Streitkräfte Frankreichs.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Le Billet de logement.

Zweiter Brief.

Leipzig, den 1sten April 1812.


Organisation des Neyschen Korps aus Franzosen, Würtembergern, Spaniern, Portugiesen, Croaten in Leipzig.

Gott Lob, Freund, die Feiertage sind vorüber! Solche Ostern und Osterwoche hat Leipzig vielleicht nie gehabt! Tausende von Truppen strömten seit der Mitte des Märzes täglich in diese Mauern. Die Straßen waren zu schmal, die heraufziehenden Colonnen zu fassen, der weite Markt zu klein, ihnen beim Appel zum Aufmarschiren zu genügen, die größten Hotels zu wenig geräumig, den unzähligen Offizier- und Beamtencorps Wohnung zu geben! Aus Süden und Westen zogen sie zu den Thoren herein. Es schien, als ob das halbe Europa aufstände, dem nordischen Riesen entgegen zu gehn. Croaten und Würtemberger, Franzosen, aus Frankreich und Spanien herbeigeführt, Portugiesen, vor sechs Jahren ihrem Vaterland entrissen, gefangene Spanier, gezwungen, mit diesen Erbfeinden gemeinschaftlich eine Legion zu bilden, haben alle, alle eine Bestimmung, das Corps zu bilden, das einen der tapfersten Feldherrn, Herzog von Elchingen, berühmt durch die Schlacht bei Hohenlinden, durch seinen Uebergang über die Donau, Ney, der hier seit einigen Wochen sein Hauptquartier hat, kommandiren soll. Zu einem Corps, auf einer Straße strömen so viele Menschen herbei! Und solcher Corps bilden sich vielleicht zehn und in ihrem Rücken vielleicht noch große Reserven und in unzähligen Festungen am Rhein, der Oder, der Weichsel stehn zahlreiche Besatzungen; und während sie alles niederzuschmettern bereit sind, führen vielleicht noch über 200,000 den Krieg mit Nachdruck in den Pyrenäenhalbinsel, und an die, die hier nach Norden eilen, schließen sich rechts und links Hülfstruppen an, die vorher Jahrelang als die erbittersten Gegner bekannt waren! Sie werden errathen, was ich meine. Oesterreich läßt schon seit Anfang des Februars Truppen nach Gallizien mit großen Artilleriezügen hinaufgehen, und sein Kaiser wird in Dresden erwartet, um mit dem alten, nun verschwägerten, mächtigen Erbfeinde den innigsten Allianztraktat ins Reine zu bringen. Preußens Krieger haben den Befehl, längs der Ostseeküste vorzurücken und sich als Bundesgenossen am äußersten linken Flügel des größten Heeres aufzustellen, das seit Jahren die Welt nicht sah. Ungeheure Züge von Artillerie, von Munition, von Armeebedürfnissen, von Equipagen, von Bagagewagen sind über Dresden, über Leipzig, über Magdeburg schon weit zwei Monaten gegangen. Unzählige Handwerker und Handwerksgeräthe aller Art, Wagen für Kranke von ganz neuer Einrichtung, Ochsenheerden haben sich mitten darunter gemischt. Nie sah man ein solches Heer formiren, nie solche Zubereitungen treffen. Nur ein Mann vermag es, dem die Hülfsquellen des halben Europa zu Gebote stehn, der sie jetzt in Bewegung setzt, die andere Hälfte zur Anerkennung seiner Uebermacht zu zwingen; der diese Hälfte nöthigen will, einem Systeme treu zu bleiben, das ihm den Ruin seines Landes droht.
Wie kollossalisch die Streitkräfte dieses Mannes sind?
Hier eine kleine Berechnung davon. Seine Armee zählt
130 Linieninfanterie-Regimenter,
35 leichte dergl.,
2Karabiniers-Regim.,
14 Kuirassiers-Regim.,
39 Dragoner-Regim.,
31 Chasseur-Regim.,
11 Hussaren-Regim.,
6 reitende Artillerie-Regim.,
9 unberittene dergl.,
welche von
14 Marschällen,
165 Divisionsgeneralen,
324 Brigadegeneralen xc.
kommandirt werden *).
*) Seitdem ist die Zahl der Regimenter noch mehr gestiegen. Jetzt giebt es 152 Linien- und 37 leichte Infanterieregimenter. Ob aber die 189 Infanterieregimenter in der That oder nur auf dem Papiere des alman. imp. existiren?
Der Herausg.
Rechnen Sie jedes der Infanterieregimenter nur zu 4 Bataillonen 1a 500 Mann -- die Bataillone sind stärker und jedes Regiment hat deren 5, wie sehen hier aber nur die effective, thätige Waffenmasse, -- so giebt dies 260,000 Linien- und 71,000 leichte Infanterie. Jedes Kavallerieregiment zu 800 Mann angenommen, würde eine Reitermasse von 77,000 Mann ohngefähr geben. Dazu kommt nun ein Heer von 110,000 Mann Rheinbundstruppen, von 60,000 Italienern, 50,000 Polen und mehrere kleine Corps von Portugiesen, Regiments d'Etrangers nebst den allerdings zahlreichen Garden. Ohne in den Fehler der Uebertreibung zu fallen, den manche Journalisten, nur auf die listen des Almanac imperial, nicht auf das sehend, was bei jeder solchen Liste theils absichtlich übertrieben ist, theils aber nicht in Anschlag gebracht werden kann, wenn es darauf ankommt, die wahre, auf einem Punkt gebrachte Streitmasse zu entwickeln, -- Kranke, Commando's, Depots, Marode, -- finden wir also zum wenigsten ein Heer von mehr als 600,000 Mann, ohne die Tausende von Artilleriebedienung, von Trainwesen zu rechnen, welche, als unumgänglich nothwendige Theile des großen Ganzen, doch nicht mit in die Linie eintreten können!
In der That eine ungeheure Macht! Kein Staat vermochte eine solche bis jetzt aufzuweisen. Sie vermag allenfalls die Idee zu rechtfertigen, in den entgegengesetzten Punkten eines Welttheils, in dem äußersten Südwesten und Nordosten zu gleicher Zeit einen Krieg zu führen. 200,000 werden dort, 300,000 hier, der Rest zur Sicherung des Landes gegen feindliche Landungen, gegen den Ausbruch innerer Unzufriedenheit, empörter Armuth, die nicht mit rumfordischer Suppe vorlieb nehmen will, rebellischer Conscribirten, und was sonst einem eiserne Scepter gefährlich werden könnte, genügen; besonders werden die 300,000 gegen den Norden hinreichen , da sich zwei neue Bundesgenossen finden, ihre Flanken zu sichern, die sonst stets als zweideutige Freunde, oder gar als offenbare Feinde da standen! Meinen Sie nicht, Freund? Schütteln Sie den Kopf dazu?

