Fandom


Jugendgeschichte

Bonaparte's

Ersten Kaisers von Frankreich

von

Einem seiner Schulfreunde.

Leipzig 1804.

bey J. A. Hinrichs.

TitelJugendBonaparte


Vorerinnerung des Uebersetzers.

Nachdem das Publicum so lange mit halbwahren oder erdichteten Anekdoten über die ersten Jugendjahre Bonapartes hingehalten worden, so wird es hoffentlich gegenwärtigen Nachrichten ein desto ungetheilteres Interesse schenken, deren Verfasser ein Jugendfreund jenes merkwürdigen Mannes, und zugleich ein um so unverdächtigerer Zeuge ist, da er seiner Erzählung den Ton der Wahrheit und das unverkennbare Gepräge der Aechtheit aufzudrucken gewußt hat. Zwar nennt unser Verfasser seinen Namen nicht; aber er giebt so viele -- leicht zu bewährende -- Umstände an -- (wie z. B. seinen Aufenthalt in der Nähe von Auxonne,) er beruft sich auf so manche, allgemeine bekannte und gar nicht unzugängliche Personen, wie z. B. Bourienne, und so dreist und mit einer solchen Zuversicht, daß er, im Fall einer erwiesenen Unwahrheit, sich von meiner und der Verlegers Seite, in dessen Händen sein eigenhändiges französisches Manuscript sich noch befindet, und eine nahe Bekanntmachung erwartet, umsonst und ohne allen Zweck dem Vorwurfe eines unverschämten Beträgers bloßgestellt haben würde. Einen solchen Vorwurfe, der selbst dem namenlosen Scribenten nicht gleichgültig ist, vor Personen, von denen man genannt zu werden befürchten muß, ohne Gewinn zu trotzen, liegt nicht in der Natur des Menschen; zudem leistet der entscheidende Ton, womit unser Verfasser über alle vor ihm bisher bekanntgemachte und zehnfach wiederholte Anekdotensammlungen abspricht, und sie der Unwahrheit beschuldigt, eine neue Bürgschaft für die Glaubwürdigkeit dessen, was er an ihre Stelle gesetzt hat.


Inhaltsanzeige

der

in dieser Sammlung enthaltenen Nachrichten.

Bonapartes Erziehung in der Kriegsschule zu Brienne S. 9
Seine Verbindung mit Bourienne, der jetzt sein Secretair ist 10
Seine Liebe zu Paoli und seinem Vaterlande 15
Sein Haß gegen die Genueser 16
Seine Fortschritte in der Mathematik 17
Seine frühzeitige Neigung zur Befestigungs- und Kriegswissenschaft 19
Seine schnellen Fortschritte in der Pariser Militairschule 24
Seine Freundschaft für Dupont und Lauriston 26
Verschiedene kleine Vorfälle, die sich, seitdem Bonaparte an der
Spitze der Regierung steht, mit einigen seiner Mitschüler zugetragen haben 28 – 46


Vorbericht an den Leser.

In dem Büchlein, Bonapartiana genannt, liest man allerhand angebliche Thatsachen aus der Jugendgeschichte Bonapartes; sie werden dem Publikum von einer Person vorgelegt, die sie von dem Baron Laugier gehört zu haben behauptet, welcher in den beiden Militärschulen zu Brienne und zu Paris ein Mitschüler Bonapartes gewesen war.

Ich bin ein Schulkamerade von beiden in diesen beiden Schulen gewesen, ich habe sechs Jahre lang dieselbe Erziehung mit Bonaparte erhalten, und ich bin im Stande zu beweisen, wie wenig Glauben die von dem Freunde des Barons Laugier erhalten Fakte verdienen.

Die Geschichte von dem kleinen rostigen Degen ist ein Fabel; man ließ uns weder Messer noch Federmesser in den Händen; wir waren zu allen Stunden des Tags, und sogar des Nacht, unter strenger Aufsicht; wir gingen niemals aus; wo hätte sich also Bonaparte ein solches Gewehr verschaffen, wie es so lange bey sich verwahren, und wie sich der Aufsicht unserer Mönche entziehen können?

Das Gedicht über die Freyheit Corsikas ist ebenfalls ein Mährchen. Nicht nur hat Bonaparte niemals Verse gemacht; er hat auch nie, selbst in seiner Jugend nicht, die geringste Anlage zur Dichtkunst gezeigt.

Der Vorfall, wo Bonaparte den Baron Laugier beredet, in der Nacht auf seine Stube zu kommen, wo er glaubte, daß er werde angegriffen werden; dieser Vorfall ist auch erdichtet, denn sobald wir in unserm Schlafzimmer zusammen ankamen, wurden wir alle, jeder in einer kleinen Zelle, verschlossen. Bedienten wachten die ganze Nacht hindurch in den Coridors; die sämmtliche Geräthschaft unserer kleinen Stuben bestand in einem Gurtbette, einem Wasserkruge, und dem dazu gehörigen Becken; also war es nicht nur unmöglich, herauszukommen, sondern auch sich mit einer Commode zu verschanzen, dergleichen wir gar keine hatten.

Die langen Erörterungen, die man den jungen Bonaparte mit den Officieren anstellen läßt, welche in Corsika den Krieg mitgeführt hatten, sind beliebig erdichtet; man läßt ihn Landcharten und Zeitungen aufweisen; das streitet mit dem gesunden Menschenverstande. Wer kann sich nur einbilden, daß man zehn- bis dreyzehnjährigen Knaben öffentliche Papiere in die Hände gegeben habe? nicht nur bekamen wir niemals Zeitungen zu lesen, unsere Landcharten sogar waren in dem Studiensaal auf die Mauer geklebt, und konnten nie herausgenommen werden.

