Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Cassel.[]

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Cassel, Haupt- und Residenzstadt des Churfürsten von Hessen, am Fluß Fulda, in Niederhessen. Sie wird in 3 Städte, nämlich in die Altstadt, untere Neustadt und obere oder französische Neustadt eingetheilt. Ueber die Fulda geht eine schöne steinerne Brücke. Die Zahl der Häuser beträgt 1390, u. der Einwohner 18,450. Die Altstadt und untere Neustadt sind zum Theil altmodisch gebaut, hingegen ist die obere Neustadt sehr regelmässig und prächtig; vorzüglich die Königsstrasse. Alle Theile haben nächtliche Beleuchtung durch Laternen. Unter andern Gebäuden ist das, wo sich die Collegia versammeln, das Zeughaus, Gießhaus und neue Zuchthaus, der Paradeplatz, die großen Kasernen, der Marstall, die Hauptkirche zu St. Martin und das Bibliothekgebäude sehenswürdig. Nicht weniger sind daselbst die fürstl. Lustgärten, nebst dem großen Orangeriehause, dem Marmorbade und der Menagerie, ingleichen das eine Stunde davon gelegene Schloß Weissenstein, mit seinen vortrefflichen Fontainen und Cascaden merkwürdig. Der Handel der Stadt ist nicht von Wichtigkeit, doch hat sie 1 Porcellain- 1 Englisch Geschier, Wollenzeug- Wachslichter, Galanteriewaaren- und Spielcharten-Fabrik. In dem 1756. entstandenen Kriege, ist diese Stadt verschiedenemal von den französischen Truppen besezt, und das Hauptquartier ihrer Generale gewesen. Sie erhielten sich auch darinnen bis 1762. den 1sten November da sie mit Capitulation abzogen, und den Platz an die Alliirten übergaben. Im J. 1767. machte man den Anfang, die ehemaligen Befestigungswerke niederzureissen, womit man auch in 6 - 7 Jahren zu Stande kam. Die Thore wurden bis an die Extremitäten der ehemaligen Befestigungswerke vorangerückt, und der dadurch entstandene innere Raum ward mit neuangelegten Strassen, Gärten und Spaziergängen angefüllet. Das Collegium Carolinum oder Lyceum zu Cassel ward 1709. von dem Landgraf Carl gestiftet; zu demselben gehört auch ein Schulmeister Seminarium. Die vor diesem damit verbundene Zeichnungsschule ward aufgehoben, und dafür im Jahr 1775. eine Mahler- und Bildhauerakademie eröfnet. Das Museum enthält, vorzüglich durch den großen Zuwachs, den ihm der Landgraf Friedrich II. verschaft hat, einen beträchtlichen Schatz von Alterthümern. Eine eigene Lehranstalt hat das adeliche Cadettencorps. Auf dem Friedrichsplatze stehet die Bildsäule, welche die Hessen-Casselischen Landstände dem erstgedachten Landgrafen errichten liessen. Die von ihm gestiftete gelehrte Societät geschäftigt sich seit der Regierung des itzigen Churfürsten mit Gegenständen der deutschen und vornehmlich hessischen Geschichte und Alterthümer. Neben ihr ist auch eine Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste vorhanden.


Cassel..[]

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Cassel, Haupt- und Residenzstadt des Churfürsten von Hessen, an der Fulda, in Nieder-Hessen, enthält 1390 Häuser und etwa 19,000 Einwohner. Sie wird in die Altstadt, untere Neustadt und obere (französische) Neustadt eingetheilt. Die Altstadt und untere Neustadt sind zum Theil sehr schlecht gebaut; die obere Neustadt hingegen, welche von den, durch das Edict von Nantes aus Frankreich vertriebenen Hugenotten erbaut worden, ist regelmäßig und prächtig. Hier zeichnet sich besonders die Königstraße aus. Alle Theile der Stadt haben nächtliche Beleuchtung durch Laternen. Unter den Gebäuden zeichnen sich aus: das Museum, das Zeughaus, das Gießhaus, die neuen Casernen (welche erst 1811 während der französischen Besitznahme vollendet worden sind), und der Paradeplatz. Bemerkungswerth sind noch: der große Lustgarten, die Aue genannt, mit dem Orangeriehause und der Menagerie (welche letztere aber jetzt nicht mehr vorhanden ist), ingleichen das eine Stunde von der Stadt gelegene Lustschloß Weißenstein (nachher Wilhelmshöhe benannt), welches durch Natur und Kunst, vorzüglich aber durch seine Cascaden und Fontainen, zu den merkwürdigsten Anlagen der neuen Zeit gehört. Unter den Merkwürdigkeiten der Stadt sind ferner zu nennen: die prächtige Brücke, welche über die Fulda geht, der Friedrichsplatz, mit der Bildsäule Landgrafs Friedrich II., der Königsplatz und das Wilhelmshöher-Thor. Die Stadt ist vortrefflich gepflastert, besonders auf dem Königsplatze, dem Friedrichsplatze, so wie überhaupt in der ganzen obern Neustadt. Im Jahre 1767 machte man den Anfang, die ehemaligen Festungswerke der Stadt niederzureißen, und kam damit in etwa sechs Jahren zu Stande. Das Museum und die damit verbundene Bibliothek enthalten manche schätzungswerthe Gegenstände, die der Aufmerksamkeit der Gelehrten nicht unwerth sind. Die Stadt hat übrigens merkwürdige Schicksale erlitten. Im siebenjährigen Kriege wurde sie verschiedene Male von den französischen Truppen besetzt und war Hauptquartier ihrer Generale. Sie erhielten sich bis zum Jahre 1762 in derselben, wo sie am 1sten November abzogen und den Alliirten die Stadt mit Capitulation übergaben. Nachdem in der hierauffolgenden Zeit die Landgrafen und nachherigen Churfürsten die Ruhe, welche in Deutschland herrschte, zur Verschönerung der Stadt angewandt hatten, ward diese, nach dem im Jahre 1806 von Bonaparte über die Preußen erfochtenen Siege, abermals durch die Franzosen besetzt und zur Hauptstadt des neu geschaffenen Königreichs Westphalen gemacht, das zu Ende des Jahrs 1813 in sein Nichts zurückging. Noch muß angemerkt werden, daß das vorige Residenzschloß, welches sich freilich nur durch seine antike Bauart auszeichnete, im Jahre 1812 während der französischen Besitznahme abgebrannt ist, und nun bei eingetretenem Frieden wahrscheinlich durch ein der übrigen Bauart der Stadt angemeßneres, würdigeres Gebäude ersetzt werden wird. Die Straße Bellevüe, in der obern Neustadt, auf welcher noch ein kleineres churfürstliches Schloß steht, bietet vielleicht eine der schönsten Aussichten in ganz Deutschland dar, so wie überhaupt die Stadt zwar nicht majestätisch, aber außerordentlich reizend gelegen ist. Endlich muß noch eines Echo's erwähnt werden, welches auf dem Königsplatze, der ein vollkommenes Achteck bildet, gerade im Mittelpunkte desselben hörbar ist, und die Töne sieben Mal wiederholt.


Von Reisende.[]

Dr. Johann Friedrich Droysen.

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[1801]

Cassel und seine Wilhelmshöhe gewähren in Pfingsten dem Reisenden ein wahres Vergnügen, dann sind diese sonst so stillen Orte durch die vielen Fremden besucht und belebt; die schöne, reitzende Lage der freundlichen, lachenden Stadt mit ihren Kunstsachen, und vorzüglich die reitzende Wilhelmshöhe mit ihren lachenden Aussichten, lieblichen Denkmählern des Alterthums und der Kunst, mit ihren einzigen Wasserkünsten, gewähren so viel Abwechslung, so viel Vergnügen, als man in wenig deutschen Städten finden wird.

