Hamburg.


SLUB Dresden.


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Hamburg. Diese reiche und große Stadt liegt an der Gränze der Holsteinischen Provinz Stormarn an der Nordseite der Elbe, 8 Meilen von der Mündung diese Flusses, der hier so tief und breit ist, daß Schiffe, welche 15 Fuß Wassertiefe brauchen, mit voller Ladung bis zur Stadt kommen können; im Hafen selbst hat das Wasser 20 Fuß Tiefe. Die Stadt hat 2 Stunden im Umfang, und war bisher außer dem Walle durch tiefe Gräben und viele Bastionen befestigt; aber im J. 1804 ward beschlossen, alle diese Befestigungen zu demoliren. Der kleine Fluß Alster, welche die Stadt durchschneidet und in derselben sich in die Elbe ergießt, bildet östlich vor der Stadt einen See und in demselben ein Bassin, aus welchem Kanäle zwischen den Hinterreihen der Häuser zur bequemen Entladung der Kaufmannsgüter in die Speicher gezogen sind. Auch fließt ein Arm der Elbe in die Stadt und bildet auf der Ostseite den obern Hafen für die Flußschiffe; auf der Westseite, wo er sich wieder mit dem Hauptstrome vereinigt, ist der größere Niederhafen für die Seeschiffe, wozu noch der in neuern Zeiten angelegte Rummelhafen kommt. Die Zahl der Häuser beläuft sich auf 8000, und die Volksmenge, die sonst noch beträchtlicher war, übersteigt noch jetzt 100,000 Seelen. Hamburg ist zwar eine alte und unregelmäßig gebaute Stadt mit meist engen Straßen und Plätzen; aber es hat schöne öffentliche Gebäude. Dahin gehören die Michaeliskirche und der alte Dom, ferner das Rathhaus, die Börse, die Bank und das Zeughaus. Von öffentlichen Anstalten führen wir an: die große Stadtbibliothek, die Commerzbibliothek, das Gymnasium, das zweckmäßig eingerichtete Johanneum, das Waisenhaus und die berühmte Armenanstalt. Die Verfassung Hamburgs war eine glücklich combinirte repräsentative Demokratie, welche nur dadurch einen Anstrich von Aristrokratie erhielt, daß der aus 24 Rathsherren und 4 Bürgermeistern bestehende Rath durch Wahl und Loos aus der übrigen Bürgerschaft sich immer selbst ergänzte. Drei von den Bürgermeistern und eilf von den Senatoren waren graduirte Juristen (meist Licentiaten), die übrige Kaufleute. Hiezu gehörten noch als berathende Personen vier Syndici mit eben so vielen Sekretären. Auswärtige Staatsgeschäfte besorgte ausschließlich der Rath, an den innern nahm die erbgesessene Bürgerschaft Antheil. Diese ward in 5 Kirchspiele getheilt, von denen jedes 36 Mitglieder zu seinem großen Ausschuß oder dem Collegium der Hundert und achtzig abgab. Der Ausschuß der Sechziger ward aus diesem Collegium gezogen, welcher außer den allgemeinen Geschäften die Kirchen- und Schulangelegenheiten besorgte, auch die Stellen vergab. Ein Auszug aus den Sechzigern war das Collegium der Oberalten (drei aus jedem Kirchspiel), bei welchem die Klagen gegen den Rath angebracht wurden. Nur der Rath und sie erhielten Besoldung, alle übrigen Stellen wurden als Ehrenämter unentgeltlich verwaltet. Jedes Gesetz, jede Verfügung gelangte vom Rath an dieses Collegium, und bei wichtigen Gegenständen an die ganze Bürgerschaft, deren Einfluß jedoch nur gering war. War der Vorschlag allgemein genehmigt, dann erst erwuchs er zum Raths- und Bürgerschluß. Die Justiz besorgten: das Obergericht oder der Rath, das Admiralitäts-Nieder-Amtsgericht, und 35 Deputationen. Die öffentlichen Einkünfte waren zwar unter der Aufsicht des Raths, wurden aber von der Kämmerei verwaltet, welche dem Rathe Rechnung ablegte. Sie waren sehr beträchtlich; man schätzte sie auf 4 Millionen Thaler Banko. Seine Größe und seinen Wohlstand verdankt Hamburg dem Handel; nach dem Falle von Amsterdam war es die zweite Handelsstadt in Europa. Im J. 1802 liefen 2108 Schiffe nach Hamburg ein, von denen 200 der Stadt eigenthümlich gehörten. Alle auf den Handel Bezug habende Anstalten, wie die Assecuranzcompagnien, die Börse, die Bank u. s. w. waren in dem glänzendsten Zustand. Auch die Fabriken waren, und sind zum Theil noch von großer Wichtigkeit; dahin gehören besonders die Zuckersiedereien, die Wachsbleichen, die Tabaksfabricken, die Gerbereien, Webereien u. s. w. Was von Hamburg als ehemaliger Hansestadt hier anzuführen wäre, ist in dem Art. Hansa angedeutet worden.

Plan der Gegend von Hamburg zur Uebersicht der Begebenheiten in den Jahren 1813 u. 1814.

