Fandom


Der Hof des Sultans zu Konstantinopel.Bearbeiten

[1]

(Nach der neuest erschienenen vierten verbesserten Auflage der Notice sur la Cour du Grand Seigneur, son conseil, son harem ect. par I. C. Beauvoisins. Paris 1809.)
(Das Innere des Hofs des Großherrn ist noch wenig bekannt; die wenigsten Reisenden haben Gelegenheit gehabt, dasselbe zu untersuchen. Unter diejenigen, welche neuerlich sich in Konstantinopel aufgehalten und Gelegenheit gehabt haben, sich von dem Serail zu unterrichten, gehört der französische Eskadron-Chef Herr Beauvoisins, der dritthalb Jahr in der Hauptstadt des Osmanischen Reichs gelebt hat, und selbst bis ins Innere der Gärten, ja bis in die Zimmer der Frauenzimmer gedrungen ist. Hierzu verschaffte ihm ein deutscher Gärtner, der Direktor und Intendant der Gärten des Serails ist, Gelegenheit. Der ganze Hof bestand sich damals zu Beschik-Tasch, einen Lusthause des Großherrn am Kanal von Konstantinopel. Bergk.)

Das Serail (d. h. der Pallast) hat nicht sieben, sondern bloß zwei Stunden im Umfange, und enthält in seinen Ringmauern Moscheen, Gärten und Gebäude, worin 20000 Menschen wohnen können. In der Mitte des Kanals gewährt dieser Pallast einen hinreissenden Anblick; dieß ist aber nicht auf der Landseite der Fall; seine Dome, seine Kuppeln, seine Minarets (Thürme) sind verschwunden; eine hohe und dicke Mauer hält die Blicke des Reisenden auf und erregt in ihm die traurigsten Gedanken, besonders wenn er vor dem Haupteingangsthore vorbeigeht, und auf einem Misthaufen ganz frisch abgehauene Köpfe liegen sieht, wovon ihm das Blut unter den Füssen hinrieselt.

Der Harem oder der Aufenthaltsort der Frauenzimmer, ist Eins der beträchtlichsten Gebäude des Serails. Es enthält die einzelnen Pavillons der rechtmässigen Frauen des Großherrn. Es giebt eine erste, eine zweite, eine dritte u. s. w. Der vorletzte Kaiser Selim III. hatte sieben; jede hat ihr besonders Haus und wenigstens 2000 Mädchen (Odalisken) zur Bedienung; jedes von diesen Mädchen steht dem Großherrn zu Gebote, der das Recht hat, dasjenige zu sich kommen zu lassen, welches ihm gefallen hat, wenn er Einer seiner Gemahlinnen einen Besuch machte. Diese leben abgesondert, besuchen einander nicht, und kennen sich kaum. Sie haben jede ihre Gärten, Kiosks (Pavillons), Bäder und besondere Zeitvertreibe; sehr selten läßt sie der Großherr zusammen kommen.

Der Harem steht unter der unmittelbaren Aufsicht der Kekaya, Khaduna (Aufseherin der Frauen), die jedesmal eine ehemalige Günstlingin ist, welche mit dem Zutrauen ihres Herrn beehrt worden, und die diesen auszeichneten Posten bloß nach langen und treuen Diensten erhalten hat. Sie herrscht unumschränkt; alles gehorcht ihren Befehlen, und sie erhält unmittelbar vom Kaiser selbst alle Aufträge, die sich auf ihr Amt beziehen. Daß der Großherr derjenigen, bei welcher er die Nacht zu bringen will, ein Schnupftuch zuwerfe, ist ein Mährchen; die ganze Zeremonie von Seiten des Kaisers besteht darin, daß er durch die Aufseherinn der Odaliske, derjenigen die er mit seinen Blicken beehrt hat, reiche Kleider zuschickt, damit sie sich putzt, ehe sie vor ihm gebracht wird.

