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Genua.Bearbeiten

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Genua (Italien, Genova, Französ. Gènes), eine in jeder Hinsicht sehr merkwürdige Stadt, im Norden von Italien, auf dem Continentalgebiete des Königs von Sardinien. Sie liegt am Mittelländischen Meere, das hier den Meerbusen von Genua bildet, hat 80000 Einwohner und 1 Stunde im Durchschnitt. Auf der Landseite ist sie mit doppelten Befestigungen umgeben, von welchem die äußern über die Anhöhen, welche der Stadt schaden könnten, geführt worden sind; sie fangen bei dem Leuchtthurm am Meer an und endigen sich bei der Mündung des in den Meerbusen fallenden Flusses Bisogno. Der geräumige, in Gestalt eines Halbkreises sich um die Stadt ziehende, gut befestigte, durch zwei schöne Dämme eingeschlossene Hafen ward 1805 zu einem Freihafen erklärt. Bei demselben befinden sich 2 Thürme; der eine dient zur Beschützung, in dem andern, oben mit starkem Glase umgebenen, brennen des Nachts 35 große Oellampen. Nur in dem innern kleinen Hafen (Darsena genannt) finden die Galeeren Sicherheit bei jedem Winde. Genua führt den Beinamen die Prächtige, theils wegen ihre schönen amphitheatralischen Lage am Meer und dem Abhange des Gebirges, theils wegen der prächtigen Gebäude, welche der reiche prachtliebende Adel aufführte. Von der Seeseite bietet die Stadt eine herrliche Ansicht, aber im Ganzen ist sie nicht schön, noch im besten Geschmack erbaut. Wegen des engen Raums, den sie einnimmt, und wegen der abhängigen Lage sind die meisten Straßen enge, schmutzig und so steil, daß man in wenigen fahren oder reiten kann. Daher macht man hier die Besuche in Sänften, welche man bei gutem Wetter sich nachtragen läßt. Doch gibt es auch breite gerade Straßen, besonders die Straße Balbi und die prächtige neue Straße, wo viele herrliche, von außen mit Marmor bekleidete Paläste glänzen. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus: die Domkirche, der Palast des ehemaligen Doge, die Paläste Doria und Balbi, das ehemalige Jesuiterkollegium. Die Stadt hat eine Wasserleitung, welche durch Springbrunnen sie mit Wasser versorgt, und schöne öffentliche Spaziergänge. Es herrscht noch immer viel Gewerbsamkeit; beträchtlicher Handel wird mit gutem Olivenöl und edlen Baumfrüchten getrieben, und es gibt ansehnliche Fabriken von Seidenwaaren, Sammet, Damasten, Stoffen, Spitzen, Handschuhen, Wollenzeugen, Leinwand, Bleiweiß, Seife, Kunst- und Galanteriewaaren. Alle Sammet- und Seidenwebereien befinden sich außerhalb der Stadt, und dieß hat Einfluß auf die Wohlfeilheit der Preise. Die Seide wird theils im Lande selbst gewonnen, theils aus den übrigen Italien, besonders aus Calabrien, aus Palermo, so wie aus Syrien und der Insel Cypern gezogen. Genua wurde nach der Vereinigung mit Frankreich der Sitz eines Erzbischofs, der obern Verwaltungsbehörden des Departements, eines Handelsgerichts, des Generalstabs der 28sten Militärdivision, eines Seepräfekts und eines Seearsenals.


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Genua..Bearbeiten

[2]
Nähert man sich der Stadt Genua zur See, so bekommt man gewiß den vortheilhaftesten Eindruk von ihr. Wie ein ungeheures Amphitheater umringt sie mit ihren Nachbar-Gestaden den Golf, welcher zwischen ihnen wogt. Hohe Berge schliessen sie von hinten ein, eine Menge der schönsten Gärten und Landhäusern dehnen sich mit üppigen Bäumen und Gesträuchen bis an die Uferfelsen, welche sich gegen Süden in graue, schroffe Gebirgsmassen, gegen Nordwest in mildere Hügelgegenden verlieren. Eine grosse Mauer schließt den Hafen von der übrigen See ab, und verbirgt den Annahenden die belebten Umgebungen desselben. Ein neues Amphitheater, kleiner zwar, aber abwechslungsreicher, thut dem Auge auf, so wie man im Hafen ist; die schönsten Palläste der Stadt liegen gerade vor Ihnen.

Sehr volkreich sind die Strassen, welche den Reisenden zuerst aufnehmen. Alle, ausserordentlich enge, giessen eine Menge Menschen auf den Hauptpunkt aus, um welchen sich die Thätigkeit der ganzen Stadt dreht. Die Häuser sind gewöhnlich von vier bis fünf Stokwerken, und häufig von sechs bis sieben. Im Erdgeschosse haben sie fast alle Buden, in welchen die gröste Thätigkeit herrscht. Kein Wagen kann sie befahren; nur die einzige Strada Baldi hat dieses Vorrecht, und noch ein andres, daß die untern Stöke der Häuser von den Vornehmeren bewohnt sind. In den übrigen Stadt wohnen da gerade die ärmsten Leute; in den Mittelstöken die wohlhabenden, und die höchsten sind von den Reichen besezt.

