FANDOM


Landungsgeschichte

der

Engländer und Russen

in Holland, im Herbst 1799.

Nebst

Anekdoten

über

die Anführer.

Verfaßt

von einem Officier

im Gefolge des Generals Brüne.

Mit einer Vorrede und Anmerkungen

vom deutschen Herausgeber.

Hamburg, 1800.

Bei August Campe.


Vorrede des deutschen Herausgebers.Bearbeiten

Der Verfasser der vorliegenden Schrift, der uns die Herausgabe derselben übertragen, hat dazu keine eigentliche Vorrede, wohl aber einen vertrauten Brief an uns geschrieben, worin er unter andern über die Entstehung und Absicht dieser Schrift einige Aeusserungen fallen läßt, die zur Kenntniß des Publikums zu kommen verdienen.

Der vertrauliche Ton und der vermischte Inhalt dieses Briefes erlauben uns nur, hier und da eine Stelle darauf im Auszuge zu geben; indessen soll dabei nichts unterdrückt werden, was zur Belehrung der Leser und zur Ehre unsers Verfassers gereichen kann.

Der Verfasser ist weit entfernt, seine Schrift für eine vollständige Geschichte des letzten Feldzuges in Holland auszugeben; er ist nicht Schriftsteller von Beruf: er ist Krieger; er hat den Feldzug selbst mitgemacht; er giebt uns das Tagebuch seiner eigenen Beobachtungen während dieses merkwürdigen Feldzuges; er mach dabei auf kein anderes Verdienst Anspruch, als dem eigentlichen Geschichtschreiber einige nützliche Materialien zu einem vollständigern Werke zu liefern.

Gleichwohl läßt sich zu einem Werke dieser Art nicht leicht eine günstigere Lage denken, als die unsers Verfassers. Er ist Mitglied des General-Staabs vom General Brüne, also immer im Gefolge des Oberbefehlshabers, und hat daher Gelegenheit, die wichtigsten Nachrichten und geheimsten Triebfedern der Handlungen, die unser Erstaunen erwecken, aus der Quelle zu schöpfen. Was der Verfasser in seinem Briefe über diesen Punkt sagt, verdient gehört zu werden:

"Mein geringer Hang für die gewöhnlichen Ergötzlichkeiten im Militair-Leben ließ mir manche Stunde der Musse übrig, die ich von je her dazu anwendete, ein richtiges Tagebuch von den wichtigsten Begebenheiten zu halten, die unter meinen Augen vorgiengen. Als gemeiner Soldat," -- der Verfasser ist erst zwei und zwanzig Jahre alt, und ist in dem kurzen Zeitraume von drei Jahren durch seine Talente, durch seine Tapferkeit und durch seinen unermüdeten Diensteifer vom Gemeinen bis zum Brigaden-Chef gestiegen -- "als gemeiner Soldat, waren meine Beobachtungen nur von geringem Interesse; aber als Mitglied des General-Staabs, im Hauptquartier des Oberbefehlshabers der Armee, konnte ich das Ganze besser übersehen; lernte auch viele Personen in der Nähe kennen; erfuhr die wahren Triebfedern von vielen Handlungen und Vorfällen, und erstaunte, wenn ich sah, wie die sogenannten großen Männer oft handelten; wann ich sah, welche unbedeutende Zufälle Schlachten den Ausschlag gaben, Revolutionen beförderten oder hemmten: Begebenheiten, die man in der Ferne für tief durchdacht und wohl überlegt hielt." --

In der Lage, worin ich mich jetzt befinde, muß ich freilich manchmal lachen, wenn ich mein Tagebuch mit den politischen Schriften des Tages vergleiche, und sehe, wie der Geschichtschreiber und Politiker seinen Kopf anstrengt, um die Ursachen der Dinge zu ergrübeln, deren Grund oft in der guten oder üblen Laune eines Menschen liegt."

"Ich hätte das Tagebuch, das ich Ihnen hier überschicke, wahrscheinlich zu den andern, die ich schon früher gehalten, gelegt, und würde nie daran gedacht haben, es öffentlich bekannt zu machen; aber die ungereimten Raisonnements, welche ich über den Feldzug in Holland hören muß, ärgern mich gar zu sehr; und darum bitte ich Sie, die Mühe der Herausgabe dieser wenigen Bogen zu übernehmen, damit über diesen merkwürdigen Feldzug, und über die noch wenig bekannten Details der ganzen Landungs-Geschichte, etwas mehr Licht und Zuverlässigkeit verbreitet werde."

- - - - - - - - - - -

Dieser Auszug wird hinlänglich seyn, um den Gesichtspunkt anzugeben, aus welchem unser Verfasser beurtheilt zu werden wünscht. Es ist noch wohl nie ein Schriftsteller mit wenigerer Anmaßung vor das Publikum getreten, als der Verfasser dieser Schrift; gleichwohl sind mehrere interessante Züge darin nicht zu verkennen. Die drei Haupt-Karaktere, die unser Verfasser sehr genau beobachtet, und ziemlich anschaulich dargestellt hat, sind, Brüne, Daendels, und der batavische Kriegsminister. Man wird mit Vergnügen bemerken, daß der Verfasser, trotz seiner Verhältnisse mit dem Hauptquartier, doch noch immer die vollkommenste Unbefangenheit und Unabhängigkeit seines Urtheils, besonders in Rücksicht des Obergenerals Brüne, erhalten hat; ob man gleich auf der andern Seite den Wunsch nicht unterdrücken kann, daß es dem Verfasser hätte gefallen wollen, hin und wieder in seinen Urtheilen etwas mäßiger und schonender zu seyn, und zu seinen Karakter-Schilderungen etwas minder grellen Farben zu gebrauchen. Wir haben manche Stelle zu mildern gesucht; allein dies konnte nicht überall, nicht so oft geschehen, als wir es wünschten, ohne der Originalität und dem Zusammenhange des Ganzen zu schaden. Das, was stehen geblieben ist, stehen bleiben mußte, wird uns in Rücksicht jenes Wunsches, bei dem Verfasser sowohl als bei dem Publikum, gegen den Vorwurf übermüthiger Tadelsucht rechtfertigen.

Als der Verfasser uns seinen letzten Brief schrieb, war er in der Vendee, und half, an der Seite des Generals Brüne, die Rebellen besiegen. Vielleicht gefällt es ihm, uns auch mit seinen Lesenswerthen Bemerkungen über die Geschichte und das so unerwartete Ende dieses in so manchen Betracht merkwürdigen Krieges zu beschenken, wovon im Publikum noch so wenig bekannt ist! --

-- e.
Geschrieben im April 1800.