Seltenheit der Veteranen.

Im Vertrauen gesagt, auch ich hege nicht das Vertrauen zu diesem Heere, das ich noch 1805 und 1806 hatte. Nein, nein Freund, Napoleons Glücksstern ist im Untergehn. Das trug ich in mein Tagebuch bereits im März des Jahrs 1809 ein, und wenn die Schlacht bei Rohr, bei Landshut, Eckmühl, Regensburg mich lügen strafte, so sah ich es doch bei Aspern bestätigt, so zeigte sich es sogar bei dem geordneten Rückzuge der Oesterreicher bei Wagram bestätigt. Die Tage von Austerlitz, Jena, Friedland sind vorbei, und wohl nicht leicht dürfte ein solcher wiederkommen.
Warum sein Glücksstern verbleicht, warum ein solcher Tag nicht wiederkehre?
Weil die Armee schon seit 1807 nicht mehr dieselbe ist, weil der Kern derselben zumal seit 1808 vernichtet war! Die Schlachten von Jena, von Pultusk, von Eilau fraßen Tausende der besten Krieger weg. Was die Schlacht verschonte, vernichtete die schreckliche Jahreszeit, die schreckliche Einwirkung des Clima, die erbärmliche Nahrung. Truppen, an gute Nahrung gewöhnt, sahen sich in Polen genöthigt, während des Wintermonats im Koth bis an die Kniee zu waten, und -- zu hungern; nicht Brod, nicht Fleisch, nicht Branntwein, geschweige Wein und Bier zu finden. Dem ewigen Regenwetter folgte eine ziemliche Kälte. Bei Eilau war es 9 -- 14 Grad kalt und die Truppen mußten im Freien mit abgegriffenen Kleidern auf dem Schnee kampiren. Die Verwundeten wurden, da Napoleon bis hinter die Passarge retiriren mußte, 50 Stunden weit in der schrecklichsten Witterung, auf den erbärmlichsten Wegen, auf Karren, Schlitten, und Gott weiß wie hinter die Weichsel zurückgebracht. Wie viele Tausende mögen im heißen Sommer darauf nach Danzigs Einnahme auf dem unter stetem heißen Kampf von der Passarge bis zu dem Niemen fortgesetzten Marsche an Wunden und Nervenfiebern umgekommen seyn? Doch alles das vernichtete noch nicht die Blüthe des Heeres. Nun kam jedoch der Marsch vom Niemen nach den Ufer des Ebro in Spanien, und schon im nächsten halben Jahre darauf vom Ebro nach der Donau und von der Donau wieder nach Madrid, und von Madrid jetzt wieder herein nach der Oder, der Weichsel! In der That, Schlachten von Aspern und Wagram tödten Tausende, aber noch mehr bleiben wohl durch Märsche, die gleich nach Hunderten von Meilen gezählt werden, die ohne alle Vorbereitung aus dem heißesten Clima ins rauheste versetzen, wo keine Witterung, kein Weg, kein Jahreszeit in Betracht kommt. Wollen Sie davon sich überzeugen, so beobachten sie stillschweigend ein in Linie aufgestelltes französische Regiment. Sehen Sie nach dem dreieckigen Bande, das am Oberarm das fünfjährige Dienstalter anzeigt. Wie wenig werden Sie finden! Ein doppeltes Band der Art ist eine wahre Seltenheit und ein dreifaches erinnere ich mich gar nicht gesehen zu haben. So viel gemeine Soldaten ich fragte, so selten traf sichs, daß einer länger als 3 -- 4 Jahre in Dienste war, unzählige aber fanden sich, die erst seit 6 -- 7 Monaten zur Fahne -- gezwungen worden waren. Natürlich, was sie Schlacht nicht frißt, erkrankt auf dem Marsche und stirbt im Lazarethe.

Geist des französischen Heeres.

Die Folge davon aber muß auch das Verschwinden des Geistes seyn, der sonst die französischen Regimenter beseelte, der jetzt im Gegentheil nur noch in einzelnen Parthien der Garde, der Elitenkompagnien regsam ist, aber auch mehr einem dann und wann aufflackernden Strohfeuer, als wahrem Eifer und Ehrgefühl gleicht; mehr Gasconade, denn alles begeisternder Muth ist.
Woher sollte aber auch der enthusiasmus kommen, der die Franzosen an ihre Fahnen fesselte? Auch der Unwissendste unter ihnen vermißt den Zweck, für den er die Waffen führt. Ein Vaterland zu retten, wie es bis 1800 der Fall war, giebt es nicht mehr. Oesterreich schläft ruhig. Preußen spricht nicht mehr davon, daß bis zu einem bestimmten Tage die Adler über den Rhein zurückgegangen seyn müssen. Alles würde in Frankreich ruhig am Heerde sitzen können. Da fällt es ihrem Kaiser ein, Spaniens Thron seinem Bruder zu geben, der ruhig in Italien geblieben wäre; der Soldat muß sich dem Dolch, dem Gift der erbitterten Spanier preißgeben, die ihn nicht einen Augenblick Ruhe genießen lassen. Er muß in der rauhesten Jahreszeit über die Pyrenäen zurück, um in an der Donau das Grab zu suchen. Der Krieg, der in Spanien binnen 12 Wochen beendigt seyn sollte *), ruft ihn aufs neue zu täglichen Kämpfen, und jetzt muß er nun wieder mehrere hundert Meilen machen, um sich am Ende als Gefangener nach Kamtschatka gebracht zu sehen. In der That, der Geduldigste kann endlich dabei wohl den Muth verlieren; er wird am Ende vielleicht noch seine Pflicht, aber auch nicht mehr, thun, und das ist beim Soldaten -- nicht viel.
*) In 12 Wochen darf kein Dorf mehr rebellisch seyn, sagte Napoleon, ehe er 1808 nach Spanien abging.
Sie finden daher auch im französischen Heere jetzt mehrere sonst ganz unbekannte Erscheinungen.