Die Bauart der Häuser hat überhaupt viel Eigenes, besonders Orientalisches. Auf der Spize der Meisten ist eine Terrasse angebracht, welche gewöhnlich mit Blumentöpfen geziert ist. Oft sogar wird man wunderbar überrascht, wenn man aus den endlosen Treppen heraus, die man ersteigen mußte, plözlich unter ein lebendiges Traubendach tritt, und ich kenne ein solches, das bis in das fünfte Stokwerk in Einem einzigen Rebenstok heraufgetrieben ist, welcher da oben erst in weite-schattende Zweige sich verbreitet. In dieser Höhe befindet sich auch gewöhnlich das Wassermagazin des Hauses. Das Wasser wird durch die natürliche Lage der Stadt zwischen den Bergen so hoch hinaufgebracht, und vertheilt sich auf des Hauses Spize erst in die einzelnen Zweige, wodurch die Küchen der verschiedenen Bewohner versehen werden. Alle haben in derselben einen Hahn, den sie nur zu öfnen brauchen, um frisches Wasser zu haben. Jeden Morgen werden diese Magazine rein ausgeleert, um wieder gefüllt zu werden, und es ist für den Fremden etwas ganz Unerwartetes, um diese Zeit das lebhafte Rollen des Wassers zu hören, das sich jezt in die allgemeinen, unterirrdischen Kanäle ausgießt.

In den Wohnungen selbst wird man durch einen eigenen Prachtgeschmak in Verzierungen und Hausgeräthe überrascht. Ganz gewöhnlich sind Vergoldungen. Mit Verschwendung sieht man die schönsten Marmors angebracht. Kostbare und kunstreiche Stukarbeit, Spiegel, seidene Tapeten und der äusserst schöne Estrich des Bodens sind fast allgemeine Vorzüge. In bemittelteren Häusern sind die Plafonds meistens gemahlt, und es giebt überhaupt selten eine wohlhabende Familie, welche nicht einige, vorzügliche Gemälde, besonders von niederländischen Meistern, aufzuweisen hätte.

Gleicher Reichthum ist in den öffentlichen Gebäuden und Anstalten sichtbar. Die ungeheuren Wasserleitungen, und ihre so sehr vereinzelte Vertheilung, sind Werke, die der Römer in ihren schönsten Zeiten würdig wären. So sind es auch die unterirrdischen Kanäle, in welche sich aller Unrath der Stadt verliert. Sie sind von einer Festigkeit, und mit einer klug berechneten Zwekmässigkeit erbaut, daß man bis jezt nie für nöthig fand, sie zu reinigen. So ist in der ungeheuren, kühnen Brüke von Carignano, die zween Berge in einer Höhe verbindet, worunter Häuser von acht Stokwerken stehen; so in den übrigen öffentlichen Gebäuden, den Werken am Hafen, den Befestigungen u. s. w. eine Kraft und ein Reichthum thätig gewesen, welcher nur schwach noch durch den, in den Wohnungen herrschenden, Prachtgeschmak beurkundet wird.

Alles das ist aber auch freilich zu einer Zeit geschehn, als die einzige Stadt einer der mächtigsten Staaten unsrer Halbkugel war, und ihr gefürchteten Flotten alle Meere beherrschten. Da Genua allein übrig geblieben war von den Nebenbuhlerinnen Venedigs; als es seine Eroberungen vom schwarzen Meer bis aus Ionische ausdehnte; seine siegreichen Fahnen in Spanien und Afrika unersättlich um sich griefen; Kaiser Manuel von Konstantinopel selbst ihnen zinsbar war*); seine Schiffe Franzosen und Engländer schüzten, und einer seiner Bürger den schönen lukkesischen Staat kaufen konnte **). -- Damahls freilich hätte der Freistaat von Genua mehr noch vermocht, als wir sehen.

*) Vom Jahre 1155 an.
**) Gherardo Spinola kaufte ihn für die Summe von 74,000 Goldgulden.

Diese Glanzperiode erlosch, als Genua dem mächtigern Venedig im vierzehnten Jahrhundert unterlag. Darum ist es aber nie verarmt. Sein immer fortdaurender, beinah ausschliessender Handel mit Spanien und Portugal, seine erworbenen Kapitalien und Kostbarkeiten erhielten einen Wohlstand, der immer noch selten und beneidenswerth ist. Jahrhunderte hindurch waren die Kassen der genuesischen Patrizier allen geldbedürftigen Regierungen offen. Die einzige Familie Cambiaso baute die 15 Meilen lange Strasse durch die Bocchetta, und die eben so kostbare nach Voltri auf ihre eigene Kosten. Andre zeigten ihre Vaterlandesliebe und ihren Reichtum in der Unterhaltung kostbarer Hospitäler; andre durch die würdige Bekleidung der Gesandtschaftsposten der Republik, zu welchen diese nur geringe Vorschüsse gab. Als aber die französische Revolution hereinbrach, begann das Unglük des Staats gleich mit den ungeheuren Verlusten auswärtiger Kapitale, wodurch einzelne seiner Bürger betroffen wurden. Gegen hundert Millionen waren auf diese Weise schon verlohren, ehe die Republik von der gewaltigen Kriegeswoge selbst ergriffen wurde, die sich später über sie herwälzte. Der Regierung ward so bange für ihre Bürger, daß sie durch strenge Geseze den Aufwand in Sänften und Bedienten einschränkte, worin sich der Patrizierstolz sonst innerhalb der Stadt noch allein ausgelassen hatte.

Schneller würden indeß doch jene alten Reichthümer zerronnen seyn, wenn nicht die Lage der Stadt selbst schon manche Arten von Verschwendung verboten hätte, wodurch sich der Adel anderer italienischen Staaten zu Grunde gerichtet hat. Pferde- und Equipagen-Luxus ist etwas, was man in Genua beinah so wenig kennt, als in Venedig. Wie die sonderbare Insellage der leztern Stadt den Genüssen und Freuden eine eigene Richtung gab, so bekamen sie sie in dem, rings von Gebirgen und der See umschlossenen, Genua gleichfalls. Man kann darum, mit einiger Einschränkung, auf die einwenden, was Macchiavelli von den deutschen Städten sagt: "die Einwohner derselben sind reich, weil sie wie arme leben."

