Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carl Gottlob Küttner.

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Wien, den 20. März 1799.

Schon vergangenen December wünschten wir die Russischen Truppen zu sehen, die damahls in Mähren standen. Zu Weihnachten ging der Kaiser nach Brünn, und mit ihm ein ganzes Heer von Neugierigen, Wiener so wohl als Fremde. Wir fanden Schwierigkeiten wegen der Pferde, Wohnung u. s. w. und sahen, daß wir einer Menge Unbequemlichkeiten ausgesetzt seyn würden, wozu denn die große Kälte kam, die um diese Zeit siebzehn Grade unter Reaumur's Eispuncte war. Die Sache unterblieb.

Jetzt habe ich die Russen auf eine leichtere und angenehmere Art gesehen. Die ganze Colonne, die zeither bey Crems und St. Pölten gestanden hat, ist nun für Italien bestimmt, und geht jetzt durch Schönbrunn, eine kleine Meile von hier.

Ich machte mich frühe auf den Weg, und bekam dadurch Zeit, umher zu gehen und die Gruppen, die sich an verschiedenen Orten erst im Kleinen sammelten, wohin sie aus ihren Nachtquartieren stießen, genauer zu beobachten.

Das merkwürdigste für den Menschen und den Europäer sind wohl, bey diesen Truppen, die Cossaken. Ihre Sprache, ihre Kleidung, ihre Waffen, ihre Evolutionen -- Alles ist von den unsrigen verschieden, und das Ganze hat ein Ansehen, das bey dem ersten Anblicke dem Rufe zu widersprechen scheint. Sie wissen, daß diese Truppen als schreckliche Barbaren verschrien sind, und die Grausamkeiten, die sie noch vor ein paar Jahren verübten, erinnerten wieder an Ismael, und bestätigten leider den alten Ruf nur zu sehr. Auch hängt seit einigen Monathen in den Kupferstichläden von Wien eine Abbildung von einem Cossaken, der, so wie sein Kleid, sein Pferd und des letztern ganzes Geschirre, ein hohes Gepräge von Barbarey trägt.

Ich muß aber vor allen Dingen erinnern, daß es der Cossaken mehrere Arten gibt. Die, welche ich gestern sahe, sind vom Flusse Don, wie mir ein Russischer Officier sagte, und, ihrer Religion nach, von der Griechischen Kirche. Sie wohnten ehemahls in der Ukraine und reden noch jetzt eine Sprache, die von der Pohlnischen nicht sehr verschieden ist. Ich war bey einer langen Unterredung gegenwärtig, die eine Pohlnische Dame mit einem derselben hielt, und in welcher beyde Theile sich einander vollkommen verstanden.

Sie lassen ihren ganzen Bart wachsen, während daß sie ihr Hinterhaar, das sie ohne Verzierung und ohne Puder tragen, ziemlich kurz abschneiden. Ueber der Stirne hängt den mehresten ihr ungekämmtes Haar tief herab. Schon dieses gibt einen sehr wilden und für Europäer ungewohnten Blick. Ihre Beinkleider sind weit, und gehen beynahe bis auf die Knöchel herab. Den Säbel, der krumm und breit ist, tragen sie umgekehrt, d. h. so, daß die Spitze vorwärts und die Biegung rückwärts kommt; also gerade das Gegentheil von unsern Husaren. In ihrem Gürtel steckt auf jeder Seite eine lange Pistole, und in der Hand tragen sie einen ungefähr neun schuh langen Spieß. Manche führen auch eine Flinte, die ihnen quer über den Rücken hängt, und eine Peitsche. Viele haben auch noch Bogen und Pfeile; von diesen aber waren keine hier. Ihre Weste ist zugeknöpft, und geht in die Beinkleider. Auf dem Kopfe tragen sie eine Mütze, ungefähr wie die so genannten Pudelmützen; einige derselben waren von außen mit Pelz überzogen. Da sie sich ihre Kleidung selbst anschaffen, so herrscht darin viel Verschiedenheit. Zwar sind sie so ziemlich alle blau; doch bemerkte ich auch einige in grünen Jacken und andere in rothen. -- Auch ihre Waffen müssen sie sich selbst schaffen. Die Patrontasche trugen einige in ledernen Riemen, andere an einem Gurt, und nach andere in Gürteln von jenen Rändern, die die Tuchmacher an das Ende ihrer Tücher wirken, und die man gewöhnlich die Sahlleiste nennt.

