser. Es hatte der feinere gesellschaftliche Umgang und Ton sehr vieles mit dem in Brüssel gemein; und so habe ich auch in diesen beiden Orten diesmal den Unterschied zwischen ihrem vormalig glänzenden und jetzt sehr gesunkenen Zustande am auffallendsten gefunden. Indessen ist dies doch weit weniger hier, wie in Brüssel, auffallend, da im Haag, bis auf den Hof nach, Alles in seiner Verfassung geblieben, und hier doch noch die Hoffnung ruhiger und besserer Zeiten übrig ist.

HGA Den Haag

Dazu kömmt, dass hier einige fremde Minister angekommen sind, und dass man mehr Equipagen und Livréen sieht, welches den hiesigen Einwohnern schon wieder einigen Muth und frohe Hoffnungen gegeben hat. Der Haag hat im Ganzen etwas Freundliches und Heiteres, welches man in den andren Holländischen Städten unter den nur auf den Handel nachdenkenden Menschen in dem Grade vermischt; und obgleich die Häuser der Reichen hier nicht das hôtelmässige Ansehen, wie zum Beyspiel in Brüssel haben, und selbst die ehemalige weitläufige Residenz dem Aeussern nach mehr einem grossen Hospital, als einem Schlosse gleicht; so hat das Ganze doch ein grosses Ansehen, und wird durch die breiten Canälen und Bassins sehr verschönert. Die über die Canäle führenden leichten Brücken sind sauber angestrichen; das schöne Steinpflaster ist, wie alles, sehr reinlich gehalten, und allenthalben bemerkt man noch Wohlhabenheit, die in Brabantischen Städten jetzt zu fehlen scheint, und jeder zu verbergen sucht. Im Schlosse sind nur noch einige Zimmer, und zwar die vorzüglichsten, aus den vorigen Zeiten meublirt geblieben und diesen jetzt zu den feierlichen Audienzen; andere zu den verschiedenen Zusammenkunftsorten der Gesetzgeber und Stadträthe, oder wie sie sonst nach der Holländisch-Französischen Constitution jetzt heissen mögen. In dem Gebäude, wo vormals das Naturaliencabinet und die vortrefflichen Gemälde des Erbstatthalters waren, ist jetzt ein Clubb errichtet, in dem mir sehr freundschaftlich begegnet wurde, und wo ich ein Paar Abende angenehm zugebracht habe.

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So wie sich im Schlosshofe nur ein Fremder sehen lässt, so bietet jeder der ihm etwas zeigen kann, ihm seine zudringlichen Dienste an. Eine bey der Expedition am Helder eroberte Russische Fahne wurde mit dort als eine der grössten Seltenheiten angepriesen, und ich hatte dabey in dem grossen Vorsaale, wo die Staaten-Lotterie gezogen wird, und wo eine grosse Anzahl solcher Tropheen aus den alten Zeiten, vorzüglich aus den ehemaligen Insularkriegen aufgesteckt sind, zwischen der Aufseherin und einem eben nicht patriotisch gesinnten dicken Holländer, eine wahre heroische Weiberscene, in der dieser phlegmatisch behauptete, dass diese Fahne ein besoffener Russe liegen lassen, und dass sie von den Franzosen, damit auch hier so ein Ding stecken sollte, den Holländern abgegeben wäre, jene aber ihm darauf so entgegen kreischte, dass ich den Augenblick erwartete, wo sie ihn ins Gesicht fahren mögte. Hängt meinethalben euren Rock dahin, sagte jener, aber lasst jedem die Freiheit, das Ding für das zu halten, was es ist, und gieng weiter.


Ein schöner mit mehren Reihen alter Ulmen besetzter Weg von ungefähr einer halben Stunde lang, führt nach dem an Strande der See liegenden Dorf Schevelingen; an beyden Seiten desselben sind einige schöne Gärten und Landhäuser, auch mehre Wirths- und Kaffeehäuser, letztere vorzüglich im Dorfe selbst, das Sommers über sehr stark besucht wird. Es war gerade, als ich da war, ein so starker Sturm, dass man an der See kaum das Stehen behalten konnte. Man sah die über einander gethürmten Wellen aus der weiten Ferne herkommen, und brausend schäumend auf mehre hundert Schritte weit sich auf den abgeschrägten glatten Sandufer herauf rollen. Herzlich froh war ich, dies majestätische Schauspiel auf festem Boden anzusehen, und hatte dabey den Trost, auf der ganzen weiten See mit meinem kleinen Dollund kein Schiff zu entdecken.