Man läßt ihn dem Erzbischofe von Paris auf Veranlassung seines Taufnamens Napoleon eine unbescheidene Antwort geben, für deren Unwahrheit ich hafte. Der Erzbischof von Paris, Hr. von Juigné, ist nie mit einem Fuße nach Brienne gekommen. Aber alle Jahre wurde uns die Confirmation von Hrn. von Brienne (dem nur allzubekannten Erzbischofe von Sens) ertheilt, und Bonaparte hat immer zu viel Religion gehabt, und war überdies zu wohl erzogen, um einem Prälaten, der ihm ein Sacrament der Kirche ertheilte, zu antworten: Parbleu je le crois bien, ("zum Henker, das glaube ich wol.")

Von allen den Thatsachen, die man in gegenwärtiger kleiner Sammlung finden wird, bin ich selbst Augenzeuge gewesen; ich werde die nähern Umstände, welche mein Gedächtnis mit hergiebt, einfach erzählen; ich werden alle Personen nennen, auf welche sich diese Umstände beziehen, und da fast alle diese Personen noch am Leben sind, so berufe ich mich getrost auf ihr Zeugniß, was die Wahrheit und Aechtheit der hier erzählten Thatsachen betrifft.


Charakterzüge

aus

Bonapartens Kindheit und Jugend.


Die kleinsten Besonderheiten in dem Leben eines Helden, die ersten Schritte seiner Kindheit, die geringsten Umstände seiner Jugend werden immer mit Interesse gelesen. In diesem Alter der Unbefangenheit, wo die Seele sich unverkleidet und ungeschminkt darlegt, wo die Keime der Leidenschafte sich zu entwickeln anfangen, späht der Menschenbeobachter die geringscheinendsten Umstände aus, ahnet schon aus den schwachen Anzeichen, die er gewahr wird, das, was der Gegenstand seiner Beobachtung einst werden, wie weit ihn der Schwung seines Geistes einst erheben kann, er ahnet die Laufbahn, die der Jüngling einst durchlaufen, er erkennt und bezeichnet das Ziel, welches er erreichen wird.

Wenn Strenge der Sitten, Lernbegierde, Nachdenken, Liebe zu Büchern, besonders zum Lesen der Lebensgeschichte großer Männer, -- in einem Alter, wo man sonst Spielwerke der Beschäfftigung vorzieht, einen Held, einen außerordentlichen Menschen ahnen lassen, so hat niemand diese ihm gestellte Nativität besser bewährt, als Bonaparte. In den der Erholung gewidmeten Stunden, hatte er den Plutarch oder den Marschall von Sachsen in der Hand, und nährte seinen Geist mit den erhabenen Thaten großer Männer. Er bildete sich nach diesen Mustern, und er hat es dahin gebracht, sie alle hinter sich zu lassen.

Bonaparte trat im Monat März 1779 in die Kriegsschule zu Brienne als ein königlicher Pensionär ein. Kalt, zurückhaltend, fast immer allein, und schweigsam, gab er gewöhnlich nur einsylbigen Antworten, und behielt unter uns lange den Namen des Spartaners. Er nahm selten an unsern Erholungen Antheil, hielt sich am liebsten für sich und abgeschieden, um ein ernsthaftes, aber belehrendes Buch zu lesen. Er beobachtete einen Mitschüler lange, ehe er sich in die entfernteste Verbindung mit ihm einließ, und schien in seinen Gespielen eine Seele zu suchen, die von demselben Schlage wie die seinige war.

Der erste unserer Mitschüler, mit welchem Bonaparte eine engere Freundschaft knüpfte, war Fauvelet de Bourienne. Bonaparte suchte seinen Umgang, und schien sich darin zu gefallen. Bourienne war ein Zögling, der schon damals die größten Hoffnungen von sich erregte, und mit Bonaparte wetteiferte er in dem Studium der Mathematik. Mit den sanftesten Sitten verband er den zuthulichsten Charakter, und ob er schon seine Mitschüler in allen Wissenschaften übertraf, so sah man doch seine großen Vorschritte ohne Neid an, weil er, gegen jedermann bescheiden, die Freundschaft, welche seine Lehrer ihm bewiesen, nur dazu gebrauchte, um die Strafen, die sie seinen Mitschülern auferlegten, zu mildern.

