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Neuer Kriegs-Schauplatz in Italien.Bearbeiten

[1]
Aber schnelle und große Begebenheiten veränderten an eben diesem Tage, an welchem jener Brief geschrieben wurde, und in den nächstfolgenden, die Situation der Umstände von Genua und von ganz Italien.

Der General Beaulieu, in der Absicht von der Einnahme des Posten zu Voltri, Vortheil zu ziehen, und die Französische Armee an der Küste zu verdrängen, begab sich selbst nach Voltri, und hatte daselbst, am 11ten April, mit dem Commandeur der Englischen Flottille, welche die Oesterreichischen Unternehmungen vor der See-Seite her unterstützen sollte, eine Unterredung. Er hatte unterdeßen die Ordre hinterlaßen, mit dem linken Flügel der Armee gegen die Gebürgs-Päße zu marschiren. Er selbst reisete von Voltri in einem Wagen nach dem Paße der Bocchetta, dem Schlüßel von dem Genuesischen Gebiete, und dem Mailändischen. Er hatte zwey Adjutanten bey sich im Wagen. Der Wagen brach unterwegens, und es vergiengen mehrere Stunden, ehe ein anderes herbeygebracht werden konnte. Jetzt hörte Beaulieu eine starke Kanonade in der Ferne. Er urtheilte sogleich, daß etwas wichtiges vorfiele, und sagte, mit schmerzlicher Empfindung. "Es wird meiner Ehre Schaden thun, wenn eine Action zu unserm Nachtheile vorfälle, indeßen ich mich nicht bey den Truppen befinde. Und doch ist es nicht meine Schuld." Mit dem zerbrochnen Wagen konnte er nicht weiter. Keine Reitpferde waren da. Und vermuthlich waren die Pferde am Wagen nicht brauchbar. Sonst würde -- hoffentlich -- wenigstens einer der Adjutanten auf einem dieser Pferde mit neuen Befehlen im Galoppe abgegangen seyn. Für Beaulieu, der 75 Jahre alt ist, war freylich eine solche Strapatze nicht. Und da er nicht wußte, was ? und wo ? etwas vorfiele; so konnte er auch wohl nicht bestimmte Befehle geben. -- Genug, dieser Vorfall war entscheidend.

Nach den Französischen officiellen Berichten war es ein Kriegslist des Generals Buonaparte, die Aufmerksamkeit der Alliirten nach der Genuesischen Küste zu ziehen, indeßen er einen Hauptstreich gegen die Gebirge ausführen, oder den General Beaulieu tourniren wollte, wenn er gegen die Küste marschirte. Er versammelte seine ganze Armee dahin, und -- die Oesterreicher hatten an vielen Orten einzelne Corps stehen, von denen sich Buonaparte diejenigen auswählte, die er mit seiner gesammten Macht angreifen wollte. Der Oesterreichische General Argenteau machte ihm die Wahl zur Nothwendigkeit.

Dieser rückte, mit einer Voreiligkeit, ohne Befehl von dem Feldherrn, so viel die bisherigen Berichte ergeben, mit dem rechten Flügel der Oesterreichischen Armee (Beaulieus Plan war, daß der linke vorrücken sollte) auf die Französischen Posten bey [[Treffen von Montenotte |Montenotte]] vor, und grif sie am 11ten April an. Der tapfere General Rukavina commandirte neben ihm. Er überwältigte die ersten Französischen Posten, und drang bis Monte-Regino. *) Hier standen 1500 Franzosen in einer äußerst festen Verschanzung. Sie vertheidigten sich mit dem entschlossensten Muthe, und schwuren im Enthusiasmus, die Schanzen nicht zu verlaßen. Die Oesterreicher blieben vor den Schanzen, in der Nähe eines Pistolen-Schusses stehen, blieben so die ganze Nacht durch in dieser Stellung. Hingegen die Franzosen zogen nun in eben dieser Nacht alle ihre Stärke nach diesen Posten hin. Von allen Seiten zogen in dieser Nacht die Truppen-Corps heran. Mit Anbruch des Tages griff Buonaparte mit einer Uebermacht den General Argenteau an, welcher er nicht gewachsen war. Er hatte etwann 10000 Mann, und sah sich in der Flanke, im Rücken, von vorne von wenigstens 30,000 Mann angegriffen. Er mußte sich zurück zu ziehen suchen. Dieß konnte nicht ohne großen Verlust, auch bey der besten Vertheidigung geschehen. Der tapfere General Rukawina wurde verwundet; ein Oberster und, nach den ersten Französischen Berichten 2500, nach den zweyten nur 2000, nach den fernern dritten, nur 1500 Mann wurden gefangen. General Argenteau zog sich mit dem Reste seines Corps bis nach Dego zurück. Die siegenden Franzosen rückten am 13ten April bis Dego vor, giengen aber schnell wieder zurück. Ein andrer Streich sollte ausgeführt werden.

*) In den Französischen Berichten wird dieser Ort Monte-Le zino genannt. Ueberhaupt giebt es in diesen Berichten viele offenbare Fehler, und Unrichtigkeiten. Und wenn man mit der Landcharte an der Seite, die Data, Tage, und Oerter geschichtsmäßig daraus vorstellen will, so finden sich solche Verwirrungen und Schwierigkeiten, die man, ohne Hülfe andrer Nachrichten, gar nicht berichtigen könnte.

Es stand ein Oesterreichisches Corps von etwann 1500 Mann unter dem Generale Provera, bey Millesimo. Ueber dieses Corps fielen die Franzosen mit aller ihrer Stärke her, umringten daßelbe, und glaubten es schon gefangen zu haben, als der tapfere Provera sich noch mit unglaublicher Herzhaftigkeit durch schlug, und sich in den Ruinen des alten Bergschloßes, zu Coßeria, verschanzte. Die Französische Uebermacht umzingelte ihn, und der Französische General Angereau ließ ihn mit folgenden Worten auffodern, sich zu ergeben: "Sie sind von allen Seiten umzingelt. Ein Widerstand von Ihnen wurde nur unnützes Blutvergießen verursachen. Wenn Sie Sich nicht binnen einer Viertel-Stunde ergeben, so werde ich das Leben von keinem Einzigen verschonen: -- Provera antwortete: "Mein Entschluß ist, mich bis aufs äußerste zu vertheidigen." Angerreau ließ Artillerie und Haubitzen aufführen. Mehrere Stunden dauerte die Kanonade. Der commandirende General en Chef, Buonaparte schrieb in seinem Berichte an das Directorium: "Es verdroß mich daß mein Marsch auf Dego durch eine Handvoll Leute sollte aufgehalten werden." Er gab Befehl mit 4 Colonnen die 1500 Mann Oesterreicher anzugreifen. Alle Colonnen wurden von den Oesterreichischen Helden, auf allen Seiten zurückgeschlagen. Ein Französischer General wurde todtgeschoßen, eine andrer verwundet. Alle Anstrengungen wurden zurückgetrieben. Die Französische Armee, die zum Theil schon gegen Abend in die Verschanzungen herein war, wurde wieder herausgeschlagen, und verlor, gegen dieses tapfere Häuflein, sehr viel Volk. Die Nacht kam herein, Provera war Sieger, und die Franzosen konnten ihn blos blokiren. Allein am folgenden Tage, am 14ten April, sahe Provera, daß er vergebens einen Entsatz und Succurs erwarte. Er schlug allso eine ehrenvolle Capitulation vor, welche der Französische General, ohne Schwierigkeit, und selbst noch mit einem Ehren-Zusatze, bewilligte. Provera foderte: -- "Der General und das Corps, welches er commandirt, werden nach Carcare dem Hauptquartier der Französischen Armee, mit allen kriegerischen Ehrenzeichen defiliren, und dorten die Waffen niederlegen." Der Französische General schrieb darunter: "Bewilliget, mit dem Zusatze, daß die Officiere, auf ihr Ehren-Wort, die Freyheit haben, sich wohin sie wollen, zu begeben, bis zur Auswechslung." So ehrte der Feind die Tapferkeit.

Die Anzahl der gefangnen Mannschaft betrug, nach Französischen Berichten 1327 Mann, mit Inbegrif von 30 Officieres.

1500 Franzosen wehrten sich, wie oben erzehlt worden, mit Helden-Muthe auf Monte-Regino. Sie bekamen Unterstützung, und die Oesterreichische Armee wurde geschlagen.

