Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Zambeccari's Luftfahrt.[]

[1804]
(Aus Bologna.) [1]


Zambeccari, der eiserne Mann mit dem unerschütterlichen Muthe, ist wahrhaft merkwürdig. Er hat alles, und mehr gelitten, als ein Sterblicher leiden kann, er hat, im eigentlichsten Wortverstande, mit allen Elementen gekämpft, er liegt in diesem Augenblicke verstümmelt, krank darnieder, und dennoch denkt er an nichts, spricht von nichts, als von neuen halsbrechenden Versuchen. Da seine letzte Luftfahrt, (am 22sten August dieses Jahres) theils in wissenschaftlicher Rücksicht Aufmerksamkeit verdient, vorzüglich aber einen Menschen, bei der größtmöglichsten Gefahr in seiner ganzen Kraft darstellt, ja, da man kühn behaupten darf: in einer solchen verzweifelten Lage befand sich, seit es Menschen giebt, noch kein Sterblicher, so glaube ich, man werde gern mehr darüber lesen, als die magern Zeitungsberichte geliefert haben. Hier ist ein getreuer Auszug aus der Relation, welche die hiesige Gesellschaft der Wissenschaften (die eifrige Beförderin jener Experimente) unter ihrer und Zambeccari's Unterschrift hat drucken lassen. -- Am 21sten August um Mitternacht verkündeten drey Kanonenschüsse den Anfang des Versuchs. Der Ball wurde aus der Kirche della Acque, wo er verfertigt worden, nach der nahe gelegenen Wiese gebracht. Er hatte dreißig Bologneser Fuß im Durchschnitt, welche etwas über fünf und dreißig Pariser Fuß ausmachen. Eine cirkelförmige Lampe mit Weingeist war angebracht, sie hatte ringsum vier und zwanzig Löcher, sämmtlich mit Klappen versehen, um sie schnell zu öffnen, oder zu verschließen, je nachdem die Flämmchen verlöschen oder sich wieder entzünden sollte. Das Gewicht der ganzen Maschine, sammt den beiden Reisenden und deren Geräthe, betrug achthundert und funfzig Bologneser Pfunde, wozu man noch so viel Ballast rechnen muß, als nöthig war, um die Maschine fast im Gleichgewicht zu erhalten, jedoch mit einem ganz kleinen Uebergewicht, und folglich einer Neigung zum Fallen. Um drey Uhr Morgens wurde der Anfang mit dem Füllen gemacht. Aus sechszehn Tonnen, die im Kreise um zwei große mit Wasser gefüllte Kufen standen, entwickelte sich das Gas, und stieg gereinigt in den Ball hinauf. Die Direction des chemischen Apparats war den beiden Brüdern, Dominico und Gartano Sgarzi anvertraut; durch ihre Geschicklichkeit und mit Hülfe der Herren Tartarini und Fratta, gieng dieses Geschäft schnell und glücklich von statten. Es war voraus bestimmt, den Luftball bis auf zwei Drittel zu füllen, man brauchte dazu 3548 Pfund Zink, mit dem nöthigen Verhältniß von Schwefelsäure und Wasser. Schon nach einer Stunde fing der Ball an sich selbst zu bewegen, und man würde sehr bald bis zu dem vorgeschriebenen Maaße der Füllung gelangt seyn, hätte man die Operation nicht oft unterbrechen müssen, um erst die Gondel und dann die Gallerie bequem zu befestigen; die letztere wurde nach und nach, so wie die aufsteigende Kraft zunahm, mit dem Nöthigen beladen.

Um sechs Uhr Morgens riefen abermals drei Canonenschüsse die Zuschauer aus der Stadt. Sie strömten in dichten Haufen herbei; die mit Einlaßbilletten Versehenen füllten die Schranken, das Volk kletterte auf die Hügel rings umher, der Anblick war groß und einzig. Aller Augen hefteten sich starr auf die Luftschiffer, die mit der gemessensten Vorsicht zu ihrem Auffluge sich bereiteten.