Am Tage des heil. Ludwigs feyerten die Zöglinge der Militärschule zu Brienne jedesmal das Namensfest des Königs, ihres Wohlthäters, und des Vorstehers der Schule. Man erlaubte uns an diesem Tage kleine Racketen und Feuerschwärmer zu machen; zu dem Ende verschloß man etwas Pulver in ein Kartenblatt, und umwickelte dieses mit einem stark mit Harz überstrichenen Bindfaden. Am Tage vor dem heil. Ludwigsfeste hatten wir einmahl schon funfhundert dergleichen Schwärmer fertig gemacht, von denen hundert und funfzig mit Schwefelfaden versehen waren; wir hatten sie in eine Schachtel von Tannenholz verschlossen. Nachmittags saßen wir in unsern kleinen Gärten um den Kasten herum, der unsere Schwärmer enthielt; Bourienne aber saß auf dem Kasten, und zwischen seinen Beinen brannten wir eine kleine Pyramide von Pulver ab, welches mit Weingeist angefeuchtet war. In dem Augenblicke, wo wir uns an dem Anblicke der kleinen bläulichen Flamme und der sprühenden Fünkchen ergötzten, brannte das Untertheil der Pyramide auf den Deckel des Kastens; dieser entzündete sich, und es fiel ein Funken in den Kasten. Plötzlich hörte man einen fürchterlichen Knall, die hundert und funfzig mit Lunten versehenen Schwärmer hatten Feuer gefangen, und da das Pulver den Deckel nicht wegsprengen konnte, wegen des ziemlich starken Widerstandes, den die beträchtliche Schwere von Bouriennes Körper darauf that, so trieb es die Seiten auseinander. Alle Zöglinge, die rund herum saßen, wurden über den Haufen geworfen, und stürzten auf einander. Dem einen waren die Haare versengt, dem andern das Gesicht und die Hände, ihre Kleider brannten. Da aber doch alle mehr erschrocken als beschädigt waren, so sprangen sie bald auf und liefen rechts und nks auseinander. Bonaparte, dem der dranstoßende Garten zugehörte, stand bey dem Lärmen, den er hörte, auf, und da er seine von Schrecken ergriffenen Kamaraden über die Beete seines kleinen Gartens weglaufen und die Blumen niedertreten sah, so ergriff er einen Spaten, und trieb die Flüchtigen zurück. Bald kamen alle an der Stelle an, wo der Kasten geplatzt und aufgesprungen war, und man fand den jungen Bourienne noch unbeschädigt auf dem Kasten sitzend, wo er mit Bonaparte über den Vorfall und über das Schrecken seiner Kamaraden herzlich lachte.

Die Bande dieser Freundschaft schlangen sich immer fester. Bonaparte und Bourienne standen, nach ihrem Abgange aus der Kriegsschule, lange in Briefwechsel zusammen; und jetzt ist Bourienne der erste Geheimschreiber des Oberconsuls *).

*) Zu Anfange der Revolution studirte Bourienne in Leipzig, woselbst er die Tochter eines Sachwalters, des Herrn Advokaten Conradi, heirathete, mit welcher er noch recht glücklich lebt.

Bonaparte hatte sich durch die Rauhigkeit seiner Sitten unter denjenigen viele Feinde gemacht, die in ihrer Jugend ausgelassen und zerstreuungssüchtig waren, weil sie in seinem gerade entgegengesetzten Betragen den bittern Tadel des ihrigen lasen. Daraus entstanden denn tägliche Zänkereyen, oft kam es zum Handgemeine, und Bonaparte, der insgemein der schwächere Theil war, hielt es oft für rathsamer, etwas zu leiden, als sich bey den Mönchen zu beklagen, deren Despotismus er fürchtete. Er schien unter ihrer Zuchtruthe zu seufzen, und mischte sich sonst nie unter seine Mitschüler, als bey den kleinen Empörungen, die sie gegen die Schulmonarchen erhuben; dann war er immer der erste, der hervortrat und laut sprach, und an die andern Reden hielt, und wenn dann die Furcht vor der Zuchtruthe alles wieder in die Ordnung zurückscheuchte, so wurde der arme Bonaparte, als einer von den Rädelsführern, allemal bestraft; er erduldete auch seine Züchtigung, ohne sich im geringsten zu beklagen, und behandelte diejenigen als Memmen und Feige, denen der Schmerz Thränen oder ein Schrey auspreßte.

Bonaparte äußerte von seiner Kindheit an, eine heftige Leidenschaft für Unabhängigkeit und Freyheit; er war als Republikaner gebohren. Sein Götze war der brave Paoli, und seine Vaterlandsliebe gab unter uns immerwährenden Anlaß zu Zänkereyen; man konnte ihm keinen grössern Schimpf anthun, als wenn man ihm sagte, er sey kein Franzos, sondern nur ein Unterthan und Vassall Frankreichs. Da erhitzte sich sein Köpfchen, und er hob allemal eine bittere Schmährede gegen die Genueser an, welche Corsika an Frankreich verkauft hatten; sein Haß gegen die Genueser war aufs höchste gespannt, als im Jahr 1781 ein junger Mensch aus Bastia, Namens Balathier de Bragetone in die Schule zu Brienne aufgenommen wurde. Um Bonaparten einen Gegner auf den Hals zu hetzen, beschloß man diesen Balathier für einen Genueser auszugeben; diesem kaute man seine Rolle ein, und führte ihn zu Bonaparte mit dem Ausrufe: Hier ist ein junger Genueser, der eben ankommt. Bey diesem Worte gerieth B---te in Wuth, und fragte ihn auf Italiänisch: "Bist du wirklich von jener verfluchten Nation?" Kaum hatte der andere Zeit gehabt zu antworten: Si Signor, als Bonaparte ihn schon bey den Haaren gefaßt hatte, und da er der stärkere war, so hätte Balathier einen harten Stand gehabt, wenn man sie nicht auseinander gebracht hätte. Man brauchte vierzehn Tage Zeit, um ihn zu überreden, daß sein Kamarad ein Corsikaner sey, und daß man nur einen Scherz mit ihm habe treiben wollen. Lange sah er seinen Landsmann mit zornigen Blicken an, und schien jeden Augenblick geneigt und bereit den Streit wieder anzufangen.