Mangel an Enthusiasmus der Gemeinen.

Mit Ausnahme der Gardisten -- wie äußerst selten sehen sie an einem gemeinen Krieger das Kreuz der Ehrenlegion? So sehr dasselbe den verrufenen Ludwigskreuzen, die im siebenjährigen Kriege zum Gespött wurden, jetzt gleich ist, so wenig Officiere ohne dasselbe sind, so selten hat es ein Gemeiner von der Linie oder leichten Infanterie, Kavallerie. Warum? weil die Helden, die es hatten, wo nicht auf den schrecklichen Schlachtfeldern, doch auf den erschöpfenden Märschen umkamen; weil unter dem jungen Anflug von Soldaten sich keiner eben auszeichnet, sondern nur gezwungen die Pflicht thut, weil das ganze Wesen des französischen Krieges umgewandelt ist.
Als die Revolutionsperiode vorbei war, blieb dem französischen Soldaten wenigstens noch der Trieb der Ehre. Er hatte Hoffnung, sich zum Marschall hinauf zu schwingen, Kenntniß und Tapferkeit öffneten den Weg zu allen Stellen. Damit ist es vorbei. Jetzt sind nur Wunden sein Lohn; denn die auf Verstümmelung und Dienstunfähigkeit folgenden Pensionen dürften wohl schwerlich den Tausenden von Krüppeln bezahlt werden, die seit so vielen Jahren nach Frankreich hineinkamen. Officier kann er nicht mehr werden. Ein Decret Napoleons gebot, daß jeder, der darauf hinziele, in einer Militärschule gebildet seyn müßte. Jetzt kommen die dort eingelernten Helden zu Hunderten bei den Regimentern an und sich so inhuman, wie leider vor sieben Jahren noch die Deutschen.

Mißhandlungen bei denselben.

Aber eben darum hat auch die Behandlung des französischen Soldaten sich ganz umgeändert. Hätten Sie nur, wie wir, gesehen, wie die einrangirten Conscribirten gemißhandelt werden! Kolbenstöße, Faustschläge, Hiebe mit der flachen Klinge, Fußtritte, Ohrfeigen, Schimpfwörter, wechseln mit einander und erinnern nur zu deutlich an die Art, wie sonst die deutschen Truppen einexercirt wurden. Das Wesen dieser hat sich geändert. Der preußiche Soldat wird jetzt auf die humanste Art behandelt. Wir lernten dies von den Franzosen. Sie, unsere Lehrer, sind nun dahin gerathen, wohin uns der Drang der Umstände und falsche Beibehaltung alter Sitte geführt hatte!

Desertiren.

Von dem Allen ist eine neue Folge das häufige Desertiren der Franzosen. Was vor acht Jahren noch unerhört war, gehört zu den alltäglichsten Dingen. Unter allen Thoren, in allen Zeitungen lesen wir die mit befreundeten Regierungen abgeschlossenen Auslieferungsedikte. Nicht unbedeutende Belohnungen werden denen zugesichert, die einen Deserteur anhalten, einbringen. Einen Deserteur zu erschießen, daran ist nicht mehr zu denken. Es giebt ihrer zu viel, man bedarf der Streiter nothwendig, und schickt solche nach Mainz, um sie von da gelegentlich in Sumpflöcher, wie Walchern ist -- Colonien giebts nicht mehr -- zu senden, wo aus ihnen, fremden Vagabunden, widerspenstigen Conscribirten besondere Bataillone gebildet werden.

Ueberfluß an Bagage.