In der Lebensart der genuesischen Patrizier war wirklich von jeher jenes sonderbare Gemisch von Ostentation und Sparsamkeit ersichtlich, welches die italienische Nation überhaupt, unter den Ständen aller aber den Kaufmann charakterisirt. Wenigstens dürfen wir es blos dem Umstand zuschreiben, daß der Staat von Genua sich durch merkantilische Thätigkeit und Enthaltsamkeit in die Höhe geschwungen hat, wenn wir in den prächtigen Pallästen seiner Patrizier mitten unter ihren herrlichen Kunstwerken, auf ihren reichvergoldeten Stühlen eine lange Abendgesellschaft hindurch vergebens nach einer Erfrischung schmachten, und in unsrem Durste den Vorwurf der Florentiner gerecht finden, daß der Genueser der gröste Knauser unter der Sonne sey. Denn die Erinnerungen der alten Grösse, die sie so gern fühlbar machen, haben, wie bey den Spaniern und andern Nationen, deren schöne Zeiten vorüber sind, nichts andres zur Rechtfertigung übrig behalten, als eine starke Neigung zu einer unfruchtbaren und unbequemen Pracht, die sie selten in etwas andrem, als in dem darstellen, war nur das Auge geniessen kann, das seinen Werth nicht leicht verliert, und wenigstens durch den Genuß nicht vermindert wird.

In Manchen andern Dingen äussert sich dieser Charakterzug der Genueser. Jedes Denkmal von Wohlthätigkeit oder Freigebigkeit gegen den Staat hat das Bild und den Nahmen des Gebers an sich. Man hat ihnen das verschiedentlich vorgeworfen; aber ich finde es in aristokratischen Freistaaten, wie Genua noch vor kurzem gewesen ist, nicht so übel. Was irgend Gutes und Grosses im Staate geschehen ist, das haben einzelne Familien gethan. Der berühmte Nahme erbt sich fort, und oft mag er dem bessern Urenkel eine Last werden. Er spornt ihn zu Thaten, die er in der Beschränkung einer, auf ihre alten Formen eifersüchtigen, Republik nicht ausführen kann, wenn sich ihm nicht in den auswärtigen Verhältnissen derselben die seltene Bahn eröfnet. Kann er nun weder als Politiker, noch als Krieger, seine Würdigkeit erweisen, was bleibt ihm übrig, als Verdienste um die Verschönerung der Stadt, um nüzliche Anstalten u. dgl.? Hat er diese sich erworben, so ist er seines Nahmens werth, ist er aber auch verpflichtet, seine Ehre auf eine öffentliche Art zu seines Hauses Ruhm zu schlagen, damit jeder künftige Zweig desselben gleichen Antrieb zu gleichen Verdiensten haben möge. Ruhm ist ja doch das Einzige, wodurch der aristokratische Staat den Aristokraten belohnen kann -- denn auch Aemter und Ehrenstellen geben ihm nichts weiter, sobald er ein ehrlicher Mann ist.

Damit mag auch die grosse Privatwohlthätigkeit des genuesischen Adels in Verbindung stehn. Es giebt unter demselben viele Familien, die schon seit langen Jahren an bestimmten Tagen der Woche viele Portionen Suppe, Brods u. dergleichen austheilen lassen. Bei Manchen ist es schon lange eingeführt, daß die jährlichen Einkünfte in drey gleiche Theile abgeschieden werden, wovon der erste für die Bedürfnisse des Jahrs, der zweite für die Zukunft, der dritte für die Armen bestimmt ist. Von der Art ist das Haus Pallavicini, welches jedes Jahr gegen 100,000 Lire unter die Armen fliessen läßt, ohne daß man viel davon hört. Und darin ist diese Familie nur gar nicht einzig. Sie hat mehrere Nebenbuhler in ihrer Wohlthätigkeit, und noch viel mehrere, die man nicht kennt. Denn hierin verläugnet sich die Ostentation des Volks auf das rühmlichste, wie folgender Zug beweisen mag, den ich aus guter Hand habe. Ein Armer kam zu einem Patrizier, und bat ihn um eine Unterstüzung. Er ward mit dem Bedeuten entlassen, in acht Tagen wieder zu kommen. Der Arme erscheint um die bestimmte Zeit, wird aber, zu seinem grösten Erstaunen, heftig angefahren, daß er betteln gehe, da er dich 6000 Lire in der Bank liegen habe. Der Arme betheuert bei allen Heiligen, daß er nichts besize, erkundigt sich aber endlich doch in der Bank, und findet wahr, was ihm sein unbekanntbleibenwollender Wohlthäter gesagt hatte.

Diese Wohlthätigkeit ist natürlich nicht immer gut angewendet, und erzeugt oft gerade die schlimmen Folgen, die sie verhüten will. Aber die neusten Zeiten haben sie doch manchmal gerechtfertigt, wo, beim Stillestehen aller Gewerbe, selbst der ehrwürdigste Theil der Nation ohne sie seinem Elend erlegen wäre.

