Das Gouvernement St. Petersburg.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Diese Landschaft,[1] welche nicht Statthalterschaft (Namestnitschestwa), sondern Gouvernement (Gubernia) heißt, liegt im kalten Landstriche zwischen dem 58sten und 61sten Gr. N. Br. im Hintergrunde des finnischen Meerbusens an der Newa und dem Ladoga-See und hat einen Flächenraum von 848 geogr. Qaudr. Meilen, auf welchem ungefähr 600,000 Menschen leben. Das Klima ist kalt und feucht, der Boden theils sandig theils thonig oder morastig; die Waldungen, Moräste und Seen nehmen beinahe zwei Drittel der Oberfläche dieser Landschaft ein. Hier ist auch das Duderhofsche Gebirg, ein nicht beträchtlicher Landrücken, zu bemerken, seine höchsten Stellen sind nur 40 bis 50 Faden über der Meeresfläche. -- Getraide wird nicht hinreichend gewonnen. Der Manufakturen sind zahlreich und der Handel sehr wichtig. -- Die Einwohner sind theils Russen, theils Finnen, besonders ingrische Finnen Ingrier oder Ischoren *), von welchen noch eine große Zahl sich zur lutherischen Religion bekennt; die übrigen sind zur griechischen Kirche übergegangen; theils auch Teutsche, als Kolonisten in verschiedenen Dörfern, theils Letten, Esthen und sogenannte Tschuden; und in der Hauptstadt vorzüglich Europäer und Asiaten von beinahe allen Nationen, als Fremdlinge, oder als ansässige Gelehrte, Handelsleute, Manufakturisten, Künstler und Handwerksleute.

*) Eine Abbildung der Ingrier giebt die zweite Tafel der russischen Nationaltrachten.

Dieses Gouvernement begreift die ehemalige Provinz Ingermannland (nebst Karelien), die schon in früheren Zeiten zu Rußland gehörten, im Jahre 1617 aber an Schweden abgetreten werden mußte, doch im Jahre 1700 wieder erobert wurde, und seither bei Rußland blieb. Es war vormals in zehen, jetzt ist es in folgende acht Kreise abgetheilt: St. Petersburg, Schlüsselburg, Jamburg, Sophia, Gdow, Luga, Narwa und Oranienbaum, deren bemerkenswertheste Ortschaften wir zu schildern haben.

Hierher gehört nun die

1) Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt Sanct-Petersburg. *)

St. Petersburg -- die zweite Hauptstadt des russischen Reichs und gewöhnliche Residenz des Kaisers und des Hofes, auch der Sitz der Regierung und höchsten Reichskollegien, der Mittelpunkt des Handels und der Hauptsitz der Künste und Wissenschaften -- jetzt eine der schönsten, reichsten, lebhaftesten, größten, merkwürdigsten und prächtigsten Hauptstädte in Europa -- liegt unter 47 59' 30" der Länge und 59 56' N. Breite an dem Einflusse der Newa in den finnischen Meerbusen, der hier der kronstädtische heißt, und an mehreren Kanälen, und zum Theil auch auf Inseln, die von der Newa und ihren Armen gebildet werden.
*) Besondere und sehr schätzbare Beschreibungen dieser äußerst merkwürdigen Stadt haben Georgi und Storch geliefert; ihre Geschichte und neuesten Zustand hat v. Reimers geschildert.


4) Kreisstädte und übrige bemerkenswerthe Ortschaften des Gouvernements St. Petersburg.

