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Nachrichten von der großen Armee.

Fünftes Bulletin.Bearbeiten

Wilna, den 6ten Jul. [1]

Die russische Armee war zu Anfange der Feindseligkeiten folgendermaßen aufgestellt und organisirte:

Das erste von dem Fürsten von Wittgenstein commandirte Corps, aus der 5ten und 14ten Infanterie- und einer Division Cavallerie bestehend, welche in allem mit Inbegriff der Artillerie und den Sappeurs 18,000 Mann ausmachten, befanden sich lange Zeit zu Chawli. Es hielt seitdem Rosienie besetzt und stand am 24sten Juni zu Keydany.
Das 2te von dem General Baggawut commandirte, aus der 4ten und 17ten Infanterie- und einer Cavalleriedivision bestehende Corps von der nämlichen Stärke, hielt Kowno besetzt.
Das 3te von dem General Schomoaloff commandirte, aus der ersten Grenadier-, einer Infanterie- und einer Cavalleriedivision bestehende Corps, 24,000 Mann stark, hatte Nov. Troki besetzt.
Das 4te von dem General Tutschkoff commandirte, aus der 11ten und 23sten Infanterie- und einer Cavalleriedivision bestehend, 18,000 Mann stark, stand von Nov-Troki bis Lida.
Die kaiserl. Garde befand sich zu Wilna.
Das 6te von dem General Doctorow commandirte, aus 2 Infanteriedivisionen und einer Cavalleriedivision bestehende Corps, 18,000 Mann stark, hatte einen Theil der Armee des Fürsten Bagration ausgemacht. In der Mitte des Juni traf dasselbe, aus Volhynien kommend, zu Lida ein, um die erste Armee zu verstärken. Dieses Corps befand sich zu Ende Juni zwischen Lida und Grodno.
Das 5te aus der 2ten Grenadier-, der 12ten, 18ten und 26sten Infanteriedivision und 2 Cavalleriedivisionen bestehende Corps, stand am 30sten zu Wolkowisk. Der Fürst Bagration commandirte dieses Corps, welches ungefähr 40,000 Mann betragen konnte.
Die 9te und 15te Infanterie- und eine Cavalleriedivision endlich, von dem General Markow befehligt, befanden sich tief in Volhynien.

Der Uebergang über die Vilia, welcher am 25sten Juli statt hatte, und der Marsch des Herzogs von Reggio auf Janow und Chatui nöthigte das Wittgensteinsche Corps nach Wilkomirz und auf den linken Flügel zu marschiren, und das Corps des Generals Baggawut über Muchnicki und Gedroitse Dünaburg zu gewinnen. Diese beyden Corps befanden sich also von Wilna abgeschnitten.

Das 3te und 4te Corps und die russisch-kaiserl. Garde marschirten von Wilna über Nementschin, Swienciany und Widzy. Der König von Neapel trieb sie lebhaft über die beyden Ufer der Vilia zurück. Das 10te polnische Husarenregiment, das sich an der Spitze der Colonne der Division des Grafen Sebastiani befand, stieß bey Lebowo auf ein Regiment Cosaken, welches den Rückzug der Arrieregarde deckte, und jagte dasselbe vor sich her, tödtete ihm 9 Mann und machte ein Dutzend Gefangene. Die polnischen Truppen, welche bis jetzt angegriffen hatten, haben eine seltene Entschlossenheit gezeigt. Enthusiasmus und Leidenschaft beseelt sie.

Am 3ten Juli begab sich der König von Neapel nach Swienciany und erreichte die Arrieregarde des Baron von Tolly. Er gab dem General Montbrun Befehl sie anzugreifen, allein die Russen warteten den Angriff nicht ab und zogen sich in solcher Eile zurück, daß eine Escadron Uhlanen, welche von einer Recognoscirung, die sie in die Gegend von Mikailitschki gemacht hatten, in unsere Posten fiel. Sie wurden von dem 12ten Chasseurregimente angegriffen und gänzlich gefangen oder getödtet; 60 Mann wurden mit ihren Pferden genommen. Die Polen, die sich unter diesen Gefangenen befanden, verlangten Dienste zu nehmen, und traten ganz beritten in die Glieder der polnischen Truppen ein.

Am 4ten mit Tagesanbruch zog der König von Neapel zu Swienciany ein; der Marschall Herzog von Elchingen rückte zu Maliaty und der Marschall Herzog von Reggio zu Avanta ein. Am 30sten Juni ist der Marschall Herzog von Tarent [xxx] zu Rosienie angekommen, von da begab er sich nach Ponevieji, Chawli und Tesch.

Die ungeheuern Magazine, welche die Russen in Samogitien hatten, wurden von ihnen verbrannt; ein ungeheurer Verlust nicht nur für ihre Finanzen, sondern auch für die Subsistenz ihrer Völker.

