Fandom


Grüssau, fürstliche Abtey, Cisterzienserordens in Schlesien, Bolkenhain. Kreis, 1 Meile von Landshut, an der Böhmischen Gränze. Die Gebäude sind prächtig. Zu dem Kloster gehören die Städte Schömberg und Liebau, die Burg Bolkenhain und 40 Dörfer.


Von Reisende.Bearbeiten

M. Christian Weiss

[1794]

Landeshut, am 17. Juli.

Fünf Viertelstunden von Liebau, in einem offnen anmuthigen Thale liegt das grosse und reiche Cistercienserkloster Grüssau, sonst Kresobor genannt. Bolco von Schweidnitz kaufte es im Jahr 1279 den Benedictinern ab, welche es seit 37 Jahren besassen, und von Heinrichs II. Gemahlin nach der Tatarschlacht bei Liegnitz aus Böhmen dahin gezogen worden waren. Die Cistercienser kamen aus dem Kloster Henrichau im Fürstenthume Münsterberg, erhielten ansehnliche Schenkungen, und cultivirten nach und nach die damals noch unwegsamen, rauhen Wälder. Im dreissigjährigen Kriege wurde es von den Schweden ganz geplündert und verwüstet, und doch war es im Stande, sich unmittelbar nachher wieder zu erbauen, die gemachten Schulden zu bezahlen, und neue Schätze zu sammeln. Der jetzige Abt hat es von neuem massiv zu bauen angefangen; das Gebäude ist beinahe halb vollendet; es erhält ein ganz prunkloses, aber gutes und gefälliges Ansehen, seine Fronte wird 23 Fenster haben. Im Kloster sind jetzt beinahe 30 Mönche, und auf seinen Gütern 20 Pfarrer; es besitzt 3 Städtchen und 40 Dörfer.

Im Innern des Klosters ist wenig Merkwürdiges, keine Pracht, aber eine durchaus gute, zweckmäsige Einrichtung. Der Garten zeichnet sich nicht aus; da der jetzige Abt ein guter Oekonom ist, so hat er ihn lieber zu Küchengewächsen und Obst, als zu weniger brauchbaren Dingen benutzen wollen. In einem nahen Wäldchen sind einige Anlagen zum Vergnügen der Mönche gemacht worden; man erhebt sie aber fast durchgängige über Gebühr: mir waren sie zu sehr im Mönchsgeiste, und diese Verbindung der Religion mit der Natur verwischte den Eindruck, welchen jede einzeln und an ihrem Orte vielleicht auf mich gemacht haben würde.

Das Sehenswertheste in Grüssau sind die beiden Kirchen. Die Stiftskirche, Johannes dem Täufer geweiht, ist mit dem Kloster erbaut, im vorigen Jahrhunderte aber vom Blitze zerstört und von neuem errichtet worden. Ihr Aeusseres fällt sehr ins Auge, und ihre beiden vorn überm Eingange stehenden Thürme sind in der That nicht übel; nur ist das Ganze auch hier zu voll, und man weiss oft nicht, welchen Schmuck oder welche Idee man für die vorzüglichste zu halten habe. Ihre Orgel ist von Engler, weiland in Breslau, gebaut worden, und wird für die besten in Schlesien gehalten. Den Hochaltar entstellt ein kolossalisches Kreutz, welches über ihm errichtet ist. Auch die Decke verliert, da man sie ganz übermalt hat. Es ist mit ein eigenes widerliches Gefühl, wenn ich ein Ganzes aus Ganzen zusammengesetzt sehe. Es ist unmöglich, Gemälde von solcher Grösse für Theile der Kirche zu erkennen, und doch kann man sie eben so wenig unter der Menge kleinerer Zierrathen verlieren. -- Neunherz, von welchem diesen Deckengemälde gearbeitet ist, hat noch viele andere in die Kirche geliefert; das Altarstück, und Petrus und Xaver am Eingange sind von Brandel, mehrere andere besonders an Nebenaltären von Willmann.

Gleich an die Kirche stösst die Fürstenkapelle, ein geräumiger, heller, durchaus marmorirter Saal, wo Herzog Bolco mit seinen Gemahlinnen und mehrere Fürsten und Herren begraben liegen, besonders solche, welche dem Stifte Güter vermacht haben. Sie ist sehr schön al fresco ausgemalt. Unter ihr befindet sich das heilige Grab, auch mit al-fresco-Mahlerei, von demselben Künstler; es soll nach dem zu Jerusalem sehr genau copirt sein.

Die Pfarrkirche oder Josephskirche ist kleiner und einfacher als jene, aber auch unbedeutender und ärmer. Sie ist zugleich mit der Stiftskirche im vorigen Jahrhundert erbaut worden; da sie beinahe vollendet war, stürzten ihre Thürme wieder ein, und sie hat daher jetzt nur keinen Thurm. Merkwürdig wird die durch die Gemälde Willmanns, welcher nächst Leubus in ihr seine meisten Arbeiten an einem Orte beisammen geliefert hat Er hat sie genau grösstentheils al fresco ausgemalt; die meisten Stücke sind aus dem Leben Josephs und Jesu genommen, unter mehrern andern findet man hier die Apostel noch einmal. Das Altarstück zeichnet sich vorzüglich aus. Es stellt die Könige aus dem Morgenlande vor, wie sie Jesu Geschenke bringen, ist sehr gross und an eine halbrunde Wand gemalt, so dass bei den Schattirungen der Figuren besondere Rücksicht auf ihren Stand an der krummen Fläche gegen das Auge des Zuschauers genommen werden musste. Willmann hat seinen Ruhm auch durch diese Arbeiten unleugbar vermehrt; allein seinen Oelgemälden kann man denn doch in Rücksicht auf Fleiss und Ausdruck den Vorzug vor diesen schwerlich absprechen.


Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor zu Altdorf. Neu bearbeitet von Konrad Mannert, Königl. Bairischen Hofrath und Professor der Geschichte und Geographie zu Würzburg. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1805.
  • Wanderungen in Sachsen Schlesien Glatz und Böhmen von M. Christian Weiss. Leipzig in der Sommerschen Buchhandlung 1796.
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.