Als freie Reichsstadt, wofür es 1613 von der kaiserlichen Kammer erklärt wurde, erlangte es erst 1770 die ungestörte Ausübung des Sitz- und Stimmrechts auf dem Reichstage, und behauptete seine Selbstständigkeit unter manchen schwierigen Umständen, die einige Male nur durch bedeutende Geldopfer beseitigt werden konnten, selbst nach der Auflösung des Deutschen Reichsverbandes, als freie Hansestadt. Es ward jedoch nach dem Ausbruch des Preußisch-Französischen Krieges 1806 von den Franzosen zur Handhabung des Continentalsystems, das allem Handel plötzlich ein Ende machte, besetzt, bis es im J. 1810 von Napoleon dem Französischen Reichs einverleibt, zum Sitz eines kaiserlichen Gerichtshofs, so wie zur Hauptstadt des Departements der Elbmündungen und zur fünften guten Stadt des Reichs gemacht wurde. Als solche theilte es die Schicksale Frankreichs und des Continents. Als aber im März 1813 bei Annäherung der Russischen Truppen die Französischen Behörden die Stadt verlassen hatten, wurde die ehemalige reichsstädtische Verfassung noch vor dem einrücken derselben, welches am 18. März unter dem General Tettenborn erfolgte, wieder hergestellt. Leider kam durch eine unglückliche Wendung des Kriegs Hamburg zur zu bald wieder in französische Hände, und mußte seinen deutschen Patriotismus theuer bezahlen. Eine Contribution von 48 Millionen Francs ward als Strafe ausgeschrieben, und kaum war der unmenschliche Gouverneur Davoust angekommen, so folgten Verbannung, Einkerkerungen, Einziehung des Vermögens der Entwichenen, Aushebung von Geiseln zur Sicherheit für die unerschwinglichen Zahlungen, die schonungsloseste Zerstörung der Besitzungen unter dem Vorwande der Befestigungsarbeiten; eine schrecklich lange Reihe von Drangsalen, Qualen und Martern aller Art. Die Bank, deren Bestände man zwischen 8 bis 10 Millionen Mark Banko schätzte, wurde geplündert, und mitten im rauhesten Winter, stieß man Männer und Frauen, Greise und Kinder von der Heimath ihre Väter und ihrem wirthlichen Heerd aus, selbst der Kranken und Wahnsinnigen nicht schonend. Kaum 40,000 Einwohner blieben zurück, deren Leben ein Athmen unter Henkers Hand war. Und dieser qualvolle Zustand dauerte nah an ein Jahr, bis die Ereignisse von Paris auch Hamburg befreiten, die Franzosen am 3. Mai 1814 ab, und dann die Russen, unter Beningsen, einzogen. Am 26. Mai trat die alte Regierung der Stadt, der die Monarchen ihre republikanische Selbstständigkeit zuerkannt hatten, die Verwaltungsgeschäfte wieder an, und die vorige treffliche Verfassung wurde, mit wenigen Modificationen, hergestellt. Mit neuem Muthe begannen die Bürger, in der Sonne des Friedens und der Freiheit, die unterbrochenen Handlungsgeschäfte, und sie betrieben sie bisher mit einem so glücklichen Erfolge, daß es scheint, daß sich Hamburg in wenigen Jahren von den so großen erlittenen Drangsalen erholen werde.


Von Reisenden.

Carl Gottlob Küttner.

[2]

Hamburg im July 1797.

Das hiesige Clima ist gar viel schlimmer, als das der mittlern Theil von Deutschland. Außerdem, daß es so viel nördlicher ist, liegt Hamburg zwischen zwey Meeren, und an einem großen Flusse, der eine starke Ebbe und Fluth hat. Ein schwerer Himmel drückt also diese Gegenden, wo Feuchtigkeiten ohne Unterlaß sich sammeln und in Regen herabfallen. Zwar finden selbst Hamburger diesen Sommer ungewöhnlich naß; und nach dem was man in öffentlichen Blättern liest, ist diese Klage durch einen großen Theil von Europa so ziemlich allgemein. Allein es ist alles mit Unterschied! Gestern war seit drey Wochen, die ich hier zugebracht habe, der erste Tag, an dem es nicht geregnet hat. -- Der Koth ist, wie Sie Sich in einer so volkreichen Stadt vorstellen können, entsetzlich. Hierzu kommen noch die engen Gassen, in denen man sich nie in einer gewissen Entfernung von den Wagen halten kann. Man geht also nicht leicht hundert Schritte, ohne bespritzt zu werden, wenn man sich nicht selbst beschmutzt. Stoßen mehrere Wagen zusammen, so wird der Fußgänger in den mehresten Gassen an die Mauer der Häuser getrieben: und selbst da würde er in einigen Gassen keinen sichern Zufluchtsort finden, wenn man nicht sehr weislich durch eine sonderbare und freylich nicht schöne Bauart für ihn gesorgt hätte. Es finden sich nehmlich in den Gassen dieser Art kleine Buden, die an den Häusern anstehen, kleine Mauern, deren Zweck man bey dem ersten Anblicke nicht begreift, steinerne Säulen und andere Vorsprünge mancherley Art. Da diese für die Hausthüren eine Oeffnung, und folglich eine Vertiefung lassen müssen, so tritt man da hinein, oder stellet sich hinter die steinernen Säulen, und wartet, bis das Fuhrwerk vorüber ist. Hin und wieder sind freylich einige Wege für Fußgänger, (trottoirs;) aber in den engen Gassen durfte man sie nicht erhöhen, weil sonst oft zwey Wagen einander nicht würden ausweichen können. Man fährt also dann bis an die Mauern, und so wäre dem Fußgänger immer nicht geholfen, wenn er sich nicht auf obige Art flüchten könnte.