1500 Oesterreicher wehrten sich mit Heldenmuthe in Coßeria. Sie bekamen keine Unterstützung. Sie konnten Italien retten. Sie mußten sich ergeben. Die Oesterreichische Armee wurde noch einmal geschlagen.

An eben dem Tage, am 14 April, da Provera capituliren mußte, gieng die Hauptmacht der Französischen Armee unter der Anführung des Chefs, Buonaparte, wieder nach Dego, wo sie den Tag vorher das schon geschlagne Corps des Generals Argenteau verlaßen hatte, um mehr Verstärkung an sich zu ziehen. Buonaparte grief mit solcher Uebermacht die Oesterreicher von allen Seiten an, und im Rücken, daß sie, mit großem Verluste, von Menschen, und von 20 Kanonen, nebst andern Feldgeräthschaften den Rückzug ergreifen mußten. Sie sahen sich genöthigt bis nach Terzo, bey Acqui, sich zurück zu ziehen. Die Anzahl der gefangnen Oesterreicher an diesem Tage wurde in den Französischen ersten Berichten an die Directoren, selbst von Buonaparte zu 9000 Mann angegeben, in den folgenden Berichten aber zu 4300 herabgesetzt. Eben so unsicher sind alle Französischen Angaben. Von dem Verluste der Mannschaft an Todten und Verwundeten wird entweder gar nichts erwähnt, oder eine ungefähre, unglaublich geringe Anzahl angegeben. -- Es läßt sich aus den Französischen Berichten durchaus keine Geschichte verfaßen. Nur einzelne Data können, im Vergleiche mit andern Nachrichten benutzt werden. Von Oesterreichischer Seite sind, bis anjetzt, da wir dieses schreiben, noch keine Listen von dem Verluste an Menschen, Kanonen, u. s. w. bekannt gemacht worden. Von glaubwürdiger Quelle versichert man uns jedoch, daß der gesammte Oesterreichische Verlust in allen Gefechten bis zum 17ten April etwann 6000 Mann betrage, und daß die Franzosen, sicherlich über 5000 Mann verloren haben. Ein einziger Transport, von Verwundeten, der in Savona ankam, bestand aus 1500 Mann. Dergleichen Transporte wurden nach vielen andern Orten geschaft. Man kann den Verlust der Franzosen auch schon daraus ermessen, daß zufolge des in dem Rathe der 500 selbst vorgelesenen Berichtes des Generals den Chef, Buonaparte, außer 4 getödteten Generalen, die vornehmsten alle, die Generale Menars, Massena, La Harpe, Arvoni, Joubert, Jacbat, verwundet worden sind. Aber die Franzosen waren Sieger, und der Sieger ist der stärkre, so viel er auch verloren haben mag.

Der General Argenteau hatte vom General en Chef Beaulieu, der unterdeßen im Hauptquartier angelangt war, die Ordre erhalten, sich zu Dego bis aufs äusserste zu vertheidigen. Als derselbe nun am 14ten April von den Franzosen angegriffen wurde, so bekam das Corps der Obersten von Vukaßowich, welches zu Saßello seinen Posten hatte, Befehl, dem General Argenteau zu Hülfe zu gehen, und den Franzosen in die Flanke zu fallen. Dieß Corps bestand nur aus 6000 Mann. Vukaßovich kam am 15ten April früh, bey Dego an, fand aber den Platz schon von dem General Argenteau verlaßen. Dennoch wagte er es die Franzosen, welche sich ganz der Sicherheit des Sieges überließen, in Dego anzugreifen. Seine Kühnheit hatte den Erfolg, daß er die Franzosen aus Dego herausschlug, eine große Niederlage unter ihnen anrichtete, wobey ein Französischer General blieb, und besonders viele Officiere getödtet und verwundet wurden. Eine allgemeine Ueberraschung drang in die gesammte Französische Armee. Mehrere Brigaden wurden in Unordnung gebracht. Vukaßowich machte 500 Gefangne, und eroberte die am vorigen Tage dem Generale Argenteau genommene Artillerie, und Munition. Von Tages Anbruche an, bis Nachmittags gegen 4 Uhr, dauerte das Treffen der 6000 Mann gegen die große Französische Armee von mehr als 35000 Mann fort, und wäre Vukaßowich mit neuem Succurs unterstützt worden, so hätte er den glänzendsten Sieg behauptet. Aber auch dieß Corps blieb ohne Hülfe, indeßen die Franzosen immer neue Colonnen anrücken ließen, und so mußte endlich gegen Abend, der heldenmüthige Vukaßowich seine Ganze Beute im Stiche lassen, und sich nach Acqui zurück ziehen. Auf dem Rückzuge machten die Franzosen noch einige hundert Gefangne.

So war am 16ten April, ohne eine Hauptschlacht, ohne daß Beaulieu bey irgend einem Gefechte gewesen war, durch lauter Siege über lauter einzelne, hier und da postirte Corps, die immer mit der Uebermacht der ganzen Französischen Armee angegriffen wurden -- die Communication zwischen der Piemontesischen Armee bey Ceva, und die Oesterreichischen unter dem Oberbefehle von Beaulieu, gänzlich getrennt. Beaulieu behielt noch in jenen Tagen das Hauptquartier bey Acqui, und beschäftigte sich wieder mit Posten, nämlich die Vorposten von Bocchetta über Villa Calde nach Rosiglione, Ponzone, Mollare, Cremolino, Cartosio, und Melazzo mit der Stellung bey Terzo und Acqui zu verbinden.

Die siegvolle Französische General Buonaparte hingegen marschirte unberuhigt von den Oesterreichern nun am 16ten April, abermals mit seiner ganzen Macht auf die Piemontesische Armee unter dem Oberbefehle des Generals Colli.

Er unternahm, noch an demselbigen Tage, einen hitzigen Angrif auf das feste Lager des Generals Colli bey der Festung Ceva. Die Herzhafteste Tapferkeit der Piemonteser schlug alle Angriff ab. Die Franzosen verloren viel Volk, und mußten weichen. Eine andere Armee würde nun wenigstens einige Tage ausgeruht haben. Aber die kühnen Franzosen blieben im Angesichte der Piemonteser, und machten neue Anstalten zur Erneuerung des Kampfes. General Colli fand für gut, der Uebermacht sich nicht auszusetzen, und zog sich, unter fortdauernden Angriffen, in der Nacht vom 16 zum 17 April, aus seinem festen Lager, mit Rettung seiner Artillerie und Bagage, nach Vicco und Mondovi. Schon gieng die Bagage und das schwerste Geschütz nach Cherasco. Unterdeßen ließ er in dem Fort bey Ceva eine Besatzung von 5 Bataillons, mit dem Befehle sich möglichst zu vertheidigen. Er wurde auf seinem Rückzuge von den nacheilenden Franzosen stark verfolgt, und ein Corps von 11,000 Mann, wurde bey Monbarcaro von drey mächtigen Colonnen der Französischen Armee von allen Seiten angegriffen, und mußte sich, in geschloßnen Reihen, mit dem Bajonette, durchschlagen, und verlor viel Volk. Es nahm seinen Zug nach Mondovi hin. Die Piemontesische Armee nahm ihre Stellung an dem Fluße Cursaglio, und sammelte sich am 18ten und 19ten April. Unterdeßen nahmen die Franzosen Ceva ein, und besetzten den ganzen Strich Landes bis nach Mondovi zu.

