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Von Reisende.Bearbeiten

F. J. L. Meyer.

[1801]

Paris.

Die Kasernen und Baracken, die auf der rechten Seite die Ansicht des Pallastes des Konsuls Cambacerés decken, werden weggeräumt, und auf der andern Seite, die von der Regierung angekauften vorspringenden Häuser der Strasse Nicaise abgebrochen. -- Mir bebt die Hand, indem ich den Namen dieser Gasse niederschreibe! Diese Ecke am Karouzelplaz, war am 3ten Nivose der Mordplaz, um Bonaparte zu zerschmettern. Grässlicher, und zugleich ungeschickter, verkehrter, ist nie ein Plan ersonnen und ausgeführt worden, als dieser Plan der Hölle. Lasst uns einen Augenblik den Gegenstand des Anschlages vergessen; vergessen, das er auf den Mann gemünzt war, der, ein Werkzeug höherer Macht, der Welt den Frieden giebt, und gerade damals diesem grossen beglückenden Geschäft seinen Schlaf opferte, seine Tage widmete; auf den Mann, von welchem Frankreich alles Heil erwartet, und der sich redlich damit beschäftigt, es dem Lande zu geben; auf den Mann, dessen Tod, wenn der Plan dieser Teufel gelungen wäre, neue blutige Revolutionen, neue Zerstörungen zur unmittelbaren Folge gehabt haben würde. -- Er lebt, er wirkt; die Vorsehung hat ihn gerettet, gleichviel, durch welche geringscheinenden Mittel. -- Aber einen Blik auf den Anschlag selbst! Um Einen Menschen meuchelmörderisch zu tödten, schmieden feige Bösewichter einen Plan, dessen Gelingen, wie der Erfolg gezeigt hat, vom Zufall allein, von dem Zusammentreffen von zwei unsichern Momenten abhieng, und dessen Gelingen, oder Nichtgelingen -- zugleich den Tod vieler Menschen, das Elend ganzer Familien, den Ruin des Theils eines Stadtviertels mit sich führte. Bei seiner Popularität, die zeit diesem Mordtage verschwunden ist, zeigte sich Bonaparte vorher oft an öffentlichen Orten, auch ohne das Gehege von Bajonnetten, welches ihn jezt umschliesst. Aber es fehlte diesen feigen Mördern an Muth ihn persönlich anzugreiffen: aus einem Hinterhalt wollten sie ihn, und mit ihm hunderte morden! Schon die Wahl eines solchen Mittels hätte den Tod der Theilhaber verdient. -- Nur zwei der nächsten Agenten, Carbon und SaintRegent würden hingerichtet. Ein grosser Theil der Meuchelmörder war auf dem Mordplaz zusammengeströmt. Ein ruhiger Beobachter, der wenig Minuten nach der Explosion, nicht sowohl aus Neugier die Zerstörung zu sehen, als um den Menschenhaufen zu beobachten, hingieng, sagte mit, redend genug sey auf vielen dieser Gesichter in den zusammenrottirten Gruppen die Theilnahme an dem Plan und die verbissne Wuth, über sein Mislingen bezeichnet gewesen: die Polizei würde die bei der Verschwörung unmittelbar Geschäftigen hier alle haben fangen können. Bei dem ersten schreklichen Tumult, dem Schreken, dem Jammergeschrei der auf der Gasse und in den beiden Reihen Häuser, welche durch die Explosion bis zum Einsturz erschüttert waren, Verwundeten und Sterbenden, lässt es sich allenfalls erklären, warum in diesen ersten Momenten die Polizei unthätig blieb, und ich will die Mässigung und Milde, womit die Justiz nachher verfuhr, nicht tadeln -- aber -- Cerachi und Topino-Lebrun! die beiden treflichen Künstler, mussten doch unter der Guillotine sterben, weil die beschuldigt wurden, kurz vorher in der Oper ein Verbrechen zu begehen beabsichtigt zu haben, von dessen klar erwiesener Wirklichkeit ich wenigstens mich nie habe überzeugen können!

Das Werkzeug der Rettung Bonaparte's war -- sein Kutscher. Sie ist zu merkwürdig, diese Rettung, um des Vorfalls nicht noch einmal aus authentischen Erzählungen zu erwähnen.

Der erste Konsul fuhr mit einigen Begleiter neben sich, in die Oper nach der Strasse la loi, wo Haydn's Oratorium, die Schöpfung -- die boshaften Parodisten nennen es hier la récréation du monde -- aufgeführt ward. Der nächste Weg dahin geht über den Karouzelplaz links in das vorspringende Ende der Strasse Nicaise herein. Hier war ihm der Tod bereitet. Bonaparte's Wagen fährt gewöhnlich sehr schnell. Die etwa fünfzig Schritte voranreitenden Garden finden, als sie in die Strasse einbiegen, vor der offnen porte cochere, eines der ersten Häuser, einen der gewöhnlichen leichten zweirädrigen Karren, mit einem Fass beladen, queer über die Gasse geschoben. Befehl, ihn in die porte cochere zu schieben. Es geschieht. Die Garden reiten weiter. Schnell wird der Karren wieder an seinen vorigen Plaz queer übergeschoben. Nun lenkt Bonaparte's Wagen in die Gasse herein. Der Kutscher war nicht ganz nüchtern nach der Mahlzeit. Er sieht die Gasse durch den Karren halb gesperrt, aber hinter den Tragstangen des Fasses noch etwas Raum, um vielleicht zwischen jenem Karren und der Häuserwand durchzuschlüpfen. Ein nüchterner Kutscher würde sich besonnen, und einen Augenblik gehalten haben, um den Karren wegschieben zu lassen: denn der Zwischenraum war eng; leicht konnte der Wagen an dem Karren hängen bleiben, oder auf der andern Seite über einen GassenAbweiser umwerfen, oder wenigstens im Anfahren aufgehalten werden. Das bedenkt zum grösten Glük der brave Schwindelkopf nicht. Glükliche Unbesonnenheit! Bonaparte ward dadurch gerettet. Gerade dieser Moment des Aufenthalts war von den Meuchelmördern berechnet; dann wäre der Plan gelungen, der schon gezündete Lunten hätte das Pulverfass erreicht, zersprengt, und der Wagen, mit den Personen darin wäre zerschmettert. Nun aber schlüpfte der Kutscher durch die Wendung der Räder gegen die Häuserseite schnell, mit dem Gardentrupp hinterher, hindurch. Kaum biegt der Wagen nach der Gasse Honorée, donnert die Explosion, und nur die hintersten Gardenpferde, die noch in der Nicaise Gasse sind, werden verwundet. Die Gasse ist mit Erschlagenen und blutenden bedekt, in den umliegenden Buden und Häusern winseln hunderte von Verwundeten. Es giebt Leute, welche als Thatsache behaupten, man habe noch keinen gefunden, welcher in der Affaire de la rue Nicaise -- wie man diese meuchelmörderische Kartätschen Mezelei nennt -- von der Maschine verwundet worden sei; und will daraus schliessen, dass der ganze Vorrath von Kugeln, gehaktem Eisen, Glas u. s. w. in dem Fass vergiftet gewesen, und folglich keiner von den vielen dadurch Verwundeten gerettet sei. -- Genug, genug von dieser grässlichen Geschichte!


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Briefe aus der Hauptstadt und dem Innern Frankreichs, von F. J. L. Meyer Dr. Domherrn in Hamburg. . . Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1802.
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