Eben so gegründet in ihrer Staatsverfassung mag ein andrer Zug im Karakter der genuesischen Patrizier seyn, den man ihnen so gerne vorwirft. Man klagt über ihren Stolz, und über Mangel an Zuvorkommen gegen den Fremden. Ich erklärte das so gut, als bey den Engländern, aus dem Stolz auf ihr Vaterland, welches sie über jedes andere Land erhaben denken. "Jeder Patriot", sagt Rousseau im Emil, "ist hart gegen die Fremden. Sie sind in seinen Augen nur Menschen, nichts weiter;" und nur in diesem Umstande dürfen wir uns ja auch den übermüthigen Stolz der Griechen und Römer gegründet denken, bey welchen nur der cives romanus und der Nichtbarbare Menschen waren. Mögen wir es unserm unseligen Mangel an Vaterlandsstolze zuschreiben, wenn der Deutsche den fremden Mann, wie die fremde Sitte und Thorheit, so willig bei sich aufnimmt. Hätten wir jenen Stolz, o wir wären nie dahin gekommen, wo wir ihn nicht mehr haben dürfen!

Die Revolution hat bis jezt nur äusserst wenig im Geiste und in der Lebensart der Genueser verändert. Noch immer theilt sich beinahe die ganze Stadt in Adel und Klienten. Jeder hatte es ehemals nöthig, sich an irgend einen Patrizier anzuschliessen, damit dieser seine Stelle in dem Senat für ihn vertrat, und in allen Fällen ihm das Wort redete. Der Klient wurde von seinem Gönner mit Geld und Vorsprache unterstüzt, und leistete diesem dafür wieder andere Dienste, wodurch sich beide gleich unentbehrlich wurden. In stürmischen Zeiten der alten Republik war das eine Politik, deren jeder Adeliche benöthigt war, und wovon oft sein, ganzer Einfluß im Staate abhieng. Wo er daher gieng und stand, war er von einer Schaar solcher Leute umgeben, welcher grösser oder kleiner war, je nach dem Verhältniß seines Ansehens, seines Reichthums und besonders seiner Freigebigkeit. Durch diesen Umstand wurde die Scheidewand zwischen Adel und Bürger immer tiefer; die Gränzen zwischen beiden immer schärfer. Die gesellschaftlichen Verhältnisse konnten natürlich nicht gedeihen, da der Abstand zwischen den verschiedenen Ständen zu groß war, und die Wirkung der einzigen, bestehenden Gleichheit unter dem Adel durch Eifersucht und Intriguen verhindert wurde. Und dieser Mangel ist gewiß noch jezt fühlbar, und wird sich nur nach und nach aufheben, so wie der zweite Stand mehr in die Höhe kommt, wozu er gegenwärtig auf gutem Wege ist, und wie der französische Gesellschaftston mehr um sich greift, zu dessen Verbreitung schon seit mehreren Jahren besonders das Haus des französischen Gesandten Salicetti wirksam war.

Im Handel und Verkehr überhaupt sind die Genueser sehr verschrien. Einer der leztern gestand das selbst ein, als er sich einmal zu Mailand mit einem Korsen zankte, und diesem in der Hize sagte. "Solcher Spizbuben, wie du einer bist, giebt es ja nicht einmal in Genua." Wirklich zeichnen sie sich durch Feinheit und List sehr aus, und da folgt der Betrug gerne mit. Auffallend ist die große Anzahl von Verbrechnern, welche die Regierung seit mehreren Jahren mit unerbitterlicher Strenge bestraft, die ihre Zahl und Kühnheit nur immer noch zu vermehren scheint. Nichts ist, häufiger in der Stadt selbst, als Einbrüche und Taschendiebereien; und die leztern sind um so gefährlicher, da man, im Fall man den Dieb auf der That ertappt, schweigen muß, wenn man sich seinem Dolche nicht aussezen will. Keine von allen Straßen, die nach der Stadt führen, ist sicher; selbst auf der See werden Fahrzeuge von Räubern angegriffen, welche von den Gebirgen der Riviera di Levante herabkommen. Einer meiner Freunde hatte das Unglük, auf diese Weise alles zu verlieren. Er fuhr auf einer Feluke von mittlerer Größe von Genua nach Livorno. Nur einige Meilen von der ersten Stadt wird sie von einer Barke angehalten, welche mit bewafneten angefüllt ist. Diese hatten sich alle die Gesichter schwarz beschmiert, sprachen einem den übrigen Genuesern unverständlichen, Jargon unter sich, und nahmen mit Fort, was ihnen von der Ladung anständig war, und ihr Fahrzeug nur immer fassen konnte. Dergleichen Vorfälle sind nichts weniger, als selten. Beraubungen auf den Straßen sind noch häufiger; die Regierung straft mit aller Strenge; aber die Bösewichter haben sich zu einer Stärke vereinigt, welche selbst mehreremale den Linientruppen mit Glük die Spize geboten hat. Dieses alles ist aber ganz begreiflich, wenn man das Elend und die Armuth kennt, welche in den Gebirgen herrschen. Durch die Veränderung der Dinge überhaupt, die Belagerung Genua's unter Massena, die verschiedenen Blokaden des Hafens sind viele Menschen brodlos geworden. Das Land hat so wenig eigene Hülfsmittel, daß ihnen vor dem Hungertode nichts übrig blieb, als der Angriff auf fremdes Eigenthum.

Gränzenlos war das Elend, und unbeschreiblich in dem Jahre, da Genua die schrekliche Belagerung unter Massena aushalten mußte. Noch sind die Berichte davon in jedermanns Gedächtniß. Die Zahl der Verstorbenen im Jahre derselben, 1800, betrug 12,492 Menschen, da sie in dem folgenden von 1801 nur 3,977, und 1802, 3902 war. In diesen drei Jahren schwankte die Zahl der Gebohrnen immer zwischen 3 und 4000. *) Sonst ist die Bevölkerung der Stadt gewöhnlich im Steigen, und die auf dem Lande, wenn nicht im Stillstand, eher im Abnehmen. Die Luft ist gesund; die Thätigkeit in Zeiten des Friedens sehr groß; die Lebensmittel sind in nicht zu hohem Preise, und man darf immer, wenn Europa's Rhe einmal befestiget seyn wird, schönere Tage für Genua hoffen. Besonders muß sich seine Marine unter der französischen Herrschaft nothwendig vermehren, da durch dieselbe ihr, bis jezt einziges, Hinderniß, der ewige Krieg mit den Barbaresken, gehoben ist.

