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Das Churfürstenthum Sachsen.Bearbeiten


Das Churfürstenthum Sachsen [1] gränzt g. N. an die Mark Brandenburg, Anhalt und Magdeburg; g. O. an Böhmen und die Lausitz; g. S. an Böhmen und die gräfl. Reußischen Lande, und g. W. an die Lande der Ernestinischen *) sächsischen Linie.


Größe: die im obersächsischen Kreise gelegenen eigenthümlichen Provinzen enthalten 536 Quadratmeilen; die sämmtlichen Lande des Churfürsten aber haben 736 Q. Meilen, wobey auf die Lausitz 110, den Hennebergischen Antheil 10, und auf die nur unter chursächsischen Landeshoheit stehenden Reichslande ebenfalls 10 Q. M. gerechnet sind.


Landesbeschaffenheit. Chursachsen gehört zu den fruchtbarsten und bestangebauten Ländern Deutschlands. Unter den Gebirgen zeichnet sich das Erzgebirge, welches südlich in einer beträchtlichen Ausdehnung hinläuft, u. den hohen sächsischen Fichtelberg enthält, vorzüglich aus. Flüße: außer dem Hauptfluße, der Elbe, die schwarze und weiße Elster, die Mulde, die Saale und die Pleiße; die merkwürdigsten Wasserleitungen, zur Beförderung des Holzhandels und Bergbaues sind: die Halsbrücke bey Freyberg, der Schneeberger Kunstgraben, und der Annaberger Flußgraben.


Produkte. Getreide (viel, doch nicht immer im Ueberfluße); viel Obst, u. in einigen Gegenden auch (wie wohl geringe) Weine; zahlreiche, u. sehr gut unterhaltene Waldungen; Lein- u. Rübsenöl; Rindviehzucht, besonders aber starke Schaafzucht, welche seit 30 Jahren durch Einführung spanischer Schaafherden mit spanischen Hirten und Hunden, durch Anlegung einer besondern spanischen Schäferey, und einer Schäferschule im ganzen Lande ungemein verbessert worden ist: daher jetzt die sächs. Wolle zu der besten in Deutschland gehört; gute Pferd- Schwein- und Bienenzucht; roth und schwarz Wildpret; Fische im Ueberfluß, und in einigen Bächen des Voigtlandes manchmal schöne Perlen. Der Seidenbau hat sehr abgenommen. Den größten Reichthum besitzt Sachsen in seinen Mineralien, vorzüglich Silber (Jährlich bey 64,000 Mark, hauptsächlich von Freyberg u. Johanngeorgenstadt, worunter auch das sonst sehr seltene Hornerz) und Eisen in großer Menge, deßgleichen Zinn, Kobalt, Kupfer, Arsenik (besonders bey Geier), Waßerbley, und mit Ausnahme der Platina, fast alle a. Metalle; schöner Marmor (worunter der weiße von Krottendorf berühmt ist); mancherley Edelsteine (worunter die sogenannten Mutzschner-Diamanten), die schönsten Achate und Topase, und andere zum Theil seltene Erd- und Steinarten, von welch' letztern der Serpentin und besonders der Apatit zu bemerken ist; 3 churfürstl. Salzwerke zu Dürrenberg, Artern und Kösen, in welchen seit neuern Zeiten zum Theil auch Sonnensalz bereitet wird, viele mineral. Quellen, worunter die Bäder zu Lauchstädt u. Radeberg am meisten besucht werden. Der Bergbau beschäftigt mehr als 12,000 wirkliche Bergleute und bringt jährlich an Metallen u. a. Produkten einen sogleich umlaufenden Werth von 2 Millionen Rthlrn. (über 3½ Mill. Gulden) hervor.


Manufakturen. Im ganzen Lande herrscht viele Industrie; die wichtigsten Artikel sind: Wollentücher, Flanelle, Zeuge und Strümpfe, Sattel- und Pferddecken, Saffian- Corduan- u. a. Leder; Leinwand, Bettzwilch, Wachstuch, Zwirn, und viele, zum Theil sehr schöne, den Brüßlern nahe kommende Zwirnspitzen und leinene Bänder; verschiedene seidene und halbseidene Zeuge, seidene Bänder und Blonden; Cattun u. Zitz, Mousseline (hauptsächlich im Voigtlande), Piqué, Barchend, Strümpf- und manche andere baumwollen- Waaren. Wollen- Baumwollen- u. Leinenspinnereyen sind sehr zahlreich; zu Chemnitz und einigen a. O. waren im Jahre 1802. 4000 Baumwollenspinnmaschinen im Gange, und im Erzgebirgkreise sind mehr als 45,000 Menschen mit der Baumwollenmanufaktur und 15,000 Menschen mit Spitzen- und Bänderverfertigung beschäftigt. Zahlreiche und wichtige Buchdruckereyen; viele Papiermühlen, welche zum Theil auch sehr schönes buntes Papier liefern, und sehr gute Tapetenmanufakturen. Das Mineralreich gibt besonders in den gebirgigen Gegenden des Landes den Stoff für eine große Anzahl Fabriken, durch welche allein über 50,000 Menschen Unterhalt finden. Aus Eisen werden die besten schwarzen u. verzinnten Bleche, nebst mancherley a. Waaren gemacht, überhaupt sind über 60 Eisenhütten vorhanden; 5 Blaufarbwerke, welche in Dresden, Schneeberg und Leipzig Hauptniederlagen halten, liefern die rühmlich bekannte sächsische Schmalte in ausgezeichneter Menge; Stahl, Messing und Tombak wird häufig bereitet und verarbeitet, auch sind erhebliche chemische Laboratorien, worunter besonders die von Vitriol (jährlich 600,000Pfund) und Scheidewasser vorhanden. Das Meißner Porzellan wird an innerer Güte für das beste in der Welt gehalten.