Eine jener auffallenden Veränderungen im französischen Heere ist denn auch der auffallenden Luxus und ein Ueberfluß von Bagage. Es ist nun schon über Dresden und Leipzig eine Menge Bagage und Packpferde des Kaisers seit zwei Monaten gegangen, die in der That gegen die vorigen Zeiten sattsam contrastirt. 400 Pferde standen gleichzeitig einmal in Dresden. Im Jahr 1809 war schon die Schlacht bei Landshuth geliefert und der Kaiser fast ohne eine Equipage thätig gewesen. mag auch der Feldzug nach Norden die Aussicht haben, daß dort jede Bequemlichkeit mitgebracht werden muß, immer wird doch hier die allerstrengste Oekonomie nothwendig seyn, um die Zahl der Zugthiere, die Menge der nöthigen Fütterung nach Möglichkeit zu mindern und den höhern Officieren ein Beispiel geben. Unzählbar ist der Troß, den das hiesige Armeekorps nachschleppt. Die Zeit, wo der französische Subaltern sein Tornister selbst trägt, ist vorbei. Der einfache Ueberrock, den er noch 1806 hatte, ist jetzt nur die Hülle kostbar gestrickter Uniformen. Bei allen befehlenden Individuen zeigt sich in Stickerei der Chakos, der Uniformen ein Luxus, der seltsam mit der kaum die Blöße bedeckenden Uniform des Gemeinen kontrastirt, dessen Gesundheit um so mehr leidet, da er ohne Strümpfe, in leichten Pantalons, leinenen Kamaschen, beim Appel, Exerciren, Paradiren, oft Stundenlang der erbärmlichsten Witterung preißgegeben ist. Sie sehen, wie sich auch hier das als schlecht anerkannte Formenwesen eingefunden hat. Es ist sehr gewöhnlich, daß bei der erbärmlichsten Witterung, die wir dies Frühjahr haben, eine Inspektion früh um 11 Uhr anhebt und um 3 Uhr Nachmittags noch nicht beendigt ist. Meist reitet erst um 2 Uhr der Marschall hinaus.

Le Bivouac.

Dritter Brief.

Leipzig, den 10ten Apr. 1812.


Fortsetzung des vorigen.