In der Folge habe ich gefunden, daß selbst nach auch Tagen von trockenem Wetter viele Gassen von Hamburg doch nie rein sind. Die, welche in einer Ferne von den Canälen liegen, haben keinen unterirdischen Abfluß; die Unreinigkeiten laufen aus den Häusern in die Gassen, wo in der Mitte eine Vertiefung ist, in der alle Unrath herabfließt, bis er durch irgend eine Oeffnung seinen Weg in den nächsten Canal findet. Die Wagenräder prallen in den Vertiefungen häufig ab, und bespritzen die Fußgänger bisweilen in der Ferne von mehrern Schritten.

Hamburg ist also, in dieser Rücksicht, weder eine schöne, noch eine angenehme Stadt! Da ich sie seitdem ich hier bin, in allen Richtungen durchwandert habe, will ich noch einige Anmerkungen über ihr Aeußeres machen. Ich habe schon weiter oben bemerkt, daß die alten Häuser Hamburgs im Holländischen Style sind. Das Ganze macht eine enge, krumm und krüppelig gebaute Stadt, wovon ein Theil voller Canäle und Brücken, voller Wagen und Menschen ist, wovon die letzten mit den ersten beständig in eine unangenehme Collission kommen. Nimmt man die später gebauten und ganz neuen dazu, so findet sich ein Gemische von Holländischer und Englischer Art, daß man bald in dem einen, bald in dem andern dieser Länder zu seyn glauben würde, wenn nicht noch etwas anderes einen häufig an die freye Reichsstadt erinnerte. Ich will dieses den alten freyreichsstädtischen Styl nennen, in dem ich immer etwas eigenes gefunden habe, das man in monarchischen Ländern wenig siegt. Es würde mir schwer seyn, ihn zu beschreiben; man kann ihn in den mehresten freyen Reichsstädten und in den drey nördlichsten Schweitzerrepubliken, hauptsächlich aber in den ältern Häusern von Basel und Nürnberg in seiner Vollkommenheit sehen. In den neuern Theilen der Stadt Hamburg ist der Englische Styl der herrschende: und da finden sich auch hin und wieder einige Gebäude von recht guter Architektur; doch ist nur selten eins ganz rein, und immer findet sich etwas, das die strenge Critik nicht aushält, das aber freylich sehr oft von Umständen und Lage bestimmt worden ist. -- Endlich giebt es in der Stadt, und mehr noch auf dem Lande eine Menge Häuser, die erst seit wenigen Jahren gebaut worden sind. Diese haben nicht selten große Ansprüche auf Architektur, sind aber mehrentheils so unclassisch und uncorrekt, daß sie das seltsamste Gemische von antiker und moderner Bauart, von den Grillen der Bauherren und den wilden Einfällen der Baumeister, von localem Zwange und der geschmacklosesten Ausgelassenheit sind. Griechische Ordnungen, ohne Griechische Verhältnisse, und Griechische Keuschheit; Säulenordnungen aller Länder und aller Zeiten; Produkte aus allen Theilen der Welt! Mich dünkt, es giebt ein Paar Baumeister hier, die auf eine neue zusammengesetzte Ordnung studieren, und die ich unterdessen die Hamburgische nennen will. Selten finde ich den Unterbalken, den Fries und den Cranz rein bestimmt. Immer fehlt das eine oder das andere, oder das Verhältniß eines dieser Glieder ist so klein zu den übrigen, daß man es nicht für ein besonderes, sondern für den Auswuchs eines der andern zu halten geneigt ist. Manche Säulen endigen sich oben in einer so scharfen Verjüngung, daß sie denen zu Pästum gleichen, haben aber moderne Verhältnisse der Länge und Dicke. Viele haben keinen Plinth, Tafel, und stehen ohne weiteres auf dem Boden auf, welches in einem feuchten, nördlichen Lande wenigstens ein Verstoß gegen Natur und Bedürfniß ist. Strohhütten mit einem kleinen Griechischen Portikus; Palladio, -- oder sogenannte Venezianische Fenster; zirkelförmige Vorsprünge unten, und Einschnitte oben, oder auch umgekehrt; Verzierungen im Geschmacke der Adelphi und Griechische Säulen -- alles unter einander.

