Etrurien.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Etrurien, auch Hetrurien. Dieses reizende Land, westlich vom mittelländischen Meere umfluthet, östlich von den Apenninen begränzt, nördlich vom Flusse Magra, südlich von der Tiber umarmt, dieses Vaterland der kunstreichen Etrusker, die in der Geschichte des neuesten Kunstgeschmacks und bei den wichtigsten archäologischen Untersuchungen wieder aus dem Grabe der ältesten Vorzeit hervorgerufen worden sind; dieses Land ist dasselbe, welches späterhin Toscana hieß, und in der gewaltigen Fluth der Ereignisse als Königreich Etrurien wieder erstand, seit 1809 aber als eine Provinz und große Reichswürde des französischen Kaiserreichs den Namen Großherzogthum Toscana aufs neue führte. Das alte Etrurien war eine wohlgeformte Conföderation, regiert durch die Oberhäupter der 13 oder 14 Hauptstädte des Landes, von denen jede eine Republik war; bei dem Tempel der Volturna hielten diese Volksrepräsentanten, Lucumonen genannt, die zugleich Oberpriester und Feldherren waren, ihre Landtage, wo die allgemeinen Landesangelegenheiten in gemeinschaftliche Berathschlagung gezogen wurden. Ein Bündniß vereinigte sie alle, unter dem sie glücklich waren, dessen Auflösung aber auch das Vorzeichen ihres Untergangs war. In seiner schönsten Blüthe stand Etrurien schon, als Rom erst erbaut wurde, dessen Schule es ward; nur von den Griechen in ihrem höchsten Flor übertroffen, waren die Etrusker berühmt in der Architektur, Schiffbaukunst, Arzneikunde, Waffenschmiedekunst, Befestigungskunst, Tactik, und besonders auch durch ihre technologischen Fertigkeiten in jeder Gattung der Bedürfnisse und des Luxus. In Italien und Griechenland trieben sie einen ausgebreiteten Handel mit ihren Kunstproducten, so daß sie auf vielen Punkten bedeutende Etablissements besaßen. Ueberhaupt war der Handel die stärkste Quelle für ihre Einkünfte, und daher erlangten sie als handelnde Nation, die dadurch in so zahlreiche Berührungspunkte mit Griechenland kam, bei eigenen natürlichen Fähigkeiten bald den Grad von Cultur, der sie rivalisirend neben die Griechen herstellte. Für den Archäologen und Kunstkenner sind aus jenem Zeitalter der Etrusker besonders die Fortschritte, die sie in der Malerei und Plastik gemacht hatten, interessant, indem das Studium der davon noch vorhandenen Denkmäler (geschnittene Steine, Sarkophage, Schalen u. s. w.) allerdings sogar Ausschlüsse über ihre Mythologie gewährt. Aus Griechenland und Aegypten erhielten sie die Keime ihres Geschmacks, der Reiz genug in sich hatte, um selbst eine Epoche in dem Geschmacke der neuern Zeit bestimmen zu können. Die etrurischen Gefäße (Vasen u. s. w.) mit ihren charakteristischen Basreliefs und Malereien sind besonders in des scharfsinnigen Böttigers Abhandlung über die Vasengemälde der genauesten Untersuchung unterworfen worden. (Man vergleiche den Artikel Vasen.) Die Mischung der Farben, Schatten- und Lichtvertheilung kannten die etrurischen Maler jedoch nicht; schwarz oder roth (braunroth) waren ihre gewöhnlichen Farben. Theaterspiele, Musik und Poesie waren ihnen nicht fremd, und ihr Alphabet ward der nähere Typus aller europäischen Alphabete. Doch wie die Griechen, ihre Kunstverwandten, so gingen auch sie und ihre Kunstfertigkeiten, noch ehe sie die Höhe der griechischen erreichten, theils durch innern Zwiespalt, theils durch das Andrängen fremder Völker, im Sturme des Zeitenmeeres unter. Sie selbst, höchst wahrscheinlich Celten aus Gallien, verjagten die in Etrurien früher sich angesiedelten Pelasger, während sie deren Sitten, Einrichtungen, Sprache und Mythologie fast ganz sich zu eigen machten. Die Römer bekamen von ihnen ihr religiöses Ceremoniell, ihre frühe Baukunst xc. Am Schlusse der Periode ihres Ruhmes kam ein anderes Volk aus Gallien und vertrieb sie aus ihren Pflanzstädten in Ober-Italien; ein Theil von ihnen flüchtete in die Alpen, und die Rhätier erhielten dadurch ihr Daseyn. Endlich wurden sie ein Opfer der römischen Herrschsucht, und mit dieser zugleich fielen sie als integrirender Theil, da Rom durch eigene innere Schwäche eine Beute der germanischen Uebergewalt wurde. So spielte seit jener Zeit die Geschichte Etruriens, das während dessen den Namen Toscana erhielt, in die zusammen verwobene Geschichte Deutschlands und Italiens hinein, wo man Markgrafen von Toscana (eingesetzt zuerst von Carl dem Großen) findet, bis die Zeit der Unabhängigkeit für die sogenannten lombardischen Städte erschien, unter denen Florenz; Toscana's Hauptstadt, keine der kleinsten Rollen behauptete. Zu einem neuen Leben schien ganz Ober-Italien erwachen zu wollen; eine freie Regsamkeit in allen Organen, ein hoher aufstrebender Geist, der die kleinen Republiken bald für, bald wider einander in Bewegung brachte, eine Thätigkeit, die, aus gegenseitiger Rivalität entsprungen, zu wohlthuenden Reibungen