Jetzt war die chemische Operation vollendet, der Ball in der Mitte durch ein doppeltes Seil verschlossen, welches leicht durch ein Ring lief, den man nicht hoch über dem Boden angebracht hatte; die Gallerie war beladen, der Ballast eingenommen -- um halb eilf Uhr bestiegen Zambeccari und Andreoli die Gondel Zuerst machten sie einen sehr merkwürdigen Versuch mit den Rudern. Sie warfen fünf und zwanzig Pfund aus und stiegen alsobald so hoch, als das funfzig Fuß lange Seil erlaubte, welches den Ball noch hielt. In dieser Höhe bewegten sie die Ruder regelmäßig, und siehe da, die Maschine folgte gleichfalls ziemlich regelmäßig, in absteigender Richtung, der Bewegung der Ruder, überwand also die Kraft von 25 Pfund. Einige wollten zwar noch zweifeln, daß wirklich die dazwischen tretende Kraft der Ruder groß genug sey, um jene aufsteigende Kraft zu überwältigen, sie meinten, der Strick thue dabei das Beste. Da aber der Strick immer schlaffer wurde, je mehr der Ball sich zur Erde neigte, und er dennoch den Rudern gehorchte, so verschwanden alle Zweifel. -- Jetzt wurde ein zweites Experiment gemacht. Die ausgeworfenen fünf und zwanzig Pfund wurden wieder eingenommen, und noch fünf Pfund darüber, daß folglich das ganze Gewicht die aufsteigende Kraft um fünf Pfund übertraf. Nicht mehr als zwei angezündete Flämmchen waren hinreichend, den Ball sichtbar anzuschwellen, und die so verdünnte Luft hob ihn langsam so hoch als des Strickes Länge erlaubte. Sobald aber durch die Klappen die beiden Flämmchen wieder unwirksam gemacht wurden, wurde der Ball auch wiederum schlaffer und senkte sich langsam. Ein kleiner Windstoß trieb ihn aber gegen die Seegelstangen, daher mußte das Seit etwas angezogen werden, um ihn davon abzuhalten.

Der dritte Versuch bestand im Anzünden von sechs Flämmchen, deren Wirkung natürlich um so schneller war. Aber der Ball senkte sich nicht als die Flämmchen ausgelöscht wurden, sondern erhielt sich ungefähr zwei Minuten in dieser Höhe; so viel Zeit war erforderlich, um seine Temperatur mit der der umgebenden Luft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dann stieg er sanft und mit gleichförmiger Bewegung herab wie das erstemal.

Nach diesen Versuchen schickten sich die Luftschiffer zur Abreise an. Vorher prüfte man noch einmal das Gewicht der ganzen Maschine, und überzeugte sich, daß nur ein Uebergewicht von einigen Pfunden sie zum Fallen geneigt mache. Jetzt wurden acht Flämmchen angezündet, das Seil losgelassen, und alsobald geschah der Aufflug. Es war 10 Uhr 50 Minuten. Der Barometer zeigte 27 Pariser Zoll 7 Linien, der Reaumürsche Thermometer stand auf 17,33. Es wehte ein leichter Nordwestwind. Der Donner von sechs Kanonenschüssen vom Berge St. Michael, empfing die kühnen Schiffer in den Regionen der Luft. Das Aufsteigen geschah so abgemessen und langsam, daß man ganz deutlich gewahr wurde, wie die durch die Kanonen erschütterte Luft die Gondel schwanken machte. Weniger zerstreute Wolken zogen am Himmel, die Luft war still, der Wind sehr gering, veränderlich in verschiedenen Höhen, doch am veränderlichsten unten auf der Erde. Da dieser Umstand den Ball hinderte, sich weit von Bologna zu entfernen, so blieb er fast immer im Gesichtskreise der Zuschauer; von den Spitzen aller Hügel und von den Thürmen verfolgte ihn das Auge bis zu seinem Niedersteigen. Die Verticalbewegung war ziemlich einförmig und stets abgemessen durch die Kunst der Luftschiffer; die aufsteigende Bewegung zeigte sich verschieden, je nachdem der Ball andere Luftströme durchschnitt; anfangs ging er nach Süden, dann gegen Westen, endlich nach Norden, und in dieser Richtung entfernte er sich von Bologna. Die Reisenden manövrirten fleißig und machten folgende Bemerkungen:

1. Die obenerwähnte Kunst, die Temperatur des Balles nach Gefallen zu verändern, erfüllte ganz ihre Erwartung. Mit einem einzigen angezündeten Flämmchen mehr beschleunigten sie augenblicklich das Aufsteigen, oder verzögerten es, indem sie das Flämmchen wieder auslöschten. Erhielten sie die Flämmchen brennend in bestimmten Anzahl, so erhielt sich auch der Ball in gleicher Höhe; verschlossen sie dann nur eine einige Klappe, so fing er an zu sinken.

2. Beim Auslöschen der Flämmchen war die Wirkung nicht so schnell als beim Anzünden; es verging dann wohl eine Minute, ehe das Steigen des Balles aufhörte, und er sich nach und nach wieder zum Fallen neigte, vermuthlich weil das Erwärmen der Temperatur abhängiger von der aufsteigenden Flamme ist, als das Kühlerwerden von der verloschenen.

3. Etwas Besonderes beobachteten die Reisenden ein oder zweimal. Wenn nehmlich der Ball gleichsam stehend oder ruhend war, fing er einigemal von selbst an sich ruckweise zu erheben, ohne daß das Feuer dabei wirkte. Diese kleine Anomalie schrieb Zambecarri der verschiedenen Temperatur der umgebenden Atmosphäre zu, die vielleicht durch die Sonnenstrahlen, oder das Reflectiren derselben in den Wolken, begründet wurde.

4. Diese Kleinigkeit ausgenommen, wurde es den Luftschiffern ganz leicht, die Verticalbewegung zu leiten, sich nach Gefallen zu erheben, herab zu lassen, oder in einer gewissen Höhe zu bleiben. Einen solchen Versuch machten sie im Angesicht aller Zuschauer, indem sie über Ronzano aus einer großen Höhe bis auf fundhundert Fuß von der Erde herabstiegen, und dann wieder zur vorigen Höhe sich hinauf schwangen.

5. Auf der ganzen Reise kam die durch den Barometerstand bestimmte Höhe vollkommen mit den Anzeigen überein, welche man durch die von Zambeccari so genannte anemometrische Schnellwaage erhielt. Die kleinste Höhe des Barometers war zwanzig Pariser Zoll, folglich erhob sich der Ball nicht höher als bis zu 6998 Bologneser Fuß. Die kleinste Höhe des Thermometers war neun Grad Reaumür.

6. Der Ball durchschnitt einmal eine nicht sehr dichte Wolke, die sich plötzlich auflöste. Weder indem man der Wolke sich näherte, noch auch bei deren Berührung, ergaben sich fühlbare Anzeigen von Electricität. Vermuthlich zertheilte sich die Wolke schon bei der bloßen Annäherung durch den darauf wirkenden Druck des Luftballs, wenigstens spürten die Reisenden nicht die geringste Feuchtigkeit als sie hindurch waren.