So viel zu Ehren der Baukunst! Aber man würde ungerecht seyn, wenn man Hamburg und seine Landhäuser mit einer vorzüglichen Strenge beurtheilen wollte. Deutschland ist nun einmal nicht der Sitz der schönen Architektur, und am allerwenigsten die Theile desselben, deren Verfassung keinen Hof und Fürsten zulassen. Ich habe mich immer gewöhnt, mich des Guten zu freuen, wo und wie ich es finde: und so gestehe ich mit Vergnügen, daß der Wohlstand der Einwohner Hamburgs, die vielen neuen und freundlichen Häuser, womit die Gegend umher angefüllt ist, und der reiche und sorgfältige Anbau das lieblichste Bild machen, das ein Menschenfreund sehen kann. Bisweilen dünkt mich sogar, daß in der eigensinnigen, oder ausgelassenen Bauart vieler Häuser eine Mannigfaltigkeit liegt, die nicht ohne Reitz ist. Ja ich werde an viele derselben auf immer mit Dank und Vergnügen denken, wenn ich mich der angenehmen Stunden erinnere, die ich darin zugebracht habe. -- Ueber die Stadt selbst muß ich noch bemerken, daß der neuere Theil derselben, der nicht an den Canälen liegt, breitere und schönere Straßen, und größtentheils auch besser gebaute Häuser hat. Auch fällt hier der Uebelstand und die Unbequemlichkeit weg, die sich fast in allen an den Canälen stehenden Häusern finden, -- ihre Tiefe gegen ihre geringe Breite. Dieser neuere Theil der Stadt hat auch den Vortheil einer bessern Luft, während daß die alte Stadt, welche zwischen der Elbe und Alster liegt, durchaus von Canälen durchschnitten ist. Zwar stinken diese nicht so sehr, als die Canäle zu Venedig im Sommer, weil die Fluth zu Hamburg ungleich höher steigt, und alle zwölf Stunden die Kanäle mehr oder weniger auswäscht. In der Regel also sollten sie nur bey niedrigem Wasser beschwerlich seyn; das hängt aber zum Theil vom Winde ab. Wehet dieser von oben herab und sehr stark, so kommt der Fluth nicht in alle Canäle herauf; die Ebbe dauert alsdann fort, das Wasser ist in solchen sehr niedrig, und nun kommt, mit seinem Geruche, alle der Unrath zum Vorschein, den man, ob es schon verboten ist, ohne Unterlaß in die Canäle wirft. -- Diese sind übrigens von äußerster Bequemlichkeit für Schiffahrt und Handel: und, wie sehr der alte Hamburger ein Haus an einem Canale zu haben wünschte, siehet man noch aus der Gestalt fast aller Häuser, die daran stehen. Sie haben äußerst wenig Breite, weil diese wegen der Competenz sehr kostbar war; aber die Länge des Bodens hatte mit dem Canale nichts zu thun, war also wohlfeiler: und so breitete man auf diese Art sich aus.

So sehr es auch zu Hamburg an Platz fehlt, so findet man doch innerhalb der Ringmauer eine Menge kleiner Gärten, wovon die besonders angenehm sind, die an einen breiten Canal, oder an die Alster stoßen.

Die sogenannten Höfe sind, bey topographischen Bemerkungen über Hamburg, keinesweges zu übergehen, denn sie enthalten einen ansehnlichen Theil der Bevölkerung dieser Stadt. Leider sind es größtentheils elende, kleine, schmutzige Winkel, wo in engen, armseligen Häusern, eine Menge Menschen vegetieren. Es sind eigentliche Höfe, mehrentheils von unansehnlichen Vordergebäuden, die inwendig so mit Häusern bebaut sind, daß man sie kleine Gassen nennen könnte, wenn sie einen Durchweg hätten. Sie sind also mehrentheils die Haufung der Armuth. Indessen sind sich nicht alle gleich schlecht, und hin und wieder findet man in denselben auch anständige, oder wohlhabende Leute.

Aber auch unter den Gassen giebt es einige, die höchst elend, enge und schmutzig sind, und den niedrigen Stand, oder die Armuth ihrer Bewohner beym ersten Anblick besprechen. Diese Gassen und Gäßchen sind mehrentheils von den bessern Strichen der Stadt entlegen, oder zwischen grössern Gassen eingeschoben, oder in Theilen der Stadt, wo der Wohlhabendere keine Geschäfte hat, (wenigstens keine öffentlichen, denn gewisse Privatgeschäfte werden da allerdings getrieben) so daß ein Fremder sich lange hier aufhalten kann, ohne je eine gewisse Zahl derselben zu sehen. -- Gerade so ist es mit gewisser höchst elenden Strichen und Winkeln von London, die man auch nicht zu sehen bekommt, es sey denn von ungefähr, oder daß man sie vorsetzlich aufsuche.

Wenn man unter den Privatgebäuden nur wenige findet, die sich durch eine schöne Baukunst auszeichnen, so wird dieser Mangel durch die öffentlichen eben so wenig ersetzt. Das Rathhaus ist ein ansehnliches, in manchen Rücksichten merkwürdiges, aber unregelmäßiges Gebäude. Es steht nahe bey der Börse, welche einer so wichtigen und reichen Handelsstadt wirklich unwürdig ist. Sie ist nicht für das Clima berechnet; denn da der untere Säulenplatz auf zwey Seiten offen ist, so muß ursprünglich, da er noch nicht so sehr besucht ward, in einem harten Winter die Kälte unerträglich gewesen seyn. Jetzt, da die Hamburger Börse eine der besuchtesten in Europa ist, fällt diese Beschwerde größtentheils weg; aber sie hört auch eben dadurch auf, für die Bedürfnisse der Stadt zuzureichen. Der Platz ist bey weitem zu klein, und es hält schwer, jemanden unter dem Gedränge zu finden, obschon viele ihre bestimmten Plätze haben, wohin sie sich jedesmal zu stellen suchen. Aber eine große Menge von Menschen findet gar kein Obdach, sondern stehen unter freyem Himmel, wo ich sie jedem Winde und Wetter ausgesetzt gefunden habe. Wer sich von den Geschäften, die jetzt zu Hamburg gemacht werden, einen ungefähren Begriff bilden will, darf nur zwischen halb ein bis drey Uhr auf die Börse gehen. Nach London und Amsterdam habe ich keine gesehen, die täglich so voll wäre, als die hiesige; ja mich dünkt, daß ich die Amsterdammer, einen Tag in den andern gerechnet, keinesweges so besucht gefunden, als die Hamburger mir es zu allen Zeiten zu seyn scheint. Aus jeder Handlung kommt jemand täglich. Hierzu gesellen sich die vielen Juden und Fremden, die, wenn sie Geschäfte halber hier sind, nicht leicht die Börse versäumen. Ja, mancher besucht sie, ohne gerade ein bestimmtes Geschäft da zu haben. Man hört etwas Neues, man trifft Bekannte und schwatzt mit denen, die man am wenigsten beschäftigt findet. Dadurch wird sie denn häufig ein gewöhnlicher Sammelplatz für Menschen, die sich zu irgend einem Zwecke zu treffen wünschen. Zwey Personen wollen sich Morgen sehen: man nennt die Börse, weil man voraussetzt, daß ein jeder etwas dort zu thun habe, oder daß sie ihm auf seinen verschiedenen Gängen in dem Wege liege. -- So wie zu London und Amsterdam werden hier in ein Paar Coffeehäusern, die in der Nähe liegen, auch viele Geschäfte gemacht.