Landungsgeschichte der Engländer und Russen in Holland.Bearbeiten

Es ist unverzeihlich, wenn eine Regierung, wie die Brittische, ungestraft Unternehmungen wagt, die dem armen Soldaten Gesundheit und Leben kosten, ohne daß sie den mindesten Nutzen davon zieht, und schon lange durch mehrere Versuche hinlänglich überzeugt seyn müßte, wie wenig der englische Soldat zum Landkriege geschickt ist. Verdienen nicht die, welche die Landung in Holland vorgeschlagen und durchgesetzt haben, die schärfste Ahndung? Welchen Vortheil hat denn das brittische Ministerium von dieser kostbaren Expedition gezogen? -- Nicht den geringsten! Im Gegentheil, ausser dem großen Verluste an Menschen, Geld, Waffen, Schiffen, u. d. m., ist diese Landung in mancher andern Rücksicht für England sehr nachtheilig. Denn erstens muß dieser unglücklich Feldzug den Muth der englischen Landtruppen gänzlich niederdrücken, da es ein neuer Beweis ihrer Untüchtigkeit zum Landkriege ist. Sie haben schon aus der Campagne von 1794, den Landungen zu Toulon, Quiberon, und mehrern kleinern Versuchen genug gesehen, daß sie unsern Truppen zu Lande nicht gewachsen waren; und jeder in der Kriegskunst erfahrne Mann weiß, wie nachtheilig solche Eindrücke auf eine Armee wirken, da gewöhnlich Truppen, die schon bei frühern Gelegenheiten widrige Erfahrungen machten, bei jeder neuen Schlacht ein ähnliches Loos erwarten, und meistentheils schlecht fechten. -- Indessen glaubte wahrscheinlich Pitt, daß dieser Eindruck ausgewischt sei, und suchte durch die Veranstaltung einer großen wichtigen Landung gegen eine vor wenig Jahren mit England verbündete Nation -- deren größter Theil den Engländern, und noch mehr dem Zwecke, unter dessen Vorwande sie kamen, anhing, wo er rechnen konnte, eine schwache Armee zu finden, die fünf Jahre zuvor mit dem englischen Heere gegen Frankreich focht, und die wahrscheinlich noch viele Anhänger der alten Regierungsform in ihrer Mitte haben mußte; wo keine Franzosen in der Nähe waren; wo er eine geheime Unterhandlung mit den Häuptern der Seemacht hatte; wo er sich schmeicheln konnte, einen großen Anhang zu finden, und nicht ohne Grund einen Aufstand zu seinem Vortheil erwartete, um durch diese Mittel den guten Erfolg dieser Unternehmung zu sichern -- und durch die Einnahme eines reichen Landes, durch die Ueberwindung der holländischen Armee, den englischen Truppen neuen Muth einzuflößen, und sie in den Stand zu setzen, den Franzosen kühn die Spitze zu bieten. -- -- Aber ach! es ging den armen Britten auch diesmal wie immer. Die mächtige englische Armee, unterstützt von den Hülfstruppen aus jenem fernen Reiche -- welche man allein noch für fähig hielt, uns zu bezwingen --, wurde geschlagen, und zu einer schändlichen Kapitulation gezwungen. Und wer bereitet den vereinigten Heeren der Britten und Russen diese Demüthigung? -- Wer versetzte ihnen diese neuen Wunden? -- Waren es die sieggewohnten Franzosen? -- Nein, es waren Holländer: eine unbedeutende Armee, die noch nicht für ihre neue Regierung gestritten hatte, von welcher nicht allein die Engländer, sondern selbst die batavische Nation glaubte, sie würde schlecht fechten, und größtentheils überlaufen, um den geliebten Statthalter, mit Hülfe der englisch-russischen Truppen, im Triumph wieder auf den Thron zu setzen! -- -- Wie sehr muß nicht dieser neue Unfall die brittische Truppen demüthigen! -- Werden sie nicht im Voraus rechnen, geschlagen zu werden, wenn sie sich je wieder zu einer neuen Landung einschiffen? -- Von einer andern Seite betrachtet, hat England durch diese Expedition Holland zu einem viel gefährlichern Feinde gegen sich und die Coalition gemacht, als es zuvor war. Denn gerade der Geist der Niedergeschlagenheit, der jetzt bei den Engländern herrschen muß, herrschte vorher in der holländischen Armee, und zwar in einem noch viel größern Maaße; Die Officiers hatten kein Zutrauen zu ihren Soldaten und ihren Mitkommandirenden; die Soldaten keins zu ihren Officieren. Die Feldzüge von 1793 und 1794 gegen uns (die Franzosen) waren gewiß nicht im Stande, den Holländern ein Gefühl von Unüberwindlichkeit einzuflößen. -- Mit einem Worte: man erwartete nichts von der Armee, als Rückzüge. Dies alles ist aber seit der englischen Landung verschwunden. Ein neuer Geist belebt die batavischen Truppen, und sie scheuen keinen Feind, seitdem sie die unüberwindlichen Russen zurück getrieben haben. -- Holland sieht mit freudigem Estaunen, daß seine Armee, trotz dem Vorwurfe, sie sei oranisch gesinnt, tapfer und gut ist. -- Die Officiere haben ihre Soldaten, so wie diese ihre Officiere, kennen gelernt, und das größte Zutrauen herrscht zwischen beiden. -- In eben dem Maaße, worinn die Seemacht ihr Ansehen verliert, steigt die Landarmee; und die Sieger bei Bergen und Castricum werden gewiß, man mag sie stellen gegen wen man will, nun viel besser fechten, als es von der bisher eben so unerfahrnen als unbekannten holländischen Armee zu erwarten gewesen wäre.

Doch dies ist nicht der einzige Vortheil, den Holland von dieser Expedition gezogen hat. -- Die Regierung selbst, die vor diesem nicht wußte, ob sie im Stande sein würde, dem mindesten Stoße einer fremden macht zu widerstehen, hat durch diesen mißlungenen Anfall Englands ihre Kräfte kennen gelernt. Sie hat gesehen, daß nicht sogleich, bei der Ankunft fremder Heere, die oranische Partei den Sieg davon getragen, und daß noch Tausende von Bürgern bereitwillig die Waffen ergreifen, um ihr Vaterland gegen Usurpatoren zu vertheidigen. Hoffentlich wird die batavische Regierung bei einem zweiten Anfalle bessere und wirksamere Vertheidigungsmittel anwenden, als diesesmal geschehen konnte, und wird alsdann der angreifende Macht den Sieg desto schwerer, und beinahe unmöglich machen.

Und wer kann den Vortheil an der einen, den Nachtheil auf der andern Seite berechnen, der daraus entsteht, wenn eine Nation, die vorher mißtrauisch gegen ihre eigenen Kräfte war, nun das festeste Zutrauen dazu gewinnt? --

Niemand kann also mit Recht behaupten, England habe den mindesten Vortheil von dieser kostbaren Landung gezogen; denn die 12 Schiffe, welche dabei erbeutet wurden, bedeuten nicht das Allergeringste, da England ohne dieselben schon viel unbemannte Schiffe in seinen Häfen hatte, und also dadurch nicht einmal seine aktive Seemacht vermehrte. -- Für Holland ist dieser Verlust auch sehr gering, da, zufolge der Kapitulation von dem Helder, die Engländer 1500 batavische Kriegsgefangene zurückgeben müssen, und man also, anstatt der übergelaufenen 3000 bis 4000 Verräther, die besten Seeleute verlangen kann. Nicht einmal die holländische Seemacht ist durch die Uebergabe der Flotte im Texel verkleinert; denn noch jetzt hat die batavische Republik viel mehr Schiffe, als sie zu bemannen im Stande ist.

Nach dem Urtheile aller Sachverständigen würde England sehr weislich handeln, wenn es sich begnügte, den Krieg zur See zu führen, und lieber fremde Truppen besoldete, um zu Lande zu streiten. Denn man darf es mit Zuversicht behaupten, daß alle Landungen, die England etwa noch unternehmen mögte, -- wären sie auch noch so stark und zahlreich -- schlecht ausfallen werden. Diejenigen also, die England wohlwollen, sollten dem brittischen Parlamente rathen, ein Gesetz zu geben, wodurch es jedem Engländer auf das schärfste verboten wird, von einer Landung auf europäischem festen Lande zu sprechen.

Man wird sich von der Wahrheit, daß die englischen Generale und Truppen keinen Landkrieg führen können, am leichtesten überzeugen, wenn man die unverzeihlichen Fahler bemerkt, die sie in diesem Feldzuge begangen haben. -- Wer so wenig, wie York, Abercrombie, der Erbprinz von Oranien, der Prinz von Glocester, von den Vortheilen Gebrauch zu machen weiß, die ihnen Terrain, Position, Fehler der Feinde, Gesinnungen der Einwohner xc. anbieten, der verdient nicht den Namen General, und würde in unsern Armee der wohlverdienten Füsillade nicht entgangen sein. --

