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Bericht über den letzten Feldzug Bonaparte's und die Schlacht von Mont-Saint-Jean, auch genannt von Waterloo oder Belle-Alliance.Bearbeiten

[1]
Von einem Augenzeugen.

Aus dem Französischen *).

Wir theilen hier den Lesern den Bericht eines Augenzeugen über die Ereignisse der ewig denkwürdigen Tage vom 16. bis zum 18. Juni d. J. mit. Die Unparteilichkeit des Verfassers gibt dieser Darstellung einen besondern Werth, und durch sie wird mancher Moment der gleich zu Anfang erschienenen Militärberichte aufgehellt und ergänzt. Wir hoffen nächstens auch den Bericht des Englischen General Scott **) liefern zu können, der in diesen Tagen in London erschienen ist und von Kennern für das Vorzüglichste gehalten wird, was bis jetzt in England über diesen Gegenstand geschrieben wurde.

*) Relation fidèle et détaillée de la dernière campagne de Buonaparte, terminée par la bataille de Mont-Saint-Jean, dite de Waterloo ou de la Belle-Alliance; par un temoin oculaire. Paris, 1815.
**) An authentic Narrative embracing every Particular to the servere conflict on the Plains of Waterloo. By Lieut. General Scott.
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Die Armeen zogen sich allmählig an den Grenzen zusammen. Die Nordarmee, welche die zahlreichste war, stand gegen Anfang des Juni in sehr ausgedehnten Kantonnirungen in den Departementern des Norden und der Aisne, wo sie echelonsweise vertheilt war.

Sectie1815Campagne

Karte von der Feldzug 1815.

Das große Hauptquartier war in Laon. Das 1. Korps stand in Valenciennes und das 2. in Maubeuge. Durch ihren rechten Flügel war sie mit der Armee der Ardennen und der der Mosel in Verbindung, ihr linker stützte sich auf Lille. Da sie größtentheils aus alten Soldaten, die seit kurzem wieder in ihre Reihen eingetreten waren, bestand, so war sie von einem großen Muthe beseelt und von einer glühenden Begeisterung für Bonaparte entflammt. Sie lebte in dem besten Einverständnisse mit den Bewohnern des Departements der Aisne, die den bevorstehenden Krieg als einen Nationalkrieg betrachteten, und mit vielem Eifer und großer Thätigkeit alle mögliche Vertheidigungsanstalten trafen, um einen neuen Einfall von ihrem Gebiete abzuwehren und den Feind in seinem Marsche aufzuhalten. Allenthalben befestigte man die Städte, errichtete Brückenköpfe, legte verhaue an, selbst Verschanzungen führte man auf den Straßen und in den Defileen auf.

Die Nationalgarden bewaffneten sich mit großem Eifer, und die ganze Bevölkerung zeigte das Vorhaben, sich bei Annäherung des Feindes in Masse zu erheben. Derselbe Geist offenbarte sich in allen Departementern Frankreichs, die im J. 1814 der Kriegsschauplatz gewesen waren, das Departement des Norden ausgenommen, das ganz entgegengesetzte Gesinnungen laut aussprach und mit einer Ungeduld, die es gar nicht zu verbergen suchte, die Gegenwart der Truppen ertrug. Man konnte von ihm nicht einen einzigen Soldaten erhalten, und die Nationalgarden weigerten sich hartnäckig, zu marschiren.

Im Allgemeinen rechnete die Armee beim Ausbruch der Feindseligkeiten auf die kräftige Mitwirkung der Einwohner, und diese wieder, die größtentheils glaubten, daß die Alliirten im J. 1814 nur durch eine Reihe aufeinanderfolgender Verräthereien in Frankreich eingedrungen wären, setzten ihr ganzes Vertrauen auf die Armee.

Man erwartete also mit einer vollkommenen Sorglosigkeit die Eröffnung der Feindseligkeiten, und die Armee, friedlich in ihren Kantonnirungen, aber ungeduldig. sich zu schlagen, beklagte sich über nichts, als über die Zögerung der Alliirten, sich zu zeigen.

Dieß war die Lage der Dinge, als man erfuhr, daß die Garde, nach Beendigung des Maifeldes, Paris verlassen habe und sich in Eilmärschen nach Laon wende, und das Bonaparte einige Tage darauf ihrer Bewegung gefolgt sei und sich in größter Eile nach den Grenzen begebe. Wirklich sah man ihn auch fast zu gleicher Zeit, als jene, in Vervins eintreffen, wo er sich an die Spitze der Armee setzte, die ihre Quartiere verlassen hatte, um sich zusammenzuziehen. Der Durchmarsch der Truppen durch Vervins und Avesnes dauerte mehrere Tage hindurch fort.

Man glaubte noch nicht allgemein, daß es seine Absicht sei, anzugreifen, sondern hielt es vielmehr für wahrscheinlich, daß sich die Armee an die äußersten grenzen begeben werde, um eine Vertheidigungslinie zu besetzen. Uebrigens zeigte er auf seinem Durchzuge seine gewöhnliche Thätigkeit, hielt Revüen, besichtigte in den Städten, durch welche er kam, die Festungswerke im Einzelnen, und ließ keine Gelegenheit vorbeigehen, sich den Truppen zu zeigen.

Bei der Ankunft in Beaumont vereinigte sich die Nordarmee mit der der Ardennen, kommandirt von Vandamme, der sein Hauptquartier in Fumay hatte. Die Armee der Mosel, unter den Befehlen des General Gerard, war in Einmärschen aus Metz aufgebrochen, ging um dieselbe Zeit durch Philippeville und rückte gleichfalls in die Linie ein. So bestand die Nordarmee aus fünf Korps Infanterie, befehligt von den Generallieutenants Erlon, Reille, Vandamme, Gerard und dem Grafen Lobau. Die Kavallerie, unter dem Oberbefehl des Marschall Grouchy, war in vier Korps getheilt, die von den Generalen Pajol, Exelmans, Milhaud und Kellermann befehligt wurden.

Die kaiserliche Garde, 20,000 Mann stark, bildete den Kern dieser schönen Armee, der eine beträchtliche Artillerie, vollkommen gut bespannt und im besten Stande, so wie mehreres Brückengeräthe, folgten. Außer den bei jeder Division befindlichen Batterien, hatte jedes Armeekorps seinen eigenen Reservepark, die Garde vorzüglich führte vortreffliches Geschütz, fast ganz aus neuen Stücken bestehend, bei sich.

Diese Truppen, alles auserlesene und vollkommen gut ausgerüstete Mannschaft, konnten einen wirklichen Bestand von 150,000 Streitern, worunter 20,000 Mann Kavallerie, geben, denen 300 Feuerschlünde folgten.

Aber diese Truppen waren, selbst in ihrem eigenen Vaterlande, ohne alle Disciplin, die allein die Stärke einer Armee ausmacht. Sie behandelten ihre unglücklichen Landsleute mit der äußersten Bedrückung, und machten sich gewissermaßen ein Verdienst daraus, sich allen Ausschweifungen zu überlassen.

Ueberall plünderten sie die Häuser, brachen, unter dem Vorwande, Lebensmittel aufzusuchen, die Thüren ein, mißhandelten die Bauern, und trugen alles fort, was ihnen anstand; sie liegen im Felde, man könne ohne sie keinen Krieg führen, sagten sie, folglich sei ihnen alles erlaubt. Die Verheerungen, die sie anrichteten, können nur mit den Streifzügen barbarischer Horden, die diese in das Gebiet ihrer Nachbarn unternehmen, verglichen werden.

Der größte Theil der Officiere, es ist traurig, es gestehen zu müssen, widersetzte sich diesen schändlichen Plünderungen nur sehr schwach, und duldete sie, indem er mit einer Art von Wohlgefallen antwortete: "Warum sind keine Magazine da? Der Soldat will leben!"

Indeß befand sich unter diesem habgierigen und verheerenden Schwarme doch noch eine große Anzahl Männer von Ehre und Moralität, die über diese abscheulichen Unordnungen seufzten, und nur ungern in dieser rebellischen Armee dienten; aber von der Gewalt der Umstände fortgerissen, wollten sie ihren Meineid gern bemänteln, und suchten sich selbst über die Ursachen des Kriegs damit zu täuschen, daß sie sich den Zweck, das Französische Gebiet vor einem feindlichen Einfalle zu schützen, stets vor Augen hielten. Bloß unter diesem Vorwande, und in der alleinigen Absicht, zur Vertheidigung des Vaterlandes mitzuwirken, betrachteten sie es als ihre erste Pflicht, treu auf ihrem Posten zu bleiben.

Im Innern war die Armee durch eine ähnliche Anarchie, als die war, die außer ihr herrschte, zerrissen; ein unversöhnlicher Haß schien die verschiedenen Korps, aus denen sie zusammengesetzt war, gegen einander zu beseelen, und ein offener Krieg unter ihnen Statt zu finden. Nirgends eine Hingebung, kein gegenseitiges Vertrauen, kein Merkmal von Kameradschaft, überall Stolz, Selbstsucht und Habgierde. Auch unter den Anführern herrschte keine Eintracht; kam der Befehlshaber einer Kolonne oder eines Regiments in einen Ort, den er besetzen sollte, so nahm er, ohne sich um diejenigen, die nach ihm dahin kommen konnten, weiter zu bekümmern, alles, was er vorfand, in Beschlag. Die Häuser, welche Hülfsmittel darboten, wurden mit Wachen besetzt, und ohne ein anderes Recht, als das der ersten Besitznahme, verweigerte man jede Art von Theilung. Sehr oft verdrängte man die Schildwachen mit Gewalt, und er entstanden wirkliche Gefechte. Auf diese Art wurde eine ziemlich große Anzahl verwundet und einige sogar getödtet.

Die kaiserliche Garde, in ihrer Eigenschaft, als Janitscharen des Despoten, gegen die übrigen Truppen äußerst anmaßend, wurde vorzüglich gehaßt. Die verschiedenen Waffengattungen der Kavallerie verfolgten sich, so zu sagen, unter einander mit derselben Erbitterung, und beleidigten durch ein grobes Betragen die Infanterie ungestraft auf alle Art, die Infanterie dagegen drohte der Kavallerie mit ihren Bayonnetten und behandelten sie mit Geringschätzung.

Ein solcher Geist herrschte unter der Armee; sie setzte so ihre Mitbürger in die Lage, daß sie die Gegenwart des wildesten Feindes nicht mehr befürchteten. Wie dem aber auch seyn mag, seit ihrem Aufbruche aus den Kantonnirungen war sie in starken Tagemärschen vorgerückt; die Witterung, obgleich immer stürmisch, war doch ziemlich gut geblieben, und die Wege hatten sich noch nicht so sehr verschlimmert, daß sie die Artillerie und die Bagage hätten aufhalten sollen. Die Bewegungen wurden daher mit einer Geschwindigkeit ausgeführt, die der schnellsten Eile glich. Es war deutlich, daß man den Plan hatte, den Feind durch ein unerwartetes Erscheinen zu überrumpeln, und die reißend schnellen Märsche gaben Gelegenheit zu Vermuthungen, die sich auf einen plötzlichen Einfall in Belgien gründeten. Am 14. war die ganze Armee vereinigt und stand in Linie auf der äußersten Grenze.

Die Ungewißheit, in der man über den Zweck dieser Manövres gewesen war, verschwand jetzt mit der Bekanntmachung nachstehender Proklamation, die als Armeebefehl ausgetheilt und jeder Division und jedem Regimente vorgelesen wurde.

"Soldaten! Heute ist der Jahrestag von Marengo und Friedland, der zwei Mal das Schicksal von Europa entschied. Damals, wie nach Austerlitz und nach Wagram, waren wir zu großmüthig. Wir glaubten den Betheuerungen und Eiden der Fürsten, die wir auf dem Throne ließen! Jetzt, unter sich vereinigt, wollen die die Unabhängigkeit und die heiligsten Rechte Frankreichs antasten. Sie haben den ungerechtesten der Angriffe begonnen. Laßt uns ihnen also entgegengehen! Sie und wir, sind wir nicht noch dieselben?

"Soldaten! Bei Jena waret ihr gegen diese jetzt so anmaßenden, Preußen einer gegen drei, und bei Montmirail einer gegen sechs.

"Diejenigen von euch, die in England kriegsgefangen waren, mögen eich ihre Gefangenschiffe und die entsetzlichen Leiden beschreiben, die die dort erduldet haben.

"Die Sachsen, die Belgier, die Hannoveraner, die Soldaten des Rheinbundes, seufzen, daß sie ihre Arme der Sache der Fürsten, die Feinde der Gerechtigkeit und der Rechte aller Völker sind, leihen müssen. Sie wissen, daß diese Koalition unersättlich ist. Nachdem sie zwölf Millionen Polen, zwölf Millionen Italiener, eine Million Sachsen, sechs Millionen Belgier verschlungen hat, will sie noch die Staaten des zweiten Ranges von Deutschland verschlingen.

"Die Unsinnigen! Ein Augenblick des Glücks verblendet sie. Die Unterdrückung und Demüthigung des Französischen Volks liegen außer ihrer Macht; wenn sie in Frankreich einfallen, sollen sie darin ihr Grab finden.

"Soldaten! Wir haben Eilmärschen zu machen, Schlachten zu liefern, Gefahren zu bestehen, aber, mit Standhaftigkeit wird der Sieg unter unser seyn, die Rechte, die Ehre und das Glück des Vaterlandes werden wieder erobert werden.

"Für jeden Franzosen, der Herz hat, ist der Augenblick gekommen, zu siegen oder zu sterben!"

Es braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden, daß diese Proklamation von einem Haufen unwissender Soldaten, denen einige hochtrabende Worte, die sie nicht verstehen, für die größte Beredsamkeit gelten, mit freudigem Entzücken und lärmendem Beifall aufgenommen wurde.

Die Befehlshaber sprachen mit Schwärmerei von der Pünktlichkeit der Märsche, und hätten, wie sie sagten, die Gegenwart des großen Mannes aus den Resultaten der vereinigten Bewegungen errathen können, denen zu Folge alle Armeekorps, die seit mehreren Tagen auf derselben Straße vermischt durcheinander marschirten, sich drängend und verdrängend, plötzlich aus dem Erdboden herausgekommen schienen, und durch die Wirkungen einer Zaubergewalt vereinigt und in Linie aufgestellt waren. -- Wie verblendet doch das Vorurtheil!

Am 15. mit Tagesanbruch setzte sich die Armee in Bewegung, um in Belgien einzurücken. Das 2. Korps griff die Preußischen Vorposten, die ihm entgegenstanden, an, und verfolgte sie lebhaft bis Marchienne-au-Pont; die Kavallerie dieses Korps hatte Gelegenheit, mehrere Quarrees Infanterie anzugreifen, die sie durchbrach und mehrere hundert Gefangene machte; die Preußen eilten, über die Sambre zurückzukommen.

Die leichte Kavallerie des Centrums folgte auf der Straße von Charleroi der Bewegung des 2. Korps, vertrieb in mehreren aufeinander folgenden Angriffen alles, was sich auf dem linken Ufer der Sambre befand, und warf so den Feind auf das andere Ufer dieses Flusses. Während mehrere zahlreiche Scharfschützen die Brücke vertheidigten, waren die Preußen beschäftigt, sie unbrauchbar zu machen, um unsern Marsch aufzuhalten und Zeit zur Räumung der Stadt zu gewinnen; allein sie wurden mit der größten Lebhaftigkeit angegriffen, und es gelang ihnen nicht, die Brücke völlig zu zerstören; sie hatten ihr einigen Schaden zugefügt, der leicht wieder hergestellt wurde. Die Sapeurs und die Seesoldaten der Garde hatten die Schwierigkeiten, die sich unserm Uebergange entgegenstellten, bald aus dem Wege geräumt. Gegen Mittag war die Arbeit vollendet, die leichte Kavallerie rückte in Charleroi ein und nahm Besitz davon.

Das 2. Korps hatte seinen Uebergang zu Marchienne bewerkstelligt, und rückte auf Gosselies, einen großen Flecken an der Straße nach Brüssel, vor, um zu verhindern, daß die bei Charleroi forcirte Kolonne sich auf diesen Punkt zurückziehe. Die Preußen, über diesen hitzigen Angriff stutzig und von unsern leichten Truppen verfolgt, zogen sich mit vieler Ordnung auf Fleurus zurück, wo sich ihre Armee koncentrirte.

Sie wurden mehreremale von unserer Avantgarde erreicht, die ihnen nicht Zeit ließ, sich aufzustellen, und sich mit unglaublichem Ungestüm auf alle Kolonnen stürzte, die im Begriff waren, Widerstand zu leisten. Die Gegenwart Bonaparte's begeisterte die Französischen Truppen dergestalt, daß sie, ohne sich zurückhalten zu lassen und ohne einen Flintenschuß zu thun, auf den Feind losgingen und sich mit gefälltem Bayonnette mit einer solchen Wuth unter seine Waffen stürzten, daß nichts ihrem ersten Stoße widerstehen konnte.

Die Schwadronen, die den Dienst bei Bonaparte versahen, hieben mehrere Male in die Infanterie ein; bei einem dieser Angriffe wurde der General Letort, Oberster der Garde-Dragoner, tödtlich verwundet.

So nahmen die Franzosen nach mehreren äußerst hartnäckigen und sehr mörderischen Kämpfen, alle Stellungen, wo der Feind sich aufzuhalten suchte, nach und nach weg. Gegen die Nacht hin stellten sie die Verfolgungen ein, und Bonaparte kehrte, nachdem er das 3. Korps auf der Straße von Namur, und das 2. in Gosselies, auf der Straße nach Brüssel, aufgestellt hatte, mit seinem Hauptquartiere nach Charleroi zurück; der übrige Theil der Armee besetzte die umliegenden Dorfschaften.

Die Resultate dieser verschiedenen Kämpfe waren tausend Gefangene, der Uebergang über die Sambre und die Besitznahme von Charleroi, wo man einige Magazine fand; aber der wichtigste Vortheil, der daraus hervorging, war, daß durch diesen ersten glücklichen Erfolg der gute Geist der Truppen neu belebt wurde. Auch benutzte man, nach Bonaparte's Gewohnheit, alles, um Vortheil daraus zu ziehen. Man fing zuerst damit an, die Sache sehr zu übertreiben, und um diese Uebertreibung zu bekräftigen, bediente man sich eines sehr bekannten Kunstgriffs. Man beeilte sich, die Gefangenen zusammenzutreiben, theilte sie in mehrere Kolonnen, und ließ sie, eine hinter der andern, den Korps, die noch zurück waren, auf den Straßen, durch welche sie heranrücken sollten, im Triumph entgegenführen. Man kann leicht denken, daß bei ihrem Anblick das Geschrei: es lebe der Kaiser! in den Lüften wiederhallte, und daß die Soldaten sich dem lebhaftesten Freudenrausche hingaben. Das war eben die Absicht, die man erreichen wollte.

Noch war nicht die ganze Französische Armee über die Sambre gegangen, aber sie stand insgesammt auf Belgischem Gebiete und mitten unter den neuen Unterthanen des Königreichs der Niederlande, die uns mit lautem Geschrei ihre Befreier nannten, und die, so sagte man, nur unsere Gegenwart erwarteten, um in Masse für unsere Sache aufzustehen. Wir fanden wirklich beim Eignang der Dörfer, durch welche wir zogen, einige Gruppen von Bauern, die uns mit dem Geschrei: es lebe der Kaiser! entgegen kamen, aber sie schienen nicht allgemein von einer aufrichtigen Begeisterung beseelt, und sie glichen, um es frei zu gestehen, eher bezahlten Schreiern, als Bürgern, die das Bedürfniß fühlen, ihre wahrhaften Gesinnungen laut werden zu lassen.

Sie nahmen uns wie Sieger auf, deren Wohlwollen man gewinnen muß, waren übrigens nichts als Freunde des Stärkern, und ihr Geschrei sagte deutlich: wir wollen Franzosen seyn, wenn eure Bayonnette es uns zum Gesetze machen, übrigens bitten wir, plündert uns nicht, verheert unsere Felder nicht und behandelt uns wie eure Landsleute!

Aber ihre Bitten wurden nicht gehört, und trotz des Vertrauens, das unsere Soldaten in ihre Freundschaftsbezeigungen setzten, behandelten sie sie dennoch wie ihre erklärtesten Feinde, Verheerung und Raub bezeichneten überall die Spuren der Armee. Sobald die Truppen um irgend ein Dorf herum eine Stellung, wenn auch nur auf Augenblicke, genommen hatten, ergossen sie sich, gleich einem Strome, über die unglücklichen Bewohner desselben, die ihrer Raubgier bloß gestellt waren; Getränke, alle Arten Lebensmittel, Hausgeräthe, Wäsche, Kleidungsstücken, kurz alles war den Augenblick verschwunden. Ein Dorf, wo ein Lager gewesen war, zeigte, wenn es den andern morgen verlassen wurde, nichts, als einen weiten Haufen Ruinen, und man kann sagen, nichts, als einen Schutthaufen, auf dem alles zerstreut war, was zur Ausmöbelirung der Häuser gedient hatte. Die Umgebungen, gewöhnlich mit der reichsten Ernte bedeckt, schienen wie von einem Schloßenwetter verheert zu seyn, und die schwarzen Stellen der Bivouakfeuer, die mitten unter dieser Ernte und auf den zur Streu verwandelten Wiesen zerstreut waren, glichen Stellen, die vom Blitz getroffen worden.

Aus den eingezogenen Erkundigungen ging hervor, daß die Preußischen Vorposten, die doch sehr auf ihrer Hut waren, überrumpelt wurden, und daß die Alliirten, weit entfernt, eine so ungestümen und überhaupt so ernsthaften Angriff zu erwarten, beschlossen hatten, in einigen Tagen auf das Französische Gebiet vorzurücken. Die Einwohner selbst waren sehr erstaunt über unser Erscheinen, in einem Augenblicke, wo sie uns bloß damit beschäftigt glaubten, unsere Grenzen zu besetzen, um sie gegen einen Einfall zu schützen.