Indessen hatte das Corps der Generals Doctorow, das heißt, das 6te Corps, am 27sten noch keine Ordre bekommen, und gar keine Bewegung gemacht. Am 28sten vereinigte sich dasselbe und setzte sich in Marsch, um sich an die Düna durch einen Flankenmarsch zu begeben. Am 30sten rückte seine Avantgarde zu Soleinieki ein. Sie wurde von der leichten Cavallerie der Baron Borde-Soult angegriffen und aus der Stadt vertrieben. Da Doctorow sahe, daß man ihm zuvorgekommen, zog er sich rechts und begab sich ach Ochmiana. Der General Baron Pajol kam mit seiner leichten Cavalleriebrigade in dem Augenblicke an, wo Doctorow's Avantgarde daselbst einzog. General Pajol ließ ihn angreifen. Der Feind wurde zum Theil niedergesäbelt und in die Stadt geworfen. Er verlor 60 Mann an Todten und 18 Verwundete. General Pajol [x] hatte 5 Todte und einige Verwundete. Dieser Angriff wurde von dem 9ten polnischen Lanzenträgerregimente gemacht.

Da General Doctorow den Weg abgeschnitten sah, kehrte er nach Olchany zurück. Der Marschall Fürst von Eckmühl begab sich mit einer Infanteriedivision, den Cürassieren der Division des Grafen Valence und dem 2ten Regimente Chevauxlegers der Garde nach Ochmiana, um den General Pajol [x] zu unterstützen.

Da Doctorows Corps abgeschnitten und nach Süden zurückgeworfen war, setzte dasselbe längs der rechten Seite seinen Weg in forcirten Märschen über Smoroghy, Danowcheff und Cobuiluiki fort, von wo es sich, seine Bagage im Stiche lassend, an die Düna begab. Diese Bewegung wurde vorausgesehen. Der General Graf Nansouty hatte sich mit einer Cürassierdivision, der leichten Cavalleriedivision des Generals Grafen Bruyere und der Infanteriedivision des Grafen Morand nach Mikailitschki begeben, um dieses Corps abzuschneiden. Er kam am 3ten zu Swir an, als es hervorrückte; er griff es lebhaft an, nahm ihm eine gute Anzahl Nachzügler ab und nöthigte es, einige 100 Bagagewagen im Stiche zu lassen.

Durch die Ungewißheit, die angst, die Märsche und Gegenmärsche, die diese Truppen machten, die Strapazen, welche sie ausstanden, müssen sie viel gelitten haben.

36 Stunden lang fielen unaufhörlich Regengüsse.

Von einer außerordentlichen Hitze ging das Wetter plötzlich zu einer sehr empfindlichen Kälte über. Mehrere 1000 Pferde sind durch diese plötzliche Veränderung der Witterung umgekommen.

Dieses abscheuliche Wetter, welches Menschen und Pferde ermüdete, hat nothwendiger Weise unsern Marsch verzögert und Doctorows Corps, welches nach und nach den Colonnen des Generals Borde-Soult, des Generals Pajol und des Generals Nansouty in die Hände fiel, war seiner Aufreibung nahe.

Der mit dem 5ten Corps weiter zurück gestandene Fürst Bagration, marschirt an die Düna. Er brach am 30. Juni von Wolkowisk auf, um sich nach Minsk zu begeben.

Der König von Westphalen ist am nämlichen Tage in Grodno eingerückt. Die Division Dombrowski ist am ersten durchapassirt. Hetman Platow befand sich mit seiner Cosaken noch zu Grodno. Als die leichte Cavallerie des Fürsten Poniatowsky die Cosaken angriff, wurden sie auseinander gesprengt; man tödtete ihnen 20 Mann und machte 60 Gefangene. Zu Grodno fand man eine Einrichtung, um 100,000 Rationen Brod zu backen, und einige Ueberreste von Magazinen.

Man sahe daraus, daß Bagration [xxxx] sich an die Düna begeben würde, indem er sich so viel möglich Dünaburg näherte; der Divisionsgeneral Graf Grouchy wurde nach Bogdanow abgesandt. Er war am 3ten zu Traboni. Der mit 2 Divisionen verstärkte Prinz von Eckmühl befand sich am 4ten zu Wichnew. Wenn der Fürst Poniatowski die Arrieregarde von Bagrations Corps lebhaft zurückgeschlagen hat, so muß dasselbe ins Gedränge kommen.

Alle feindliche Corps sind in der größte Ungewißheit. Hetman Platow wußte am 30. Juni noch nicht, daß Wilna seit 2 Tagen von den Franzosen besetzt war. Er nahm seine Richtung nach dieser Stadt bis Lida, wo er umkehrte und gegen Süden zog.

Das heitere Wetter hat am 4ten die Wege wieder hergestellt. Alles wird zu Wilna organisirt. Die Vorstädte haben durch die große Menge Menschen gelitten, welche während des Ungewitters hineinstürmten. Es befand sich daselbst eine Bäckerey für 60,000 Rationen. Man hat eine andere für eine gleiche Anzahl errichtet. Es werden Magazine angelegt. Die Convois kommen zu Kowno auf dem Niemen an. 20,000 Centner Mehl und eine Million Rationen Zwieback sind von Danzig daselbst eingetroffen.