Der schöne Geschmack in dem das neue, nun vollendete Schloß gebauet ist, erregt beym Eintritt schon eine vortheilhafte Idee, der große Aquäduct, die Teufelsbrücke und vorzüglich der, der Natur so unnachahmlich treu nachgebildete Schönhöfer Wasserfall, mit der Löwenburg in ihren künstlichen Ruinen, ganz im gothischen Geschmack gebauet; werden stets die Bewunderung der Reisenden seyn. -- Mit Vergnügen verweilt man im Innern des geschmackvoll möblirten Schlosses unter den Gemählden Tischbeins und Büttners, und doch tritt man mit eben so viel Vergnügen wieder in den lieblichen Garten hinaus. –

In Cassel selbst werden Sie sich oft genug in der Gallerie und in dem Museum beschäftigt haben. Man findet nicht leicht einen solchen Vorrath von mathematischen und geographischen Instrumenten, von guten und unbrauchbaren Maschinen, von seltenen Stücken, wie hier. Die große Linse von Campari von 120 Fuß Brennraum, ein Brennglas von 48 Zoll im Durchmesser, ein Tschirnhaus. Brennspiegel von großem Durchmesser und mehrere andere Dinge sind seltene Cabinettstücke, aber das Ganze ist nichts Vollkommenes, nichts Zusammenhängendes. Manche Sachen sind in Menge da, wie künstliche Augen, Prismen, magnetische Magazine, eins das an 70 Pfund trug u. s. w., andere fehlen gänzlich. Alles dieß wird von einem, besonders besoldeten Mechanicus in Ordnung gehalten, zur weitern Anschaffung ist aber kein Fond vorräthig.

Die Kunstsachen des Museums, so wie das Naturalien-Cabinett sind Ihnen bekannt, letzteres hat durch die Sammlung Schildbachs einen großen Zuwachs erhalten.

Alle diese Dinge, die doch eigentlich nicht zum Gebrauche, sondern nur zur Zierde und zum Beschauen für Fremde aufgestellt sind, sollten billig, wie dieß in Frankreich überall der Fall ist, dem Reisenden immer, dem Einwohner wenigstens an einigen Tagen unentgeldlich offen seyn; angehängte Zettel oder Nummern, mit einem Verzeichniß könnten dann einen jeden in den Stand setzen, sich über diese Dinge zu belehren, ein oder ein Paar Aufwärter verhinderten Anfassen und Unordnung; so wäre das Ganze gemeinnützig, der Professor, der seine Zeit besser brauchen kann, als daß er mit jedem diese Sammlungen durchläuft, und dem jetzt das Douceur als Lohn angeschlagen ist, müßte entschädigt werden, und wäre der unerträglichen Arbeit des ermüdenden Erklärens, und noch vielmehr des fatalen Geschäftes des Geldforderns überhoben.

Das Observatorium in Cassel hat einige recht schöne Instrumente, die Hr. Matzkow mir mit Gefälligkeit zeigte, es ist ziemlich gut und fest gebauet, besitzt einen Mauerquadranten von Breithaupt, einen andern Quadranten von Ramsden, eine Uhr von Mudge, einen guten Dollond und ein achtzehn füßiges gutes, wenn gleich nicht achromatisches Fernrohr, nebst einem Zenitsector von Dollond. –


Von Reisende..[]

Jean-Philippe Graffenauer.

Lüneburg im November 1806. [4]

Cassel, die Haupt-Stadt von Hessen, ist eine von Deutschlands schönsten Städten. Ihre Bevölkerung schätzt man auf ungefähr dreyßig Tausend Einwohner. Man theilt sie in die Alt- und Neustadt, welche durch einen Fluß, die Fulda genannt, getrennt werden. Vermittelst einer steinernen Brücke, die 1794 erbauet ward, kommt man aus der Alt- in die Neustadt.

Die Letztere ist im Ganzen wohl gebauet, und gut gepflastert; die Straßen sind hier breit, und regelmäßig durchschnitten; es fehlt nicht an ausgezeichnet schönen Häusern, und eben so wenig an freyen Plätzen von bedeutendem Umfange, die eben so viel zur Verschönerung der Stadt, als zur Erhaltung der Gesundheit der Einwohner beytragen.

Vorzüglich sehenswerth ist des Königsplatz; er ist rund, und wird durch ein vielsylbiges Echo merkwürdig, das sechsmal die letzten Sylben wiederholt; um es deutlich zu hören, muß man seinen Standpunkt auf der Mitte des Platzes nehmen. -- Der Friedrichs-Platz zieht die Aufmerksamkeit der Fremden durch die herrliche Aussicht auf sich, die man hier genießt; man überschaut einen großen Theil der Stadt und der umliegenden Gegend, und sieht sechs Meilen ins Land hinein. Dieser Platz ist mit der Statue des Landgrafen Friedrich aus weißem Marmor und einem wohlgebauten Pallast geschmückt, der in dem Jahrzehend von 1769 bis 1779 erbauet wurde, und dessen Haupt-Façade zwey hundert neunzig Fuß lang, und mit einem Frontispiz von ionischen, fünf und dreyßig Fuß hohen Säulen verziert ist. Dieser Pallast ist das Museum Friedericianum; man lieset diese Bennenung in großen vergoldeten Buchstaben über dem Eingang. Hier findet man ein Kabinet von Naturalien und andern Seltenheiten, ein Antiken- und Münz-Kabinet, die Bibliothek, das Observatorium u. s. w. beysammen. Doch entsprechen die hier gesammelten Merkwürdigkeiten nicht ganz der äußern Pracht des Gebäudes, in welchem sie aufbewahret werden. Gleichwohl fehlt es nicht an erwähnenswerthen Merkwürdigkeiten, wohin z. B. ein ausgestopfter Elephant gehört, der in den Jahren 1773 bis 1780 in Cassel lebte, und zwey gleichfalls junge ausgestopfte Leoparden, die hier zur Welt gekommen sind. Ich muß auch noch der Sammlung von Nachbildungen römischer Denkmähler und Gebäuden in Kortholz gedenken. Sonst findet man hier auch noch Statuen, Büsten, Basreliefs, Mosaike, Kameen, Münzen, Modelle, u. s. w. -- Die Bibliothek ist in einem geräumigen Saale aufgestellt, und mehr als funfzig Tausend Bände stark. In einem andern Zimmer findet man die Abbildungen aller Regenten dieses Landes mit ihren Gemahlinnen in Wachs, so kostümirt, wie es in den Zeitaltern, worin sie lebten, Mode war.

Das alte Schloß liegt nicht weit vom Exercir-Platze. Es war vormals mit Gräben und Fortifikationen umgeben, die man aber geschleift und in Spatziergänge verwandelt hat. Bey dem Schlosse ist ein schöner englischer Garten, worin die Orangerie und der Marmor-Saal gesehen zu werden verdienen.

Die Umgebungen von Cassel besitzen seltene Vorzüge. Die Wilhelmshöhe, oder der Weißenstein, eine halbe Meile von der Stadt, ist eine herrliche Anlage, und im Sommer der anziehendste Spatziergang, den man sich nur denken kann. Ein Lustschloß, und mehrere englische Gärten ziehen hier die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich.

Die Berge in Hessen bieten Veranlassung zu interessanten Untersuchungen dar. Mehrere Naturforscher behaupten, daß sie vulkanische Eigenschaften besäßen; vorzüglich mißt man diese dem Weißenstein bey, weil man hier Substanzen findet, die den Produkten des Vesuvs ähnlich sind. es scheint jedoch, a;s ob diese Felsmassen aus Basalt und Wacken zusammengesetzt wären, welche Bestandtheile man an mehrern andern Orten, z. B. am Rheinufer bey Andernach, auf dem Harze, in Böhmen, in Auvergne, in den Alpen u. s. w. findet.