führte, erhob auch Toscana zu einer hohen Cultur. Es war dort das Blüthenalter der schönen Kunst, deren Priester und Jünger besonders in dem reichen Florenz, unter der siegenden Superiorität der gefeierten Mediceer, einen sichern Hafen, ein schützendes und rühmliches Asyl fanden; nach deren Aussterben 1737 kam der Thron von Toscana an das Haus Lothringen-Oesterreich. (S. Toscana.) Bis zum Jahre 1801 wurde es von dieser Dynastie in der Secundogenitur besessen, bis es nach der verhängnißvollen Schlacht von Marengo, nachdem es früher schon (1793) durch England zur Theilnahme an der ersten Coalition gegen Frankreich genöthigt worden war, von Oesterreich abgetreten und, mit Piombino vereinigt, unter dem Namen Königreich Etrurien, dem damaligen Erbprinzen von Parma, Infanten von Spanien, einzigem Sohne Ferdinands I., Herzogs von Parma, als Königs des neuen Reichs, überlassen wurde. Diese ganze Regierungsrevolution war die Folge eines am 21. März 1801 zwischen Frankreich und Spanien abgeschlossenen Tractats, nach welchem der Krone Spanien, auf den Fall, daß die neue Dynastie Etruriens in der männlichen Nachkommenschaft aussterben würde, dies Reich für ihre Secundogenitur zugestanden, Frankreich aber das Herzogthum Parma nach dem Tode Herzogs Ferdinands I. zugesichert wurde. Die Besitznahme Parma's durch Frankreich geschah auch, als Ferdinand am 9. October 1802 starb; und als auch seinen Sohn, den König Ludwig von Etrurien, am 27. Mai 1803 der Tod schon ereilte, übernahm seine Witwe, die Königin Marie Louise, eine Tochter Carls IV. von Spanien, als Vormünderin ihres Sohnes, Carl Ludwig, geb. am 23. December 1799, die Regierung. Unter ihr geschah, ungeachtet ihrer, in den damaligen verwickelten politischen Verhältnissen in der That precären Lage, viel in mancher Hinsicht. Die englischen Waaren wurden verboten und eine strenge Controle über den Handel eingeführt. Zugleich interessirte man sich für die geistige Bildung und politische Richtung des Volkes mit vielem Eifer. Ein Decret vom 20. Febr. 1807 verordnete die Eröffnung eines Lyceums für Toscana, und bestimmte das königliche Museum der Physik zum öffentlichen Unterrichte. Es wurden zugleich Lehrstühle für Astronomie, Physik, Chemie, Anatomie, Mineralogie, Zoologie und Botanik errichtet. Die Wiederherstellung des seit 22 Jahren unterbrochenen Brückenfestes zu Pisa, wobei die Einwohner des Nordviertels der Stadt mit denen des Südviertels um den Besitz der beide verbindenden Marmornen Arno-Brücke kämpfen mußten, electrisirte das warme Blut des Volkes. Das Andenken an die olympischen Spiele der alten Hellas erwachte. Die Regierung schien den herrschenden Geist der zeit zu fassen. Doch dem Unvermeidlichen konnte sie nicht entgehen. Etruriens Königsthron sollte nur eine Episode im Gange des großen Planes seyn. Am 7. December 1807 machte der angekommene französische General Reille der Königin die ihm aufgetragenen Eröffnungen, und drei Tage darauf, am 10. December, erschien ein Publicandum, worin Marie Louise für sich und ihren Sohn der Regierung zu Gunsten des französischen Kaisers entsagte. An demselben Tage reis'te die königliche Familie über Bologna nach Spanien ab, und Etrurien war eine französische Provinz geworden, da es durch eine ungeheuere Staatsschuld niedergedrückt, bei nur 12,650,000 Franken jährlicher Einkünfte, seine Selbstständigkeit ohnehin nicht mehr hätte behaupten können. Doch hieß es noch nicht einverleibt. Diese Einverleibung geschah erst durch ein Senatus-Consult vom 30. Mai 1808; die Staaten von Toscana wurden unter den Titeln der Departements vom Arno, vom mittelländischen Meere und von Ombrone für einen ergänzenden Theil des französischen Reichs erklärt, und vorläufig mit unter die Aufsicht des General-Gouverneurs jenseit der Alpen, wozu der Fürst Borghese, Napoleons Schwager, ernannt wurde, gestellt, nachdem schon vorher am 12. Mai eine außerordentliche Junta unter dem Vorsitze von Menou eingesetzt worden war. Im Jahre darauf, am 6. März 1809, wurde das Schicksal von Etrurien-Toscana endlich entschieden. Napoleons Schwester, Elisa, Gemahlin des Fürsten von Lucca und Piombino, wurde zum General-Gouvernement des toscanischen Departements, mit dem Titel einer Großherzogin von Toscana, befördert, und die Civil- und Militär-Organisation des neuen Großherzogthums durch ein besonderes Statut genau bestimmt. Die italiänische Sprache ward in den Gerichtshöfen und Acten, mit der französischen concurrirend, erlaubt, und ein Preis von 500 Napoleonsd'or den Schriftstellern ausgesetzt, die zur Reinheit der italiänischen Sprache vorzüglich beitragen würden. So wurde aus Etrurien, einst zuerst von Galliern cultivirt, nach einigen tausend Jahren wieder eine Provinz des heutigen Gallien. Nach den politischen Veränderungen seit dem März 1814 aber ist es wiederum an seinen vorigen Besitzer gekommen. (S. d. Art. Toscana.)