Bonaparte machte in den verschiedenen Wissenschaften, die man ihn lehrte, schnelle Fortschritte, aber die Mathematik war diejenige, in welcher er sich besonders hervorthat. Der abstracte Theil der Allgebra war für ihn ein Erholungsstudium. Oft sahen wir ihn in seinem kleinen Garten beschäfftiget, zu seinem Vergnügen die schwersten Gleichungen zu lösen; indem wir andern uns ganz mit den Spielen unsers Alters beschäfftigten. Sein erster Lehrer war der Pater Patrauld, welcher seit der Abschaffung der Mönchsorden Porzellan-Fabrikant geworden ist, und in Paris wohnt; er besucht fleißig seinen ehemaligen Schüler, welcher noch immer viel Freundschaft und Achtung für ihn hegt.

Bonaparte schreibt eben so schlecht und unleserlich, als sein Ausdrucksvoll ist; er druckte sich mit Feuer, aber mit etwas Mühsamkeit aus; es schein, als habe die französische Sprache nicht Energie genug, um das zu sagen, was er so tief, so lebhaft fühlte.

Bonaparte äußerte in seiner frühesten Jugend eine so entschiedene Neigung zur Befestigungs- und Kriegswissenschaft, daß er in dem harten Winter 1783 der Strenge der Jahreszeit, der Kälte und dem Schnee trotzte, und ein kleines Fort von Schnee aufzuführen unternahm, den Grundsätzen der Befestigungskunst gemäß; deren erste Anfangsgründe man uns lehrte. Er bewog mehrere seiner Kameraden ihm zu helfen. Zuvorderst stach er den Umkreis ab, welchen er aber am folgenden Tage, wegen der Menge des in der Nacht gefallenen Schnees, von neuem abstechen mußte. Hierauf pflanzte er eine Menge Meßpfähle, um seine Linien wieder zu erkennen; man bediente sich kleine Schubkarren, und der Spaten und Karste, die man uns zu unserm Gartenbau reichte. Bonaparte war immer der erste bey der Arbeit, und dirigirte das Werk; es gelang ihm, ein vollendetes Quadrat zu bilden, das auf den Seiten mit vier Basteyen besetzt war, deren Wälle drey und einen halben Fuß hoch waren. Aber vielen Husten und Schnupfen, welche unsere Kameraden davon wegkriegten, daß sie bey einer so rauhen Jahreszeit im Schnee arbeiteten, veranlaßten ein Verbot unserer Obern, mit der Arbeit fortzufahren. Inzwischen hatten die Fröste das Werk so gehärtet und befestigt, daß man noch im Monate May Ueberbleibsel davon sah.

Wenn man Bonaparten vorwarf, sein Vaterland sey dem Königreiche von Frankreich unterwürfig und zinsbar, so hörte ich ihn oft mit dürren Worten sagen: "Sollte auch Paoli nicht die unwürdigen Ketten zu sprengen vermögen, die mein Vaterland belasten, so werde ich ihm beystehen, sobald ich Kräfte genug habe; vielleicht wird es durch unsere vereinten Bemühungen von dem verhaßten Joche befreyt, das auf ihm liegt." -- Oft setzte er, gleichsam im dunkeln Vorgefühle der erhabenen Rolle, welche das Schicksal ihm bestimmte, hinzu: "Wer kann wissen, was geschieht? Das Schicksal eines Reichs hängt oft von einem einzigen Manne ab."

Um ein Beyspiel von dem Geiste der Unabhängigkeit, und von der Stärke in Antworten zu geben, die dem jungen Bonaparte eigen war, so führe ich nur die Replik an, die er einst einem der Schullehrer gab, von dem er Verweise erhielt. Bonaparte hatte sich mit der Energie und der Zuversicht eines jungen Menschen verantwortet, der Verweise nicht verdient zu haben glaubt. Der Lehrer, welcher nicht gewohnt war, die Zöglinge aus diesem Tone zu ihm sprechen zu hören, sagte mit einer verdrießlichen Miene: Wer sind Sie denn, junger Herr, daß Sie es wagen dürfen, mir in diesem Tone zu antworten? "Ein Mensch" antwortete Bonaparte ganz kaltblütig.

Bonaparte blieb fünf Jahr in der Kriegsschule zu Brienne. Der König schickte alljährlich einen verdienten Officier ab, um seine zwölf Kriegsschulen in den Provinzen zu besichtigen, und der Inspector hob aus jeder zwey bis drey der Hoffnungsvollsten Zöglinge aus, welche er in die königliche Schule zu Paris schickte, um da ihre Erziehung zu vollenden.

Der Chevalier von Keralio, ein ausgezeichneter Officier, welcher über die Taktik ein sehr geschätztes Werk geschrieben hat, versah damals den Posten eines Inspectors, er enthüllte in dem jungen Bonaparte die Vorbedeutungen eines zukünftigen Helden, und sagte zu dem Vorsteher der Schule: "Das ist ein junger Mensch, der große Hoffnungen giebt." Er unterhielt sich lange mit ihm, brachte ihn auf Mathematik und Befestigungskunst zu sprechen, und erstaunt über die Einsichten und die Urtheilsreife des jungen Bonaparte, rieth er ihm, rasch fortzuarbeiten, um in das Ingenieurscorps oder in die Artillerie angestellt zu werden; das war gerade die Laufbahn, welche er sich vorgesetzt hatte einzuschlagen. Der Ritter von Keralio unterzeichnete sogleich den Befehl, ihn nach der Militärschule zu Paris abreisen zu lassen, und munterte ihn durch die schmeichelhafte Vorhersagung auf, daß er einst ein Officier von hohem Range werden werde.

Bonaparte langte den 17ten Oktober 1784 in der Militärschule zu Paris an; da blieb er ein Jahr, und behielt während desselben dieselbe Austerität der Sitten, denselben Stoicismus bey, wodurch er sich in den ersten Jahren seiner Erziehung zu Brienne ausgezeichnet hatte.