In gewisser Rücksicht kann man Cassel als die Demarkations-Linie zwischen Süd- und Nord-Deutschland ansehen. Ueber dieser Stadt hinaus ist die Verschiedenheit des Klimas, selbst im Vergleich mit Hamburg, schon sehr auffallend.

In den ersten Tagen des Novembers ward Cassel und ganz Hessen von französischen Truppen besetzt. Zu gleicher Zeit rückte von einer andern Seite der König von Holland mit einer beträchtlichen Armee ein. Die hessischen Truppen wurden entwaffnet, und zu Kriegsgefangenen gemacht. --

Hinter Cassel geht die Chaussee den Berg heran; man verläßt bald das hessische Gebiet, und betritt das Hannöversche. Die erste Stadt, die man antrifft, ist Münden, zwey Meilen von Cassel. Sie hat eine reizende Lage am Zusammenfluß der Fulda und Werra, deren Vereinigung hier die Weser, einen schiffbaren und für die Handlung sehr wichtigen Strom, bildet. (>>>)


Neuestes Gemählde der Residenzstadt Cassel, wie sie noch im Jahr 1813 war, und wie sie gegenwärtig nicht mehr ist.[]

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Ansicht der königlichen Residenzstadt Cassel von außen.

Die Franzosen hatten nicht ganz Unrecht, Cassel das kleine teutsche Paris zu nennen; denn was an Cassel alt ist, ist finster, eng und kothig, wie in Paris. Nur die Ober-Neustadt hat ein helles, breites und reinliches Ansehen; das Wenige, was französische Baumeister oder vielmehr Baudirektoren hinzugefügt haben, gleicht größten Theils dem originellen Landhause jenes reichen Käsehändlers in Brabant, auf dem einen Flügel chinesisch, auf dem andern gothisch, hier italienisch, dort französisch oder halb teutsch -- in der Regel baufällig bei dem ersten starken Regen oder Gegenwinde.

Die französische Gloria in excelsis zeigte sich jedem Ankommenden schon in weiter Ferne; sie bestand in der Fahne, welche von der Zinne des alten Schlosses und am Ende in der Nähe des Frankfurter Thors wehte, so oft und so lange die Einwohner das Glück hatten, ihren Regenten innerhalb ihrer Mauern, wenn gleich nicht allemal in dem Herzen der Stadt zu wissen; diese Fahne ward eingezogen, wenn er auf einem Lustschloß vegetirte, oder gar selbst die Mühe auf sich nahm, die Produkte der Casselschen Münze nach Paris zu transportiren. Wie oft sah man sich seinen Hals steif nach dieser Wunderfahne, weil ihre Bestimmung in einem offenbaren Widerspruch stand mit der zahllosen Suite des Monarchen, wenn er auch nur von seinem Schlosse in das Theater, von einer Straße in die andere fuhr -- mit den Mauern und Gittern, hinter welchen er sich in seinem sogenannten Pallast verschanzt hatte, und mit der beständigen Umlagerung von Gensd'armes und Polizei, als wenn Stadt und Land sich in einem ununterbrochenen Zustand der Revolution befänden!

Eine zweite neue Erscheinung in den höhern Regionen der Königlichen Residenzstadt war der in aller Geschwindigkeit erbaute Thurm der katholischen Kirche; doch ist nicht zu glauben, daß es die Absicht war, dadurch dem Mangel an mehrern Thürmen, die den Anblick einer Hauptstadt so sehr erheben, abzuhelfen -- Nein! Es sollte vielmehr Lärm geläutet und geschlagen werden, so oft der Monarch dieser vorher nur tolerirten und mit keinem Geläute versehenen Kirche die Ehre anthat, sich darin sehen zu lassen. Bekanntlich ist diese von dem Proselyten Landgraf Friedrich erbaute Kapelle zwar schön, zugleich aber so wenig umfassend, daß kaum der Hofstaat und das Militär Platz hatten; das gaffende Publikum mußte vor dem Eingang zurückbleiben und konnte nur an dem Geräusch der Trommelschläger erkennen, wie oft sein politisch-frommer Gebieter sich selbst bekreuzte und segnete. So eng und beschwerlich war hier der Weg in das Himmelreich, das jener einfältige Landmann nicht umsonst über die Nachricht von der Erhebung des katholischen Pfarrers in Cassel zum Ritter der Westphälischen Krone herzlich mauerte, weil ihm nun alle Hoffnung benommen wäre, zu Fuße mit einem reitenden Seelenhirten den Himmel zu erreichen, wohin es einem schon in Gesellschaft eines unberittenen Geistlichen so sauer würde.

Uebrigens ist dieses neue Thürmchen der Katholiken, diese Mißgeburt von Thurm, gar possierlich anzuschauen auf dem ungeheuern Dachstuhle eines dem Anscheine nach nur herrschaftlichen Hauses, in welchem kein Fremdling eine Kapelle erwartet, und wo diese übel berechnete Last keine lange Dauer verspricht. Der ungefällige, ochergelbe Anstrich dieses ächtfranzösischen Aufsatzes macht das Ganze noch auffallender. Wahrscheinlich ist dieses Lustgebäude eins von den wenigen, welche der Zahn der gegenwärtigen Zeit nicht zerstört, so lange es sich noch selbst zu erhalten im Stande seyn wird. -- Oder sollte es ohne Profanation, ohne Aergerniß der katholischen Gemeinde und gleichsam durch ein Wunder, wie die Kapelle zu Loretto, von einem Ort in den andern versetzt werden können? Allenfalls zum Schweigen möchte dieser Thurm wohl gebracht werden, wenn die Mönchskirche in Hildesheim die Glocken reclamirt, welche sie ihm hieher hat geben oder leihen müssen.

Eine dritte neue Ansicht der Königlichen Residenzstadt gewährten die Marställe an dem obersten Ende der Bellevüestraße, nach der Au zu und gegen die Frankfurter Landstraße, ohngefähr 200 Schritt lang, mit einer Reitbahn zwischen zwei Flügeln. Man mochte Cassel früher schon gesehen haben oder nicht, so wurde das Auge beleidigt von dem monotonischen Anblick dieser großen, langen Steinmassen, die jetzt den allerschönsten Standpunkt bedeckten, wo eigentlich das Residenzschloß stehen sollte. Wo sonst schattige Wipfel und das Bosket am Palais von Bellevüe zu sehen waren, sah und hörte man jetzt nichts, als das Geklirre der Hufeisen, das Wiehern der Pferde und das Sacré nom de dieu der Stallbedienten. Nebenbei, wo man sich sonst der reizendsten und mannigfaltigsten Aussicht erfreute, staunte und starrte man in die Feuereßen der Grobschmiede; so viel Licht und Wärme diese auch verbreiten, so ward es doch nicht helle genug zu begreifen, wie der König diesen Platz zu seinen Marställen bestimmen konnte.