Die im Serail eingesperrten Frauenzimmer bekommen Niemanden zusehen und dürfen bei Todesstrafe keine Verbindung mit Jemand ausser dem Serail unterhalten. Will man sich einen begriff von der ausserordentlich grossen Strenge machen, mit der man sie aller Blicken entzieht, so braucht man nur die Vorsichtsmaaßregeln zu kennen, die man anwendet, wenn sie die kleine Strecke von dem Thore des Serail, nach dem Meere zu, bis an das Fahrzeug gehen sollen, das zu ihrer Aufnahme bestimmt ist. Rechts und links ist eine Spalier von schwarzen Verschnittenen, von dem letzten Thore an, bis an die Treppe, wo das Fahrzeug hält. Diese Verschnittenen haben sämmtlich das Gesicht nach auswärts gekehrt, und halten einen langen Stab in der Hand, um welchen ein Stück Leinwand von 10 Fuß Höhe befestigt ist. Die Frauenzimmer gehen zwischen diesen leinwandenen Mauern hin und treten in das Fahrzeug, das bedeckt und mit Jalousien und Gitterwerk versehen ist.

Die äussere Thore des Harem werden von 300 schwarzen Verschnittenen bewacht, die in der ersten Linie um die Mauer herumstehen und von dem Kislar Agha befehligt werden. Diese schwarzen Verschnittenen gleichen wilden Thieren, haben nicht die geringste Kenntniß, ja nicht einmal den kleinsten Grad von Bildung; sie leben unter sich wie wilde Schweine in einer Kothlache. Sie haben allein das Recht, in die zum Harem gehörigen Gärten zu gehen. Wenn der Großherr darin spazieren geht, so läßt er seine Pagen und seine weissen Verschnittenen draussen und wird bloß von dem Kislar Agha und seinen Schwarzen begleitet. Befinden sich Gärtner oder andere Arbeiter in den Gärten, so ruft man Helvet! Bei diesen schrecklichen Worten ergreift alles die Flucht, läßt seine Arbeit liegen, und eilt nach den Thüren. Wehe dem, der sich darinnen treffen liesse, wenn die Frauenzimmer in den Alleen herumgehen! Ein sicherer Tod wäre der Lohn seiner Unbesonnenheit oder seiner Nachlässigkeit; niemand kann ihn retten; die Schwarzen haben ihn schon ermordet, ehe noch eine Untersuchung angestellt werden kann. Hierin sind sie so pünktlich, daß diese wilden Thiere, die sich alles für erlaubt halten, stets bereit sind, diejenigen nieder zu säbeln, die ihnen nicht sogleich aus dem Wege gehen.

Nach den schwarzen Verschnittenen kommen die weißen Verschnittenen, die fast eben so zahlreich sind, als diese. Sie verrichten die äussern Dienste des Harem in der zweiten Linie. Ihr unmittelbarer Verkehr mit den Wächtern des Innern des Serails hat sie etwas mehr verfeinert als die Erstern. Ihr Oberhaupt heißt Capu-Aghassy (Thoraufseher) und genießt ein sehr grosses Ansehen, allein seine Vorrechte, sein Einfluß und seine Würde kommt bei weitem jener des Oberhaupts der schwarzen Verschnittenen nicht gleich; dieser ist ein Großbeamter des Reichs; das Oberhaut der weissen Verschnittenen hingegen ist bloß ein höherer Beamter des Hauswesens.

Der Dienst bei der Person und in den Zimmern des Kaisers ist ausschließlich seinen Pagen anvertraut, die fast lauter junge Leute von niedriger Geburt aus allen Theilen der Türkei besonders aber aus Asien sind und von den Grossen des Reichs an den Hof gebracht werden, die dadurch auf die Vortheile speculiren, die sie einst durch ihre Geschöpfe erhalten können, wenn diese zu den ersten Aemtern des Serails gelangen, und wirklich erinnern sich diese junge Leute, ob sie schon noch als Kinder ihre ersten Herren verlassen, gewissenhaft an diejenigen, die sie erhoben, und an die Quelle der Gnadenbezeugungen, der Ehrenstellen und des Glücks gebracht haben.