Die königliche Schule zu Paris hatte mit den übrigen Kriegsschulen in den Provinzen keine Aehnlichkeit; man erhielt beym Eintritt in dieselbe sogleich ein Officierspatent, die Zöglinge standen unter den Befehlen verdienter Officiere, welche hier einen ehrenvollen Ruhestand genossen. Sie hatten Lehrer und Professoren aus allen Fächern; diese waren alle für Männer von großen Einsichten und vorzüglichen Talenten anerkannt; die meisten derselben waren Academisten; kurz, hier war keine Spur, kein Duft von der Mönchspedanterey der Provinzialschulen, man hörte auf Kind zu seyn, sobald man hineingetreten war.

Bonaparte bestimmt für den Artilleriedienst, und legte sich mit dem größten Eifer auf das Studium der Mathematik; sein Lehrer, Hr. Monges, (jetzt Präfekt der Marine) war es, welchem Bonaparte einen Theil seiner Kenntnisse verdankt. Monges, von dem ernsten Fleiße seiner Zöglings in Erstaunen gesetzt, widmete ihm eine besondere Aufmerksamkeit, entdeckte in ihm frühzeitig Funken des Genies; Anlagen, welche den großen hervorragenden Mann verkündigen. Sein Unterricht, und sein freundschaftlicher Umgang beschleunigten die Entwickelung dieser glücklichen Keime; alle Schwierigkeiten ebneten sich unter der fleißigen anhaltenden Thätigkeit des Jünglings; und bey seinem ersten Examen wurde Bonaparte sogleich als Officier im Artilleriecorps angestellt; ein Glück, das vor ihm fast ohne Beyspiel war. Aber von seiner Kindheit an war es ha seine Bestimmung, durch Glück und Genie die härtesten Schwierigkeiten zu besiegen.

Um uns eine deutliche Vorstellung von einer befestigten Stadt zu geben, und mit Beyspielen die Theorie der Befestigungsgrundsätze zu verbinden, hatte man am äußersten Ende unserer Spaziergänge ein regelmäßiges Fünfeck anlegen lassen, welches ohngefähr zweyhundert Klaftern im Umkreise hatte; man nannte es das Fort Limbrüne, nach dem Namen des Gouvernörs der Militärschule. Gewöhnlich brachte Bonaparte in einer dieser Basteyen seine Erholungsstunden zu. Auf die Brustwehr gelehnt, sah man ihn oft, mit Vauban, Cohorn, Folard in der Hand, die Praxis an die Theorie anknüpfen, und die Angriffs- und Vertheidigungsmittel dieses kleinen Forts zeichnen.

Unter den dreyhundert Zöglingen, die sich zusammen in der Pariser Militärschule befanden, waren Lauriston und Dupont fast die einzigen, mit denen Bonaparte Freundschaftsverbindungen anknüpfte. Lauriston und Dupont waren von einem gerade entgegengesetzten Charakter; der erste, phlegmatisch und kalt, sprach wenig, und hing sich an niemanden an, außer an Bonaparte, mit dem man ihn oft zusammen sah; Dupont war heftig, verwegen bis zur Tollkühnheit, er hätte sein Leben wol tausendmal in die Schanze geschlagen, um eine Handlung zu vollbringen, die ihm außerordentlich dünkte; vielleicht ist niemand in seinen Jugendjahren stürmischer und unbändiger gewesen, als er. Einst, als wir in der Ebene von Montmartre bey Paris spazieren gingen, wo sich Steinbrüche, deren Tiefe hundert bis zweyhundert Fuß beträgt, befinden, sah ich ihn ganz kaltblütig sich einer Oeffnung nähern, mit gleichen Beinen auf den Wellbaum springen, den man queer über die Oeffnung gelegt hatte, um die Steine heraufzuwinden, da einige Minuten verweilen, und dann auf den andern Rand hinüberspringen, wobey er denn mit Vorbedacht und mit einer beyspiellosen Verwegenheit sich der Gefahr bloßstellte, in eine Tiefe von zweyhundert Fuß hinab auf einen Klumpen von Steinblöcken zu stürzen.

Bisweilen suchte Bonaparte das wilde Ungestüm dieses Brausekopfs zu mäßigen, aber sein guter Rath vermochte nicht die tobenden Stürme seiner Jugendhitze zu besänftigen.

Ich habe ein Journal gelesen, in welchem eine jugendliche Tollheit erzählt wird, die Bonaparte bey Gelegenheit eines aerostatischen Ballons begangen haben soll, der auf dem Marsfelde, vor der Militärschule, zu derselben Zeit, als B. seine Erziehung in derselben vollendete, aufsteigen sollte. Ich kann versichern, daß Bonaparte nicht den entferntesten Antheil an diesem Streiche hatte, sondern daß Dupont der Held dieses Vorfalls war. Die Sache wird übrigens mit so vielen Uebertreibungen erzählt, daß man vielleicht nicht ungern sehen wird, hier einen eben so wahren als umständlichen Bericht darüber zu lesen.

