GAS Amsterdam


Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dr. Johann Friedrich Droysen.

[1]

[1801]

Amsterdam, den 25sten Jun. 1801..

Eine zweyte äußerst nützliche und wichtige Erziehungs- und Unterrichtsanstalt ist die, ebenfalls durch Privatbemühung entstandene, so genannte Kweeckschool voor de Zeevaart (eigentlich: Jugendschule für die Seefahrt). Es wird Ihnen gewiß nicht unangenehm seyn, wenn ich Ihnen eine etwas detaillirte Beschreibung hiervon gebe, welches ich um so eher und sicherer kann, da durch einen glücklichen Zufall gerade einer der Kaufleute, an die wir addressirt waren, Hr. Teisset, ein sehr gefälliger, gütiger Mann, Commissarius dieses Instituts und so freundschaftlich war, uns über das Ganze zu unterrichten. –

Im Jahr 1785 kam dieß Privatunternehmen mehrerer reicher Kaufleute Hollands, denn nicht bloß Amsterdam nahm hieran Theil, zu Stande, man brachte durch milde Beyträge so viel zusammen, daß man nicht weit vom Hafen, am Quay der Y ein schönes, treffliches Haus, ganz zu dem bestimmten Zwecke erbauen, einrichten und die Lehrer anstellen und besolden konnte. Das Ganze, dessen Zweck, wie der Nahme anzeigt, die Bildung junger, geschickter Seeleute ist, steht unter der allgemeinsten Aufsicht mehrerer Commissarien oder Directoren, die aus Kaufleuten, u. s. w. gewählt sind; die besondere Aufsich that der Commandeur Eldert Kray, der außer freyer Wohnung in dem Hause, Holz u. s. w., 100 Fl. monatlich Gehalt hat, die Oberaufsicht über das Ganze führt, monatliche Berichte über den Zustand des Ganzen, Wohlbefinden der Jugend, ihren Fleiß u. s. w. an die Commissarien einsendet, Strafen und Belohnungen austheilt, und unter sich erstens den Bothsmann hat, einen erfahrnen Schiffer, der die Jugend in den Schiffsmanövren aller Art, Klettern, Abnehmen der Segel u. s. w. unterrichtet -- mit 28 Fl. Gehalt; ferner den Bottelier, der die Aufsicht über das Haus, die Provision, kurz über die Oekonomie des Ganzen hat, und 24 - 28 Fl. Gehalt genießet. Dieser hat seinen Koch und Kochjungen zur Bedienung. Die verschiedenen Lehrer werden besonders für den Unterricht entschädigt und gut bezahlt. Das Institut begann mit 50 Knaben, ist in der Folge bis zu 150 gestiegen, und jetzt waren 100 in demselben; da auch der Krieg hier eine Abnahme bewirkt hatte.

Ich betrete nun mit ihnen das Haus selbst; um ihnen das Nähere beschreiben zu können; so wie ich es unter Hrn. Teissets Anführung kennen gelernt habe. –

Das Gebäude selbst zeichnet sich nicht nur durch Zweckmäßigkeit in der Bauart, sondern auch durch innere Eleganz aus. In dem Versammlungszimmer der Commissarien, die monathlich zusammenkommen, um die Berichte vorzunehmen, wo wir eine schöne Aussicht auf den Hafen bey einem Frühstücke genossen, zieren die Gemählde Ruyters, van der Zaan und anderer Holländischer Admirale undihrer Seeschlachten die Wände; große Beyspiele zur Aufmunterung der Jugend. Hier werden auch die Ehrenzeichen dieser Helden, so wie der schön und geschmackvoll gearbeitete silberne Becher, den das Handlungs-Departement von Felix meritis hierher schenkte, und aus welchem den Knaben, die sich ausgezeichnet haben, am 5ten August, als dem Festtage der 1781 bey Doggersbank gewonnenen Seeschlacht, zugetrunken wird, aufbewahrt. Hier hängt auch die Tafel mit den Nahmen derer, die Geschenke über 500 Fl. an dieß Institut gemacht haben. –

