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Bergen, vormaliges Benedictiner- nun aber lutherisches Kloster, nahe vor der Stadt Magdeburg, auf einer Höhe, hat einen Abt, der ein Landstand und Generalsuperintendent des Herzogthums Magdeburg ist, und ein durch seine gute Einrichtung sehr berühmt gewordnes Pädagogium. Viele Unterthanen dieses Klosters sind auch Lehnleute desselben, und müssen von jedem neuen Abt ihre Lehen empfangen, welches ihm sogleich beym Antritt eine Summe von 8 - 10,000 Thalern einbringt. Die Besoldung des Abts bestehet aus 900 Thlr. und nebst dem hat er ganz freye Station, freye Equipage mit 4 Pferden, einen Kutscher, Vorreiter und Bedienten, und noch allerley Nebeneinkünfte. Seit 1770. und 1769. ist verschiedenes in der Verfassung dieses Klosters geändert worden. Gegenwärtig hat es 6 Conventualen, die das Recht haben einen Abt zu wählen, aber sich dabey nach der Direction des Ministers zu Berlin, der dem geistlichen Departement vorstehet, richten müssen; und überdieß noch 5 Lehrer. Die Einkünfte des Klosters betragen 17,000 Thlr. wovon der Landesherr überhaupt 2000 Thlr. bekommt. Das Kloster selbst besteht aus einer Kirche, 8 Feuerstellen und dem Vorwerk Zachmünde, in allen 140 Menschen. Ausser den Feldern und ansehnlichen Waldungen des Klosters gehören ihm 9 Ortschaften, welche 2,419 Menschen enthalten. Die Zahl der Schüler betrug 33 im Jahr 1795.


Zeitungsnachrichten.Bearbeiten

[1807]

Kriegsübel.

Als ein Nachtrag zu den vielfältig schon geschilderten Greueln des Kriegs, der keinen verschont, in dessen Nähe er kommt, und zugleich als ein Denkmahl der bittern Leiden die eines der ehrwürdigsten Lehrinstitute unsers deutschen Vaterlandes beym Ausbruch des nun geendigten Krieges erdulden mußte, -- ist folgende Erzählung von der Räumung des Klosters Berge im Oktober v. J. zu betrachten. Sie ist von einem höchst glaubwürdigen Mann schon im Januar d. J. geschrieben, aber erst vor wenigen Tagen der Redaktion dieser Zeitung zugesendet worden.

"Auch der Schule zu Kloster Berge widerfuhr in dem verhängnißvollen Oktober v. J. ein hartes Schicksal. Ihr fast neunhundertjähriges Alter *) -- ehrwürdig wenigstens durch die große Zahl berühmter und verdienstvoller Männer, welche sie in jedem ihrer Jahrhunderte zog, -- ihre, bisher immer noch vermehrten und den Zeitbedürfnissen völlig entsprechenden, Hülfsmittel und die, übrigens so seltenen Vorzüge ihrer Lage, schienen sie, in der Nähe einer bedrohten Festung, vom Untergange nicht retten zu können.

*) Kloster Berge, auf einer Anhöhe dicht vor Magdeburg, war ehedem ein Benediktinerkloster, gestiftet vom Kaiser Otto I. zu Magdeburg im Jahr 937. Allein im Jahr 967 wurde es in ein Erzbisthum verwandelt, und hierauf dem Abte mit seinen Mönchen das neuerbaute Kloster St. Johannis des Täufers auf dem Berge vor Magdeburg angewiesen. In den folgenden Zeiten gelangte dieses Kloster zu einem solchen Ansehen, daß es eines der berühmtesten in Deutschland wurde. Im Jahr 1565 bekannte es sich unter dem Abte Peter Ulner zur lutherischen Religion, und im J. 1577 ist in demselben die Formula Concordiae von sechs lutherischen Theologen völlig ausgearbeitet worden. S. Leonhardi Erdbeschreibung der preuß. Monarchie 4. Band 1. Abthl. S. 155 ff.

