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Die Landung und der Feldzug der Franzosen in Aegypten.Bearbeiten

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In zwei siegreichen Feldzügen hatte Bonaparte, Frankreich den Frieden auf dem Continente erkämpft. Es kam darauf an, ihn auch England abzuringen. Zu dem Ende war schon im October 1797 eine Armee von England decretirt, und Bonaparte zum Oberbefehlshaber derselben ernannt worden. In allen Häfen, von Antwerpen bis Brest und Rochefort, wurden die Rüstungen mit größtem Eifer betrieben; Soldaten und Matrosen übten sich im Landen, die Nation wurde zu freiwilligen Beiträgen, und sogar das brittische Volk durch eine Proclamation für Frankreichs gerechte Sache gegen die Regierung zu St. James aufgefordert. Bonaparte selbst bereis'te im Februar 1798 die Küsten des Canals, und täglich wurde die Erwartung höher gespannt, als plötzlich der Obergeneral in Toulon (am 8ten Mai 1798) erschien, wo ganz im Stillen und versteckt durch die lärmenden Anstalten im Canal ein Unternehmen vorbereitet worden war, das, wie man endlich sah, nichts geringeres bezweckte, als die Eroberung Aegyptens, um auf diesem Wege den englischen Handel in Ostindien zu vernichten. Bonaparte musterte die Truppen und erließ eine Adresse an dieselben, worin er, ohne ausdrücklich Aegypten zu nennen, ihnen versprach,

"daß nach der Rückkehr von der bevorstehenden Expedition ein Jeder von ihnen so viel Eigenthum besitzen solle, daß er sechs Morgen Landes sich kaufen könne."

"Vor zwei Jahren (so sprach er) übernahm ich das Commando über euch. Damals waret ihr an der Küste von Genua im schrecklichsten Elende, littet Mangel an Allem, selbst eure Uhren hattet ihr aufgeopfert zum wechselseitigen Beistande. Da versprach ich das Ende eurer Noth. Ich führet euch nach Italien -- und hier ward euch Alles gewährt. Soldaten, habe ich euch nicht Wort gehalten? Wohlan denn! sagt euch, daß ihr noch nicht genug gethan habt -- das aber auch das Vaterland für euch noch mehr thun muß!"

In einer zweiten Proclamation sagte er zu ihnen:

"Soldaten! ihr seyd ein Flügel der Armee von England; ihr habt in Bergen, auf Ebenen, bei Belagerungen gefochten; nur der Seekrieg ist euch noch übrig. Roms Legionen, die ihr zuweilen nachgeahmt, aber noch nicht erreicht habt, schlugen Carthago bald auf diesem Meere, bald auf den Ebenen von Zama. Der Sieg verließ sie nie, weil sie immer tapfer waren, ausharrend in den Beschwerden, disciplinirt und einig unter einander. -- Der Genius der Freiheit, der die Republik vom Augenblicke ihrer Erschaffung an zur Schiedsrichterin von Europa bestimmte, will, daß sie es auch von den Meeren sey, und von den entferntesten Gegenden der Erde!"

So im Allgemeinen von ihrer Bestimmung unterrichtet, schiffte sich die Mannschaft am 21sten Mai (1798) vor Toulon ein; 194 Segel faßten gegen 40,000 Mann, worunter wohl ein Paar tausend Gelehrte, Künstler, Aerzte und Chirurgen, Handwerker und Arbeiter aller Art sich befanden. Der Kern der Truppen war jene italiäsche Armee, welche den Frieden von Campo Formio eroberte, und unter den Anführern derselben alle jene Generale, die sie so oft zum Siege geführt hatten, als Berthier, Desaix, Reynier, Bon, Menou, Kleber, Dugua, Dumas, Daumartin Cafarelli, Vial, Murat, Junot, Marmont, Rampon, Belliard, Lanasse, Davoust, Damas, Andreossy, Leclerc, Muireur, Lannes, Friand, Fugières, Verdier, Zayoncheck, Vaux, Duroc, Louis Bonaparte, Croisier, Sulkowsky, Julien, Eugen Beauharnais und Merlin. Elf Linienschiffe, zwei alte Funfziger und sechs Fregatten dienten zur Bedeckung der Transportflotte, die auf dem Wege noch vermehrt wurde. Das Kriegsschiff Orient trug den Obergeneral *). In Sicilien versah sich die Flotte mit Wasser, über deren wahre Bestimmung immer noch dunkle Gerüchte liefen.