Darauf traten wir in die Schulstube, sie ist wie das Schlafzimmer der Knaben, um sie bey Zeiten daran zu gewöhnen, so niedrig, wie auf Schiffen, aber äußerst reinlich und luftig; hier wurden die Knaben im Schreiben, Zeichnen, Rissen, Rechnen und in der Religion unterrichtet; dieser Unterricht war dabey so zweckmäßig, wie möglich, indem er in allen ihre künftige Bestimmung vor Augen hatte. In einem Nebenzimmer unterrichtete Hr. Baugma in der Mathematik, in dieser Wissenschaft sind die Knaben in vier Klassen getheilt, in der ersten lernen sie das mechanische der Rechenkunst, wenn ich so sagen darf; in der zweyten den Gebrauch der entgegengesetzten Größen; in der dritten alle Sorten der für die Navigation brauchbaren Rechnungsweisen, und in der vierten die höhere Mathematik, mit Anwendung auf die Bestimmung der Länge zur See. Mit Vergnügen sah ich hier den Arbeiten der Knaben zu, und freuete mich mit welcher Fertigkeit einige von ihnen nach dem vortrefflichen Grondbeginzels de Stuuermanskonst door Pybo Steinstra, ehem. Lehrer der Mathematik am Athenäum, herausgegeben von Jac. Floryn. Amsterd. 1791. die trigonometrischen Berechnungen machten, und mit welcher Leichtigkeit und Fertigkeit sie sich der Logarithmen bedienten, es waren Knaben von zehn bis eilf Jahren; je mehrere von ihnen, denen Calkoen und van Swinden, der Mitcommissarius ist, besonders Unterricht ertheilt hatten, waren im Differential- und Integral-Calcul nicht weniger zu Hause. –

Von hier traten wir in das niedrige aber geräumige und reinliche Schlafgemach, wo nicht Betten standen, sondern Hängematten am Boden, ganz nach Schiffsweise aufgehängt waren. Die Kranken befanden sich in einem besondern Zimmer, und die, welche durch Unreinlichkeit und schlechtes Betragen Strafe verdient hatten, waren von den übrigen abgesondert, mit einer Tafel, die ihren Fehler anzeigte, bezeichnet. -- Das Krankenzimmer war reinlich, gelüftet und hatte eine treffliche Aussicht auf den Hafen, neben ihm war ein kleines Gemacht für den Chirurgus, mit Bandagen, Medicamenten und einem kleinen Vorrath von anatomischen Präparaten versehen. –

Der Speisesaal war geräumig und groß, an kleinen Tischen saßen die Knaben immer zu Vieren; einer von ihnen eine rothe Schärfe kennbar, der Unterofficier, theilte Butter, Brot, Käse und Bier unter sie aus. Ihre Speisen waren die Kost, die man auf Schiffen genießt, ganz so zubereitet, in hölzernen Gefäßen aufgetragen, kurz alles so, wie diese jungen Menschen es in der Folge ein Mahl zu erwarten haben; die welche Strafe verdient hatten, saßen von den übrigen getrennt und erhielten das, was diese ihnen übrig ließen. -- Am 5ten Aug. erhalten sie alle Wein. –

Auf dem Hofe stand ein vollständiges, großes dreymastiges Kauffahrdeyschiff mit allem Zubehör, ein Geschenk des Hrn. Hope. Nach gegebenem Zeichen des Bothsmannes waren sie alle auf dem Schiffe in Thätigkeit, jeder an seinem Platze, und mit unglaublicher Geschwindigkeit, Raschheit und Thätigkeit wußten diese kleine Menschen die großen Stricke und Segel zu regieren, ein- und aufzuziehen, und ihre Arbeiten mit Leichtigkeit zu verrichten. Oben in dem Hause war eine Kanone mit allem Zubehör, und ein kleines Arsenal, wo sie in den Waffen geübt wurden. Alle Monathe ist öffentliche, allgemeine Uebung. -- Ihr Vorrath von blauer Wäsche, wie auf den Schiffen gewöhnlich ist, war in der schönsten Ordnung, in Ueberfluß und Reinlichkeit.