Die Zöglinge der Militairschule, welche Duponts unbändige Leidenschaft für alles, was ins Außerordentliche fiel, kannte, brachten es ohne Mühe dahin, ihn zu überreden, daß, wenn es ihm gelänge, sich mit Blanchard in der Gondel des Aerostats in die Lüfte zu erheben, er sich einen gewaltig großen Namen machen würde. Dupont besann sich einen Augenblick; seine Kameraden, die ihn unentschlossen sahen, sagten, um mit einem Worte alle Schwierigkeiten zu heben, die sie voraussahen: "ha! ha! Du getraust dich nicht es zu thun." Mehr brauchte es nicht, um die Eigenliebe des jungen Menschen zu reizen, und ihn sagen zu lassen: "Gut, ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß ich mit dem Ballon aufsteigen werde, oder daß er gar nicht aufsteigen wird." Nun wußten wir alle, daß wenn Dupont einmal sein Ehrenwort zum Pfande gesetzt hatte, er sich lieber hätte in Stücken hacken lassen, als es zu brechen. Den folgenden Tag, Nachmittags, werden wir von unsern Officieren in Ordnung auf dem Marsfeld geführt, um den Luftball aufsteigen zu sehen. Hr. Blanchard war schon angekommen, und der Ballon stand in einen dreyfachen Cirkel von Lehnstühlen eingeschlossen, worauf Pariser Damen vom ersten Range saßen. Die Zöglinge wurden hinter die dritte Reihe von Stühlen gestellt, eine Menge von Menschen lief auf dem Marsfelde hin und her, und starke Detaschements der Französischen und der Schweizergarden waren im Umkreise vertheilt, um Ordnung und Polizey zu handhaben. In dem Augenblick, wo Hr. Blanchard in den Nachen steigen will, stemmte sich Düpont mit beiden Händen auf die Rückenlehne zweyer Lehnstühle, die vor ihm standen, schwang sich über die Köpfe der auf den zwey übrigen Reihen sitzenden Damen hinweg, in das Innere des Kreises hinein; lief zu Hrn. Blanchard, und sagte zu ihm: Sie wollen also in diesem Luftschiffe auffahren? Ja, mein Freund, antwortete Blanchard. Nun wohl, sagte Dupont, es ist für uns beide Platz genug, ich werde mit Ihnen aufsteigen. Nicht doch, junger Herr, gehn Sie auf die Seite, sagte Blanchard. -- Nein, mein Herr, sagte Dupont lebhaft, indem er in der Gondel Platz nahm, mein Entschluß ist gefaßt: Entweder werden wir zusammen, oder keiner von uns wird aufsteigen.

Hr. Blanchard, der die Entschlossenheit des jungen Menschen sahe, rief ein Detachement der Französischen Garde, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen. Dupont, der von einer Seite die Gardisten, von der andern einen Officier der Militairschule ankommen sieht, zieht seinen Degen, und durchsticht den Ballon an drey verschiedenen Stellen; das brennbare Gas fährt heraus, und der Ballon fällt zusammen. Die Garden bemächtigen sich sofort Du Ponts, der jedoch seinen Degen den Bayonetten entgegenstellt, und sich mit Herzhaftigkeit vertheidigt. Das Volk, welches mit dem Gas die Hoffnung, den Ballon auffahren zu sehen, verschwinden sieht, wird schwierig, und will unserm Mitschüler einen schlimmen Stand machen; alsbald brauset Gährung in unsern jungen Köpfen; von allen Seiten erhebt sich ein Geschrey: "Auf, laßt uns Dupont zu Hülfe eilen." Die Stühle mit den darauf sitzenden Damen werden umgeworfen; man läuft auf Dupont zu, man reißt ihn mit Gewalt aus den Händen der Französischen Garden, und wenn unsere Officiere nicht mit dem Degen in der Faust herbeygeeilt wären, um uns zur Ordnung zurückzubringen, so wäre eine Schlägerey zwischen uns und der Hälfte des Pariser Pöbels entstanden. Aber auf die Stimme unserer Chefs kehrten wir alsbald zur Ordnung zurück, wir schließen unsere Reihen, und von starken Detachements der Französischen Garden, die sich an uns anschlossen, begleitet, machen wir unsern Rückzug in bester Ordnung nach der Kriegsschule, wo wir Trotz des Geschreys und des Grimms des Pariser Pöbels wohlbehalten und munter ankamen.

Zwey Monate nach diesem Vorfalle wurde Du Pont zum Unterlieutenant in dem Regiment Touraine ernannt, welches der Vicomte Mirabeau commandirte. Beym Ausbruch der Revolution war Du Pont einer von den ersten, welche die Partey und die Vertheidigung der Freyheit ergriffen. Die Soldaten seines Regiments waren fast die ersten in der ganzen Französischen Armee, die sich gegen ihre Officiere auflehnten, und Du Pont, so sehr auch seine Denkungsart von den Gesinnungen seiner Kameraden abwich, war doch ihr erster Vertheidiger; bisweilen machte er ihnen aus seinem Körper eine Schutzwehr, und rettete diejenigen mit Gefahr seines Lebens, welche von den meuterischen Soldaten, wegen royalistischer Gesinnungen, aufgeopfert werden sollten. Du Pont hat alle Feldzüge des mörderischen Kriegs, der nun beendigt ist, mitgemacht; überall hat er sich den Ruf eines trefflichen Officiers erworben; jetzt ist er Chef des Generalstabes der Armee.

Zu Anfange der Auswanderungen befand ich mich mit ohngefähr zweyhundert ehemaligen Zöglingen der Militairschule in Coblenz versammelt; wir befragten uns gegenseitig um Nachrichten von verschiedenen unserer Kameraden, die nicht bey uns waren; und als wir auf Bonaparte und Düpont zu sprechen kamen, so war keiner von uns, der nicht, nach der Leidenschaft für Freyheit und Unabhängigkeit, welche beide in ihrer frühern Jugend geäußert hatten, zu urtheilen, im Voraus überzeugt gewesen wäre, daß sie dem neuen Systeme, welches in Frankreich herrschte, getreu, und seine eifrigsten Anhänger und Vertheidiger seyn würden.