Der Zeitpunkt, da die Zurüstungen Englands die Aufmerksamkeit der batavischen und französischen Regierung zuerst auf sich zogen, und sie anspornte, sich zur Vertheidigung gegen eine feindliche Unternehmung in Stand zu setzen, ist mir nicht bekannt. Das weiß ich aber wohl, daß wir uns eben nicht sehr vor der englischen Expedition fürchteten, und keine weitere, als die gewöhnlichen Küsten-Vertheidigungsanstalten machten. Für Holland waren wir auch nicht besorgt; dann erst, als die Engländer gelandet waren, und der General Brune sah, daß die Holländer allein zu widerstehen nicht im Stande waren, ließ man französische Truppen anrücken. Indessen sahen doch die Bataver ein, daß es nöthig wäre, sich auf den Empfang der Feinde vorzubereiten. Da es aber von je her ein National-Fehler der Holländer war, langsam zu arbeiten, und gewöhnlich zu spät zu kommen, so konnte es auch hier nicht fehlen, daß sie zu lange zögerten *). Allein die Anstalten der Engländer und die Nachrichten von dorther zeigten gar zu deutlich an, daß das Ungewitter über die Bataver bald ausbrechen würde; und diese mußten endlich nach vielem Hin- und Herberathschlagen sich entschliessen, doch etwas zu ihrer Erhaltung vorzunehmen. Man beschloß also, die Armee zu verstärken, und gab den Bataillonen Ordre, die Werbung mit allem Eifer zu betreiben, den man dadurch anzufeuern suchte, daß man den Bataillonen, welche auf einem gewissen Zeitpunkte complet sein würden, eine Erhöhung von zwei- bis drei tausend Gulden versprach **). Es war aber nicht genug, daß die Armee verstärkt wurde: man mußte auch Pferde und Fuhrleute für die Artillerie anschaffen, und dies wurde wirklich mit so vieler Schnelligkeit betrieben, daß den 15ten August 1799, also zwölf ganzer Tage vor der Landung, wegen Unterhaltung von 2000 Pferden und 800 Fuhrleuten, mit den Lieferanten ein Vergleich geschlossen wurde ***). Aber die Zeit war viel zu kurz, um dieses ausgebreitete Fach in Ordnung zu bringen. Man konnte also die Pferde nicht gehörig mustern, die Fuhrleute nicht über und kleiden; so wie man nur eine Anzahl Leute und Pferde beisammen hatte, mußten sie gleich von Amersfort aus (der Sammelplatz der holländischenArtillerieparks) in aller Eile mit den nöthigen Kanonen und ihrem Zubehör nach Nordholland und Friesland geschickt werden. Man kann also leicht urtheilen, in welchem Zustande das Fuhrwesen der Armee war, da zum wenigsten eine Zeit von einem halben Jahre erforderlich gewesen wäre, um es einigermaßen auf einen erträglichen Fuß zu bringen. Mit vieler mühe war also die holländische Armee durch beschwerliche Werbungen um ein paar tausend Mann verstärkt, und besaß einige Zugpferde, womit man doch wenigstens einige Stücke und Munitions-Wagen bespannen konnte.

*) Gott weiß, welcher unselige Geist von falscher Oekonomie und Trägheit bei dem holländischen Gouvernement herrscht. Gesetzgebende Macht, Direktorium, Minister -- alle haben einen bis zur Wuth gehender Eifer, auf alle mögliche Art die Landesgelder zu ersparen. So löblich nun auch ein solcher Ersparungsgeist ist, wenn er nämlich wohl überlegt wird, eben so thörigt ist er in der jetzigen batavischen Regierung, wo man mit Hunderten ökonomisirt, und hernach Tausende wegwerfen muß. -- Man erlaube mir hier einige Erläuterungen!

Es ist allgemein bekannt, daß Holland, trotz den schlechten Finanz-Umständen, doch mit Aemtern überschwemmt ist, daß die jetzige Regierung weit mehr kostet, als die vorige. Dieses ist aber lediglich die Schuld des Gouvernements, das die Hälfte der Amtspersonen abschaffen könnte, ohne daß die öffentlichen Geschäfte im mindesten dabei leiden würden. Dadurch würden alsdann wirkliche Ersparungen bezweckt, anstatt gegenwärtig nur immer von Schein-Ersparungen die Rede ist. Z. B. Ein Minister tritt in sein Departement ein, und gibt die Anzahl der in seinem Bureau nöthigen Personen mit den Besoldungen, welche sie haben müssen, an. Das gesetzgebende Corps berathschlagt darüber, findet den Aufwand zu hoch, vermindert die Besoldungen um 3 bis 4000 Gulden, glaubt dadurch dem Schatze etwas Bedeutendes zu ersparen. -- Der Minister muß sich damit begnügen, und seine, in der erwarteten Besoldung geschmälerten Beamten, die zuweilen mit einer großen Haushaltung von dem mäßigen Einkommen nicht leben können, müssen Privat-Arbeiten zur Hand nehmen, um Geld zu verdienen, und versäumen dadurch natürlich ihre Amtsgeschäfte. -- Der Minister kann auf diese Art seinem Posten nicht gehörig vorstehen, und verlangt einige neue Gehülfen. -- Die Gesetzgeber bewilligen diese Vermehrung, ersparen aber wohlweislich an den neuen Besoldungen wieder einige Gulden, und sehen indessen nicht ein, daß diese Vermehrung des Etat vom Minister dem Lande vielleicht 10000 Gulden mehr kostet, als das man erspart hat. -- Eine unnütze Ausgabe, die erspart worden wäre, wenn man nicht gleich anfangs die Besoldungen beschnitten hätte, wo alsdann die Beamten besser bezahlt worden wären, und ihre Amtsgeschäfte eifriger wahrgenommen haben würden. -- So besteht das Departement von dem Minister der Finanzen aus mehr als sechszig Personen, deren Arbeit dreißig gemächlich versehen könnten, die aber lediglich durch die oben erwähnte falsche Oekonomie nach und nach angestellt worden sind, und der Republik jetzt wohl 20000 Gulden mehr kosten, als dies Departement eigentlich kosten würde, wenn man den ersten dreißig gleich eine hinlängliche Besoldung gegeben hätte. --

Noch mehr: Das Gouvernement macht mit Lieferanten Kontrakte, um den Truppen Fourage, Lebensmittel xc. zu liefern, und glaubt, der Landeskasse einen beträchtlichen Gewinn zu verschaffen, wenn man diese Leute Jahre lang auf ihr Geld warten läßt. -- Jedermann weiß, wie träge die Lieferanten bezahlt werden, und wie viel Zeit sie im Haag zubringen müssen, um mit großen Unkosten Bezahlung für gelieferte Sachen zu bekommen, die sie, dem mit dem Gouvernement gemachten schriftlichen Vertrage zufolge, auf bestimmte Zeiten eigentliche hätten empfangen müssen. Was gewinnt nun aber wol die Regierung dabei, daß sie die den Lieferanten schuldigen Gelder zwei, vier, oder mehrere Jahre länger, als die getroffene Verbindung lauter, in dem National-Schatze behält? -- Nichts, als eine völlige Vernichtung des öffentlichen Kredits, und daß der Lieferant immer im Voraus den Schaden berechnet, den ihm das Warten nach seinem Gelde und die ungeheuren Kosten, welche er verschwenden muß, um das Seinige endlich zu empfangen, verursachen. Um also diesen Sachen wieder gut zu machen, werden die zu liefernden Sachen 20- oder 30000 Gulden höher berechnet, als sie angeschlagen werden würden, wenn man ihm zur versprochenen Zeit bezahlte.

Ja, was das Allerschändlichste ist: Wenn die Gläubiger des Lieferanten den Prozeß gegen ihn eröffnen, seine Güter abschlagen, ihn arretiren lassen, und er das Gouvernement ersucht, das ihm schuldige Geld auszuzahlen, um sich dadurch aus der Verlegenheit zu retten, so schlägt man ihm dies nicht selten ab, und läßt dem Prozesse seinen Lauf, wodurch denn der Mann zu Grunde geht, da seine Gläubiger, die, wie natürlich, der Regierung nicht trauen, lieber des Mannes Vermögen zu sich nehmen, als auf die ungewisse Bezahlung der ihm von der Regierung zukommenden Gelder warten wollten.

Noch mehr: Bei der Organisation der Armee wurde bestimmt, daß man wöchentlich für jeden Cavalleristen 3 Gulden an das Regiment geben sollte, um mit diesem Gelde die Remontirung, Kleidung, Fourage, Armatur xc. zu bestreiten. -- Nun zeigte aber gleich anfangs die Erfahrung, daß diese Summe bei der allgemeinen Theurung, zumal der Fourage, nicht zureichend sei. Zu wiederholten Malen bat die Cavallerie um eine Erhöhung dieser Gelder; allein dies Gesuch wurde immer abgeschlagen. -- Indessen machten die Regimenter so viel Schulden, daß kein Mensch mehr Fourage liefern wollte, wenn man nicht zuvor die rückständigen Zahlungen leistete. -- Was war zu thun? Wollte man die Cavallerie nicht auseinander laufen lassen, so mußte man ihr Vorschuß geben. Mit Seufzen über die schlechten Zeiten bewilligte man also dem einen und andern Regimente noch 20000, 40000, 60000 Gulden, und mußte so ansehnliche Summen aus der erschöpften Kasse weggeben. -- Eine Ausgabe, welche man so tief nicht würde empfunden haben, wenn man gleich anfangs die Equipage-Gelder erhöhet, und auf den Etat der Besoldungen gebracht hätte. -- Ob nicht auch der Dienst durch eine solche Oekonomie leiden mußte, mag folgendes beweisen: Die Husaren sahen sich tief in Schulden, und beschlossen, um sich ein wenig herzustellen, gar keine Remontepferde anzuschaffen, so daß sie einige Jahre über die Hälfte Pferde fehlen liessen, bis sie Vorschuß empfingen, und sich durch die Ersparung der Remonte-Gelder aus den Schulden geholfen hatten. --

Es liessen sich noch mehrere Beispiele anführen, wie wenig die Holländer sich auf wahre Oekonomie verstehen, und auf welche unverantwortliche Art sie die Einkünfte ihres Landes wegwerfen. Man wirft uns, und gewiß mit Recht, vor, daß die Finanzen schlecht verwaltet werden; aber den Holländern würde es über anstehen, wenn sie uns diesen Vorwurf machen wollten: das wäre mehr als Splitterrichterei.