Die Pagen sind in vier Kammern abgetheilt. Diejenigen der ersten Kammer verrichten unmittelbar den Dienst bei der Person des Großherrn, den sie allenthalben hinbegleiten, ausser in den Harem. Die zweite ist die zahlreichste, und enthält diejenigen, welche dem Kaiser oder seinen Frauen bei Tische aufzuwarten bestimmt sind. Diejenigen die zum Militärdienste bestimmt sind, machen die dritte Klasse aus. Die vierte besteht aus denen, welche alle Schätze im Serail bewachen, so wie sie auch die Juwelen, Diamanten und die Privatkasse des Sultans in Verwahrung haben. Auch haben sie alle Auszahlungen des kaiserlichen Schatzes zu besorgen, so wie auch die einkommenden Gelder in denselben zu thun.

Nach dem gebrauche muß jeder Großherr während seiner Regierung eine Schatzkammer errichten, in die er alle Khasnes (Schätze) verschließt, die er von Jahre zu Jahre sammelt. Am Ende eines jeden Jahres nimmt das Oberhaupt der schwarzen Verschnittenen ein Inventarium von allen Beuteln auf, die in den Schatz gekommen sind und thut sie in einen Coffer, auf welchen der Großherr selbst mit großer Feierlichkeit sein Siegel drückt. Beim Tode jedes Sultan verschließt man die Schatzkammer, versiegelt sie mit den Siegeln des Großveziers und aller Beamten des Serails und setzt über die Eingangsthür folgende Aufschrift mit goldenen Buchstaben: "dieß ist der Schatz dieses oder jenes Sulltans!"

Die Türken haben die Gewohnheit, den Schatz des Serails als etwas Heiliges zu betrachten. Nach ihrer Meinung, ist es ein Unglück, wenn man ihn anzugreifen wagt. Bloß im äussersten Nothfalle, wenn die Sicherheit des Reichs gefährdet ist, oder bei den wichtigsten und ausserordentlichsten Umständen, kann und darf man sich an ihm vergreifen. Das Vorurtheil in dieser Hinsicht ist so stark, daß sich der Sultan lieber Geld durch die grausamsten Erpressungen verschaft, als daß er den Schatz eines seiner Vorfahren angreift. Nach der gemeinen Behauptung soll dieser Schatz unermeßliche Reichthümer enthalten. Rechnet man, daß seit Mohamed II. 40 Kaiser regiert haben, so muß das Serail eben so viel Schatzkammern enthalten. Nimmt man nun an, daß sich in jeder wenigstens 12 Millionen nach unserm Gelde befinden, so beträgt das Ganze 480 Millionen gemünztes Gold; hierunter sind noch nicht die Edelsteine und andere kostbare Gegenstände und Geschenke begriffen, welche man seit 350 Jahren den Großherren gemacht hat.

Ausser den Pagen giebt es noch eine andere Art von Hausbedienten am Hofe der osmanischen Prinzen; dieß sind die Tauben und Stummen. Ihre Anzahl beläuft sich auf ungefähr 40; des Nachts wohnen sie in den Pavillons der Pagen, bei Tage aber halten sie sich vor der Moschee auf, wo sie sich in den Zeichen vervollkommnen lernen, die bei ihnen die Stelle der Sprache vertreten. Unter diesen 40 giebt es eine gewisse Anzahl Lieblinge, die dem Großherren zum Zeitvertreibe dienen, er läßt sie sich einander schlagen, in eine Zisterne werfen, oder sie dem Gespötte seiner Pagen und seiner vertrauten Beamten aussetzen.