Die Hamburger Kirchen sind mehrentheils große und ansehnliche Gebäude, ohne daß eine einzige darunter wäre, die sich entweder durch eine classische Architektur, oder durch einen vorzüglich schönen Gothischen Styl auszeichnete. Aber ihre Thürme sind merkwürdig, manche von einem sehr künstlichen Baue, und sammt und sonders fallen sie in der Ferne schön und majestätisch in die Augen. Wegen der Fläche der ganzen Gegend umher, sieht man diese Stadt viele Meilen weit, und immer zeigen sich ihre Thürme angenehm, mahlerisch und groß. -- In der Domkirche, welche dem Churfürsten von Braunschweig Lüneburg gehört, finden sich mehrere Merkwürdigkeiten, und auch etwas weniges zum Studium der alten Deutschen Kunst, wobey ich mich aber hier nicht aufhalten will. -- Es ist keinesweges nöthig, ein Geistlicher zu seyn, um an dieser Kirche eine Domherrenstelle zu haben. Man betrachtet sie als eins von jenen Mitteln, sich ein gewisses Einkommen zu verschaffen, ohne viel Arbeit dafür zu thun: und so finden Sie mehrere Arten von Gelehrten daran, die eben so wenig Geistliche sind, als unsere Protestantischen Edelleute, die in den verschiedenen Stiftern Pfründen haben. Nur ist zu Hamburg der Unterschied, daß man keiner Ahnen bedarf. –

Die Michaeliskirche ist, als Gebäude betrachtet, die schönste. Ihr hölzerner, mit Kupfer beschlagener Thurm, ist für die Fremden merkwürdig; weil er nicht nur ziemlich hoch, sondern vor allen andern am leichtesten und bequemsten zu ersteigen ist. Man führt also gewöhnlich alle Fremde hinauf: und in der That sollte keiner versäumen, sich den Genuß dieser Aussicht zu verschaffen. Ich bin überhaupt dafür, daß der Reisende in jeder Stadt, die er genauer kennen zu lernen wünscht, irgend einen hohen Thurm besteige, weil er da allemal die beste Uebersicht des Ortes so wohl, als der ganzen Gegend umher bekommen wird. Die Aussicht, die der Michaelisthurm gewährt, ist unendlich interessant! Hier übersieht er mit einem Blicke das seltsame Gewebe von Häusern und Hütten, die bis zum Aengstlichen zusammen gedrängt sind, und wo mehr als hundert tausend Menschen auf einer Englischen Quadratmeile haufen. Wie wird er erstaunen über alle die Höfe, deren mancher ein halbes Dutzend Hütten enthält, und der er hinter Gebäuden findet, vor denen er oft vorbeyging, ohne sich träumen zu lassen, daß darüber hinaus noch etwas andres sey, als was man so gewöhnlich in einem Hofe sucht. -- Eben so sehr wird er über die Menge der kleinen Gärten erstaunen. die sich in dieser von Menschen überladenen Stadt befinden. Zwar hat er schon mehrere an der Alster und aus einigen Gassen bemerkt; aber auffallen wird es ihm, noch so viele andere zu entdecken, in Strichen der Stadt, wo er keine vermuthen konnte. -- Auch steht dieser Thurm gerade so nahe am Wasser, daß man den Hafen, den jetzt so wichtigen, so gefüllten und belebten Hafen, größtentheils übersehen kann. -- Und nun die Aussicht auf die reiche Gegend, die diese Stadt unmittelbar umgiebt! auf die ungeheure Menge von Landhäusern, auf das in einen Lustgarten und reichen Boden umgeschaffene Sandland, auf die Mannigfaltigkeit der Gebäude und Anlagen, auf die nahe Stadt Altona, deren Grenzen man kaum zu bestimmen weiß, auf die Thätigkeit und Regsamkeit unzähliger Menschen umher! Fast vergißt man, daß dieses reiche und nahe Gemählde von einer Ferne eingeschlossen wird, die an der Elbseite reitzend schön ist. Es ist ein herzerhebender Anblick, wenn man an gewissen Tagen diesen Fluß mit Schiffen bedeckt sieht, wovon sich die entferntesten in dem Horizonte verlieren.

Noch ist der unterirdische Bau der Michaeliskirche zu bemerken, der sehr ansehnlich und in seiner Art prächtig ist. Aber er dient zu einem heillosen Zwecke! Hier stellt man, mitten in einer bevölkerten Stadt, die Todten in ganzen Haufen zusammen, und glaubt, alle Einwendungen des Fremden beantwortet zu haben, wenn man ihm die Vortrefflichkeit des Gewölbes und des Bodens rühmt, und ihn versichert, daß die Luft hier sehr gut sey.