Um ein Uhr Nachmittags schwebte der Ball über Capo d'Argine, einer Poststation auf der Straße nach Ferrara, sechs Meilen von Bologna. Ein Luftstrom führte ihn nach Nordwest. Die Reisenden hatten anfangs nichts dagegen, aber eines Theils war der Wind zu schwach, um eine lange Fahrt zu unternehmen, andern Theils waren die Kräfte zweier Menschen kaum hinreichend, um den Ball zu regieren und zugleich die gehörigen Beobachtungen anzustellen. Das Feuer der Lampe zu mäßigen oder zu verstärken, je nachdem es die Umstände erheischten; den Barometer und Thermometer wie auch die Magnetnadel beobachten; bei jeder Bewegung des Balles dessen Lage untersuchen; das waren zu gehäufte Arbeiten und Sorgen, die kleinste Täuschung konnte Gefahr drohen. Zambeccari entschloß sich daher zur Erde herab zu steigen, und bei dieser Operation gehorchte der Ball abermals zum Erstaunen dem Willen seiner Regierer. Tausende von Zuschauer waren Zeugen davon, und auf Ansuchen der Gesellschaft der Wissenschaften, hat die Departemental-Polizei ein Protocoll darüber aufgenommen.

Als der Ball sich der Erde näherte, schwebte er über über einem morastigen Boden, der den Luftschiffern ein nasses Reisfeld schien. Augenblicklich zündeten sie zwei Flämmchen an, hoben sich wieder, flogen über das Posthaus weg, und da sie etwa zweihundert Schritt von da ein Feld gewahr wurden, wo keine Hindernisse zu befürchten waren, so ließen sie sich herab. Schon war der vier und siebzig Fuß lange Anker ausgeworfen, faßte auch ziemlich fest an einem Ulmenzweige. Die Einwohner liefen jauchzend herbei, und empfingen die Ankömmlinge mit Flintenschüssen. Aber der Schiffbruch erwartete sie im Hafen. Der Ball stieg nehmlich schief herab, indem er eines Theils dem Gesetze der Schwere, andern Theils dem Eindrucke des Windes gehorchte. Kaum hatte der Anker gefaßt, als der Strick sich verwickelte und die Gondel einen Stoß erhielt, welcher den Ball so sehr auf eine Seite neigte, daß der brennende Spiritus überlief. Die Flamme breitete sich sogleich auf der Gallerie aus, die unglücklicherweise noch ganz naß von verschüttetem Spiritus war. Vom Feuer ergriffen und durch die plötzliche Gefahr verwirrt, hatten die Reisenden nicht Gegenwart des Geistes genug, augenblicklich die aufsteigende Kraft um soviel zu vermehren, als nöthig gewesen wäre, den Ball vom fernern Sinken zurück zu halten. Es fiel mit seinem ganzen Gewichte zur Erde, und dieser neue heftige Stoß verursachte ein abermaliges Ueberfließen des Spiritus, wodurch die Flamme noch mehr um sich griff. Zum Unglück erreichte sie eine Flasche, in der noch ungefähr dreißig Pfund enthalten waren, die sich plötzlich mit einem starken Knall entzündeten. Die beträchtliche Verringerung des Gewichts verursachte, daß die Maschine mit großer Gewalt aufprallte, indessen hielt sie der Anker. Fall, Stoß und Zurückprallen war das Werk Eines Augenblicks. Der verwickelte Strick drohte das Ruder zu zerbrechen. Zwei Menschen klammerten sich an den Mastbaum und versuchten auf diese Weise den Ball zu halten. Indessen schrien die vom Feuer umgebenen Luftschiffer, man solle das Seil anziehen. Ihre Kleider brannten, ihr Geräthe, das Netz, die Stricke der Gallerie, Alles stand in Feuer. Da war nicht lange zu rathschlagen. Zambeccari goß sich eine Flasche Wassers über den Kopf, und es gelang ihm wenigstens, das ihn zunächst umgebende Feuer zu löschen. Andreoli, um sich schnell zu retten, klimmte am Ankerseil herab. Aber seine Eilfertigkeit und die Erschütterung waren Schuld, daß ihm das Seil wieder entschlüpfte, er stieß sich heftig gegen den Mastbaum und von da viel er sehr unsanft zur Erde. Da der Ball auf diese Weise plötzlich so viel an Gewicht verloren hatte, so schwebte er jetzt wiederum so gewaltsam in die Höhe, daß keine Kraft vermögend war, ihn zu halten. Die beiden Menschen, die sich unter dem Mastbaum angeklammert hatten, und ohnehin durch Androli's Fall aus ihrer Lage geschreckt worden waren, konnten dem heftigen Strammen des Seils nicht länger widerstehn und wurden zurückgeschnellt. Alsobald erhob sich die Maschine mit entsetzlicher Schnelligkeit; das durch den Stoß verursachte Schwanken der Gallerie währte noch sehr lange; man konnte es deutlich bemerken, und es schien allen Zuschauern von sehr übler Vorbedeutung. So lange man Zambeccari mit den Augen folgen konnte, sah man ihn beschäftigt, sich das Feuer von den Kleidern zu streichen, und alles Brennende, das ihm umgab, so gut es gehen wollte, zu löschen oder heraus zu werfen. Aber bald verlor man den Ball ganz aus dem Gesichte, der zu einer erstaunlichen Höhe stieg, und nordwestlich getrieben wurde. Diese ganze Catastrophe war das Werk von drei Minuten.