Auch diese Wahl zeigte von seinem Hange zur Verschwendung. Freilich reichten die Kurfürstlichen Marställe nicht hin zu der Menge theuer bezahlter Stalloffizianten und zu 4 bis 500 Pferden, die er in Einem Jahr beisammen hatte, deren Anzahl sich aber nach Maasgabe seiner Finanzen bald verringerte. Das einem asiatischen Prunk immer noch angemessene Minimum davon ergiebt sich aus dem Prachtdrucke des Catalogue de noms pour les chevaux des écuries royales, chès Collignon, imprimeur royal. Nur wer das Terrain kennt, worauf diese Ställe neu erbaut worden sind, kann sich einen Begriff machen von dem außerordentlichen Kostenaufwand, den das Fundament allein erfordert hat; ein Kalkberg, dessen Erdreich unter jedem festern Tritt zu weichen droht, verschlang im ersten Anfang schon einen ganzen Wald von Bauholz zu seiner Befestigung. Indessen war es der Wille des Machthabers so und man kehrte sich nicht daran, obgleich mit wenigern Kosten anderswo und schicklicher hätte gebaut werden können. Wie alles französische Machwerk, so stand auch dieses -- vielleicht am solidesten von allen -- in kurzer Zeit fix und fertig da. Die innere Einrichtung übertraf wirklich alle Erwartung von außen; es herrschte eine bewundernswerthe Eintheilung, Bequemlichkeit und Eleganz; was Paris und London im neuesten und kostbarsten Geschmack liefern konnten, fand man hier an Sattler-Arbeiten aller Art in besondern Säälen aufgestellt und keine Bibliothek, kein Naturalienkabinet hat schöner geordnete Fächer aufzuweisen, als einem hier, was Pferde- und Wagengeschirre, Reitzeuge im Ganzen und Einzelnen, Peitschen, Spornen und Hufeisen, Nägel und Instrumente betrift, neu und glänzend in die Augen fielen.

Allein auch dieses ist nicht mehr, die Kunst hat der ursprünglichen schönen Natur auf diesem Platze weichen müssen, schon ist er geebnet und man findet auch hier das alte Cassel wieder mit der Aussicht und Hoffnung in die Ferne. Kaum sind ein Paar Jahre verschwunden, und es kostet schon die Mühe eines Jahrhunderts, die Stelle hier auszuforschen, wo der Divisions-General Graf Morio als Opfer der Rache eines Marställers fiel; sie war mit einer gegossenen Platte und einer kurzer Inschrift bezeichnet, bei Niederreißung des linken Flügels der Marställe aber entwendet worden; der rechte Flügel, auch schon zum Umsturz bestimmt, wird -- beibehalten.

Glücklicher in dem Zerstörungssystem, welches der Natur aller Thronfolger und selbst den Erbprinzen nach dem Tode ihrer Väter, so unwiderstehlich anspricht, war die Idee, die neidische Mauer mit ihren finstern Stacketen an der einen Seite der Bellevüestraße und den Schloßplatz entlang, niederzureißen; denn dadurch gewann die Ansicht der Stadt und die Aussicht von derselben, welche wohl nie einen interessantern Spielraum gewähren mag, als den sie uns bei Erscheinung der Kosacken auf dem Forst gegeben hat. Dieser von dem Friedrichsthor an bis an das Palais der Bellevüe mit einer niedrigen Brustwehr und einem breiten, festen Sandboden nunmehr versehene Platz dient den Spaziergängern zur ersten Annehmlichkeit in der Stadt, und läßt sie ohne viel Zeitverlust oder weitere Mühe ein unermeßliches Thal in einer offnen Musterkarte von Feldern und Dörfern überschauen.

Ohne Zweifel würde man in der Nähe dieses Platzes bald das Monument eines unglücklichen erblicken, welchen bei dem ersten Bombardement der Kosacken ein Kanonenschuß zerschmettert hatte, wenn er nicht von gemeinem Stande und folglich für eine Reminiscenz dieser Art zu unbedeutend wäre.

Nun ich die Physiognomie der Königlichen Residenzstadt von der süd-östlichen Seite vor dem Leipziger Thor ein wenig beleuchtet habe, lade ich meine Leser zu einer Promenade vor den übrigen Thoren der Stadt ein: Von den Anhöhen des Weserthors herab zeigt sich noch das alte Cassel, den Gewinn an dem neuen Thurm der katholischen Kirche und an dem Artillerie-Schulgebäude ausgenommen; hier stößt man auf keinen Zuwachs von Land- oder Gartenhäusern, und hätte Herr Mensing, Gastwirth zum goldenen Helm, aus diesem seinem Schilde nicht einige Dutzend Napoleonsd'or zu Erbauung eines ansehnlichen Hauses und neuen Saals nahe am Thor, herausschlagen können, so würde man, von keiner Veränderung überrascht, wie ein blinder Hesse *), aus bloßer Gewohnheit, den Weg nach dem Thor nicht verfehlen.

*) Ein zweideutiges Sprichwort im nördlichen Teutschland ursprünglich ein Ehrenname der tapfern Hessen, die einst vor dem Feinde so nahe und Felsenfest standen, als wären sie blind gewesen.

Hier so wie vor dem Holländischen Thor vermißt man durchgehends die lebendigen Hecken, die sonst überall die Nähe einer Hauptstadt verrathen; bretterne Wände, Umzäunungen von Latten und Stöcken und höchstens in einander geflochtene Waiden, ja sogar eine Menge Misthaufen vor den Gärten, lassen den reisenden Fremdling nichts weniger, als eine Residenz, sondern die bloße Ackerwirthschaft eines dürftigen Landstädtchens erwarten. Nur der Umbachsche Garten mit seinen Gebäuden, noch mehr aber das Eigenthum des Gastwirths, Herrn Oestreich, mit seinem neu erbauten Saale und englischen Garten, ganz nahe am Holländischen Thor, mildern die ersten unangenehmen Eindrücke.

Ohne Vergleich moderner und reizender sind die nächsten Umgebungen vor dem Köllnischen, vor dem alten und neuen Napoleonshöher (jetzt wieder Königs- und Wilhelmshöher) Thor. So wenig Geschmack und Industrie der Sache der Casseler ist, so haben sie doch in diesen Gegenden durch Anlegung geschmackvoller Gärten und Erbauung von Garten- und Landhäusern ziemlich Fortschritte gemacht, wozu ein besserer Wohlstand in den französischen Zeiten, der Reiz des Vortheils durch Vermiethen und Verpachten, mitunter auch die Sucht zu glänzen, das meiste beitrugen. Man denke sich aber ja keine Gärten und Lusthäuser in dem Geschmack und Styl anderer großen Städte Teutschlands! Was mit der Zeit, deren Flügel von den Kosacken so jämmerlich beschnitten worden, noch hätte werden können und werden sollen, wird wohl nimmermehr geschehen. Vor dem Königs-Thor *) ist ein einziger Garten, ein einziges Haus dieses Namens würdig, die Besitzung des Königlichen Appellations-Richters, Herrn Brandis, jetzt in eine Bier- und Branntweinschenke, in einen gemeinen Tanzboden umgeschaffen, die zwei besseren und ganz neu erbauten Häuser der Franzosen Grandjean und Delahaye stehen dicht am Thor unbewohnt und verlassen da.

*) Auch Weißensteiner Thor genannt.

Alle übrige Häuser dieser kleinen Vorstadt verdienen kaum Erwähnung, da sie größten Theils an übertünchte, morsche Gräber erinnern, worunter man wider alles Erwarten eine herrschaftliche Bleiche, eine Wachsbleiche und Porzellanfabrik entdeckt.