Bonaparte, -- durch seine militairischen Talente, sein Genie, und seinen Muth zu der ersten obrigkeitlichen Würde der Französischen Republik erhoben, erinnerte sich an die Gefährten seiner Kindheit, mit welchen er in genauer Verbindung gestanden, und die Ruhm und Gefahren in seinen glänzendsten Feldzügen mit ihm getheilt hatten; und er verhalf sie zu denen Posten, wozu ihre Talente und Verdienste ihnen Ansprüche gewährten, und von denen er wußte, daß sie dieselben seinen Absichten und dem Interesse des Staats gemäß verwalten würden. Bourienne, dessen Treue und Geschicklichkeit er kannte, wurde sein erster vertrautester Secretair. Jedermann weiß, daß Bonaparte den B. Lauriston, nachdem er ihm das Leben gerettet hatte, zum Brigadechef und zu seinem General-Adjutanten erhob. Der General Dejean hat ihm die Beförderung zu verdanken, zu welcher seine Dienste ihn berechtigten. Dem B. Düroc, dessen Geschicklichkeit, dessen sanften, umgänglichen und leutseligen Character und seinen Takt er kennt, hat er die diplomatischen Aufträge von der äußersten Wichtigkeit anvertraut. Er hat sich seiner alten Freundschaft für Düpont und der ausgezeichneten Verdienste dieses Officiers erinnert, und ihn zum Range eines Chefs des Generalstabs der Armee erhoben. Der General Grouchy hat von Bonaparte den Lohn erhalten, der seinen zahlreichen Wunden gebührte; Moncey, Chef der Gensdarmerie, ist einer von B---tes Mitschülern, auch der Obergeneral Murat, der jetzt des Oberconsuls Schwager ist, was mit ihm in der Kriegsschule erzogen worden.

Ich könnte mehrere von unsern Mitschülern anführen, deren Bonaparte, auf dem hohen glorreichen Posten, den er bekleidet, eingedenk gewesen ist. Auf dem Gipfel der Größe vergaß er die Freunde seiner Kindheit nicht, und alle diejenigen, welche den Gegenstand ihrer Wünsche bis zu ihm konnten gelangen lassen, haben von ihm, wofern diese Wünsche der Vernunft und der Gerechtigkeit gemäß waren, einen günstigen Bescheid erhalten; verschiedene, die sich unmittelbar an ihn wandten, sind entweder aus der Emigrantenliste ausgestrichten, oder nur unter weite Aufsicht gesetzt worden, wenn sie, mit Belegen, denen man Glauben beymessen konnte, versehen, an seine Gnade und Gerechtigkeit appellirten.

Als Bonaparte in Italien die siegreiche Armee der Republik befehligte, ging einer unserer Mitschüler, Hr. von Comminges, zu Bourienne, und bat diesen, sich für ihn bey dem Ober-General zu verwenden, um die Erlaubniß zur Rückkehr nach Frankreich auszuwirken. Bonaparte nahm den Hrn. v. Comminges sehr liebreich auf, gab ihm einen mit eigener Hand unterzeichneten Paß, mit welchem Comminges ohne Hindernisse in seine väterliche Wohnung zurückkehrte. Nach dem unsterblichen Tage von St. Cloud, wo Bonaparte die Zügel der Regierung in die Hände faßte, begab sich Comminges nach Paris, ließ sich dem ersten Consul vorstellen, empfing von ihm eine eben so freundschaftliche, als schmeichelhafte Aufnahme, und wurde zur Tafel gezogen. Während der Mahlzeit spann Comminges eine politische Erörterung an, und bediente sich solche Ausdrücke, welche dem Oberconsul misfallen mußte; so daß Bonaparte, nach aufgehobener Tafel, ernst und schweigend nicht einmahl auf die Fragen antwortete, welche Comminges mit einer so freyen und kecken Art an ihn that, als wenn er ganz vergessen gehabt hätte, daß sein ehemaliger Schulkamerad jetzt erste Magistratsperson der französischen Republik war. Diese Unvorsichtigkeit, die Comminges beging, brachte ihn vielleicht um sein Glück. Denn wenige Tage nachher schickte ihm Bonaparte -- zu groß, um sich wegen einer ihm misfälligen Unklugheit zu rächen, -- durch einen seiner Secretaire den Befehl zu, sogleich aus Paris abzureisen, um einen kleinen, aber einträglichen Posten, zu welchem er ernannt worden war, anzutreten. Diese Stelle band ihn an einen festen Aufenthalt, und verwies ihn überdies in ein von Paris sehr entferntes Departement.

Wenn Bonaparte in mehrern seiner Mitschüler das wahre Verdienst und glänzende Thaten zu ehren und zu belohnen gewußt hat, -- so läßt er auch diejenigen der Strafe nicht entgehen, welche den Gesetzen des Staats und den Befehlen der Regierung zuwiderhandeln. Einer unser Schulkameraden von Brienne, Bouquet aus Rheims, welcher bey der Italiänischen Armee als Lieferant diente, war überführt, daß er sich Unterschleife und Plünderungen habe zu Schulden kommen lassen; sein Prozeß wurde ihm in bester Form gemacht; das Gesetz sprach unverfänglich und laut, es verurtheilte Bouquet zum Tode, aber Bonapartes schonende Gnade rettete ihm das Leben, und die Gerechtigkeit entsetzte ihn blos seiner Stelle.