*) Im Jahre 1800 wurden gebohren 3,022 Seelen; 1801, 3,063; und 1802, 3,502. Ehen wurden geschlossen: im ersten Jahre 496; im zweiten; 758; im dritten: 692.

Sehr auffallend für den Fremden ist die große Stille, welche in der, so belebten, so volkreichen Stadt herrscht. Die Genueser sprechen gewöhnlich sehr leise zusammen, und auf dem grösten Plaze ist kein Lärmen, wie in der kleinsten Straße von Livorno. Nur läßt sich hie und da ein Esel so durchdringend vernehmen, daß man lieber das Rasseln eines Wagens hören möchte, als die Stimme des Thiers, welches den Genuesern alle ihre Bedürfnisse zuführt.

Man denke sich keine besondre Beziehung, wenn ich von dem Schreien der Esel auf die Sprache der Genueser übergehe. Sie unterscheidet sich von jedem andern italienischen Dialekte himmelweit. Nicht nur die Aussprache ist ganz verschieden, sondern sie hat auch eine Menge fremder, besonders französischer, Worte. Wie schwer sie für den Fremden zu verstehen sey, ist schon daraus ersichtlich, daß nicht jeder Genueser selbst den andern mit Leichtigkeit versteht. In den verschiedene Mundarten, welche mehr oder weniger von dem reinen Zeineize -- wie sie ihren Dialekt selbst nennen -- abweichen. Die Büchersprache desselben, worin mehrere vorzügliche Dichter geschrieben haben, *) ist die, welche die Gebildeten sprechen, und die dem Fremden selten gestattet, an der Unterhaltung Theil zu nehmen, wenn man nicht die Gefälligkeit für ihn hat, Französisch zu sprechen, was sie meist alle verstehen.

Indeß erhält das Zeineize im Munde der genuesischen Damen, troz ihrer männlichen Stimme, eine eigene Schönheit, woran freilich der alte Saz seinen Theil haben mag, daß aus schönen Lippen, wie der Italiener manchmal sagt, selbst die deutsche Sprache wohlklinge. Durchgängig sind die Genueserinnen schöner, als ihre Männer. Im Allgemeinen sind sie sehr schlank gewachsen, in guten Verhältnissen gebaut, und mit Fülle gerundet. Franceschini hat sie herrlich aufgefaßt, und, war er auch darstelle, Göttinnen des Himmels oder der Erde, so sind es immer seine schönen Landsmänninnen. Ihr Busen ist reich, aber nicht überflüßig begabt; ihr Gesicht ein reines Oval, die Augen groß und rund geöfnet, von brennend schwarzer Farbe und kühner Herausfoderung. Die Nase ist länglicht und rein geformt, der Mund klein und rund und der Nase nahe; die Gesichtsfarbe blühend, und die Zähne blendend weiß. Ihre Bewegungen sind anmuthig, und, bei ihrer geschmakvollen Kleidung, tausend Abwechslungen reizender Drapperien begünstigend. Nichts geht über die Kunst, womit sie ihr Pezzoletto -- so nennen sie eine Art von Schleier, der auf beiden Seiten des Gesichts herunterfällt, und von weissem Stoffe ist -- umzuwerfen verstehn. Dadurch, und durch die koische Durchsichtigkeit desselben sind sie die ersten unter den Italienerinnen. Ihr Haarpuz ist in griechischem Geschmak, und scheint dem Wechsel der Mode weniger unterworfen zu seyn, als sonst. Ihre ganze Kleidung ist äußerst reinlich, und als ich sie oft gesehen und gehört hatte, wunderte ich mich nicht mehr über das, was man mir sagte: daß das Glük der meisten Männer in Genua an die Launen dieser Schönheiten befestiget sey. Ich fand es ganz vernünftig, daß für die eben so gut, als für die Geistlichen, der Porto franco, in welchem alle Geschäfte gemacht werden, verschlossen ist.

Das hindert indessen nicht, daß die Weiber nicht einen großen Theil an der Gewerbsthätigkeit nehmen. Fleißig darf ich sie nennen, in Vergleichung mit ihren übrigen italienischen Landsmänninnen. In allen Buden und Caffe's sieht man sie stehen, und, beinah ausschließlich, das Geld einnehmen. Indessen haben sie doch alle ihren Cicisbeo, der in der Sprache des Landes il Patito heißt. Diese Sitte hat sich in Genua fester erhalten, als in den übrigen Städten Italiens; was wahrscheinlich in der Thätigkeit der Männer gegründet ist, welche, wenn sie reich sind, sich nicht, wie der übrige Adel, dem Müßiggange überlassen, und daher nicht immer Zeit genug haben, ihre Frauen zu unterhalten. Noch ziemlich häufig geschieht es, daß dieses Ehesupplement im Heirathsvertrage von der Frau bedungen wird, ob es gleich selten geworden ist, daß man die Person selbst dabei bestimmt. Die edlen Genueserinnen ahmen hierin ihren übrigen Landsmänninnen nach, und finden es weit angenehmer, die Gesellschaft der Unzertrennlichen von Zeit zu Zeit zu wechseln.