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Am 9ten Juni erschien sie vor Malta; Bonaparte ließ den Großmeister Hompesch um die Erlaubniß ersuchen, in verschiedenen Ankerplätzen der Insel frisches Wasser einnehmen zu dürfen. Die erfolgte Verweigerung entschied Malta's Schicksal. Am andern Morgen waren die Franzosen auf allen Punkten der Insel gelandet, und am Abend, ungeachtet einer lebhaften Kanonade, Meister derselben. Die Stadt und Festung Malta ward von allen Seiten eingeschlossen, schon war das Belagerungsgeschütz ausgeschifft, als der Großmeister einen Waffenstillstand verlangte. Er wurde auf 24 Stunden gewährt, unter der Bedingung, daß die Präliminarien zur Capitulation des Platzes eröffnet würden; dies war am 12ten Juni früh, und in der Nacht desselben Tages wurde die Insel mit ihren unüberwindlichen Festungen den Franzosen übergeben, welche eine Besatzung von 4000 Mann darin zurückließen. Nun begann die Fahrt nach Aegypten selbst; am 17ten Juni lichtete man vor Malta die Segel und steuerte auf Alexandrien zu. Bonaparte aber erließ aus seinem Hauptquartier am Bord des Orient eine Proclamation an seine Armee, worin er sagte:

"Soldaten! ihr geht einem Unternehmen entgegen, dessen Folgen auf die Civilisation und den Handel der Welt nicht zu berechnen sind. Ihr werdet England dadurch am sichersten und empfindlichsten verwunden, bis ihr ihm den Todesstreich versetzen könnt. Wir werden einige beschwerliche Märsche machen, mehrere Schlachten liefern, aber alles wird uns gelingen, denn das Schicksal ist für uns! Die Mammelucken-Beys, welche ausschließlich den englischen Handel begünstigen, unsere Kaufleute und Unterhändler beschimpfen, die unglücklichen Bewohner am Nil tyrannisiren, werden wenige Tage nach unserer Ankunft nicht mehr seyn! Die Völker, mit denen wir umgehen wollen, sind Mahomedaner; ihr erster Glaubensartikel lautet: "es gibt nur Einen Gott und Mahomed ist sein Prophet!" laßt ihnen ihren Glauben! vertragt euch mit ihnen, wie mit den Juden und Italiänern ihr euch vertragt; achtet ihre Mufti's und Imans, wie ihr die Rabbiner und Bischöfe achtet, und betrachtet die Gebräuche, die der Coran für die Moscheen befiehlt, mit derselben Toleranz, wie ihr die der Klöster und Synagogen, wie ihr die mosaische Religion und die von Jesus Christus betrachtet. Die römischen Legionen beschützten alle Religionen. ihr werdet dort ganz andere Sitten und Gewohnheiten finden, als in Europa! ihr müßt euch darin finden lernen. Die Völker, die wir besuchen wollen, behandeln die Weiber anders als wir; aber wer sie schändet, ist bei ihnen, wie überall, ein Unmensch! Plünderung bereichert nur wenige; dagegen entehrt sie uns, vernichtet unsere Hülfsquellen, und macht uns die Völker zu Feinden, deren Freundschaft in unser Interesse gehört. Die erste Stadt, wohin wir kommen werden, ward von Alexander erbaut. Bei jedem Schritte werden wir Denkmäler der Größe finden, welche die Nacheiferung der Franzosen anfeuern müssen!"

