Der Oberst Scharnhorst.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


[1] Dieser Mann, einer der vorzüglichsten im preußischen Militair, ist neben Massenbach in der Organisations-Kommission. Vielleicht interessirt es den Leser, einige Lebensumstände von ihm zu erfahren.

Scharnhorst ward in der anmuthigsten Gegend des Hannöverschen geboren: sein Geburtsort heißt Bortenau, und liegt am Ufer der Leine. Früh ward er schon in die Kadettenschule versetzt, die der unsterbliche Graf von der Lippe-Bückeburg errichtete. Sie war auf dem Wilhelmsstein, einer kleinen, von dem Grafen auf dem Grunde des Wassers angelegte Festung im Steinhuder Meere. Die Zöglinge brachten es unglaublich weit in der Mathematik, der Fortifikation und andern Wissenschaften, denen sie sich in dieser Einsamkeit ganz widmen konnten: und Scharnhorst war in allen Fächern der Erste. Noch jetzt sprechen die Bewohner von Steinhude mit der ungeheucheltsten Bewunderung und Achtung von ihm.

Er trat darauf in die hannöversche Artillerie, die so manchen vortreflichen Anführer gebildet hat (ich will nur den dänischen General Huth nennen): sie hat aber ihm noch weit mehr zu verdanken, als sie ihm gewährte. Er machte die Feldzüge in Flandern unter dem Herzog von York mit, und der Ausfall von Menin verkündet laut seine Ehre.

Als Oberstlieutenant trat er in königlich preußische Dienste, und war hier, so viel er vermochte, bedacht, dem Unwesen der ungeheuern Schwerfälligkeit der Bagage abzuhelfen. Aber leider drang er nicht durch. Das Unglück von Jena sagte er vorher. Aber nicht genug, es vorhergesehn zu haben, er wollte es vermindern: im Kartätschenfeuer verlor er sein Pferd, und bei Oesterode ward er verwundet. Mit dem Blücherschen Corps begab er sich durch das Meklenburgische nach Lübeck: seine Dispositionen vereitelten bei Gadebusch die Angriffe des Feindes. Die Feinde stürmten Lübeck: der Fehler, den der H. von B. O. beging, gab die Stadt in ihre Hände, Scharnhorst ward im Sturm gefangen genommen. Doch bald nachher ward er gegen den Aide de Camp von Bernadotte, den Oberst Gerard ausgewechselt, der bei Gadebusch gefangen gemacht war, und eilte nach Ostpreußen zu seinem Könige. An der Schlacht bei Eylau nahm er thätigen Antheil, und jetzt hoft die neuentstehende Armee auf seine Einrichtungen.