Im Winter besuchen sie alle Abende das Theater. Der Eingang zu demselben ist der elendeste, den man sich denken kann. Man steigt mehrere Stufen hinab, ehe man in dasselbe gelangt. Es ist klein, in schlechten Verhältnissen gebaut, und, wie die genuesischen Häuser beinahe alle, mit einem fresco-gemahlten Plafond geziert. Die Musik ist gewöhnlich erbärmlich, wenn sie nicht hie und da durch einige fremde Virtuosen belebt wird. Dafür ist der Geschmak des Publikums mehr für Lustspiele und Spässe aus dem Stegreif gestimmt, welche dann freilich mit aller möglichen Freiheit gegeben werden, welche der laxere Begriff des Anständigen bei dem Italiener nur immer gestatten kann.

An Kunstwerken aller Art ist Genua sehr reich, besonders aber an Gemählden der niederländischen Meister, von den sich mehrere der berühmtesten jahrelang in dieser Stadt niedergelassen hatten: Wie sollt' ich enden, wenn ich da anfienge? Aber so ganz kann ich mich nicht trennen von der stolzen Stadt, ohne wenigstens ein paar Worte über die Kirche von St. Ambrogio gesagt zu haben.

An Gemählden ist die eine der reichsten in Genua. Von Rubens allein befinden sich drei Stüke in derselben; ein Kindermord; eine Teufelsaustreibung durch den heiligen Ignazius, und ein Beschneidung Christi. Alle drei sind sehr schön für Rubens. Besonders befinden sich im zweiten gar liebliche Kinder. In einem derselben hat der Künstler einen seinen psychologischen Zug aufgefaßt. Eins der Kinder stekt voll Verwunderung die Hand in die Mund, um anzudeuten: hier muß der Böse herausfahren. Außerdem ist hier eine Befreiung Petri von Vandyk, zwar sehr verdorben, aber immer noch die Meisterhand verrathend. Der Schlafende Soldat ist eines der scheußlichsten Gesichter, die der Künstler nur immer in dieser, an dergleichen Physiognomien so reichen, Stadt auftreiben konnte. Der Kopf der Petrus war mir besonders merkwürdig, wegen einer andern Darstellung desselben in einem benachbarten Bilde. Dieß ist eine Himmelfahrt der Maria von Guido, und nicht von Guercino, wie Volkmann hat. Die Figuren sind unübertreflich um das Grab her gruppirt; jeder sieht staunend den andern an oder fragt ihn; nur der fromme Petrus ist voll heiligen Staunens auf die Knie gesunken, und schaut andachtsvoll in den Himmel. Im herrlichsten Gegensaze mit den bewegten Gemüthern der Jünger steht die Miene der Verklärten, welche voll Hingebung und Ruhe, in das Gewand der Unschuld gehüllt, schon die Nähe dessen zu fühlen scheint, der sie zur Gebenedeihten unter den Frauen gemacht hat. Die Geister der Glorie sind mit der, diesem Künstler eigenen, Grazie gemahlt. Die Gewänder sind ganz vortreflich groß und mit Anmuth geworden, und das Kolorit so warm, daß man -- bei der sonstigen Kälte seiner Farben -- anstehen sollte, das Gemählde für einen Guido zu halten. Seine Manier erst breit anzulegen, und dann mit einem kleinem Pinsel, wie eine Zeichnung, vollends auszuarbeiten, ist auch in diesem Gemählde ein Hauptkennzeichen des Meisters. Vor diesem Bilde wurde mit erst der große Unterschied zwischen einem Rubens und Guido auffallend, da ich den erstern, der diesem gegenüberhängt, nicht mehr ansehen mochte. Aber desto schöner zeigt sich die Verwandtschaft des Bessern in den beiden Petrusköpfen, von Vandyk und Guido. Keiner mahlte den nämlichen Petrus, aber Beide ihn so, wie dieser Fels seyn muß. Aber man betrachte die Maria in Rubens Beschneidung, und die in Guido's Verklärung, und man wird erkennen, wie hoch sich der leztere seinem Ideal näherte, und wie gemein der erste an der gemeinen Natur seiner Flamänderinnen klebte.


Von Reisende.Bearbeiten

[3]
Ernst Moritz Arndt.

Ich sah mit innigem Vergnügen bei dem Leichenfeste Biaginis unter den 5000 Mann der Nationalgarden die vielen schönen Menschen und die militärische und kriegerische Miene derselben; so wie ich die Fertigkeit und Behendigkeit ihrer Manöver und Bewegungen und die republikanische Stattlichkeit bewunderte, welche die meisten auf ihre Montur und Equipirung verwandt hatte. Aber in diesem Augenblick selbst hörte ich einen französischen Officier zum andern sagen: comme ces bougres sont les paons! ftr . . . avec trois cent de nos gens je les chasserai jusqu'au bout le monde! So lieben sich die Völker und so urtheilen sie von einander.