Selbst in der Wilhelmshöher Allee besteht die größere Zahl der Gebäude zur rechten und linken Hand nur aus alten, wind- und wetterbrüchigen Colonisten-Häusern, die nach der französischen Occupation, wie weyland auf Potemkins Reisen mit der Kaiserin Catharina die Bauernhütten, über Hals und Kopf angestrichen und dem Anschein nach renovirt wurden, um bonne mine à mauvais jeu zu gewinnen und aus deren Verkauf oder Vermiethung großen Vortheil zu ziehen. Der ganz neuen und besseren Gebäude sind nur wenige z. B. das des Herrn von Oeynhausen, unlängst von dem Herrn Oberbaudirektor Jussow ganz von Steinen in dem allerneuesten Geschmack mit einem italienischen Dach und andern kostbaren Verzierungen erbaut; die zwei massiven Häuser an beiden Enden des Gartens, dem Mairie-Adjuncten, Banquier und Ritter Meyer Dalambert, jetzt aber einem reich gewordenen Profeßionisten von Cassel gehörig; das von Schlotheimische, für die Königin bloß veränderte und mit einer Colonnade, in Form einer Kälberhalle, verzierte Sommerpalais, endlich das von Waitzsche und Steinbachsche Haus.

Der imposanteste Eindruck bleibt unstreitig von dem Ausgange aus der Stadt in diese berühmte Allee, wo in einer kleinen Entfernung von dem Wilhelmshöher Thor, auf einer sich unvermerkt erhebenden Anhöhe, welche die Perspektive nach Wilhelmshöhe eröffnet, die zwei Prachtgebäude stehen, welche nach einem alten Plan durch ein Bogenthor mit einander hätten verbunden werden, und ein Meisterwerk bilden sollen nach einem griechischen Urbilde. Jerome Napoleon fand es aber für besser, diese Gebäude zu Büreaus zu bestimmen, in welchen das Geld zu Erweiterung der Stadt von dieser Seite und zu Erbauung eines neuen Schlosses in der Nähe herbeigeschafft werden sollte. -- Ein schöner Traum, der sich aber bald unter den verwitterten Steinen der in dieser Gegend niedergerissenen Stadtmauer verlor! Wer nun die vielgerühmte, an deren Stelle bestimmte neue Elisenstraße zu sehen wünscht, der findet sie mit schönen Collignonschen Lettern gedruckt in den vielversprechenden, aber zu vorlauten Bülletins.

Ein steiler Berg, der unmittelbar von der Landstraße an das Frankfurter Thor führt, benimmt vor demselben, fast alle Ansicht der Stadt und kaum ist in einiger Entfernung das äußerste Ende des noch stehenden rechten Flügels der königlichen Marställe und die Kuppel der Neustädter Kirche zu sehen. Auch in dieser Gegend ist es so ziemlich beim Alten geblieben; nur die elende Schenke zum letzten Heller hat durch einen Anbau gewonnen und einem Witzlinge zu der sinnreichen Bemerkung Anlaß gegeben, daß diese Schenke eine gewisse Celebrität durch die Franzosen erhalten hätte, weil sie mit dem letzten Heller aus Frankfurt dort angekommen, mit vollen Säcken aber aus Cassel, an diesem letzten Heller vorbei, in ihre Heimat zurückgegangen wären. Zwischen dieser Schenke und der näher nach dem Thor zu, folgenden Brücke vor Schaumburgs Garten, ist -- welche plötzliche Veränderung der Zeiten! -- die Ehrenpforte zum Empfang der aus dem Felde wiederkehrenden freiwilligen Jäger errichtet worden, mit der Inschrift: "Dem siegreich aus dem Felde zurückkehrenden Kurprinzen Wilhelm aus Liebe und Ergebenheit von der Stadt Cassel" -- ein Einzug ganz anderer Art, als man sonst Jahre lang von dem nach Frankreich hier hin und her reisenden Königspaar gewohnt war und als die in den Sommermonaten hier versammelten Mitglieder der Bastard'schen Gartengesellschaft, der herrschaftlichen Meierei gegenüber, sich haben träumen lassen! Diese stets zahlreiche und lebhafte Versammlung war eigentlich von den sie stiftenden Appellationsräthen der Appellations-Clubb genannt und von den zur Aufnahme unfähigen Profanen aus geringern Ständen unter der Benennung de non appellando bespöttelt; sie ist durch die Auflösung so vieler Ministerien und durch den darauf erfolgten Abgang der ersten Staatsbeamten, ziemlich zusammen geschmolzen, und hält sich nur noch durch einen schwachen Bindestoff in ihrem letzten Reste in piam memoriam aneinander.

In derselben Zeit des allgemeinen Lebens und Webens ist am Fuße des Berges vor dem Frankfurter Thor, unter an dem sogenannten Weinberg, aus dem Souterrain des Rustschen Tanzsaales, ein ansehnliches hohes Gebäude emporgestiegen, mit einem neuen Tanzboden, nach der Art und Bestimmung des Langeschen Tanzsaales in der Hasenheger Gasse zu Berlin. Hätte der Besitzer dieses Hauses die Aufführung eines zweiten Stockwerks auf herrschaftliche Kosten nachgesucht, so würde er wahrscheinlich auch jenen Bescheid Friedrichs des Großen riskirt haben, womit der Eigenthümer eines tumultuarischen Erdgeschosses abgewiesen wurde, daß ihm nemich, wo möglich, noch Eine Etage niedriger angebaut werden sollte.

Was die Wege unmittelbar die Stadtmauern entlang betrifft, so sind sie auch während der französischen Regierungszeit ganz vernachläßigt geblieben, und noch jetzt in einem so schlechten Zustande, daß man sie nicht wohl schlimmer vor einem Landstädtchen finden kann. Man sehe nur den Fahrweg vom holländischen bis an das Köllnische, von da bis an das Königs- und weiter bis an das Wilhelmshöher Thor! An einen Fußsteig ist hier gar nicht zu gedenken, und bei anhaltendem Regenwetter, noch mehr aber im Winter, läuft man Gefahr, Schuhe und Stiefel in dem tiefen Leimkothe zurückzulassen.

Die Bewohner der Vorstadt am Königsthor, denen alle Hoffnung zur Rettung durch den mit der neuen Kaserne vereitelten Plan benommen ist, mögen mir das Wort führen. Zu geschweigen, daß überall in den Gärten hinter der Stadtmauer Menschen wohnen, daß die zahllosen Gärten tagtäglich von den Städtern besucht werden und besucht werden müssen, so würde durch gangbare Wege schon die Communikation von einem Thore zu dem andern erleichtert, Zeit gewonnen und den Geschäftsleuten auf ihren sparsamen Promenaden Zeit und Weg verkürzt werden. Die meisten Hauptstädte Teutschlands haben hierauf eine besonderes Augenmerk geheftet; und bereits die besten Anstalten getroffen.


Ansicht von innen.

Ein Casseler, der nie weiter, als vor sein Thor gekommen ist, hält seine Vaterstadt für die schönste, wo nicht in der Welt, doch wenigstens in Teutschland. Beschränkt er diese hohe Idee auf die Ober-Neustadt, so lasse man ihm seinen Glauben! denn diese ist wirklich im verjüngten Maaßstabe die Friedrichs- und Neustadt von Berlin, ein Mannheim, ein Carlsruhe in cammera obscura, und was gesunde Promenaden und schöne Aussichten betrifft, den genannten drei Städte vorzuziehen.

Niemand wußte dieses besser zu erkennen und zu schätzen, als die Franzosen, die aus so manchen Schlupfwinkeln Frankreichs sich hier eingenistet und überaus wohl befunden haben.

Nur kann von der Altstadt und von der Unter-Neustadt keine Rede, keine Vergleichung Statt finden; denn hier sieht der Ankommende gleichsam nur die Raupe, die sich in der Nähe des alten Schlosses zur Puppe, und erst auf der Ober-Neustadt zum schönen bunten Schmetterlinge in der Bauart entwickelt.

Die Unter-Neustadt hat nur zwei gefällige Ansichten, die eine am Leipzigerthor auf die dort neu erbaute Kirche, die andere von der Wilhelmsbrücke auf die Umgebungen der Fulde.