Sonst waren die Stummen mit der Vollziehung der Todesurtheile im ganzen Reiche beauftragt; sie reisten allein oft 200 Stunden von Konstantinopel weg, und traten ohne Waffen vor denjenigen, dessen Kopf der Großherr verlangt. Die Unterwürfigkeit gieng so weit, daß der Unglückliche ehrfurchtsvoll die Schrift küßte, die ihn zum Tode verurtheilte, sein Haupt ohne Murren der Fatalen Schnur hinhielt, die der Stumme in der Hand hatte, und entschlossen starb. Diese Entschlossenheit rührte von dem Wahnglauben her, den alle Mohamedaner haben, daß sie alle ihre Sünden gut machen, wenn sie von der Hand oder auf Befehl des Großherrn ermordet werden. Seit einigen Jahren aber hat diese blinde Unterwürfigkeit solcher Widerstande Platz gemacht, der den Ueberbringern solche Befehle die Lust dazu benommen hat. Man weiß, daß Dgezzar Pascha, der vor einigen Jahren als Pascha von Jean d'Acre starb, den Stummen bis zu sich kommen ließ, und wenn ihm dieser den Firman (den großherrlichen Befehl) unter Beugungen überreichte, ihm den Kopf mit einer Pistole zerschmetterte; hierauf ließ er denselben abschneiden, und schickte ihn in einem ledernen Sacke nebst dem Firman nach Konstantinopel. Demungeachtet fanden sich noch 5 bis 6 Capidgys-Bachys, die eine solche Bothschaft übernahmen, und dasselbe Schicksal hatten. Endlich schickte ihm die Pforte keine solche Boten mehr und Dgezzar Pascha hat sein Paschalik 30 Jahre behalten.

Der berühmte Paßwan-Oglu, der im Jahre 1807 als Pascha von Widdin starb, gieng noch weiter. Er behielt die Firmans, schickte die Boten wieder fort, und bewaffnete sich gegen die Pforte, indem er fortdauernd seine Ehrfurcht und seine Ergebung gegen die Person des Großherrn bezeugte. Bei jedem neuen Firman, den er erhielt und in dem man seinen Kopf verlangte, hielt er sich für berechtigt, sich 15 bis 20 Stunden Terrain von den Besitzungen der benachbarten Paschas zu bemächtigen. Auf diese Art versammelte er eine Armee von 80000 Mann, und schlug über 10 Jahre alle osmanischen Armeen, die gegen ihn geschickt wurden.

Jetzt bedient sich die Pforte der Stummen nicht mehr, um sich von den aufrührerischen Unterthanen zu befreien; sie nimmt zu andern wirksamen Mitteln ihre Zuflucht; sie verspricht die Stelle des Aufrührers dem, der ihn ermordet, und es ist sehr häufig der Fall, daß einer der ältesten und vertrautesten Diener eines Paschas seinen Kopf nach Konstantinopel bringt, um die versprochene Belohnung zu erhalten.

Ausser den Stummen giebt es am Hofe des Großherrn noch ein Dutzend Zwerge, die mit den Stummen zusammen wohnen, und wie sie dem Sultane zum Zeitvertreib dienen. Beide begleiten ihn, wenn er ausgeht. Die Zwerge gehen vor den Pagen her. Bisweilen dient ihr Rücken dem Großherrn zum Fußschemmel, wenn er zu Pferde steigt; man sorgt sehr fleißig dafür, sie an diese sonderbare Sitte zu gewöhnen.

Die Capidgys-Bachys haben das Amt den Großherrn zu begleiten. Alle Freitage setzen sie sich zu Pferde, und machen einen Theil der kaiserlichen Bedeckung aus, wenn sich der Großherr in die Moschee begiebt. Seit einigen Jahren reisen sie bloß noch in die Provinzen, um die Verwaltungs-, Ernennungs- oder Absetzungs- Firmans bekannt zu machen. Diese Aufträge sind lauter Gnadenbezeugungen, weil sie sehr einträglich sind und nie ein Capidgy ohne große Geschenke zurückkömmt.

Die Capidgys-Bachys schlafen alle Nächte nach der Reihe in einer kleinen Kammer am zweiten Eingangsthore des Serails, dessen Schlüssel man ihnen nach Sonnenuntergang übergiebt. Sie haben grosse Vorrechte und stehen in grossem Ansehen. Besonders suchen die Grossen sie auf und schmeicheln ihnen, um sich an ihnen Stützen im Serail, so wohl bei dem Oberhaupte der schwarzen Verschnittenen, als bei dem Großherrn selbst zu verschaffen, den sie vermöge ihrer Stelle alle Tage zu sehen bekommen und sich ihm nähern dürfen.