General Colli hatte eine zu feste Position genommen, als daß der, bey aller Raschheit kluge, General Buonaparte ihn mit einzelnen Corps angreifen wollte. Er zog wieder in den Tagen vom 17ten bis 20sten April seine ganze Macht zusammen, und so ließ er den General Colli auf dem rechten Flügel in dem Dorfe St. Michel durch den General Serrurier angreifen. Dieser eroberte den Platz, und setzte sich in dem Dorfe fest; da aber der Angrif an dem linken Flügel wegen der Tiefe des Flußes nicht durchgesetzt werden konnte, so zog sich auch Serrurier zurück. Beyde Armeen blieben in der Nacht im Angesichte gegen einander. Am folgenden Tage, den 21sten April, machten die beyderseitigen Armeen Anstalten von verschiedner Art. Der Französische General zu neuen Angriffen: Der Piemontesische zum bestmöglichsten Rückzuge, da er die ganze Uebermacht der Französischen Armee allein gegen sich aufstellte, und die Unmöglichkeit eines entscheidenden Sieges sahe, indem die immer in Entfernung bleibende Oesterreichische Armee des Generals Beaulieu keinen Succurs hoffen ließ. Um zwey Uhr in der Nacht vom 21sten gieng ein Französisches Corps über den Tanaro, und nahm das Dorf Lezegno ein. Nun zog Colli sogleich sich über Vico zurück. Hier kamen ihm die Franzosen schon uns Angesicht, und griffen ihn von mehrern Seiten, auf dem Marsche an. Er ließ seine Armee in Schlachtordnung treten, aber nur um den Rückzug zu sichern. Das Gefecht dauerte doch vier Stunden, und kostete den Piemontesern viele Leute. Nach den Französischen Berichten verloren die Piemonteser gegen 1800 Mann, worunter 1300 Gefangne waren, ingleichen 8 Kanonen, 11 Fahnen, und 15 Munitions-Wagen. Colli zog sich hinter die Stura zurück, ließ eine Besatzung in Coni, ein Vorposten-Corps bey Cherasco, und zog darauf mit dem Reste der Armee weiter fort, bis nach Moncaglieri, zwey Stunden von Turin. Bald drauf kam auch das Corps von Cherasco daselbst an, und alle Piemontesischen Truppen wurden in der Gegend von Turin zusammen gezogen. Die Franzosen bombardirten die Festung von Ceva, nahmen sie ein, zogen in Mondovi und Cherasco ein, und weiter hin, gegen Turin zu.

Dort verbreitete sich die allgemeinste Bestürzung. Der König hielt am 22sten April ein großes Conseil, welches viele Stunden dauerte. Fast alle Meynungen waren übereinstimmend, daß man, unter gegenwärtigen Umständen, den Franzosen Friedens-Anträge machen müße. Der König ernannte zwey Personen, welche sich, in dieser Angelegenheit nach Genua, zu dem dasigen Französischen Minister begaben. Der Spanische Gesandte zu Turin schickte einen Courier an das Directorium in Paris, und bot Spaniens Vermittlung zu einem Frieden zwischen Frankreich, und dem Turiner Hofe an. Unter den dringenden Umständen, in welchen man sich in Turin befand, war der dasige Hof geneigt, die Grafschaft Nizza, und das Herzogthum Savoyen an Frankreich förmlich und gänzlich abzutreten, auch einige feste Plätze, namentlich (Coni, oder Cuneo) Ceva, und Tortona, bis zum allgemeinem Frieden den Französischen Truppen einzuräumen, und eine vollkomne Aussöhnung und Freundschaft mit der Französischen Republik zu schließen. Der Erfolg dieser Friedens-Unterhandlungen wird nach fernern sichern Nachrichten, weiter in diesem Monatsstücke erzehlt werden.

Wir wollen hier nur noch beyfügen, daß der erste Antrag von Seiten der Turiner Hofes, wegen eines Waffenstillstandes, zu Stande gekommen, und eine Waffen-Ruhe auf 20 Tage geschloßen worden, und daß der General Beaulieu, der dadurch in eine ganz neue Situation gesetzt wurde, sich mit seiner Armee, die noch über 40,000 Mann stark war, von Acqui in die Gegend von Nizza della Paglia, Incisa, und Origlia, und von da weiter bis nach Tortosa zurück zog, ein Truppen-Corps bey Valenza über den Po, und bey Bremme stellte, und die vielfachen Verstärkungen an Mannschaft, Artillerie, und Munition, erwartete, welche ihm aus den Oesterreichischen Staaten mit der lebhaftesten Eile zugeschickt wurden.

Kurze Bemerkungen.Bearbeiten

Wenn jemals unerwartetes Kriegs-Glück, und glänzende Siege jeden denkenden Menschen zu Betrachtungen und Ausforschungen der Ursachen hingerißen haben; so vervielfachen sich die Veranlaßungen dazu, in den grossen Begebenheiten, die Italien im April-Monate sahe. Man hat schon viele Ursachen angegeben; Verräthereyen, Fehler der Generale, Uebermacht der Franzosen.

Was die Verräthereyen betrift, so kann auch die stärkste Vermuthung ihnen nicht allen Erfolg, alle Begebenheiten beymeßen, und bloße Vermuthungen sind noch keine Beweise. Beweise aber fehlen noch, und werden auch, in jedem Falle, nicht leicht vors Publicum gebracht werden.

Fehler der Generale sieht Jedermann ein, der auch noch so wenig von der Kriegs-Kunst versteht. Bey der Oesterreichischen Armee zeigte sich eine so heftige Erbitterung über den General Argenteau, daß der commandirende General Beaulieu sich bewogen fand, den so hart beschuldigte von seiner Stelle zu suspendiren, und sogar in Arrest nehmen zu laßen. Man wird wahrscheinlich ein Kriegsgericht über ihn halten. Es ist deutlich, daß der Sieg bey Monte-Regino und Montenotte am 12ten April der Grund von allen fernern Begebenheiten geworden ist. Argenteau blieb am 11ten April vor den letzten Verschanzungen der Franzosen stehen, und war am folgendem Tage von der ganzen Französischen Heeresmacht umrungen. In der Nacht, während einem Nebel, kamen die Französischen Truppen heran. Man hat darüber schon bemerkt: Ein Nebel kann freylich, aber für beyden Partheyen, schädlich werden. Wenn aber ordentliche Vedetten beobachtet, und diese Piqueter durch stärkere Abtheilungen unterstützt werden, so kann kein Ueberfall, am wenigsten der Anmarsch einer ganzen grossen Armee, bis zum Angriffe, gänzlich verborgen bleiben. Und so war diese Vorsicht nöthiger, als im Angesichte einer Verschanzung, welche man den Tag über nicht hatte einnehmen können, vor welcher, nach den Französischen Berichten, das Oesterreichische Corps in der kleinen Entfernung von einem Pistolen-Schuße stand? Und konnte Argenteau nicht sich zurückziehen, und einem allgemeinen Angriffe von allen Seiten her, entgehen? Jeder Kenner der Kriegskunst sieht hier unverzügliche Fehler. Man beschuldigt auch den General Argenteau, daß er, ohne bestimmte Ordre von Beaulieu, der damals nicht bey der Armee war, zu weit vorgerückt, und zu voreilig angegriffen habe.

Er sollte sich nachher zu Dego halten, und bis aufs äußerstevertheidigen. Er wurde am 14ten angegriffen, und verließ die Position mit großem Verluste, ohne Succurs abzuwarten. Vukaßowich eilte ihm zu Hülfe; als er am 15ten April bey Dego ankam, war Argenteau schon weg, und geschlagen.

Daß überhaupt der in diesem Kriege so gewöhnliche, und so oft schon so hart bestrafte, Fehler, einer zu sehr ausgedehnten Position, und zu sehr vertheilter einzelner Corps, bey den Vorgängen in Italien das Unglück verursacht hat, ist augenscheinlich. Das Cordon-System, die sogenannte Posten-Kette, die kaum einmal in einem Lande, wie Böhmen, von großem Erfolge seyn kann -- hat schon viele große Unfälle erzeugt. Nach einigen Jahren wird man von diesem Systeme noch mehr sagen. -- -- -- -- .

Eben diese weite Ausdehnung der Positionen verschafte, wie immer, auch in Italien, den Franzosen jene wirkliche Uebermacht, welche man nachher in die öffentlichen Blätter so sehr vergrößert hat. Vor jenen Siegen war allgemeine bekannt, und einstimmig gesagt, die Französische Armee sey in dem ganzen Striche von Nizza bis nach den Piemontesischen Gebirgs-Päßen hin, nicht volle 50000 Mann stark. Das war richtige Wahrheit. Nach den Siegen verbreitete man: die Französische Armee in Italien sey über 1,10,000 Mann stark. Das war irrige Vergrößerung. Aber gewiß genug ist es, daß die tapfern Oesterreichischen Corps jederzeit mit vielfacher Uebermacht angegriffen wurden, und die Tapferkeit der Ueberwältigung weichen mußte. Eben weil die Franzosen kein Cordon-System hatten, und alle ihre Macht immer auf einen Punct, auf den Punct des Angrifs, zusammen zogen, so waren sie stets den Corps, die sie angriffen überlegen. Sie agirten, nach unsern Berichten, immer mit 30 bis 35,000 Mann. Erst griffen sie, Argenteau an, bey Montenotte, dann Provera bey Millesimo, dann wieder Argenteau bey Dego, dann Vukaßowich; dann sich wohlwüthend gegen das Hauptquartier der Oesterreicher vorzurücken -- fielen sie über die Piemontesischen Corps, mit ihrer ganzen Armee her, und nöthigten diese zum Rückzuge, nachdem sie die Oesterreichische Armee entfernt hatten, und diese sich auch weiter zurück zog.