Das Kastel, wenn gleich kein unbedeutendes Gebäude, steht hier an der Auffahrt auf die Brücke am unrechten Ort; die oft hinter allen Fenstern aufgestellten lebendigen Portraits der Gefangenen entsprechen keineswegs der frohen Stimmung des ankommenden Fremdlings.

Dieser unangenehme Eindruck war wohl nie frappanter und alltäglicher, als während der französischen Occupation, wo das Kastel, gleich einem unersättlichen Grabe, die alten Opfer nur herausgab, um neue dafür zu verschlingen. Unvergeßlich wird mir das Frühjahr 1809 bleiben, als in der merkwürdigen Epoche der von Dörnberg'schen Insurrektion Hunderte von Bauern Wochenlang hier eingekerkert lagen, und der äußere Eingang zu diesem Gefängnisse unaufhörlich von weinenden Gattinnen, Müttern, Töchtern und Söhnen, von Freunden und Bekannten besetzt war. Noch schrecklicher für die Nachbarn und Bewohner dieser Gegend war das Wegschleppen der zum Tode Verurtheilten, und herzerschütternd der Anblick aller Vorbereitungsscenen.

Weder die Unter-Neu- noch die Unter- und Ober-Altstadt haben große, öffentliche oder sogenannte Marktplätze, alles ist nur wenig umfassend, und unregelmäßig. Ein Fremder sieht sich noch nach diesen Hauptplätzen der Stadt um, wenn er den Fuß schon auf ihrem Mittelpunkte hat, und er kann sich des Lachens kaum erwehren, wenn er auf dem sogenannten Pferd- und Schweinemarkt stehend, weiter keinen Raum erblickt, als den man in andern Städten die Ecke eines Hauses, und neben dieser eine kleine, enge Straße nennt. Selbst der größte aller dieser Casselschen Plätze, der Gouvernementsplatz oder Ledermarkt, verdient diesen Namen nicht, und war höchstens ein gutes Plätzchen für den französischen Gouverneur zum Riemenschneiden aus dem Leder der Hessischen Unterthanen.

Es war deshalb unter der französischen Regierung der Würde einer Residenzstadt ganz angemessen, den Wochenmarkt auf den ansehnlichen Königsplatz zu verlegen, wo die Statue Napoleon oft in der schönsten Kartoffelblüthe stand. Auch der Weihnachtsmarkt wird seitdem hier gehalten und man möchte diesen schönen, seltnen Rundplatz, von Städtern und Landleuten angefüllt, den Circus Maximus der Casseler nennen.

Daß die größere und ältere Hälfte einer Stadt ohne Hauptplätze von einiger Bedeutung sich für einen regierenden französischen Prinzen nicht schickte, sah Jerome Napoleon wohl ein, und er ließ sich zu dem Ende von Zeit zu Zeit mehrere Plane vorlegen, wie diesem Uebelstande abgeholfen werden könnte.

Sein erstes Augenmerk traf den sogenannten Stadtbau an der Fuldebrücke, welchen er sammt dem daran stoßenden Schweif von alten, finstern Barracken niederzureißen und dadurch den kleinen irregulären Platz vor dem Rathhause zu lüften, zu ordnen und zu einem würdevollen Hauptplatz zu erheben hoffte; bald darauf und zwar gerade im Sommer 1812 schritt er zu einem weit größern Vorhaben, die St. Martinskirche auf dem Gouvernementsplatz in eine Domkirche, und deren nächste Umgebungen in einen Domplatz zu verwandeln, diesen Platz mit drei Straßen, der untern Königs-hohenthor- und Mittel- oder Dionysienstraße in offne Verbindung zu setzen, und sogar dem Tuchhause und der Hauptwache auf diesem Platz den letzten Stoß zu geben. -- Eine wirklich große und Königliche Idee, zu deren Ausführung weiter nichts fehlte, als -- Geld, dessen aber die Westphälischen Truppen damals dringender bedurften!

Dennoch ließ der baulustige König die Hoffnung nicht fahren; die Reihe Häuser zwischen dem Berlinerhof und dem König von Preußen, die untere Königsstraße entlang und der großen Kirche gegenüber, wurden wirklich schon alle abgeschätzt, und es war von nichts weniger die Rede, als von einem künftigen Erzbischof an den Gewässern der Fulde, mit welchem Jerome Napoleon, wenn er nicht nach seiner Pfeife tanzte, nicht besser verfahren würde, als sein mächtiger Herr Bruder mit dem Pabste. *) Und noch nicht genug an diesem Riesenplan! Auch die untere Königsstraße in dieser Gegend sollte durch eine neue Straße mit der holländischen in Verbindung gesetzt werden, was noch einige Dutzend Häuser ihren Umsturz gekostet hätte. Ein andermal sollte das hessische Kadettenhaus sammt der katholischen Kirche, und sogar das ganze Revier zwischen dem Steinweg und den Arkaden in die Luft seiner Verschönerungs- oder vielmehr Zerstörungs-Projekte fliegen. Se. Majestät müssen zu der Zeit noch wichtigere Geschäfte gehabt haben; sonst würden uns die Bülletins über alle diese großen Plane auch schon Königliche Dekrete liefern, wie sie so manche andere nachweisen, von denen weiter nichts mehr übrig ist, als: Literae scriptae -- manent. Schon in den ersten acht Tagen nach dem unglücklichen Brand auf dem alten Schlosse war das Kabinet des Königs mit Rissen, Zeichnungen und Planen aller Farben zu einem neuen Schloße überladen; nur Geld, Geld wußte kein Finanzminister, kein Baudirektor herbeizuzaubern.

*) Der verstorbene Staatsrath von Coninx, vormals einer der ersten Preußischen Rechtsgelehrten, lächelte zwar nachgiebig zu diesem Projekt eines Episcopats in partibus, bezweifelte aber gegen den königlichen Bischofshut-Fabrikanten mit Recht, daß seine eigenmächtige Wahl, ohne Zustimmung eines solchen Seelenhirten erzielen wurde.

Viel weniger kostspielig war die Ausführung der unseligen Idee, das alte Schloß an der Seite der Fürstenstraße mit Mauern und eisernen Stacketen zu umgeben. "Ich will meine Unterthanen zwingen, daß sie mich lieben:" sagte Jerome bei seinem Regierungsantritte in einer der ersten Publikationen; hier aber, bei dem Anblicke dieser kerkerartigen Verschanzung ward es ein Druckfehler und es sollte heißen: "Ich werde meine Unterthanen zwingen, daß sie sich von mir -- entfernen." Dieselbe Scheidewand zwischen dem vermeinten Landesvater und seinen Unterthanen wurde späterhin auch in der Bellevüestraße errichtet, als er aus dem Feuer von Sodomma und Gomorrha dahin zu flüchten sich genöthigt sah.