Handlung: sie ist von großem Belange, und gründet sich hauptsächlich auf die Kunstprodukte des Landes; seit neuern Zeiten wird auch viel Wolle, Leinengarn, nebst andern Artikeln roh ausgeführt, u. überdieß wird ein wichtiger Speditions- und Transitohandel getrieben. Die berühmten Leipziger und die Naumburger Messen tragen viel zur Lebhaftigkeit der Handlung bey.


Einwohner. Die Volksmenge von Chursachsen im engern Sinne beträgt über 1,6000,000; sämmtliche chursächs. Staaten aber enthalten 2,100,000 Seelen; der Hauptdialekt des Landes, der Meißnische, wird für den besten, deutschen Provinzialdialekt gehalten, aus welchem die hochdeutsche Büchersprache entstanden ist. Die herrschende Religion ist die lutherische, doch ist die jetzige regierende Familie nebst dem Hofe katholisch. Das Land hat einen hohen Grad von Cultur erreicht, und besitzt außer andern öffentlichen Unterrichtsanstalten 2 Universitäten nebst 3 sogenannten Fürsten- oder gelehrten Landesschulen. Auch gibt es mehrere Akademien der Künste und eine berühmte ökonomische Gesellschaft.


Staatsverfassung. Die Regierung ist durch Landstände, die aus Prälaten (die 3 Stifter u. 2 Univers.) Grafen und Herren, aus der Ritterschaft und aus Städten bestehen, eingeschränkt. Der Churfürst von Sachsen führt das Direktorium des obersächsischen Kreises.


Staatseinkünfte. 8 bis 10 Mill. Rthlr. (14 bis 18 Mill. Gulden); die Staatsschulden sind verhältnißmäßig nicht mehr bedeutend. Militäretat 32,000 Mann.


Eintheilung. Das Churfürstenthum ist in 7 Kreise getheilt, zu welchen noch die beyden Stiften Merseburg und Naumburg und das Fürstenthum Querfurt gerechnet werden.


