Neapel (Königreich).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Das Königreich Neapel [1] im untern Italien wurde vor der Römer Zeit von barbarischen Völkern bewohnt, an deren Küsten sich griechische Colonien niederließen, von denen der untere Theil Italiens den Namen Groß-Griechenland erhielt. Nachdem die Römer in der Ausbreitung ihrer Herrschaft über Italien sich auch dem untern Theile desselben genähert, die Samniter nach einem hartnäckigen oft erneuerten Kampfe besiegt und den König Pyrrhus von Epirus, welcher den Tarentinern zu Hülfe eilte, zurückgeschlagen hatten, vollendeten sie im J. 481 nach Erbauung Roms durch die Eroberung von Tarent ihre Herrschaft über das untere Italien. Nach Vernichtung des weströmischen Reichs (476 nach Christo) wurde der untere Theil Italiens von den Ostgothen beherrscht, während Sicilien den Vandalen in die Hände fiel. Beide Länder geriethen jedoch bald unter die Botmäßigkeit der griechischen Kaiser, die sich als die Erben des weströmischen Reichs betrachteten. Im neunten Jahrhunderte ließen sich die Araber oder Saracenen in Sicilien nieder und führten von da Streifereien nach dem untern Theile Italiens aus. Nach langwierigen Kämpfen behaupteten sich jedoch die Normannen im eilften Jahrhunderte im Besitz beider Länder. Roger II., aus einem alten normannischen Geschlecht, machte die Vereinigung beider Länder dadurch noch fester, daß er sich im J. 1130 zum König von Apulien, Calabrien und Sicilien erklärte. Man nannte von nun an die vereinigten Länder: beide Sicilien oder das Königreich beider Sicilien, indem man Neapel als ein diesseit der Meerenge liegendes Sicilien ansah. Durch die Vermählung der Tochter und Erbin Rogers, Constance, mit Kaiser Heinrich VI. gerieth das Königreich beider Sicilien an das hohenstaufische Haus. Da diese Nachbarschaft des mächtigen Kaiserhauses dem päpstlichen Interesse zuwider war, so schenkte Papst Urban IV. das Königreich dem Bruder Ludwigs IX. von Frankreich, Carl von Anjou, welcher den rechtmäßigen Erben Conradin enthaupten ließ. Da ihm aber bald darauf (1282) Sicilien durch den arglistigen König von Aragonien, Peter III., entrissen wurde, so verlor sich auf einige Zeit der Name des Königreichs beider Sicilien, indem das Königreich Neapel von nun an abgesondert existirte. Nach dem Tode der Königin Johanna II. setzte sich Alphons V., König von Aragonien, in Besitz von Neapel. Ferdinand der natürliche Sohn Alphons V., wurde indessen im Besitz des Königreichs Neapel von Ludwig XI., König von Frankreich, angefochten, der die Ansprüche des Hauses Anjou auf dieses Land geerbt hatte. Carl VIII., König von Frankreich, unternahm, um diese Ansprüche zu behaupten, jenen berüchtigten Zug nach Italien, auf welchem er Neapel eben so geschwind wieder verlor, als er es erobert hatte. Carls Nachfolger, Ludwig XII,. verband sich mit dem hinterlistigen Ferdinand dem Catholischen, König von Aragonien, (der auch von seinen Vorfahren her noch im Besitze von Sicilien war) zur Eroberung von Neapel. Allein Ferdinand wußte die Franzosen zu täuschen und sich selbst im alleinigen Besitz von Neapel zu erhalten. So wurde das Königreich beider Sicilien ein Theil der spanischen Monarchie, und blieb es bis zu dem spanischen Successionskrieg, der nach dem Tode Carls II. von Spanien ausbrach. Die Oesterreicher bemächtigten sich Neapels, während der Carln II. zum Nachfolger ernannte französischen Prinz, Philipp V., sich im Besitz von Sicilien behauptete. Durch den utrechter Frieden, welcher den spanischen Successionskrieg (1713) endigte, wurde Neapel den Oesterreichern und Sicilien dem Hause Savoyen zugetheilt. Als Spanien indessen im J. 1717 Sardinien und Sicilien angriff, tauschte Oesterreich Sicilien von Savoyen für Sardinien ein, so daß also das Königreich beider Sicilien nun ein Theil der österreichischen Monarchie wurde. In dem Kriege, welche 1733 nach dem Tode August II., Königs von Polen, entstand, eroberte und behauptete Spanien beide Sicilien für den spanischen Infanten Don Carlos. Der Versuch, den die Oesterreicher im J. 1744 machten, sich wieder in den Besitz dieser Länder zu setzen, mißglückte vorzüglich durch die Folgen des Gefechts bei Veletri. Als jener spanische Infant und König beider Sicilien nach dem Tode seines Halbbruders (im J. 1759) den spanischen Thron bestieg, übergab er das Königreich beider Sicilien seinem dritten Sohn Ferdinand, mit der Bedingung, daß es nie mit der spanischen Monarchie wieder vereinigt werden dürfe. Dieser neue König beherrschte nun unter dem Namen Ferdinand VI. Neapel. Im J. 1799 verwickelte ihn die Theilnahme an der Coalition in Krieg mit Frankreich. Die Franzosen eroberten Neapel und errichteten daselbst die sogenannte parthenopeische Republik (1799), nach dem alten Namen der Stadt Neapel