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Nelson Nil.

Am 1sten Juli kamen die Franzosen von Alexandrien an, wo Tags vorher schon der englische Admiral Nelson gewesen war, welcher die französische Flotte vergebens vor Toulon, Neapel und Sicilien gesucht hatte, und nun, da er sie auch nicht hier fand, nach Cypern gesegelt war. Eine Windstille hatte ihn 24 Stunden lang aufgehalten, sonst konnte das Resultat der Schlacht von Abukir vielleicht schon damals Statt haben. Die Besorgniß, daß Nelson schnell zurückkehren möchte, ließ den Obergeneral die Ausschiffung der Truppen beschleunigen. Sie geschah am 2ten Juli vier Stunden von Alexandrien beim sogenannten Araber-Thurme, in aller Ruhe, ungeachtet Wind und Wellen nicht sehr günstig dazu waren. Bloß einige Türken zu Pferde beobachteten von der Seite die fremde Erscheinung. Am folgenden Tage um zwölf Uhr standen Bonaparte, Kleber, Menou, Bon, Cafarelli und Daumartin mit 5000 Mann vor der alten, mit einigen Thürmen versehenen Mauer von Alexandrien; einige Kanonenkugeln bahnten ihnen den Eingang, der Sturm begann nach fruchtlosen Unterhandlungen, und Alexandrien ward genommen. Der größte Theil der Besatzung ward niedergemacht, Menou und Kleber erhielten Wunden, Bonaparte sendete Briefe und beruhigende Proclamationen in französischer und arabischer Sprache an die Bey's und das Volk. Unterdessen nahm General Marmont Rosette, und am 6ten Juli ging die ganze Flotte auf der Rhede von Abukir vor Anker.

SectieSchlachtPyramiden

Schlacht bei den Pyramiden.