1) Der Meißnische Kreis wo:
Dresden, in einer sehr reizenden Gegend, an der Elbe; befestigte Haupt- und Residenzstadt, welche unter die schönsten Städte in Deutschland und Europa gehört, und in Hinsicht ihrer Kunstschätze, (nach Herdern) mit Recht das deutsche Florenz genannt werden kann; 2,500 Häus. u. 60,000 Einw.; sie wird in die Alt- und Neustadt, welche beyde durch die prächtige, 710 Ellen lange und 19 Ellen breite, steinerne Elbbrücke verbunden sind, u. in die Friedrichsstadt eingetheilt. Das churfürstl. Schloß, zwar alt, aber an innerer Pracht die mehrsten besser gebauten Paläste Deutschlands übertreffend, mit den berühmten grünen Gewölbe (worinn die künstlichsten und kostbarsten Sachen von vielen Millionen an Werth, aufbewahrt werden), der Rüstkammer, und der vortreflichen Bildergallerie, welche als die gewählteste,allen übrigen Gemähldesammlungen in Deutschland vorgezogen wird, über 1,200 Gemälde, und unter andern Corregios Meisterwerke enthält. Der Zwinger (eine versuchte Nachbildung der Hesperidischen Gärten) mit der großen Naturaliensammlung, die über 400,000 classifizirte Naturalien enthält, und mit dem, nach den 5 Schulen geordneten Kupferstichkabinet, der Kunstkammer und dem mathemat. Sallon; die prächtige kathol. Hofkirche, mit dem schätzbaren, 33 Fuß hohen Altargemählde: die Himmelfahrt Christi, Mengs Meisterstück; der großen Silbermannischen Orgel; die Kreuz und Frauenkirche, mit einem bewunderungswürdigen, 303 Schuh hohen Thurme; das Japanische Palais mit der auserlesenen kostbaren Porzellainsammlung, dem Münz- und ungemein schätzbaren Antikenkabinet (worinn die schönen Mengsischen Abgüße sind), u. mit der churfürstl. Bibliothek, der ansehnlichsten nach der kaiserlichen; die Akademie der Künste; Ritter- Maler- und Bildhauerakademie. Die kostbare Statue K. Augusts II. zu Pferde in Bronze; der berühmte Brühlische Garten mit einem Sommerpalast; die churfürstl. Menagerie; die Freymaurerarmenschule; große Niederlage von Meißner Porzellan, und Wollemagazin, wo jährlich bey 40,000 Centner Wolle verkauft werden. Zwey große Gold- und Silberfabriken; mehrere Wollen- Marlin- Broderie- und lederne Handschuhmanufakturen; Strohhüte- und verschiedene andere Kunstarbeiten. In der Nachbarschaft ist der berühmte Plauensche Grund, ein romantisch schönes Thal. -- Pillnitz, Sommeraufenthalt des Churfürsten, mit sehenswürdigen Anlagen. -- Königstein, berühmte Bergfestung an der Elbe, auf einem steilen und hohen Sandsteinfelsen, mit dem 900 Ellen tiefen Brunnen, und einem Weinfasse, das noch größer ist, als das berühmte Heidelberger Faß. Dem Königstein gerade gegenüber steht der hohe majestätische Lilienstein, von dessen senkrecht aufgethürmtem Gipfel sich eine der schönsten und größten Aussichten in Sachsen öfnet. -- Das Ukermannische Schloß Weesenstein (4 Stunden von Dresden), eins sehr sehenswürdiger, 8 Stockwerke hoher, in einen weißen Sandsteinfelsen eingehauener Palast, nebst einem äußerst romantischen englischen Garten. -- Costebaude, bey diesem Dorfe wächst aus würtembergischen Reben einer der besten sächsischen Weine. -- Moritzburg, churfürstl. Jagdschloß. -- Bischoffswerda, feine Tuchfabr., Garnbleichen und Garnhandel. -- Meissen, an der Elbe, Fabrik des berühmten Meißnischen Porzellans, welches zu Ende des 17ten Jahrhunderts von W. von Tzschirnhaus aus der Oberlausitz (in Europa) zuerst erfunden worden, und von Böttcher aus Schleiz 1710 vervollkommnet wurde. Sie beschäftigt bey 700 Personen, worunter viele geschickte Künstler, besonders Mahlerinnen sind. Auf dem Bloßenberge findet man (so wie in der Gegend von Wittenberg) in Menge die sächs. Cochenille (coccus polonicus), welche neuern Versuchen zu folge gehörig zugerichtet der ausländischen gleich kommt. -- Die Domkirche, schönes Meisterstück gothischer Baukunst. Starker Weinbau, aber meist von sehr mittelmäßiger Güte. -- Großenhayn, zahlreiche Tuchmanufakturen und ansehnliche Zitz- und Cattunfabrik; vorzüglich gute Wollenfärbereyen, woher das Sächsischgrün u. das Sächsisch- oder Lakmusblau seinen Namen hat. -- Pirna, glasirte Ofenfabr.; vortrefliche Sandsteinbrüche u. ansehnliche Elbeschiffahrt. -- Sebnitz und Neustadt, mit beträchtliche Leinen- und Halbseidenfabr., und bunten Druckereyen, welche mit den französischen an Feinheit und Güte wetteifern. -- Stolpen (nebst Hohenstein) Hauptsitz der spanischen Schäferey; berühmte Basaltbrüche und Zwirnfabriken. -- Radeberg, ansehnliche Bandmanuf. und ein berühmtes Bad. -- Mückenberg, mit der vortreflichen Einsiedelschen Hammer- und Eisenfabrik, worinn alle Arten von Gußwaaren, und unter andern Statuen xc. nach den geschmackvollsten, antiken und modernen Formen verfertigt werden. -- Ruhland, ansehnlicher Aal- und Fischhandel. -- Torgau, musterhaft eingerichtetes Zucht- und Arbeitshaus; in der Nachbarschaft sind die besten sächsis. Stuttereyen. Schlacht 1760. -- Mahitzschen, Seidenfilatorien nach italiän. Art. -- Friedrichsthal, churfürstl. Glas- und Spiegelfabrik, mit einem durch die Weißeritz getriebenen Schleif- und Polirwerke, worinn 100 Brabanter Zoll hohe Spiegel geschliffen u. polirt werden. -- Oschatz, beträchtliche Tuchwebereyen.


2) Der Churkreis, welcher das eigentliche Herzogthum Sachsen (auf welchem die Churwürde ruht), mit der Grafschaft Barby enthält, wo:
Wittenberg, 7000 Einw.; Univ., auf welcher im J. 1517 Luther, der hier, so wie Melanchton, in der Universitätskirche (welche schöne Malereyen von Lucas Kranach enthält) begraben ist, die Kirchenverbesserung anfieng; ansehnliche Univ. Bibliothek mit vielen seltenen Werken, und einige Reliquien Luthers u. a. Reform., und wichtige anatomische Sammlungen; Gesammtarchiv des Chur- und herzogl. Hauses Sachsen. -- Annaburg, schönes Institut für 500 Soldatenknaben. -- Barby, Pädagogium der Unität der evangel. Brüdergemeine, mit einem Naturalienkabinet, das in Deutschland, besonders in Hinsicht der Seltenheiten aus andern Welttheilen, wenige seines gleichen findet. -- Gnadau, schöne Herrnhuter-Colonie, Wollenmanuf. und Seifensiedereyen. -- Jüterbogk, eine der ältesten Städte in Obersachen, war ehemals die Hauptstadt eines eigenen wendischen Gaues, welcher hier, auf dem hohen Planenberge, den Gott der Morgenröthe, Jüterbogk verehrte. -- Luckenwalde, ein sehr gewerbreiches Städtchen. -- Baruth, Eisen- und Lederfabriken; starker Handel mit Schiffbauholz. -- Bitterfeld u. Brena haben starke Strumpfstrickereyen.
AnsichtSchlossWeissenfels SLUB
3) Der Thüringische Kreis, wo:
Langensalza, 6000 Einw.; beträchtliche Manuf. von seiden- und halbseiden-, auch wollen zeugen, unter starker Handel mit diesen Waaren, so wie mit Wein und Getreide; trefliche Färbereyen, und vorzüglich guter Krappbau. -- Schulpforte, die vornehmste und reichste von den freyen Landes- oder Meißnerischen Fürstenschulen. -- Altkösen, churfürstl. Salinen. -- Weissenfels, die Augustusburg, eines der schönsten Schlösser in Sachsen; Bortenwickerey u. Stärkefabr. -- Roßbach, Schlacht im Jahr 1757.