Nach besondern Nachrichten trug auch ein Mißverständniß zwischen den beyden commandirenden Generalen viel zu dem Succeße der Franzosen bey. Dieses Mißverständniß soll am 7ten April daher entstanden seyn, daß der Oesterreichische General die Citadelle von Alexandria mit Oesterreichischen Truppen besetzen wollte, welches der Piemontesische General nicht zugestand. Bey der Oesterreichischen Armee beschwerte man sich auch, daß der General Colli keinen Succurs aus seinem Lager bey Ceva dem Generale Argenteau, während der Gefechte am 12, 13, und 14ten April, zugeschickt hatte. Die Piemonteser beschwerten sich dagegen, daß sie am 16ten und besonders am 20sten und 21sten keine Unterstützung von den Oesterreichern erhalten, und diese nicht einmal eine Bewegung, zu ihrem Vortheile, gemacht hätten.

Wir hoffen, von unsern Correspondenten in Bern, und in Genua, noch mehreres Detail, und Aufschlüße über die Italienischen Begebenheiten zu bekommen.


Le Mémorial de Sainte-Hélène.Bearbeiten

[2]
Von der Ankunft des Obergenerals in Nizza, am 28. März 1796 bis zum Waffenstillstand von Cherasco, am 28. April; ein Zeitraum von einem Monat.


Plan des Feldzugs, um in Italien mit Umgehung der Alpen einzurücken.Bearbeiten


Der König von Sardinien, den man, wegen seiner geographischen und militärischen Stellung, den Pförtner der Alpen zu nennen pflegte, hatte im Jahr 1796 Festungen an allen Ausgängen, die nach Piemont führen. Hätte man in Italien mit Gewalt über die Alpen eindringen wollen, so hätte man diese Festungen wegnehmen müssen. Nun aber erlaubten die Wege den Transport des Belagerungsgeschützes nicht: außerdem sind die Berge dreiviertel Jahre lang mit Schnee bedeckt; es bleibt also nur wenige Zeit zu den Belagerungen. Man hatte den Gedanken, alle Alpen zu umgehen, und in Italien gerade da einzudringen, wo diese hohen Gebirge aufhören, und die Apenninen beginnen.

Der St. Gothardsberg ist die höchste Spitze der Alpen. Von dieser Spitze an werden die andern immer niedriger. So ist der St. Gothard höher als der Brenner, dieser ist höher als die Berge von Cadore; die Berge von Cadore sind höher als die Spitze von Tarvis und die Gebirge von Krain. Auf der andern Seite ist der St. Gothard höher als der Simplon, der Simplon höher als der St. Bernhard, der St. Bernhard höher als der Mont-Cenis, der Mont-Cenis höher als die Spitze von Tenda. Von dieser leztern an werden die Alpen wiederum beständig niedriger, und hören endlich auf bei den Bergen von St. Jakob, bei Savona, wo die Apenninen beginnen. Da erhebt sich dann die apenninische Bergkette, und nimmt beständig zu im umgekehrten Verhältniß, so daß die Bochetta, die benachbarten Bergspitzen, diejenigen, welche Ligurien von den Staaten von Parma trennen, und Toscana vom Modenesischen, vom Bolognesischen, immer aufwärts in die Höhe gehen.

Mithin ist das Thal von der Madonna von Savona, und sind die Berghöhen von St. Jakob und von Montenotte die niedrigsten Punkte sowohl der Alpen als der Apenninen; hier ist der Punkt, wo die Einen aufhören und die Andern beginnen.

Savona, ein Seehafen und Festung, konnte vermöge seiner Lage zu gleicher Zeit zum Magazin und als Anlehnungspunkt dienen. Von der Stadt an bis nach der Madonna ist der Weg eine gepflasterte Chaussee, drei italienische Meilen lang; und von der Madonna nach Carcari sind es wiederum vier bis fünf Meilen. Dieser lezte Zwischenraum konnte in wenigen Tagen für die Artillerie brauchbar gemacht werden. In Carcari trifft man Fuhrwege an, die ins innere von Piemont und von Mont-Ferrat führen.

Dieser Punkt war der einzige, wo man nach Italien herein kommen konnte, ohne Gebirge anzutreffen; die Erhöhungen des Terrains sind so unbedeutend, daß man späterhin, unter der Kaiserregierung, den Plan zu einem Kanal gemacht hat, wodurch das adriatische Meer mit dem mittelländischen Meere, vermittelst des Po und eines Arms der Bormida, die ihre Quelle oben auf den Anhöhen in der Nachbarschaft von Savona hat, verbunden worden wäre.

Drang man in Italien bei den Quellen der Bormida ein, so konnte man sich schmeicheln, die sardinischen und östreichischen Armeen von einander abzusondern und eine von der andern abtrünnig zu machen, weil man von da aus zu gleicher Zeit die Lombardie und Piemont bedrohte. Man konnte eben so gut auf Mailand, als auf Turin losgehen. Den Piemontesern lag daran, Turin, und den Oestreichern, Mailand zu decken.


Zustand der beiden Armeen.Bearbeiten


Die feindliche Armee kommandirte der General Beaulieu, ein ausgezeichneter Offizier, welcher sich in den nördlichen Feldzügen einen Namen erworben hatte. Diese Armee war mit Allem versehen, was dazu gehörte, sie furchtbar zu machen. Die französische Armee hingegen hatte Mangel an Allem, und ihre Regierung konnte ihr nichts geben. Die Armee der Alliirten bestand aus Oesterreichern, aus sardinischen, und neapolitanischen Truppen; sie waren bereits dreimal stärker, als die französische Armee, und sollten noch nach und nach durch die Truppen des Pabsts, durch neue Verstärkungen aus Neapel, von Modena und Parma vermehrt werden.

Diese Armee war in zwei Hauptkorps eingetheilt; die im Feld stehende östreichische Armee bestand aus vier Divisionen, hatte eine beträchtliche Artillerie und eine zahlreiche Cavalerie, noch außerdem eine neapolitanische Division, und machte im ganzen 60,000 Mann unter den Waffen aus. Die im Feld stehende sardinische Armee bestand aus drei piemontesischen Divisionen, und einer österreichischen Division von viertausend Mann zu Pferde; sie wurde von dem östreichischen General Colli kommandirt, und dieser stand wiederum unter dem General Beaulieu. Die übrigen sardinischen Truppen standen in den Festungen in Besatzung, oder hatten die der französischen Alpenarmee gegenüberstehenden Bergspitzen besetzt; sie wurde vom Herzog von Aosta kommandirt.

Die französische Armee bestand aus vier im Feld stehenden Divisionen unter dem Befehl der Generäle Massena, Augereau, La Harpe und Serrurier; jede dieser Divisionen, eine in die andere, mochte 6 bis 7000 Mann unter den Waffen ausmachen. Die Cavallerie, 3000 Mann stark, war in einem schlechten Zustande, obwohl sie lange Zeit an der Rhone gestanden hatte, um sich wieder zu erholen; allein es hatte dort am nöthigen Unterhalt gemangelt. Die Arsenale von Antibes und von Nizza waren gut versehen; aber es fehlte an Transportmitteln; alle Zugpferde waren Hungers gestorben.

Die Finanzen waren in Frankreich so arm, daß zur Eröffnung des Feldzugs trotz aller Bemühungen der Regierung, nicht mehr als 2000 Stück [[Louis d’or|Louisdors] in klingendem Gelde in den Armeeschatz geliefert werden konnten; von Frankreich aus war also Nichts zu hoffen. Nur der Sieg konnte neue Aussichten eröffnen. Nur in den Ebenen Italiens konnte man Transportmittel finden, die Artillerie bespannen, die Soldaten kleiden, die Reuterei beritten machen. Alles dieses erhielt man, wenn man den Eingang von Italien forcirte.

Die französische Armee war kaum 30,000 Mann stark, und man stellte ihr mehr als 90,000 entgegen. Hätten diese beiden Armeen in einer allgemeinen Schlacht gegen einander zu kämpfen gehabt, so hätte ohne Zweifel die französische Armee, wegen ihrer geringen Anzahl und wegen ihrer geringen Artillerie und Cavalerie, nicht widerstehen können; aber hier konnte man die Anzahl durch die Geschwindigkeit der Märsche, die Artillerie durch die Beschaffenheit der Manöver, den Mangel an Cavalerie durch die Stellung, die man nahm, ersetzen; und übrigens waren unsere Leute von einem vortreflichem Geiste beseelt, alle Soldaten hatten die andern Feldzüge in Italien oder jene der Pyrenäen mitgemacht.