In Alexandrien, Rosette und Abukir blieben Besatzungen, und nun marschirte die Armee, 30,000 Mann stark in fünf Colonnen gerade auf Aegyptens Hauptstadt, Cairo (Cahira) los. Dieser Marsch geschah unter beständigem Manoeuvriren in Quarré's, und in beständigem Scharmuziren mit den Arabern und Mammelucken. Nicht weit von Cairo, nahe bei den Pyramiden von Gizeh, kam es jedoch zu einem sehr ernsthaften Gefechte. Dort stand Murat Bey mit etwa 6000 Mann Cavallerie und einigen tausend Mann Infanterie mit 38 Kanonen, welche in einem verschanzten Lager sich befanden. "Wie Kürbisse will ich diese Hunde zerschneiden!" rief der Bey, und machte einen wüthenden Angriff; doch das wohlangebrachte Feuer der Franzosen und die Entschlossenheit, mit der sie ihre Bayonette zu gebrauchen wußten, vereitelte alle wiederholten Versuche der Mammelucken, welche, nachdem sogar ihr Lager und das Dorf Embabay mit Sturm erobert worden war, in die angränzende Wüste entflohen. Alle Kanonen und 400 Kameele wurden erbeutet, und Cairo am 22sten Juli den Franzosen übergeben, nachdem Ibrahim Bey, der die Hauptstadt decken sollte, nach dem unglücklichen Ausgange der Schlacht der Pyramiden, über die Wüste nach Ober-Aegypten sich zurückgezogen hatte, wohin ihn General Desaix verfolgte. So glücklich Bonaparte bisher zu Lande gewesen, so schnell ihm die Eroberung Aegyptens, die mit Cairo's Einnahme als vollendet betrachtet werden konnte, gelungen war; so vernichtete doch ein einziger Tag in seinen großen Folgen für die Zukunft alle Früchte dieser Unternehmung. Nelson war mit seiner vierzehn Linienschiffen starken Flotte zum zweiten Mal an Aegyptens Küste erschienen, und hatte am 1sten August (1798) den bei Abukir stationirten Feind vernichtet (vergl. Abukir.). Erst am 18ten August segelte er wieder ab, und ließ nur einige Schiffe zur Blokade des Hafens vor Alexandrien zurück. Bonaparte, der die Nachricht von der Niederlage in Cairo erhielt, sah mit einem Male seine Communication mit Frankreich und ganz Europa bedroht, er stand fast isolirt in dem fremden Lande, im Auge den größten aller Feinde, den Mangel. Hatte er bisher für einen Freund der Pforte gegolten, so stieg seine mißliche Lage um so höher, als diese jetzt den alten Bund zerriß, und erbittert über die Verwandlung des schönen Aegyptens in eine französischen Provinz, am 12ten September (1798) förmlich den Krieg an Frankreich erklärte, und von Asien aus mit einem Angriffe drohte. Doch er fuhr fort, seinen Plan zu verfolgen, indem er ihn zugleich der neuen Gestalt der Umgebungen anpaßte. In Cairo, wo die Einwohner sich empört und viele Franzosen, besonders Gelehrte, Künstler und Handwerker ermordet hatten, so daß am 23sten und 25sten September förmliche Gefechte in der Stadt geliefert worden waren, bis nach einem großen Blutbade die in die große Moschee geflüchteten Empörer sich auf Discretion ergeben mußten, stellte er die Ruhe wieder her. Die Stadt war mit Forts umgeben, die ehemalige Citadelle ausgebessert, und die alte Janitscharenstadt befestigt, um das Volk desto eher im Zaume halten zu können *). Nachdem Bonaparte Aegypten eine Organisation nach französischen Grundsätzen gegeben hatte, drang er bis Suez vor, und um einem Anfalle der Türken, die in Syrien sich sammeln begannen, zuvorzukommen, marschirte er (am 27sten Februar 1799) mit etwa 15 bis 18,000 Mann aus Cairo in drei Colonnen mit den Generalen Reynier, Bon, Lannes, Lambert, Kleber und Murat dahin ab. El-Arisch, ein Fort mitten in der Wüste, an der äußersten Gränze zwischen Afrika und Asien, wurde nach einem hartnäckigen Kampfe mit den Mammelucken und Arnauten genommen, vergrößert