4) Der Leipziger Kreis, enthält:
Leipzig, schöne Stadt an der Pleiße, 1400 Häuser und 34,000 Einw.; berühmte Univers.; schöne Anlagen um die Stadt; Mittelpunkt des sächsischen Handels, welcher besonders durch die berühmten, von allen europäischen Nationen besuchten Messen (welche an Jubilate, Michaelis und Neu-Jahr gehalten werden, wovon aber die Oster- und die Michaelismessen von besonders großer Bedeutung sind) unterstützt wird. Auch wird hier ein beträchtlicher Commissions- Speditions- und Wechselhandel getrieben. Ueberdies besitzt die Stadt die Stapelgerechtigkeit. Leipzig ist der Hauptsitz des gesammten deutschen Buchhandels, und seine Ostermessen werden von mehr denn 300 fremden Buchhandlungen besucht; in der Stadt selbst sind über 50 Buchhandlungen, zwey Schriftgießereyen, worunter die Breitkopfische 233 verschiedene Arten von Schriften liefert, und 14 Buchdruckereyen mit etwa 70 Pressen welche jährlich bey 4000 Ballen Papier verarbeiten, unter welchen sich die Breitkopfische, vorzüglich durch schönen Musikaliendruck, besonders auszeichnet; 6 Kupferdruckereyen mit 18 Pressen. Ansehnliche Manufakturen von Sammet u. a. Seidezeugen, Wachsleinwand u. Papiertapeten, Gold- und Silbertressen, Taback, Strümpfen, Zobelfärbereyen, Fabriken von blasenden Instrumenten xc.; viele, und in mehrern Fächern sehr geschickte Künstler. Die Pleissenburg, ein churfürstl. Burgschloß, worinn die Akademie der Künste, der Sitz der ökonom. Gesellschaft mit verschiedenen merkwürdigen Sammlungen; und ein schönes Observatorium; die mit dem feinsten Geschmack und kostbar ausgezierte Nicolaikirche, der Johanniskirchhof mit geschmackvollen Monumenten; das Paulinum, weitläufiges Universitätsgebäude; das Beygangische Museum; das Taubstummeninstitut; der Auerbachshof, zur Meßzeit der glänzendste Sammelplatz von Kunstschätzen u. Galanteriewaaren aus allen Ländern Europens; viele a. Merkwürdigkeiten. Der schöne Richterische und mehrere andere sehenswürdige, öffentliche und Privatgärten. Das reizende Rosenthal, mit dem Dörfchen Borsdorf, woher die bekannten guten Aepfel ihren Namen erhalten haben. -- Delitsch und Wurzen haben beträchtliche Wollen-Strümpfstrickereyen. -- Mutzschen, berühmt durch die im benachbarten Schloßberge sich findende sogenannten Mutzschnerdiamanten und Achatkugeln, welche eine Gattung deckigter Crystallpiramiden sind, die im Schleifen eine vortrefliche Politur annehmen, aber nur von geringer Härte sind. -- Waldheim, treflich eingerichtetes Zucht- Armen- und Waisenhaus; hier werden viele Wollen- und Baumwollenzeuge, und der bekannte Seifenspiritus (savon de saxe) gemacht. -- Grimma, beträchtliche Wollen- besonders Golgas- Flanellmanufakt.; gute Färbereyen u. Leinwanddruckereyen; holländ. Tabackspfeifenfabriken und ansehnlicher Zwirnhandel. -- Hubertsburg, verwüstetes Jagdschloß; Friede von 1763; engl. Steingutfabr. -- Däbeln, Laußig, Leißnig, Rochlitz, Mitweyda, Kolditz und Frohburg haben viele Wollen- Leinen- und Baumwollen- Industrie. -- Groitzsch, Verfertigung von Saffianpantoffeln.