.**) Diese Maaßregel verlor aber alle Kraft dadurch, daß man zu lange damit zögerte. Der Befehl zur Verstärkung wurde erst im Februar 1799 gegeben, anstatt daß es zum wenigsten vier Monate früher hätte geschehen müssen. -- Man weiß ja, daß die Werbung in Holland nie viel bedeutet hat, und ausserhalb Landes konnte sie eben so wenig Rekruten bekommen; denn es war überall Krieg. -- Wie war es also den Bataillons möglich, in Zeit von fünf bis sechs Monaten so viel Leute anzuwerben, daß sie vollzählig wurden? -- Die meisten haben sich nicht einmal auf den alten Fuß, geschweige denn auf den neuen, completiren können. Die Soldaten waren nicht unterwiesen; die Artilleristen hatten noch nie eine Kanone gesehen, und täglich war ein Anfall zu besorgen. -- Wie viel mehr Soldaten hätte man bekommen können, wenn man mit der Werbung früher angefangen hätte! Man würde alsdann nicht so viel Neulinge ins Feld gebracht haben. Doch daran dachte das gesetzgebende Corps nicht; ihm war es hinreichend, den Winter über etwas Geld zu ersparen, und erst bei der äussersten Noth die so nöthige Verstärkung zu decretiren. Die Väter des Vaterlandes bedachten aber nicht, daß nicht gleich mit dem Hammerschlage des Präsidenten +) die Rekruten ankämen; und das Heer mußte durch diese Saumseligkeit leiden.

+) Wenn in der gesetzgebenden Versammlung das batavischen (holländischen) Frei..laats ein Vorschlag durchgegangen ist, und decretirt werden soll, so verkündigt der Präsident dies durch einen Schlag mit einem kleinen elfenbeinernen Hammer. Anm. d. Herausg.

.***) Es ist ganz unverzeihlich, daß dieser bei einem Heere so nöthige Artikel so schändlich vernachlässigt wurde, da doch die Generale und der Anführer der batavischen Artillerie, Obrist Martuschewitz, auf die Anschaffung der Pferde drangen. Mit unsäglicher Mähe brachten es diese noch so weit, daß das Direktorium den acht Departementen befahl, vor dem 15ten Aug. 800 Fuhrleute zu liefern, da es einem Lieferanten schlechterdings unmöglich war, in Zeit von vierzehn Tagen nur 80 Mann, viel weniger 800, anzuwerben. Diese requisitionnäre Maaßregel war gut; aber die Departements-Verwalter lieferten den Abschaum des Pöbels, und zeigten bei dieser Gelegenheit, wie wenig ihnen das Wohl des Vaterlandes am Herzen lag. Kein einziges Departement sandte die verlangte Anzahl; und von den gelieferten mußte man noch die Hälfte gleich wegjagen, weil sie ganz unbrauchbar waren. Nie habe ich in meinem Leben ein erbärmlicheres Fuhrwesen gesehen, als bei der holländischen Armee. In dem zweimonatlichen Campagne haben sie über 1000 Pferde verloren; und hätte der Krieg noch einen Monat länger gedauert, so wären alle Pferde drauf gegangen. Die Fuhrleute hatten bettlermäßige Kleidung: der Lieferant konnte sie während des Feldzugs unmöglich damit versehen; die Meisten, lüderliche Landstreicher, liefen davon, und liessen ihre Pferde im Stich, oder verkauften sie. Schon in den ersten Tagen verwandelten diese Schelme die wirklich guten Pferde in Gerippe: der Hafer und das Heu wurde, anstatt verfüttert zu werden, verkauft. Oft habe ich es mit innerem Unwillen angesehen, wie dieser bei einem Heere so wichtige Punkt vernachlässigt wurde; und doch muß ich bekennen, daß, zu meiner großen Verwunderung, der Gang der Sache meine Erwartungen übertraf. Dank sei es den unaufhörlichen Bemühungen der holländischen Artillerie-Officiere, die, um ihre Kanonen nicht zurücklassen zu müssen, sich nicht schämten, selbst Fuhrleute abzugeben. -- Und wer war Schuld an allem diesen Unwesen? Die Regierung, die die bei dergleichen Umständen so theure Zeit ungenützt verstreichen ließ, und am meisten der batavische Kriegsminister. Dies ist der erbärmlichste Mann, den ich je gesehen habe. Unfähig, seinem Posten vorzustehen, wird er überdas noch von dem schändlichsten Geize beherrscht, und steht ganz unter der Gewalt seiner Maitresse (einer Frau von niedriger Abkunft und ehemaligen Amme seiner Kinder). Dies Weib, umringt von kriechenden Geschöpfen, verwickelt ihren Sklaven, den Kriegsminister, in die niedrigsten Cabale, und bewegt ihn zu Thaten, die den Abscheu jedes ehrliebenden Officiers erregen. Nur einen Beweis: Diese Maitresse jagte einst eine Magd fort, die sich nachher bei einem Hauptmann der Infanterie wieder vermiethete. Dies sah wahrscheinlich die Sultaninn als eine Beleidigung von Seiten der Hauptmänninn an. In der Wuth lief sie zu ihr, um ihr ihren Unwillen darüber zu erkennen zu geben. Unter andern Grobheiten, die sie dieser erstaunten Frau sagte, ließ sie folgende Worte fallen:

"Wenn ich drei Wochen früher gewußt hätte, daß Sie meine weggejagte Magd wieder miethen würden: so wäre Ihr Mann gewiß nicht Kapitain geworden." ( Er war nämlich in diesem Zwischenraume befördert worden.)

Es ist allgemein bekannt, daß dieses Weib Ursache gewesen ist, daß der Kriegsminister, den Befehlen des Generals zum Trotz, andere Truppen zum Seezuge, der 1798 unternommen werden sollte, bestimmte, als die schon dazu befehligt waren: -- alles auf Befehl der Geliebte. Wenn man diesem unwissenden Manne die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit einer Landung auf den holländischen Küsten vorstellte, und ihn angelegentlichst bat, doch Anstalten zur Vertheidigung zu machen, so antwortete er immer: "Ja, wenn der Himmel einfiele, dann wäre auch wol eine feindliche Landung möglich." Und siehe, das Unmögliche wurde möglich. -- Gewiß, dieser Kriegsminister wäre fähig, die ganze Republik aufzuopfern, aus Furcht, einige tausend Gulden zu viel auszugeben, oder seiner Gebieterinn zu mißfallen. Und wirklich: wenn nicht die Franzosen und einige andre Biedermänner für Holland gedacht und gehandelt, und dem Gouvernement seinen Weg vorgeschrieben hätten, so würde der Statthalter wieder im Haag sein, und wir müßten nun, eben so wie dem cisalpinischen Gouvernement, auch dem batavischen Schutz und Unterhalt geben. Ein Glück ists noch, daß die Armee durch ihren Muth die unverzeihlichen Fehler der Regierung gut machte, und Holland von dem Schicksal befreiete, in welches eine träge und schläfrige Regierung, ein unwissender Kriegsminister, ein treuloser Admiral und ein roher plumper General die Republik unausbleiblich würden gestürzt haben.

Gott gebe, daß die Holländer doch einmal beginnen mögen, mit Energie zu handeln, und zu diesem Ende vor allen Dingen die Armee von dem verhaßten Kriegsminister zu befreien! Dies muß der erste Schritt sein; ich berufe mich deswegen auf alle redliche Personen, die mit diesem Manne zu thun gehabt haben. Aber große Sünder läßt man in Holland (wie in manchem andern Lande) laufen, und wagt es nicht, sie zu bestrafen. Das hat man unter andern bei dem Gouverneur des Vorgebirges der guten Hoffnung gesehen: der endigte ja sein Leben im Haag ruhig, und man wollte nicht einmal die zahlreichen Beschuldigungen gegen ihn und seine überwiesene Verrätherei anhören. Er hatte Freunde in der Regierung und Geld, -- und so war er gegen jeden Angriff gesichert.