Dieser Freunde und Beschützer, der Franzosen, mogten während meiner Anwesenheit wohl 2000 in der Stadt stehen; mehrere waren in die Stadt und Festung Savona und in die kleineren Plätze des Ligurischen vertheilt. Bei allem Schein der Freundschaft und Brüderschaft traut man sich doch nicht recht und alles ist gespannt, weil die Franzosen zu sehr die Herren machen. Sie haben daher auch die Forts und Hauptkastelle in der Stadt besetzt, die selbst für eine Armee wegen ihrer Engheit und ihrer Tiefen und Klüfte ein böses Nest ist. Man weiß, wie die Genueser im Jahr 1746 die Oestreicher leichter hinausjagten, als die herein gekommen waren. Die meisten Franzosen liegen auf dem hohen Spital Albergo, welches beinahe die ganze Stadt beherrscht; da heben sie ihr Hauptquartier. Es sind schöne Truppen und sie werden königlich besoldet, doch schimpfen sie auf die Genueser, besonders die Gemeinen; die Officiere hingegen wissen sich schon mit den schönen Genueserinnen und durch sie auch mit den Genuesern in Eintracht zu erhalten. Ganz anders, als die Franzosen und die Nationalgarden, sieht das stehende Militär der Genueser aus. Sie sind rupfige und lumpige Grünröcke, meist ohne heile Kleider und Schuhe; aber sie gehen auch ohne den Geist und die Ehre des Franzosen einher und mit dem finstern und tückischen Sklavenblick, den man bei dem hiesigen Pöbel kennt, auch wenn er lächelt und schmeichelt. Die Franzosen verachten und hassen sie als feiges Gesindel, das nur im Finstern tapfer ist, ein Urtheil, das sie nicht allein von den Genuesern fällen. Aber die Klagen der Genueser sind nicht minder triftig über die Franzosen, und es giebt mehr als einen, der es freilich nicht öffentlich sagen darf, aber doch andeutet, daß die Franzosen nicht gekommen sind, um sie frei zu machen, sondern die reichen Nobili auszustreifen und eine Million Lire nach der andern von der Bank aufzuleihen. Man zuckt die Achseln bei diesen Anleihen und den vielen Soldaten, die man füttern muß, und mache Patrioten sehen immer nur eine trübe Zukunft. Genua ist keine Stadt, die plötzlich wieder reich wird, wenn sie einmal ausgesogen ist. Man beschuldigt hier besonders den französischen Konsul Belleville, der auch in Livorno, wo er vorher stand, kein liebes Andenken hinterlassen hat, daß er despotisch und strenge verfahre und das ligurische Direktorium ohne Achtung und Würde behandle. Es ist kein gleicher Bund mit dem Stärkern möglich. Belleville muß schon ausführen, was beschlossen ist, obgleich sein rauher und barscher Karakter selbst von den hiesigen Franzosen gehaßt ist. Aber selbst bei allen diesen Geschichten sieht man noch das blühende Genua, das es vormals freilich war.

Obgleich die Franzosen immer neue Forderungen machen, und Anleihen eintreiben, obgleich die Geldbußen, die sie über die cidevants verhängen, zugleich über das ganze genuesische Volk verhängt werden; obgleich die Schiffahrt und der Handel fast vernichtet ist, und manches Gewerbe durch die Zeitumstände liegt, so sieht man doch fast durch alle Klassen Wohlstand und selbst Pracht und Reichthum, und in der Stadt selbst jenes Gewühl und jenes Bienenschwärmen der Menschen, die ein Beweis von Thätigkeit und Industrie sind, und daß die alte Regierung nicht so abscheulich und verderblich gewesen ist, als sie die Schreier gern machen mögten. In dieser Rücksicht ist der Genueser von jeher berühmt gewesen, und als ein kluges und gewandtes Volk sind sie für den Handel und die Manufakturen wie geboren, und was zuerst die Noth lehrte, hat die Gewohnheit nachher gleichsam schon bei der Geburt mitgegeben. Ihr Land giebt ihnen wenig, und die waren also frühe gezwungen, durch Erfindung und Thätigkeit, durch Schiffahrt und Industrie das zu suchen, was die Natur ihnen karg versagte. Auch jetzt sind die Genueser Schiffer, Kaufleute und Fabrikanten allenthalben zerstreut und vorzüglich haben sie in den besten Städten Spaniens von Barcellona bis Cadix ihr Wesen, wo neben den Teutschen viele der ersten Häuser Genueser sind; und von wo manche gegen das Ende ihrer Tage ins Vaterland zurückkehren mit dem Fett des Landes, das sie den dummen und faulen Spaniern abgesogen haben, und andre an ihrer Stelle schicken, um es eben so zu machen. Auch im südlichen Frankreich waren sonst viele ansäßig, welche aber im Anfange der französischen Revolution meistens haben räumen müssen. So sind selbst von Nizza, wo ich dieses schreibe, viele abgegangen, nach dem Gesetze, welches alle reisen hieß, die nicht 10 bis 15 Jahre ansässig gewesen waren. Eben so findet man sie häufig in den besten Plätzen Italiens, wo sie zu den unternehmendsten und gewandtesten Kaufleuten gehören. Denn ein unternehmenderes und muthigeres Volk sind die Genueser sicher, als die meisten andern Italiäner, was auch die Franzosen mögen. Das haben sie durch alle Jahrhunderte bis auf die neueste Epoche bewiesen.


Von Reisende..Bearbeiten

[4]
F Herring.

Am 13. Aug. 1815 durften wir endlich ans Land gehen, nachdem wir 5 Wochen am Bord und 3 Wochen unter Segel gewesen waren.

Die herrliche Ansicht des Meerbusens und Hafens von Genua, so wie dieser großen, schönen Stadt selbst gibt der von Neapel wenig nach. Der Meerbusen von Genua ist kleiner, der Hafen aber größer, als der von Neapel, und die Stadt selbst liegt mehr amphitheatralisch. Im Hafen können die größten Linienschiffe an den Mauern vor Anker gehen, so tief ist das Wasser.

Da das Kloster, welches zum Regts.-Hospitale angewiesen ward, und worin ich als Arzt auch meine Wohnung bekam, hoch am Berge lag, so nahm ich vorläufig meinen Aufenthalt in einem Gasthause am Hafen, wo ich den, von Berlin eben angekommenen, Herrn Kiesewetter kennen lernte, mit welchem ich mich am folgenden Tage in der Strada nuova einmiethete.