5) Der Erzgebirgische Kreis, einer der volk- und industriereichsten Bergdistrikte Europens, welcher noch im 10ten Jahrhundert mit einem undurchdringlichen Walde, Miriquidvi genannt, bedeckt war; Hauptsitz des sächs. Manufakturwesens, mit einem großen Reichthum an Berg- und Waldprodukten, an Flachs, Medicinalkräutern, Rindvieh u. Schaafen, von welch' letztern jährlich viele tausend Centner Wolle ausgeführt werden. Der Bergbau wird in keinem Lande Europens in größerer Vollkommenheit und Ausdehnung betrieben, wie denn auch Sachsen hierinn Meister und Lehrer geworden ist. Die wichtigsten Städte u. a, ). sind:
Freyberg, die vornehmste chursächs. Bergstadt, mit 10,000 Einw.; die in der Domkirche befindliche trefliche Begräbnißkapelle der Churfürsten von Sachsen bis 1633, worunter das dem Churfürsten Moritz aus dynantschem Marmor errichtete Monument besonders prachtvoll ist; berühmte Bergakademie, mit dem sehr vollständigen Mineralkabinet und einer ausgezeichnet interessanten Sammlung von Modellen, Rissen und Bergcharten xc.; die churfürstl. Bleyglättefaktorie, Fabriken von Leon. Gold und Silbertressen, und eben dergleichen Stoffen zu Theaterkleidungen, Tapeten xc., von Tombak, Messing u. a. Metallwaaren. Die hiesigen u. benachbarten Bergwerke geben ausser Silber, viel Bley und Kupfer, und zu deren Behuf sind hier 3 Schmelzhütten, ein vortreflich eingerichtetes Amalgamirwerk und ein Silberbrennhaus; vorzüglich berühmt ist der Himmelsfürst, das wichtigste Silberbergwerk in Sachsen und ganz Deutschland. -- Seiffen, Bergflecken an der böhmis. Gränze, wo viele kleine hölzerne Kunst- und Spielsachen gemacht, und auswärts, bis nach Ost- und Westin ien, verführt werden. -- Altenberg, sehr reiches Zinnbergwerk, das jährlich bey 1500 Centner liefert. -- Lichtenwalde, schönes Schloß mit einem berühmten, zwischen den rauhsten Felsen angelegten, und prächtig ausgezierten Lustgarten, worinn unter anderm 400 von der Zsopau getriebene Springbrunnen und mehrere Alleen uralter Bäume, deren bloße Stämme über 20 Ellen hoch sind, sich befinden. -- Chemnitz, Stadt von 12,000 Einw., mit sehr wichtigen Cattun- und Zitz- Piqué- Barchent- u. a. Baumwollenzeugmanuf.; berühmte Bleichen und Baumwollenspinnmaschinen; auch werden hier und in den umliegenden Orten: Limbach, Ernstthal, Reichenbrand xc. viele baumwollene Strümpfe, Mützen und Handschuh, welche in Inn- und Auslande großen Abgang finden, verfertigt. In Werda, Kirchberg, Noßen und Roßwein webt man viele wollene Tücher; so wie zu Zschopau, Krimmitschau (wo die berühmte Oehlerische Wollenmanufaktur), Sayda, Oederan, Frankenberg, Haynichen, Schellenberg und Stollberg, viele Cattune und mannigfaltige baumwollene u. wollene Zeuge gemacht werden. -- Grünhaynchen, berühmte Holzwaarenfabrikation. -- Frankenstein, vortreflicher Flachsbau. -- Schneeberg, Annaberg, Scheibenberg, Buchholz, Schönheyda, Zwönitz, Lausen xc. liefern viel und zum Theil äußerst feine und blonde geklöppelte Zwirnspitzen, so wie schwarze, seidene Kanten, und eine Menge seidene Posamentirwaaren, Gold- Silber und Nesselgarn. -- Ueberall auf dem Obergebirge, selbst in den entlegensten Waldhäusern, werden vom 5jährigen Mädchen an Zwirn- u. zum Theil auch schwarze seidene Spitzen geklöppelt; und in den größern Bergstädten sind fast durchgängig Klöppelschulen angelegt. Annaberg ist die Hauptniederlage der erzgebirgischen Spitzen, welche überdies daselbst auch am feinsten, zum Theil aus holländ. appretirtem Zwirn gemacht werden; in eben diesem Städtchen wird wöchentlich ein Spitzenmarkt gehalten. Die Bewohner des Untergebirges sind meist mit Spinnen beschäftigt. -- Olbernhau, ansehnliche Gewehrfabr. u. a. Eisenindustrie. -- Jöh- oder Josephstadt. Vitriolöl- und Scheidewasserlaboratorien. Von der Gipfel der vordern Kuppe des nahe liegenden sächs. Fichtelberges aus hat man eine unvergleichliche Aussicht nach den ungeheuern viele Meilen weit rings umher aufgethürmten Bergmassen. -- Buckau, ausgebreiteter Handel mit Apothekerkräutern und Wurzeln, und mit den daraus verfertigten Pulvern, Pflastern, Essenzen und Spiritus, deßgleichen mit Vitriolöl, Scheide- und Königswasser. In den umliegenden Ortschaften, besonders in Beyerfeld wohnen viele Klempner, Sporer, Nagel- u. Löffelschmiede, deren Waaren bis nach Rußland und der Türkey versandt werden. -- Johanngeorgenstadt (im sogenannten sächs. Sibirien), der hiesige Bergbau auf Silber und Kobalt gehört zu dem merkwürdigsten des Erzgebirges: Handlung mit Klöppelzwirn u. Spitzen; auch werden hier allerhand Vorstellungen von Bergwerken in Schränken, gläsernen Flaschen xc. verfertigt, die zum Theil außer Landes gehen. -- Zwickau, treflich eingerichtetes Zucht- und Arbeitshaus; beträchtlicher Getreidehandel; starke Lohgerberey, welche jährlich bey 20000 amerikan. Büffelhäute verarbeitet; Karmin- Kartätschen- und Wollkämmfabr. -- Sehma und Drehbach liefern den feinsten holländischen Zwirn. -- Zöblitz, wegen seines Serpentinsteins berühmt, woraus allerhand Gefässe und Meubles verfertigt, und weit und breit, besonders nach Holland, abgesetzt werden. -- Geyer, mit der berühmten Arsenikhütte, Vitriol- und Schwefelwerken xc. -- Oberschlemma, mit dem wichtigsten Blaufarbenwerken in Sachsen. -- Schönheyda, Ober- und Unterwiesenthal, Zschorla xc. liefern sehr viele schwarze und weiße Bleche, nebst andern Eisenwaaren. -- Schwarzenberg hat Eisendrahtfabr., Zayn- Schaufel- und Waffenhämmer, und eine wichtige Plattwalzenfabrik, wo die stählernen, in den Gold- und Silberfabriken unentbehrlichen Walzen zum Abplatten des Lahns gemacht werden. Die benachbarte Eisengrube Johannes am Rothenberge ist ein für den Mineralogen äußerst merkwürdiges Bergwerk.