Am osmanischen Hofe giebt es zwei Oberstallmeister, unter denen alle übrigen Stallmeister des Großherrn stehen, und die die Oberaufsicht über die Ställe des Serails führen. Bei dem Weidefeste aller Pferde des Großherrn führen sie den Vorsitz. Dieß findet alle Jahre am St. Georgen-Tage statt, und wird mit der größten Feierlichkeit begangen; die Großen der Pforte, die Beamten des Serails, der ganze Hof des Großherrn wohnen im Staate dem Ausreiten der Pferde bei, die mit Feierlichkeit durch die Strassen von Konstantinopel bis auf die Wiesen geführt werden, wo sie weiden sollen. Diese Wiesen liegen um die Hauptstadt her, und die Pferde werden darauf Tag und Nacht von bulgarischen Bauern gehütet, die dieses Frohndienstes wegen ausdrücklich aus Rumelien kommen. Ihre Dörfer sind abgaben-frei, und genießen noch andere Freiheiten, welche sie reichlich für den augenblicklichen Dienst entschädigen, den man von ihnen verlangt. Der Großherr selbst wohnt der Feierlichkeit bei, und wenn die Pferde aus dem Serail kommen, sieht er sie hinter den Jalousien von Alay Kiosk vorbeigehen. Dieß ist ein Pavillon, der sich an die grosse äußere Mauer des Serails im Innern der Stadt auf der Seite von Delvet Humajoum (der edlen Pforte) oder der Pforte der Regierung lehnt, woraus die Europäer hohe Pforte gemacht haben, um die osmanische Regierung zu bezeichnen.

Diese beiden Oberstallmeister sind, nebst dem Bostandgy-Bachy und dem Capidgyler-Kehassy, die vier Großoffiziere der Krone und machen den am Hofe der osmanischen Prinzen sogenannten kaiserlichen Steigbügel aus.

Der kaiserliche Steigbügel bedeutet jetzt im Geringsten nichts mehr; er ist ein höchst unvollkommenes Bild von der despotischen Form der ehemaligen Regierung der Begründer des osmanischen Reichs, ehe sie sich auf den blutigen Trümmern des Thrones des letzten Konstantins festsetzten. Der Sultan hatte damals keinen andern Pallast als ein Zelt, keinen andern Hofstaat, als seine Militärbegleitung, keinen andern Pomp, als die Tropheen und die Beute von den Besiegten, die er vor sich hertragen ließ. Die Forderungen und Bitten der Armee wurden zu den Füssen des Sultans gebracht, der zu Pferde saß; bei seinem Steigbügel flehten die Bittenden seine Gerechtigkeit oder seine Gnade an. Die Armeebefehle, die kaiserlichen Beschlüsse, die Urtheile wurden zu Pferde erlassen und von dieser alten Sitte rührt im Innern des Serails noch die Beibehaltung des Namens des kaiserlichen Steigbügels her. Bei Ministerialverhandlungen, in den Beglaubigungsschreiben der Gesandten in den Firmans der hohen Pforte findet man beständig diese Benennung und alle Noten, welche die europäischen Gesandten der Pforte übergeben, werden an den kaiserlichen Steigbügel gerichtet.

Die Bewachung des Innern ist den Bostangys anvertraut, welche ursprünglich bloß Gärtner waren. Ihr Oberhaupt, der Bostangy-Bachy heißt, ist nach dem Seliktar-Agha die zweite Person des Reichs; er hat grosse Vorrechte und übt die Polizei im Innern des Serails aus. Ausserdem hat er das Vorrecht und die Ehre, das Steuerruder des Fahrzeugs des Großherrn zuführen. Bei Feuersbrünsten muß er sich mit allen seinen Bostangys an den Ort begeben, wo das Feuer ist.