Ihre Pferde, die, wie es scheint, nie geputzt, nie geschoren werden, sind klein und sehen höchst elend aus, so daß niemand sich träumen lassen würde, daß diese jene Tartarischen, oder Ukränischen Thiere sind, die wegen Dauer, Schnelligkeit, Gelehrtheit und Feuer einen so alten als bekannten Ruf haben. Viele sind nur an zwey Füssen beschlagen, einige gar nicht. Ihr Geschirre ist elend und von allen Farben, weil es, so scheint es wenigstens, nie geputzt wird. Auch führen sie keinen Stangenzaum, sondern bloß eine Trense. Demungeachtet regieren sie diese Pferde mit außerordentlicher Leichtigkeit und Bestimmtheit, und haben bey Brünn Evolutionen damit gemacht, über die man erstaunte.

Die Officiers sind im Aeußern wenig von den Gemeinen unterschieden, und das ist selbst der Fall mit ihrem General, Dennishof, der ein naher Verwandter von dem ist, welcher Koschiusco gefangen nahm.

Beym Angriffe machen sie ein heulendes Geschrey, ungefähr wie die Wilden in Nordamerika. Man gebraucht sie als leichte Truppen zu mancherley Diensten, als zum ersten Angriffe, Piquets zu werfen xc. und dann vorzüglich nach der Schlacht, da sie denn wegen ihres Mordens und Plünderns berühmt sind. -- Sie haben eine eigene Geschicklichkeit, aus einander zu fliegen, sich in allen Richtungen zu zerstreuen, und doch im Augenblicke in ein regelmäßiges Corps sich wieder zu sammeln. Man rühmt und schätzt sie außerordentlich wegen ihrer natürlichen Fähigkeiten, ihres Scharfsinnes, ihrer Anhänglichkeit und ihres Gehorsams gegen ihre Häupter. -- Ich ging gestern früh über eine Stunde lang unter ihnen herum, und blieb besonders vor den Gruppen stehen, welche mit Europäisch gekleideten Personen allerley Stände (dieß waren größtentheils Pohlen, die sich zu Wien aufhalten) um Gespräche waren. Einige der letztern übersetzten mir nachher den Inhalt. Jemand nannte in diesen Unterredungen den Nahmen Suwarow! Der Cossake wiederhohlte ihn drey Mahl mit vieler Wärme und berührte mit drey Fingern seine Stirne und die rechte und linke Brust, ungefähr wie ein Katholik mit Weihwasser thut. Was er dazu sagte, war, wie ich nachher hörte: "Bey Suwarow leben, bey Suwarow schwören wir; er ist der Freund Gottes und des heiligen Nicolas, und wir hoffen, daß er uns commandiren wird." -- Er wird jetzt zu Wien erwartet, um wirklich das Commando zu übernehmen. Die Wahl ist glücklich, weil kein Russischer, jetzt lebender General das Vertrauen der ganzen Armee in dem Grade besitzt, wie er. -- In diesen Gesprächen fand ich nichts, das unsern Begriffen von einem Barbaren entspricht. Die allermehresten hatten einen männlichen Anstand, der eben so weit von Insolenz, als von Schüchternheit, oder knechtischer Demuth entfernt ist. Ihre Rede war gefaßt und schnell, lebhaft, freundlich, und ihr Gesicht voller Geist. Sie schienen mir weit über den gemeinen Deutschen, oder überhaupt über Europäischen Soldaten erhaben. Auch höre ich, daß sie sich in ihrem Lande keinesweges als eine niedrige Menschenclasse betrachten, sondern entweder kleine Landbesitzer, oder unabhängige Nomaden sind. -- Ihre Körper sind mehr stark und untersetzt, als lang, und tragen offenbare Zeichen von Kraft und Gesundheit. Ihre Gesichtsfarbe ist die aller Völker, die beständig in freyer Luft leben und jeder Art von Witterung ausgesetzt sind, ein braunes Gelb. Ich habe Ihnen schon zu anderer Zeit geschrieben, daß ein elender Irischer Landmann fast die nähmliche Gesichtsfarbe hat, wie der elende Neapolitaner am Flusse Selo, so verschieden auch das Clima ist, in welchem diese beyden leben. Etwas von der nähmlichen Farbe bemerkte ich fast an allen Russischen Soldaten, die ich gestern sahe. Manche waren beynahe so braun, wie Ostindier.