Trotz des mit so vielem Fleiß gesuchten aber nun verlornen Gleichgewichts, verlor Zambeccari doch nicht den Muth, aber welche Hülfsmittel konnten Genie und Kunst in einer so verzweifelten Lage ihm darbieten? Er schwebte in einer so ungeheuern Höhe, daß er, nach seinem eignen Ausdrucke, die Wolken nur noch als einen Abgrund unter sich sah. Wie hoch er eigentlich war, konnte er freilich nicht bestimmen, da der Barometer durch den Fall zerbrochen wurde. Seine ohnehin schon übel zugerichteten Hände fühlten bald die empfindlichste Kälte. Indessen stieg er doch nicht ganz so hoch, als sich wohl vernünftiger Weise hätte erwarten lassen. Er sah über sich, und schloß aus der Schlaffheit des untern Theils der Maschine, daß sie noch einer grössern Ausdehnung fähig sey. Eine mit Luft gefüllte Blase, die er bei sich hatte, gab ihm überdies einen ungefähren Maaßstab für die dermalige Ausdehnung des Balles, der selbst in dieser fürchterlichen Höhe noch einige Falten hatte. Diese Anzeigen beruhigten ihn über die Gefahr, plötzlich herab zu stürzen, wenn die Wände des Balls zusammen fielen.

So zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, ergriff ihn ein Luftstrom, und führte ihn schnell über das Adriatische Meer. Um zwei Uhr Nachmittags wurde man ihn aus einigen Gegenden gewahr, aber in der weiten Entfernung konnte man den Gegenstand nicht unterscheiden; man hielt ihn für eine besondere Lufterscheinung, und die Bewohner jener Gegenden zitterten. Nach und nach ließ sich der Ball sich auf das Meer herab, ungefähr fünf und zwanzig Meilen von der Italiänischen Küste. Ein Theil der Gallerie senkte sich in das Wasser, Zambeccari selbst stand bis an den halben Leib darin, hoffte jedoch das Ufer zu erreichen oder ein rettendes Fahrzeug anzutreffen. Er warf angstvoll seine Blicke umher, aber ach! nichts als Himmel und Wasser wurde er gewahr. Der Muth verließ ihn nicht; weit, meinte er, könne er nicht von der Küste entfernt seyn; der Wind, der auf der See in entgegengesetzter Richtung von derjenigen blies, die er oben in der Luft gehabt hatte, werde ihn wohl bald dahin führen. Als er aber lange vergeblich wartete, und keine Küste am Horizont erschien, wollte er sich wenigstens gegen Ermattung oder Schlaf durch Anklammern an einem Stricke sichern, und zog daher das Ankerseil nach sich, welches zu seiner Linken im Wasser hing. Aber wie groß war sein Erstaunen, als er bemerkte, daß der Anker im Grunde gefaßt hatte, und folglich den Ball verhinderte fortzurücken. Er sah augenblicklich die Nothwendigkeit ein, das Seil zu kappen; aber wie? womit? er hatte kein Instrument dazu, er hatte nicht einmal Hände zur Arbeit; die rechte war ihm erfroren, die linke verstümmelt. Die Noth machte ihn erfinderisch. Er zerbröckelte die Linse eines Fernrohres, welches er bei sich hatte, faßte das große Strick derselben mit den Zähnen, und fing an das von Seide gedrehte Seil durchzufeilen, welches, da es durchweicht war, leichter nachgab. Endlich gelang es ihm, die Maschine wurde flott, mit günstigem Winde und guten Hoffnungen trieb sie der Italiänischen Küste zu, und Zambeccari half, soviel er konnte, durch die ruderförmige Bewegungen seiner Arme.