Nach diesen Nachrichten, die nichts Bestimmtes angaben, machten sich Jeder seine eigenen Gedanken über den wahrscheinlichen Ausgang des begonnenen Feldzugs. Da die feindliche Armee noch nicht vereinigt wäre, so sähe sie sich auch in der Unmöglichkeit, ihre Koncentrirung zu bewerkstelligen. Auf das lebhafteste verfolgt, könnten sich die getrennten und von allen Seiten umgangenen Korps nur schwach vertheidigen. Wellington wäre noch gar nicht in Bereitschaft, durch eine offensive Bewegung, die er nicht im geringsten vorausgesehen hätte, außer Fassung gebracht, wäre sein ganzer Plan des Feldzuges nichtig, denn die Initiative wäre ja für ihn verloren, nach der er doch alles berechnet habe. Mit einem Worte, ein Vertrauen ohne Grenzen auf Bonaparte, dessen Berechnungen so sicher als bewundernswürdig waren, folglich Vernichtung der Engländer, oder ihre schleunige Einschiffung, eine baldige Ankunft am Rheine, mitten unter dem allgemeinen Zujauchzen der Belgier, die zu ihrer Befreiung in Masse aufstehen würden, und deren ganze Armee nur den Augenblick erwarte, wo sie in die Reihen ihrer alten Streitgenossen eintreten könne!

Am 16., schon um drei Uhr des Morgens, setzten sich die Französischen Kolonnen, die sich noch auf dem rechten Ufer der Sambre befanden, in Bewegung, um ihren Uebergang zu bewerkstelligen, worauf die ganze Armee vorrückte.

Das Kommando des linken Flügels, der aus den zwei ersten Korps Infanterie und aus vier Divisionen Kavallerie bestand, wurde dem Marschall Ney, der den Tag vorher im Hauptquartier angekommen war, übertragen; er erhielt den Befehl, über Gosselies und Frasnes auf der Brüsseler Straße vorzugehen.

Das Centrum nahm seine Richtung auf Fleurus. Es bestand aus dem 3. und 4. Korps; das 6. Korps und die Garde, so wie eine zahlreiche Kavallerie, waren als Reserve aufgestellt, und bildeten die stärkste Masse der Armee. Der Marschall Grouchy manövrirte mit der Kavallerie unter Pajol und einigen Bataillons Infanterie gegen das Dorf Sombreuf, auf der Straße nach Namur.

SectieLignyKrt

Plan der Schlachten bei Ligny u. 4 Bras d. 16 Juni 1815.

Nachdem man aus Fleurus herausgerückt war, entdeckte man bald die Preußische Armee, deren Hauptmassen sich in geschlossenen Kolonnen zeigten, und die Plateaus, die die Mühle von Bussi umgeben, besetzt hatten; sie dehnte sich amphitheatralisch auf der ganzen Länge eines Hügels aus, vor welchem sich eine starke, mit Gebüschen besetzte Vertiefüng befand, die die ganze Linie deckte. Ihr rechter Flügel lehnte sich an das Dorf Saint-Amand, ihr Centrum war in Ligny, und ihr linker Flügel, dessen Ende das Auge nicht erreichen konnte, dehnte sich gegen Sombreuf hin und verlängerte sich weiter auf Gembloux und die Straße nach Namur. Alle diese sehr großen und auf einem ungleichen und durchschnittenen Terrain erbauten Dörfer lagen vorwärts der Vertiefung und waren mit Infanterie besetzt.

Nachdem die Stellung rekognoscirt war, machte Bonaparte sogleich seine Anordnungen zum Angriff. Das 1. Korps, das einen Theil des linken Flügels bildete, wurde mit zwei Divisionen schwerer Kavallerie hinter dem Dorfe Frasnes aufgestellt, in geringer Entfernung rechts von der Brüsseler Straße, um sich erforderlichen Falls auf die Punkte, wo seine Gegenwart nöthig seyn dürfte, begeben zu können. Das 3. Korps ging in Angriffskolonnen auf das Dorf Saint-Amand los, das 4. rückte gegen Ligny vor, von der Garde, dem 6. Korps und einer zahlreichen Kavalleriereserve unterstützt. Der Marschall Grouchy näherte sich mit den Divisionen des rechten Flügels Sombreuf.

Das 3. Korps begann den Kampf mit einem Angriff auf das Dorf Saint-Amand, wo es eine hartnäckigen Widerstand fand, nahm es zwar mit dem Bayonnette, wurde aber, als er schon einen Theil davon besetzt hatte, wieder daraus vertrieben. Das 4. Korps ging eiligst auf Ligny los, und auch die beiden Flügel eröffneten nach und nach das Gefecht, der linke bei Frasnes und der rechte gegen Sombreuf; bald wurde die Schlacht allgemein, und eine heftige Kanonade, die stufenweise zunahm, ließ sich auf der ganzen Linie hören.

Der Kampf wurde mit gleicher Hartnäckigkeit von beiden Seiten fortgesetzt. Man kann sich keinen Begriff machen von der Wuth, welche die Soldaten beider Heere gegenseitig entflammte; es war, als hätte jeder von ihnen eine persönliche Beleidigung zu rächen, und jeder fand an seinem Gegner den unversöhnlichsten Feind. Die Franzosen wollten keinen Pardon geben, und die Preußen, sagte man, hatten geschworen, alle Franzosen, die in ihre Hände fallen würden, niederzumetzeln; vorzüglich richteten sie ihre Drohungen gegen die Garde, gegen welche sie besonders ausgezogen zu seyn schienen. Kurz, auf beiden Seiten zeigte sich die äußerste Erbitterung.

Die Dörfer, welche in dem Kampfplatz lagen, wurden unter dem fürchterlichsten Blutbade mehrere Male genommen und wieder verloren. Besonders ward um Saint-Amand und Ligny mit einer unüberwindlichen Hartnäckigkeit gestritten. Den Franzosen gelang es indeß, sich auf dem Kirchhofe des erstern Dorfes festzusetzen, und sich daselbst, trotz der wiederholten Anstrengungen der Preußen, sie wieder herauszutreiben, zu erhalten; aber der Augenblick war fürchterlich, und der glückliche Erfolg stand auf diesem Punkte so sehr auf dem Spiele, daß Bonaparte in aller Eile nach dem ersten Korps schickte, um sich zu verstärken.

Durch diese Bewegung wurde der linke Flügel, der gegen die Englische Armee, über die er schon einige Vortheile erlangt und sie von den Höhen von Frasnes bis zu dem Vorwerk von Quatre-Bras getrieben hatte, wo letztere eine neue Stellung nahm, in einem lebhaften Feuer stand, bedeutend geschwächt, und die Unbesonnenheit Bonaparte's dem Marschall Ney nichts davon melden zu lassen, daß er ihm einen Theil seiner Streitkräfte entzogen habe, hätte beinahe den gänzlichen Verlust der Schlacht herbei geführt.

Ungefähr eine Stunde nachher, als das 1. Corps nach St. Amand abmarschirt war, ergriff die Englische Armee, welcher der Prinz von Oranien zahlreiche Verstärkungen zugeführt hatte, die Offensive wieder, und warf unsere Tirailleurs und die Angriffskolonnen, denen sie vorangingen, kräftig zurück. Die Engländer standen quer über und zu beiden Seiten der Brüsseler Straße, und hielten den ganzen Saum eines großen Gehölzes, das auf der linken Seite dieser Straße liegt, besetzt. Der ganzen Länge dieses Saumes folgend, zieht sich ein Hohlweg hin, der die Gestalt eines Ravin hat, und Plateau's, mit sehr hohem Getreide bepflanzt, trennen dieses Gehölze von der Straße, deren rechte Seite die Franzosen bis zu einer gewissen Höhe besetzt hatten.

Plötzlich wurden diese Plateau's mit zahlreiche Bataillonsquarrees, unterstützt von einer furchtbaren Kavallerie, bedeckt, die mit großer Dreistigkeit vorrückten und unsere Linie zu durchbrechen drohten. Unsere Truppen schienen zu stutzen und zogen sich gewissermaßen mit Schrecken zurück. Der Augenblick war dringend, man mußte eilen, die Reserven heranzuziehen. Der Marschall Ney war indessen über diese Bedrohungen wenig beunruhigt, denn er rechnete auf das 1. Korps, dem er den Befehl zuschickte, augenblicklich mit gefälltem Bayonnett auf den Feind los zu gehen. Aber wie groß war sein Erstaunen und seine Verlegenheit, als er erfuhr, daß Bonaparte schon darüber verfügt habe.

Sogleich befahl er dem 8. und 11. Kürassierregimente, die unter ihm standen, die ersten Bataillons anzugreifen. Dieser Angriff wurde mit der größten Tapferkeit ausgeführt, aber diese Bataillons, an ein mit Infanterie besetztes Gehölz gelehnt, machten zugleich mit diesen ein so fürchterliches Feuer, daß die Kürassiere, von Flinten- und Kartätschenkugeln ganz bedeckt, sie nicht durchbrechen konnten, sie wurden gezwungen, umzukehren, und zogen sich in Unordnung zurück. Bei diesem Angriffe, der, ob er gleich mißlang, doch mit vieler Kühnheit unternommen wurde, nahm ein Kürassier vom 11. Regiment eine Fahne des 64. Englischen Linienregiments.

Die rückgängige Bewegung, die jetzt merkbar begann, und die Menge von verwundeten Kürassieren und Soldaten, die hinter die Armee zurückströmte, verbreitete daselbst bald großen Schrecken; die Bagage. die Feldlazarethe, die Marketender, die Bedienten, dieser ganze Haufen Leute, die den Armeen nachziehen und nicht fechten, floh eilig davon, und riß alles, was ihm begegnete, mit sich fort quereld ein und auf der Straße nach Charleroi, die bald versperrt wurde. Die Flucht war vollständig und verbreitete sich mit reißender Schnelligkeit, alles floh in der größten Unordnung und schrie: der Feind, der Feind!

Aber das Uebel war nicht so groß, als man anfänglich geglaubt hatte, oder es wurde zum wenigsten schleunig wieder hergestellt. Die Kürassier-Division des General Roussel sprengte in schnellem Trabe den Engländern entgegen, und flößte schon durch ihre Gegenwart den Fliehenden wieder Muth ein. Allein sie brauchte nicht anzugreifen. Unsere Infanterie, die sich in geschlossenen Gliedern und in sehr guter Ordnung zurückzog, leistete tapfern Widerstand und stellte das Gefecht nach und nach wieder her. Bis auf die Höhen von Frasnes zurückgedrängt, stellte sie sich daselbst von neuem auf, und genöthigt, jede Bewegung vorwärts aufzugeben, schlug sie sich den ganzen übrigen Theil des Tages bloß, um sich daselbst fest zu behaupten. Bald wurde die Ordnung hinter der Armee wieder hergestellt, und die Fliehenden hielten an, als sie sahen, daß sie nicht verfolgt wurden.

Das vom linken Flügel weggeführte 1. Korps war indessen nicht gebraucht worden, als es eintraf, hatte das 3. Korps das Dorf St. Amand schon weggenommen. Es erhielt daher Befehl, in die Stellung, die es verlassen hatte, wieder zurückzukehren, und durchlief so, das Gewehr im Arm, das Schlachtfeld vom linken zum rechten und vom rechten zum linken Flügel, ohne auf einem dieser Punkte benutzt zu werden.

Das Feuer dauerte immer mit der größten Lebhaftigkeit auf der ganzen Linie fort, und besonders gegen Ligny, einen Punkt, wo sich die stärksten Streitkräfte befanden, und gegen den man die größten Anstrengungen richtete. Die Kanonade dauerte mit gleicher Heftigkeit fort, und unsere Artillerie richtete, so viel sich schließen ließ, unter den Preußischen Kolonnen, die auf den einen Halbkreis bildenden Hügeln und den sie beherrschenden Plateau's in Masse aufmarschirt standen, und, von keiner Seite gedeckt, alle Schüsse unserer zahlreichen Batterien auffingen, ein große Verheerung an. Unsere Truppen, die fast alle in den tiefen Krümmungen des Terrains versteckt standen, waren den Wirkungen der Preußischen Artillerie weit weniger ausgesetzt. Indeß antwortete letztere doch mit großer Ausdauer, obgleich mit wenig Erfolg.

Gegen sieben Uhr des Abends waren wir Meister der Dörfer, aber die Preußen hatten noch ihre Stellungen hinter der Vertiefung inne. Jetzt ließ Bonaparte, der seit dem Anfange der Schlacht so manövrirt hatte, daß er, wenn es Zeit seyn würde, größere Streitkräfte über diese Vertiefung werfen konnte, um die Preußischen Waffen von den Höhen der Mühle von Bussi, die sie besetzt hielten, zu verjagen, seine Garde und seine ganze Reserve auf das Dorf Ligny vorrücken. Diese kühne Bewegung, deren Ausführung nur durch das, was auf dem linken Flügel vorging, bis jetzt verzögert worden war, hatte zum Zweck, den rechten Flügel der Preußen, der sich hinter St. Amand befand, von dem übrigen Theile der Armee völlig zu trennen und ihm den Rückzug auf Namur abzuschneiden.

Die ganze Garde setzte sich, unterstützt von einer zahlreichen Kavallerie und einer furchtbaren Artillerie, im Geschwindschritt in Bewegung, rückte durch das Dorf vor und warf sich in die Vertiefung, über welche sie auch mitten unter einem Regen von Flinten- und Kartätschenkugeln hinüberkam. Jetzt begann das Feuer, das einen Augenblick nachzulassen geschienen hatte, von neuem mit einer noch nie gehörten Heftigkeit, ein fürchterlicher Kampf entspann sich in dem Augenblicke, wo die Garde aus der Vertiefung horvordrang und mit dem Bayonnette die Preußischen Quarrees angriff, die den Stoß entschlossen aushielten. Aber nichts konnte dem Ungestüm der Französischen Grenadiere widerstehen, die sich unter dem schrecklichsten Gemetzel überall einen Weg bahnten. Kavallerieangriffe wurden zu gleicher Zeit von beiden Theilen ausgeführt und brachten ein furchtbares Handgemenge hervor. Endlich, nach dem hartnäckigsten Widerstande und der erbittersten Vertheidigung, zogen sich die Preußen, von allen Seiten durchbrochen, zurück, und überließen uns das Schlachtfeld, bedeckt mit Todten, Verwundeten, Gefangenen und einigen Feuerschlünden. Die Garde nahm sogleich Besitz von den Plateau's, die sie verlassen hatte, und die Kavallerie fing an sie zu verfolgen.

Während diese entscheidende Unternehmung bei Ligny ausgeführt wurde, suchte das 3. Korps den rechten Preußischen Flügel zu beschäftigen, damit er die Affaire aus dem Gesicht verlöre, deren Zweck war, ihn zu überflügeln; aber es war zu leicht, die ihm gestellte Falle zu entdecken, als daß er sich hätte sollen fangen lassen. Nach der Bewegung der Hauptarmee ordnete er seinen Rückzug an, der von jetzt an auf allen Punkten der Preußischen Armee entschieden war. Nun schlug sich diese Armee nur noch, um den eiligen Marsch ihrer Kolonnen zu decken, die sich in Ordnung, und ohne sich einander den Weg zu versperren, auf Gembloux und Namur zogen.

Die Französische Armee traf sogleich Anstalten, ihre Vortheile zu verfolgen, aber die hereinbrechende Nacht und die den Tag über erlittenen Strapazen verhinderten sie daran. Sie begnügte sich damit, durch die Vertiefung zu gehen und sich aller Stellungen des Feindes zu bemächtigen. Um zehn Uhr schwieg das Feuer auf der ganzen Linie und die Armee schlug Bivouaks auf.

Es waren verschiedene Gerüchte, die sich fast alle widersprachen, über diese Schlacht bei Ligny, deren Resultat übrigens niemals bekannt worden ist, bei der Arme in Umlauf. Anfangs war die Rede von nichts geringerem, als von der gänzlichen Vernichtung der Preußischen Armee, die mehr als 25,000 Todte auf dem Schlachtfelde gelassen, und der man eine gleiche Anzahl Gefangene abgenommen hätte. Nach den ersten Berichten war der Marschall Blücher geblieben, und seine Armee in einer solchen Auflösung, daß der Marschall Grouchy geschrieben haben sollte, er bringe mehr Gefangene, Kanonen und Bagage zusammen, als er wolle.

Das Wahre daran ist, daß dem Marschall Blücher beim Anfang des Rückzugs ein Pferd unter dem Leibe getödtet wurde; als dieses stürzte, kam er unter dasselbe zu liegen, befand sich mitten unter den Französischen Kürassieren und verdankte seine Rettung nur der Dunkelheit der Nacht, die diese verhinderte, ihn während des Tumults des Angriffs zu bemerken. Ferner ist wahr, daß die Franzosen die Stellungen der Preußen, die allem Anschein nach sehr litten, wegnahmen; aber man hat nie genau erfahren, wie groß ihr Verlust war, und daß er nicht so ansehnlich gewesen, als man ihr ankündigte, läßt sich daraus schließen, daß man in dem Armeebefehl nichts erwähnte, was sich hierauf bezogen hätte. Uebrigens war das Schlachtfeld mit Preußischen Leichnamen bedeckt, und die Zahl der Gebliebenen auf ihrer Seite war ungeheuer, allein man sah, mit Ausnahme der Verwundeten, wenig Gefangene.

SceneHerzogBraunschweigHeldentodQuatreBras600x400

Friedrich. Wilhelm, Herzog von Braunschweig-Lüneburg-Oels, findet seinen ruhmvollen Heldentod in der Schlacht von Quatre-Bras d. 16. Iuny 1815.

Auf dem linken Flügel, wo der Kampf, obschon weniger erbittert, doch sehr lebhaft gewesen war, schienen die Engländer ebenfalls viel Leute verloren zu haben; beide Parteien hatten dasselbe Terrain und dieselben Stellungen, die sie beim Anfange des Gefechts inne hatten, behauptet. Man machte den Tod des Herzogs von Braunschweig bekannt, der von dem Feuer der Division, die Jerome Bonaparte gegen den Englischen General Hill kommandirte, gefallen war. Erstere Nachricht bestätigte sich am folgenden Tage, und gab den Französischen Generalen Gelegenheit, dem Exkönig von Westphalen, um ihm den Hof zu machen, einige Artigkeiten über das Verhängniß zu sagen, das den unglücklichen Herzog von Braunschweig verfolge, und indem es ihn immer zu seinem Verderben dem Eroberer seiner Staaten entgenstelle, ihn so zu sagen verdammt habe, von seiner Hand zu sterben, woraus sie ihm denn weißagten, daß das Schicksal ihn wohl zu seinem Nachfolger berufen haben müsse. Man sagte auch, daß Jerome von einer matten Kugel getroffen worden sei. Ohne die Wahrheit dieses Gerüchts, das von zu geringer Wichtigkeit ist, untersuchen zu wollen, kann man hier bemerken, daß diese Art von Kugeln bloß für hohe Personen gemacht sind, deren Tapferkeit man dadurch nur vergrößern will.

Man beklagte sich auf dieser Seite sehr über den Angriff der Kürassiere, dessen Nichtgelingen man alles Unglück, das man hatte erleiden müssen, beimaß, man beschuldigte sie, die feindlichen Bataillons nicht kühn genug angegriffen zu haben, aus deren Mitte sie doch eine Fahne herausgeholt hatten, und ging selbst so weit, sie der Verrätherei verdächtig zu machen. Diese Gerüchte, die sich sehr bald in der Armee verbreiteten, machten einen schlimmen Eindruck auf den Geist der Soldaten; man beeiferte sich, zu verbreiten, das mehrere verrätherische Generale, unter welchen der General Bourmont oben an stand, vor eine Militärkommission gestellt und erschossen werden wären.

Sectie4Bras

Plan der Schlachten bei Ligny u. 4 Bras d. 16 Juni 1815.

Wenn übrigens die Schlacht von Ligny, mit der man die von Quatre-Bras verbinden muß, obgleich sehr blutig, doch keine Resultate gewährte, die einen großen Sieg bezeichnen, so betrachtete man sie dessen ungeachtet als sehr wichtig in Beziehung auf die künftigen Ereignisse des Feldzugs. Alle meinten einstimmig, Bonaparte habe das Ziel, das er sich vorgesteckt, erreicht, und indem er die Englische und Preußische Armee völlig von einander getrennt habe, sei es ihm auch gelungen, alle Verbindung zwischen ihnen abzuschneiden. Dieser Vortheil schien sehr wichtig, und um so größer, da man nur eines schwachen Korps bedürfte, um die Preußen nach den Verlusten, die sie erlitten, zu beobachten und zu verfolgen; dadurch würde es denn der Französischen Armee um so leichter, sich ganz auf die Engländer zu werfen.

In der Absicht, diesen Plan auszuführen, marschirte Bonaparte, nachdem er das 3. und 4. Korps, so wie die Kavallerie des General Pajol, unter den Befehlen des Marschall Grouchy zurückgelassen hatte, um den Preußen zu folgen und sie zu beobachten, am 17., sobald der Tag anbrach, mit seiner Reserve und dem 6. Korps auf Quatre-Bras.

Die Engländer schienen noch dieselbe Stellung inne zu haben, als den Tag vorher; Bonaparte unternahm eine Rekognoscirung und die Französische Armee blieb bis gegen eilf Uhr Vormittags zur Beobachtung zurück, um die Truppen des rechten Flügels zu erwarten, denen man in dem Walde, wie sie ankamen, ihre Stellungen anwies. Es regnete unaufhörlich, und die Feldwege, welche die früheren Regengüsse schon sehr verschlimmert hatten, wurden für die Artillerie gar nicht mehr befahrbar.

Alle Anordnungen zum Angriff waren getroffen, und die sämmtlichen Französischen Massen rückten zugleich in Linie auf die Höhen von Frasnes vor, als wir gewahr wurden, daß die Engländer, wahrscheinlich durch die Nachrichten, die sie über die Schlacht bei Ligny erhalten, dazu veranlaßt, manövrirt hatten, um uns ihrer Rückzug zu maskiren, zu dem sie einen Theil der Nacht und die Zeit des Morgens, während welcher wir unsere Streitkräfte zusammenzogen, verwendet hatten. Die Truppen, die man auf den Plateau's bemerkte, waren nichts anders als ein starker Nachtrab, dazu bestimmt, die Bewegung der Hauptarmee zu unterstützen, der er auch folgte, sobald sie selbige bewerkstelligt hatte. Bonaparte verfolgte ihn sogleich mit der Kavallerie und die ganze Armee beschleunigte ihren Marsch gegen Brüssel.