Zeitungsnachrichten.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[1808]

[2]

Italien.

Die Florentiner-Zeitung vom 5. July enthält ein kaiserliches Dekret aus Bayonne vom 12. May, wodurch eine ausserordentliche Junta angeordnet wird, welche den Staat von Toskana verwalten und regieren soll. Diese besteht aus dem General Menou, der unter dem Titel eines Generalgouverneurs das Kommando über die Truppen und den V rsitz in der Junta führt; ferner aus dem Staatsrath Dauchy, den Requetenmeistern Chaban, Degerando und Janet, und dem Auditor Balbe-Berton-Crillon, als Generalsekretär. Die Junta erließ hierauf unterm 26. Juny an die Einwohner von Toskana eine Proklamazion, die so lautet: "Toskaner! Se. Majestät der Kaiser und König beruft euch zu der Ehre, einen Theil der grossen Familie auszumachen, ihr sollt Antheil an den hohen Bestimmungen des Reichs nehmen, das sein Genie gestiftet hat. Napoleon der Grosse adoptirt euch als seine Kinder, und die Franzosen grüssen euch mit dem Nahmen Brüder. Diese Adopzion verspricht euch alle Wirkungen der wohlthätigen Sorgfalt unsers erhabenen Kaisers, der Beschützers der R ligion und der guten Si t . Er will, daß ihr glücklich seyd, er giebt euch ein Gesetzbuch, die Frucht der Weisheit und Erfahrungen von Jahrhunderten. Dieses garantirt das Eigenthumsrecht und die Existenz der Familien. Er will euern Ackerbau, eure Industrie blühend sehen, er will Toskana, dem Vaterlande eines Dante, eines Galilei und Michelangelo, dem Athen Italiens, den alten Glanz wieder geben, welchen es in seinen schönen Zeiten durch Wissenschaften und Künste erlangte. Toskana war für das heutige Europa deren Wiege. Da wir von dem größten aller Helden und Monarchen unter euch gesandt sind, so ist unser erster Wunsch dieser, daß ihr ihn lieben lernt. Um zu diesem Zweck zu gelangen, ist es hinlänglich, daß wir ihn euch kennen lehren, und getreu die von ihm erhaltenen Vorschriften befolgen. Doch eure Gesinnungen sind unseren Wünschen schon zuvorgekommen; mit uns verehrt, bewundert, und liebt ihr seinen erhabenen Nahmen. Toskaner, ihr seyd ein gutes, tugendhaftes, getreues Volk. Der Kaiser kennt und schätzt euch. Habt nur volles Zutrauen. Die Uebelgesinnten aller Parteyen mögen schweigen, und ja nichts hoffen. Aber verständige unbefangene Personen sollen sich zusammenhalten, und hier, so wie in ganz Frankreich, nur einen Sinn haben. Von diesen könnt ihr lernen, würdige Kinder Napoleons zu seyn."


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  2. Wiener-Zeitung. Nro 59. Sonnabend den 23. July 1808.
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