und mit Artillerie und Soldaten besetzt. Jaffa ward mit Sturm genommen, und ungeachtet der zahllosen Schwierigkeiten, der mancherlei Krankheiten, die einrissen, und der ungünstigen Jahreszeit, trotz aller Hindernisse, welche die englischen Schiffe längs der Küste veranlaßten, machte die Armee doch die glänzendsten Fortschritte. Die Naplosiner, ein Volk in den Gebirgen Napolos, stellten sich ihr unweit Zeta in den Defileen entgegen, mußten jedoch weichen, und Caista am Fuße des Carmels dem Sieger überlassen. Diese Eroberung war wichtig wegen der großen Magazine, die sich dort befanden. So drang die französische Armee über Palästina bis St. Jean-d'Acre vor, dessen Belagerung sie unternahm, nachdem die nächsten Umgebungen der Stadt von den Feinden gereinigt und die feindlichen Magazine zu Saffet, Nazareth und Schessang in Beschlag genommen worden waren. Außer mehrern unbedeutenden Gefechten mit den Einwohnern, und selbst mit englischen Schaluppen, welche die Franzosen von der Seeseite beunruhigten, fiel auch am Berge Tabor ein Gefecht vor, worin die General Kleber und Murat bei Jafet und Jaffa die Oberhand behielten. Unterdessen aber war es den Engländern, die auf den Fregatten Theseus und Tiger unter Sir Sidney Smith vor St. Jean-d'Acre angekommen waren, gelungen, die türkische Besatzung dieses Platzes durch einige hundert Mann Soldaten und Artilleristen zu verstärken und Munition herbeizuführen. Dadurch ward es möglich, daß die Türken zehr Stürme abschlagen, und trotz des heftigsten Feuers aus den französischen Batterien sich so lange halten konnten, bis Bonaparte sich gezwungen sah, die Belagerung aufzuheben und nach Aegypten zurückzukehren, wohin eine türkische Flotte unter Weges war. Er sah seinen Zweck wenigstens so weit erreicht, daß er auf eine lange Zeit vor jedem Anfalle von Asien her sich sicher gestellt hatte. Ein längerer Aufenthalt in Syrien konnte außerdem bei den pestartigen Krankheiten, welche in seiner eigenen Armee wütheten und gegen 1000 Mann schon aufgerieben hatten, nur von dem größten Nachtheile seyn. Bonaparte entschloß sich daher schnell zum Abzuge. Unter beständigem Feuer von beiden Theilen wurden in der Nacht vom 20sten auf den 21sten May (1799) die Verwundeten, die Kranken und die Artillerie nach Cantoura gebracht, unter Bedeckung mehrerer Bataillone; die Avantgarde der Armee verbrannte die Magazine von Tabaria, und nahm eine Stellung, um die eigentlichen Bewegungen zu verbergen. Als die Artillerie fortgebracht, alles überflüssige Gepäck aber ins Meer geworfen, und Alles zu Abmarsche bereit war, ließ der Obergeneral den Generalmarsch schlagen, und am 21sten Mai Abends neun Uhr brach die Armee auf. Eine Proclamation machte sie mit den Gründen bekannt. Ein Drittel von ihr blieb als Opfer des Krieges und der Pest zurück, mehrere hunderte, die an dem letzten Uebel darnieder lagen, ließ der Obergeneral, um sich ihrer zu entledigen, mit unerhörter Grausamkeit vergiften. Nach einem mühseligen Marsche von 26 Tagen kam das Herr wieder in Cairo an. Doch seine Ruhe war nur von kurzer Dauer. Eine türkische Flotte landete in der Bucht von Abukir 18,000 Mann; diese nahmen das Fort daselbst. Schnell marschirte Bonaparte mit seinen besten Truppen dahin, stellte sich bei dem Brunnen zwischen Alexandrien und Abukir, und lieferte am 26sten Juli den Türken eine große Schlacht. Mustapha Pascha ward nebst seinem ganzen Gefolge und sämmtlicher Artillerie gefangen gemacht; 2000 Türken ertranken im Meere, und der Rest der türkischen Armee, der in das Fort Abukir sich geworfen hatte, mußte nach einem zehntägigen Bombardement auf Discretion sich ergeben.