Napoleon kommt in Nizza an; etwa vom 26 bis 29. März.Bearbeiten


Die Schilderung, die ihm Scherer von der Armee machte, war noch schlimmer, als er sich hatte vorstellen können. es fehlte an Brod; seit langer Zeit wurde kein Fleisch mehr ausgetheilt; man konnte kaum zweihundert Maulthiere zu den Transporten zählen, daher war nicht daran zu denken, mehr als 12 Stück Kanonen mit sich zu führen: diese Lage wurde von Tag zu Tag schlimmer. Es war kein Augenblick zu verlieren; die Armee konnte da, wo sie stand, nicht mehr bestehen; man mußte voran oder sich zurückziehen.

Der französische General gab den Befehl, daß man sich in Marsch setzten sollte. Er wollte den Feind gleich beim Anfang des Feldzugs in Verwirrung, und durch auffallende und entscheidende Vortheile aus der Fassung bringen.

Seit dem Anfang des Kriegs war das Hauptquartier beständig in Nizza geblieben; es bekam Befehl, sich nach Albenga zu begeben. Seit langer Zeit hatten sich die Verwaltungen gewöhnt, diese Station als einen festen bleibenden Aufenthalt anzusehen, und kümmerten sich weit mehr um die Annehmlichkeiten des Lebens, als um die Bedürfnisse der Armee. Der französische General musterte die Truppen und sagte ihnen: "Soldaten! Ihr seyd ohne Kleidung, schlecht genährt; man ist uns viele Rückstande schuldig, man kann uns nichts geben. Eure Geduld, der Muth, welchen Ihr hier zwischen diesen Bergfelsen beweist, ist bewunderungswürdig; aber damit erwerbt Ihr keinen Ruhm. Ich will Euch in die fruchtbarsten Ebenen der Welt führen. Reiche Provinzen, große Städte werden wir in unsere Gewalt bekommen, und dort werdet Ihr Reichthümer, Ehre und Ruhm finden. Soldaten Italiens, wird es Euch an Muth fehlen?"

Diese Worte eines Generals von 25 Jahren, in welchen man bereits, wegen der glänzenden Operationen von Toulon, von Saorgio, von Savona, großes Zutrauen hatte, wurden unter dem lebhaftesten Beifall aufgenommen; die Soldaten kannten ihn, er war in den lezten Jahren an ihrer Spitze gestanden.

Da man alle Alpen umgehen und in Italien über die Bergspitze von Cadibonne eindringen wollte, so mußte die ganze Armee sich auf ihres rechten Flügels äußersten Punkte zusammenziehen; diese Operation wäre gefährlich gewesen, wenn damals die Ausgänge Italiens nicht mit Schnee bedeckt gewesen wären. Auch der Uebergang vom Defensivsystem zur Offensivstand ist eine der schwierigsten Operationen. Serrurier mußte sich mit seiner Division in Garezzio aufstellen, um das Lager zu beobachten, worin der General Colli bei Ceva stand. Massena und Augereau mußten in Loano, Finale und bis nach Savona in Reserve bleiben. Laharpe sezte sich in Marsch, um Genua zu bedrohen; sein Vortrab, unter dem Commando von Cervoni, besezte Voltri. In demselbigen Augenblick ließ der Obergeneral den Senat von Genua um den Durchgang bei der Bochetta und um die Schlüssel von Gavi ersuchen, und dabei zu wissen thun, er wollte nach der Lombardei vordringen, und sich mit seinen Operationen an die Stadt Genua anlehnen. Es entstund darüber ein gewaltiger Lärm in Genua, die Räthe berathschlagten unaufhörlich.


Schlacht von Montenotte, am 11ten April.Bearbeiten


SectieMontenotte

Gefechte vom Monte Legino bis Mondovi, April 1796.

SectieMonteLegino

Vertheidigung der Schanze von Monte Legino von René Théodore Berthon.

Beaulieu wurde hierüber aufmerksam, und rückte in aller Eile von Mailand aus, um Genua zu Hülfe zu kommen. Er versezte sein Hauptquartier nach Novi, vertheilte seine Armee in drei Corps: das zur Rechten unter dem Befehl des Generals Colli, das aus Piemontesern bestand, hatte sein Hauptquartier in Ceva; es sollte die Stura und den Tanaro beschützen. Das Centrum, unter dem Commando von Dargentau, marschirte nach Montenotte, um die französische Armee vermöge eines Angriffs auf ihre Flanke abzuschneiden, und ihr in Savona den Weg nach der Corniche zu verwehren. Beaulieu in eigener Person zieht mit seinem linken Flügel Genua zu Hülfe und gegen Voltri.

Auf den ersten Anblick sollte man glauben, dieser Plan sey gut berechnet; allein bei näherer Untersuchung der Umstände findet man, daß Beaulieu seine Macht vertheilte, wobei jede unmittelbare Communikation zwischen seinem Centrum und seinem linken Flügel unterbrochen und nur hinter den Gebirgen herum möglich war; dagegen die französische Armee so gestellt war, daß sie sich in wenigen Stunden zusammenziehen und in Masse über das eine oder das andere der feindliche Corps herfallen konnte; war einmal eins von beiden geschlagen, so mußte sich das andere durchaus zurückziehen.

Der General Dargentau, welcher das Centrum der feindlichen Arme kommandirte, rückte den 9ten April vor, und kampirte an diesem Tage in Unter-Montenotte. Den 10ten zog er gegen Monte-Legino, um bei der Madonne herauszukommen. Der Oberste Rampon, welchem die Bewachung der drei Redouten von Monte-Legino übertragen worden war, hatte Nachricht von dem Anzug des Feindes erhalten, und ging mit einer starken Begleitung auf Rekognoscirung. Diese kam wieder zurück, der Feind folgte ihr von Mittag an bis um zwei Uhr, wo sie nun wieder die Redouten besezte. Dargentau machte den Versuch, diese auf einmal wegzunehmen; er wurde aber in drei Angriffen nach einander zurückgeschlagen; er gab dann die Sache auf. Da seine Leute abgemattet waren, so nahm er seine Stellung, und verschob es auf den andern Tag, diese Redouten zu umgehen, wo sie dann von selbst fallen würden.

Beaulieu seiner Seits rückte den 9ten gegen Genua vor. Den ganzen Tag über hatte Laharpe am 10ten mit seinen Vorposten, vorwärts über Voltri hinaus, zu thun, um ihm die Bergschlünde streitig zu machen, und ihn zurückzuhalten. Aber Abends vom 10ten zog er sich auf Savona zurück, und am 11ten mit Tagesanbruch befand er sich mit seiner ganzen Division hinter Rampon und hinter den Redouten von Monte-Legino.

In eben derselben Nacht vom 10ten auf den 11ten marschirte der Obergeneral mit den Divisionen Massena und Augereau über die Bergspitze von Cadibonne, und kam hinter Montenotte heraus. Mit Tagesanbruch wurde nun Dargentau, der sich auf diese Art von allen Seiten umgeben sah, durch Rampon und Laharpe von vornen, und durch den Obergeneral von hinten und auf der Flanke angegriffen. Die Niederlage war vollkommen; das Corps von Dargentau wurde ganz aufgerieben; gerade in diesem Zeitpunkt erschien Beaulieu bei Voltri, aber er traf hier niemand mehr an.

Erst am 12ten erfuhr dieser General das Unglück bei Montenotte, und das Eindringen der Franzosen in das Piemontesische. Da mußte er alsdann in aller Geschwindigkeit seine Truppen wieder denselbigen Marsch rückwärts machen, und auf eben den schlechten Wegen zurückgehen lassen, auf welchen er vermöge seines Plans genöthigt gewesen war, sich einzulassen.

Daraus folgte weiter, daß drei Tage nachher, bei der Schlacht von Millesimo, nur ein Theil seiner Truppen zu rechter Zeit auf dem Wahlplatze ankommen konnten.


Schlacht von Millesimo, 14ten April.Bearbeiten


Den 12ten war das Hauptquartier der französischen Armee in Carcari; die geschlagene Armee hatte sich zurückgezogen, und zwar die Piemonteser nach Millesimo und die Oestreicher gegen Dego. Diese beiden Positionen hingen mit einander vermöge einer piemontesischen Division zusammen, welche die Anhöhen von Biestro besetzen sollte.