Die Häuser der besten Straßen von Genua sind außerhalb mit schönen Mahlereien verziert, so daß es oft scheint, als befände man sich in dem großen Saale eines Hauses. Viele Straßen sind übrigens so eng, daß kein Wagen darin fahren kann. In manchen Häusern brennt daher am hellen Mittage Licht. Einige Paläste des reichen Ortes sind ganz von Marmor aufgebauet.

Der König von Sardinien hatte kurz vorher in Genua seinen Einzug gehalten und Besitz von seinen neuen Staaten genommen. Während meiner Anwesenheit zog auch die Königinn feierlich ein, und dieser Tag ward durch ein Wettrennen von Ruderböten, Erleuchtungen u. s. w. verherrlicht.

Mit der Französ. Regierung war man sehr unzufrieden gewesen, und als die Franzosen noch in der Stadt, die Engländer aber vor der Thoren gestanden haben, ist das Standbild Napoleons schon von den Einwohnern in kleine Stücken zerschlagen und auf der Stelle ein Freudenfeuer angezündet worden, wovon der Platz noch schwarz und räucherig war.

Im Anfange des kühlen September-Monaths machte ich Gebrauch von dem mir bestimmten Quartiere im ehemaligen Nonnenkloster Convento santa Agnesa, welches während der Französ. Verfassung zu einer Militär-Caserne umgeschlagen ist. Zu diesem Kloster hatte ich an 400 Stufen zu steigen, und doch lagen manche Gebäude von Genua noch höher. So beschwerlich eine solche Reise Berg an auch seyn mochte, so ward ich doch durch die herrliche Aussicht hinreichend entschädigt. Zu meinen Füßen lag die große Stadt, weiterhin der 2 Stunden im Umkreise habende Hafen, mit einem der schönsten Leuchtthürme von Europa, und dann breitete sich das offene Meer aus, welches selten leer von ankommenden und abgehenden Schiffen ist.

Die Marktplätze unter in der Stadt bothen um diese Jahrszeit die schönsten Feigen, Pfirsiche, Melonen, Birnen u. s. w. dar, und die Laden einer Menge Kaufmannshäuser erglänzten stets von Waaren aller Art; vorzüglich sieht man aber wohl in keiner Stadt von Europa so viele Gold- und Silberwaaren ausgekramt, wie in einigen Straßen von Genua.

Das Institut für Taubstumme, welches ich besuchte, hatte einige Zöglinge aufzuweisen, welche vorzüglich in der Geschichte sehr bewandert waren. Einer dieser Jünglinge las und schrieb Französisch, Ital. Latein. und Griech. Das Wort Cassel, welches ihm, auf Anforderung des Lehrers, von uns willkührlich aufgegeben ward, setzte er vermittelst der Zeichensprache durch die Nahmen Caesar, Augustus, Socrates und Napoleon zusammen. Auf ein vom Lehrer gegebenes Zeichen schrieb nähmlich der Taubstumme das Wort Caesar schnell hin, auf ein zweites Zeichen den Buchstaben C dann allein, auf ein drittes den Nahmen Augustus, auf ein viertes den Buchstaben A zum C, und so fort bis der Nahme Cassel da stand. Alles ging sehr schnell und mehrere ähnliche Proben überzeugten uns von der Geschicklichkeit und den Kenntnissen der jungen Leute, deren 18 in der Anstalt waren. Der Lehrer konnte sich durch Zeichen oft geschwinder mit ihnen verständigen, als durch Worte möglich gewesen wäre.

Das Clima in der Gegend von Genua ist um ein Bedeutendes verschieden von dem auf Sicilien. Der Thermometer stieg nie über 80 und der Sirocco plagte uns hier nicht. Der November ward wirklich kalt, und im December konnte man es ohne Feuer im Camin die dort allgemein sind, nicht aushalten. Oben im Kloster wurde es mir so gar zu kalt, und ich miethete mir wieder eine Privat-Wohnung unter in der Stadt; da das Holz hier pfundweise verkauft wird, und ich mit dem, was ich vom Commissariate geliefert bekam, nicht ausreichte. Im Januar und Febr. hatten wir auch Schnee und Eis in Genua.

Ueberall in Italien herrscht die schlechte Sitte, daß bemittelte Eltern ihre Kinder bald nach der Geburt, bloß der Bequemlichkeit wegen, Anderen zur Pflege und Wartung, bis zum dritten vierten Jahre, übergeben. So hatte auch meine Wirthinn in der Straße Balbi ihre Kinder nach und nach aufs Land gegeben, und erhielt in jenen Tagen das jüngste zurück, welches sie nach ihrer eigenen Versicherung in den 3 Jahren nicht wieder gesehen haben wollte. Die Nachtheile, welche eine solche Erziehungsweise mit sich führt, sind klar; vor allen wird die Familienliebe dadurch unterdrückt, welche Bemerkung ich selbst oft zu machen Gelegenheit hatte.


Quellen.Bearbeiten

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Italienische Miscellen Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1806.
  3. Ernst Moritz Arndts Reisen durch einen Theil Teutschlands, Ungarns, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 und 1799. Leipzig, 1804. bey Heinrich Gräff.
  4. Erinnerungen eines Legionärs, oder Nachrichten von den Zügen der Deutschen Legion des Königs (von England) in England, Irland, Dänemark, der Pyrenäischen Halbinsel, Malta, Sicilien und Italien. In Auszugen aus dem vollständigen Tagebuche eines Gefährten derselben. Hannover 1826. In Commission der Helwing'schen Hof-Buchhandlung.
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