PanoramaAboukirEgijpte1799


Bonaparte's Herrschaft in Aegypten war aufs neue befestigt. Da erschien plötzlich eine Proclamation von ihm an seine Armee, worin er sagte:

"Erhaltene Nachrichten aus Europa bestimmen mich, nach Frankreich zurückzugehen. Das Commando überlasse ich dem General Kleber, er hat das Vertrauen der Regierung und das meinige."

Aber als dieser Abschied der Armee bekannt wurde, hatte Bonaparte's Fregatte bereits die Anker gelichtet. Am 26sten August verließ er Abukir, schiffte glücklich durch seine Feinde hin, traf am 15ten October in Frejus ein, und begab sich nach Paris, wo er den berühmten 18ten Brumaire (den 9ten November 1799) herbeiführte *). Für ihn war die Expedition geendigt, doch nicht für die dort zurückgelassene Armee, welche jetzt unter Kleber's Oberbefehl stand, und deren Lage täglich bedenklicher wurde. Eine neue Landung der Türken im November 1799 wurde vom General Verdier zwar glücklich abgeschlagen, aber auch der kleinste Verlust war für eine Armee, die nicht recrutirt werden konnte, sehr empfindlich. Die Nachrichten aus Europa waren nicht ermunternd, die Generale sahen nicht viel Ruhm vor sich, die Soldaten wenig Genuß, und so mochten manche Betrachtung mitwirken, als Kleber, auf die Nachricht, daß der Großvezier mit vielem Volke aus Syrien nach Aegypten im Anzuge sey, am 24sten Januar 1800 die bekannte Convention von El-Arisch mit dem Großvezier und Sidney Smith abschloß, durch welche den Franzosen ein Waffenstillstand von drei Monaten bis zu der Ratification des Vertrags zugestanden wurde, worauf sie nach einem Monate Cairo und Alexandrien räumen, und nach Frankreich zurückkehren sollten. Aber des Generals Kleber Brief an das französische Directorium, worin er, unter der ergreifendsten Schilderung von der peinlichen Lage der Armee, auf die Ratification des Tractats antrug, fiel dem englischen Admiral Keith in die Hände, und kam nach London. Dort verweigerte man dit Ratification, und verlangte: die ganze französische Armee solle sich kriegsgefangen ergeben.

SectieErmordungGeneralsKleber

Ermordung des Generals Kleber.