Ich meinte in meinem vorigen Briefe, der Geist der französischen Armee sey nicht mehr derselbe; ich suchte es Ihnen mit Gründen zu belegen, die aus der Natur der Sache geschöpft sind. In der That, jetzt erinnere ich mich erst, die besten vergessen zu haben. Denken Sie doch, daß jetzt unzählige Menschen Franzosen heißen, die die abgesagtesten Feinde derselben sind. Der Hamburger, die Lübecker, Bremer, Oldenburger, der Holländer, Flamländer, der Bewohner des linken Rheinufers -- er heißt Franzose, er ist es auf der Landkarte, aber wie wenig ist er es, wie heiß brennt es in seinem Herzen, daß er unter Fahnen fechten muß, die ihm die glückliche Verfassung seiner Stadt, seines Landstriches, die persönlich Freiheit raubten und den Wohlstand seiner Eltern vernichtete! Frankreichs südöstlichste Provinzen, die Departements der Seealpen, Wallis, Savoyen xc. geben eben so mißvergnügte Krieger. Mannszucht hält sie zusammen, Furcht zur Pflicht, aber Enthusiasmus, Liebe zum Krieg ist unter hundert kaum einem bekannt.
Karakter der Franzosen von beiden Rheinufern.
-- der Spanier im Neyschen Korps.
-- der Illyrier.
-- der Würtemberger.
Und weit entfernt, daß dies die einzige Schwäche des französischen Heeres oder eines ihrer Corps wäre! Nicht doch, vergessen Sie nicht, Freund, daß es jetzt gar aus vielen Nationen zusammengesetzt ist, aus Verbündeten, Fremden besteht, die kein Interesse fesselt, als -- die Gewalt, der despotische Befehl eines Uebermächtigen. Das Neysche Corps zum Beispiel, dessen Organisation Ihr Freund mit ansah, besteht aus einigen tausend gezwungenen Spaniern und Portugiesen, Kroaten oder Illyriern, mehr als 12000 Würtembergern, und dem übrigen Theile noch aus Franzosen. Die verbissene Wuth blitzte aus den Augen dieser gleich halbwilden Thieren gebändigten Spanier. Ich war Zeuge, wie einer dieser Abkömmlinge alter Mauren seinem Officier die nackende Brust hinhielt und um den Tod bat; wie dieser Güte und Ernst wechselte, den dadurch entstehende Auflauf zu unterdrücken. Die Illyrier waren meist ehemalige österreichische Unterthanen, die ihres Kaisers Franz mit Liebe und Wärme gedachten. Die Würtemberger hatten mit dem größten Widerwillen die Fleischtöpfe ihres gesegneten Vaterlandes verlassen, um sich in der Mark an elenden Kartoffeln zu sättigen. Sie schritten trotzig neben den Franzosen vorbei. Ihre Officiere wendeten den Blick von den französischen weg, ihre Gemeinen durften nicht mit den französischen in einem Quartier seyn. Sie wurden meist in Kirchen und dergleichen öffentlichen Gebäuden untergebracht, um Excesse zu verhüten *). Was läßt sich nun von solchen Truppen hoffen? Wie muß der Befehlshaber derselben alles anwenden, um sie in den Schranken der Ordnung zu erhalten, ihre Kräfte auf einen Punkt anzuwenden. Wie schwer muß es ihm werden, große Thaten zu verrichten, durch die, die nicht weiter gehen, als sie gerade müssen. Schon darum, darf man sagen, können die Tage von Austerlitz und Jena xc. nicht wiederkommen. Man besiegt mit solchen Truppen wohl auch den Feind, aber man vernichtet ihn nicht, denn unermüdete Thätigkeit, Selbstaufopferung, Enthusiasmus allein können die dazu nöthigen Anstrengungen möglich machen.