6) Der Voigtländische Kreis enthält:
Plauen, alter Hauptsitz der Mousselinmanufaktur, welche mit Einschluß einiger benachbarten Orte vor mehrern Jahren über 140,000 Stücke Mousseline, jedes von 30 Ellen lieferte, die aber durch die starke Einfuhr der engl. Fabrikate in neuesten Zeiten sehr stark gelitten hat; ansehnliche Cattunfabr.; die Spinnerey wird hier so fein getrieben, daß der gemeine Mann aus 16 Loth Baumwolle einen Faden von 23 bis 24,000 Ellen zieht; seit einigen Jahren sind hier auch schöne engl. Spinnmaschinen eingeführt worden. -- Oelsnitz, Perlenfischerey, jedoch von sehr kleinem Belange. -- Neukirchen und Klingenthal, wo viele hölzerne und messingene musikalische Instrumente und Saiten gemacht werden. -- Auerbach, Hauptsitz der schwarzen seidenen Spitzenfabr. -- Rodewisch, mit dem berühmten Messingwerk, das jährlich aus Mansfeldischem Kupfer an 2000 Centner Blech und 1000 Centn. an Draht liefert; Pottaschsiedereyen. In der Nähe liegt der berühmte Topasfelsen (die Königskrone oder Schneckenstein genannt), welcher Edelstein beim Schleifen den vortreflichsten Glanz annimmt, größtentheils ganz durchsichtig ist, und dessen Härte beynahe 1/7 des Diamants beträgt. -- Reichenbach, ansehnliche Wollen- und Baumwollenfabriken und gute Färbereyen. -- Pausa, Mousseline- und baumwollen Strümpfefabr.


7) Der Neustädtische Kreis, wo:
Neustadt an der Orla; Wollenmanuf. -- Weyda, nächst Leipzig der vornehmste Sitz der Wollen- Seiden- und Cattunfärbereyen; schöne Schlosser- und Töpferarbeiten; sehr gute Nachahmung der englischen Preßpappen.


Außer diesen 7 Kreisen gehören zu Chursachsen:


8) Das Stift Merseburg, wo:
Merseburg an der Saale, ansehnliche Domkirche und starke Industrie; vortrefliches Bier. -- Lützen, einfaches Denkmahl im freyen Felde, auf K. Gustav Adolphs von Schweden Tod (1632). -- Lauchstädt, berühmtes Stahlbad. -- Dürrenberg, sehr ergiebiges Salzwerk von 30 Pfannen; auch wird seit neuern Zeiten Sonnensalz bereitet.


9) Das Stift Naumburg, wo:
Naumburg an der Saale, 12,000 E., mit der sehenswürdigen Domkirche und einem Capitel; vortrefliche Lederwollene (sayet-) Strümpf- Seiden- u. a. Fabriken; Federn- Rauchwaaren- Schweinsborsten- u. a. Produkten- Handel; auch wird hier jährlich um Petri und Pauli eine 14 Tage dauernde, von Inn- und Ausländern sehr besuchte Messe gehalten; Weinbau. Als eine besondere Feyerlichkeit bemerkt man hier das sogenannte Kirchenfest den 28 Julius, eine Procession, worinn alle Kinder aus Naumburg unter Kriegsmusik nach einem Orte geführt werden, wo 1432 das Lager des Hussitengenerals Procopius stand, der die Stadt gänzlich zu schleifen drohte, doch durch die Bitten der unmündigen Kinder, die 559 an der Zahl ihm in Sterbekleider entgegen kamen, zum Verschonen erweicht wurde. -- Zeitz, beträchtliche wollenzeugemanuf.; Wachslichter- Leder- u. Metallknöpfefabr.; sehr guter Krappbau.