Man athmet jetzt wirklich freier, daß dieser Stein des Anstoßes hinweggeräumt, und der Platz nach wie vor wieder unverschlossen ist. So oft mich der Weg an dieser peinlichen Stelle vorüberführte, glaubte ich noch in einer finstern katholischen Pfaffenstadt zu wandern, in deren Mittelpunkt man die schwerfälligen Klöster auch mit Mauern und Eisen verrammelt sah. Um vieles erleichtert erreichte man damals die Terrasse unter den Arkaden, die zwar aber die Durchsicht auf den Paradeplatz, auf die ehemalige Rennbahn und Colonnade gewährte. Schüchtern, ob nicht ein Polizeigeschworner einem hier Herz und Nieren prüfe, trauerte man im Stillen über den Verlust der Colonnade, als des merkwürdigsten Werkes der Baukunst in Cassel. Wie ist es möglich, daß es noch Menschenaugen gab, die in der geschmacklosen Entfernung dieses Meisterwerks einen Gewinn, einen Zuwachs von Schönheit für den Schloßplatz finden konnten? Steht wohl diese unregelmäßige Ritterfeste, ein Unding von Palais der heutigen Zeit, in einem Verhältniß mit der ungeheuern Größe des Platzes, wie er jetzt ist, und hat dieses sogenannte Schloß nicht ganz das Ansehen einer Commode, an welcher nur die Seitengriffe fehlen, um es an einen verhältnißmäßigern Ort zu stellen? -- Ich kann diesen Standpunkt nicht verlassen, ohne dem Schlosse dort, dessen Seite, so lange es der König bewohnte, nur nach Süden zu, nicht aber nordwärts renovirt und angestrichen war, die Bemerkung aufzudringen, daß es den Anschein hatte, als traute der Bewohner selbst -- dem Norden und dem Winde, der ihm von daher zublies, noch nicht.

Die Verbindung des Schloßes mit dem Augarten durch einen besondern Fahrweg, durch Wegräumung der kleinen eisernen Pforte, die sonst von hier aus die Fußgänger dahin führte, durch den neuen Brückenbau *) über die kleine Fulde und durch das Niederreißen der Stacketenmauer scheint in einem glücklichen Momente beschloßen, und in einer noch glücklichern Zeit ausgeführt zu seyn. Nur Schade, daß der König selbst den ersten Mißbrauch davon machte durch das Hirschjagen in der Aue, welches nicht nur zu dem Verbot der Spanzierfahrten Anlaß gab, sondern auch das Publikum oft von seinen Promenaden zurückhielt! Allein dafür rächte sich gleich Anfangs ein stattlicher Hirsch an Sr. Majestät, er empfahl sich dem Königlichen Jäger durch einen unerwarteten Sprung ohne Beispiel über die höchste Verzäunung und zwar gerade in dem Augenblick, als jener seine Luftbeute werden sollte; schadenfroh entwischte der König der Waldthiere seinem vermeinten Gebieter an das freie Ufer der Fulde und selbst die ihm nachgesandten Jagdhunde, als ständen sie mit ihm in einem geheimen Bunde gegen Jerome Napoleon, schlugen einen ganz entgegengesetzten Weg ein. Wohl mir, daß ich damals kein Verbrecher war, der den Tod verdient hätte! denn Gnade wäre mir nicht geworden von dem Könige nach der Rückkehr von dieser Jagd.

*) Diese Brücke, wie alles übrige, auch übereilt, senkte sich schon in den ersten Wochen und mußte wieder aufgeholfen werden, was von Zeit zu Zeit das Loos der ganzen Staats-Maschine war.

Es mag nun Zeit seyn, diese Gegend der Stadt zu verlassen, und allgemach die Anhöhen der Ober-Neustadt zu ersteigen. Unterwegs fällt es einem nicht wenig auf, daß auch die französische Polizei für den Kadettenplatz an der linken Seite des St. Elisabeth-Hospitals neben dem Gasthof zum rothen Hause (jetzt wieder der Kurfürst) gar keine Sorge getragen; nicht nur der Springbrunnen, der im Sommer 1803 wieder von neuem eingerichtet und in den besten Stand gesetzt worden, blieb gänzlich ruinirt, sondern der Platz selbst auch ungepflastert, wodurch bei schlechtem Wetter eine Art von Morast entsteht, der den Weg zum Kurfürsten -- dem ersten der Gasthöfe -- weit mehr erschwert, als wenn man dem Kürfürsten in persona sich nähern will.

Den Franzosen lag nur die Verbesserung derjenigen Plätze am Herzen, worauf ihr Militär paradiren konnte. Hier aber, auf diesem Platz, als der Hauptpassage nach allen Gegenden der Stadt, macht überdies die Nähe eines Gasthofes, der Kupferstichhandlung, der Arkaden, des Schloßplatzes, der katholischen Kirche, des Hospitals, des Museums, der Sternwarte und Ober-Neustadt vielseitige und dringende Ansprüche auf Wegverbesserung. -- Nur noch wenige Schritte, und der Friedrichsplatz, dieser würdige Pendant zu dem berühmten Gensd'armesplatz in Berlin, überrascht uns gleich einer neuen Welt mitten in der Stadt und heilt uns wie durch eine Wunderkraft von den mephytischen Dünsten der engen und kleinstädtischen Altstadt. -- Allein lange hält diese angenehme Ueberraschung nicht aus, eine plötzliche Wehmuth mischt sich ein über den Verlust der Statue des Landgrafen Friedrich und des unermeßlichen Rasenteppichs, der hier rund um das Piedestal ausgebreitet lag, bevor der König diesen schönsten der Plätze zu einem festen kahlen Sandboden als Exerzierplatz für seine bunten, meist unfreiwilligen Heerschaaren bestimmt hatte. O Friedrich! diese Schmach hast du wohl nicht verdient um einen halb unbärtigen französischen Jüngling auf dem entweihten Throne deiner Urväter, Du, sage ich, der einst den Franzosen mehr zugethan war, als es ein teutscher Fürst je hätte seyn sollen! Du strafst jetzt noch Lügen einen großen Theil der habsüchtigen, unpatriotischen Bürger von Cassel, die da glauben, eine so reiche Erwerbs-Epoche, wie unter Jerome Napoleon blühte, würde wohl nimmermehr erscheinen, da sie doch unter Dir, als einem teutschen Fürsten, für teutsche Unterthanen schon da war, und unter Nachfolgern Deines Geistes und Herzens mit den Tagen eines dauerhaften Friedens leicht wiederkommen kann! –

Will man sich hier von diesen ernsten Betrachtungen losreißen und den Weg  nach der ehemaligen Bildergallerie in der Frankfurter Straße verfolgen, so gewahrt man dort eine der auffallendsten Veränderungen in dem Hoflager des französischen Regenten; das ganze Revier zwischen der Frankfurter und Bellevüestraße, von der Ecke der Wilhelmstraße an bis an die Ecke der kleinen Straße, die nach dem Haupteingang der Neustädter Kirche führet, war bis auf ein Paar Privathäuser von dem Könige eingenommen, größten Theils an sich gekauft, durchgebrochen, niedergerissen und anders aufgebaut, mit einander in Verbindung gesetzt, und am Ende doch nur -- ein Flickwerk. Noch jetzt sieht man die Hauptfenster der Bildergallerie nach der Wilhelmsstraße zu alle vermauert, um Raum für den verschwundenen Thronhimmel und für die Audienzsääle zu gewinnen und das Tageslicht, wie eine Freimauerloge, nur von der Hofseite zu empfangen.

Auf dem großen Hof gegen die Bellevüestraße ist eine Wachtstube, unter einem hohen schmalen Gebäude mit einem Balkon an das Hauptgebäude der Bildergallerie angeklebt, hier etwas altes der Erde gleich gemacht, dort etwas neues in die Höhe getrieben, und von beiden Seiten ein Schilderhaus für die Wachen zu Pferd hingestellt. Kurz, alles trägt sichtbar das Gepräge der Eile, womit die in dem alten Schlosse abgebrannte Königliche Familie ihr Heil in der Flucht gesucht und sich hier niedergelassen hat. Es war die Zeit einer zweiten Emigration, als der ganze Hofstaat, wie aus den Wolken gefallen, hier anlangte, die zahlreiche Suite und Dienerschaft theils hier, theils in der nächsten Nachbarschaft, und höchstens in einiger Entfernung auf der Ober-Neustadt untergebracht werden, und die bürgerlichen Eigenthümer der Häuser von hier abziehen mußten.