Da ergriff Kleber noch ein Mal den Degen und schlug am 20sten März den Großvezier bei Heliopolis, eroberte Cairo und Aegypten aufs neue, trieb Steuern bei zur Bezahlung des Soldes, formirte neue Regimenter aus Copten und Griechen, sicherte die Küsten und legte Magazine an. Aber mitten in dieser Thätigkeit ward er am 14ten Juni in Cairo von einem Türken ermordet, und das Obercommando kam an Abdallah Menou. Unterdessen hatte man in London mehr als je die Wichtigkeit des Besitzes von Aegypten eingesehen, und beschlossen, mit aller Kraft der Pforte und seinem eigenen Handelsinteresse dieses Land wieder zu erobern. Im Einverständnisse mit der Türkei wurden unter dem Admiral Abercromby 17,000 Mann Landtruppen im December 1800 eingeschifft; nach dem Cap und nach Ostindien gingen Befehle, Schiffe und Landtruppen ins rothe Meer abzusenden, und in Constantinopel betrieb der englische Gesandte die Beschleunigung der Ausrüstung einer Flotte, und den Befehl an den Großvezier, der mit einer zahlreichen Armee in Syrien stand, nach Aegypten vorzurücken. Da dieser aber nicht eher sich in Marsch setzen wollte, bis die Engländer wirklich gelandet wären, so verflossen darüber zwei Monate, während welcher die englische Flotte an der asiatischen Küste harrte. Am 1sten März endlich erschien sie vor Alexandrien, und am 12ten März war die Landung bei Abukir vollendet; die Franzosen, etwa 4000 Mann stark, griffen am folgenden Tage zwar an, mußten sich aber zurückziehen; am 18ten März ergab sich Abukir, und die Engländer verschanzten sich. Am 21sten März griff General Menou mit 10,000 Mann an und wurde geschlagen; aber auch der englische General Abercromby wurde tödlich verwundet, und starb am 28sten März; französischer Seits blieb der General Lanusse. Hutchinson übernahm das Commando der englischen Armee. Aegypten war für die Franzosen nach dieser Schlacht verloren, hätten die Engländer ihren Vortheil verstanden; doch unthätig blieben sie in ihren Verschanzungen, so wie die Franzosen ihnen gegenüber bei Alexandrien stehen. Am 29sten März brachte eine türkische Flotte 7000 Mann Verstärkung, und nun näherte sich auch der Großvezier von Syrien her. Am 19ten April ergab sich Rosette an die vereinigten Engländer und Türken; ein französisches Corps von 4000 Mann wurde von 8000 Engländern und 6000 Türken bei Ramanieh geschlagen; 5000 Mann Franzosen wurden von dem Großvezier, der mit 20,000 Mann auf Cairo anrückte, am 16ten Mai bei Elmenayer zurückgeworfen, und die ganze französische Armee auf Cairo beschränkt. Am 20sten Juni fing die förmliche Belagerung der Stadt an; 7000 Mann sollten diesen unermeßlichen Ort gegen etwa 40,000 Angreifende vertheidigen. Man that, was man konnte, sich zu sichern. General Belliard ließ die angesehensten Einwohner in die Citadelle sperren, Kanonen gegen die Stadt richten, und bei der ersten Miene des Aufruhrs mit gänzlicher Verwüstung drohen. Die Festungswerke wurden verbessert, und alle andern Vertheidigungsanstalten eifrigst betrieben. Aber immer war es mehr um eine ehrenvolle Capitulation, als um die wirkliche Vertheidigung zu thun, denn die Lebensmittel waren nicht im Ueberflusse vorhanden, und die Pest wüthete immer noch fort. Und so ward denn auch Cairo am 27sten Juni durch Capitulation den Engländern und Türken übergeben; der General Belliard sollte mit den unter seinem Commando stehenden Truppen Stadt und Land räumen, und auf englische Kosten nach Frankreich abgeführt werden, eingebornen Aegyptiern auch erlaubt seyn, ihn zu begleiten. Am 17ten August wurden sie zu Rosette eingeschifft, und kamen im September 1801, etwa 13,000 Mann stark, worunter aber kaum 4000 Bewaffnete waren, zu Toulon an. Noch war General Menou in Alexandrien, das er seit dem 21sten März nicht verlassen hatte, da er noch immer auf Hülfe aus Europa hoffte. Auch war in der That Admiral Gantheaume mit mehrern Linienschiffen und 3 bis 4000 Mann Landtruppen aus Frankreich abgesegelt; doch der Weg durch die Wüste Barka von der afrikanischen Küste aus schien zu gefährlich, er lief daher bis auf die Höhe vor Alexandrien, mußte aber mit einem Verluste von vier Corvetten nach Toulon zurückeilen. Dagegen hatten die Engländer 5000 Mann frischer Truppen aus England erhalten, und rückten nun auf Alexandrien los. Schon war das Castell Marabout in ihrer Gewalt, als Menou einen Waffenstillstand verlangte, wozu vorzüglich der drückendste Mangel an Lebensmitteln ihn veranlaßte. Dies war am 27sten August und am 2ten September ward die Capitulation unterzeichnet, deren Bedingungen härter waren als jener von Cairo, besonders da während der Unterhandlungen eine englische Escadre unter Sir Home Popham mit Truppen, und General Baird aus Ostindien noch mit 6000 Mann gelandet waren. Alexandrien, nebst Artillerie und Munition, sechs französische Kriegsschiffe und eine große Menge Kauffahrteischiffe mußten den alliirten Mächten, den Generalen derselben alle arabischen Handschriften, alle Karten von Aegypten, und andere für die französische Republik gemachten Sammlungen übergeben werden; die französische Armee behielt jedoch ihre Waffen und Gepäck, war nicht kriegsgefangen und wurde nach einem französischen Hafen geführt; zu Ende Novembers war sie in Frankreich. Die Garnison von Alexandrien war über 8000 Soldaten und 1300 Matrosen stark gewesen. Drei Jahre sechs Monate waren seit der ersten Einschiffung zu Toulon verflossen. Dies war das Ende der Unternehmung, welches in einen Zeitpunkt fiel, wo Aegypten, in Frankreichs Gewalt, ein schweres Gewicht in der Wagschale gewesen seyn würde; denn eben damals wurden die lebhaftesten Unterhandlungen gepflogen, deren Resultat, vier Wochen nach dem gänzlichen Verluste Aegyptens, der Frieden von Amiens war (1ste October 1801). Wie ganz anders wäre vielleicht damals der Gang der Dinge gewesen, konnte Frankreich Aegyptens Räumung freiwillig darbieten? Wenn aber auch der politische Zweck dieser Unternehmung verloren ging; so hatte sie doch für die Wissenschaften, und namentlich für die Alterthumskunde, Geschichte und Geographie bleibende und höchst wichtige Resultate, von denen wir nicht ganz schweigen dürfen.