Als ich dieses im Jahre 1797. schrieb, stand dieses Gebäude auf einem großen und freyen Kirchhofe; als ich es aber zwey Jahre nachher wieder sah, fand ich, daß man auf der einen Seite zwischen der Kirche und den Häusern eine Reihe von Gebäuden angefangen hatte, welche man vielleicht, wie ich hörte, ganz herum führen wird. Da nun ehemals auch auf diesem Boden Todte begraben wurden, so kann man von den künftigen Bewohnern dieser neuen Häuser, die dem unterirdischen Begräbnisse in der Kirche ganz nahe stehen, recht eigentlich sagen, daß sie auf und unter Todten wohnen.

Die öffentliche Bibliothek, das Einbekkische Haus, das Waisenhaus, das Zuchthaus sind gute und mehr oder weniger zweckmäßige Gebäude.

Die Bibliothek ist mit Büchern von einem gewissen Alter wohl versehen, hat mehrere Merkwürdigkeiten und eine ansehnliche Sammlung von Handschriften, unter denen besonders einige morgenländische sehr wichtig seyn sollen. Aber zum Ankaufe von neuern und für unsere heutigen Bedürfnisse brauchbare Büchern, fehlt es ihr an hinlänglichen Fonds. Uebrigens wird sie wenig besucht, hat keine Bequemlichkeiten zum Lesen, und ist jetzt wohl nur als ein Hilfsmittel für einige wenige Gelehrte zu betrachten, die etwa dort gelegentlich ein Buch suchen, daß sie sich selbst nicht anschaffen können oder wollen. Der Herr Professor Wesselhöft, der die Aufsicht darüber hat, ist ein überaus guter und gefälliger Mann.

Das sogenannte Eimbecksche Haus, das ich bloß darum anführe, weil man es so oft nennen hört, ist eines der ansehnlichsten Gebäude der Stadt, und hat seinen Nahmen daher, daß man ehmals auf diesem Platze das berühmte Eimbecksche Bier verkaufte. Es scheint, dieser Artikel war zu Hamburg sonst weit wichtiger, als jetzt; und damit das hochgepriesene Bier der Stadt Eimbeck dem hiesigen nicht zu viel Eintrag thun möchte, vielleicht auch, um ein Regale daraus zu machen, konnte man es bloß vom Rathe kaufen. Vermuthlich brauete man es nachher selbst, und das Haus, in dem es ausgeschenkt wurde, hieß das Eimbecksche. Der Nahme ist ihm geblieben, und noch ist hier der Rathskeller. Dieser ist aber jetzt mehr durch seine Weine berühmt, und besonders redet man viel von einem Rheinweine von anderthalb Jahrhunderten, oder, wie man gewöhnlich sagt, vom Jahre 1620. Sie wissen, wie es mit solchen Weinen beschaffen ist, ungefähr wie mit Sir John Cutlers seidenen Strümpfen; er flickte sie so lange mit Wolle aus, bis es zuletzt eine sehr gelehrte Aufgabe wurde, ob es seidene, oder wollene Strümpfe wären? -- Mehrere Zimmer dieses Hauses sind denn für den Schrank bestimmt; andere werden zu großen Mahlzeiten, Festen, Bürgerschmäusen und dergleichen vermiethet. In einem werden öffentliche Versteigerungen gehalten, in einem andern die Lotterie gezogen, und noch andere sind zu Ausstellungen aller Art bestimmt.

Das Waisenhaus gehört unter die neuern Gebäude, ist eine edle Stiftung, und empfiehlt sich durch Reinlichkeit, und manche gut innere Einrichtung.

Desto weniger kann ich das Zucht- und Arbeitshaus rühmen, so sehr auch manche mit dieser Anstalt zufrieden sind. Bey dem großen Umfange der Gebäude ist doch kaum hinlänglicher Platz, und Reinlichkeit und Ordnung schienen mir in einigen Theilen so sehr vernachlässiget zu seyn, daß ich eilte, wiederum in das Freye zu kommen.

Das sogenannte Fortifikationshaus, welches ebenfalls unter die öffentlichen Gebäude gehört, hat eine sonderbare Bestimmung. Jeder Bürger hat ein ausschließendes Recht dazu, und kann es zu einer großen Mahlzeit, oder irgend einem Feste für sich und seine Gäste gebrauchen, an welchem Tage es für jeden andern verschlossen ist. Wer eine solche Absicht darauf hat, muß sich bey dem Vorsteher melden, welcher nachsieht, auf wie viele Tage es schon versprochen ist, und ihm dann den ersten Tag, an dem es frey ist, anweist. Es hat eine angenehme Lage am Walle, zwischen dem Altonaer Thore und der Elbe, und hat Spaziergänge, auf deren einer Seite man diesen Fluß, auf der andern das besuchteste Stadtthor übersehen kann. Auf diese Art sind diese Spaziergänge und diese Aussicht dem großen Publikum verschlossen: und man hält sehr sorgfältig darauf, daß niemand hinein kommt, als wer dazu befugt ist. Ich bin nie in die Ecke gekommen, die der Wall in der dortigen Gegend mit der Elbe macht, und wo, meines Erachtens, die Interessanteste Aussicht ist, die man innerhalb der Stadt haben kann, ohne diesen Umstand recht herzlich zu bedauern.


British Library.


Von Reisende..

Jean-Philippe Graffenauer.