Es schien den Cossaken zu gefallen, daß so viele Menschen kamen, sie zu besehen. Sie zeigten sich zu allem sehr willig, ließen sich betasten, und immer mit Freundlichkeit und guter Laune.

Pferde haben sie mehr, als sie brauchen. Sie binden sie zusammen und geben vier, fünf bis sechs einem einzigen zu führen; und diese sind dann außer den Reihen.

Da ich wußte, daß auch Calmücken unter dieser Armee sind, so wünschte ich sehr, einige zu sehen; allein ich erfuhr, daß sie kein eigenes Corps ausmachen, sondern unter den Cossaken zerstreut wären. Auch sind ihrer nicht viele mehr übrig, denn sie waren vom Anfange in geringer Zahl, und seit ihrem Ausmarsche sollen schon an die 600 gestorben seyn, weil dieses Clima, wie man sagt, ihnen nicht zuschlägt. –

Die übrigen Russischen Regimenter, die ich hier sahe, waren Europäisch gekleidet, einige mit dreyeckigten Hüten, mehrere mit Mützen, ungefähr wie kleine zugespitzte Grenadiermützen, dergleichen man noch unter einigen Truppen in Norddeutschland findet.

Der Kaiser empfing sie vor seinem Pallaste von Schönbrunn zu Pferde, begleitet vom Herzoge Albert von Sachsen-Teschen, von den vornehmsten Officiers der Deutschen und Ungarischen Garde, einigen Generalen xc. So wie sie vor dem Kaiser defilirten, hatte jedes Russische Corps, außer seinem Anführer, einen Oesterreichischen General zu seinem Begleiter, oder Wegweiser. Die Russischen Officiers hatten ein sehr gutes Ansehen; aber die Montur der Gemeinen war so abgetragen und verschossen, daß mich dünkte, die Cossaken wären weit besser gekleidet.

Die Art, ihr Gepäcke fort zu bringen, ist besser, als ich es noch bey irgend einer Armee gesehen habe. Gepäcke, Munition und kurz Alles, was ein Regiment braucht, befindet sich in wohlgebauten, sehr zweckmäßigen Wagen, die ganz bedeckt sind und von ihren eigenen Pferden und Stückknechten geführt werden.

Auch verdienen ihre Krankenwagen bemerkt zu werden, welche, so viel ich weiß, sonst keine Europäische Armee kennt, als die Englische. (Ein Kaiserlicher General hat mir seitdem gesagt, daß die Franzosen jetzt Krankenwägen hätten, die noch besser wären, als die Englischen.) Es sind große, ganz bedeckte Wagen, die in vier Federn hängen, oder wenigstens in einer Art von Federn, die von Holz und eisernen Platten zusammen gesetzt sind.

Oesterreichische Officiers haben mich versichert, daß der Kaiser einen ansehnlichen Theil seiner Truppen einbüße, besonders nach den Schlachten, bloß weil es bey seiner Armee an solchen Krankenwagen fehlt. Sie werden auf Bauerwagen und Karren aller Art fortgebracht, wodurch die Verwundeten und Kranken nicht nur schrecklich leiden, sondern auch eine große Zahl derer ums Leben kommt, die bey besserer Pflege gerettet werden könnten.

Die Fahnen der Russischen Regimenter, die Europäisch gekleidet waren, hatten den Russischen Adler; in denen der Cossaken war ein Heiliger, auch zwey.

(Aus einem andern Briefe vom 29. März.) Vor einigen Tagen ist der Feldmarschall Suwarow hier angekommen, und es ist nun entschieden, daß er nicht nur die Russen, sondern auch die gesammte Kaiserliche Armee in Italien commandiren wird. Da waren nun die Wiener in nicht geringer Bewegung, um den Wundermann zu sehen. Er sieht aus, wie andere Leute, etwas gedruckt von Alter, Wetter und Ermüdung aller Art. Dabey aber ist er noch voller Kraft und thätig. Einige meinten, sie hätten in seinem Gesichte doch etwas von dem gesehen, was den Eroberer von Ismael und Praga andeutete. Hier erscheint er wie andere Menschen.


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reise durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen und einen Theil von Italien, in den Jahren 1797. 1798. 1799. Leipzig, bey Georg Joachim Göschen, 1804.
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