Ehe ich indeß von der Landung rede, will ich von den Stellungen der Heere und den Mitteln, die man angewandt hatte, um den Feind, dessen Landungsort noch völlig ungewiß war, abzuschlagen, ein kleine Uebersicht geben.

August 1799.Bearbeiten

Unsere Heere mußten alle ihre Kräfte aufbieten, um sich in Italien zu behaupten, um den Theil der Schweiz, den wir noch besaßen, zu vertheidigen, und um uns in den Stand zu setzen, am Rheine angriffsweise zu verfahren, oder dem Feinde bei einem etwanigen Angriffe die Spitze zu bieten. Die englische Landung fürchteten wir gar nicht, da die Rebellen noch nicht stark genug waren, um einige Aufmerksamkeit zu verdienen, selbst im Falle einer Vereinigung mit dem englischen Heere. Wir wußten, daß die eingeschifften Russen noch in der Ostsee waren, und hielten Holland, welches, wie man nunmehr wußte, der Zweck der englischen Unternehmung war für fähig, sich selbst zu vertheidigen; das Direktorium in Frankreich hatte daher alle Truppen aus diesem Lande nach dem Rhein geschickt. Höchstens waren, ausser der Besatzung der seeländischen Küsten, welche man nicht entblößen konnte, im ganzen übrigen Freistaate 2000 Franzosen *). Um Holland] ohne Truppen, und vorzüglich ohne französische Heere, zu finden, wählten die Engländer den besten Zeitpunkt.

*) Es ist noch eine große Frage, ob das damalige venale Direktorium in Frankreich, dem der schwache Vertheidigungszustand der Holländer unmöglich unbekannt sein konnte, nicht aus ganz andern Ursachen die Truppen aus der batavischen Republik weggezogen, und nach dem Rhein verlegt hat. -- -- Anm. d. Herausg.

Die holländische Regierung trug im Anfange dieses Monats (August) dem General Brüne die Anführung der batavischen Truppen auf *), und dieser, der die Unternehmung der Engländer für das ansah, wofür wir Alle sie hielten, glaubte genug zu thun, wenn die zwei Abtheilungen, woraus die holländische Armee besteht, so vertheilte, daß zum wenigstens -- der Feind mögte landen, wo er wollte -- eine Division bereit sei, ihm die Landung streitig zu machen. Hülfstruppen von den Unsrigen anrücken zu lassen, daran dachte der General nicht; und erst, da man sah, daß die Feinde zu stark waren, rief man aus Belgien, vom Rheine, von Philippsburg und Straßburg Brigaden zu Hülfe, die in aller Eile nach Holland gehen mußten, und von denen viele erst zu Ende des Feldzuges ankamen.

*) Den Articles convenus (verabredeten Vergleichspunkten) zwischen unserm und dem batavischen Freistaate zufolge, muß immer, wenn ein aus beiden Völkern vereinigtes Heer zu Felde zieht, der französische Feldherr den Oberbefehl über beide Heere haben *).
*) Dies ist ein sehr bedeutender Artikel, der allein schon das Wohl und den ganzen Bestand des batavischen Freistaats von der Gewalt des französischen abhängig macht.

Anmerkung des Herausgebers.

Die erste Abtheilung (Division) batavischer Truppen, unter den Befehlen des Generals Daendel, besetzte die nordholländischen Küsten, von dem Helder an bis zum Haag; und die zweite Abtheilung, unter dem General Dumonceau, vertheidigte die freisländischen und gröningischen Küsten. Die erste Division war mit ihren Bataillons-Stücken versehen, und der zweiten sollten die ihrigen nachgeschickt werden, sobald nur die dazu nöthigen Pferde und Fuhrleute bei dem Artillerie-Park ankämen. Der Park stand in Amersfort, im Mittelpunkte der Republik, und konnte, je nachdem die Umstände es erforderten, sowohl nach Nordholland als nach Friesland das Nöthige an Geschütz und Munition senden. -- Die Provinz Seeland wurde von einer Brigade Franzosen vertheidigt *). Im Texeler Hafen und in der Aber lag eine hinlängliche Menge Kriegsschiffe, um den Eingang dieser Hafen zu vertheidigen **).

*) Vom Anfange der holländischen Staatsumwälzung an, haben wir immer die Provinz Seeland besetzt gehalten, und sie nie von Truppen entblößt, wenn wir auch aus allen andern Provinzen wegzogen.

.**) Es ist ausgemacht, daß sechs Schiffe hinlänglich sind, um der stärksten Flotte den Eingang in den Texel streitig zu machen, da wegen der vielen Untiefen nur ein Schiff nach dem andern einlaufen kann, und der Feind also nicht im Stande ist, den vor Anker liegenden Schiffen mit seinem Geschütze Schaden zuzufügen. Selbst wenn die Feinde Meister der Küsten wären, und die holländische Flotte durch Batterien gezwungen hätten, die Rheede zu verlassen, so war diese auch alsdann noch nicht genöthigt, sich nach dem Vlieter zurückzuziehen, sondern konnte sich mehr unter Texel (hors de portée, in Sicherheit vor dem Schusse) legen, und so lange die Rheede vertheidigen, bis man sie vom Texel aus vertrieben hätte. Da die englischen Transportschiffe nach der Einnahme vom Helder und dem Rückzuge der holländischen Flotte in den Hafen lief, hatten sie nicht einmal Kriegsschiffe bei sich, und zwei batavische Fregatten wären im Stande gewesen, eine großen Theil dieser Transport-Fahrzeuge zu zerstören. Auch fürchteten die Engländer dieses sehr; aber die Holländer leisteten keinen Widerstand, sondern ergaben sich lieber zu Kriegsgefangenen.

Der Hafen von der Maas ist noch schwerer einzunehmen.

Dies waren die Anstalten, welche man traf, um den Feind zu empfangen, und womit man noch nicht ganz zu Stande gekommen war, als die englische Flotte erschien. Unser General Brüne behielt sein Hauptquartier in dem Haag, und so erwartete man, wo das Ungewitter zuerst ausbrechen würde.

Folgendes war der Bestand der batavischen Armee:

I. Die Division Daendels.
12 Bataill. Infant. zu 600 M. d. Bat. 7200 M.
2 Bataill. Jäger 700 1400 --
7 Escadrons Reuterei, sämmtlich 600 --
1 Regiment Dragoner 480 --
1 Compagnie reitender Artillerie 100 --
4 Compagnien Artillerie 640 --
zusammen 10420 M.
16 Sechspfünder und 2 Haubitzen. (hierunter ist das auf den Küsten stehende Geschütz nicht mit begriffen, da es nicht zur Feld-Artillerie gehörte.)
II. Die Division Dumonceau.
7 Bataillons Fußvolk 4200 Mann.
2 Bataillons Jäger 1400 --
1 Escadron Reuterei 100 --
1 Regiment Husaren 480 --
1 Compagnie reitender Artillerie 100 --
1 Compagnie Artillerie 160 --
zusammen 6440 Mann.
10 Sechspfünder und 2 Haubitzen an Feldgeschütz.
Ausserdem befanden sich noch zu Amersfort im Artillerie-Park 5 Compagnien Artilleristen, die 860 Mann stark waren.
Bei diesen aufgeführten Truppen befinden sich diejenigen nicht mit, welche in den Festungen vertheilt lagen, und nicht bei der Armee waren. Das mögen etwa noch 2500 Mann gewesen sein.
Von der ersten Division lagen
im Haag 2 Bataillons und
2 Escadrons;
am Helder 3 Bataillons, und
2 Compagnien Artillerie.
Die übrigen Truppen lagen in und um Alkmaar in den Dörfern.