Wohl funfzehn Meilen war er so fortgerückt, als er sieben Fischerbarken begegnete, die aus Magnavacca ausgelaufen waren. Die ersten vier, als sie die sonderbare Maschine auf dem Wasser erblickten, wurden von panischem Schrekken ergriffen und kehrten schnell um. Glücklicherweise waren die letzten drei minder furchtsam. Sie näherten sich jedoch sehr langsam und vorsichtig; als sie aber den Gegenstand erkannt hatten, spannte eine derselben ihre Seegel auf und kam schnell näher. Antonio Malta von Chioggia -- hieß der Herr der Barke, der das Verdienst hatte, den Verunglückten zu retten. Es war die höchste Zeit, schon vier Stunden stand er im Wasser, die Gondel senkte sich immer tiefer, und das Wasser ging ihm, im eigentlichsten Verstande, bis an die Kehle. Die Fischer thaten ihr Bestes, um selbst seine Rettung war nicht bloß mit Mühe, sondern auch mit Gefahr verknüpft. Vergebens versuchten sie auch den Ball zu halten, der, sobald er erleichtert war, sich mit großer Heftigkeit wieder empor hob, seinen Weg zuerst gegen Comacchio, dann nach der Levante gegen die Türkei zu nahm, und verschwand.

Die gutmüthigen Fischer erquickten ihren Gast, so gut sie vermochten. Trotz der entsetzlichen Strapatzen, welche er ausgestanden hatte, hielt dennoch sein starker Geist den Körper aufrecht. Er brachte eine ziemlich ruhige Nacht am Bord der Barke zu. Am andern Morgen erreichte er Magnavacca, und kam von da nach Comacchio, wo der Delegat der Präfectur ihn sehr gastfrei aufnahm und ihn bestmöglichst restaurirte.

Man denke sich unterdessen die bange Sorge um sein Schicksal, welche in Bologna herrschte; aber man kann sich auch schwerlich den ungestümen Jubel vorstellen, mit welchem Zambeccari empfangen wurde. Es war ein Triumph für ihn, für die Philosophie und für sein Vaterland. Leider wurde die Freude durch seinen bedenklichen Gesundheitszustand sehr gemindert. Man fürchtete, er werde die ganze rechte Hand einbüßen, er ist aber glücklicherweise noch mit dem Verlust von zwei Fingern davon gekommen; und man schmeichelt sich, es werde von dieser fürchterlichen Begebenheit nichts weiter übrig bleiben, als die fast zur Gewißheit gediehene Hoffnung, die Luftbälle künftig nach Belieben regieren zu können.


Zeitungsnachrichten.[]

[1812]

Florenz, den 26sten September.[2]

Der von dem Herrn Zambeccari angekündigte Versuch hatte am 21sten September zu Bologna statt, hat aber dem unglücklichen Reisenden das Leben gekostet, und das Leben seines Reisegefährten in Gefahr gesetzt. Da der Ballon an einem Baum anhakte und in Brand gerieth, so stürzten die beyden Luftschiffer aus der Höhe herab. Es ward ihnen sogleich aller Beystand geleistet; allein Herr Zambeccari konnte nicht gerettet werden. Herr Bonagna ist schwer verwundet worden.