Le Mémorial de Sainte-Hélène.Bearbeiten

[2]
Durch die Memoiren über den Feldzug von Egypten dürften eine Menge Vorstellungen berichtigt werden, die damals für einen Theil der Gesellschaft nur auf Muthmaßungen beruhten, und zu weitern Erörterungen Veranlassung gaben.

1. Der Feldzug nach Egypten wurde mit vollkommener beiderseitiger Uebereinstimmung sowohl des Directoriums als des Obergenerals unternommen.
2. Man verdanke die Einnahme von Malta durchaus keinem besondern Einverständniß; sondern blos der Weisheit des Obergenerals. Ich habe Malta in Mantua erobert, sagte der Kaiser eines Tags zu uns; ich verdanke der großmüthigen Behandlung Wurmsers die Unterwerfung des Großmeisters und seiner Ritter."
3. Die Erwerbung Egyptens wurde mit ebenso vieler Beurtheilung berechnet, als mit Geschicklichkeit ausgeführt. Wäre Saint-Jean-d'Acre erobert worden, so war damit eine große Revolution im Orient gegeben; der Obergeneral errichtete daselbst ein großes Reich, und Frankreichs Geschick blieb andern Lenkungen überlassen.
4. Die französische Armee hatte bei ihrer Rückkehr aus dem syrischen Feldzug nur einen unbedeutenden Verlust erlitten; sie befand sich in der Achtung gebietendsten und glücklichsten Lage.
5. Die Abreise des Obergenerals nach Frankreich war das Resultat des großherzigsten erhabensten Planes. Man kann den Stumpfsinn derer nur belachen, welche diese Abreise als eine Entweichung oder Desertion ansehen.
6. Kleber fiel als ein Opfer des muselmännischen Fanatismus. Die ungereimte Verläumdung, welche diese Catastrophe der Politik seines Vorgängers, oder den Intriken seines Nachfolgers zuschrieb, läßt sich durchaus auf keine Art auch nur scheinbar darstellen.
7. Endlich, ist es beinahe ausgemacht, daß Egypten beständig eine französische Provinz geblieben seyn würde wenn jeder andere General, als Menou, ihre Vertheidigung geleitet hätte; blos die groben Fehler des leztern konnten den Verlust dieser Provinz herbeiführen, u. s. w. u. s. w.


Quellen.Bearbeiten

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Denkwürdigkeiten von Sanct-Helena, oder Tagebuch, in welchem alles, was Napoleon in einem Zeitraume von achtzehn Monaten gesprochen und gethan hat, Tag für Tag aufgezeichnet ist. Von dem Grafen von Las Cases. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Gotta'schen Buchhandlung. 1823.


Literatur.Bearbeiten


  • Buonaparte'ns, Obergenerals der orientalischen Armee und Mitglied des National-Instituts, eigenes merkwürdiges Tagebuch während des Feldzuges in Egypten und Syrien, welches er dem Directorio bei seiner ersten Audienz übergeben. Nach der französischen Handschrift auszugsweise übersetzt. 1799.
  • AmtsBericht des Generals Berthier über Buonaparte's Feldzug in Syrien, vom Anfang des Febr. bis in die Mitte des Jun. 1799. Europäische Annalen Jahrgang 1799 Dritter Band.
  • Geschichte der französischen Expedition in Ägypten von Martin, Ingenieur des königlichen Corps für Brücken- und Strassenbau, Mitglied der Commission der Wissenschaften un Künste in Ägypten, und Mitarbeiter der Beschreibung dieses Landes. Herausgegeben auf Befehl der französischen Regierung.
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