Die Preise der Miethen stiegen mit einem Mal ins Uebertriebene, weil auch ein großer Theil der ersten Hof- und Staatsbeamten dem ausgewanderten Hofe, wie der Schweif seinem Kometen, hierher nachfolgte. Die Hintergebäude der vormals herrschaftlichen und Bürgerhäuser wurden in diesem königlichen Hauptquartier sämmtlich abgetragen, ein großer Hofraum gebildet, und um sich von dem Schrecken des Schloßbrandes ein wenig zu erholen, gleich bedacht darauf genommen, seitwärts ein kleines, niedliches Theater anzuflicken. Die Pagen ließen sich von der Seite der Bellevüestraße häuslich nieder, um gleich den Schmetterlingen, dem erlauchten Rücken ihres hohen Gebieters stets nahe zu seyn, vielleicht auch um sich das schwere Studium der neuen Hofetikette durch die romantische Aussicht in das Fulde Thal ein wenig zu erleichtern. Auf dem Balkon der Bildergallerie, als der Hauptwohnung der Königin, sah man bald ein Treibhaus mit hohen Glasfenstern aufgeschlagen, damit die neugierigen Nachbarn das vornehme Treiben und Wesen hinter demselben nicht belauschen konnten, und um dessen desto gewisser zu seyn, ergieng an letztere sogar die höchste Ordre, ihre Fenster sorgfältiger zu umhängen. Bei diesem Königlichen Umzuge sind freilich den bürgerlichen Eigenthümern ihre Häuser theuer bezahlt worden, und sie haben nach Verhältniß des heut zu Tage gesunkenen Werthes ungemein dabei gewonnen, wenn dies anders ein patriotischer Trostgrund seyn kann, auch für den höchsten Preis ungebetenen fremden Gäste Haus und Hof abzutreten. In demselben Maaße, in welchem die erwerbende Klasse nahe an dem abgebrannten Schlosse verloren hat, gewann nachher die in den Umgebungen des neuen Pallastes auf der Ober-Neustadt, und so z. B. wäre der mit dem Italiener Peddrazzino wetteifernde Kaufmann Vogelrohr in der Frankfurter Straße ein reicher Mann geworden, wenn das erste Hoftheater sich hier längere Zeit erhalten und seine kostspielige Farce fortgesetzt hätte. –

Nicht zufrieden mit diesem Besitzthum, und gewohnt, wie sein kaiserlicher Herr Bruder, stets um sich zu greifen, dehnte sich der König auch von der Bellevüestraße an, über den Rücken des Berges, bis in die sogenannte Affenallee in die Aue aus, wo Militär-Posten ausgestellt wurden, um zu verhindern, daß er gestört werden könnte, wenn er auf einer Ruhebank in dem steilen Gehölze den Philosophen von Sans-Souci nachahmen oder ungesehen den zärtlichen Schäfer spielen wollte. Wie auf Napoleonshöhe, so würden auch in der Aue bald mehrere dergleichen Schlagbäume von Bajonetten für das lustwandelnde Publikum errichtet worden seyn, und man hatte deshalb, gleich Rousseau, Gottes freie Natur allen Königlichen Kunstgärten vorziehen mögen.

Was einem schon in der ersten Nacht, nach dem merkwürdigen Einzuge des Hofes in die Frankfurter Straße, auffiel, war die ohne Vergleich sorgfältigere und reichere Straßenbeleuchtung, die sonst hier und überall, die Nähe des Pallastes ausgenommen, sehr kärglich war, auch den Professor Lichtenberg in Göttingen veranlaßt haben würde, sein lakonisches Bitt- und Sendschreiben um Licht an den Mond in dem französischen Cassel vermehrt und verbessert herauszugeben. Vormals soll die nächtliche Beleuchtung ergiebiger gewesen seyn, an jedem Hause eine Laterne; in den Franzmännischen Nächten aber war deren nur Eine vor dem 3 - 4ten Hause, und doch der Kostenbetrag weit höher, weil die französische Polizei sich auch bei dieser Gelegenheit in die Tasche -- leichten ließ. Daher mag es wohl kommen, daß im Winter, besonders auf dem Friedrichsplatz, die dichteste Finsterniß herrschte, und man ohne Gefahr zu laufen, hätte rauben und morden können.

Um der Macht der Empfindungen nicht zu unterliegen, welche auf das Herz jedes teutschen Patrioten bei dem Anblick dieser von einem fremden Fürsten umgekehrten Straße einstürmen, wird es gerathener seyn, zur Rechten dort oben nach dem Mairie- oder Wilhelmsplatz einzubiegen und mit Wohlgefallen dieses schöne reguläre Viereck zu betrachten, worauf der Plan des Königs gescheitert ist, unter unsichern Begünstigungen einen vermögenden Liebhaber herbeizulocken, der nach einer ihm vorzulegenden Zeichnung auf diesem Platz, die Königsstraße entlang, ein Hôtel de France erbauen würde. So angemessen auch der Ober-Neustadt, so nöthig und vortheilhaft, ein Gasthof von Bedeutung hier seyn möchte, so ungünstig war doch der Zeitpunkt dazu gewählt und so wenig konnte dem Könige auch hier gelingen, was er vom ersten Anfange an, laut in seinen pomphaften Dekreten mit Privathäuser bezweckte, zu welchen er aber kein Geld, keine Sicherheit in der Zeit und für die Zukunft, zu geben im Stande war. Ein Schweizer hat seit dem letzten halben Jahr das ansehnliche von Uslarsche Erbenhaus in der Frankfurter Straße gemiethet, in der Absicht, einen Gasthof unter dem Namen Hôtel de Suisse anzulegen; es werden ihm aber von Seiten der Hessischen Regierung so viele Hindernisse in den Weg gelegt, daß wahrscheinlich nichts daraus werden, und er am Ende Gott danken wird, seinen Plan in dem jetzigen, halb ausgestorbenen Cassel vereitelt zu sehen.


Zeitungsnachrichten.[]

[1812]

Kassel, den 19ten Oktober. [6]

Die Anzahl der Zöglinge der Militärschule wird um 10 vermehrt, so daß sie auf 80 gebracht, deren 15 persionfrey, 13 auf halbe, 19 auf drey Viertel, und 32 auf ganze Pension angenommen werden.


Quellen.[]

  1. Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor zu Altdorf. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1805.
  2. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  3. Dr. Johann Friedrich Droysen's Bemerkungen gesammelt auf einer Reise durch Holland und einen Theil Frankreichs im Sommer 1801. Göttingen bey Heinrich Dieterich. 1802.
  4. Meine Berufsreise durch Deutschland, Preußen und das Herzogthum Warschau, in den Jahren 1805, 1806, 1807 und 1808. Von J. P. Graffenauer, Doktor der Arzneygelahrtheit, vormaligem Arzte bey der großen französischen Armee, mehrerer gelehrten Gesellschaften Mitgliede. Chemnitz, bey Carl Maucke. 1811.
  5. Die französische Garküche an der Fulde. Erstes Gericht. Oder?? Neuestes Gemählde der Residenzstadt Cassel, wie sie noch im Jahr 1813 war, und wie sie gegenwärtig nicht mehr ist. Erstes Heft. Ein Pendant zur geheimen Geschichte von Westphalen. St. Petersburg, 1814.
  6. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 257. Freytag, den 25. Oktober/6. November 1812.


Literatur.[]

  • Cassel und die umliegende Gegend. Eine Skizze für Reisende. Mit neun Kupfern. Cassel, zu haben in der Hampeschen Buchdruckerey. 1797.
  • Cassel in historisch-topographischer Hinsicht. Nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe und seinen Anlagen. Marburg 1805. in der neuen academischen Buchhandlung.
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