Den 21sten August erschien die englische Flotte im Gesicht des Texels, und zeigte uns hierdurch, wo sie, den Angriff zu thun, sich vorgenommen habe *). Der Admiral Mitchel forderte die batavische Flotte auf, sich ihrem rechtmäßigen Herrn, dem Prinzen von Oranien, zu unterwerfen, und sich mit der englischen zu vereinigen, um diesen Prinzen wieder in seinen alten Posten einzusetzen. Zugleich ließ auch der General Abercrombie, Chef der englischen Landtruppen, den Obrist Gilquin, Kommandant der holländischen Truppen am Helder, auffordern **). Beide diese Aufforderungen waren sehr übermüthig und beleidigend; auch verwarfen sie der Contre-Admiral Story, Kommandant der batavischen Flotte, und der Obrist Gilquin mit Verachtung. Unser General en Chef befahl dem General Daendels, sich zu seiner Division in Nordholland zu begeben, und den feindlichen Angriff abzuwarten. Die 2 Bataillons und 2 Escadrons, welche noch im Haag waren, bekamen Befehl, nach Haarlem zu marschiren, und da mit einem Bataillon Franzosen in Reserve zu bleiben, indeß Daendels seine ganze übrige Division, von dem Helder an bis Alkmaar, zusammenzog, und so vertheilte, daß sie in Zeit von drei Stunden sich versammeln konnte. Ein heftiger Westwind nöthigte die englische Flotte, die holländische Küste zu verlassen, und wieder in die See zu stechen. Sie ließ aber einige kleine Fahrzeuge zurück, um die Tiefen zu sondiren, so daß man sicher bestimmen konnte, wo die Landung geschehen sollte ***). Nach einigen Tagen wurde der Wind wieder günstig, und die Flotte erschien aufs neue. Sie breitete sich von Calandsoog bis an den Texel -- eine Strecke von zwei Stunden -- aus, und war beinahe 200 Segel stark. Die Fregatten und kleineren Fahrzeugen kamen so nahe an den Strand, daß sie Bomben und Granaten in die Dünen warfen, um die darinn stehenden Truppen zu beängstigen. Auch bemerkte man deutlich, daß die Engländer alle Zubereitungen machten, um die Landung zu bewerkstelligen.

*) Man erlaube mir hier einige Bemerkungen über die Engländer:

Meiner Kenntniß von kriegerischen Operationen zufolge glaube ich, daß man sich dabei immer auf den allerschlimmsten Ausgang gefaßt halten müsse, damit man nicht überrascht werde, wenn etwas das nie vorher zu bestimmende Kriegsgeschick uns diesen ungünstigen Ausgang zu Theil werden liesse. Hieran dachte England gar nicht, und beging daher, in vollem Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg der Unternehmung, verschiedene große Fehler, wovon ich nur einige anzeigen will, und die ein weiser General, der den oben erwähnten Grundsatz vor Augen hat, gewiß nie sich zu Schulden kommen lassen würde. -- Der erste Fehler war, daß die Engländer den Feinden zu viel Zeit liessen, sich in Vertheidigungsstand zu setzen. Denn der Prinz von Oranien, die holländischen Ausgewanderten, die englischen Spione xc. mogten die Einnahme von Holland noch so leicht vorstellen, mogten noch so sehr versichern, Flotte und Armee würden ohne Widerstand übergehen; die Bürger würden nicht fechten wollen, würden Aufruhr erregen; die Truppen würden bei ihrer geringen Anzahl sich nicht zur Wehre stellen können: ein denkender General hätte auf alles dies nicht gerechnet, vielmehr seine Maaßregeln so genommen, daß er sich zu behaupten im Stande war, wenn Holland auch auf das beste besetzt, und aufs nachdrücklichste vertheidigt worden wäre. Hieran kam den Engländern nicht der mindeste Gedanke, und sie liessen daher den Holländern zur Vorbereitung viel zu viel Zeit: einige Monate früher hätten sie die Flotte ausschicken müssen; denn noch am 10ten August waren die Bataver mit ihren Rüstungen so weit zurück, daß sie kaum einigermaßen einen Feldzug hätten aushalten können. Daß die Holländer, trotz dem allen, noch einen so kräftigen Widerstand leisten würden, war gewiß auch ein Umstand, worauf die Britten nicht gerechnet hatten. Denn sonst würde der General Abercrombie wohl eingesehen haben, daß die Zeit von drittehalb Monaten zu kurz sei, um sich so weit auszubreiten, daß die Armee ohne Zufuhr den Winter über in Holland bleiben könne. Auch noch von einer andern Seite betrachtet, war es unüberlegt, die Landung so weit hinaus zu verzögern; denn vom November an bis zu Ende des Januars ist die Nordsee, des schlechten Wetters und der häufigen Stürme wegen, nicht gut zu befahren. Die meisten Schiffbrüche fallen in diesem Zeitraume vor, und der Seemann eilt, vor dessen Anfang seine Fahrt zu beendigen. Zudem hindert der Eisgang das Einlaufen in den Texeler Hafen, und erlaubt den Schiffen selbst nicht einmal, auf der Rheede zu bleiben. Abercrombie mußte also zu Ende des Septembers Amsterdam und den Haag eingenommen haben, um den Winter über seine Armee mit Lebensmitteln und Kriegsbedürfnissen zu versehen; widrigenfalls setzten sich die Engländer der Gefahr aus, entweder aufgerieben zu werden, oder wenigstens auf schimpfliche Bedingungen Erlaubniß zum Absegeln zu erlangen. Hätten sie die erwähnte Maxime bedacht, so würden sie wahrscheinlich bessere Maaßregeln genommen, und nicht so in der gewissen Voraussetzung, man werde ihnen keinen Widerstand leisten, eine Armee von 50000 Mann preißgegeben haben. -- Noch ein Beweis, wie gewiß die Engländer ihrer Sache waren, ist, daß sie, ausser den gerügten Fehlern, nicht einmal daran dachten, oder es der Mühe werth hielten, durch Schein-Landungen und Demonstationen auf verschiedenen Punkten die Feinde zu schwächen, und deren Aufmerksamkeit zu vertheilen. Doch dies war ja, ihrer Meinung nach, nicht nöthig. "Wenn gleich sie nur wenig Wochen Zeit hatten, um sich festzusetzen -- wenn gleich sie den Holländern ein halbes Jahr Zeit gegeben hatten, sich zu waffnen: so konnte es doch nicht fehlen, daß sie die Republik in vierzehn Tagen erobern würden, wenn auch die ganze Armee sich ihnen widersetzte." Warum sollte sie sich also die Mühe geben, ihre Feinde zu schwächen, und etwa durch eine Diversion an der Maas die halbe Division Daendels dahin zu ziehen? -- Der Erfolg hat indessen bewiesen, wie thörigt die Engländer handelten, daß die die Bataver so verachteten, daß sie sich so seht auf die Versprechungen der Hofparthei verliessen, und deswegen einen Grundsatz aus den Augen liessen, bei dessen Beobachtung sie sich gewiß weit besser befunden haben würden.

**) Die Engländer betheuerten immer in ihren Aufforderungen und ausgestreueten Manifesten, daß ihre Absicht allein sei, Holland seinem rechtmäßigen Herrn wieder zurückzugeben, und es von der französischen Usurpation zu befreien. Zum Beweise trugen die Soldaten Orange-Kokarden, und die Schiffe hatten entweder holländischen Flaggen allein, oder englische und holländische zusammen aufgesteckt. In wie fern es ihnen mit dieser Wiedereinsetzung des oranischen Prinzen Ernst gewesen ist, weiß ich nicht. Ganz zuverlässig läßt es sich indessen annehmen, die Britten würden sich diesen Freundschaftsdienst eben so theuer haben bezahlen lassen, wie wir und von den Patrioten in Holland die ihnen verschaffte Freiheit bezahlen liessen, und noch lassen. Es ist auch billig, daß man sich für die Mühe, welche man hat, belohnen lasse; nur würde endlich einmal die Quelle versiegen, woraus seit 1787 bis jetzt bald die Preussen, bald wir, schöpften, so daß eine neue Belohnung von 100 Millionen für die Engländer kaum zu erschwingen sein dürfte +).

+) Das Geständniß unsers Verfassers ist offen, wenn wir gleich die Billigkeit desselben nicht unterzeichnen müßten. Es ist nun leider einmal mit dem Freiheits- und Gleichheits-Handel so weit gekommen, daß das Minder-unbillige den Schein der Billigkeit gewinnt. Eine Erpressung von ein hundert Millionen ist freilich nicht so arg, als eine andre von zwei hundert Millionen. Aber woher nehmen die Mächte das Recht, fremden Nationen monarchische oder republikanische Regierungsformen mit dem Bajonet aufzudringen, oder für schweres Geld zu verkaufen? -- -- -- Anm. d. Herausg.