Die Truppen waren während desselben von unglaublichem Muthe beseelt, sie sahen in dem klugen und vollkommen gut ausgeführten Rückzuge der Engländer nichts, als eine verwirrte Flucht, die nicht eher, als bei ihrer Einschiffung aufhören dürfte. Schon versprach man sich, uns Brüssel überlassen und so schnell als möglich ihre Schiffe zu erreichen suchen. Die Artillerie, die Bagage und die Infanterie stopften sich hin und wieder in ihrer Eile auf der mit dickem und kohlichtem Kothe bedeckten Straße, während die Kavallerie an den Seiten marschirte quer über die Saatfelder hinweg, die überall schön standen, aber gänzlich vernichtet wurden. Die Pferde sanken in der schwarzen, weichen und äußerst lehmichten Erde bis an den Bauch ein, und zogen sich nur mit vieler Mühe wieder heraus. Dieß hielt den Marsch beträchtlich auf und machte ihn selbst beschwerlich. Von Zeit zu Zeit fand man einige zurückgelassene Englische Pulverkarren auf der Straße und Wagen, deren Räder zerbrochen waren.

Man kam über das Schlachtfeld von Quatre-Bras hinweg, das mit Todten und Trümmern bedeckt war, und auf dem noch eine ziemlich große Menge Französischer Verwundeter lagen, die man nicht fortgeschafft hatte. Man konnte sehen, wie mörderisch das Gefecht für beide Theile gewesen war, allein dem Anscheine nach hatten die Engländer weit mehr Menschen verloren, als wir; die Plateaus, die das Gehölze, das sie inne hatten, von der Straße trennt, und besonders der Saum dieses Gehölzes und der hinter diesem Saume befindliche Hohlweg waren mit Haufen von Leichnamen bedeckt, von denen der größte Theil Schotten war. Ihre Tracht, die in einer Art Jacke mit Falten, aus einem braun und blau gestreiften Zeuge besteht, nur bis oberhalb des Knies herabreicht, und folglich einen Theil des Schenkels unbedeckt läßt, zog die Blicke der Französischen Soldaten besonders auf sich; sie belegten sie mit dem Namen Sansculottes.

Bonaparte verfolgte mit seinem Vortrabe die Engländer bis in die Nacht, und hielt nicht eher, als am Eingange des Soigner Waldes an; da setzten die ihm einen Widerstand entgegen, den er an diesem Tage noch zu überwältigen nicht hoffen durfte. Nachdem er sie so lange, als der Tag es gestattete, hatte kanoniren und necken lassen, ließ er seine Truppen eine Stellung nehmen und schlug sein Hauptquartier in dem Meierhofe Caillou, bei Planchenois, auf. Die Hauptmassen der Armee lagerten bei Genappe und in den Umgebungen dieser kleinen Stadt.

Die Nacht war schrecklich; die Truppen, die mitten im Koth und auf den nassen Kornfeldern bivouakirten, und nicht Zeit hatten, sich Hütten zu bauen, litten bei dem fortwährenden Regen, der in Strömen herabfiel, fürchterlich. Was aber diese Nacht für den Soldaten schrecklich, welchem Ungemach setzte sie nicht die unglücklichen Bewohner der von der Armee besetzten Gegend aus, die, von Furcht und Schrecken erfüllt, ihre, allen Verheerungen ausgesetzten Häuser verließen, und sich fragten, ob die Rasenden, die über sie hergefallen, Franzosen oder Tartaren wären, die plötzlich aus den Wüsten Asiens aufgebrochen seien, um sich mit Beute anzufüllen?

Man war allgemein überzeugt, daß die Englische Armee die Nacht dazu verwenden würde, ihre rückgängige Bewegung fortzusetzen, und Niemand zweifelte daran, daß man den folgenden Tag in Brüssel einrücken müsste. So betrachtete man mit Wohlgefallen den Feldzug als beendigt, da man sich schon Meister dieser Stadt glaubte, und annahm, daß der Marschall Grouchy, der in Namur übernachten sollte, an demselben Tage, wo Bonaparte in die Hauptstadt der Niederlande einzöge, unfehlbar in Lüttich einrücken werde. Einige sogenannte Deserteurs, die nichts als Spione waren, versicherten, daß die Belgische Armee nur ein Treffen erwarte, um gänzlich zu uns überzugehen, man sie aber, weil man ihre Stimmung kenne, immer rückwärts stelle; sie fügten hinzu, man sei, seit dem Beginn der Feindseligkeiten, so sehr darauf bedacht gewesen, sie zurückzuhalten, daß man sich nichts zu verwundern habe, wenn sie, trotz der Vorsichtsmaßregeln, die man gegen sie ergriffen, unvermuthet über die Preußen herfallen würden, gegen die sie vor allen einen unversöhnlichen Haß hegten.

SectieBelleAllianceKrt

Plan der Schlachten bei Waterloo od. Belle-Alliance u. Wavre d. 18 Juni 1815.

Wie dem auch seyn mag, der Tag brach an, die Armee griff zu den Waffen, und war sehr erstaunt, als sie sah, daß die Engländer nicht allein ihre Stellungen, wie am Tage vorher, noch inne hatten, sondern auch sehr gefaßt schienen, sie zu vertheidigen. Bonaparte, der gefürchtet zu haben schien, sie möchten ihm während der Nacht entwischen, war sehr vergnügt, sie bei seinem Erwachen wieder zu finden, und konnte seine Freude darüber nicht unterdrücken; als er sie wieder sah, sagte er zu einigen Personen, die sich um ihn befanden: Ha! ich habe sie also, diese Engländer! . . . .

Ohne sich weiter um sie zu bekümmern, beschleunigte er mit der unüberlegten Ungeduld, die ihn charakterisirt, den Marsch der Kolonnen, die sich noch hinter befanden, und ohne irgend eine andere Erkundigung einzuziehen, ohne weder die Stellung noch die Stärke seines Feindes zu kennen, ohne gewiß zu wissen, ob auch die Preußische Armee von dem Korps des Marschall Grouchy im Zaum gehalten würde, entschloß er sich, auf der Stelle anzugreifen.

Die Französische Armee, die aus vier Korps Infanterie, die Garde mit gerechnet, und drei Korps Kavallerie zusammengesetzt war, konnte einen wirklichen Bestand von 120,000 Streitern haben, und befand sich gegen zehn Uhr auf Höhen vereinigt, die denen parallel liefen, welche die Englische Armee besetzt hielt; letztere hatte eine Stellung auf den vorwärts des Soigner Waldes, an welchen sie sich stützte, gelegenen Plateau's inne.

Gegen das Centrum hin bemerkte man, hinter dem Dorfe Mont-Saint-Jean, starke Massen Infanterie, die ein großes Plateau bekränzten, vor welchem man leicht Redouten unterscheiden konnte, da die frisch aufgeworfene Erde derselben eine von dem Boden abstechende Farbe hatte. Dieses Plateau dehnte sich längs dem Saume des Waldes nach beiden Seiten hin aus, immer in der Breite abnehmend, und war mit Batterien bedeckt. Der rechte Flügel der Englischen Armee stützte sich an das Dorf Merke-Braine, vor ihm lag der Meierhof Hougoumont, umgeben von einem Gehölze, das von mehreren Ravins oder tiefen Krümmungen durchschnitten ist; ihr linker Flügel dehnte sich in die Ferne gegen Wavres hin, auch er war von einem Ravin und dem Meierhofe Haye-Sainte gedeckt. Im Allgemeinen sah man, auf dem großen Plateau ausgenommen, das als das Centrum der Englischen Armee betrachtet wurde, wenig Truppen; mußte man aber nicht voraussetzen, was sich auch während des Gefechts bestätigte, daß sie in den Vertiefungen, die diese Plateau's von dem Walde trennten, und in dem Walde selbst, versteckt wären?

Das Hauptquartier des Lord Wellington war in Waaterloo, im Rücken seiner Linien, die, wie man sah, so aufgestellt waren, daß sie quer über die Straßen von Brüssel und Nivelles hinweggingen.

Kaum hatten sich die Französischen Truppen zusammengezogen, so gab Bonaparte, der aus einen in geringer Entfernung von dem Meierhofe, wo er übernachtet hatte, rechts von der Straße gelegenen Hügel gestiegen war, von wo er alle Bewegungen übersehen konnte, Befehl, das Feuer anzufangen. Er ging allein, die Arme kreuzweis übereinander gelegt, herum; sein Generalstab stand in einer kleinen Entfernung hinter ihm.

Das Wetter war stürmisch, es fielen abwechselnd einige Gußregen, die von keiner langen Dauer waren. So blieb die Witterung den ganzen Tag über.

Das auf dem linken Flügel aufgestellte 2. Korps marschirte gegen Hougoumont. Das 1. Korps lehnte seinen linken Flügel an die Straße und rückte gegen das Centrum vor. Das 6. Korps bildete den rechten Flügel. Die Garde stand als Reserve auf den Höhen; die Kavallerie war auf verschiedene Punkte vertheilt, die stärkern Kolonnen dieser Waffe aber standen auf beiden Flügeln, vorzüglich auf dem rechten.

Gegen Mittag fielen die ersten Kanonenschüsse von der Französischen Linie und zahlreiche Tirailleurs brachen hervor, um das Gefecht zu eröffnen. Der linke Flügel griff den Meierhof Hougoumont lebhaft an, die Englische Infanterie hatte die Gebäude mit Schießlöchern versehen, und schlug sich daselbst mit äußerster Hartnäckigkeit. Bataillons und Schwadronen rückten zu gleicher Zeit auf die, hinter diesem Meierhofe aufgestellten, Massen, die ihm unaufhörlich Verstärkung zuschickten, vor. Nach einem Gefecht von einer Stunde schienen die Engländer etwas zurückzugehen und die Französische Armee zog sich näher heran; die Artillerie rückte auf der ganzen Linie vor und die Kolonnen folgten ihr.

Bald kündigte man es, daß starke Massen mit gefälltem Bayonnett auf Mont-Saint-Jean marschiren und die Kavallerie der Flügel losbrechen, und das, wie es schien, wenig unterstützte Geschütz angreifen sollten. Man erwartete mit Ungeduld diese große Bewegung, von der man sich einen vollständigen Erfolg versprach, aber sie wurde durch die hartnäckigen Anstrengungen der Engländer, mit der sie die ihre Flügel deckenden Dörfer zu behaupten suchten, verzögert; sie richteten gegen Hougoumont und la Haye-Sainte ohne Unterlaß Bataillons, die zwar von unserer Kavallerie zu verschiedenen Malen zerstreut wurden, aber diese Dörfer, obgleich man ihnen immer mit einer Kraft ohne Gleichen zusetzte, fuhren doch fort, sich zu vertheidigen. Ungeduldig darüber, daß man die Truppen aus Hougoumont, dessen Gebäude sie besetzt hatten, und die sie nicht verlassen zu wollen schienen, nicht vertreiben konnte, entschloß man sich, sie anzustecken; zu gleicher Zeit chickte man gegen la Haye-Sainte frische Truppen, die sich endlich nach einem langen und sehr hitzigen Kampfe desselben bemächtigten; auf allen Punkten wurde von beiden Seiten mit gleicher Heftigkeit gestritten, die Artillerie richtete eine fürchterliche Verheerung an.

Die Stützpunkte der beiden Englischen Flügel waren genommen, die Französische Armee ging durch die Vertiefung und näherte sich den feindlichen Stellungen, die eine Fluth von Kartätschen und Kanonenkugeln auf sie ausspien. Die Angriffe, die angeordnet gewesen waren, wurden ungesäumt ausgeführt. Eine sehr furchtbare Angriffskolonne rückte gegen Mont-Saint-Jean vor, wo sich das fürchterlichste Feuer entspann. Die Französische Kavallerie sprengte zu gleicher Zeit auf die Plateau's heran, um das Geschütz zu nehmen, wurde aber von der feindlichen Kavallerie, die in Masse aus den Krümmungen, die sie versteckt hatten, hervorbrach, angefallen; mehrere Angriffe wurden nach einander ausgeführt, hatten aber nichts, als ein fürchterliches Gemetzel zur Folge. Das Gefecht dauerte fort, von keiner Seite wich man einen Fuß breit, frische Kolonnen rückten vor, die Angriffe erneuerten sich, drei Mal stand man auf dem Punkte, die Stellungen mit Gewalt zu nehmen, und drei Mal wurden die Franzosen, nachdem sie Wunder der Tapferkeit gethan hatten, zurückgehalten.

Es zeigten sich jetzt in der Französischen Armee einige Stockung und lebhafte Besorgnisse, einige demontirte Batterien zogen sich zurück, zahlreiche Verwundete verließen die Reihen und verbreiteten Schrecken über den Ausgang der Schlacht; ein tiefes Schweigen war an die Stelle der Freudengeschrei getreten, das die Soldaten erhoben, als sie sich noch überzeugt hielten, sie gingen dem Siege entgegen. Mit Ausnahme der Infanterie der Garde, sah man alle Truppen im Gefecht und dem mörderischesten Feuer ausgesetzt, das Treffen dauerte immer mit derselben Heftigkeit fort, und doch führte es zu keinem Resultate.

Es war beinahe sieben Uhr; Bonaparte, der bis jetzt auf dem Hügel, auf den er sich gestellt hatte, und von dem aus er alles, betrachtete mit wildem Blicke das scheußliche Schauspiel dieses so fürchterlichen Gemetzels. Je mehr sich die Hindernisse vervielfältigten, desto hartnäckiger schien er. Er wurde unwillig über diese unvorhergesehenen Schwierigkeiten, und weit entfernt, zu befürchten, er werde eine Armee, deren Vertrauen auf ihn grenzenlos war, aufs Aeußerste treiben, hörte er nicht auf, frische Truppen abzuschicken, und Befehle zu geben, vorwärts zu marschiren, mit dem Bayonnette anzugreifen, zu stürmen. Mehrere Male ließ man ihm von verschiedenen Punkten melden, die Sachen ständen schlimm, die Truppen schienen zu wanken: Vorwärts! antwortete er, vorwärts!

Ein General ließ ihn benachrichtigen, daß er sich nicht länger halten könne, da ihn eine Batterie ganz vernichte, und zugleich ließ er anfragen, was er thun solle, um dem mörderischen Feuer dieser Batterie nicht mehr ausgesetzt zu seyn, "sie nehmen," antwortete er, und kehrte dem Adjutanten den Rücken zu.

Ein verwundeter und gefangener Englischer Officier wurde ihm vorgeführt, er zog einige Erkundigungen von ihm ein, und fragte ihn unter andern, wie stark die Englische Armee wäre, der Officier sagte ihm, daß sie sehr zahlreich sei, und so eben eine Verstärkung von 60,000 Mann erhalten habe. "Desto besser," antwortete er, "je mehr ihrer sind, desto mehr werden wir schlagen." Er schickte mehrere Staffetten mit Depeschen ab, die er einem Sekretär diktirte, und dabei mehrere Mal in der Zerstreuung die Worte wiederholte: er vergesse ja nicht, überall zu sagen, der Sieg sei auf unserer Seite.

Um diese Zeit endlich, wo gerade alle seine Versuche fruchtlos waren, meldete man ihm, das Preußische Kolonnen auf unserer rechten Flanke hervorbrächen und unsern Rücken bedrohten; er wollte aber diesen Berichten keinen Glauben beimessen, und antwortete zu verschiedenen malen, man habe schlecht beobachtet, diese vorgeblichen Preußen seinen nichts anders, als das Korps des Marschall Grouchy *). Der Augenschein belehrte ihn aber bald eines andern, und er mußte endlich die Wahrheit dessen, was man behauptet hatte, einsehen, da diese Kolonnen unsern rechten Flügel lebhaft angriffen. Ein Theil des 6. Korps wurde abgeschickt, um diesen neuen Stoß abzuhalten, und die Ankunft der Divisionen Grouchy, auf den man immer noch rechnete, abzuwarten; das Gerücht verbreitete sich sogar bei der Armee, daß diese schon in die Linie eingerückt wären.

*) De Pradt erzählt, in seiner Geschichte der Gesandtschaft im Großherzogthum Warschau, im J. 1812. (siehe Minerva 1815, September-Heft), Bonaparte habe sich bei dieser Gelegenheit des Ausdrucks bedient: "Ich bin ein alter Fuchs, mich betrügt man nicht so leicht." A. d. U.

Aus den Schlachtberichten geht hervor, daß ein Theil der Armee des Marschall Blücher, der sich nach der Schlacht vom 16. in der Umgegend von Wavres zusammengezogen, dem Marschall Grouchy seinen Marsch zu verbergen gewußt, und nachdem es sich mit dem 4. Preußischen Korps, unter den Befehlen des General Bülow, vereinigt, sich in aller Eile der Englischen Linie genähert hatte, um den Lord Wellington zu unterstützen.

SceneLetzterMomentSchlachtLaBelleAlliance600x400

Letzter Moment der Schlacht von La Belle Alliance, den 18 Iuny 1815.

Bonaparte glaubte, ohne daß etwas seinen Entschluß verändern konnte, der Augenblick sei gekommen, wo der Tag entschieden werden müsse, er bildete daher eine vierte Angriffskolonne, fast ganz aus Garde zusammengesetzt, und nahm seine Richtung im Sturmschritt auf Mont-Saint-Jean; vorher hatte er nach allen Punkten hin Verhaltungsbefehle gesandt, damit man diese Bewegung, von welcher der Sieg abhing, unterstützen könnte. Mit einer Unerschrockenheit, die man von ihnen erwarten mußte, stürmten diese alten Krieger gegen die Plateau's an, die ganze Armee wurde von Tapferkeit neu beseelt, der Kampf entflammte sich auf der ganzen Linie wieder. Die Garde griff zu wiederholten Malen an, aber ihre Anstrengungen wurden fortwährend abgeschlagen; von einer fürchterlichen Artillerie, die sich stets zu vermehren schien, niedergedonnert, sahen diese unbesiegbaren Grenadiere ihre Glieder von den Kartätschen gelichtet; sie füllten die Lücken jedesmal schnell und mit kaltem Blute wieder aus, unerschrocken marschirten sie vorwärts, nichts hielt sie auf, als der Tod und schwere Wunden; aber die Stunde der Niederlage hatte geschlagen. Ungeheuere Massen Infanterie, von einer unermeßlichen Kavallerie, der wir nichts mehr entgegensetzen konnten, da die unsrige völlig vernichtet war, unterstützt, stürzten mit Wuth auf sie los, umschlossen sie von allen Seiten, und forderten sie auf, sich zu ergeben. Die Garde ergibt sich nicht, sie stirbt, antworteten sie *). Nun erhielten die keinen Pardon mehr; beinahe alle fielen, wie Verzweifelte fechtend, unter den Streichen des Säbels und des Bayonnetts. Dieses scheußliche Gemetzel dauerte so lange als ihr Widerstand. Endlich aber, von weit überlegeneren Kräften überwältigt, und überdieß nicht gesonnen, einen offenbaren Tode umsonst die Spitze zu bieten, verließen sie ihre Reihen und eilten in Unordnung auf ihre Stellungen zurück, ohne Zweifel in der Absicht, sich dort wieder zu sammeln.

*) In einem vor kurzem in Paris erschienen Werke, Bulletin de Paris betitelt, wird S. 237 der General Cambronne genannt, der die Garde kommandirte, und die angeführten Worte auf die von den Englischen Generalen geschehene Aufforderung, sich zu ergeben, zur Antwort gab. A. d. U.
ScenePreussischerAnfangSchlachtBelleAlliance600x400

Preussischer Anfang der Schlacht von la Belle Alliance den 18n Iuny 1815. Einen besonders schönen Anblick gewährte die Angriffsseite des preussischen Heeres. Das Terrain war hier terrassenartig gebildet so dass mehrere Stuffen Geschützfeuer übereinander entwickelt werden konten, zwischen denen die Truppen Brigadenweis in der schönsten Ordnung in die Ebene hinabstiegen, während aus dem hinter auf der Höhe liegenden Walde immer neue Massen sich entfalteten.

Während sich diese im Centrum ereignete, fuhren die Preußischen Kolonnen, die auf unserm rechten Flügel angelangt waren, fort, vorzurücken, und die wenigen Truppen, die sich auf diesem Punkte befanden, mit Heftigkeit zurückzudrängen. Die Kanonade und ein sehr lebhaftes Kleingewehrfeuer ließen sich im Rücken der Linie hören und kamen nach und nach näher. Unsere Truppen unterhielten das Gefecht so gut als möglich, aber sie verloren stufenweise immer mehr Terrain. Endlich wich unser rechter Flügel zurück, und die Preußen, die ihn überflügelten, waren im begriff, auf die Straße vorzurücken. Als die Nachricht sich verbreitete, die Garde sei zurückgeworfen, und als man diese zerstreuten, auf eine kleine Anzahl zusammengeschmolzenen Bataillons sich in größter Eile zurückziehen sah, ergriff ein allgemeines Schrecken die ganze Armee, sie löste sich auf allen Punkten auf und suchte ihr Heil in der schnellsten Flucht. Umsonst raffte Bonaparte in der Verzweiflung einige Bataillons der jungen und alten Garde, die noch nicht zum Gefechte gekommen waren, zusammen, um einen letzten Versuch zu wagen, und führte sie noch einmal gegen den feind, der schon in Masse von seinen Stellungen herabgestiegen war; alles war vergebens. In Furcht gesetzt durch das war um sie herum vorging, und überdieß von der Ueberzahl erdrückt, wurde diese schwache Reserve bald geworfen.