[3]

[1807]

Kaum hatte ich einige Wochen dem Hospital in Lüneburg vorgestanden, als mir die Oberaufsicht über das in Hamburg errichtete übertragen wurde. Diese Stadt ist achthalb Meilen von Lüneburg entfernt. Die Gegend, welche man passirt, ist ohne Annehmlichkeit, und die Wege sind schlecht. Bey Hope, einem einzeln stehenden Hause, setzt man über die Elbe, auf einem flachen, mit einem Segel versehenen Fahrzeuge, das geräumig genug ist, um den Wagen und die Pferde aufnehmen zu können. Die Elbe ist hier ziemlich breit, und die etwa viertelstündige Ueberfahrt sehr angenehm. Auf einer kleinen, mitten im Strome belegenen Insel, hat man Hannöverscher Seits eine Batterie angelegt, die aber nicht viel Wirkung thun kann. In Zollenspieker, vier Meilen von Hamburg, steigt man ans Land. Nun kömmt man durch Bergedorf, ein niedliches, sehr lebhaftes Städtchen, das viel Handlung treibt, und den Städten Hamburg und Lübeck gemeinschaftlich gehört. Außerdem passirt man noch auf dem dänischen Gebiet einige Städte, in welchen dänische Garnison liegt. Eine Meile von Hamburg bemerkt man schon, daß man sich einer großen und reichen Stadt nähert. Man sieht nämlich viele Landhäuser, die an mehrern Orten, z. B. nahe bey dem Dorfe Hamm, ganze Häuser-Reihen bilden.

Hamburg ist eine der ansehnlichsten und bevölkertsten Städte Deutschlands. Sie liegt am Elbstrom, unweit der holsteinschen Gränze, ungefähr achtzehn Meilen von der Nordsee.

Die Elbe entspringt bekanntlich auf der schlesischen Gränze, durchfließt Böhmen und Sachsen, trennt das Lüneburgsche vom Mecklenburgschen, und fällt südwärts von Hamburg in die Nordsee. Dieser Strom nimmt in seinem Lauf mehrere Flüsse auf, z. B. die Moldau, Eger, Mulde, Saale, Havel, Ilmenau, Stör, u. s. w. Die Elbe ist so tief, daß Schiffe von vier hundert Tonnen bis vor Hamburg segeln können.

Ein anderer nicht unbeträchtlicher Fluß, die Alster, fließt an der Nord-Seite der Stadt, und bildet im Innern derselben ein Wasser-Becken, was man die Binnen-Alster nennt. Das Wasser dieses Flusses durch schneidet die Stadt in vielen Kanälen, an welchen Schleusen angebracht sind. Auch dieser Fluß fällt in die [[Elbe].

In jenen Kanälen, wie auch in der Elbe selbst, nimmt man Ebbe- und Fluth wahr, die gewöhnlich bis Zollenspieker ihre Wirkungen äußert. Vermittelst der Schleusen kann man das Wasser der Alster, wenn es zu hoch stehet, in die Elbe ablassen, und so, wenn die Fluth in die Elbe zu stark ist, sie wieder in die Alster ableiten. Die vorhin erwähnten Kanälen bieten den Kaufleuten große Bequemlichkeiten dar, da sie auf denselben ihre Waaren bis dicht vor ihre Häuser spediren lassen können.

Man nimmt an, daß Hamburg mehr als hundert Tausend Einwohner hat. Es ist eine sehr alte Stadt, die schon Karl der Große im Jahr 808 erbaute, um den Einfällen der Veneter zu wehren.

Beynahe alle Straßen in Hamburg sind eng, krumm, und schmutzig, die Häuser steinern und sehr hoch; man findet deren von sechs bis sieben Stockwerken. Doch giebt es einzelne breite, regelmäßig durchschnittene Straßen. Z. B. der Neuwall, eine der schönsten Straßen Hamburgs, die Admiralitäts-Straßen, der alte und neue Steinweg, u. s. w. Man findet in mehreren Straßen Bäume. Der Jungfernstieg ist ein schöner, schattigter Spatziergang an der Binnen-Alster; er wird häufig besucht. Man macht von hier aus Wasser-Partien auf Gondeln. -- Die vielen Kanälen, welche die Stadt durchschneiden, machen eine beträchtliche Anzahl von Brücken nöthig; man zählt deren achtzig.

Auch viele Kirchen giebt es in Hamburg, die mehrsten sind gothischer Bauart, haben Kuppeln und spitzige Thürme. Die Dom-Kirche behauptet unter ihnen der ersten Rang, ihr Thurm ist drey hundert sieben und funfzig Fuß hoch. Man trifft im Innern dieser Kirche viele sehenswerthe Denkmähler an. -- Das Rathhaus ist ein altes, unregelmäßiges Gebäude, welches dem Umfange und dem Reichthume der Stadt keinesweges entspricht. -- Die Börse, welche ihm gegenüber liegt, verdient denselben Tadel.

Die Stadt hat gute Festungswerke. Die Wälle sind mit Bäumen besetzt, die angenehme Spatziergänge gewähren; man umgeht sie ungefähr in zwey Stunden. Von dem Theil des Walles, der zwischen der Elbe und dem Altonaer-Thor liegt, genießt man einer reizenden Aussicht über den Hafen und einen Theil der Stadt. Jener ist sehr sehenswerth. Er ist mit Kauffahrteyschiffen angefüllt, die neben einander liegen. Dem Hafen entlang läuft ein Kay, an welchem großentheils niedrige und unansehnliche Häuser stehen; hier wohnen die Schiffer, Matrosen, Handlanger und andere beym Schiffswesen thätigen Personen. Auch liegen hier Wirthshäuser und Vereinigungsplätze dieser Menschenklasse.