Die Knaben selbst hatten ein so frohes, lebendiges, gesundes und reinliches Ansehen, daß es eine wahre Freude war unter ihnen zu seyn, und ihre raschen Antworten, ihren Frohsinn und Wohlbefinden zu bewundern. Ein Paar liebenswürdige Knaben aus Bengalen, die hierher gekommen waren um die Schiffarthskunst zu lernen, zeichneten sich durch ihre Farbe, durch ihr Alter und artige Kenntnisse aus.

In diesem ganz vortrefflichen Institute habe ich mich mit Vergnügen lange verweilt, es ist so zweckmäßig eingerichtet, wie möglich, und man wird sich nicht wundern, daß der Erfolg so ganz seiner Einrichtung entspricht. Wohlhabende Aeltern senden ihre Kinder, die sich dem Seedienst widmen wollen, hierher, und bezahlen nach Maßgabe ihres Vermögens, doch nicht unter 50 Fl. jährlich. Arme, die nichts haben, Waysen, deren Väter im Dienste des Vaterlandes blieben, können ebenfalls hierher kommen, und beyde genießen gleiche Vorzüge. Findet man daß die Knaben keine Fähigkeiten besitzen, so werden sie wieder entlassen; findet man sie aber geschickt, so werden sie hier, wo sie unter steter Aufsicht sind, in allem Wissenswürdigen Unterrichtet, sie erhalten außer dem angeführten Unterrichte, Anweisung zum Schiffsbau, Segelmachen, u. d. gl.; können van Swindens und Hartogs Vorlesungen über Physik, Steuermannskunst u. d. gl. außerdem besuchen, und dieser Unterricht wird so lange fortgesetzt, bis sie auf ein Kauffahrdeyschiff, auf einem Ostindienfahrer oder auf einem Kriegsschiffe als Unter- oder Obersteuermann, oder in einer andern Qualität fortgehen können; alsdann werden sie noch mit den nothwendigen Kleidungen und Geräthe, Charten u. d. gl. in ihrer Lade versehen. -- Dieß Institut hat schon manchen braven Seemann gebildet.

Die Gedenkschriften betreklyk tot het Kweeckschool voor de Zeevaart. Te Amsterdam bey Gerard Hulst van Keulen. 1791., die den öffentlichen Vorschlag von 21sten März 1791, den weitläuftigen Bericht über den Zustand und die Fonds derselben, und die Instructionen der Bedienten derselben u. s. w. enthalten, werden Ihnen über dieß treffliche Institut, dem jeder nach Maßgabe seiner Kräfte, beym Weggehen gern ein Scherflein in einer Büchse reicht, weitere detaillirte Nachrichten geben.

Die Municipalität von Amsterdam, welche den Mangel an geschickten Schiffsärzten, Chirurgen, Apothekern u. s. w. einsah, hat durch eine Commission van Geneeskundig Toevoorzicht, zuverlässigen Aerzten, einen Plan zur Unterweisung dieser Leute entwerfen lassen, und zum Theil ausgeführt. Vermöge desselben müssen alle junge Leute dieser Art, oder die, welche sich dieser Bestimmung widmen, in den ihnen nöthigen Wissenschaften Unterricht nehmen. Die Lehrer beym Athenäum, mit einigen besonders dazu angestellten Lehrern, müssen in diesen Wissenschaften den nöthigen Unterricht in Holländischer Sprache ertheilen; und werden theils aus der öffentlichen Casse, theils durch das vorgeschriebene Honorarium, was alle in einer von den erwähnten Qualitäten officiel angestellte Leute bezahlen müssen, sie mögen hören oder nicht, entschädigt. Die als Schiffsärzte, Chirurgen, Apotheker u. s. w. anzustellenden Leute müssen diese Vorlesungen besucht und durch ein Examen ihre Tüchtigkeit erwiesen haben. -- Ob dieses Institut, wovon Sie in dem Plan voor een Genees en Heelkundig Onderwys u. s. w. Amsterdam d. 16ten Aprill 1800. weitläuftigere Angaben finden, seinem Zwecke entspreche, habe ich nicht mit Bestimmtheit erfahren können. –


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dr. Johann Friedrich Droysen's Bemerkungen gesammelt auf einer Reise durch Holland und einen Theil Frankreichs im Sommer 1801. Göttingen bey Heinrich Dieterich. 1802.
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