Jetzt verließ die Armee aus eigenem Willen und zu gleicher Zeit ihre Stellungen, und ergoß sich, wie ein Strom, rückwärts; die Kanoniere verließen ihre Stücken, die Trainsoldaten hieben die Stränge ihrer Pferde durch, Infanterie, Kavallerie, alle Waffenarten untereinander gemischt, bildeten eine große, unförmliche Masse, die nichts aufzuhalten vermochte, und die gegen die Straße hin und querfeldein flüchtete. Ein Haufen Bagage, der an den Seiten der Straße aufgestellt gewesen war, folgte nun der Bewegung in größter Eile, drängte sich einander fort und versperte den Weg dermaßen, daß man nicht mehr durch konnte.

Kein Punkt war angegeben, auf den man seine Richtung hätte nehmen können, und kein Kommando wurde mehr gehört; die Generale und andere Oberofficiere, unter dem Haufen verloren und von ihm fortgerissen, waren von ihren Truppen getrennt, es war kein Bataillon mehr vorhanden, hinter welchem man sich wieder hätte sammeln können, und da für nichts gesorgt war, um einen regelmäßigen Rückzug zu decken, wie hätte man da eine so vollständige Flucht aufhalten können, von der man sich keinen Beg iff machen kann, und die bei der Französischen Armee, die doch schon manchen Unfall erlitten hat, bis jetzt unerhört ist?

Die Garde, dieser unerschütterliche Phalanx, der selbst in den größten Unfällen immer der Vereinigungspunkt der Armee gewesen war und ihr als Vormauer gedient hatte, die Garde selbst, der Schrecken der Feinde, war vernichtet und floh unter der Menge zerstreut.

Alles flüchtete sich aufs Gerathewohl, man stieß und drängte sich, um die Vorangehenden zu überlaufen; es bildeten sich einzelne Haufen von größerer oder geringerer Anzahl, die denen, die an der Spitze waren, unwillkürlich folgten; die Einen wagten es nicht, sich von der Straße zu entfernen, und suchten sich einen Durchgang durch die Bagage, mit der sie bedeckt war, zu bahnen, andere hingegen hielten sie für gefährlich, und gingen rechts oder links von derselben herunter, je nachdem sie dazu durch mehr oder minder triftige Gründe bestimmt wurden. Der Schrecken vergrößerte alle Gefahren, und die Nacht, welche bald hereinbrach, trug, ohne daß sie sehr finster war, viel dazu bei, die Unordnung noch zu vermehren.

Der Feind, der die Auflösung unserer Armee bemerkte, schickte auf der Stelle eine zahlreiche Kavallerie ab, um uns zu verfolgen. Während einige auf die Straße geworfene Schwadronen unversehens über die Feldlazarethe herfielen, die nicht Zeit gehabt hatten, sich zu retten, rückten furchtbare Kolonnen auf unseren Flanken vor. Die Hausequpiagen Bonaparte's, die bei dem Meierhofe, wo er übernachtet hatte, hielten, wurden größtentheils die erste beute der Preußen, so wie eine Menge anderer Bagage. Alle Kanonen, die in Batterien aufgestellt gewesen waren, blieben, nebst den dazu gehörenden Pulverwagen, auf dem Terrain, wo sie manövrirt hatte, stehen, und fielen in die Gewalt der Feinde. In weniger als einer halben Stunde war alles Materiale verschwunden.

Da die Engländer und Preußen ihre Vereinigung vollständig bewerkstelligt hatten, so trafen die beiden Obergenerale Wellington und Blücher auf dem Meierhofe Belle-Alliance zusammen, und besprachen sich über die Mittel, ihre Vortheile zu verfolgen. Die ersteren hatten während der Schlacht bedeutend gelitten, ihre Kavallerie vorzüglich war sehr ermüdet, und würde die Franzosen schwerlich so lebhaft haben verfolgen können, um sie zu hindern, sich wieder zu sammeln, aber die Preußische Kavallerie war noch frisch, sie eilte vor, und setzte uns hart zu, ohne uns einen Augenblick Erholung zu lassen.

SceneEndeSchlachtBelleAlliance600x400

Ende der glorreichen Schlacht von la Belle Alliance den 18 Iuny 1815. Nachdem diese Schlacht so glänzend gewonnen war, wie irgend eine in der Welt, da sprengte Vater Blücher vor sein tapferes Heer und sagte - "Kinder wir müssen sie die ganze Nacht verfolgen, sonst kommen sie morgen wieder! Geregt gethan! - Ein lauter Hurrah Vorwärts, Vorwärts! erscholl; Keiner dachte da an sich, sondern nur an die gänzliche vernichtung des Feindes.

Die so hart verfolgte Masse der Fliehenden durcheilte mit reißender Schnelligkeit die Strecke von zwei Wegstunden, die Genappe von dem Schlachtfelde trennen, und kam endlich in dieser Stadt an, wo der größte Theil anhalten zu können glaubte, um dort zu übernachten. In der Absicht, dem Feinde einige Hindernisse entgegenzusetzen, eilte man, einige Wagen auf der Landstraße zusammenzuhäufen und den Eingang der Hauptstraße der Stadt zu verrammeln, einige Stücken Geschützes wurden in eine Batterie aufgefahren, man errichtete in der Stadt und in den Umgebungen derselben Bivouaks, die Soldaten vertheilten sich in die Häuser, um hier eine Zuflucht und Lebensmittel zu suchen; aber kaum waren diese Anordnungen getroffen, so erschien der Feind, einige Kanonenschüsse auf die heranrückende Kavallerie setzten alles in Aufruhr, das Lager erhob sich augenblicklich, alles floh, und der Rückzug begann von neuem mit größerer Unordnung und Verwirrung, als vorher.

Mitten unter dieser Verwirrung wußte man nicht, was aus Bonaparte geworden, der verschwunden war. Man versicherte, er sein in dem Handgemenge umgekommen. Als man diese Nachricht einem sehr bekannten Oberofficier ankündigte, antwortete er wie Megret nach dem Tode Karl XII. bei Friedrichsstadt: das Stück ist zu Ende. Andere behaupteten, er habe mehrere Mal an der Spitze der Garde angegriffen, und nachdem er sein Pferde verloren, sei er gefangen worden. Dieselbe Ungewißheit herrschte über das Schicksal der Marschall Ney, des Major-General und des größten Theils der Obergenerale.

SceneBuonapartesFlucht600x400

Buonapartes feige Flucht nach der Schlacht von la belle Alliance.

Eine sehr große Menge versicherte, Bonaparte gesehen zu haben, wie er, mitten in dem Haufen, sich allein rettete, man wollte ihn an seinem grauen Ueberrock und seinem Apfelschimmel erkannt haben. Diese letzte Nachricht war die wahre. Er hatte sich in dem Augenblicke, wo die letzten Bataillons der Garde, die er anführte, über den Haufen geworfen wurden, von ihnen mit fortgerissen, und von allen Seiten vom Feinde umgeben, in einen an den Meierhof Caillou stoßenden Obstgarten geworfen. Hier trafen ihn zwei Reiter von der Garde, die sich, gleich ihm, verirrt hatten; er gab sich zu erkennen, und sie führten ihn, seinen Weg aufhellend, mitten durch die Preußischen Streifparteien hindurch, die auf dem Felde verbreitet waren, deren größte Anzahl aber, zum Glück für ihn, sich damit beschäftigte, sich der Bagage zu bemächtigen und sie auszuplündern. Trotz der Dunkelheit der Nacht wurde er doch an mehreren Orten wahrgenommen und erkannt. Die Soldaten riefen bei seiner Gegenwart heimlich einander zu: da ist der Kaiser, der Kaiser! Diese Worte machten auf ihn den Eindruck eines Lärmgeschreis, und er entfernte sich auf der Stelle so schnell, als es ihm die Menge, in die er verwickelt war, gestattete. Was war aus dem rauschenden Freudengeschrei geworden, das ihn sonst begleitete, sobald er unter der Armee erschien? . . . . .

Die ganze Nacht hindurch setzte die Französische Armee ihren unglücklichen Marsch fort, die Straße mit ihren Trümmern bestreuend und jeden Augenblick von Angriffen bedrängt, die ihre Auflösung vollends herbeiführten. Der Schrecken, der auf dieser Flucht herrschte, war so groß, daß zahlreiche Haufen von Reitern und Fußvolk, noch gut bewaffnet, sich erreichen ließen, ohne sich zu vertheidigen, und das von einigen elenden Lanziers, gegen die man sich nur umzukehren brauchte, um sie zu verjagen.

SceneGenappe7Staatswagen

Der Königlich Preussische Major von Ketter überfällt, mit einem Bataillon des 15ten Linien-Infanterie Reg., durch eine geschickte Bewegung, den fliehenden Napoleon nach der am 18ten Iuni verlohrnen Schlacht, in Genappe, erbeutet 7 Staatswagen, worinnen seine Brillianden und Schätze nebst den Kaisermantel befindlich waren. Nur ohne Rock - Hut - und Degen, gelang es dem Ex-Kaiser, sich durch die schimpflichste Flucht zu retten. Die Staatswagen wurden sogleich unter die Generäle, das Gold unter die Soldaten vertheilt.

Mit Anbruch des Tages langten die traurigen Ueberbleibsel unserer Armee zum Theil in Charleroi, zum Theil in Marchienne, an, und beeiferten sich, wieder über die Sambre zurück zu gehen.

Die Bagage, die in dem Maße, wie sie sich der Sambre näherte, durch den Uebergang derer, die sich an ihrer Spitze befanden, in ihrem Marsche aufgehalten wurde, häuften sich auf den Wegen an, die zu den Brücken von Charleroi und Marchienne führen. Die feindliche Kavallerie eilte herbei und überfiel sie mitten in dieser Verwirrung; nun war Jeder nur noch darauf bedacht, zu entkommen, die Fuhrknechte hieben erschrocken die Stränge ihrer Pferde durch, rissen alles, was sie umgab, mit sich fort, und stürzten in der größten Verwirrung auf die Brücke und an dem Ufer entlang hin, um sich einen Uebergang zu suchen. So fiel alles, was noch von Artillerie und Materiale aller Art übrig war, in die Gewalt des Feindes, der auch noch eine große Anzahl Gefangener zusammenbrachte.

Der Theil der Armee, der die Sambre zwischen sich und den Preußen hatte, glaubte nun, anhalten zu können, und schlug in den Gärten und auf den Wiesen, die sich auf dem rechten Ufer dieses Flusses befinden, Bivouaks auf; er verließ ihn aber in aller Eile wieder, als er von der Annäherung des Feindes, durch die äußerste Verwirrung, die seine Gegenwart erzeugte, unterrichtet wurde. Kein Befehl wurde mehr gehört, Niemand suchte die Brücke abzubrechen, man ließ sich keine Zeit, sich zu besinnen, die verwirrte Flucht begann von neuem, alles brach auf ein Mal auf, ohne zu wissen, was werden solle, nahm jeder seine eigene Richtung nach Gutdünken.

In einer kleinen Entfernung von Charleroi stößt man auf zwei Straßen, deren eine nach Avesnes, die andere nach Philippeville führt. Da kein Befehl über die Richtung, die man nehmen sollte, bekannt war, und man keinen Oberofficier wahrnahm, so theilte sich die Armee in zwei Abtheilungen, die zahlreichste derselben folgte der Straße, auf der sie gekommen war, und wendete sich nach Avesnes. Die andere nahm ihre Richtung links und ging auf Philippeville. Eine große Anzahl einzeln Marschirender warf sich, ohne irgend eine andere Absicht, als die, den Verfolgungen der Kavallerie zu entgehen, in die großen umliegenden Gehölze. So zerstreute sich die Armee immer mehr und mehr und verschwand beinahe ganz.

Letztere Straße war es auch, welche Bonaparte zu seiner Flucht wählte. Noch ein Mal floh er von seiner Armee, und verließ sie, ohne einen Versuch zu wagen, sie wieder zu sammeln, mitten in Gefahren, und schien ein Wohlgefallen daran zu finden, diese noch dadurch zu vergrößern, daß er die Truppen der Gesetzlosigkeit und einer gänzlichen Auflösung überließ.

Wie ein Flüchtling, mitten unter dem bestürzten Haufen, kam Bonaparte, verwirrt und muthloser, als alle, vor Philippeville an und verlangte eingelassen zu werden; er hatte des Schutzes der Wälle dieses Platzes nöthig, um sich der kräftigen Verfolgung der Preußen zu entziehen, die ihn mit großer Wachsamkeit umzingelten und schon zahlreiche Abtheilungen auf diesen Punkt abgeschickt hatten, unter welche er zu fallen fürchtete. Als er vor der Thoren der Stadt ankam, mußte er die Demüthigung erfahren, sich von einer Wache anrufen zu sehen, er mußte sich ihr als Kaiser nennen, und sie ließ ihn nicht eher hinein, als bis er von dem herbeigerufenen Gouverneur als solcher erkannt worden war. So kam er endlich, nebst einigen Personen seines sehr geringen Gefolges, hinein, und die Thore wurden sogleich wieder verschlossen.

Kurz darauf gab man den Schildwachen Befehl, die Haufen Soldaten, die mit jedem Augenblicke um und vor den Eingängen der Stadt zahlreicher wurden, auseinander gehen zu heißen. Das Gerücht hatte sich unter ihnen verbreitet, ihr berühmter Kaiser habe sich endlich wieder gefunden und sein jetzt in der Festung, sie hielten es für ihre Pflicht, ihr Lager um ihn her aufzuschlagen, und rechneten übrigens darauf, die Festung werde sich endlich auf seine Fürsprache für sie öffnen. Allein man kennt die Vorsicht Bonaparte's, er glaubte, ein solcher Zusammenlauf könnte den Feind herbeiziehen und ihm seinen Zufluchtsort entdecken, daher schickte er ihnen den Befehl zu, ihren Marsch fortzusetzen; da er aber, als ein großer General, die Mittel, auf den Geist seiner Truppen nach einer Niederlage zu wirken, scharfsinnig zergliedert hatte, um einer völligen und pünktlichen Ausübung seiner Befehle gewiß zu seyn, so bediente er sich einer kleinen Kriegslist, die ihm unfehlbar gelingen mußte. Man schickte einige Leute hinaus, die in der größten Bestürzung in das Lager laufen und schreien mußten: Rettet euch! Die Kosaken kommen! Schnell, die Kosaken kommen! Man kann wohl denken, daß es nichts weiter bedurfte, und daß Alles im Augenblick verschwand.

Dieser Schwarm unglücklicher Vertriebener war es, der mit dem Ausbruch der Verzweiflung und des tiefsten Schmerzes, auf seinem Zuge die klägliche Nachricht in die Ferne verbreitete, daß der Kaiser in Philippeville eingeschlossen sei. Die Sache wurde für zuverlässig gehalten, und Niemanden auf den Straßen von Mezieres und von Laon, wo sich dieses Gerücht gar bald verbreitete, kam in den Sinn, zu vermuthen, daß es nichts sei, als eine bewundernswürdige Berechnung, eine Kriegslist ganz neuer Art, von dem großen Manne ersonnen, um den klugen Marsch, von dem seine Rettung abhing, zu verbergen.

Allein glücklicher Weise ängstigte das verderbliche Gerücht von diesem unglücklichen Ereignisse die Gemüther nicht lange, und Se. Maj. verließen Philippeville wieder, nachdem sie einige Stunden daselbst verweilt hatten, und schlugen den Weg nach Mezieres ein. Die Nacht nahete heran, als er unter den mauern von Rocroi vorbeikam, man glaubte sicher, er werde hier anhalten, eine große Menge Einwohner begab sich auf die Wälle, und er hatte den Schmerz, sich, so lange er denselben im Gesicht war, mit dem Geschrei begrüßt zu hören: es lebe der Kaiser! Er hielt es indeß für weit zuträglicher, die Nacht zu benutzen, um weiter zu kommen, und entfernte sich. Bloß einige seiner Ordonnanzofficiere, und die kleine Anzahl seines Gefolges, die der Niederlage noch entgangen war, kehrten in die Stadt ein; es waren bloß noch einige Pferde übrig, alles was Wagen und Equipage hieß, war vom Feinde genommen worden.

Der zahlreiche Theil der Armee, der seine Richtung auf Avesnes und Laon genommen hatte, gerieth ebenfalls über das Schicksal Bonaparte's in sehr lebhafte Unruhe, überhaupt wußte man auf diesem Punktes durchaus nicht, was aus ihm geworden war. Ueberzeugt, das, wenn er sich nicht in ihrer Mitte befinde, er auf dem Felde der Ehre, wo er so viele tapfere dem Tode entgegengeführt hatte, gefallen sei, seufzten sie über ein so grausames Schicksal, das einem so theueren Haupte vorbehalten gewesen, als sie auf einmal erfuhren, daß er, bei voller Gesundheit, in Paris angekommen sei. . . . .

Seit der Schlacht bei Ligny war man auch außer aller Verbindung mit dem rechten Flügel der Armee, der aus den Korps des Marschall Grouchy bestand, und ob man gleich erwartete, sie an der Sambre wieder zu finden, erhielt man doch während er Flucht keine Nachricht von ihnen. Man wußte also nicht, nach welchem Punkte hin sie ihre Richtung genommen hätten, und die ungünstigsten Gerüchte waren über sie in Umlauf; man versicherte, daß sie, nicht zu rechter Zeit von dem Ausgange der Schlacht von Mont-Saint-Jean unterrichtet, in der Gegend von Wavres, während der Nacht vom 18. und am Morden des 19. von allen Seiten von den verbündeten Truppen umringt, und, da sie ihren Rückzug nicht bewerkstelligen konnten, gezwungen worden wären, das Gewehr zu strecken und sich, nach einem hartnäckigen Widerstande, auf Gnade und Ungnade zu ergeben, Vandamme wurde unter der Zahl der Todten aufgeführt. Nach dieser Annahme, die, ohne gerade durchaus gegründet zu seyn, doch sehr wahrscheinlich schien, konnte die Armee als völlig vernichtet betrachtet werden.

Die ungeheueren Fehler, welche Bonaparte während diesen kurzen und unglücklichen Feldzugs beging, müssen seiner Unerfahrenheit beigemessen werden, die sich durch eine ausgezeichnete Tollkühnheit, und seine, keiner Besserung fähige und wohl bekannte Wuth, immer mit einem blinden Vertrauen, ohne Plan und ohne einen Glückswechsel zu berechnen, vorwärts zu gehen, kenntlich macht.

Wem dieses von Bonaparte angenommene und beständig befolgte Kriegssystem bekannt ist, dem ist es wohl auch einleuchtend, daß die feindlichen Generale ihm eine Schlinge legten, in welche er auch mit einer so bejammernswürdigen Sicherheit einging; denn, was auch die fremden Schlachtberichte, ohne Zweifel in der Absicht, den Ruhm ihrer Generale und der Muth ihrer Truppen zu vergrößern, sagen mögen, es ist augenscheinlich, daß die Stellung von Mont-Saint-Jean, vorher untersucht, bezeichnet und zu dem Orte vorbereitet war, wohin man die Armee Bonaparte's hinziehen und ihr eine Schlacht liefern wollte.

Wirklich, man müßte ein Bonaparte seyn, der nie an etwas zweifelte, um dieß nicht einzusehen. Der offenbar berechnete Rückzug der Engländer auf eine so starke Position, die Hartnäckigkeit, mit der sie sich daselbst zu behaupten suchten, die Leichtigkeit, mit der sie in einem ungeheueren Walde Truppen und Artillerie maskiren konnte, und, mehr noch als dieß alles, die in die Augen fallenden Schanzen und Batterien, sie sich errichtet hatten, würden bei jedem andern General ein sehr gegründetes Mißtrauen rege gemacht und ihm zum wenigsten die Besorgniß eingeflößt haben , daß dieses Terrain, anstatt eine von den Umständen herbeigeführte Stellung zu seyn, vielmehr schon lange vorbereitet worden wäre. Was dieser Vermuthung noch größeres Gewicht geben mußte, war der Umstand, daß man auf einem vor dem Walde gelegenen Hügel einen Hölzeren Beobachtungsthurm errichtet hatte, von wo aus man, mit guten Fernröhren, alles, was in der Ebene bis an die Sambre hin vorging, entdeckte, und der, ohne Zweifel dazu bestimmt, unsere Bewegungen zu beobachten, unmöglich das Werk von vier und zwanzig Stunden seyn konnte.

Erforderte es bei diesen Voraussetzungen nicht die Klugheit, das Terrain und die Anordnungen des F..indes vorher zu untersuchen? Konnte wohl der unerfahrenste General dem Fehler begehen, anzugreifen, ohne sich vorher mit seinem rechten Flügel in Verbindung gesetzt zu haben, oder zum wenigstens von den Erfolgen der Unternehmungen desselben gehörig unterrichtet zu seyn? Selbst wenn es gelungen wäre, die Engländer zu werfen, was aber nicht ohne einen sehr beträchtlichen Verlust geschehen konnte, welchen Vortheil hätte man sich wohl vernünftiger Weise davon versprechen können, da man hinter sich einen Wald hatte, funfzehn Wegstunden lang und fünf breit? Mußte nicht die Straße, die ihn durchschneidet, wie ein enges Defilee angesehen werden, wo 10,000 Mann und einige Stücken Geschützes die größten Streitkräfte sehr leicht aufhalten konnten? War es denn unumgänglich nothwendig, eine von Natur schon sehr starke Stellung in der Front anzugreifen, und unbedingt unmöglich, sie zu umgehen?

Aber Bonaparte sah auf dem Mont-Saint-Jean durchaus nichts, als einen zahlreichen Nachtrab des Feindes, und glaubte fest, daß es hier nicht darauf ankäme, eine Schlacht zu liefern, sondern bloß seine Verfolgung fortzusetzen. Er wollte weder seinen eigenen Augen trauen, noch die Beobachtungen einiger Generale hören, die ihn zu bewegen suchten, er möchte die Engländer die Räumung des Waldes ruhig bewerkstelligen lassen, oder zum wenigstens bis den folgenden Tag warten, um sie, wenn sie selbige da noch nicht bewerkstelligt hätten, dann anzugreifen. Kaum sind seine Truppen, von langen und beschwerlichen Märschen ermüdet, von dem immerwährenden Regen, dem sie die ganze Nacht hindurch ausgesetzt gewesen waren, abgemattet, beisammen, so jagt er sie, ohne ihnen einen Augenblick Erholung zu gönnen, auf den Feind. Ueberzeugt, daß ihnen nichts widerstehen kann, läßt er sie eine unüberwindliche Stellung in der Front angreifen, und jedes Manövre, das geeignet gewesen wäre, die Annäherung weniger gefahrvoll zu machen, verschmähend, gibt er sie gleichgültig dem mörderischen Feuer zahlreicher Batterien Preis.

