Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Georg Friedrich Rebmann.

[1]

[1796]

Haag, den 11. Julius 1796..

Vom Konventssaal aus besah ich die General-Revue, welche heute über alle hier liegende fränkische Truppen gehalten wurde, und welcher ausser dem General Bournonville auch noch einige andere Generale, und andern Reubell und der ganze Etat-Maior beiwohnten.

Die Generale wurden mit dem schönen Lütticher Marsch: Citoyens Soldats etc. empfangen und nun gleich zu den militairischen Uebungen geschritten. Es war eine Freude für mich, die Ordnung, Akkuratesse und Geübtheit dieser Streiter der Republik zu sehen, unter welchen viele sind, welche der Eroberung von Holland mit beigewohnt haben.

Sämtliche hier liegende Truppen, Infanterie sowohl als Kavallerie, sind äusserst gut gekleidet und so viel die Infanterie betrift, auch trefflich exerzirt, die Husaren, meist Elsasser, mit denen man auch in Ansehung ihres Betragens nicht so ganz zufrieden ist, als mit der Infanterie, haben leider! viele schlechte Pferde, welche der *** von *** der Republik um theures Geld verkauft hat, kommen auch in Ansehung des Exerzitiums einem österreichischen oder selbst preussischen Husaren-Regiment lange nicht bei, sie bestehen gröstentheils aus Elsassern.

Der fränkische Soldat mus ordentlich und reinlich gekleidet auf der Parade erscheinen. Seine Uniform und sein Gewehr müssen in gutem Zustande, nichts zerrissen, nichts verrostet sein. Ob sein Zopf weit oder nahe am Kopfe gebunden ist, ob er eine weisse, eine bunte oder eine schwarze Halsbinde trägt, darnach wird nicht gefragt. Seine Uniform ist bequem, und nicht auf Zoll und Linie zugeschnitten. Im Felde erhält er Ueberhosen, einen tüchtigen Kapotrok, und gute derbe Strümpfe. Es wird sehr darauf gesehen, daß er nichts von diesen Dingen verkauft oder versezt.

Das Exerzitium ist so einfach als möglich. Wenige, aber zwekmässige Handgriffe, richtiger Marsch, schnelle und genau zusammenpassende Wendungen, die tag täglich durch fleissige Uebung eingeprägt werden, so daß alles, wirklich nach dem Sprüchwort am Schnürchen gezogen zu werden scheint. Die Subordination ist äusserst streng, aber ausser dem Dienst nicht pedantisch. Die Strafen bestehen in Todesstrafen, schimpflichem Wegjagen vom Regiment, und honettem Arrest.

Der französische Soldat hält unendlich darauf, die Ehre der Republik durch gutes Betragen, Höflichkeit und das, was er Honneteté nennt, zu erhalten. Ich kann heilig versichern, daß ich während meines ganzen Aufenthaltes in Holland von keinem Exzesse gehört und nicht einmal einen betrunkenen Soldaten gesehen habe. "Mir mus Niemand, weder von meinen Kameraden, noch ein Bürger, etwas anderes, als lauter Gutes nachsagen können!" das ist der Stolz, und der Grundsaz, nach welchem jeder fränkische Soldat handelt.

Dies seine Ehrgefühl ist diesen Truppen im Allgemeinen ganz eigen. Die Chambre de correction, welche bei kleinen Vergehungen angewandt wird, ist ein reinliches hübsches Zimmer. Der Gefangne erhält die beste Kost, Besuche von seinen Kameraden, spielt, kurz kann sich die Zeit vertreiben, wie er will. Versuchen Sie diese Art der Strafe einmal bei andern Truppen, und sehen Sie, was der Erfolg sein wird. Der Soldat wird sich Mühe geben, den Arrest zu verdienen. Hier, obgleich dieser Arrest nichts weniger als schimpflich ist, wird jeder Soldat sich darauf etwas zu Gute thun, nie bestraft worden zu sein, oder, wenn er einmal in der Chambre de correction gewesen ist, so entschuldigt er es mit der Hizze, die ihn da oder dort übereilt habe, versichert, daß er nie sich zu betrinken pflege, daß aber dies einemal der Tag so heis, er über dieses oder jenes zu lustig gewesen sei xc. daß er sich aber seit dieser Zeit desto mehr gehütet habe, und dergl. Dieser Geist der Armeen, und hauptsächlich der gemeinen Soldaten ist unübertreflich. Der Offizier würde unglüklich sein, der es wagte, den Stok gegen einen Gemeinen aufzuheben, aber der Befehl des Offiziers wird sicher pünktlich befolgt, und wenn der Gemeine auch einsähe, daß der Offizier ihn absichtlich dem Tode entgegen schikte. Sobald Gesez und Ordnung sprechen, kennt der fränkische Soldat keinen Widerspruch.

Der fränkische Soldat ist immer munter, immer lustig, selbst wenn er keinen Sous im Beutel hat. Steht er Schildwache, so übt er sich in den Handgriffen; in der Kaserne macht er mit seinen Kameraden Musik, oder singt wenigstens, unbeschäftigt bleibt er nicht leicht, und -- wenn er nichts anders und bessers zu thun weis -- so spielt er wenigstens mit seinem Hunde, oder singt sich ein lustiges Liedchen. In und vor der Kaserne giebt es immer etwas Lustiges. Neulich kam sogar ein Gellopin darin mit einem gesunden Knäbchen nieder. Niemand hatte in 3 Jahren das Geschlecht des Gellopins entdekt, als einige seiner Kameraden, die aber wohl ihre Ursachen haben mochten, stille zu schweigen.

Die Weiber und Töchter der Holländer scheinen an dem fränkischen Militair sehr viel Gefallen zu finden. Ganz hübsche Bürgerweiber und Töchter trift man oft mit gemeinen Soldaten auf der Promenade. Das kann ich wahrhaftig! auch dem hiesigen schönen Geschlechte nicht verdenken, denn die Herren Ehegemahle sind sehr phlegmatische Herren. Vielleicht erhält die nächste Generation etwas leichteres Blut. Bei allen dem hört und sieht am hier nichts von auffallenden Ausschweifungen, und das Dehors wird sehr menagirt.

Weniger, als die Gemeinen kann ich viele Offiziere loben. Seit dem 9ten Thermidor sind viele Cidevants, viele Messieurs unter den Truppen angestellt worden, die freilich, weil ihnen die Republik Brod giebt, immer ihre Schuldigkeit thun, aber das ancien Regime noch nicht ganz vergessen haben. Die äusserliche Gleichheit zwischen den Gemeinen und den Offizieren, der vertrauliche Umgang zwischen beiden, und das schöne Wort: citoyens sind daher nicht mehr Mode. Die patriotischen Lieder werden mit Airs aus Operetten vertauscht, und ich sehe es manchen der geschnörkelten und gepuzten Herren an, daß er beim Exerziren nicht gerne es beim: Sacre Dieu, bewenden läst, sondern die Kanaille gern mit dem Stokke oder doch mit Schimpfen fühlen lassen möchte, daß er zu den honnêtes-gens gehört, wenn es nur so hingienge!


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Holland und Frankreich, in Briefen geschrieben auf einer Reise von der Niederelbe nach Paris im Jahr 1796 und dem fünften der französischen Republik von Georg Friedrich Rebmann. Paris und Kölln.
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