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Leipziger Zeitung.Bearbeiten

Rußland. [2]

Ein östreichisches Blatt meldet aus Königsberg vom 2ten Jul.:

Ueber die Zahl und Stärke der russischen Armeen hatten sich die übertriebensten Gerüchte verbreitet. Noch vor wenigen Wochen behaupteten öffentliche Blätter, daß in der ersten Linie und in drey Reserven gegen 900,000 Mann theils bereits aufgestellt wären, theils noch formirt würden. Jetzt da die feindlichen Massen sich gegenüber stehen, und uns bestimmtere Nachrichten über die Stärke der russischen Hauptarmee zukommen, ist es außer allem Zweifel, daß diese sich kaum auf 300,000 Mann schlagfertiger Truppen beläuft. Diese Zahl steht in dem richtigsten Verhältnisse mit den Erfahrungen früherer Zeiten, wo in den Coalitionskriegen die stärkste russische Hülfsarmee selten die Hälfte der angegebenen Zahl erreichte; ein Abstand, welcher von der Art der Abfassung der Militär-Etats herrührt, welche in Rußland mit geringerer Rücksicht auf den effectivausrückenden Stand, als es bey andern Mächten gewöhnlich ist, entworfen zu werden scheinen.

Die russische Hauptmacht hat sich an der Düna concentrirt, woselbst mehrere verschanzte Puncte sind; sie hat dadurch dem Feinde große Strecken fruchtbarer Provinzen eingeräumt.


Ein französisches Blatt macht über das mitgetheilte fünfte Armeebulletin unter andern folgende Bemerkungen:

Verfolgt man auf der Charte den Marsch der Armeen, so überzeugt man sich im ersten Augenblicke, daß der Rückzug der Russen keine berechnete Bewegung, kein im Voraus beschlossener Plan war; es ist die Zerstreuung einer auf einer sehr ausgedehnten Linie aufgestellten Armee, die bey einem plötzlichen Angriffe auf ihr Centrum zurückgehen will, sich dabey in verschiedenen Richtungen zerstreut, und sich vergeblich in einer neuen Stellung zu sammeln sucht. Also hat der Feldzug kaum angefangen, als die französische Armee bereits aus ihren Manövers alle Vortheile zieht, für die sie eine förmliche Schlacht geliefert hätte. Die Gouvernements von Wilna und Grodno, so wie die Provinz Bialystock, die über eine Million Einwohner zählen, bringen bereits alle ihre Hülfsmittel der französischen Armee als Tribut dar.

Der im Bulletin erzählte gefahrvolle Eilmarsch des Generals Doctorow ist ein Beweis der in den feindlichen Reihen herrschenden Unordnung. Dieser General, welcher das 6te russische Corps commandirt, befand sich am 28sten Jun. noch zu Lida, 20 Stunden südwärts von Wilna, das sich an diesem Tage schon in französischen Händen befand; er war mithin vom Centrum der russischen Armee abgeschn tten, und seine Bewegung nach Solezniki, 9 bis 10 Stunden südlich von Wilna, beweist, daß er die Besitznahme dieser Stadt noch nicht wußte. Also marschirte er auf Gerathewohl und nicht in Folge eines voraus festgesetzten Plans. Die nämliche Planlosigkeit erblickt man nicht in den französischer Seits angeordneten Bewegungen, um ihm auf allen Puncten, wo er erschien, den Rückzug abzuschneiden, und er ist in der That dem Ungewitter vielen Dank schuldig, das sein Corps vor der Vernichtung schützte. Ist es ihm gelungen, die Düna zu gewinnen, so kann solches nur mittelst eines großen Umwegs und durch einen Marsch von 60 Stunden mitten durch alle Corps, die er auf seinem Wege fand, geschehen seyn. Man begreift leicht, in welchem Zustande er angekommen seyn muß.

Bagrations Marsch bietet einen noch merkwürdigern Beweis von dem Zustande der Zerstreuung dar, worin sich die feindliche Armee befindet. Dieser General, der an der Spitze eines Corps von 40,000 Mann steht, hat auf seinem Marsche über Pruszana und Wolkowysk nach Minsk einen Weg von wenigstens 60 Stunden zurückgelegt; er mag nun nördlich oder südlich vom Niemen marschirt seyn. Das nach Wichnew vorgerückte Corps des Fürsten von Eckmühl zwingt ihn zu einem weiten Umwege; denn da er auf der Peripherie eines Zirkels marschirt, so hat er dreymal so viel zurückzulegen, als das Corps des Fürsten von Eckmühl, das sich auf der Sehne des Bogens bewegt. Es ist daher augenscheinlich, daß der Feind, genöthigt dem Plane, den er vielleicht gefaßt hatte, zu entsagen, gegenwärtig seine Bestrebungen darauf beschränken muß, die verschiedenen Corps wieder zu sammeln, die durch die französischen Manövers auf andere Puncte, als wohin ihr Rückzug bestimmt war, gedrängt worden sind.


Quellen.Bearbeiten

  1. Leipziger Zeitung Nr. 147. Mittwochs den 29. July 1812.
  2. Leipziger Zeitung Nr. 149. Sonnabends den 1. August 1812.
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