In Millesimo waren die Piemonteser auf dem Wege aufmarschirt, welcher nach Piemont führt; zu ihnen stieß Colli mit Allem, was er vom rechten Flügel an sich ziehen konnte.

In Dego hatten die Oestreicher die Stellung genommen, um den Weg nach Aqui, was die gerade Landstraße nach Mailändischen ist, zu versperren; zu ihnen stieß nach und nach Alles, was Beaulieu von Voltri mit sich zurückführen konnte; hier waren sie im Stande, Verstärkungen aus der Lombardei an sich zu ziehen.

Auf diese Art waren die beiden Ausgänge aus dem Piemontesischen und aus dem Mailändischen gesichert; der Feind schmeichelte sich, Zeit genug zu gewinnen, um sich dort festzusetzen und zu verschanzen.

So vortheilhaft auch die Schlacht von Montenotte für uns gewesen war, so hatte doch der Feind in seiner Ueberlegenheit der Anzahl das Mittel gefunden, seinen Verlust wieder zu ersetzen; aber schon den dritten Tag nachher eröffnete uns die Schlacht von Millesimo die beiden Wege nach Turin und nach Mailand.

Augereau, dessen Division den linken Flügel der französischen Armee ausmachte, zog gegen Millesimo; Massena mit dem Centrum marschirte gegen Dego, und Laharpe, der den rechten Flügel kommandirte, rückte auf den Anhöhen von Cairo an.

Der Feind hatte seinen rechten Flügel dergestalt angelehnt, daß er die Hügel von Cosseria, auf welchen man die beiden Arme der Bormida bestreichen konnte, besetzen ließ; aber schon am 13ten ging der General Augereau, der in der Schlacht von Montenotte nicht zum Gefechte gekommen war, mit solcher Heftigkeit auf den rechten Flügel des Feindes los, daß er ihm die Bergschlünde von Millesimo wegnahm, und die Hügel von Cosseria umzingelte. Provera, der den Vortrab, 2000 Mann stark, kommandirte, wurde hier abgeschnitten. In dieser verzweifelten Lage wollte er sich durch Kühnheit heraushelfen; dieser General flüchtete sich in die Ruinen eines alten Bergschlosses und verrammelte sich darin. Hier sah er von oben herunter zu, wie der rechte Flügel der sardinischen Armee sich zur Schlacht auf den folgenden Tag gefaßt machte, wo er alsdann hoffte, wieder frei zu werden.

Colli konnte in der Nacht mit allen seinen Truppen aus dem Lager von Ceva ankommen. Man fühlte also, wie wichtig es gewesen wäre, wenn man noch demselben Tage sich des Schlosses von Cosseria hätte bemächtigen können; allein dieser Posten war fest; es gelang nicht.

Den Tag darauf kamen die beiden Armeen an einander. Massena und Laharpe nahmen Dego nach einem hartnäckigen Gefechte, und Menars und Joubert die Anhöhen von Biestro weg. Alle Angriffe von Seiten des Generals Colli, um Cosseria zu befreien, waren vergebens; er wurde geschlagen und, das Schwerdt in den Rippen, verfolgt. Provera mußte das Gewehr strecken. Der Feind, den man in den Bergschlünden von Spigno lebhaft verfolgte, verlor hier einen Theil seiner Artillerie, nebst vielen Fahnen und Gefangenen.

Nun sah man ganz deutlich, daß die beiden Armeen, nämlich die Oestreichische und die Sardinische von einander getrennt waren. Beaulieu versezte sein Hauptquartier nach Acqui, auf der Landstraße nach dem Mailändischen, und Colli zog nach Ceva, um die Vereinigung mit Serrurier zu verhindern, und Turin zu decken.


Treffen bei Dego, den 15ten April.Bearbeiten


Mitlerweile kam eine Division östreichischer Grenadiere, welche von Voltri her über Sassello ihre Richtung hatte nehmen müssen, Morgens um drei Uhr in Dego an. Diese Stellung war nur noch von Vorposten besezt. Die Grenadiere nahmen mithin das Dorf mit leichter Mühe hinweg, und es entstand darüber im französischen Hauptquartier ein großer Lärmen, weil man nicht wohl begreifen konnte, wie es möglich war, daß die Feinde in Dego stünden, während wir Vorposten auf der Straße von Acqui hatten. Nach einem sehr hitzigen zweistündigen Gefechte wurde Dego wieder erobert, und die feindliche Division beinahe ganz gefangen genommen.

Wir verloren bei diesen Vorfällen den General Banel in Millesimo, und den General de Cauße in Dego. Diese beiden Generale besaßen die glänzendste Tapferkeit; sie kamen beide von der Armee der östlichen Pyrenäen, und man wußte, daß alle Offiziere, welche von dieser Armee herkamen, durch Ungestüm im Angriff und Muth sich auszeichneten. In dem Dorfe Dego fiel Napoleon zum erstenmal ein Bataillonschef auf, den er zum Obersten machte; es war Lannes, welcher nachher Reichs-Marschall, Herzog von Montebello wurde, und in welchem sich die größten Talente entwickelten. Man wird in der Folge sehen, wie er beständig an allen wichtigen Kriegsvorfällen den größten Antheil hatte.

Der französische General richtete seine Operationen gegen Colli und den König von Sardinien, und begnügte sich damit, die Oestreicher blos im Schach zu halten. Laharpe mußte bei Dego zur Beobachtung stehen bleiben, um unsern Rücken zu decken und um Beaulieu, der, sehr geschwächt, sich blos mit Wiederzusammenziehung und Wiederorganisirung der Trümmer seiner Armee beschäftigte, zurückzuhalten.

Da die Division Laharpe genöthigt war, mehrere Tage hindurch in dieser Stellung zu bleiben, so litt sie sehr durch den Mangel an Lebensmitteln, weil es an Transportmitteln fehlte, und das Land durch den Aufenthalt so vieler Truppen erschöpft war; auch entstanden daraus einige Unordnungen.

Serrurier hatte in Garessio von den Schlachten von Montenotte und Millesimo Nachricht erhalten, sezte sich in Bewegung, bemächtigte sich der Anhöhe von St. Jean, und besezte Ceva an demselben Tage, an welchem Augereau auf den Anhöhen von Monte-Zemoto erschien.

Am 17ten räumte Colli, nach einigen unbedeutenden Gefechten, Ceva, nebst den Anhöhen von Monte-Zemoto, und zog sich hinter die Cursaglia zurück. An demselben Tage verlegte der Obergeneral sein Hauptquartier nach Ceva. Der Feind hatte hier seine ganze Artillerie im Stiche gelassen, weil er nicht mehr Zeit dazu gehabt hatte, sie mit sich fortzunehmen, und sich damit begnügt, in das Schloß Besatzung zu legen.

Es war ein herrlicher Anblick, diese Ankunft der Armee auf den Anhöhen von Monte-Zemoto; man sah von hier die unermeßlichen und fruchtbaren Ebenen von Piemont. In der Ferne schlängelte sich der Po, der Tanaro und eine Menge anderer Flüsse; eine weiße Einfassung von Schnee und Eis, in einer ungeheuren Höhe, begränzte am äußersten Horizont dieses reiche Becken das gelobten Landes. Diese riesenmäßigen Schranken, gleich den Gränzen einer andern Welt, fest durch die Natur, noch fester durch die Kunst, - sie waren wie durch Zauberei gefallen! "Hannibal überstieg die Alpen," sagte der französische General, indem er seine Blicke gegen diese Berge erhob; "wir dagegen, wir haben sie umgangen." Ein glücklicher Ausdruck, der mit zwei Worten den ganzen Gedanken und zugleich das Resultat des Feldzugs aussprach!

Die Armee ging über den Tanaro. Zum erstenmale befanden wir und völlig in der Ebene, und von nun an konnte uns die Cavalerie von einigem Nutzen seyn. Der General Stengel, welcher dieselbe kommandirte, ging bei Lezegno über die Cursaglia, und durchstrich die Ebene.

Das Hauptquartier wurde nach dem Schlosse von Lezegno verlegt, auf dem rechten Ufer der Cursaglia, ganz nahe bei ihrem Einfluß in den Tanaro.