*)Späterhin mußte durch einen Tagesbefehl die Höflichkeit und der wechselseitige Anstand eingeschärft werden. Der Herausg.
Allianz von Oesterreich.
-- von Preußen.
Daß Preußen und Oesterreich diesesmal sich mit vereinigt, ist fast keinem Zweifel unterworfen. Täglich erwartet man die Monarchen beider Länder in Dresden, wo das Gegenstück zum Pillnitzer Allianztraktat stattfinden dürfte. Gott gebe, daß es nicht so unglückliche Resultate hervorbringe, wie jener. Damals verschwor sich Preußens und Oesterreichs Fürst gegen Frankreich. Alle kleinen deutschen Monarchen nickten zu dem Conclusum ihr durch Furcht, Hoffnung, Egoismus abgepreßtes Ja! Frankreich stand allein da, es trieb die Coalition aus einander wie Spreu, und gieng wie ein Held heraus aus dem Kampf auf Leben und Tod. Jetzt befiehlt es allen Fürsten, an dem Ort zusammen zu kommen, wo man ihm den Untergang schwor. Es ist, als ob die Nemesis hier einen schadenfrohen Wink der Erinnerung geben wollte. Die Zusammenkunft soll ein ähnliches Bündniß gegen den Norden schließen, vereinigen, fester knüpfen. Die Bande des Blutes, die Macht der persönlichen Ueberredung spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Bündniß wird geschlossen werden, Rußland, wie damals Frankreich, allein dagegen stehen. Wie wenn ein ähnliches Resultat auch jetzt wieder hervorgieng?
Wenn wenigstens Napoleon, wie es doch scheint, auf diese zwei neuen Alliirten rechnet, so könnte er sich doch wohl täuschen. Die Bande des Blutes, die Franz II. verbinden, sind selten so innig, daß man deshalb alte Wunden ganz vergißt. Die Politik, die Noth knüpfte sie. Mit Preußen finden dergleichen nicht statt. Sein König ist auf so mannigfache Art gekränkt worden. Er hat den Frieden mit ungeheuern Opfern erkaufen, fühlen müssen, daß es Friede gab, und, wie eine Medaille auf den Altranstädter vor 106 Jahren geschlagen, sagte doch keinen. Es giebt Beleidigungen, die keine Zeit, kein freundliches Wort ganz wieder gut macht; die um so mehr in unserem Gemüth erwachen, wenn wir sehen, daß Noth, Bedürfniß, Egoismus unsern Gegner nöthigt, ein freundliches Wort zu sprechen, die Falten seines Gesichts zu glätten.
Doch, sey das Unmögliche zugegeben, mögen die Herrscher den alten Groll vergessen haben, ist er auch in den Herzen der Unterthanen, der Krieger verloschen? Sie, die so viel Jahre gegen den Franken fochten, sollen nun mit, neben ihm, ohne eine andere Ursache kämpfen, als weil es ihr Herr will, den ein noch mächtigerer dazu -- zwang? Ständen sie noch unter dem Befehl des letztern selbst, nun vielleicht thäten sie dann, was der arme Rheinbündner thun -- muß, daß aber sich Preußen und Oesterreich seiner Souveränität so weit begeben wird, ist doch nicht zu erwarten, mithin der gehoffte Vortheil um so unsicherer, geringer.