Am 15. Oktober v. J. wurden etwa 200 Schanzgräber angewiesen, die Klösterlichen Mauern in Wälle für Kanonen umzuschaffen. Am 17. ward, plötzlich und allen vorherigen Versicherungen entgegen, Befehl zur schleunigsten Räumung gegeben und sogleich auch ein Kommando von 120 Mann eingelegt, das hinterher bis 220 verstärkt worden ist. Niemand konnte nun wohl auf den Einfall kommen, die Schule nach Magdeburg verlegen zu wollen. Denn wenn es auch nicht an hinlänglichen Vorräthen und einem angemessenen Lokale gefehlt hätte, so hatten mehrere Eltern gegen eine Belagerung ihrer Kinder ausdrücklich, alle übrigen aber ohne Zweifel stillschweigend protestirt. Es wurden daher diejenigen Zöglinge, welche ihre Heimath noch früh genug erreichen konnten und diejenigen, für welche Freunde und Angehörige zu sorgen versprachen, entlassen; 24 der Entferntesten aber schifften, da Wagen um keinen Preis zu haben waren, in Begleitung des Direktors und zweyer Lehrer nach Havelberg und vertheilten sich dort auf den Wegen nach ihrer Heimath, die sie sämmtlich ohne Unfall erreichten. Die aus mehr als 10,000 Bänden bestehende Klosterbibliothek, die Lesebibliothek, die Naturaliensammlung und das physikalische Kabinet wurden nach Magdeburg gebracht, so sehr auch die zunehmende Wildheit der Besatzung des Klosters und das Gedränge in den Thoren Magdeburgs den Transport erschwerte. Begreiflich mußte ein sehr großer Theil der Effekten zurückbleiben. Diese waren nun ohne Ausnahme den gröbsten Mißhandlungen der -- Vertheidiger des Klosters ausgesetzt. Fast keine Thüre, kein Schrank blieb unerbrochen; was die von Zeit zu Zeit zurückkehrenden Bewohner noch retten wollte, war schon gerettet; fast kein einziges Schloß an Thüren und Schränken wurde zurückgelassen. Die Thüren zum Billard und zu dem einen Speisesaal der Schule wurden zerbrochen; von dem erstern das Tuch abgeschnitten, aus dem letztern alles entwandt, was auf den Tischen und in den Schränken zurückgeblieben war. Die Obst- und Vorrathskammern, Korn- und Heuböden, alles wurde theils durch die Piquetwache auf dem Kloster, theils durch die in der Nähe stehende Kavallerie hinweggenommen. Selbst die Kirch ward erbrochen und die Bekleidung des Altars entwandt. Das neuere Schulgebäude hätte leicht ein Raub der Flammen werden können, weil zweymal in einer Nacht unter einer Treppe Feuer angelegt war. Der damalige Gouverneur der Stadt gab die strengsten Befehle, um den Unordnungen Einhalt zu thun; aber umsonst; und von den wachthabenden Offiziers wurde auf Beschwerden gewöhnlich erwiedert: "Es ist Krieg!" -- -- Die schrecklichste Verheerung erlitt jedoch der herrliche Klostergarten. Der Gouverneur hatte bloß Durchsichten zu hauen befehlen; gleichwohl ließ ihn der Ingenieur de la place bis auf den letzten Baum niederhauen. Tausend der schönsten, mehr als hundertjährigen Rüstern, Eichen Linden, Ellern, mehrere hundert, noch vor wenige Wochen mit Früchten schwerbeladene, Obstbäume lagen wie auf dem Schlachtfelde über einander und bildeten einen hohen undurchdringlichen Wall, hinter welchem die Belagerer ungehindert bis an die Wälle der Festung hätten vorrücken können. Nicht einmal die Bäume, welche hinter Gebäuden, Mauern und Terrassen standen, blieben verschont. Es war nicht die Frage, ob sie den Belagerten hinderlich seyn könnten; es kam den fünfhundert mit Aexten bewaffneten Verwüstern nur darauf an, alles, was Baum heißen konnte, zu vernichten, und kaum hatten sie ihr Werk vollendet, als -- die Uebergabe der Festung erfolgte.

Gleich nach derselben ward von Sr. Exzellenz dem kaiserl. französischen Marschall Ney, auf Bitte des Abts, als Oberdirektors der Schule, der Befehl zur Wiedereröffnung der Schule gegeben und ihr der vollkommenste Schutz zugesichert, dessen sie sich auch bis diesen Augenblick erfreut. Die Schule ward bereits am 15. Nov. mit den aus der Nähe zusammen berufenen Zöglingen eröffnet; die Entfernteren eilten, so weit es die Verhältnisse eines jeden gestatteten zurück; ihre Zahl vermehrte sich von Woche zu Woche, so daß schon mit dem Anfange dieses Jahres gegen zwey Drittheile der Zöglinge zurückgekehrt waren, und sich durchaus in ihren vorigen Verhältnissen befanden. Mehrere andere haben sich erst später einfinden können; einige werden noch erwartet. Ausgeblieben sind größtentheils nur diejenigen Ausländer, die schon vorher beschlossen hatten, theils zur Universität, theils zu andern Bestimmungen abzugehen. Die in der berliner Vossischen Zeitung vom 17. Dez. v. J. enthaltene Nachricht, (als wären erst 13 Scholaren vorhanden, mehrere Lehrer aber sammt dem Direktion noch abwesend!) scheint daher aus einer trüben Quelle geflossen zu seyn. Kloster Berge ist der Kritik des Neides und seiner Insinuationen gewohnt, und dankt der Großmuth des Siegers seine Erhaltung für die moralische und wissenschaftliche Bildung der Jugend.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor zu Altdorf. Neu bearbeitet von Konrad Mannert, Königl. Bairischen Hofrath und Professor der Geschichte und Geographie zu Würzburg. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1805.
  • National-Zeitung der Deutschen. 37tes Stück, den 10ten September 1807.
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