Bald unwillig über den Widerstand, den man ihm entgegenstellt, will er in seinem Wahnsinn nur immer die feindliche Linie durchbrechen und forciren, er führt seine ganze Kavallerie vor und läßt sie mit aller Macht angreifen. In weniger als einer Stunde war die von der Englischen Kavallerie geworfen und, von Kartätschen niedergeschmettert, vernichtet. Auf diese Art opferte er sie so unwürdiger Weise auf und beraubte sich fast aller Mittel, die Engländer zu verfolgen, wenn es ihm gelungen wäre, ihnen eine Niederlage beizubringen.

Anstatt durch die ungeheueren Verluste, die er erlitt, über die Stärke und das Vorhaben des Feindes belehrt zu werden, und Maßregeln zu ergreifen, um nicht das Wohl der ganzen Armee aufs Spiel zu setzen, steigt er wüthend vom Hügel, von wo aus er die Unternehmungen leitete, herab, stellt sich an die Spitze seiner Garde und folders ohne Unterlaß Unmöglichkeiten von ihr, bis er, als sie geworfen, und von den Massen, die sie zerdrückten, aufgerieben wurde, ihr, so zu sagen, entwischt, und mitten im Gemetzel verschwindet.

Diesem nach hat man die Wahl, anzunehmen, entweder, daß er alle seine Siege einem glücklichen Zufalle verdankte, oder daß er am Tage des 18. Juni alle Besinnung verloren hatte, denn seine Berechnungen an diesem Tage können nur dann für zweckmäßig ausgegeben werden, wenn man annehemen wollte, es sie seine förmliche Absicht gewesen, seine Armee hinschlachten zu lassen; dieß ist wenigstens das Urtheil, das einige Oberofficiere, die fähig waren, hierüber abzusprechen, über ihn gefällt haben, und die sogar, da sie von ihrem Erstaunen nicht zurückkommen, und ihren Unwillen nicht unterdrücken konnten, während des Gefechts laut ausreifen: "aber dieser Mensch weiß nicht mehr, was er thut! Was will er denn? Er hat den Kopf verloren!"

Dennoch behaupten Einige, daß, abgesehen von allem, was auf die natürliche Beschaffenheit des Terrains Bezug hat, die Art und Weise, wie er die Angriffe leitete, und die Bewegungen, die er ausführen ließ, viel Aehnliches mit dem gehabt hätten, was bei Marengo geschah, so daß, wenn plötzlich und in dem Augenblick, wo die Engländer siegend ihre Stellungen verließen, um über uns herzufallen, eine furchtbare Kolonne aus der Erde herausgekommen wäre, kommandirt von einem Desaix, es sehr wahrscheinlich wäre, daß sich das Glück zu unserm Vortheile gewendet hätte.

Alle versichern einstimmig, daß, als er die Schlacht eine schlimme Wendung nehmen sah, er an der Spitze seiner Garde mit großer Tapferkeit angriff, daß ihm zwei Pferde unter dem Leibe getödtet wurden, und daß er sich mehrere Mal mitten unter die Engländer stürzte, um den Tod aufzusuchen. Diese That der Verzweiflung kann als ein neuer Zug der Verrücktheit betrachtet werden, und weit entfernt, die oben geäußerte Behauptung über die Unerfahrenheit Bonaparte's zu entkräften, ist sie im Gegentheil eine neuer Beweis davon; man kann daher um so mehr die Behauptung aufstellen, daß seine Taktik, unfähig, auf einen guten Rückzug bedacht zu seyn, auf dem Mont-Saint-Jean, wie überall, darauf beschränkt war, Alles aufs Spiel zu setzen, um den Feind zu durchbrechen, was auch die erstaunlichen Unfälle erklärlich macht, die seine Niederlagen fortwährend bezeichnet haben.

Während er sich wie ein Dieb, der mitten in der ihm umgebenden Menge erkannt zu werden befürchtet, verstohlner Weise durch seine Soldaten durchschleicht, wissen diese, mehr, als er selbst, um seinen Ruhm besorgt, die Anhänglichkeit, die sie noch zu ihm hegen *), nicht besser auszudrücken, als mit dem Wunsche, er möchte auf dem Schlachtfelde geblieben seyn. -- Wenn er nur gefallen wäre! . . . . sagten sie. Vergebens stellte man ihn als Regenten dar, und bemühte sich, den Unterschied zu zeigen, der zwischen seinen Pflichten und den des bloßen Generals obwalte, man sich in dieser Behauptung nichts, als eine verfängliche Ausflucht, vorgebracht, um eine Flucht zu beschönigen, deren Schande nichts verringern konnte.

*) In dem oben erwähnten Bulletin de Paris steht als Beleg dieser Anhänglichkeit der Soldaten an ihn, S. 237, Folgendes: Als man einige Tage nach der Schlacht die Tausende von Leichnamen, von denen das Schlachtfeld von Mont-Saint-Jean bedeckt war, begrub, fand man unter den Todten eine große Menge verwundeter Franzosen, die aus Hunger oder aus Wuth Leichname und todte Pferde benagt hatten. "Ich sage aus Wuth," schrieb eine Privatperson aus Mons, "denn man hat wirklich Verwundete gefunden, die, als man sie aufhob, noch sterbend riefen: es lebe der Kaiser! Ist es nicht, als hätten sie gerufen: es lebe der Mann, der uns an diese Schlachtbank geführt hat? . . . . "

Wie dem auch seyn mag, die Schlacht von Mont-Saint-Jean war eine der mörderischsten, die je geliefert worden sind. Die Französische Armee, bestehend aus 120,000 Mann, wurde, nachdem sie Wunder der Tapferkeit gethan, fast ganz vernichtet; 200 Feuerschlünde; alle Pulverwagen und übrige Bagage fielen in die Gewalt des Feindes, so wie eine sehr große Anzahl gefangener; mehr als 20,000 Franzosen bedeckten das Schlachtfeld mit ihren Leichnamen, von Kartätschen fürchterlich verstümmelt. Die Engländer erlitten gleichfalls großen Verlust *), aber doch keinen so beträchtlichen, als wir, wegen der vortheilhaften Stellung, die sie inne hatten. Dennoch schätzt man die Zahl der Getödteten von der ganzen verbündeten Armee auf 20,000. Alles bestimmt uns, zu glauben, daß beim Anfange der Schlacht beide Armeen beinahe von gleicher Stärke waren, aber die Englische Armee war der Lage nach weit stärker, denn sie erwartete uns in ihren Verschanzungen, und sie wurde es noch weit mehr durch die kräftige Mitwirkung der Preußischen Korps, die in dem Augenblicke erschienen, wo die Schlacht sich entscheiden sollte.

*) Das 44. Englische Regiment wurde fast ganz vernichtet, es brachte bloß einen Adjutanten, einen Lieutenant und etwa funfzig Soldaten von dem Schlachtfelde zurück. -- Das Kommando über die Trümmer des 95. Regiments fiel dem Volontair Keller anheim, alle Officiere dieses Regiments waren getödtet oder verwundet. Bulletin de Paris, S. 243. A. d. U.

Es war leicht, die Folgen vorauszusehen, die diese Schlacht nach sich ziehen mußte, und Niemand zweifelte mehr, daß die Alliirten in kurzer Zeit in der Hauptstadt Frankreich seyn würden. Nichts konnte ihren siegreichen Marsch weiter aufhalten; die Französische Armee hatte sich zwar in der Gegend von Laon und Rheims wieder gesammelt, sie war aber zu schwach und zu niedergeschlagen, um ihren Fortschritten Widerstand leisten zu können. Auch drangen sie mit schnellen Schritten vor, und zögerten nicht, unter den Mauern von Paris zu erscheinen, wo sie erst durch die Ankunft der Korps des rechten Flügels der Französischen Armee einigen Widerstand fanden.

Dieser rechte Flügel, den man für verloren gehalten, hatte sich mit vielem Glück nach Namur zurückgezogen, und, nachdem er acht Tage lang mitten unter den Alliirten und parallel mit ihnen marschirt war, gegen die allgemeine Erwartung und alle Wahrscheinlichkeit, seine Vereinigung mit den Ueberbleibseln der Armee bewerkstelligt, ohne große Verluste erlitten zu haben.

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Bericht des Feldmarschalls, Herzogs von Wellington, über die Schlacht am 16ten und am 18ten Junius bey Waterloo.Bearbeiten

[2]
Waterloo, den 19ten Junius.

Mylord!

Buonaparte hatte zwischen dem 10ten und 14ten dieses das erste, zweyte, dritte, vierte und sechste Corps der Französischen Armee, die Kayserl. Garde und beynahe die gesammte Cavallerie an der Sambre zwischen diesem Fluß und der Maas versammelt, brach den 15ten auf und griff mit Tagesanbruch den Preußischen Posten zu Thuin und Lobes an der Sambre an.

Ich erfuhr dieses Ereigniß erst am Abend des 15ten und ertheilte sogleich Befehl, daß die Truppen sich marschfertig halten und links marschiren sollten, sobald ich von andern Seiten Berichte erhalten hatte, die mich überzeugten, daß die Bewegung des Feindes nach Charleroy der wesentliche Angriff sey.

Der Feind vertrieb an diesem Tage die Preußischen Posten von der Sambre. General Ziethen, der das Corps commandirte, welches zu Charleroy gestanden hatte, wich nach Fleurus, und der Marschall Blücher concentrirte die Preußische Armee bey Sombref, indem er die Dörfer St. Amand und Ligny, die vor seiner Stellung lagen, occupirte.

Der Feind setze auf dem Wege von Charleroy nach Brüssel seinen Marsch fort, und griff denselben Abend des 15ten eine Brigade der zweyten Niederländischen Division unter dem Prinzen von Weimar an, die zu Frasne stand, und drängte dieselbe bis zu dem Pachthofe, les Quatre-bras genannt, zurück.

Der Prinz von Oranien verstärkte sogleich diese Brigade mit einer andern von derselben Division unter dem General Perponcher, und frühe am 16ten nahm Höchstderselbe einen Theil des Terrains wieder ein, welcher verlohren gewesen war, so daß er Meister von den Straßen blieb, welche von Nivelles und Brüssel nach der Stellung des Marschalls Blücher führten.

In dieser Zwischenzeit hatte ich die ganze Armee nach Quatre-bras marschiren lassen, und die 5te Brittische Division unter dem General-Lieutenant Sir Thomas Picton kam um halb 3 Uhr des Nachmittags an, so wie bald darauf das Corps unter dem Herzog von Braunschweig und das Nassauische Contingent.

Um diese Zeit unternahm der Feind einen Angriff gegen den Fürsten von Blücher und zwar mit seiner gesammten Macht, mit Ausnahme des 1sten und 2ten Corps, und eines Corps Cavallerie, unter dem General Kellermann, womit er unsern Posten bey les Quatre-bras anfiel.

Die Preußische Armee behauptete ihre Stellung mit ihrer gewohnten Tapferkeit und Entschlossenheit gegen eine große Uebermacht, da ihr 4tes Corps unter dem General Bülow noch nicht bey ihr eingetroffen und ich außer war, derselben, so wie ich es wünschte, Beystand zu leisten, da ich selbst angegriffen wurde, und die Truppen, besonders die Cavallerie, die einen langen Weg zurück zu legen hatten, noch nicht angekommen waren.

Wir behaupteten gleichfalls unsre Stellung und schlugen alle feindlichen Versuche, sich derselben zu bemeistern, völlig ab. Der Feind fiel uns zu wiederholtenmalen mit einem starken Corps Infanterie und Cavallerie, unterstützt durch eine zahlreiche und starke Artillerie, an; mit der Cavallerie machte er verschiedene Angriffe auf unsre Infanterie, die aber alle auf das allerentschlossenste zurück geschlagen wurden. In diesem Gefechte haben sich Se. Königl. Hoheit, der Prinz von Oranien, der Herzog von Braunschweig, der General-Lieutenant Sir Thomas Picton, der General-Major Sir G. Kempt und Sir Dennis Pack, welche vom Anfange des feindlichen Angriffs im Gefecht waren, ungemein ausgezeichnet, so wie der General-Lieutenant Sir C. Baron Alten, der General-Major-Sir Charles Halkett, der General-Lieutenant Cooke und die General-Majors Maitland und Byng, so wie sie nach einander ankamen.

Die Truppen der 5ten Division und die des Braunschweigschen Corps haben lange und mit Heftigkeit gestritten und sich mit der größten Tapferkeit betragen. Besonders muß ich hier des 28sten, 42sten, 79sten und 92sten Brittischen Regiments und des Bataillons Hannoveraner erwähnen.

Unser Verlust war groß und ich betraure besonders Se. Durchl., den Herzog von Braunschweig, der getödtet ward, als er auf das heldenmüthigste an der Spitze seiner Truppen kämpfte.

Obgleich der Marschall Blücher seine Stellung bey Sombref behauptet hatte, so fand er sich doch durch die Heftigkeit des Gefechts, worin er sich befunden hatte, sehr geschwächt, und da das 4te Corps noch nicht angekommen war, so beschloß er, sich zurück zu ziehen und seine Armee bey Wavre zu concentriren. Er brach des Nachts, nachdem das Gefecht vorbey war, dahin auf.

Diese Bewegung des Marschalls machte eine übereinstimmende Bewegung von meiner Seite nothwendig, und ich zog mich von dem Landgute les Quatre-bras nach Genappe und von da am folgenden Morgen, den 17ten um 10 Uhr nach Waterloo zurück.

Der Feind machte keine Versuche, den Marschall Blücher zu verfolgen; vielmehr fand eine Patrouille, die ich des Morgens nach Sombref schickte, alles ruhig, und die feindlichen Schildwachen zogen sich bey Annäherung der Patrouille zurück. Auch machte der Feind keinen Versuch, unsern Rückzug zu beunruhigen, obgleich derselbe bey hellem Tage geschah, außer daß er mit einem starken Corps Cavallerie der Brittischen Cavallerie unter dem Grafen von Uxbridge folgte; dies gab dem Lord Uxbridge Gelegenheit, mit den Brittischen Leibgarden einen Angriff gegen sie zu machen, wie sie bey dem Dorfe Genappe hervordrang, bey welcher Gelegenheit Se. Herrlichkeit erklärte, mit dem Regiment wohl zufrieden zu seyn.

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Mount St. Jean.

Bey meiner Stellung zu Waterloo hatten wir mit dem linken Flügel über Onain Communication mit dem Marschall, Fürsten Blücher, zu Wavre, und der Marschall hatte mir versprochen, daß er mich, im Fall wir angegriffen werden sollten, mit einem oder mehrern Corps, den Umständen nach, unterstützen würde. Der Feind versammelte sich, mit Ausnahme des 3ten Corps, welches abgesandt war, um den Marschall Blücher zu schlagen, in der Nacht vom 17ten und gestern Morgen auf einer Reihe Anhöhen vor uns. Um 10 Uhr des Morgens begann er einen wüthenden Angriff gegen unsern Posten zu Hougoumont, welcher von einem Detaschement Brittischer Garden unter dem General Byng besetzt war. Diese braven Truppen behaupteten den ganzen Tag hindurch ihren Posten gegen wiederholte Anstrengungen zahlreicher feindlicher Corps.

Dieser Angriff auf der rechten Seite unsers Centrums war längs unserer ganzen Linie von einer sehr heftigen Kanonade begleitet, und hatte zur Absicht, die wiederholten Anfälle, welche die Cavallerie und die Infanterie, bald zusammen, bald abgesondert, auf dieselben machten, zu unterstützen. Bey einem dieser Angriffe bemeisterte sich der Feind des Pachthofes von la Haye-Sainte, weil das leichte Bataillon der Deutschen Legion, welches die Anhöhe besetzt hielt, alle seine Ammunition verbraucht hatte, und der Feind im Besitz der einzigen Communication war, die man mit dem Bataillon hatte.

Wiederholt fiel der Feind unsere Infanterie mit seiner Cavallerie an; allein diese Anfälle fielen beständig unglücklich für ihn aus, und gaben unserer Cavallerie Gelegenheit, ihn wieder anzufallen. In einem dieser Angriffe zeichnete sich die Brigade Englischer Cavallerie unter Lord E. Sommerset, die aus Leibgarden, den Garden zu Pferd und dem ersten Garde-Dragoner-Regiment bestand, aufs höchste aus, so wie auch die Brigade des General-Majors Ponsonby, der viele Kriegsgefangene machte und einen Adler eroberte.

Die Angriffe wurden indeß bis 7 Uhr Abends wiederholt. Um den linken Theil des Centrums bey la Haye-Sainte zu forciren, machte nun der Feind mit Cavallerie und Infanterie, durch das Feuer der Artillerie unterstützt, einen desperate Anstrengung, die nach einem scharfen Gefecht abgeschlagen ward. Da ich bemerkte, daß seine Truppen in großer Unordnung von diesem Angriff zurück kehrten und daß der Marsch des Corps des Generals Bülow nach Belle-Alliance begonnen hatte, indem ich das Feuer seiner Artillerie bereits unterscheiden konnte, und da sich der Fürst Blücher bereits mit einem andern Corps an den linken Flügel unserer Linie bey Onain angeschlossen hatte, so faßte ich den Entschluß, den Feind selbst anzugreifen, und ließ die ganze Linie Infanterie, durch Cavallerie und Artillerie unterstützt, zugleich vorwärts rücken.

Der Angriff glückte auf allen Puncten. Der Feind ward aus seinen Stellungen auf den Anhöhen heraus geschlagen und nahm in der äußersten Unordnung die Flucht, indem er, so viel ich bis jetzt beurtheilen kann, ungefähr 150 Stück Geschütz zurück ließ, die mit ihrer Ammunition in unsere Hände fielen. Ich setzte das Verfolgen bis tief des Abends fort, und stellte dasselbe wehen Ermüdung unserer Truppen ein, die 12 Stunden im Gefecht gewesen waren, und weil ich mit dem Marschall Blücher zusammen traf, der mich versicherte, daß er den Feind die ganze Nacht hindurch werde verfolgen lassen. Diesen Morgen hat er mir gezeigt, daß er 60 Stück Geschütz, die der Kayserl. Garde zugehörten, und zu Genappe verschiedene Wagen und Bagage von Buonaparte erbeutet habe.

Ich bin Willens, heute Morgen nach Nivelles zu marschiren und meine Operationen ununterbrochen fortzusetzen.

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Sir Thomas Picton, G. C. B.

Sie können, Mylord, leicht erachten, daß eine so desparate Schlacht nicht gefochten und kein so großer Vortheil ohne einen großen Verlust erlangt werden konnte; mit Bedauern muß ich hinzufügen, daß der unsrige außerordentlich groß gewesen. An den General-Lieutenant Sir Thomas Picton haben Se. Brittische Majestät einen ausgezeichneten Offizier verlohren. Er fiel glorreich, als er seine Division zu einem Angriff mit dem Bajonett anführte, wodurch einer der ernstlichsten Angriffe, die der Feind auf unsere Position machte, abgeschlagen ward. Der Graf von Uxbridge erhielt, nachdem er den gefahrvollen Tag glücklich überstanden hatte, durch einen der letzten Schüsse eine Wunde, die ihn, wie ich befürchte, lange Zeit den Diensten Sr. Brittischen Majestät entziehen wird. Se. Königl. Hoheit, der Prinz von Oranien, zeichnete sich durch seine Tapferkeit und sein Betragen aus, bis er eine Flintenkugel in die Schulter erhielt, die ihn nöthigte, das Schlachtfeld zu verlassen.

Es gereicht mit zum größten Vergnügen, Mylord, zu berichten, daß sich die Armee nie bey einer Gelegenheit besser betragen hat. Die Engl. Garden unter dem General Coote, der schwer verwundet ward, und die General-Majors Maitland und Byng gaben ein Beyspiel, welches von allen befolgt wurde, und es ist kein Offizier und keine Art von Truppen, die sich nicht gut benommen hat.

Besonders muß ich indeß zu Sr. Königl. Hoheit Genehmigung erwähnen, den General-Lieutenant Sir H. Clinton, den General-Major Adams, den General-Lieutenant Carl, Baron Alten, der verwundet, den General-Major, Grafen Dörnberg, Obersten Ompteda, General-Major, Lord Hill, für seinen Beystand sehr verpflichtet. Eben so hat sich die Artillerie ungemein ausgezeichnet, ferner General Kruse in Nassauischen Diensten xc.

Der General Pozzo-di-Borgo, der General, Baron Vincent, der General van Reede, der General Müffling und der General Alava waren während der Action auf dem Schlachtfelde und leisteten mir alle Hülfe, die in ihrer Macht stand. Baron Vincent ist verwundet, ich hoffe aber nicht gefährlich, und der General Pozzo-di-Borgo bekam eine Contusion.

Ich würde meinen eigenen Empfindungen und dem Marschall Blücher und der Preußischen Armee nicht Gerechtigkeit wiederfahren lassen, wenn ich nicht den glücklichen Erfolg diesen heißen, schwierigen Tags (arduous day) dem herzlichen und zeitigen Beystand zuschreibe, den ich von ihnen erhielt.

Die Operation des Generals Bülow gegen die Flanke des Feindes war sehr entscheidend, und hätte ich mich nicht selbst in einer Lage befunden, den Angriff zu machen, der das endliche Resultat hervorbrachte, so würde diese Operation den Feind zum Rückzuge genöthigt haben, wenn seine Angriffe fehlgeschlagen wären, und würden ihn verhindert haben, selbige zu benutzen, wenn sie unglücklicherweise von Erfolg gewesen wären.

Ich sende zugleich mit dieser Depesche 2 Adler, welche von den Truppen in der Schlacht genommen worden, und die der Major Percy die Ehre haben wird, Sr. Königl. Hoheit zu Füßen zu legen.