La Vedette.

Schlechte Beschaffenheit der Kavallerie.

Eine Hauptschwäche des französischen Heeres scheint mir seine Reiterei, seine Trainbespannung zu seyn, so bald es darauf ankommt, einen Krieg im Norden zu führen. Frankreichs Pferden fehlt es an Kräften, an Ausdauer. Sie sind zu schwach, den ewigen Märschen, den Einflüssen jeder Winterwitterung, bei den knappen Rationen gewachsen zu bleiben, zumal da der französische Reiter und Trainsoldat noch manche Metze Haber, um einige Sous zu marken, unter der Hand verschachert, oder vom Commissaire de fourage betrogen wird. Frankreichs Reiterei mußte stets der ungarische, preußischen, sächsischen nachstehen. In den Gefechten bei Saalfeld, Saalburg, in der Schlacht bei Jena nahmen es einzelne sächsische Eskadrons mit einem ganzen französischen Chasseurregiment auf. Gewiß thaten die trefflichen, kraftvollen, jedem Kniedruck gehorsamen Pferde der erstern dabei das beste. Wenn die feindliche Kavallerie nicht immer in den vorigen Kriegen entschied oder ihrem Rufe entsprach, wohl gar der französischen, wie z. B. bei Rohr, unterlag, so lag das in dem ihr ungünstigen Terrain, in der Uebermacht, oder ähnlichen Umständen. Wie konnte z. B. Blüchers Kavallerieangriff bei Auerstädt entscheiden, da er auf eine Batterie stieß, bergauf gieng, die Pferde halbverhungert mit sammt den Reitern waren. Bei Rohr that vorzüglich die deutsche Kavallerie der Baiern und Würtemberger viel. Vielleicht hatten auch die Pferde weniger gelitten, als auf dem langen bisherigen Marsch. Was die zum Neyschen hier gebildeten Corps gehörigen Kavallerie anbelangt, so sind die Regimenter kaum halb vollzählig, und die Zahl der hinkenden, gedrückten, verschlagenen, steifen Pferde fast so groß, wie der activen. Und dieß ist erst der halbe Weg, und die schlechten Straßen fangen erst recht an, und das Futter wird immer sparsamer! Mit dem Fuhrwesen hat es dieselbe Bewandniß. Die polnischen Stutereien werden wohl etwas abhelfen, die Reiterei der Hülfstruppen wird auch berechnet seyn, da diese kürzern Weg, bessere Qualität hat; aber denken Sie nur, Freund, daß man einem Feind entgegenrückt, dessen Kavallerie die zahlreichste, die beste ist, und der in seinen ungeheuern Ebenen diesseits und jenseits der Weichsel sie auch wohl wird anzuwenden wissen.

Lanciers revenant du fourage.

Elende Trainbespannung.

Was die Bespannung des Fuhrwesens anbelangt, so ist sie, so paradox es scheinen mag, fast noch wichtiger, als die Remonte. Denken Sie ein Heer von 500,000 Mann, wie es der Moniteur angiebt, ist bestimmt, an der Weichsel eine Stellung zu nehmen, vorzudringen in Gegenden, die kaum trinkbares Wasser gewähren, nicht wie Deutschland xc. angebaut sind, nicht also die Beweglichkeit des Bivouacquirens gewähren. Welche zahllosen Equipagen, Lazarethwagen, Kanonen, Munitionswagen, Proviantwagen müssen hier mitfahren. Ohne sie kann die Armee nicht fortziehen. Mit ihnen? welche Menge Pferde muß hier thätig seyn. Die schlechten, die Ihr Freund hier sah, sollen diesen Strapazen genügen? Nimmermehr. Wird man sie ersetzen können, wenn sie fallen? Man kommt freilich in Länder, die einen Ueberfluß davon haben, aber ob man vielleicht auch ihn gleich vorfinden, nur requiriren können wird, das ist immer eine wichtige Frage, die die Zeit beantworten muß.


Quellen und Literatur.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Briefe über die neuesten Zeitereignisse, ihre Ursachen und ihre Folgen. Germanien, 1814.
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