So despotisch die Macht des Großherrn auch ist, so muß er sich doch bei jeder Feuersbrunst zu Konstantinopel oder in der Nachbarschaft dieser Hauptstadt mit seinem ganzen Hofe nach der Stelle verfügen, wo es brennt. Dieser Pflicht wagt er sich nicht zu entziehen, aus Furcht, die Verwünschung des Volks auf sich zu laden. Daher wird zu allen Tageszeiten im Winter und im Sommer der Großherr sogleich von jedem Feuer benachrichtigt und immer stehen gesattelte und gezäumte Pferde und mit Rudern versehene Fahrzeuge bereit, um den Großherrn zu jeder Minute selbst nach Skutari, auf der andern Seite des Kanals, überzusetzen, wenn die Feuersbrunst nur etwas bedeutend ist. Zu Konstantinopel sind Feuersbrünste sehr häufig und gewöhnlich ein Zeichen der Unzufriedenheit des Volks. Wollte sich der Großherr nicht an die Stelle begeben, wo das Volk seinem Oberherrn sein Mißvergnügen bezeugt, so würde die Gährung nicht bloß zu nehmen, sondern es wäre auch ein Aufstand zu besorgen.

Die Baltadgys des Serails (Holzspalter), die den Bostangys ähnlich, machen einen Theil der Garde und des Hausbedienung des Innern aus. Sonst waren die Holzspalter, die den Auftrag hatten, alles Holz zu hauen und zu spalten, das in den Küchen und in den Bädern des Serails verbrannt wird. Ihre Anzahl hat sich vermehrt und sie haben jetzt eine fast militärische Einrichtung, wie alle Bedienungen im Innern.

Die Sultane haben eigentlich keine Militärwache um sich; ihre Einrichtung ist ganz häuslich und jeder Theil hat den Namen von dem Geschäfte behalten, das er sonst betrieb. Das Serail wird von ungefähr 10,000 Mann bewacht, die zwar nicht im Stande sind, einem Bataillon europäischer Truppen zu widerstehen, die aber doch hinlänglich sind, dem Pöbel von Konstantinopel, dessen Augen noch nicht an die sonderbaren Gestalten und Trachten des sogenannten Innern gewöhnt sind, Furcht und Respekt einzuflössen. Geht der geringste Gujat (Serailbediente) auf der Strasse, will er sich in eine von der tausend Kaiken setzen, die zur Ueberfahrt nach Skutari und Pera dienen, so affektirt er den Ton und Gang eines Veziers; mit Stolz, ja bisweilen mit Verachtung behandelt er die gemeinen Leute, spricht in hohem Tone und alles gehorcht ihm auf den Wink.

Ein Beamter des Serails verläßt nie das letzte Thor des Innern, ohne von 25 bis 30 Bedienten begleitet zu seyn, er braucht seinen Leuten nicht den Befehl zu ertheilen, ihn zu begleiten; wenn er durch die verschiedenen Höfe des Serails geht, so vergrössert sich seine Begleitung. Wer will, der folgt ihm; es scheint, als ob die Strahlen des Ruhms und des Reichthums, mit denen er umgeben ist, auf die Bedienten zurückfallen, aus denen sein Gefolge besteht. in Europa äffen zwar die Bedienten gern ihren Herrn nach, allein sie verbergen sorgfältig ihren Stand und ziehen ihre Livree aus; zu Konstantinopel hingegen sind die Bedienten stolz auf ihre Sklaverei, brüsten sich mit den Kennzeichen ihres Standes und kein Bostangy würde seine Mütze gegen die Flinte eines auf europäische Art bewaffneten und geübten Soldaten vertauschen.


Feuerbrunst in Konstantinopel.Bearbeiten

[2]
Der zwanzigste Jänner 1808.

Das so oft durch fürchterliche Feuersbrünste heimgesuchte Konstantinopel sah auch heute wieder das verheerende und schreckliche Schauspiel. Diese Brunst wüthete in der Vorstadt Galatha, legte mehrere hundert Gebäude in die Asche, und nur noch das aus den Zeiten der Genueser herkommende, größtentheils aus massiven Steinen erbaute fränkische Quartier blieb verschont. Fast zu gleicher Zeit verzehrte eine andere Feuersbrunst rückwärts des Arsenals und gegen die asiatische Gegend oder Chalcedonien die Bezirke Chasskoi und Kadinoi.


Große Feuersbrunst in Konstantinopel.Bearbeiten

[3]
Der sieben und zwanzigste April 1810.