Gebhard David von Scharnhorst.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Scharnhorst (Gebhard David von),[2] geboren im J. 1756 zu Hämelsee im Hannöverischen von bürgerlichen Aeltern, die daselbst und nachher zu Bothmar ein Gut gepachtet hatten. Der Vater, durch eine merkwürdige Ungerechtigkeit in einen weitläuftigen Prozeß verwickelt, konnte seinen Sohn nur in die Dorfschule schicken und bestimmte ihn ebenfalls zum Landwirth. Dieser erreichte unter den geringscheinenden Beschäftigungen einer beschränkten Landwirthschaft das 15ten Jahr. Durch einige Schriften über den siebenjährigen und den österreichischen Successionskrieg, die er beim Pastor fand, noch mehr durch die Erzählungen eines invaliden Unteroffiziers war in ihm der Wunsch geweckt worden, Soldat zu werden. Der Gedanke, einst als Unteroffizier Vorposten zu commandiren, begeisterte ihn schwärmerisch. Endlich gewann der Vater seinen gerechten Prozeß, und damit das adelige Gut Bordenau. Unfern hatte zu Steinhude der berühmte Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe-Bückeburg ein Artilleriecorps errichtet und damit die bekannte Kriegsschule verbunden. Niemand wurde ohne des Grafen eigne Prüfung aufgenommen, der der Jünglings zwar von Kenntnissen entblößten, aber gesunden und kräftigen Geist zu wohl erkannte, um ihm den Eintritt zu verweigern. Neuere Sprachen, Geschichte und Geographie, auch höhere Mathematik, Physik und die eigentlichen Kriegswissenschaften waren die Gegenstände des Unterrichts. Scharnhorst bildete sich schnell. Dabei wurden Göthe's Werke, der Wandsbecker Bothe und Youngs Nachtgedanken seine Lieblingsbücher und schärften seinen Sinn für das Rechte, Große und Schöne. Nach fünf Jahren war er Conducteur, als Graf Wilhelm 1777 starb. Der hannöverische General Estorf verschaffte ihm Dienste als Fähndrich bei seinem eignen Regiment. Er mußte zugleich die Unteroffiziere und selbst die ältern Offiziere des Regiments unterrichten. Damals wurde er auch dem Publicum bekannt durch die Erfindung, Fernröhre mit Mikrometern für den Kriegsgebrauch einzurichten, und durch sehr brauchbare statistische Tabellen. Im J. 1780 wurde er Lieutenant der Artillerie zu Hannover, zweite und bald nachher erster Lehrer an der damals errichteten Kriegsschule. Nach zwölf Jahren ward er Stabshauptmann und 1793 erhielt er eine Compagnie reitender Artillerie. Sein schriftstellerischer Ruhm war schon durch sein Handbuch der Kriegswissenschaften, dann durch das Taschenbuch für Offiziere und das militärische Journal gegründet. Im Revolutionskriege gründete er seinen Ruhm als Krieger. Als der hannöverische General Hammerstein 1794 für die schöne Vertheidigung von Menin und dann das kühne Durchschlagen durch einen zehnfach stärkern Feind den Dank seines Fürsten und hohen Ruhm erwarb, erkannte dieser das ganze Verdienst in Plan und Ausführung Scharnhorst zu, der von dem König von Großbritannien einen Ehrensäbel empfieng, zum Major im Generalstabe und bald darauf zum Obristlieutenant ernannt wurde. Auf Empfehlung des Herzogs von Braunschweig stellte ihn der König von Preußen als Obristlieutenant bei dem damaligen dritten Artillerieregiment an. Nachher in den Generalstab als dritter Quartiermeisterlieutenant versetzt, hielt er zu Berlin Vorlesungen für die Offiziere. Im J. 1804 wurde er Obrist, 1807 General-Major und 1813 General-Lieutenant. Bei Auerstädt zwei Mal verwundet, folgte er doch dem Zuge Blüchers nach Lübeck als Chef vom Generalstabe desselben. Ausgewechselt eilte er nach Preußen, wo er Antheil an der eylauer Schlacht nahm. Der König, dessen Achtung und Vertrauen er verdienter Weise besaß, ernannte ihn nach dem Frieden von Tilsit zum Präsidenten der Commission zur neuen Einrichtung der Armee. Nachher verwaltete er auf kurze Zeit das gesammte Kriegsdepartement, ward Chef des Ingenieurskorps und empfing die preußischen und russischen Orden. Mit besonnenem Eifer griff Scharnhorst auf das thätigste ein, als für Preußen die Stunde erschien, das Franzosenjoch abzuwerfen. Er leitete die Bewaffnung, die nach seinem Plane geschah. Als Chef des Generalstabs erschien er im Frühjahr 1813 mit dem Heere Blüchers in Sachsen, ward in der lützner Schlacht durch eine Kartätschenkugel am Fuße verwundet, und starb an den Folgen dieser Wunde, da er sich nicht die erfoderliche Ruhe gönnte, sondern in Aufträgen seines Königs nach Prag und Wien eilte, einige Wochen nachher. Das dankbare Vaterland, für das er lebte und starb, wird sein Andenken stets in Ehren halten.


Gerhard David von Scharnhorst.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


[3] Scharnhorsts Name wurde mit Ruhme selbst im brittischen Parlament genannt, wo man von jeher freygebiger mit Gold als mit Lob war; und sein Tod wurde in Teutschland zu einer Zeit betrauert, wo man freygebiger mit Blut als mit Thränen war. Einen solchen Ausgang versprach der Anfang seines Lebens nicht.

So lange sein Vater, ein Landmann in Niedersachsen, um das Gut Bordenau gerichtlich stritt, und als Pächter zu Hämelsen wo Scharnhorst 1756 geboren wurde, und dann zu Bothmar kümmerlich lebte, wuchs der Sohn bey schwerer Feldarbeit, und ohne andern Unterricht als in der Dorfschule, heran. Indeß verrieth sich schon hier, was in ihm lag, durch die Begierde, womit er einige Schriften, die sich bey dem Prediger, über den Erbfolge- und siebenjährigen Krieg fanden, verschlang, und womit er an Erzählungen von Feldzügen hieng. Schon damals befestigte sich bey ihm der Vorsatz Kriegsdienste zu nehmen. Er ward ausgeführt, als sein Vater endlich zum Besitz des Guts Bordenau gelangte, in dessen Nachbarschaft der bekannte portugiesische General Graf Wilhelm von Lippe-Bückeberg eine Artillerieschule zu Steinhude errichtet hatte. In diese trat der 15 jährige Jüngling, und seine schnellen Fortschritte in der Kriegswissenschaft und den neuern Sprachen, machten ihn zum Liebling des Grafen.

Nun war er gerade in der für jeden jungen Mann entscheidenden Bildungszeit, in der glücklichen Lage sowohl das Handwerksmäßige als das Wissenschaftliche seines Standes kennen zu lernen, und die höhern Gesichtspunkte davon aufzufassen. Das Uebergewicht, welches er dadurch enthielt, zeigte sich bald. Als er nach dem Tode des Grafen 1777, als Fähndrich in das Estorfsche Dragoner-Regiment kam, welches zu Nordheim lag, ward ihm der Unterricht der Unteroffiziere anvertraut, und selbst die ältern Offiziere ließen sich gefallen, von dem anspruchlosen Jüngling zu lernen, der nicht ihnen, sondern nur in seiner Wissenschaft vorgehen wollte, und bey dem es mehr wie in eines Gelehrten, als in eines Offiziers Stube aussah. Neben Rißen und Landkarten, lagen Dichter und Mathematiker aufgeschlagen, und neben Fernröhren mit Mikrometern, für den Kriegsgebrauch, ward an statistischen Tabellen gearbeitet.