Parthenope. Ferdinand, welcher seine Residenz indessen zu Palermo aufgeschlagen hatte, kehrte zwar, nachdem er am 28. März 1801 einen nachtheiligen Frieden mit den Franzosen geschlossen hatte, 1802 nach Neapel zurück, allein die Theilnahme an der Coalition von 1805 verursachte, daß er nach Besiegung der Oesterreicher Neapel aufs neue verlor, und daß Napoleon seinen Bruder Joseph an Ferdinands Stelle zum König von Neapel ernannte. Die Besitzergreifung konnte jedoch nicht vollständig vollzogen werden, indem die alte Dynastie sich, von den Engländern als Herrn zur See unterstützt, im Besitz von Sicilien glücklich erhielt. Als im J. 1807 König Joseph auf den spanischen Thron berufen wurde, folgte ihm in der Regierung von Neapel (im Juni 1808) Murat, der Schwager Napoleons, bisheriger Großherzog von Berg, unter dem Namen Joachim Napoleon. Die Hinneigung zum System der Alliirten, welcher dieser Fürst im Frühjahr 1813 zu bezeigen schien, die Begierde Englands, immer größere Massen von Streitkräften gegen Frankreich zusammenzubringen, die Politik Oesterreichs, sich eines künftig als Föderirten zu behandelnden alliirten in Italien zu versichern, veranlaßten, das Oesterreich und England durch Specialtractaten, welche andre Diplomatiker politische Monstruositäten genannt haben, welche jedoch von dem Unbefangen und Genauunterrichteten durchaus gebilligt werden mußten, dem König Joachim den fernern Besitz seiner Monarchie garantirten. Indessen war diese Garantie von keiner dauernden Wirkung, indem Joachim schon im Frühling des Jahrs 1815, dem Glücke des wiederkehrenden Napoleons vertrauend, die Maske abwarf, was denn die Folge hatte, daß er nach einem kurzen Kriege Thron und Reich, und bei dem wiederholten abenteuerlichen Versuche, abermals die Krone zu erlangen, auch noch das Leben verlor, wie dies alles in dem Artikel Joachim umständlich erzählt worden ist. So gelangte denn Ferdinand, durch die siegende Macht der österreichischen Waffen, wieder in den Besitz des lange entbehrten Königreichs Neapel, und am 17ten Juni hielt er seinen feierlichen Einzug in die Hauptstadt.

Dieses Königreich (ohne Sicilien) enthält mit den von ihm enclavirten Lehnsfürstenthümern Benevent und Pontecorvo aus 1447 Q. Meilen über fünf Millionen Menschen, so daß beinahe viertehalbtausend Menschen auf die Quadratmeile gerechnet werden müssen. Diese außerordentliche Bevölkerung ist eine Folge der üppigen Fruchtbarkeit des Bodens und der Milde des Clima's, welche Neapel zu einem der reizendsten Länder der Erde machen. Seit die napoleonische Dynastie den neapolitanischen Thron bestiegen hatte, und vorzüglich während der Regierung des Königs Joachim, sind eine Menge von Mißbräuchen verschwunden, welche sich der Cultur, dem Wohlstand und der geistigen Ausbildung des Landes unter den vorigen Regierungen entgegengesetzt hatten. Das Militär, die Finanzen, die öffentlichen Sicherheitsanstalten sind vorzüglich in einen verbesserten Zustand gekommen, welche Verbesserungen von der jetzigen Regierung größentheils benützt und beibehalten worden sind, ob sie gleich auch mehrere Verfügungen getroffen hat, die einen retrograden Gang auf dem glücklich eingeschlagenen Wege der Cultur anzeigen. Nach der Verordnung vom 1sten Mai 1816 ist das Königreich Neapel in folgende 15 Provinzen eingetheilt: 1) Neapel (Hauptstadt gleichen Namens), 2. Terra di Lavoro (Hauptstadt Capua), 3. Principato Literiore (Salerno), 4. Basilicata (Patenza), 5. Principato Ulteriore (Avellino), 6. Capitanata (Foggia), 7. Terra di Bari (Bari), 8. Terra d'Otranto (Lecci), 9. Calabria Citeriore (Cosenza), 10. II. Calabria Ulteriore (Catanzaco), 11. I. Calabria Ulteriore (Reggio), 12. Melise (Campobasso), 13. Abruzzo Ulteriore (Chieti), 14. II. Abruzzo Ulteriore (Aquila), 15. Abruzzo Ulteriore (Teramo). Jede Provinz hat ihre besondre Administration, die in der Hauptstadt ihren Sitz hat, und wird in Districte, die Districte in Bezirke (circondari), und die Bezirke in Gemeinden eingetheilt. In diesen 15 Provinzen zählt man 144 Städte, 2067 Flecken und Dörfer und über 800,000 Feuerstellen. Einige Albanier ausgenommen, welche an den Küsten leben, bestehen die Einwohner bloß aus Italienern, welche einen eignen Provinzialdialect reden. Die catholische Religion ist allgemein herrschend. Die übermäßige Zahl der Geistlichen und Klöster hat sich während der Regierung der Napoleoniden bedeutend vermindert, aber nicht der so zahlreiche Adel, welcher hier im J. 1788 noch 120 Fürsten, 150 Herzöge, 170 Marchesen, 40 Grafen und 450 Barone aufzuweisen hatte. Die Staatseinkünfte betragen zwischen 12 und 13 Millionen Ducati. Die Staatsschuld wurde im J. 1808 auf 67 Millionen Ducati geschätzt.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
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