Erst vor zwey Jahren *) wurde Konstantinopel durch eine große Feuersbrunst heimgesucht und heute traf die Stadt dieses Unglück schon wieder. Der Wind verbreitete das Feuer aus der Vorstadt Pera in das Quartier der Franken und 4000 Häuser wurden in die Asche gelegt. Es würde noch größeres Unglück entstanden seyn, wenn nicht durch die steinernen Wohnungen des ersten Dragomans der russischen Gesandtschaft und des Exconsuls von Ragusa der Wuth der Flamme, die sich schon an zwanzig verschiedenen Stellen ausgebreitet hatte, Einhalt geschehen wäre. Die Wohnung des spanischen Geschäftsträgers brannte völlig ab und dem englischen Gesandten glückte es nur durch vieles Geld, sein Palais zu retten, auch dem des französischen Gesandten drohte das Verderben. Der Schrecken der Einwohner war um so größer, als man auch einen Aufstand der Janitscharen befürchtete, der sicherlich ausgebrochen wäre, wenn sie nicht kurz zuvor, da sie sich gefährliche Ausschweifungen zu begehen erlaubt hatten, entwafnet und viele Tumultuanten strangulirt worden wären, welche von der Regierung genommene Maßregel sie glücklicherweise im Zaum hielt.

*) Man sehe den 20ten Jänner im 1ten Band.


Zeitungsnachrichten.Bearbeiten

[1812]

London, den 22sten Oktober. [4]

Mat hat Nachrichten aus Malta bis zum 24sten September, und aus Konstantinopel bis zum 3ten desselben Monats erhalten. Die Pest richtete in dieser Hauptstadt und deren Vorstädte schreckliche Verheerungen an. Soll man diesen Nachrichten Glauben beymessen, so starben täglich 5 bis 600 Menschen daselbst, mit Einschluß derer an den beyden Ufern des Kanals.


Wien, den 29sten Oktober. [5]

Nach Privatbriefen aus Konstantinopel ist daselbst wieder eine verheerende Feuersbrunst ausgebrochen, welche bey 4000 Häuser verzehrt haben soll.


Konstantinopel, den 10ten Oktober. [6]

Die Verheerungen der [[Pest] sowohl, als die gewöhnliche Unthätigkeit der Türken während ihres Fastenmonats, vereinigt mit dem häufigen Ceremoniel zwischen den Ministern und Großen des Reichs mehrere Tage vor und nach dem Eintritte des am 6ten d. M. begangenen Bairams, haben in den letzten 24 Tage eine in den öffentlichen Verhandlungen nicht minder als in den Privatgeschäften und in dem gewöhnlichen Handelsverkehr höchst fühlbare Art von Stockung hervorgebracht. Man schlägt die Zahl der in dieser Hauptstadt und ihren Umgebungen bis jetzt gefallenen Opfer der Pest auf ungefähr 70,000 an. Es ist jedoch zu hoffen, daß in eben dem Verhältnisse, in welchem die während des Ramazans und der Bairamsferien unvermeidliche große Vermischung des Volks aufzuhören anfängt, auch die Fortschritte des Uebels wieder abnehmen werden.

In der Nacht auf den 26sten v. M. wurden von einer heftigen Feuersbrunst in der Gegend vom Balat und Fanar, die sich bis Ejub erstreckte, und am Vorabende des Bairams von einem andern Brande ausserhalb den Mauern von Galata, einige tausend große und kleine Hauser, Magazine und Krämerbuden eingeäschert.


Quellen. Bearbeiten

  1. Geist der Journale. 1810. Neueste Ansichten der Geschichte Politik und Weltkunde. Herausgegeben von E. F. Buchholz.
  2. Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Erster Band. Augsburg und Leipzig in der von Jenisch und Stageschen Buchhandlung.
  3. Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Erster Band. Augsburg und Leipzig in der von Jenisch und Stageschen Buchhandlung.
  4. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 273 Mittewoch, den 13. /25. November 1812.
  5. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 270 Sonnabend, den 9. /21. November 1812.
  6. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 286 Donnerstag, den 28. November/10. December 1812.
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.