Seine Anstellung bey der Kriegsschule zu Hannover, verschaffte ihm im Jahr 1780, die Benutzung aller wissenschaftlichen Hülfsmittel. -- Nun erschien sein Handbuch der Kriegswissenschaft, sein Taschenbuch für Offiziere, und sein militärisches Journal.

Der französische Krieg führte ihn als Hauptmann einer reitenden Artilleriecompagnie ins Feld, und der Tag von Menin 1794. erwarb ihm vom König von England einen Ehrensäbel *), und die Majorstelle im Generalstabe, auf den Bericht des Generals von Hammerstein, daß Scharnhorst den Plan zu dem Angriff entworfen habe. Der verewigte Herzog von Braunschweig, dem kein Verdienst entgieng, gab ihm seitdem mehrere Beweise seiner Achtung, und erwarb ihn 1801 für Preußen, wo er Obristlieutenant bey dem 3ten Artillerie-Regiment, dann 3ter Quartiermeister-Lieutenant bey dem Generalstaabe wurde, und wie früher zu Nordheim, nun zu Berlin, für Offiziere Vorlesungen hielt, wodurch er schnell bekannt ward und andere kennen lernte.

*) Das Corps vertheidigte nicht nur Menin vortrefflich, sondern schlug sich auch durch einen zehnfach stärkern Feind durch.

Als Obrister zog er mit dem Heer nach Auerstädt, und von dort zweymal verwundet, als Chef des Generalstabes, mit dem General Blücher nach Lübeck. Nach dessen Einnahme und seiner Auswechslung eilte er nach Preußen, wo er die kalte Besonnenheit, welche immer zunahm, je höher die Gefahr stieg, besonders bey Eylau zeigte. In dem entscheidenden Augenblicke war seine ganze Seele gleichsam nur ein Gedanke, ohne Leidenschaft, ohne Gefühlseindruck. Einen ähnlichen Zustand des Prinzen Ferdinand im siebenjährigen Krieg, nannte seine Umgebung das Bataillengesicht.

Scharnhorst ward um diese Zeit Generalmajor, und verwandte die Muße des folgenden Friedens um auf den Krieg zu denken, da er an der Spitze der Kommission stand, welche den Plan zu der neuen Einrichtung der Armee entwarf, und da er Alles im Stillen vorbereitete, um die sämmtlichen Vertheidigungsmittel handhaben zu können, wenn es einst gelten sollte. Er ist in Preußen der Schöpfer der Landwehrordnung, welche in dem europäischen Kriegswesen schon jetzt eine Aenderung hervorgebracht hat, und sie noch mehr hervorbringen muß. Jeder gehorchte ihm gern, weil er nicht befahl, sondern allen im Gehorsam vorgieng, und weil er allen zu dienen schien, da er nicht dem Eigennutz und der Habsucht, sondern der teutschen Sache diente. Wie nach der Dichtung plötzlich aus der Erde gewaffnete Männer sich erhoben, so stand Heer, Landwehr und Landsturm auf dem Schlachtfelde, als man noch im Auslande an der Ausführbarkeit der Verordnung zweifelte; und ihre Wirkung verwandelte bald den Spott des Moniteurs über diese Verordnungen in Bitterkeit gegen Scharnhorst.

Aber leider! sollte Scharnhorst das Ende des großen Kampfes nicht sehen. Ist er den Feldherrn des Alterthums dadurch gleich, daß er beym Pfluge erzogen war, so ist er es auch durch die Weihe, womit er für Deutschlands Sache fiel. In der Schlacht bey Groß-Görschen ward er verwundet, dennoch unternahm er, weil ihm seine Vaterlandsliebe keine Ruhe ließ, die Reise nach Wien, und erschöpfte sich dort, und noch mehr zu Prag, durch die Arbeit an dem Plan zu dem neuen Feldzuge. Der Zustand der Wunde verschlimmerte sich; er achtete es nicht, denn eben jetzt war der entscheidende, langersehnte Augenblick gekommen. Aber gerade, als die schönste Hoffnung seines Lebens in Erfüllung gieng, erlag er der Anstrengung.

Er starb am 28. Juny 1813. im 57sten Jahre seines Alters. Sein Nachfolger in der preußischen Kriegsverwaltung war der General von Gneisenau, und das herrlich begonnene Werk ward nun mit dem glänzendsten Erfolge ausgeführt.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Löscheimer. Herausgegeben von H. v. L---n. Ein Journal in zwanglosen Heften. Erstes Heft. 1807.
  2. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  3. Züge teutschen Muthes und Hochsinns nebst einigen Gedichten verschiedenen Inhalts. Gesammelt und zur Ausführung eines wohlthätigen Zweckes herausgegeben von C. V. Sommerlatt. Zweiter Theil. Basel, 1821. gedruckt in der Schweighauserschen Buchdruckerey.
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