Ich habe die Ehre xc. Wellington.

Preußischer Bericht.Bearbeiten

[3]
Wir theilen hier nunmehro den Bericht mit, welchen der Chef des preußischen Generalstabes, Graf von Gneisenau, auf Befehl des Feldmarschalls von Blücher bekannt gemacht hat.

Es war am 15. Juny, als Napoleon die Feindseligkeiten begann, nachdem er am 14. fünf Armeecorps und die Garden zwischen Maubeuge und Beaumont zusammengezogen hatte. Die Concentrationspunkte der vier preußischen Armeecorps waren Fleurus, Namur, Cinay und Hannut, und so gelegen, daß die Armee auf einem dieser Punkte in 24 Stunden versammelt seyn konnte. Napoleon drang am 15. über Thuin auf beiden Seiten der Sambre gegen Charleroi vor. Der General Ziethen hatte das 1ste Armeecorps bei Fleurus zusammengezogen, und bestand an dem Tage ein heftiges Gefecht mit dem Feinde, der, nachdem er Charleroi genommen, gegen Fleurus marschirte. General Ziethen behauptete seine Stellung bei Fleurus. Der Feldmarschall Blücher war gesonnen, dem Feinde so schnell wie möglich eine große Schlacht zu liefern; die drei übrigen preußischen Armeecorps waren dem zu Folge gegen Sombref (1 ½ Stunde von Fleurus) in Marsch gesetzt worden, wo das 2te und 3te den 15., und das 4te den 16. eintreffen mußten. Lord Wellington hatte seine Armee den 15. bei Ath und Nivelles zusammengezogen, und war auf diese Art im Stande, im Fall es am 16. zur Schlacht kommen sollte, den Feldmarschall zu unterstützen.


Schlacht vom 16. Juny bei Ligny.

Die preußische Armee stand auf den Höhen zwischen Brie und Sombref, und über Sombref hinaus, die Dörfer Ligny und St. Amand in der Front stark besetzt haltend. Drei Armeecorps waren indeß nur versammelt; das 4te, welches zwischen Lüttich und Hannut gestanden hatte, war in seiner Bewegung durch allerlei Zufälligkeiten etwas verspätet worden, und nicht herangekommen. Nichts destoweniger entschloß sich der Feldmarschall zu schlagen, da Lord Wellington bereits eine starke Abtheilung seines Heeres, so wie alle seine bei Brüssel stehenden Reserven, ihm zur Unterstüzzung in Marsch gesetzt hatte, und das 4te Armeecorps erwartet wurde. Um drei Uhr Nachmittags begann die Schlacht. Der Feind entwickelte über 130,000 Mann; 80,000 Mann war das preußische Heer stark. Das Dorf St. Amand war zuerst vom Feinde angegriffen, und nach heftiger Gegenwehr genommen. Hierauf wandte sich der Feind gegen Ligny. Ligny ist ein sehr großes massiv gebautes Dorf längs des Ligny-Bachs. Hier nun begann ein Kampf, der unter die hartnäckigsten gehört, die je gekämpft worden sind. Sonst werden Dörfer genommen und wieder genommen, hier aber dauerte das Gefecht fünf Stunden lang im Dorfe selbst, und bewegte sich nur durch geringe Räume vor- oder rückwärts. Unaufhörlich rückten von beiden Seiten frische Truppen ins Gefecht. Jeder hatte hinter derjenigen Abtheilung des Dorfes, die von ihm besetzt war, große Massen Infanterie aufgestellt, die das Gefecht ununterbrochen nährten, und ihrer Seits wieder unaufhörlich von rückwärts her ergänzt wurden, und von den dieß- und jenseits liegenden Höhen herab war das Feuer von beinahe zweihundert Geschützen beider Armeen gegen das Dorf gerichtet, das an vielen Orten zugleich in Brand gerathen war. Nach und nach hatte sich das Gefecht längs der ganzen Stellung ausgedehnt, denn auch gegen das 3te Armeecorps bei Sombref hatte der Feind viele Truppen entwickelt; bei Ligny indeß lag die Entscheidung. Manches sprach den preußischen Waffen eine günstige Wendung, denn ein Theil des Dorfes St. Amand war von einem Bataillon unter persönlicher Anführung des Feldmarschalls den Franzosen wieder gewonnen worden, die nach dem Verluste von St. Amand unserer Seits verlassen worden war. Bei Ligny jedoch stand die Schlacht mit gleicher Wuth. Jetzt war der Augenblick, wo das Erscheinen der Engländer, oder die Ankunft des 4ten Armeecorps entschieden haben würde; denn kam das 4te Armeecorps an, so hätte der Feldmarschall unverzüglich einen Angriff mit dem rechten Flügel gemacht, der seinen Erfolg nicht verfehlt haben würde. Doch es ging die Nachricht ein, daß die zu unserer Unterstützung bestimmte Abtheilung des englischen Heeres selbst von einem französischen Armeecorps heftig angegriffen worden sey, und sich nur mit Anstrengung in seiner Stellung bei Qautre-Bras behauptet habe; das 4te Armeecorps blieb ebenfalls aus, und so waren wir denn angewiesen, der großen Uebermacht allein zu widerstehen. Es war bereits in der Dämmerung, und immer noch wüthete die Schlacht bei Ligny gleich mörderisch und gleich unentschieden fort. Es wuchs die Noth unter vergeblichem Sehnen nach Hülfe. Alle Truppenabtheilungen waren im Gefechte, oder hatten gefochten, und keine frischen Truppen waren mehr zur Hand. Plötzlich griff eine Abtheilung feindlicher Infanterie, die unter Begünstigung der Dämmerung sich auf der einen Seite um das Dorf herumgeschlichen hatte, während auf der andern einige Cuirassierregimenter durchbrachen, unsere hinter dem Dorfe aufgestellten Massen im Rükken an. Diese Ueberraschung des Feindes entschied, doch ward sie nur dann erst entscheidend, als unsere Kavallerie, die hinter dem Dorfe auf den Höhen aufgestellt war, in wiederholten Angriffen von der feindlichen Kavallerie zurückgeschlagen worden war. Unsere hinter Ligny aufgestellten Massen Infanterie, wenn schon sie sich zum Rückzuge genöthigt sahen, ließen sich jedoch durch die Ueberraschung des Feindes in der Dunkelheit, die dem Menschen jede Gefahr vergrößert, so wie dadurch, daß sie von allen Seiten umringt war, nicht irre machen. In Massen gestellt, schlug sie alle Kavallerieangriffe kaltblütig ab, und zog sich mit Ruhe auf die Höhen zurück, von wo der weitere Marsch gegen Tilly langsam fortgesetzt wurde. Durch das plötzliche Vorbrechen der feindlichen Kavallerie hatten mehrere unserer Geschütze im schnellen Abziehen Richtungen eingeschlagen, wo sie in Defiléen geriethen, in welchen sie sich verfuhren. Funfzehn Stück fielen auf diese Art dem Feinde in die Hände. Eine Viertelmeile weit vom Schlachtfelde stellte sich die Armee wieder auf; der Feind wagte nicht zu folgen. Das Dorf Brie blieb die Nacht über noch von uns besetzt, eben so Sombref, wo der General Thielmann mit dem 3ten Armeecorps gefochten hatte, und sich mit anbrechendem Tage langsam nach Gembloux zurückzog, wo das 4te Armeecorps unter dem General Bülow in der Nacht eingetroffen war. Das 1ste und 2te Corps am andern Morgen hinter das Defilé von Mont St. Guibert. Unser Verlust an Todten und Verwundeten war groß, an Gefangenen hatten wir nichts als einen Theil unserer Verwundeten verloren. Wenn schon die Schlacht verloren war, so war sie jedoch so ehrenvoll wie möglich. Unsere Truppen hatten mit einer Tapferkeit gefochten, die nichts zu wünschen übrig ließ, darum war auch bei Niemand der Muth gebeugt, denn die Zuversicht auf die eigne Kraft war nicht erschüttert worden. An diesem Tage schwebte der Feldmarschall in großer Gefahr. Ein Kavallerieangriff, wo er sich selbst an der Spitze befand, war mißlungen. Als die feindliche Kavallerie schnell verfolgte, durchbohrte ein Schuß das Pferd des Feldmarschalls. Der Schuß hemmte jedoch nicht der Pferdes Lauf. Der Schmerz trieb es vielmehr immer heftiger zu convulsivischen Sprüngen an, bis es plötzlich in vollem Rennen todt zu Boden stürzte. Der Feldmarschall lag, vom gewaltsamen Sturze ganz betäubt, unter dem todten Pferde. Die feindlichen Cuirassiere jagten in der Verfolgung heran; unsere letzten Reiter waren schon beim Feldmarschall vorüber; nur ein Adjutant war bei ihm *); vom Pferde abgesprungen, stand er neben ihm, sein Schicksal zu theilen entschlossen. Die Noth war groß, doch der Himmel wachte über uns. Die Feinde jagten in wilder Eile vorüber, ohne den Feldmarschall zu bemerken, und eben so jagten sie noch einmal bei ihm vorbei, als die Unsrigen sie wieder zurückgeworfen hatten. Jetzt erst brachte man mit Mühe den Feldmarschall unter dem todten Pferde hervor, wo er sodann ein Dragonerpferd bestieg. Am 17. Juni Abends hatte sich die preußische Armee bei Wavre enger zusammengezogen. Napoleon setzte sich an dem Tag gegen Lord Wellington auf der großen Straße von Charleroi nach Brüssel in Bewegung. Bei Quatre-Bras bestand eine Abtheilung der englischen Armee ein heftiges Gefecht mit dem Feinde. Lord Wellington hatte auf der Brüsseler Straße eine Stellung genommen mit dem rechten Flügel gegen Braine-la-Leud, mit der Mitte bei Mont-Saint-Jean, und mit dem linken Flügel gegen la Haye. In dieser Stellung, schrieb Wellington an den Feldmarschall, sey er Willens die Schlacht anzunehmen, wenn der Feldmarschall ihn mit zwei Armeecorps unterstützen wollte. Der Feldmarschall versprach mit der ganzen Armee zu kommen, und schlug selbst vor, im Fall Napoleon nicht selbst angriffe, ihn am andern Tage mit gesammter Kraft anzugreifen. Hiervon mag man ermessen, wie wenig die Schlacht vom 16. die preußische Armee zerrüttet, und ihre moralische Kraft geschwächt hatte. So ward die Schlacht beschlossen.

*) Der Graf von Nostitz.
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Schlacht vom 18. Juny.

Mit Tagesanbruch brach die preußische Armee auf; das 3te und das 2te Armeecorps wurden über St. Lambert hinaus in Marsch gesetzt, wo sie sich in dem Walde vor Frichemont verdeckt aufstellen sollten, um im günstigsten Augenblicke in des Feindes Rücken vorzubrechen. Das 1ste Armeecorps erhielt seine Richtung über Ohain in des Feindes rechte Flanke; das 3te Armeecorps sollte zur Unterstützung langsam folgen. Um 10 Uhr Vormittags begann die Schlacht. Die brittische Armee stand auf den Höhen von Mont-Saint-Jean, die französische auf die Höhen vorwärts Planchenoit; die englische Armee war gegen 80,000 Mann stark, die feindliche zählte über 130,000. -- Es dauerte nicht lange, so war die Schlacht allgemein auf die ganzen Linie. Napoleon schien die Absicht zu haben, den englischen linken Flügel und das Centrum zu werfen, und so die Trennung der englischen von der preußischen Armee, zu vollenden. Er hatte deswegen den größten Theil seiner Reserven im Centrum gegen seinen rechten Flügel aufgestellt, und bestürmte hier die Engländer mit unglaublicher Heftigkeit. Die brittische Armee focht unübertrefflich, an der Tapferkeit der Schotten scheiterten die wiederholten Angriffe der alten Garden, und bei jedem Zusammentreffen wurde die französische Kavallerie von der englischen geworfen und zerstreuet. Doch Napoleons Uebermacht war zu groß, er rückte fort und fort mit gewaltigen Massen gegen die Engländer, und so standhaft auch diese sich noch immer in ihrer Stellung behaupteten, so mußten so große Anstrengungen doch ihre Grenze endlich erreichen. Es war 4½ Uhr Nachmittags. Das sehr schwierige Defilé von St. Lambert hatte den Marsch der preußischen Colonnen beträchtlich aufgehalten, so, daß vom 4ten Armeecorps erst zwei Brigaden in ihrer verdeckten Aufstellung angekommen waren. Der Augenblick der Entscheidung war eingetreten, und keine Zeit zu verlieren. Die preußischen Feldherren ließen den Augenblick nicht entschlüpfen; sie beschlossen ungesäumt den Angriff mit dem, was zur Hand war, und so brach General Bülow mit zwei Brigaden und einem Corps Kavallerie plötzlich vor, gerade im Rücken des feindlichen rechten Flügels. Der Feind verlor die Besonnenheit nicht. Er wandte auf der Stelle seine Reserven gegen uns, und es begann ein mörderischer Kampf. Das Gefecht stand lange Zeit, und ward mit gleicher Heftigkeit gegen die Engländer fortgesetzt. Ungefähr um sechs Uhr Abends traf die Nachricht ein, daß General Thielmann mit dem 3ten Armeecorps bei Wavre von einem beträchtlichen feindlichen Corps angegriffen sey, und daß man sich bereits um den Besitz der Stadt schlage. Der Feldmarschall ließ sich jedoch hierdurch nicht erschüttern; vor ihm lag die Entscheidung des Tages, und nicht anderswo; nur ein gleich heftiger mit immer frischen Truppen fortgesetzter Kampf konnte allein den Sieg gewinnen, und wenn hier der Sieg gewonnen ward, so ließ sich jeder Nachtheil bei Wavre leicht verschmerzen. Alle Colonnen blieben demnach im Marsch. Es war 7½ Uhr, und noch stand die Schlacht; das ganze vierte Armeecorps und ein Theil des Zweiten unter dem General Pirch waren nach und nach angekommen. Die Franzosen fochten wie Verzweifelte; allmählig bemerkte man jedoch schon Unsicherheit in ihren Bewegungen und sah, wie mehreres Geschütz abgefahren ward. In diesem Augenblick erschienen die ersten Colonnen des Armeecorps von Ziethen auf ihrem Angriffspunkte beim Dorf Smouhen in des Feindes rechter Flanke, und schritten auch sogleich frisch ans Werk. Jetzt war's um den Feind geschehen. Von 3 Seiten ward sein rechter Flügel bestürmt; er wich; im Sturmschritt und unter Trommelschlag ging's von allen Seiten auf ihn ein, indem zugleich die ganze brittische Linie sich vorwärts in Bewegung setzte. Einen besonders schönen Anblick gewährte die Angriffsseite des preußischen Heeres. Das Terrain war hier terrassenartig gebildet, so daß mehrere Stufen Geschützfeuer übereinander entwickelt werden konnten, zwischen denen die Truppen brigadenweis in der schönsten Ordnung in die Ebene hinabstiegen, während aus dem hinter auf der Höhe liegenden Walde immer neue Massen sich entfalteten. Mit dem Rückzuge des Feindes ging es noch so lange erträglich, bis das Dorf Planchenoit in seinem Rücken, das die Garden vertheidigten, nach mehreren abgeschlagenen Angriffen und vielem Blutvergießen endlich mit Sturm genommen war. Nun wurde aus dem Rückzuge eine Flucht, die bald das ganze französische Heer ergriff, und immer wilder und wilder alles mit sich fortriß. Es war 9½ Uhr. Der Feldmarschall versammelte jetzt die höhern Offiziere und befahl, daß der letzte Hauch von Mensch und Pferd zur Verfolgung aufgeboten werden sollte. Die Spitze der Armee beschleunigte ihre Schritte. Rastlos verfolgt gerieth das französische Heer bald in eine völlige Auflösung. Die Chaussee sah wie ein großer Schiffbruch aus. Sie war mit unzähligen Geschützen, Pulverwagen, Fahrzeugen, Gewehren und Trümmern aller Art wie besäet, aus mehr als neun Bivouaks wurden diejenigen, die sich eine Ruhe hatten gönnen wollen, und keine so schnelle Verfolgung erwartet hatten, vertrieben; in einigen Dörfern versuchten sie zu widerstehen, doch so wie sie die Trommeln und Flügelhörner hörten, flohen sie, oder warfen sich in die Häuser, wo sie niedergemacht oder gefangen wurden. Der Mond schien hell und begünstigte ungemein die Verfolgung. Der ganze Marsch war ein stetes Aufstöbern des Feindes in den Dörfern und Getreidefeldern. In Genappe hatte sich der Feind mit Kanonen, umgeworfenen Munitionswagen und Fahrzeugen verbarrikadirt; als wir uns näherten, hörten wir plötzlich ein Lärmen und Fahnen im Orte, und erhielten zugleich vom Eingange her ein starkes Gewehrfeuer. Einige Kanonenschüsse, ein Hurrah, und die Stadt war unser. Hier ward unter vielen andern Equipagen Napoleons Wagen genommen, den er so eben erst verlassen, um sich zu Pferde zu werfen, und in welchem er in der Eil seinen Degen zurück gelassen, und beim Herausspringen seinen Hut eingebüßt hatte. So ging es bis zum Anbruch des Tages rastlos fort. Im wildesten Durcheinander haben kaum 40,000 Mann, als Rest der ganzen Armee, zum Theil ohne Gewehre sich durch Charleroi gerettet mit nur sieben und zwanzig Geschützen seiner ganzen zahlreichen Artillerie. Bis weit hinter seine Festungen ist der Feind geflohen, der einzige Schutz seiner Grenzen, die jetzt unaufhaltsam von unsern Armeen überschritten worden. Um fünf Uhr Nachmittags hatte Napoleon einen Courier nach Paris vom Schlachtfelde mit der Nachricht abgefertigt, daß der Sieg nicht mehr zweifelhaft sey; einige Stunden später hatte er keine Armee mehr. Eine genaue Kenntniß des feindlichen Verlustes hat man noch nicht; es ist genug, wenn man weiß, daß zwei Drittel der Armee erschlagen, verwundet oder gefangen worden, unter andern die Generale Mouton, Duhesme und Compans, und daß bis jetzt schon gegen dreihundert Geschütze und über fünfhundert Pulverwagen in unsern Händen sind. Selten ist solch ein vollkommener Sieg erfochten worden, und beispiellos gewiß ist es, daß eine Armee den zweiten Tag nach einer verlornen Schlacht einen solchen Kampf unternommen und so glänzend bestanden hat. Ehre dem Heere, in welchem solche Standhaftigkeit und so frommer Muth sich darthun! Im Mittelpunkte der französischen Stellung, ganz auf der Höhe liegt eine Meierei, la Belle Alliance genannt; wie ein Fanal (Leuchtthurm) rings umher sichtbar war der Marsch aller preußischen Colonnen dorthin gerichtet; auf dieser Stelle befand sich Napoleon während der Schlacht; von hier aus gab er seine Befehle, von hier aus wollte er den Sieg erringen, und hier entschied sich seine Niederlage; hier endlich trafen in der Dunkelheit durch eine anmuthige Gunst des Zufalls der Feldmarschall und Lord Wellington zusammen, und begrüßten sich gegenseitig als Sieger. Zum Andenken des zwischen der brittischen und preußischen Nation jetzt bestehenden, von der Natur schon gebotenen Bündnisses, der Vereinigung der beiden Armeen, und der wechselseitigen Zutraulichkeit der beiden Feldherren, befahl der Feldmarschall, daß diese Schlacht die Schlacht von Belle Alliance genannt werden sollte. Hauptquartier, Merbes-le-Chateau, den 20. Juni 1815.

Auf Befehl des Feldmarschall Fürsten Blücher.
Der General, Graf von Gneisenau.

PanoramaWaterlooBelleAlliance BL

[La Belle Alliance, As seen four Days after the Action.]


Französischer Bericht.Bearbeiten

[4]

Aus dem Moniteur.

Schlacht bei Ligny unterhalb Fleurus den 16. Juny.

Den 16. Morgens hatte die französische Armee folgende Stellungen:

Der linke Flügel unter dem Marschall Ney, der aus dem 1sten und 2ten Infanterie- und dem 2ten Cavalleriecorps bestand, hatte die Stellungen von Frasne besetzt.

Der rechte Flügel unter dem Marschall Grouchy, der aus dem 3ten und 4ten Infanterie- und dem 3ten Cavalleriecorps bestand, hatte die Anhöhen hinter Fleurus inne.

Das Hauptquartier des Kaisers befand sich zu Charleroi, wo sich die kaiserl. Garde und das 6te Corps befanden.

Der linke Flügel hatte Befehl, auf Quatre-Bras, und der rechte auf Sombre zu marschiren. Der Kaiser begab sich mit seiner Reserve nach Fleurus.

Die Colonnen des Marschalls Grouchy, die auf dem Marsche waren, bemerkten, als sie über Fleurus hinaus waren, die feindliche Armee unter dem Feldmarschall von Blücher; mit seinem linken Flügel hatte er die platten Erhöhungen der Mühle von Bussy und das Dorf Sombre besetzt, und dehnte seine Reiterei sehr weit auf der Straße von Namur aus; sein Rechter Flügel befand sich zu St. Amand, und hatte dies große Dorf mit einer starken Macht besetzt, vor sich eine Schlucht, welche seine Stellung bildete.

Der Kaiser ließ die Stärke und die Stellungen des Feindes untersuchen und beschloß auf der Stelle den Angriff. Man mußte eine Fronteveränderung machen, mit dem rechten Flügel vorwärts und dem Stützpunkte an Fleurus.

Der General Vandamme marschirte auf St. Amand; der General Gerard auf Ligny und der Marschall Grouchy auf Sombre *).

*) Auf mehrern Charten heißt dieser Ort Sombref.

Die 4te Division des 2ten Corps unter dem General Girard marschirte als Reserve hinter Vandammes Corps. Die Garde stellte sich auf der Anhöhe von Fleurus auf, so wie die Cuirassiere des General Milhaud.