Gefecht bei St. Michel, Schlacht von Mondovi am 20sten und 22sten April.Bearbeiten


Der General Serrurier zog seine Truppen in St. Michel zusammen. Den 20sten ging er über die Brücke von St. Michel; zu gleicher Zeit ging Massena über den Tanaro, um die Piemonteser anzugreifen. Allein Colli, der das Gefährliche seiner Stellung einsah, verließ den Zusammenfluß der beide Flüsse, und zog voran, um selbst in Mondovi Stellung zu nehmen. Durch Zufall befand er sich gerade in demselben Augenblick, als der General Serrurier über die Brücke hervorrückte, mit seinen Truppen vor St. Michel. Er machte Halt, ging ihm mit überlegener Macht entgegen, und zwang ihn zum Rückzug. Serrurier würde sich jedoch in St. Michel gehalten haben, wenn eines von seinen leichten Infanterie-Regimentern sich nicht mit Plündern abgegeben hätte.

Der französische General rückte den 22sten über die Brücke von Torre vor und zog sich nach Mondovi. Colli hatte dort bereits einige Redouten angelegt, und förmlich Stellung genommen; nämlich mit seinem rechten Flügel in Notre-Dame de Devico, und mit seinem Centrum in der Bicoque. Noch an demselben Tage nahm Serrurier die Redoute von der Bicoque, und entschied damit das Schicksal der Schlacht, welcher man den Namen der Schlacht von Mondovi gegeben hat.

Der General Stengel hatte sich in der Ebene mit etwa tausend Mann zu weit entfernt, und wurde von den Piemontesern, die doppelt so stark waren als er, angegriffen. Er traf alle Anstalten, die man nur von einem vollendeten General erwarten konnte, und bewerkstelligte gerade seinen Rückzug gegen seine Verstärkungen, als die bei einem Angriff eine tödtlichen Säbelstich bekam. Der General Murat trieb die Piemonteser an der Spitze der Cavalerie zurück, und verfolgte sie nun wiederum von seiner Seite einige Stunden lang.

Der General Stengel, ein Elsasser, war ein vortrefflicher Husarenoffizier; er hatte unter Dumourier in den nördlichen Feldzügen gedient, war gewandt, verständig, rasch; er vereinigte die Eigenschaften eines jungen Mannes mit jenen des höhern Alters; er war ein wahrer Vorpostengeneral. Zwei oder drei Tage vor seinem Tode war er der erste gewesen, der in Lezegno eindrang. Einige Stunden nach ihm kam dort der französische Obergeneral an, und alles, was man auch zu wünschen hatte, war bereits vorhanden. Die Engpässe, die Fuhrten, waren schon untersucht, Fuhren bestellt, der Pfarrer, der Postmeister verhört, Einverständnisse mit den Einwohnern angeknüpft, Spione waren nach verschiedenen Richtungen hin ausgeschickt; die Briefe auf der Post in Beschlag genommen, und diejenigen, woraus man nützliche Nachrichten ziehen konnte, übersezt; sogar alle Maßregeln waren genommen, um Magazine von Lebensmitteln zur Erfrischung der Truppen anzulegen. Zum Unglück hatte Stengel ein kurzes Gesicht, was beim Soldatenhandwerk ein wesentlicher Fehler ist; dieser unselige Umstand verursachte seinen Tod.

Nach der Schlacht von Mondovi marschirte der Obergeneral gegen Cherasco; Serrurier zog gegen Fossano, und Augereau gegen Alba.


Wegnahme von Cherasco, am 25sten April.Bearbeiten


Diese drei Kolonnen zogen am 25sten April zu gleicher Zeit in Cherasco, Fossano und Alba ein. Das Hauptquartier von Colli war in Fossano noch am demselben Tage, an welchem Serrurier ihn daraus vertrieb. Cherasco an der Mündung der Stura und des Tanaro, war fest, aber schlecht mit Waffen und gar nicht mit Proviant versehen, weil es kein Gränzplatz war.

Der französische General hielt es für einen sehr wichtigen Vortheil, diesen Platz in seinem Besitze zu haben. Er traf da Kanonen an, und ließ thätig daran arbeiten, den Platz in Vertheidigungsstand zu setzen. Der Vortrab ging über die Stura, und rückte noch weiter als das Städtchen Bra vorwärts.

Während der lezten Zeit hatten wir durch die Vereinigung mit Serrurier das Mittel erhalten, mit Nizza über Ponte-Dinava zu kommuniciren; wir bekamen von dort Artillerie, und alles, was man hatte verfertigen können. Man hatte in allen den mancherlei Gefechten, viele Kanonen und Pferde weggenommen; in der Ebene von Mondovi hob man auf allen Seite Pferde aus. Wenige Tage nach der Besetzung von Chersco besaß die Armee 60 Stück Geschütz mit allem Zugehör; die Cavalerie erhielt Remontepferde. Die Soldaten waren während der acht oder zehn Tage dieses Feldzugs aller Austheilung von Lebensmitteln beraubt gewesen, aber jezt fingen sie an, dieselben regelmäßig zu erhalten. Die Plünderung und die Unordnungen, welche gewöhnlich mit raschen Bewegungen verbunden sind, hörten auf, die Mannszucht wurde wieder hergestellt, und alle Tage bekam die Armee ein anderes Ansehen, mitten unter diesem Ueberfluß und vermöge der Hülfsmittel, die dieses schöne Land darbot. Was man verloren hatte, wurde wieder herbeigeschafft durch die Raschheit der Bewegungen, durch die Heftigkeit der Truppen im Angriff, und besonders durch die Vorsicht, sie beständig dem Feind in gleicher und bisweilen in überlegener Anzahl entgegen zu führen; nebst den beständigen Vortheilen, die man erfochten hatte, waren viele Menschen geschont worden; überdieß kamen die Soldaten durch alle Pässe des Landes, aus alle Depots, aus allen Spitälern, auf die bloße erste Nachricht vom Siege und von dem Ueberflusse, der bei der Armee herrschte. Man fand in Piemont alle Arten von Weinen; die von Monferrat glichen den französischen. Bisher war der Mangel in der französischen Armee so groß gewesen, daß man es kaum wagen konnte, eine Beschreibung davon zu machen. Seit mehrern Jahren erhielten die Offiziere nicht mehr als 8 Franken monatlich, und der Generalstab war ganz unberitten. Der Marschall Berthier hat unter seinen Papieren einen Tagsbefehl von Albenga aufbehalten, worin jedem General eine Vergütung von drei Louisd'ors an gewiesen war.


Waffenstillstand von Cherasco, am 28sten April.Bearbeiten


Die Armee war nur noch zehn französische Lieues von Turin entfernt. Der sardinische Hof wußte nicht mehr, wozu er sich entschließen sollte; seine Armee war muthlos geworden, und zum Theil aufgerieben. Die östreichische Armee, mehr als die Hälfte geschmolzen, schien auf nichts weiter zu denken, als Mailand zu decken. Die Gemüther waren in Piemont in Gährung, und es fehlte viel, daß der Hof das öffentliche Zutrauen besessen hätte. Er unterwarf sich der Discretion des französischen Generals und verlangte einen Waffenstillstand; dieser willigte ein. Manche hätten gewünscht, die Armee hätte vielmehr weiter vorrücken und Turin wegnehmen sollen. Allein Turin ist eine Festung; hätte man uns die Thore davon verschließen wollen, so hätten wir einen Artilleriepark nöthig gehabt, um sie zu öffnen, und diesen hatten wir nicht. Der König hatte noch eine große Anzahl Festungen, und trotz aller Siege, die man davon getragen hatte, konnte der geringste Unfall, der unbedeutendste Eigensinn des Glücks Alles wieder über den Haufen werfen. Die beiden feindlichen Armeen, unerachtet aller ihrer häufigen Verluste, waren der französischen Armee noch gleich; sie hatten eine beträchtliche Artillerie, und besonders eine Cavalerie, die noch gar nicht gelitten hatte. Trotz aller Siege war die französische Armee selbst darüber befremdet, man stuzte noch immer über die Größe der Unternehmung; man zweifelte an der Möglichkeit des glücklichen Ausgangs, wenn man die Mittel, die so unbedeutend waren, in Betracht zog. Der geringste zweideutige Vorfall hätte mithin zur Folge gehabt, daß alsdann eine Menge Leute die Unternehmung übertriebener Weise getadelt haben würden. Offiziere, sogar Generale, konnten nicht begreifen, wie man an die Eroberung von Italien mit so wenig Artillerie, beinahe ohne Cavalerie, und mit einer so geringen Armee, welche durch Krankheiten, und bei der Entfernung vom Vaterlande noch täglich geschwächt werden konnte, denken mochte. Man findet die Spuren dieser Gesinnungen der Armee in nachstehender Bekanntmachung, welcher der Obergeneral an seine Soldaten in Cherasco erließ:

"Soldaten! Ihr habt innerhalb 14 Tagen 6 Siege erfochten, 21 Fahnen erobert, 55 Stück Kanonen, mehrere Festungen weggenommen, und die reichsten Theile Piemonts besezt. Ihr habt 15,000 Mann zu Gefangenen gemacht, über 10,000 getödtet oder verwundet. Ihr leistet heutzutage dieselben Dienste, welche die holländische und die Rhein-Armee durch ihre Eroberungen geleistet hatten. Es mangelte Euch an Allem, Ihr habt Euch Alles anzuschaffen gewußt. Ihr habt Schlachten ohne Kanonen gewonnen, Ihr seyd ohne Brücken über Flüsse gegangen, habt forcirte Märsche ohne Schuhe gemacht, ohne Branntwein und manchmal ohne Brod bivouakirt. Nur die republikanischen Phalangen, nur die Soldaten der Freiheit konnten aushalten, was ihr gelitten habt! Ich danke Euch dafür, Soldaten! Das Vaterland wird ebenfalls dafür dankbar erkennen, daß es zum Theil Euch seine Glückseligkeit schuldig ist; und wenn Ihr schon als Sieger bei Toulon den unvergeßlichen Feldzug von 1793 ahnen ließt, so lassen Eure jetzigen Siege einen andern, noch schönern ahnen."

"Die beiden Armeen, die vor Kurzem keck Euch angriffen, fliehen nun im Schrecken vor Euch; jene übelgesinnten Menschen, welche über Eure Entblößung spotteten, in ihren Meinung bereits sich der Triumphe unserer Feinde freuten, sind bestürzt und zittern. Gleichwohl dürft Ihr, Soldaten, Euch nicht täuschen, Ihr habt Nichts gethan, so lang noch Etwas zu thun übrig ist. Ihr besizt weder Turin noch Mailand. Ueber der Asche des ehemaligen Besiegers des Tarquinius wandeln noch die Meuchelmörder Bassevilles. Zu Anfang des Feldzugs mangelte es Euch an Allem, jezt seyd Ihr im Ueberfluß, Ihr habt dem Feinde zahlreiche Magazine genommen; das Belagerungsgeschütz und die Feldstücke sind angekommen. Soldaten! Ohne Zweifel sind die größten Schwierigkeiten bereits besiegt; aber noch sind Schlachten zu liefern, Städte zu erobern, Flüsse zu übergehen. Gibt es Einen unter Uns, dessen Muth wanke? Ist Einer oder der Andere, der lieber nach den Bergen der Appenninen und der Alpen zurückwiche, und dort die Beleidigungen jener sklavischen Soldateske ausdauern wollte? Nein, dergleichen sind nicht unter den Siegern von Montenotte, von Millesimo, von Dego, von Mondovi. Alle brennen vor Eifer, den Ruhm des französischen Volks weiter zu verbreiten. Alle wollen stolzen Könige demüthigen, welche sich erkühnt hatten, Uns in die Sklaverei versetzen zu wollen. Alle wollen ihnen einen ruhmvollen Frieden vorschreiben, wodurch das Vaterland für die unermeßlichen Opfer entschädigt werde, die es gebracht hat. Freunde! ich verspreche Euch eine solche Eroberung; aber unter einer Bedingung, welche Ihr mir mit Eurem Schwure zu erfüllen versprechen müßt, nämlich, daß Ihr die Völker, welche Ihr befreit, mit Achtung behandeln werdet. Ihr müßt die abscheulichen Plünderungen verhüten, welche sich nur Bösewichter, von Euern Feinden dazu aufgefordert, überlassen. Wo nicht, so werdet Ihr nicht die Retter der Völker, Ihr werdet Ihre Plage. Ihr wäret nicht die Ehre des französischen Volks, es würde Euch verläugnen. Eure Siege, Euer Muth, Eure Fortschritte, das Blut Eurer in den Gefechten gefallenen Brüder, Alles wäre verloren, selbst die Ehre und der Ruhm. Was mich betrifft und die Generale, welche Euer Zutrauen besitzen, wir würden uns schämen, eine Armee ohne Mannszucht, ohne Gehorsam zu kommandiren, die kein anderes Gesetz anerkennen wollte, als die Gewalt. Aber da mir die Nationalgewalt übertragen ist; da ich für mich das Gesetz und die Gerechtigkeit habe, so werde ich jener kleinen Anzahl Menschen ohne Muth, ohne Gefühl, die Ehrfurcht für die Vorschriften der Menschlichkeit und der Ehre, welche sie mit Füßen treten, einzuflößen wissen. Ich werde nicht zugeben, daß Räuber Eure Lorbeern beschmutzen. Ich werde das Reglement, was ich zum Tagsbefehl gegeben habe, in Vollziehung bringen. Die Plünderer sollen ohne Gnade erschossen werden; schon ist es Einigen widerfahren. Mit Vergnügen habe ich Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die guten Soldaten sich beeifert haben, die Vollziehung der Befehle zu unterstützen.

"Völker Italiens! die französische Armee kommt, Eure Ketten zu zerbrechen, das französische Volk ist aller Völker Freund; kommt mit Zutrauen derselben entgegen. Euer Eigenthum, Eure Religion und Eure Gebräuche werden in Ehren gehalten werden. Wir wollen den Krieg als großmüthige Feinde führen, und wir wollen Niemand über, als den Tyrannen, welche Euch unterjochen."

Die Verhandlungen wegen des Waffenstillstands hatten im Hauptquartier statt, in der Wohnung des Salmatoris, damaligen Maitre d'Hotel des Königs, welcher seit dieser Zeit Präfekt des Pallasts des Kaisers geworden ist. Der piemontesische General Latour, und der Oberste Lacoste kamen mit der Vollmacht des Königs nach Cherasko. Graf Latour war ein alter Soldat, General-Lieutenant in Sardinischen Diensten, gegen alle neue Ideen sehr eingenommen, wenig unterrichtet und ziemlich unfähig. Der Oberste Lacoste, gebürtig aus Savoyen, war ein Mann in der Blüthe des Alters, er drückte sich mit Leichtigkeit aus, hatte viel Geist, und erschien auf eine Art, die für ihn einnahm. Die Bedingungen waren, der König sollte von der Koalition abstehen, und eine Bevollmächtigten nach Paris schicken, um dort wegen des definitiven Friedens zu verhandeln; bis dahin sollte Waffenstillstand seyn; bis zum Frieden oder bis zum Bruche der Verhandlungen sollten Ceva, Coni, Tortona, oder in dessen Ermanglung Alexandria sogleich der französischen Armee mit der gesammten Artillerie und mit den Magazinen übergeben werden; sie sollte das ganze Land, in dessen Besitz sie damals war, auch fernerhin behalten, Militärstraßen sollten in allen Richtungen bezeichnet werden, um die Kommunikation der Armee mit Frankreich, und von Frankreich aus mit der Armee frei zu machen; Valence solle sogleich von den Neapolitanern geräumt und dem französischen General so lange übergeben werden, bis er seinen Uebergang über den Po bewerkstelligt haben würde. Endlich sollten die Landmilizen verabschiedet, und die regulären Truppen so in den Besatzungen auseinander verlegt werden, daß die französische Armee dadurch nicht beunruhigt werden könnte. Von nun an konnten also die Oestreicher, ganz abgesondert, bis ins Innere der Lombardei verfolgt werden. Alle Truppen der Alpen-Armee und der Nachbarschaft von Lyon wurden disponibel, und konnten zur Armee stoßen. Unsere Kommunikationslinie mit Paris war um die Hälfte abgekürzt; endlich hatte man Anlehnungspunkte und große Depots von Artillerie, um Belagerungsequipagen zu formiren, sogar um Turin zu belagern, im Fall das Direktorium den Frieden nicht abschlösse.


Karten.Bearbeiten

[3]


GefechteMonteLeginoMondovi 796


Quellen.Bearbeiten

  1. Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Jahrgang 1796.
  2. Denkwürdigkeiten von Sanct-Helena, oder Tagebuch, in welchem alles, was Napoleon in einem Zeitraume von achtzehn Monaten gesprochen und gethan hat, Tag für Tag aufgezeichnet ist. Von dem Grafen von Las Cases. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Gotta'schen Buchhandlung. 1823.
  3. Der Feldzug von 1796 in Italien. Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz. Berlin, bei Ferdinand Dümmler. 1833.
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