10) Das Fürstenthum Querfurt, wo:
Querfurt, Salpetersiedereyen. -- Dahme, wo gutes weißes Tuch und wollene Strümpfe verfertigt werden.


Von Reisende.Bearbeiten

Anne Louise Germaine de Staël.

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Sachsen. [2]

Die Fürsten aus dem Hause Sachsen haben seit der Reformation den Wissenschaften die edelste Art der Beschützung, die Unabhängigkeit, zugestanden. Ohne die Wahrheit im mindesten zu verletzen, darf man behaupten, daß in keinem Lande der Erde so viel Aufklärung anzutreffen ist, als in Sachsen und dem Norden von Deutschland. Hier ist der Protestantismus geboren worden; hier hat sich der Geist der Untersuchung immer lebendig und frisch erhalten.

Während des letzten Jahrhunderts sind die Churfürsten von Sachsen katholisch gewesen; und obwohl sie dem Schwur, den Cultus ihrer Unterthanen zu respektiren, getreu geblieben sind, so hat doch diese Verschiedenheit kirchlicher Ansicht zwischen dem Volke und seinen Gebietern dem Staate Manches von seiner politischen Einheit geraubt. Die Churfürsten, welche zugleich Könige von Polen waren, haben die Künste mehr geliebt, als die Literatur, die ihnen fremd blieb, wiewohl sie ihr keinen Zwang anthaten. Die Musik wird in Sachsen allgemein geliebt; die Gallerie von Dresden enthält Meisterstücke, die den Künstler beleben können; die Umgebung der Hauptstadt ist sehr mahlerisch: aber die Gesellschaft bietet keine lebhaften Vergnügungen dar. Die Eleganz des Hofes schlägt daselbst keine Wurzeln; nur die Etikette kann sich leicht feststellen.

Aus der Zahl der Bücher, die in Leipzig verkauft werden, kann man leicht auf die Zahl ihrer Leser schließen: Arbeitsleute aller Classen, Steinhauer sogar, ruhen sich aus, mit einem Buche in der Hand. In Frankreich kann man sich schwerlich eine Vorstellung davon machen, bis zu welchem Grade die Einsichten in Deutschland verbreitet sind. Ich habe Gasthalter und Thorschreiber kennen gelernt, welche die französische Literatur kannten. In Dörfern sogar findet man Leute, die im Griechischen und Lateinischen unterrichten könnten. Keine noch so kleine Stadt, die nicht eine beträchtliche Bibliothek hätte; und allenthalben kann man einige Männer nennen, die wegen ihrer Talente und Kenntnisse empfohlen zu werden verdienen. wollte man Frankreich und Deutschland in dieser Hinsicht mit einander vergleichen, so würde man zuletzt glauben müssen, beide Länder seyen durch dreijahrhundertlange Entfernung von einander geschieden. Indem Paris das Ausgesuchteste des Reichs in seinem Schooße vereinigt, nimmt es dem Uebrigen das Interesse.

Picard und Kotzebue haben zwei artige Stücke geschrieben, welche die Kleinstädter betittelt sind. Picard stellt die Bewohner der Provinz als Leute dar, welche Paris unablässig nachahmen; Kotzebue die Bürger einer kleinen Stadt, bezaubert von ihrem Wohnort, den sie für unvergleichlich halten und stolz auf ihn. Der Unterschied des Lächerlichen führt immer auf den Unterschied in den Sitten. In Deutschland ist jeder Wohnort für den, der sich darin aufhält, ein Reich; seine Einbildungskraft, seine Studien und seine Treuherzigkeit vergrößern ihn in seinen Augen; jeder weiß ihn sich so vortheilhaft wie möglich zu machen. Die Wichtigkeit, die man auf alles legt, mag spaßhaft seyn; aber diese Wichtigkeit giebt kleinen Hülfsquellen einen Werth. In Frankreich interessirt man sich nur für Paris; und man thut Recht daran, denn Paris ist ganz Frankreich, und wer nur in der Provinz gelebt hätte, würde nicht die mindeste Vorstellung von dem haben, was das Eigenthümliche dieses herrlichen Landes ausmacht.

Da die ausgezeichnetsten Männer Deutschlands nicht in einer und derselben Stadt versammelt sind, so sehen sie sich beinahe gar nicht, und stehen nur durch ihre Schriften mit einander in Verbindung; jeder tummelt sich in der eigenen Bahn, und entdeckt in der großen Region des Alterthums, der Metaphysik und Wissenschaft unaufhörlich neue Gegenden. Was man in Deutschland Studiren nennt, ist etwas Bewundernswerthes. Fünfzehn Stunden von Einsamkeit und Arbeit täglich scheinen eine ganz natürliche Existenz, selbst ganze Jahre hindurch. Die Langeweile des Umgangs macht die Zurückgezogenheit liebenswerth.