Um 3 Uhr Nachmittags waren diese Anordnungen vollendet. Die Division des General Laloi, die einen Theil des Corps des General Vandamme ausmachte, begann den Angriff und bemächtigte sich St. Amands, von wo sie den Feind mit dem Bayonette vertrieb. Die ganze Schlacht über behauptete sie sich auf dem Todtenacker und dem Thurme von St. Amand, allein dieß sehr große Dorf war während des Abends der Schauplatz verschiedener Gefechte; das ganze Corps des Generals Vandamme wurde darein verwickelt und der Feind verwandte eine ansehnliche Macht dazu.

Der General Girard, der die Reserve von Vandammes Corps bildete, nahm mit seinem rechten Flügel das Dorf im Rücken und schlug sich darin mit seiner gewohnten Tapferkeit. Die beiderseitigen Truppen wurden von beiden Seiten durch etliche sechzig Feuerschlünde unterstützt.

Rechts kam der General Gerard mit dem 4ten Corps im Dorfe Ligny ins Gefecht, das mehrmals erobert wurde und wieder verloren ging.

Der Marschall Grouchy focht auf dem äußersten rechten Flügel und der General Pajol im Dorfe Sombre. Der Feind zeigte 80- bis 90,000 Mann und eine große Menge Geschütz.

Um 7 Uhr waren wir Meister aller Dörfer am Rande der Schlucht, welche die feindliche Stellung deckte, aber er hielt noch mit seinen sämmtlichen Massen die platte Erhöhung der Mühle von Bussy besetzt.

Der Kaiser begab sich mit der Garde ins Dorf Ligny. Der General Gerard ließ den General Pecheux mit dem, was noch von der Reserve übrig war, herausrücken, da beinahe alle Truppen in diesem Dorfe im Gefechte gewesen waren. Acht Bataillone von der Garde rückten mit dem Bayonette heraus und hinter ihnen folgten die vier dienstthuenden Schwadronen, die Cuirassiere des Generals Delort, jene des Generals Milhaud und die Grenadiere zu Pferde von der Garde. Die alte Garde griff die feindlichen Colonnen mit dem Bayonette zuerst an, die auf den Anhöhen von Bussy standen, und bedeckte in einem Augenblicke das Schlachtfeld mit Todten. Die dienstleistende Schwadronen griff ein Carré an und durchbrach es, und die Cuirassiere trieben den Feind in allen Richtungen zurück. Um halb acht Uhr hatten wir 40 Kanonen, viele Wagen, Fahnen und Gefangene, und der Feind suchte seine Rettung in einer eiligen Flucht. Um 10 Uhr war die Schlacht zu Ende und wir waren Meister des ganzen Schlachtfeldes.

Der General Lützow, von dem Freicorps, ward zum Gefangenen gemacht. Die Gefangenen versichern, der Feldmarschall Blücher sey verwundet worden. Der Kern der preußischen Armee ist in dieser Schlacht vernichtet worden. Ihr Verlust kann nicht unter 15,000 Mann seyn. Der Unserige beträgt 5000 Mann an Todten und Verwundeten.


Auf dem linken Flügel war der Marschall Ney mit einer Division auf Quatre-Bras marschirt, welche eine englische Abtheilung, die daselbst stand, geworfen hatte, allein da sie von 25,000 Mann theils Engländern, theils Hannoveranern in englischem Solde, unter dem Prinzen von Oranien angegriffen wurde, so zog sie sich wieder auf ihre Stellung bei Frasne zurück. Hier entstanden vielfache Gefechte; der Feind suchte sie zu erstürmen, aber vergebens. Der Herzog von Elchingen wartete auf das erste Corps, das erst in der Nacht eintraf, und beschränkte sich daher auf die Behauptung seiner Stellung. In einem Carré, durch das 8te Cuirassierregiment angegriffen wurde, fiel die Fahne des 9ten englischen Infanterieregiments in unsere Hände. Der Herzog von Braunschweig ist getödtet und der Erbprinz von Oranien verwundet worden. Man versichert, der Feind habe viele angesehene Offiziere und Generale, die getödtet oder verwundet seyn. Den Verlust der Engländer schätzt man auf 4 bis 5000 Mann; der Unserige ist auf dieser Seite sehr beträchtlich gewesen; er steigt auf 4000 Todte und Verwundete.

Dieser Kampf endigte in der Nacht. Lord Wellington räumte darauf Quatre-Bras und zog sich nach Genappe zurück.


Morgens den 17. verfügte sich der Kaiser nach Quatre-Bras, von wo er zum Angriffe der englischen Armee aufbrach; er trieb sie mit dem linken Flügel und mit der Reserve bis an den Eingang des Waldes von Soignes zurück. Der rechte Flügel rückte über Sombre zur Verfolgung des Feldmarschalls Blücher vor, der seine Richtung nach Wavres nahm, wo er sich aufstellen zu wollen schien.

Um 10 Uhr Abends besetzte die englische Armee mit ihrem Mittelpunkte Mont-Saint-Jean, und befand sich vorwärts dem Walde von Soignes in der Stellung. Um sie anzugreifen, hätte man noch drei Stunden Zeit gebraucht; man mußte also ihren Angriff bis morgen verschieben.

Das Hauptquartier des Kaisers kam nach dem Vorwerke Caillou bei Planchenois. Der Regen fiel in Strömen herab. Also sind am 16. sowohl der linke als der rechte Flügel nebst der Reserve in beinahe einer Entfernung von zwei Stunden im Gefechte gewesen.

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Schlacht bei Mont-Saint-Jean, den 18.

Als um 9 Uhr Morgens der Regen etwas nachgelassen hatte, setzte sich das 1ste Corps in Bewegung, und stellte sich mit dem linken Flügel auf der Straße nach Brüssel und dem Dorfe Mont-Saint-Jean gegenüber auf, welches der Mittelpunkt der feindlichen Stellung zu seyn schien. Das 2te Corps lehnte sich mit seinem rechten Flügel an die Straße nach Brüssel und mit seinem linken an einen kleinen Wald in Kanonenschußweite vor der englischen Armee. Die Cuirassiere stellten sich rückwärts in Reserve und die Garde auf den Anhöhen in Reserve auf. Das 6te Corps mit der Reiterei des Generals Beaumont war unter den Befehlen des Grafen von Lobau dazu bestimmt, sich hinter unsern rechten Flügel zu begeben, um sich einem Preußischen Corps zu widersetzen, das dem Marschall Grouchy entwischt (echappé) war, und die Absicht zu haben schien, uns in die rechte Flanke zu fallen, eine Absicht, die wir durch unsere Berichte und durch einen Brief eines preußischen Generals erfahren hatten, den man bei einer Ordonnanz gefunden, welche unsere Herumstreifer aufgefangen hatten.

Die Truppen waren voll Muth. Die Stärke der englischen Armee schätzte man auf 80,000 Mann; man nahm an, ein preußisches Corps, das gegen Abend anzugreifen im Stande wäre, könne 15,000 Mann stark seyn. Die feindliche Macht betrug also über 90,000 Mann. Wir waren nicht so zahlreich.

Als zu Mittag alle Vorbereitungen fertig waren, rückte der Prinz Jerome, der eine Division des 2ten Corps befehligte, und zur Bildung der äußersten linken Flügels bestimmt war, auf den Wald vor, von welchem der Feind einen Theil besetzt hatte. Die Kanonade begann; der Feind unterstützte die Truppen, die er zur Besetzung des Waldes abgeschickt hatte, mit 30 Kanonen. Wir trafen auch von unserer Seite Anstalten zum Geschütz. Um 1 Uhr war der Prinz Jerome Meister des ganzen Waldes, und die englische Armee zog sich hinter eine kleine Anhöhe zurück. Der Graf von Erlon griff alsdann das Dorf Mont-Saint-Jean an und ließ seinen Angriff durch 80 Kanonen unterstützen.

Hier begann eine schreckliche Kanonade, durch welche die englische Armee viel leiden mußte. Alle Schüsse fielen auf die platte Erhöhung. Eine Brigade der ersten Division des Grafen Erlon bemächtigte sich des Dorfs Mont-Saint-Jean; eine zweite wurde von einem Corps englischer Reiterei angefallen, wodurch sie einen großen Verlust erlitt. In dem nämlichen Augenblicke griff eine Division englischer Reiterei die Batterien des Grafen auf seinem rechten Flügel an und brachte mehrere Kanonen in Unordnung, allein die Cuirassiere des Generals Milhaud griffen diese Division an, von welcher frei Regimenter durchbrochen und über zugerichtet wurden.

Es war drei Uhr Nachmittags. Der Kaiser ließ die Garde vorrücken, um sie auf der Ebene auf dem Terrain aufzustellen, das im Anfange der Schlacht das erste Corps besetzt hatte. Dies Corps befand sich schon vorwärts. Die preußische Abtheilung, deren Bewegung man schon voraus gesehen hatte, begann nunmehro das Gefecht mit den Plänklern des Grafen Lobau und dehnte ihr Feuer auf unserer ganzen rechten Flanke aus. Es war zweckmäßig, den Ausgang dieses Angriffs abzuwarten, ehe man anderwärts etwas unternahm. In dieser Ansicht standen alle Hülfsmittel der Reserve bereit, dem Grafen Lobau beizustehen, um das preußische Corps zu vernichten, wenn es vorgerückt wäre.

Hierauf hatte der Kaiser die Absicht, einen Angriff durch das Dorf Mont-Saint-Jean zu machen, von dem man einen entscheidenden Erfolg erwartete, allein durch eine Bewegung von Ungeduld, die in unserer Kriegsgeschichte so häufig und für uns oft so traurig ausgefallen sind, besetzte die Reservereiterei, als sie eine rückgängige Bewegung der Engländer bemerkte, um sich gegen unsere Batterien zu schützen, von denen sie so viel gelitten hatten, die Anhöhen von Mont-Saint-Jean und griff das Fußvolk an. Diese Bewegung, die, wenn sie zur rechten Zeit erfolgt und von den Reserven unterstützt worden wäre, das Schicksal des Tags entscheiden mußte, war ein Unglück, weil sie einzeln geschah, ehe noch die Sachen auf dem rechten Flügel beendigt waren.

Da man kein Mittel hatte, Gegenbefehl dazu zu geben; da der Feind viele Massen Fußvolks und Reiterei zeigte und seine beiden Cuirassierdivisionen schon im Gefechte waren, so eilte unsere ganze Reiterei augenblicklich herbei, um ihre Cameraden zu unterstützen. Hier machte man drei Stunden lang zahlreiche nachdrückliche Angriffe, wobei wir mehrere Carrés durchbrachen und sechs Fahnen des englischen Fußvolks eroberten; allein diese Vortheile standen in keinem Verhältnisse mit dem Verluste, den unsere Reiterei durch das Kartätschen- und Kleingewehrfeuer erlitt. Ueber unsere Infanteriereserven konnten wir unmöglich verfügen, bis man nicht den Seitenangriff des preußischen Corps zurückgeschlagen hatte. Dieser Angriff verlängerte sich noch immer, und zwar schnurgerade auf unserer rechten Flanke hin; der Kaiser schickte den General Duhesme mit der jungen Garde und mehrern Reservebatterien dahin. Der feind wurde aufgehalten, zurückgeschlagen und wich zurück; er hatte seine Kräfte erschöpft und man hatte nichts mehr zu besorgen. Dies war der zu einem Angriffe auf den Mittelpunkt des Feindes bestimmte Augenblick. Da die Cuirassiere durch das Kartätschenfeuer litten, so schickte man vier Bataillone von der mittlern Garde dahin, um ihnen beizustehen, die Stellung zu behaupten, und wenn es möglich wäre, einen Theil unserer Reiterei frei zu machen und sie auf die Ebene zurückzuziehen.

Zwei andere Bataillone schickte man ab, um auf dem äußersten linken Flügel der Abtheilung, die auf unsern Flanken manoeuvrirt hatte, eine hakenförmige Aufstellung zu behaupten, damit man von dieser Seite nichts zu besorgen hätte. Der Ueberrest wurde in Reserve aufgestellt, der eine Theil, um den Haken hinter Mont-Saint-Jean zu besetzen, und der Andere auf der platten Erhöhung rückwärts des Schlachtfeldes die unsere Rückzugsstellung bildete.

Um halb neun Uhr Abends wurden die vier Bataillone von der mittlern Garde, welche auf die platte Erhöhung jenseits Mont-Saint-Jean zur Unterstützung der Cuirassiere abgeschickt worden waren, von dem Kartätschenfeuer des Feindes belästigt, und marschirten mit dem Bayonette, um seine Batterien weg zu nehmen. Der Tag ging zu Ende; ein nachdrücklicher Angriff, den mehrere Schwadronen englischer Reiter auf ihre Flanke machten, brachte sie in Unordnung. Die Flüchtlinge liefen über die Schlucht zurück; die nahestehenden Regimenter, die einige Truppen von der Garde aufgelöst erblickten, glaubten, sie wären von der alten Garde, und wurden wankend; es ließ sich das Geschrei: alles ist verloren, die Garde ist zurückgeschlagen! hören. Die Soldaten behaupten sogar, es hätten auf mehrern Punkten bestellte Uebelgesinnte gerufen: Rette sich, wer kann! Wie es aber auch seyn mag, genug, ein panischer Schrecken verbreitete sich auf einmal auf dem ganzen Schlachtfelde; in großer Unordnung stürzte man sich auf die Communicationslinie; die Soldaten, die Kanoniere, die Munitionswagen drängten sich dahin; die alte Garde die in Reserve stand, wurde mit überfallen und selbst mit fortgerissen.

In einem Augenblicke war die Armee blos noch eine verworrene Masse; alle Waffengattungen waren unter einander und man konnte unmöglich wieder ein Regiment zusammenbringen. Der Feind, der diese ungeheuere Verwirrung bemerkte, ließ Reitercolonnen vorrücken; die Unordnung nahm zu, die Verwirrung in der Nacht verhinderte die Sammlung der Truppen und man konnte ihnen ihren Irrthum nicht zeigen.

So ging also eine geendigte Schlacht, ein Tag wieder gut gemachter falscher Maaßregeln, die größten auf morgen gesicherten glücklichen Erfolge, kurz, alles ging durch einen Augenblick panischen Schreckens verloren. Selbst die dienstthuenden Schwadronen, welche an der Seite des Kaisers standen, wurden durch diese ungestümen Wogen geworfen und aufgelöset, und es gab kein anderes Rettungsmittel, als dem Strome zu folgen. Die Reserveparks, das Gepäck, das nicht über die Sambre zurückgegangen war und alles, was sich auf dem Schlachtfelde befand, ist dem Feinde in die Hände gefallen. Man konnte durchaus nicht auf die Truppen unsers rechten Flügels warten. Jedermann weiß, was die bravste Armee ist, wenn sie in Verwirrung geräth und aufgelöset ist.


Der Kaiser ging den 19. Morgens um 5 Uhr zu Charleroi über die Sambre. Philippeville und Avesnes wurden zum Vereinigungspunkte bestimmt. Der Prinz Jerome, der General Morand und die übrigen Generale haben daselbst schon einen Theil der Armee wieder gesammelt. Der Marschall Grouchy bewirkt mit dem Corps des rechten Flügels seine Bewegung auf die Niedersambre.

Der Verlust des Feindes muß nach den Fahnen, die wir von ihnen erobert haben, und den rückgängigen Bewegungen, die er gemacht hatte, zu urtheilen, sehr groß seyn. Der Unserige läßt sich erst nach der Wiedersammlung der Truppen berechnen. Ehe die Unordnung einriß, hatten wir schon bedeutende Verluste, besonders bei unserer Reiterei erlitten, die auf eine so traurige Art ins Gefecht gezogen war und doch so tapfer focht. Ungeachtet dieses Verlustes hat diese Reiterei doch stets die Stellung behauptet, die sie den Engländern abgenommen hatte, und sie verließ sie erst dann, als sie das Getümmel und die Unordnung auf dem Schlachtfelde dazu zwangen. In der Nacht und bei den Hindernissen, welche die Straße versperrten, konnte die auch ihre Organisation nicht behalten.

Die Artillerie hat sich, wie gewöhnlich, mit Ruhm bedeckt. Die Wagen des Hauptquartiers waren in ihrer gewöhnlichen Stellung geblieben, weil keine rückgängige Bewegung für nöthig gehalten worden war. Während der Nacht sind sie dem Feinde in die Hände gefallen.

Dies war der Ausgang der für die französische Armee so glorreichen und doch so verderblichen Schlacht bei Mont-Saint-Jean.

Zeitungsberichte.Bearbeiten

(Leipziger Zeitung.)

Naumburg, den 23sten Jun.

Heute ist hier folgender officieller Bericht vom 18ten d. Morgens 6 Uhr bekannt gemacht worden:

Den 15ten d. Mon. wurde das erste königl. preußische Armeecorps, welches seine Vorposten längs der Sambre, zu beyden Seiten von Charleroy, gestellt hatte und mit seinen Massen in der Gegend von Fleurüs stand, von der französischen Armee unter Napoleon Bonaparte eigner Anführung angegriffen, die in 2 Colonnen über Beaumont und Gerpines vorrückte. Das 2te Armeecorps befand sich an diesem Tage auf dem Marsche nach Sombreuf, um die Vereinigung mit dem 1sten Armeecorps zu bewirken; das 3te Armeecorps war auf dem Marsche von Siney nach Namur, und das 4te Armeecorps auf dem Marsche nach Hanut. Am 16ten vereinigte sich das 1ste, 2te und 3te Armeecorps in der Stellung bey Sombreuf; das 4te konnte an diesem Tage nur bis Genbloux kommen. Der Herzog von Wellington concentrirte seine Armee bey Nivelles. Der Feind griff mit seiner ganzen vereinigten Macht, der Angabe nach 120,000 Mann stark, unsere 3 Armeecorps bey Sombreuf an. Alle seine Versuche, den rechten Flügel der Armee zu umgehen und das Centrum zu durchbrechen, wurden bis 8 Uhr Abends vereitelt. Um diese Zeit forcirte der Feind das Dorf Ligni vor der Fronte der Stellung. Der Feldmarschall Fürst Blücher von Wahlstatt brach das Gefecht ab, weil unsere Truppen durch die, den ganzen Tag hindurch unausgesetzt statt gehabten Gefechte ermüdet waren und die Vereinigung der drey Armeecorps mit dem 4ten ein viel wichtigerer Zweck war, als die Festhaltung jenes Dorfes. Zu dem Ende zog sich das 1ste und 2te Armeecorps nach Tilly, das 3te aber begab sich nach Genbloux, wo das 4te bereits eingetreffen war. Am 17ten concentrirten sich diese 4 Armeecorps bey Wavres und wurden auf dem Marsche dahin vom Feinde nicht gedrängt, der sich nun gegen den Herzog von Wellington wandte. Dieser nahm am 17ten seine Stellung bey Braine la Leude und Mont St. Jean. Es fand an diesem Tage nur ein Arriergardengefecht unweit Gemappe statt. Am 18ten griff der Feind die englische Armee in ihrer Stellung um 11 Uhr Vormittags an. Nach der Verabredung beyder Feldherren marschirte der Feldmarschall Fürst Blücher von Wahlstatt mit dem 1sten, 2ten und 4ten Armeecorps von Wavres ab, um an der Schlacht Theil zu nehmen, und traf um 5 Uhr Abends, nachdem die englische Armee mit einem unübertreffbaren, der Aufbewahrung für die Nachwelt würdigen Heldenmuthe sich stehenden Fußes und mit dem besten Erfolge geschlagen hatte, unerwartet auf dem Schlachtfelde in der rechten Flanke des Feindes ein. Eine vorgezogne Batterie von 80 Stück Geschütz und die Wegnahme der vom Feinde besetzten Dörfer Richermont und Planchenois mit gefälltem Bajonette, verkündigten die Ankunft unserer Armee dem Feinde, der von diesem Augenblicke an in Verwirrung gerieth und nach kurzem Widerstande die Flucht ergriff. Er ist auf beyden Straßen über Gemappe und Nivelles verfolgt, und wirklich in gänzliche Auflösung gerathen. Sein Verlust ist ungeheuer; man hatte am 19ten des Morgens früh, wo unsere Avantgarde bereits über Goslie hinaus gegen Charleroy vorgedrungen war, über 150 Stück Geschütz auf den beyden Straßen, auf denen er floh, genommen oder von ihm verlassen gefunden. Die Bagage des Napoleon Bonaparte ist in die Hände der Sieger gefallen. Die Auflösung seiner Armee war so total, daß ihre Widersammlung sich in der That nicht erwarten läßt. Unsere Vortheile müssen unter solchen Umständen natürlich mit jedem Schritte sich vermehren. Man hat daher nächstens mit vollem Rechte die genugthuendsten Details zu erwarten. Schlüßlich wird noch bemerkt, daß unter mehreren, zu den verbündeten Heeren in dieser Schlacht übergegangenen Franzosen sich der General Bourmont mit zwey seiner Adjutanten befindet.

Augenzeugenbericht.Bearbeiten


Schicksale eines preußischen Oberjägers nach der Schlacht bei Ligny am 16. Juni 1815.Bearbeiten

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Eben hatte sich unser Jäger-Detachement nach dem Dorfe St. Amand zurückgezogen, um in den Defileen desselben bessern Schutz gegen den heftig drängenden Feind zu finden. Ich benutzte diesen Augenblick, um mir in den, freilich leeren Häusern irgend ein Labsal zu suchen, und sollte es auch bloß in einem Schluck Wasser bestehen. Meine Lippen brannten, mein Gaum lechzte, meine Knie wankten, und nur mit Mühe schlich ich bis zum nächsten Bauernhof. Dort fand ich schon mehrere Cameraden; die mir freundlich und brüderlich einen mit Bier gefüllten Feldkessel entgegen brachten, eine im Keller des Hauses glücklich gemachte Beute. Mit gierigen Zügen stürzte ich es hinunter, und fühlte mich sogleich wie neu geboren. Noch einige Minuten blieb ich hier, um etwas auszuruhen, und das gereichte zu meinem Verderben. Denn eben schlug eine Granate krachend auf den Hof und verwundete mich und mehrere Nahestehende auf eine fürchterliche Art. Mich traf ein Stück derselben am Oberarm, und beschädigte mich so, daß, da mir der Arm sogleich völlig gelähmt war, ich zum fernerm Gefecht für heute unbrauchbar wurde. Ein wüthender ungeheurer Schmerz durchzuckte mein Inneres, laut auf schrie ich vor Angst, alle nennbaren Qualen fühlend. Ich verwünschte dem Gedanken, der mich in diesen Augenblick dieser unglückschwangern Stelle zugeführt hatte.