***) Dies war zwischen Calandsoog und dem Helder -- der einzige Punkt an der ganzen nordholländischen Küste, wo man landen kann; das heißt: mit einer großen Macht, und im Gesicht einer Armee; denn hier können die Schiffe so nahe kommen, daß sie mit ihrem Geschütze die Landung decken. Auf den andern Punkten der Küste müssen sie, wegen der Untiefen, Stunden weit vom Strande bleiben, und können also die Schaluppen mit Landtruppen, ohne sie der Discretion der Feinde auszusetzen, nicht nach dem Lande zu schicken. Diese Landung muß auch die Holländer überzeugt haben, welchen geringen Nutzen die Küstbatterien erzeugen, die sie mit unsäglichen Kosten, seit vielen Jahren, an dem Helder gebauet haben. Diese Batterien sollen die Rhede vertheidigen, und dehnen sich von Huisduinen bis zum Nieuwer Diep, dem Winteraufenthalt der Schiffe, aus; eine Strecke von einer kleinen Stunde. Die ansehnlichste dieser Batterien heißt die Revolution, und ist eine der größten in Europa. Indessen sind alle diese Batterien nur dann zu gebrauchen, wenn eine feindliche Flotte sogleich zum Hafen hinein segeln wollte, ohne erst Truppen ans Land gesetzt zu haben; -- ein Fall, der sich gar nicht erwarten läßt. Wenn aber die Feinde zu Calandsoog landeten, so konnten sie gleich alle diese Batterien in den Rücken nehmen, und sie ohne Mühe überwältigen, wie auch wirklich geschehen ist. Dennoch verlautet es, daß die Bataver alle diese Batterien wieder in Ordnung bringen. Der Grund dieser Maaßregel läßt sich nicht wohl erklären; denn bei einer neuen Landung würden die Engländer gewiß, eben so wie dieses mal, alle diese Batterien wegnehmen. Eine einzige wäre zur Sicherheit des Hafens hinreichend; und halten kann man den Helder bei einer Landung nie; leider sind aber Vorurtheile schwer auszurotten.

Dieses einfache, gar keine Ungewißheit über die Absicht der Engländer übrig lassende Verfahren verschaffte dem General Daendels die schönste Muße, seine Dispositionen gut zu überdenken und anzulegen. Dies that er aber nicht: die Ordres wurden beständig verändert, und die Bataillons-Chefs wußten bei diesem immerwährenden Hin- und Hermarschiren und widersprechenden Befehlen gar nicht mehr was sie thun sollten. -- Am Tage der Landung hatte Daendels zwei Bataillons Jäger in die Dünen gestellt; von den 3 Bataillons Infanterie, die am Helder lagen, campirte eins am Strande bei Huisduinen, die andern zwei standen am Helder und auf der Revolution. Die übrigen Truppen von der Division waren theils im Koegras, theils an der grooten Kater verlegt. Die Engländer landeten den 27sten, des Morgens mit Tagesanbruch. Das Wetter war ihnen sehr vortheilhaft: eine heiterer Himmel, eine gänzliche Windstille, eine ruhige See -- alles war ihnen günstig. Sie setzten von allen Schiffen Schaluppen mit Soldaten aus, und diese fuhren mit der Fluth nach dem Strande. Sie drangen augenblicklich in die Dünen, und vertrieben die 2 Bataillons Jäger, welche unmöglich im Stande waren, einer mit jedem Augenblick anwachsenden Macht Widerstand zu leisten. Daendels ließ nunmehr von den Bataillons, die an der grooten Kater standen, immer eins nach dem andern gegen den Feind in die Dünen vorrücken; aber das half alles nichts: die Engländer wurden immer stärker, und schossen die Bataillons, so wie sie vorrückten, zusammen. Wenn ein Bataillon also eine halbe Stunde im Feuer gestanden hatte, so mußte es sich zurückziehen, ein anderes rückte vor, verlor viel Leute, zog sich wieder zurück; und so erschienen alle Bataillons von der Division vor dem Feinde hinter einander weg, gerade wie die Bilder in einer magischen Laterne. Die Kanonen konnten in den Dünen gar nicht vorkommen, sondern mußten, wenn sie ein wenig avancirt waren, stehen bleiben, thaten einige Schüsse, und folgten den Bataillons, wenn dieses sich zurückzogen. Nur dem Glücke und dem Eifer der gewiß braven holländischen Artilleristen muß man es Dank wissen, daß diese Stücke, die die steilen Dünen auf, und niedertrieben, und die bis an die Achsen im Sande steckten, gerettet wurden.

An dem Helder ging es nicht besser. Die drei Bataillons, welche da waren sollten, zufolge den Befehlen des Generals Daendels, die Engländer ebenfalls angreifen; aber sie hatten genug zu thun, um der Uebermacht der Feinde Widerstand zu leisten, und sie wenigstens zu verhindern, aus den Dünen zu kommen. Der General Guericke kommandirte diese drei Bataillons, und ist freilich nicht der Mann, der im Stande wäre, eine wichtige Unternehmung auszuführen, wie man ihn denn auch nachher ganz aus der Armee entfernte, und zum Kommandanten von Amsterdam machte, weil er dem Trunke sehr ergeben war, und man ihm keine Brigade mehr anvertrauen konnte. Indessen war er nicht so sehr Schuld an dem unglücklichen Ausgange der Schlacht, als Daendels schlechte Dispositionen. -- Nachdem man den ganzen Tag gefochten, und Daendels über 1500 Mann verloren hatte, mußte dieser sich zurückziehen, und die Engländer blieben Meister von den Dünen. -- Ehe diese weiter vordrangen, und die Communication zwischen Daendels und dem Helder ganz abschnitten, ließ Daendels dem General Guericke befehlen, die Stücke auf den Küstbatterien zu vernageln, die Munition zu verderben, und mit seinen Truppen zur Division zu stoßen. Dies geschah; und den 28sten retirirten diese Truppen vom Helder. Dieser Rückzug war einer der mühseligsten; denn da die Landzunge sehr schmal ist, und der einzige Weg längs den Dünen hinläuft, auf welchen die Engländer standen, so mußten die Bataillons sich links halten, und durch Moräste und Wasser bis unter die Arme durchwaten. Viele Soldaten ertranken; einige Kanonen und Wagen blieben im Moräste stecken, und die Truppen kamen im elendesten Zustande bei der Division an *).

*) Es ist ganz evident, daß Daendels unverzeihliche Fehler machte, und ohne Noth seine Soldaten aufopferte. Ich berufe mich deswegen auf das Zeugniß der meisten Officiere seiner Division. Seine eigentliche Absicht, worin ihn viele Officiere bestärkten, war, die Engländer landen zu lassen, sie dann von beiden Seiten anzufallen, und so, wie zu Quiberon und Ostende, einige Tausende zu fangen. Der gute Mann bedachte aber nicht, daß dort die Umstände ganz anders waren, und nicht, so wie hier, die landenden Truppen denen der Besatzung an Zahl bei weitem überlegen waren. Selbst diesen Umstand beiseite, so waren auch die Maaßregeln, welche er genommen hatte, um diesen Meisterstreich auszuführen, nicht einmal gut gewählt. Er hatte mehr Truppen an den Helder stellen, und, anstatt die Bataillons einzeln vorrücken zu lassen, alle zugleich, sowohl vom Helder als von grooten Kater, mit gefälltem Bajonet auf die Engländer fallen lassen müssen. Auf diese Weise wäre es doch noch einigermaßen möglich gewesen, den Feind zurückzutreiben. Es ist ganz unerhört, daß man, wenn eine Armee von 17000 Mann landet, ein einzelnes Bataillon gegen dieselbe vorrücken läßt, und, wenn dies zurückgeschlagen wird, anstatt mit einer stärkern macht anzugreifen, da der Feind immer mehr Stärke gewinnt, fortfährt, die Bataillons einzeln zur Schlachtbank zu führen. Man stelle sich vor, mit welchem Muthe die letzten Bataillons vorrückten, die die Gefahr sowohl, als die Unzweckmäßigkeit des ganzen Manoeuvres, deutlich genug voraussehen mußten!

Der Lage der Umstände nach konnte man den Engländern das Landen gar nicht verwehren, und Daendels würde gewiß besser gethan haben, wenn er die Truppen vom Helder zurückgezogen, und eine gute Position bei Calandsoog genommen hätte. Er konnte alsdann den zweiten Tag der Landung mit aller Kraft auf die frisch gelandeten Truppen fallen, und sie durch einen lebhaften Angriff nach den Schiffen zurückjagen. Wollte er aber mit aller Gewalt die Landung der Engländer verhindern, so hätten nicht blos zwei Bataillons Jäger in die Dünen gestellt werden müssen, sondern die ganze Division mußte hinter und in den Dünen stehen, um mit Nachdruck auf den Feind fallen zu können. Die Kavallerie und reitende Artillerie hätten dicht am Strande hinter die vordersten Dünen sich postiren müssen, um, sobald die Engländer auf dem Strande waren, und die Schiffe, welche die Landung deckten, mit Feuern aufhörten -- welches sie allerdings thun mußten, wollten sie nicht ihre eignen Leute todtschiessen -- , rechts und links hervorzubrechen, und dem Feinde längs dem Strande in beide Flanken zu fallen. Diese Operation, vereinigt mit einem heftigen Angriffe der Division von vorne, würde wahrscheinlich mehr ausgerichtet haben. Wollte man dagegen einwerfen, die englischen Schiffe würden die batavischen Truppen hinter den Dünen mit Bomben und Grenaden beängstigt haben, so muß man auch eingestehen, daß ein solches ungewisses Feuer keinen großen Schaden thun kann. Der General Guericke, der im vergangenen Jahre in Nordholland kommandirte, hat einmal ein solches Manoeuvre machen lassen, um einen landenden Feind abzuwehren; und gewiß, dieses Manoeuvre war besser ausgedacht, als der oben erwähnte Angriffsplan des General Daendels.