Wenn man in dieses Viertel kommt, hört man häufig plattdeutsch sprechen. Dieß ist die eigentliche Volkssprache und das gewöhnliche Idiom der Matrosen und Landleute. Die Kinder in Hamburg lernen daher diesen Dialekt gewöhnlich früher von den Dienstboten, ehe sie hochdeutsch sprechen lernen. Mit Unrecht hält man das Plattdeutsch für schlechtes, verdorbendes Deutsch; es ist vielmehr ein besonderer Dialekt. Man glaubt, daß es die Ursprache der angelsächsischen Völker gewesen sey, von welcher sich noch viel Ueberbleibsel im heutigen Englischen finden.

Hamburg ist eine freye Reichs- und Hanse-Stadt. Die Regierung ist unter dem Senat und dem Kollegium der Bürgerschaft getheilt, welches sich alle drey Monate versammelt. Jener zählt vier Bürgermeister und zwanzig Rathsherren zu seinen Mitgliedern.

Bereits im Jahr 1241 vereinigten sich die Städte Hamburg und Lübeck zu einem Bündnisse, bey welchem sie ihr gemeinschaftliches Handels-Interesse berücksichtigten. Dieser Bund erhielt den Namen der Hanse. Mehrere Städte folgten ihrem Beyspiele; daher entstand der Name Hanse-Städte. Der Handel ist immer der Hauptzweig der Industrie der Hamburger gewesen. Er war zu jeder Zeit beträchtlich, und nahm seit dem Ausbruche der französischen Revolution außerordentlich zu. Seit aber der Ausfluß der Elbe von den Engländern blockirt gehalten wird, ist der Handel gehemmt und sehr in Stockung gerathen.

Der Marschall Mortier ließ, nach der Besetzung Hamburgs, alle in großer Anzahl vorhandene englische Waaren, so wie alle im Hafen liegende englische und schwedische Fahrzeuge in Beschlag nehmen. Alle hier anwesende Engländer wurden zu Kriegsgefangene gemacht, und ihre beweglichen und unbeweglichen Effekten konfiszirt.

Hamburg hat viele Fabriken und Manufakturen; vorzüglich zeichnen sich die Sammt- und Seiden-Manufakturen aus. Am erheblichsten aber sind die Zucker-Raffinerien, deren man drey hundert zählt. Der Hamburger Zucker ist beleibt und wird sehr gesucht.

Alle Jahr geht eine Anzahl Schiffe von hier nach Grönland, um dort den Wallfischfang zu treiben. Diese Fahrzeuge bringen eine Quantität von Kinnladen der Wallfische mit, aus denen man eine Art Eckpfähle oder Pfeiler verfertigt, die man an den Häusern und an den Landstraßen aufstellt. In einem Lande, wo das Holz selten ist, und wenig Bausteine gefunden werden, ist die Benutzung jenes Naturprodukts allerdings wichtig. --

Hamburg hat zwey Theater, ein französisches und ein deutsches, die beide geschickte Mitglieder zählen. -- Die Börsenhalle ist ein Zusammenkunfts-Ort der Kaufleute, wo man eine beträchtliche Sammlung von Zeitschriften, Landkarten und neu erschienenen Bücher in allen Sprachen findet.

Hamburg ist wegen seiner Armenanstalten und milden Stiftungen berühmt. Die bedeutendsten derselben sind das Waisenhaus, das Arbeitshaus, das Freymaurer-Hospital, der Krankenhof, u. s. w. Auch sieht man auf den Straßen Hamburgs keine Bettler. Von den beiden letzten Instituten will ich etwas ausführlicher reden. --

Die Umgebungen Hamburgs vereinigen mannichfache Vorzüge. Altona liegt sehr nahe; eine schöne Allee führt dahin. Auf der rechten Seite derselben liegt der Hamburger Berg, eine Vorstadt Hamburgs, die sich bis ohnweit Altona erstreckt.

Der Elbstrom theilt sich vor Hamburg in zwey Arme, zwischen welchen eine Menge Inseln liegen. Unterhalb Altona, Flottbeck gegenüber, strömen beide Arme wieder zusammen, und der Fluß erreicht nun die Breite einer Meile, welche immer zunimmt, bis er sich in die Nordsee ergießt.


Reiserouten durch Deutschland.

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23) Von Berlin nach Hamburg.
45) Von Frankfurt a. M. auf Hannover und Hamburg.
52) Von Leipzig nach Hamburg (kürzester Weg.
58) 59) 60) Drey Routen von Hamburg nach Amsterdam.
61) Von Hamburg *) nach Braunschweig.
62) Von Hamburg nach Koppenhagen: und Angabe der neuen Ueberfahrt von Heiligenhafen.


Quellen.

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Reise durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen und einen Theil von Italien, in den Jahren 1797. 1798. 1799. Leipzig, bey Georg Joachim Göschen, 1801.
  3. Meine Berufsreise durch Deutschland, Preußen und das Herzogthum Warschau, in den Jahren 1805, 1806, 1807 und 1808. Von J. P. Graffenauer, Doktor der Arzneygelahrtheit, vormaligem Arzte bey der großen französischen Armee, mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitgliede. Chemnitz, bey Carl Maucke. 1811.
  4. Der Passagier auf der Reise in Deutschland und einigen angränzenden Ländern, vorzüglich in Hinsicht auf seine Belehrung, Bequemlichkeit und Sicherheit. Ein Reisehandbuch für Jedermann von Kriegsrath Reichard, aus Verfasser des Guide des voyageurs en Europe. Berlin, 1806. Bey den Gebrüdern Gädicke.
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