Hell loderte das Gebäude über uns auf, und nöthigte uns zu entfernen. Meine Büchse mußte ich wegwerfen, weil mir die Kraft fehlte, sie länger zu halten, und mein zerschmetterter Arm mich unfähig machte, sie ferner gebrauchen zu können.

Ich suchte die Compagnie auf, um mich ihr anzuschließen, und dort vielleicht noch eher Hülfe zu finden, fand aber zu meinem Schrecken, daß sie sich bereits völlig durch das Dorf zurückgezogen habe, und daß der Feind schon im Besitz der ersten Häuser sey. Ich eilte so schnell als möglich nach, sah mich aber, da der Schmerz im Arm mir nicht erlaubte rasch zu laufen, bald von meinen schnellen Cameraden und Unglücksgefährten verlassen, und blieb als nächster Zielpunkt den Kugeln der Feinde mehr als ich wünschte, ausgesetzt. Sie umsausten mich, durchpfiffen die Luft in tausend Richtungen, und droheten mir tausendfache Todesgefahr. Doch schon hatte ich mich der Compagnie, die sich nebst dem Bataillon nur ganz langsam zurückzog, glücklich genähert, als eine hämische Kugel mich am rechten Knie streifte, und ich nun außer Stande war, von der Stelle zu kommen. Der wüthende, doppelte Schmerz warf mich zu Boden. Bald war ich von Feinden umgeben. Die vordersten bemerkten mich nicht. Sie nahten nur langsam und schüchtern, und hatten beständig unsere Leute im Auge, so daß ich Zeit gewann einige Schritte seitwärts zu einer Hecke zu kriechen, wo ich mir eine bessere Lage verschaffen konnte, und auch dem beiderseitigen Kugeln, so wie dem Augen der Feinde nicht so sehr ausgesetzt war. Die Schmerzen und der Blutverlust beraubten mich bald aller Besinnung, und ich weiß nur, daß ich dem andern Morgen, den 17. Juni, aus meiner Betäubung durch mehrere Franzosen, bei denen sich auch ein Chirurgus befand, geweckt wurde. Ich fand meine Wunden bereits verbunden, wodurch wahrscheinlich meine Lebensgeister wieder zurückgerufen worden waren. Gänzlich entkräftet wurde ich auf einen eben ankommendem Wagen gehoben, auf dem schon mehrere blessirte Preußen und Franzosen lagen. Kaum fand man noch einen elenden Platz auf dem Hintertheil des Wagens, den ich einnehmen konnte. Mit großen Beschwerlichkeiten für mich wurde ich heraufgehoben. Wie höchst unangenehm meine Lage hier war, läßt sich leicht denken. Bei dem geringsten Ruck des Wagens hätte ich laut aufschreien mögen. So ging es auch meinen Leidensgefährten, die zum Theil auf eine schauderhafte, Entsetzen erregende Weise verwundet waren. Wurde der Ausruf des Schmerzes zu laut, so fuhren die leichter blessirten Franzosen auf, und beboten mit gebieterischem Tone Ruhe. Weinen hätte ich mögen, vor Wuth, über mein Unglück und das meines Vaterlandes! Gestern träumte ich noch, vielleicht in kurzer Zeit als stolzer Sieger in der Hauptstadt der übermüthigen Franzosen einziehen zu können, heute war ich ihr Gefangener, war verwundet und dem Spott der Feinde ausgesetzt. Die Preußische Armee geschlagen, und sollte auch nur die Hälfte von dem wahr seyn, was die Franzosen behaupteten, vernichtet. Innrer Gram nagte an meiner Brust, denn die mich durchströmenden Gefühle laut werden zu lassen, durfte ich, der spähenden Franzosen wegen, nicht wagen. Hätten wir doch selbst unserm physischen Schmerz unterdrücken sollen.

Im nächsten Dorfe hielten wir an, doch ohne irgend Etwas zur Stärkung zu erhalten. Die Dörfer in der Gegend waren rein ausgeplündert, und nichts zu bekommen, und war ja noch etwas aufzutreiben, so wurde es dem Franzosen zugetheilt. Eine halbe Stunde wurde angehalten, bis sich eine Colonne von Wagen mit Blessirten gesammelt hatten, in deren Begleitung wir weiter, wie es hieß nach Charleroy transportirt wurden. Viel hatten wir auszustehen. Ein Glück für mich, daß meine Wunden verbunden waren, so konnten meine Schmerzen nicht so heftig und die Gefahr nicht so groß werden, als es bei vielen Andern der Fall war, denen diese Wohlthat nicht zu Theil geworden war. Auch begreife ich jetzt noch nicht, warum man gerade mir, vor so vielen Andern so wohl gewollt, und meine Wunden verbunden hatte. Gegen Mittag wurde in einem Dorfe, den Namen weiß ich nicht, angehalten, und uns ein wenig Weißbrod, so wie ein Schluck Schnaps verabreicht. Diese Stärkung that uns überaus wohl. Ich hatte seit dem 14. Juni nichts ordentliches genossen, und nur am 16. früh von einem Cameraden ein kleines Stückchen rohes Schweinefleisch bekommen, das mir dazunal vortrefflich schmeckte. Von ein Paar französischen Generalen, die ich jedoch nicht kannte, wurden wir hier besichtigt, und wurden sodann, die meisten unverbunden, weiter geschafft.

Unsre Bedeckung war schwach und sorglos, und hätten es meine Wunden erlaubt, so würde es mit ein leichtes geworden seyn, mich der Gefangenschaft zu entziehen. Obgleich die Leute von der Bedeckung im Ganzen seht vernünftig schienen; so konnten doch mehrere nicht unterlassen, trotz den Abmahnungen andrer, immerwährend auf die Alliirten, besonders auf die Preußen zu schimpfen und uns zu höhnen; schienen sich auch im Geiste schon nach Berlin versetzt zu sehen. Den Himmel danken wir, als wir gegen Abend in Charleroy ankamen, und unsere Leiden für heute beendigt glauben konnten. Aber weit gefehlt, uns stand eine höchst unangenehme Nacht bevor. -- Gaffend umstanden uns die Einwohner in den Straßen. Gleich als würden wir im Triumph aufgeführt, mußten wir dem Pöbel zum Schauspiel dienen, der wohl mannichfaches Urtheil über uns fällen mochte, auch wohl seine Gesinnungen theils durch Schimpfen und Drohen, theils durch Mitleidsbezeugungen an den Tag legte. Wir wurden hier in mehrere Scheunen vertheilt, da die Bürgerhäuser und andre öffentliche Gebäude ganz und gar überfüllt waren. Wenig Trost und Freuden wurden uns hier zu Theil. Wir lagen wie Heringe zusammen gepackt, und mußten bis gegen Mitternacht warten, ehe uns etwas Pflege zu Theil wurde, welche in wenigen Brod und Käse und Schnaps bestand. Auch wurden jetzt erst mehrere Wagen mit Stroh angefahren, in das mir uns kümmerlich theilten. Glücklich, wer nahe an der Thüre lag oder dessen Wunden es erlaubten, sich das Benöthigte selbst herbeizuholen. An Untersuchung und Verbinden der Wunden war nicht zu denken, da eine ungeheure Menge Verwundeter die Stadt überfüllte, und doch der Wundärzte wenig waren. Diese Nacht war eine der schrecklichsten. Es fanden sich alle Unannehmlichkeiten und Uebel zusammen, die unausbleiblich bei solchen Gelegenheiten obwalten. Ohne Schlaf und bei heftigen Schmerz erwartete ich mit Sehnsucht und Ungeduld den Morgen, der endlich gegen drei Uhr anbrach.

Gleich bei Tagesanbruch (den 18. Juni) wurden wir weiter geschafft. Fast schien es, als bauten die Franzosen auf die errungenen Siege nicht sehr, da sie mit so ausnehmender Eile auf unsere Fortschaffung bedacht waren. Die französischen Blessirten wurden hier von uns getrennt. Wir hatten viel von Kälte und Regen auszustehen, und litten deshalb doppelt an unsern Wunden. Ohne Aufhören fuhren wir heute auf schlechten Landwegen, die wahrlich unsere Schmerzen nicht linderten. In tiefer Ferne tönte uns immerwährend der Donner der Kanonen von belle Alliance herüber, uns unbewußt, ob zu unserm Vortheile oder Nachtheile. Die Franzosen hofften das Beste und erwarteten eine baldige Siegesnachricht. Körners herrliches Lied, Vater ich rufe dich, fiel mit unwillkührlich ein, tröstete und beruhigte mich. Mit Fassung ertrug ich mein Schicksal und tröstete mich mit freudiger Hoffnung.

Erst spät Abends hielten wir an, und erfuhren nun erst, wo wir waren. Doussy, ein Dorf in der Nähe von Maubeuge, war der Ort, wo wir uns befanden. Warum wir hierher geschafft wurden, weiß ich nicht. Zum wenigsten schien es mir ein großer Umweg zu seyn. Diese Nacht hatten wir es ohne Vergleich besser, als die vorige. Das Dorf war groß und schön, und wir wurden einzeln in die Häuser quartirt, wo wir manche Bequemlichkeit haben konnten, und auch von den Wirthen im Ganzen recht gut behandelt wurden. Diese günstige Wendung unsers Schicksals hatten wir wohl dem Umstande zu danken, daß wir jetzt auf französischem Grund und Boden waren. Wir bekamen warmes Essen, eine gute Streu, auch wurden unsre Wunden untersucht und verbunden. Die Leute wünschten genauere Berichte über die Schlacht zu hören, und die der französischen Sprache mächtigen konnten nicht genug erzählen. Sie waren um ihr Gespann, das sie bei der französischen Armee hatten, sehr besorgt und schienen weniger als die französischen Soldaten an einen glücklichen Ausgang zu glauben.

Den 19. Juni früh kamen wir in Maubeuge an. Diese Festung war nur von Nationalgarden besetzt, die in ihren blauen Hemden, ohne Patrontaschen, mit dem bloßen Gewehren in Arm, sich ziemlich sonderbar ausnahmen. Doch schauten sie uns recht bramasirend ins Gesicht, und schienen sich auf ihre Dienste nicht wenig einzubilden. unsre bisherige Bedeckung, die in Linientruppen bestanden hatte, wurde hier zurückgeschickt, und wir von Nationalgardisten weiter escordirt. Lieber wäre es mir gewesen, wären jene bei uns geblieben. Von jenen wurden wir wie Soldaten behandelt, von diesen keinesweges. Sie glaubten ihr Müthgen an uns kühlen zu können, und peinigten uns auf alle Art und Weise, so daß wir herzlich froh waren, als der dicke Thurm von Avesnes uns entgegen stand, und wir auf baldige Erlösung hoffen konnten. Wir blieben hier und wurden in den Bürgerhäusern einquartirt. Zwar hieß es, wir sollten noch heute weiter, allein man ließ uns heute und auch den andern Tag da. Mochte es an Vorspann fehlen, oder andre Ursachen vorhanden seyn; man schien uns ganz vergessen zu haben. So gewann ich Zeit, meine Wunden zu pflegen und meinen Körper die so nöthige Ruhe zu gewähren. Meine Wirthsleute waren sehr brav, leisteten mir alle mögliche Hülfe, und warteten und pflegten mich auf das liebreichste. Sehr zu statten kam es mir, daß ich der französischen Sprache so ziemlich mächtig war. Die Franzosen betrachten den Fremdling mit ganz andern Augen, sobald er sie in ihrer Muttersprache anreden kann. Besonders lieb war es meinen Wirthsleuten. Sie hatten einen Sohn bei der Armee (einen andern bei der Nationalgarde von Maubeuge) und hofften von mir nähere Details von der Schlacht am 16. Juni zu erfahren. So viel ich wußte, freilich wenig beruhigendes für sie, theilte ich ihnen mit. Den 20. erfuhr ich durch meinen Wirth, daß man stark von einer den 18. verlornen Schlacht und einem Rückzuge der Franzosen spreche, und daß bereits eine Menge Bagage-Wagen, Offiziere und einzeln Versprengte durch die Stadt zogen. Gleich einem linderndem heilsamen Balsam, mehr als alle Pflege und Wartung wirkte diese Nachricht auf meine Wunden. Meine Freude war ohne Gränzen, doch sie wurde mir bald vergällt, denn wir erhielten Befehl, uns bereit zu halten, um augenblicklich weiter geschafft werden zu können. Nicht zu gedenken, daß durch einen weitern Transport meine Wunden sich bedeutend verschlimmern mußten, da ich im Gegentheil bei Ruhe und Pflege einer allmähligen Besserung entgegen sehen konnte, stand mir auch das schreckliche Schicksal bevor, als Gefangner in das Innre Frankreichs geschafft zu werden, und mich den Mishandlungen des wüthenden rohen Pöbels ausgesetzt zu sehen, und für lange Zeit wieder, die bereits mit inniger Wonne genährte Hoffnung, bald durch meine Landsleute, die Preußen, aus der Gefangenschaft befreit zu werden, aufgeben zu müssen. Ich berathschlagte bei mir selbst, was zu thun sey, und beschloß, die Wirthsleute in mein Interesse zu ziehen. Ich wandte alle mögliche Beredsamkeit an, stellte ihnen mein zu erwartendes schreckliches Schicksal vor, beschwor sie bei allem, was ihnen theuer sey, bei den Leben ihres geliebten Sohnes, mich zu retten, und suchte sie zu gleicher Zeit zu überzeugen, daß es nicht ohne Vortheil für sie seyn würde, wenn ich bei der nahe bevorstehenden Ankunft der Preußen ihnen gleichsam als Sauvegarde dienen könnte. Lange waren sie unschlüssig, bis endlich ein glücklicher Umstand ihren Entschluß auf eine mir günstige Weise entschied.

Ihr schon aufgegebener Sohn kam als Flüchtling aus der Schlacht von belle Alliance zurück, und suchte Schutz und Ruhe im älterlichen Hause. Das Jauchzen der Aeltern und das Entzücken der Schwester läßt sich nicht beschreiben. Jubel erfüllte das Haus, trotz den Schrecken, das die Stadt durchstürmte. Denn unaufhaltsam war das Jagen des Geschützes und der Wagen, unabgebrochen der Zug der Fliehenden zu Roß und zu Fuß, und erklärte den völligen Verlust der Schlacht bei Mont St. Jean. Auch der Sohn des Wirths bestätigte den Erfolg der Schlacht.

Jetzt in meiner Noth rief ich den Sohn, obwohl als Soldat mein Feind, um Hülfe und Fürsprache an, und ich bat nicht umsonst. Um seinetwegen und aus Dankbarkeit gegen Gott, der ihren Sohn so väterlich vor allem Uebel bewahrt hatte, vielleicht auch, weil sie mich in der kurzen Zeit lieb gewonnen hatten, beschlossen sie alles zu meiner Rettung beizutragen. Mit Sack und Pack und meiner ganzen Lagerstätte wurde ich in ein kleines Hinterstübchen geschafft, und dem bald eintretenden französischen Unteroffizier bedeutet, daß ich bereits weiter transportirt sey. Bei der Unruhe und Verwirrung wurde es geglaubt, auch hatte es an Zeit gefehlt, deshalb Haussuchung anzustellen. Der Unteroffizier eilte davon und ich war gerettet. So bewährte sich auch hier, daß es unter allen Nationen gute Menschen giebt, und man sehr voreilig ist, ganze Nationen zu verdammen.

Ich wurde in meinem Hinterstübchen aufs beste gewartet und gepflegt. Was uns aber allen bisher nicht eingefallen war, beängstigte mich auf einmal gewaltig. Avesnes war eine Festung und es stand uns entweder eine lange Belagerung oder ein Sturm bevor, da die Stadt an der Hauptstraße von Brüssel nach Paris liegt, und den Alliirten viel daran liegen mußte, sich bald in den Besitz dieses Platzes zu sehen. Fortgeschafft konnte ich nicht werden, ohne daß es Aufsehen erregt hätte, also half hier weiter nichts, als sich ruhig in sein Schicksal zu ergeben und von Gott das Beste zu hoffen.

Die Nacht ging in großer Unruhe hin. Den Morgen standen die Alliirten, meine Wirthsleute glaubten die Preußen, vor dem Platze und fingen nach kurzer Dauer an die Stadt zu beschießen. Meine Wirthsleute kamen in meine Stube, und ich hatte alle Beredsamkeit anzuwenden, ihnen Trost einzusprechen. Schon mochte die Beschießung einige Stunden angehalten haben, schon fingen wir an ruhig zu werden, als mit einem Mal eine Explosion erfolgte, die uns mit Grausen und Entsetzen erfüllte. Die Häuser wankten in ihren Grundfesten, die Mauern wollten bersten, eine Wolke von Staub und Dampf umhüllte uns, die uns zu ersticken drohete, und erst nach langer Zeit erlaubte, die Gegenstände um uns her wieder zu erkennen. Gottlob! wir sahen und alle unbeschädigt. Durch das Bombardement der Alliirten war unglücklicher Weise das Pulvermagazin in die Luft geflogen, und hatte die ganze Stadt fürchterlich verwüstet. da war kein unbeschädigt Haus, keine Familie, die nicht einen nähern oder entfernten Verwandten zu betrauern hatte. Vorzüglich in der untern Stadt, wo das Magazin gestanden hatte, waren die Häuser gänzlich zerstört. Dieser Theil sah einem wüsten Schutthaufen, keiner Stadt ähnlich. Ein Glück für uns, daß unser Haus im andern Theile der Stadt stand, so waren wir dem Verderben entronnen, obgleich das Haus nicht wenig beschädigt war, und meine Wirthsleute genug an Hab und Gut verloren hatten.

Tausendfach hallte das Jammern und Angstgeschrei der Beschädigten und Geängstigten in den Trümmern der Stadt wieder, so daß es auf schmerzhafte Art zu meinen Ohren drang. Denn sehr unangenehm mußte auch besonders mir dieser schreckliche Vorfall seyn, da er von meinen Landsleuten, freilich wider ihren Willen veranlaßt worden war; sie Tod und Verderben in die Stadt geworfen hatten.

Der Commandant sah sich sogleich genöthigt zu capituliren. Die Alliirten zogen kurz darauf in den Schutthaufen ein. Ich fühlte mich frei. Dieses schreckliche Unglück hatte mir wenigstens genützt und mir eine baldige Freiheit bewirkt. Ich blieb noch einige Tage bei meinen Wirthsleuten, und suchte ihnen einigermaßen zu vergelten, was sie mir Liebes und Gutes erwiesen hatten; mußte aber dann nach Mons ins Lazareth, weil der Raum in der Stadt zu beschränkt war. Gerührt nahm ich Abschied von diesen herrlichen Leuten, den ich der Güter herrlichstes, die Freiheit, vielleicht sogar das Leben verdankte. Dankbar werde ich ihr Andenken bewahren, und der Name Jean Baptiste Pelletier wird meinen Ohren stets ein süßer Klang seyn.

Mehrere Wochen brachte ich in Mons zu. Dann kehrte ich, freilich nicht völlig geheilt, zu meinem Regiment zurück, das ich vor Maubeuge fand. Ich kam den Tag vor der Einnahme an, und hatte noch das Vergnügen, den folgenden Tag als Sieger in dieser Festung einzuziehen, durch die ich vor vier Wochen als Gefangener und Verwundeter escordirt worden war.

Quellen.Bearbeiten

  1. Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Für das Jahr 1815. Leipzig, in der Expedition der Minerva.
  2. Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Jahrgang 1815.
  3. Kriegsbibliothek enthaltend die Geschichte der Befreiungskriege in Spanien, Portugal, Rußland, Teutschland, Italien, Holland, den Niederlanden und in Frankreich, von Jahr 1808 bis 1815. Fünfter und letzter Band. Der Krieg in Italien in den Jahren 1813, 1814 und 1815. Napoleons Wiedererscheinung in Frankreich und der Krieg in den Niederlanden und in Frankreich im Jahr 1815. Leipzig, 1817 in der Baumgärtnerschen Buchhandlung.
  4. Kriegsbibliothek enthaltend die Geschichte der Befreiungskriege in Spanien, Portugal, Rußland, Teutschland, Italien, Holland, den Niederlanden und in Frankreich, von Jahr 1808 bis 1815. Fünfter und letzter Band. Der Krieg in Italien in den Jahren 1813, 1814 und 1815. Napoleons Wiedererscheinung in Frankreich und der Krieg in den Niederlanden und in Frankreich im Jahr 1815. Leipzig, 1817 in der Baumgärtnerschen Buchhandlung.
  5. Die Ameise oder Bemerkungen, Charakterzüge und Anekdoten, auch Schlachtberichte vom Kriegsschauplatze im Jahr 1812 bis 15. Als Fortsetzung der Sammlung von Anekdoten und Charakterzügen auch Relationen von Schlachten und Gefechten aus den merkwürdigen Kriegen in Süd und Nordteutschland. Herausgegeben von Ludwig Hußell. Erste Sammlung. Leipzig 1814, in der Baumgärtnerschen Buchhandlung.


Literatur.Bearbeiten

  • Kriegsbibliothek enthaltend die Geschichte der Befreiungskriege in Spanien, Portugal, Rußland, Teutschland, Italien, Holland, den Niederlanden und in Frankreich, von Jahr 1808 bis 1815. Fünfter und letzter Band. Der Krieg in Italien in den Jahren 1813, 1814 und 1815. Napoleons Wiedererscheinung in Frankreich und der Krieg in den Niederlanden und in Frankreich im Jahr 1815. Leipzig, 1817 in der Baumgärtnerschen Buchhandlung.
  • Zweyte von St. Helena gekommene Handschrift. Denkwürdigkeiten für die Geschichte Frankreichs im Jahre 1815. Aus dem Französischen übersetzt von C. F. A. Müller. München, 1820. Bey Ernst August Fleischmann.

Links.Bearbeiten

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