(Herr Zambeccari ist derselben Luftschifffahrer, dessen Ballon schon zweymal in Brand gerathen, und der einmal aus der Luft in das adriatische Meer herabgestürzt ist, wo er halb verbrannt mit genauer Noth von Fischern gerettet wurde. Er wollte die jetzt gewöhnliche Füllungsweise mit der alten Mongolfierschen, die den Ballon bloß vermittelst der durch Feuer verdünnten Luft hebt, verbinden, und nahm daher einen sonst gut ausgesonnenen Feuerapparat mit, der aber immer sein Unglück veranlaßte.)


Vermischte Nachrichten.[3]

Francesco Zambeccari's unglücklicher neuer Versuch mit seiner Montgolfiere hatte am 21sten September auf der Wiese dell' Annunciate, nahe bey Bologna, in Gegenwart von mehr als 50,000 Zuschauer statt. Schon während des Füllens hatte der Ball durch den Wind dreymal Beschädigungen erlitten. Man fand, daß die Maschine nicht so viel zu tragen vermochte, als man berechnet hatte; also mußte von zwey jungen Männern, die Zambeccari hatten begleiten wollen, einer nach Bestimmung des Looses zurückbleiben; der andre, Vicenzo Bonaga, bestieg mit Zambeccari die Gondel. Da der Ball noch immer zu wenig Steigkraft hatte, so ließen die Reisenden auch den größten Theil der Instrumente zurück, und konnten nur 35 Pfund Ballast mitnehmen. Aber selbst jetzt stieg der Ball so schwach, daß ihn der Wind an einem Baum trieb; Zambeccari rufte sogleich: "Bonaga, wir sind des Todes!" Wirklich warfen die Aeste des Baums die brennende Lampe um, und den Spiritus über Zambeccari hin, der lichterloh brannte. Bonaga richtete die Lampe wieder auf, riß die Einfassung der Gondel entzwey, schrie: "Zambeccari, folge mir!" faßte einen Zweig des Baums, und schwang sich heraus. Der schwache Zweig hielt ihn nicht; er stürzte aufs Feld herab. Wenige Schritte von ihm, aber schon von größerer Höhe, fiel auch Zambeccari. Bonaga sprang auf, und eilte seinem leblos scheinenden Gefährten zu Hülfe. Bald kamen auch viele Menschen, und man brachte beyde in ein benachbartes Hospital. Bonaga hatte die linke Wange und die linke Hand verbrannt, empfand auch heftige Schmerzen an der Brust; Zambeccari aber war durch den brennenden Spiritus und den Fall weit schlimmer zugerichtet, und starb am folgenden Vormittag um 10 Uhr. Er war am 14ten November 1752 geboren.

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[4]

Nachrichten aus Bologna zufolge, ist der Graf Zambeccari, welcher schon einigemale bey seinen Luftreisen große Gefahr lief, endlich von seinem Schicksale erreicht worden. Sein Ballon stieß bey seiner letzten Auffahrt an einen Baum, die Gondel schwankte, Zambeccari wurde mit brennendem Spiritus übergossen und genöthigt, sich mit seinem Gefährten auf die Erde herabzustürzen, wo er einen schmerzhaften Tod fand.


Quellen.[]

  1. Erinnerungen von einer Reise aus Liefland nach Rom und Neapel von August von Kotzebue. Berlin 1805. bei Heinrich Frölich.
  2. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 249. Mittewoch, den 16/28. Oktober 1812.
  3. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 254. Dienstag, den 22. Oktober/3. November 1812.
  4. Leipziger Zeitung Nr. 203. Donnerstags den 15. October 1812.
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