In Sachsen gab es eine unbegränzte Preßfreiheit, aber sie war ohne alle Gefahr für die Regierung, weil der Geist der Schriftsteller nie zur Untersuchung politischer Instruktionen hinleitete; die Einsamkeit bringt es mit sich, daß man sich der Speculation oder der Poesie hingiebt; man muß in dem Flammenquell menschlicher Leidenschaften leben, um ein Bedürfniß zu fühlen, sich ihrer zu bedienen oder sie zu leiten. Die deutschen Schriftsteller beschäftigten sich nur mit Theorieen, mit Gelehrsamkeit, mit literärischen und philosophischen Untersuchungen, und davon war für die Mächtigen dieser Welt nichts zu fürchten. Außerdem, obgleich die sächsische Regierung nicht von Rechtswegen frei, nehmlich repräsentativ, war, so war sie es doch durch die That, vermöge der Gewohnheiten des Landes und der Mäßigung der Fürsten.

Die Ehrlichkeit der Einwohner ist so groß, daß, als zu Leipzig ein Eigenthümer an einen von ihm am äußersten Ende des Spazierganges gepflanzten Apfelbaum einen Zettel geklebt hatte, worin er bat, daß man ihm doch die Früchte nicht rauben möchte, man ihm zehn Jahre hindurch keinen einzigen Apfel stahl. Mit dem Gefühl der innigsten Hochachtung habe ich diesen Apfelbaum gesehen. Und wäre es der Baum der Hesperiden gewesen, so würde man sein Gold eben so wenig berührt haben, als seine Blüthen.

Sachsen genoß einer tiefen Ruhe; bisweilen machte man Lärm mit einigen Ideen, ohne an ihre Anwendung zu denken. Man hätte sagen mögen: Denken und Handeln stehen in keiner Beziehung zu einander, und die Wahrheit gleiche bei den Deutschen den Hermessäulen, die weder Hände noch Füße hatten, um zu fassen und sich fortzubewegen. Bei dem allen ist nichts so achtungswerth, als diese friedlichen Eroberungen der Betrachtung und des Nachdenkens, welche diese vereinzelte Menschen ohne Glücksgüter, ohne Macht, ohne andere Verbindung unter sich als die Bearbeitung des Gedankens, beschäftigen.

In Frankreich beschäftigt man sich mit abstracten Ideen nur in Beziehung auf die Praxis. Die Verwaltung verbessern, die Bevölkerung durch gute Staatswirthschaft aufmuntern, dies war der Gegenstand von den Arbeiten unserer Philosophen, vorzüglich im abgewichenen Jahrhundert. Auch diese Manier, seine Zeit anzuwenden, ist achtungswerth; aber auf der Gedanken-Skala steht die Würde des menschlichen Geschlechts höher, als sein Wohlseyn, vorzüglich, als sein Wachsthum. Geburten vervielfältigen, ohne die Bestimmung zu veredeln, heißt bloß, dem Tode ein reichlicheres Mahl bereiten.

Die literarischen Städte Sachsens sind die, wo man das meiste Wohlwollen, die meiste Einfachheit antrift. Anderwärts hat an allenthalben die Wissenschaften als eine Zugabe des Luxus betrachtet; in Deutschland scheinen sie ihn auszuschließen. Die Neigungen, welche sie einflößen, geben eine Art von Aufrichtigkeit und Furchtsamkeit, die das häusliche Leben anziehend macht, nicht daß die Autor-Eitelkeit nicht ihren bestimmten Character bei den Deutschen haben sollte, aber sie heftet sich nicht an gesellschaftlichen Beifall. Der kleinste Schriftsteller will etwas mit der Nachwelt zu schaffen haben; aber indem er sich nach seiner Bequemlichkeit, in den Raum gränzenloser Betrachtungen verliert, wird er minder von Menschen geklemmt, und ist daher weniger gegen sie aufgebracht. Indeß sind die Gelehrten und die Geschäftsmänner in Sachsen zu sehr von einander geschieden, als daß sich ein Gemeingeist offenbaren könnte. Die Folge davon ist, daß die Einen über alles, was Geschäft heißt, in einer allzu großen Unwissenheit leben, um irgend einen Einfluß aus das Land zu haben, und daß die Andern sich einen gewissen Macchiavellismus zur ehre rechnen, der hochherzigen Ideen ungefähr eben so zulächelt, wie Kindern, und ihnen zu verstehen giebt, daß sie nicht von dieser Welt sind. (>>>)


Quellen.Bearbeiten

  1. Handbuch der Erdbeschreibung von Europa insbesondere von Deutschland. Nach den neuesten Friedensschlüßen und dem bestätigten Hauptschluße der Reichsdeputation vom 25. Febr. 1803. Für den öffentlichen und Privatgebrauch. von Herrn F. C. Franz, Professor der Geschichte und Geographie am Churfürstlichen Gymnasium zu Stuttgart. Stuttgart, bey Joh. Friedr. Steinkopf, 1804.
  2. Deutschland. Von Anne Germaine, Baronin von Staël Holstein. Aus dem Französischen übersetzt. Reutlingen, in der J. J. Mäcken'schen Buchhandlung. 1815.
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