Hr. von Clenanges, einer unserer Mitschüler, ein Kamerad Bonapartes, mit welchem er in demselben Artillerie-Regimente gedient hatte, war mit ihm in freundschaftlichen Verhältnissen geblieben. Als Bonaparte das Steuerruder der Republik den Händen eines Direktoriums entwand, welches täglich das Grab Frankreichs grub, wünschte ihm Clenanges, welcher damals in Hamburg wohnte, zu dem glorreichen Tage von St. Cloud Glück, und schloß seinen Brief mit der Bitte, aus der Emigrantenliste ausgestrichen zu werden. In demselben Zeitpuncte arbeitete eine vom Ober-Consul ernannte Commission daran, eine Menge entflohener Franzosen dem Staate wiederzuschenken, welche die Schreckensregierung aus ihrem geliebten Vaterlande vertrieben hatte, und welche nach dem Augenblicke seufzten, wo sie es glücklicher wiedersehen, und in seinem Schooße die Segnungen des Friedens und eines goldenen Zeitalters genießen könnten, dessen Anbruch Bonapartes Genius verhieß. Bonaparte konnte seinem Freunde Clenanges weder antworten, noch sonst nützlich seyn; mehrere Posttage waren verstrichen, Clenanges wartete von Tage zu Tage auf eine Antwort, und fing an daran zu verzweifeln, als er durch einen Zettel, den man im Chinesischen Caffeehause zurückgelassen hatte, erfuhr, daß jemand die Adresse des Hrn. von Clenanges, ehemaligen Artillerieofficiers, zu wissen begehre, weil er demselben angenehme Nachrichten mitzutheilen habe.

Clenanges schrieb die Anzeige seiner Wohnung unter die Frage, und am folgenden Tage des Morgens trat ein Commis des Herrn de Chapeaurouge in sein Zimmer, und bat ihn sich zu seinem Principal zu bemühen. Clenanges verfügt sich zu Herrn Chapeaurouge; dieser führt ihn in ein Cabinet, fragt ihn nach den nöthigen Papieren, die zu Belegen dienten, daß er wirklich der ehemalige Artillerieofficier Hr. von Clenanges sey, und sagt ihm hierauf, er habe Ordre ihm 150 Carolinen auszuzahlen. Clenanges fragt nach dem Namen der Person, die ihm diese Summe zustellen lasse; Hr. Chapeaurouge antwortet, er könne darüber weiter nichts sagen, als daß diese Summe bey Hrn. Recamier, Banquier in Paris, für ihn ausgezahlt worden sey. Clenanges wußte wol, daß seine Familie außer Stand sey, ihm eine so beträchtliche Summe zu übermachen; alles ließ ihn vermuthen, daß er sie dem Andenken Bonapartes zu verdanken habe. Bald hatte er darüber keinen Zweifel mehr, als er 2 Monate nachher, ohne darum angesucht zu haben, die unbedingte Ausstreichung aus der Emigrantenliste erhielt.

Bonaparte verließ die Pariser-Militairschule im Julius 1785, um als Lieutenant in das Artillerieregiment la Serre zu treten, welches zu Auxonne in Garnison lag.

Ich bin oft in Auxonne gewesen, (welches von dem Landgute, wo ich wohnte, nur 3 Stunden weit entfernt ist,) theils meiner eigenen Angelegenheiten wegen, theils um Hrn. de Sappel, Obristen des Regiments, in welchem Bonaparte diente, und dessen Verwandter ich war, zu besuchen; so oft ich nach Auxonne kam, besuchte ich auch Bonaparten als meinen ehemaligen Schulfreund, und da sah ich denn, daß er folgende Lebensart führte.

Täglich war er der erste beym Polygon, und er hatte durch seinen Fleiß, und sein unablässiges Studium die Achtung und Freundschaft seiner Obern gewonnen; oft arbeitete er aus seinem Zimmer tief in die Nacht hinein; ich bin mehreremale auf seiner Stube gewesen, immer fand ich ihn mit Arbeiten beschäfftigt, die sich auf seinen Dienst bezogen.

Als die Revolution in Frankreich ausbrach, erklärte sich Bonaparte für ihren eifrigsten Anhänger; er hatte deshalb oft sehr lebhafte Streitigkeiten mit denjenigen seiner Kameraden, die sich aus persönlicher Ueberzeugung an die Royalistische Partey anschlossen. Eines Tages, unter anderm, das Bonaparte die ungeheuren Misbräuche der Regierung und die Nothwendigkeit sie ganz umzuformen dargethan, und die Süßigkeiten der Freyheit gepriesen hatte, bekam er einen ernsthaften Zwist mit einem seiner Kameraden, wovon das Resultat eine Herausforderung war. Einige ihrer Freunde brachten es dahin, sie zu besänftigen. So war Bonaparte schon im ersten Jahre der Revolution im Begriffe, sein Leben für die Sache der Freyheit in Gefahr zu setzen. Aber er war bestimmt sie auf eine nützlichere Art zu behaupten, sie ruhmvoller durchzufechten, und durch den Frieden, den er der Welt geschenkt hat, die Bewunderung aller Völker und das Muster aller Regenten zu werden.


Quellen.Bearbeiten

  • Jugendgeschichte Bonaparte's Ersten Kaisers von Frankreich von Einem seiner Schulfreunde. Leipzig 1804. bey J. A. Hinrichs.
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.