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Einige wenige Fischerpinken waren hier absichtlich auf den Strand gelassen, um da die Gefahr sicherer abzuwarten; das war alles, was man von Schiffen erblickte. Der Wind von der Englischen Küste her ist hier die gefährlichste, und es müssen die Schiffe beym eintretenden Sturm gleich die offene See suchen, wenn sie nicht an der Holländischen Küste stranden wollen. Noch im vergangenen Jahre sollen bey Schevelingen ein reich beladenes Schiff aus Indien nebst zwey andren aus England, alle drey nach Amsterdam bestimmt, auf den Strand gelaufen, und nach zwey Stunden von den Wellen zerschlagen worden seyn, ohne dass davon auch nur ein Man hätte gerettet werden können. An der See herunter, auf ein Paar hundert Schritte von derselben, zieh sich eine Reihe, für die Gegend beträchtlich hoher nackter Sandhügel fast an der ganzen Holländischen Küste her, die wahrscheinlich dort Wellen und Wind zusammengehäuft haben. Sehr merklich setzt hier das feste Land von Zeit zu Zeit an, und, wie man behauptet, hat der von der See jetzt weit entfernte Kirchthurm des Dorfs vor nicht sehr langen Jahren, nahe am Gestade gestanden, und als Leuchtthurm gedient. Obgleich im Ganzen die See an diesen flachen Küsten zunimmt, wovon die bey ungewöhnlich niedriger Ebbe sich zeigenden Ruinen einer alten Römischen Festung bey Catwich, ungefähr eine Meile von Leiden zum Beweise dient. Uebrigens ist hier der Anblick der See, aber bei weiten nicht so interessant, als von den Italienischen Küsten; denn alles ist hier zu flach und kalt, die nackten sandigen Ufer sind einförmig, und es fehlt ganz das Malerische und Romantische, welches man an den, theils felsichten, theils reich mit Bäumen und Weinreben bewachsenen Seeufern jenes himmlischen Landes sieht, wo man beym ersten Anblick der majestätischen See wie von einem heiligen Schauer betroffen wird, den man hier in dem Grade nicht empfindet. Nachdem ich die Tage in Haag vergnügt, und den letzten noch auf einem nahen Landhause sehr angenehm zugebracht hatte, fuhr ich Abends nach Leyden.


Zeitungsnachrichten.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[1806]

Haag, 30. Sept. [4]

Ihre Maj. die Königin so wie der Kronprinz sind hier angekommen. Während der Abwesenheit der Königs, welcher übermorgen zur Armee geht, wird die Königin hier residiren. Diesen Morgen versammelte sich die Fußgarde des Königs mit Waffen und Bagage; schloß einen Kreis und hörte dann eine kön. Proklamation an, in welcher den Truppen die Pflicht vorgestellt wird, das Vaterland und die Gränzen zu vertheidigen, und wenn es die Umstände erforderten, selbst mit der großen Armee gegen den Feind zu kämpfen. Darauf schlugen die Garden die Strassen nach Leyden ein, und defilirten vor dem Pallaste von Busch, wo der König am Fenster stand, und mit einem mehrmahligen Vivat begrüßt wurde. Der General Dury, Commendant dieser Stadt, ist in mehrere Waisen- und andere Erziehungshäuser für arme Kinder gegangen. Man die Waffenfähigen Jünglinge aufgeschrieben und denen, die sich freiwillig zum Dienste anboten, Geschenke gemacht. In 2 bis 3 Tagen wird allhier die bewaffnete Bürgerwacht organisirt. Der König hat dieser Tage mehrere Casernen besucht, um zu sehen, ob in Wohnung und Nahrung für die Gesundheit gesorgt sey. Auch besah er die Stückgießerei und eine von Hr. Maritz zum Durchbohren der Kanonen erfundene Maschine. Dann giengen Se. Maj. nach Delft, um Revüe über die Chasseurs von der Garde zu halten. Der General Boekop ist Chef vom Generalstabe des Königs geworden und Daendels wird die 3te Division im Departemente Gröningen kommandiren.


Stadtplan.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


HGA Den Haag


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Dr. Johann Friedrich Droysen's Bemerkungen gesammelt auf einer Reise durch Holland und einen Theil Frankreichs im Sommer 1801. Göttingen bey Heinrich Dieterich. 1802.
  3. Bemerkungen auf einer Reise durch die Niederlande nach Paris im eilften Jahre der grossen Republik. 1804.
  4. Bamberger Zeitung Nro. 284. Samstag, 11. Oktober 1806.
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