Russisch-Kaiserlicher Hofbericht über die Einnahme der Insel Gothland.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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(Aus der St. Petersburger Hofzeitung vom 11ten Mai.)

Die Insel Gothland mußte bey den gegenwärtigen Umständen, da Rußland durch die vorhergegangnen, jederman bekannten Ereignisse zum Krieg gegen England und Schweden bewogen wurde, besondre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Lage derselben mitten im Baltischen Meere, ihre Nähe gegen die Mündungen des Finnischen und Bothnischen Meerbusens, die bequeme Lage der Häfen und Buchten derselben, alles dies gewährte große Vortheile, um ansehnliche See Rüstungen in derselben zu vereinigen und zu unterhalten. Diese Insel, in der Gewalt eines Feindes, besonders einer Seemacht, wie England, hätte daher derselben ansehnliche Vortheile zur Beunruhigung der Schiffahrt auf den anstoßenden Gewässern geben und ihr die vollkommene Herrschaft auf derselben verschaffen können.

Außer dieser Vortheilen ist Gothland, nach den Beschreibungen von derselben, eine Insel, die im Allgemeineu einen Überfluss an allen möglichen Bequemlichkeiten, und sogar an Reichthümern hat, welche nicht nur hinreichend sind zur Versorgung der Truppen mit allem Nöthigen, sondern auch zur Wiederherstellung der gesunkenen Industrie und des Handels derselben.

In Erwägung dessen wurde in dem Plan unsrer gegenwärtigen Kriegs-Operationen bestimmt, die Insel Gothland mit unsern Truppen zu besetzen. Die Ausführung dieser Expedition wurde, zufolge der Willensmeinung Sr. Kaiserl. Majestät, dem Contre-Admiral Bodisco übertragen, dem auch die hiezu nöthigen Truppen nebst der Artillerie unter seinem Commando anvertraut wurden.

Jetzt ist von dem erwähnten Contre-Admiral ein Bericht eingegangen, zufolge welchem er am 9ten dieses April-Monats a. St. aus dem Hafen zu Liebau zu dieser Expedition abgesegelt und den andern Tag um 3 Uhr Nachmittags bei der Insel Gothland angekommen ist. Er benutzte das neblichte Wetter, setzte die Truppen unverzüglich in der Bucht Schleswig auf dem südlichen Theil der Insel ans Land, und eilte, ohne sich im geringsten aufzuhalten, in forcirten Märschen nach der Hauptstadt der Insel, Wisby, die am entgegengesetzten Ufer lag, und 65 Werste von seinem Landungs-Orte entfernt war.

Die durch die plötzliche Erscheinung unsrer Truppen in Schrecken gesetzten Einwohner flohen anfangs überall; bald aber rottirten sie sich wieder zusammen und wollten sich zur Gegenwehr setzen; allein durch den freundschaftlichen Umgang des commandirenden Contre-Admirals und durch die sanften Ermahnungen und Zusicherungen, die er ihnen durch den Pastor machen ließ, wurden sie bald wieder beruhigt und begaben sich in ihre Wohnungen. Zwanzig Werste von der Stadt Wisby kam der Gouverneur derselben, Oberst Erik of Clid, dem Commandeur mit den Deputirten entgegen, welche erklärten, daß sie sich freiwillig ergäben und im Namen aller Einwohner sich dem Scepter des Kaisers von Rußland unterwürfen. Den 11ten rückten die Avantgarde in die Stadt ein, und den 12ten mit Tages Anbruch langte auch der commandirende Contre-Admiral mit den übrigen Truppen in der Stadt an, und erklärte sich, im Namen des Kaisers von ganz Rußland, zum Gouverneur der Insel Gothland.

Auf solche Art ist diese große Insel, die 33000 Einwohner hat, ohne Vergießen auch nur eines Tropfen Bluts, den Waffen Sr. Kaiserl. Majestät unterworfen worden.

In der Stadt sind genommen: eine Flagge und zwei Fahnen, die bereits hier eingesandt worden sind; ferner 1800 Tonnen Rogken, einige Kriegs Vorräthe, eine ansehnliche Quantität Pulver, mehrere Flinten und einige Kanonen. Zwei Lieutenants im Schwedischen Seedienst, die zu Gefangnen gemacht wurden, sind auf ihr Ehrenwort zu ihrem Vater, dem gewesenen Gouverneur Erik of Clid, entlassen.

Se. Kaiserl. Majestät haben die Nachricht von dieser neuen Eroberung mit besonderm Wohlfallen aufgenommen, und dem Contre-Admiral Bodisco den St. Annen-Orden von der ersten Classe, den Obersten Licharew und Schiwkewitsch, und dem Major Schefler angemessene Geschenke zu verleihen, den Lieutenant Mendel zum folgenden Rang zu erheben, und dem Seconde Lieutenant Brosin, sowol für diese That, als für seine schon vor diesem bei Einnahme des Forts Tenedos und in dem Treffen bei der Insel Lemnos unter dem Commando des Vice-Admirals Senäwin bewiesene Auszeichnung, den St. Wolodimir-Orden von der 4ten Classe mit der Schleife zu ertheilen, so auch die übrigen Officiers und der Mannschaft Ihr Allerhöchstes Wohlwollen zu erkennen zu geben geruhet."


Die Insel Gothland wird wieder von den Schweden besezt.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Außer einmal im 16ten Jahrhunderte von den Dänen, war bis zu unsern Zeiten die Insel Gothland nie von fremden Truppen besezt gewesen. Die Russische Occupation derselben hat aber nicht einen Monat gedauert. Welch eine Wichtigkeit die Regierung zu St. Petersburg in der jetzigen Kriegszeit auf den Besitz von Gothland sezte, erhellt aus ihrem obigen Hofbericht. Um so unangenehmer ist ihr die unerwartete Räumung derselben gewesen. In der Mitte des vorigen Monats erschien der Contre-Admiral Cederström mit einer von Carlscrona abgesegelten Escadre bei Gothland. Durch den abgesandten Major Julin ließ er den Contre-Admiral Bodisco zur Räumung der Insel auffordern. Das Vorgehen, daß die Schweden 9 Kriegsschiffe und 5000 Landungstruppen bei sich hätten, verbunden mit dem Mangel an getroffnen Vertheidigungs-Anstalten und mit dem zusammen rottirten Bauern auf Gothland, machten auf Bodisco einen so schnellen Eindruck, daß er sich, nach gehaltenem Kriegsrath, zur Räumung der Insel ohne alle Gegenwehr entschloß und am 19. Mai mit seinem kleinen Truppencorps wieder zu Liebau ankam. Die Folge davon ist gewesen, daß er nebst allen Officiers, die dem Kriegsrath mit beigewohnt, arretirt und vor eine Militär-Commission gestellt worden.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Jahrgang 1808.
  2. id.
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