(1) Schlüsselburg, Hauptort des davon benannten Kreises, kleine Stadt von etwa 2000 hölzernen Häusern und 3600 Einwohnern mit Einschluß des Besatzung, liegt an dem Austritte der Newa aus dem Ladoga-See, und ihre vorzüglichste Merkwürdigkeit ist die große Zitzmanufaktur auf der Katharinen-Insel, welche ungefähr 350 Arbeiter beschäftigt. -- Gerade im Ausflusse der Newa aus dem Ladoga-See, einen Kanonenschuß weit vom linken Newa-Ufer, liegt die alte, kleine Festung Schlüsselburg (Nöteborg genannt, als sie in den Händen der Schweden war, welchen sie im Jahre 1702 wieder abgenommen wurde) auf einer ovalen Insel, sie diente vormals auch als Staatsgefängniß.
Anm. Eine besonders wichtige Merkwürdigkeit des Schlüsselburgischen Kreises ist der Ladogaische Kanal, welcher die Newa durch den Wolchow mit der Wolga verbindet, von denen fruchtbaren Ufern St. Petersburg hauptsächlich mit Konsumtibilien versehen wird. Die Schiffahrt ist daher auf diesem Kanale auch sehr stark. Unter den teutschen Kolonieen in diesem Kreise ist Saratowka am rechten Newa-Ufer die vorzüglichste.
(2) Nowaja-Ladoga, vormals Hauptort eines Kreises (seit 1797 nicht mehr), Dorf, seit dem Jahre 1783 Stadt, am linken Ufer des Wolchow, nahe an dessen Einfluß in den Ladoga, treibt dieser Lage wegen starke Schiffahrt.
(3) Sophia, die im Jahre 1785 regelmäßig erbaute Kreisstadt, liegt an einem Kanale der Sarskoe-Seen, 3½ Meilen von St. Petersburg, hat einige gute Häuser und eine Leinwandfabrik. Die hiesige Sophienkirche ist eine sehr geschmackvolle Nachahmung der gleichnamigen zu Konstantinopel. sie ist die Ordenskirche des Wladimir-Ordens.
Kolpina, ein Dorf an der Ischora, 1½ Meilen von Sophia, ist merkwürdig wegen seiner, der Admiralität gehörigen Gewerke, welche sind: 6 holländische Schneidemühlen, 6 Cementmühlen, 1 Anker- und Großschmiede, 1 gemeine Schmiede mit vielen Essen, 1 Gießhaus für Eisen und Metall, 1 Werkstätte für Metallarbeiten, 1 Kupferhammer und mehrere andere kleinere Einrichtungen, zusammen mit etwa 300 Arbeitern.
In diesem Kreise liegen die kaiserliche Lustschlösser Sarskoe-Selo, Paulowsk, Gatschina, Tschesme und Katharinenhof; ferner Alexandrowsk und die schönen Lustgärten, Landsitze und Schlösser Siworitz, Felitzi, Penthos, Ferme, Katharinenhof und Taiz, die dem aufmerksamen Beobachter manche sehenswerthe Merkwürdigkeiten anbieten.
(4) Roschestwensk, seit 1783 Kreisstadt, vorher nur ein Dorf, am Oredischa der Luge, 12 Meilen von St. Petersburg. Die Einwohner treiben ländliche Gewerbe. (Ist seit 1797 keine Kreisstadt mehr.)
(5) Oranienbaum, seit 1783 Kreisstadt, vorher nur ein Dorf, am finnischen Meerbusen, bei dem gleichnamigen Schlosse (wovon oben), 6 Meilen von St. Petersburg. Die Einwohner treiben Landwirthschaft und Schiffahrt.
In diesem Kreise sind noch zu bemerken: Koporje, ein altes Städtchen am Bache Ekoparka, ist berühmt wegen des trefflichen Weißkohls, der hier gebaut und nach St. Petersburg geführt wird. -- Krasnoje-Selo, Dorf mit einem hölzernen kaiserlichen Winterpallaste, einer Fayence- und Zitzfabrik und einem Kupferhammer. -- Duderhof, Dorf mit einer großen Papiermühle. -- Die bereits beschriebenen Schlösser: Peterhof und Strelna.
(6) Jamburg, seit 1783 Kreisstadt, kleine Stadt an der Luge und an der Straße nach Riga, 18 Meilen von St. Petersburg, hat Wollenzeuch- und Seidenfabriken. Die kaiserliche Tuch-Manufaktur von 38 Stühlen ist eingegangen.
(7) Narwa, Kreisstadt an der Narowa und an der Heerstraße nach Riga, 21 Meilen von St. Petersburg], ist nächst St. Petersburg die vorzüglichste unter den Kreisstädten des Gouvernements, ist schon alt, aber gut gebaut, hat 450 Häuser, worunter aber nur 100 steinerne, 3 griechische und 2 lutherische Kirchen, eine Börse und 3600 Einwohner, unter welchen viele Teutsche und Schweden. Sie hat am rechten Ufer die Festung Iwangorod, einen Haven und treibt Seehandel mit russischen Producten, welcher jährlich ungefähr 720,000 Rubel beträgt. Sie hat auch einige Fabriken. Bei dieser Stadt erfocht Karl XII. von Schweden im J. 1700 einen ansehnlichen Sieg über die Russen.
(8) Luga, seit 1783 Kreisstadt, vormals nur ein Dorf am linken Ufer der Luga, 20 Meilen von St. Petersburg. Die Einwohner treiben Landwirthschaft.
(9) Gdow, seit 1783 Kreisstadt, kleine, alte Stadt am Peipussee und am Einflusse des Gdowka, etwa 32 Meilen von St. Petersburg. Die Einwohner treiben Stadt- und Landgewerbe, Schiffahrt und Fischerei.
(10) Kronstadt gehört zu keinem Kreise, (jedoch zu dem Gouvernement von St. Petersburg), eine ansehnliche, im Jahr 1710 von Peter dem Großen auf dem östlichen Theile des Insel Retusari oder Kotloi Ostrow (d. h. Kessel-Insel), im östlichen Ende des finnischen Meerbusens erbaute Stadt, die im Sommer zuweilen bis 30,000 Einwohner (die Seeleute mitgerechnet0 hat. es ist der erste Kriegshaven des russischen Reichs und die Station der Ostsee-Flotte. Die Stadt ist groß, hat auch mehrere hübsche Häuser, Kirchen und ansehnliche öffentliche Gebäude, eine teutsches und ein englisches Bethaus; ist aber im Ganzen wegen der vielen kleinen Häuser und leeren Plätze unansehnlich. Desto merkwürdiger sind aber die große Schiffsdocken und Schiffswerften, wo 10 und mehrere Schiffe zugleich ausgebessert werden können; das Wasser wird durch eine Dampfmaschine ausgepumpt; die drei abgesonderten Häven, deren zwei für Kriegs- und einer für Kauffahrteischiffe; alle nach St. Petersburg gehenden Schiffe werden hier untersucht, und die größeren laden hier aus und ein; der Peters-Kanal, mit Werkstücken gefüttert, 1050 Faden lang, oben 100, unter 60 Faden breit, 24 Faden tief und geht 358 Faden ins Meer; das große See-Lazareth u. s. w. Die Stadt ist befestigt, und bei derselben liegt, außer anderen, die Schanze Kronslot (Kronschloß) auf einer kleinen Insel. Im Jahre 1803 sind von hier 1132 Schiffe ausgelaufen, wovon 400 nach St. Petersburg. *)
*) Das Weitere ersieht man aus dem Plane Kronstadt, N. 11.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Neueste Länder- und Völkerkunde. Ein geographisches Lesebuch für alle Stände. Dritter Band. Europäisches und Asiatisches Rußland. 1808.
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