Die Holländer zeigten in dieser Schlacht, daß es ihnen nicht an Muth fehlte, und man sah, was sich von der Armee erwarten ließ. Aber leider verlor sie auch gleich alles Zutrauen zu ihrem General, der, wegen seiner widersinnigen Dispositionen, seiner unschicklichen und groben Behandlung der Officiere, seines tollkühnen, von aller Vernunft entblößten Muths, und seiner unnützen Aufopferung der braven Soldaten, nun eben so sehr verachtet, als er vorher geliebt wurde *).

*) Daendels ist einer von den seltensten und auffallendsten Menschen. Seine rastlose Thätigkeit, sein tollkühner Muth, hatten ihn in unserer Armee zum Chef de Brigade erhoben; und da er als Befreier der batavischen Republik in sein Vaterland einrückte, war es ja wol natürlich, daß der neue Freistaat ihn zum ältesten General-Lieutenant machte. Der Ruf seiner Tapferkeit und sein Eifer für das Wohl der holländischen Armee verschafften ihm die Zuneigung der Officiere sowohl, als der Gemeinen in der ganzen Armee, wovon er am zwölften Jun. 1798 den größten Beweis erhielt. Denn die Truppen ergriffen öffentlich seine Partei, und halfen ihm am Tage der Revolution, mit Eifer, das Direktorium und die gesetzgebende Macht mit Bajonetten aus einander jagen +). Die Armee zweifelte nicht, unter seiner Anführung Wunder zu thun; und gewiß: mit einigem Anstande in seinem Betragen würde er ihr Vertrauen haben erhalten können. Doch das war ihm nicht möglich. Seine Maxime ist: "Man kann alles, was man will." Der zufolge gibt er die ungereimtesten Befehle, ganz unmögliche Sachen zu verrichten; und wehe dem, der es wagt, ihm vernünftige Gegenvorstellungen zu thun! Ohne Ansehn der Person beantwortet er jeden Widerspruch mit den niedrigsten Schimpfwörtern, droht gleich mit Füsilladen, theilt Ohrfeigen oder Säbelhiebe aus. Am Tage einer Schlacht ist er wie toll, und geberdet sich wie eine Besessener. Er tanzt im Kugelregen, und ruft dabei immer aus: "Sie können mich nicht treffen; sie können mich nicht treffen." Mit ihm zu reden, ist man nicht vermögend. "Vorwärts! vorwärts!" ist seine einzige Antwort. Rapporte nimt er gar nicht an, gibt auch keine Befehle; denn er ist wie von Sinnen. Niemand fragte ihn auch zuletzt mehr um etwas; und wer einen Rapport oder eine Frage an ihn auszurichten hatte, wandte sich an seinen General-Adjutant, den Obrist Uslar, einen sehr braven geschickten Officier, der überall die dem General so nöthige Kaltblütigkeit im höchsten Grade besaß. Daendels größtes Vergnügen, wenn es zur Schlacht geht, ist, mit seinem Säbel die Kanonenpferde zu schlagen, und sie unvernünftig rennen zu lassen, oder einen armen Soldaten unbarmherzig zu prügeln. Selbst Officiere schlägt er mitunter. So gab er am Tage der Landung einem braven Infanterie-Officier, dem Kapitain Matta, in dessen Kompagnie einige Unordnung entstanden war, die der Kapitain mit großer Sachkenntniß zu verbessern suchte, einen scharfen Hieb in den Kopf. So gab er seinen Adjutanten, dem Obrist Rouget, Ohrfeigen, weil man die Ordres nicht früh genug executirte, welche dieser irgendwohin überbracht hatte! ! ! Wenn er etwas befiehlt, so ist sein Zusatz immmer: "Das muß geschehen, oder ich lasse Euch füsiliren!" Viele ehrliebende Officiere, die einen solche brutale Behandlung nicht dulden konnten, hatten sich auch vorgenommen, wenn der General etwa Hand an sie legen würde, ihm den Degen durch den Leib zu stoßen ++). So unerlaubt dies Betragen auch ist, so wäre es, mit der nöthigen Ausnahme von gar zu groben Excessen, noch zu verzeihen, wenn es der eigentliche Karakter des Mannes wäre. Es ist aber weiter nichts, als ein angenommener unvernünftiger Jähzorn. Er weiß nicht zu strafen, wo Strafe nöthig ist; läßt Vergehen ungestraft hingehen, die unverzeihlich sind, indeß er Fehler von geringer Bedeutung mit der äussersten Strenge behandelt. Der Obrist Luck, Chef von der holländischen Jägern, einer der geschicktesten Officiere, stürzte sich aus Verdruß über Daendels schlechte Dispositionen, als er verwundet war, aufs neue ins Feuer, und ließ sein Leben.
+) Die Revolution vom 12ten Jun. 1798 war ganz das Werk des damaligen französischen Direktoriums. Daendels ging, gegen die Verordnung seiner Regierung, nach Paris, kam am 10ten Junius wieder im Haag an; am 11ten begann die sogenannte Revolution, und am 12ten war sie glücklich und glorreich vollendet! -- -- -- De la Croix und Dücange erschwerten einigermaßen den Sieg, und mußten dafür das Mißfallen des Direktoriums fühlen. Die Generale Joubert und Reubel waren besser unterrichtet; sie unterstützten Daendels, und ohne ihre Unterstützung wäre die Revolution gewiß nicht durchgesetzt worden.

Anmerkung des Herausgebers.

++) Ohrfeigen, Stockschläge und Säbelhiebe sind allerdings sehr verächtliche Mittel zur Erhaltung militairischer Ordnung. Indessen ist mir ein ähnliches Beispiel aus der französischen neuesten Kriegsgeschichte bekannt, das hier ebenfalls erwähnt zu werden verdient. Im Jahre 1796 kommandirte der General Le Fevre den Vortrab der Jourdan'schen Armee. Ein Officier hatte einer Frau von sechs Flaschen Champagner Wein, die für die Tafel des Generals bestimmt waren, eine Flasche abgenommen, und sie mit einigen seiner Freunde verzehrt. Le Fevre läßt den Officier vor sich kommen, und in Gegenwart einer zahlreichen Tischgesellschaft von mehr als 50 Personen springt er wie ein Wüthender auf den Officier los, schlägt ihm den Hut um den Kopf, reißt ihm die Haare aus und die Uniform vom Leibe, trit ihn mit Füßen, und schickt ihn als Gemeinen in die Wache. -- -- Ich spreche nicht von Hörensagen: ich war selbst Augenzeuge dieser scheuslichen empörenden Scene. -- Dies war die Strafe für den, freilich etwas liberalen, Gebrauch von einer Flasche Wein aus sechsen. Man erwäge nun, was der unglückliche Officier von der Gerechtigkeitsliebe des Generals Le Fevre zu erwarten gehabt haben würde, wenn er gar alle sechs Flaschen ausgeleert hätte! -- -- -- Anm. d. Hrsgb.

Die Engländer dagegen zeigten an ihrer Seite ihre Unwissenheit sehr deutlich; denn anstatt ihren erhaltenen Vortheil zu verfolgen *) (diese Anm. s. S. 50), und die gut gelungne Landung, durch eine Bewegung vorwärts, zu vervollkommnen, blieben sie unentschlos- in den Dünen, liessen die Garnison vom Helder abziehen, und begnügten sich, ihre ganze Macht landen zu lassen, und sich zu verschanzen.

*) Der Fehler, den hier die Engländer machten, muß Jedermann in die Augen fallen. -- Sie hatten den Feind zurückgetrieben, und waren Meister der Dünen geblieben. An dem Helder war eine schwache Garnison, und sie brauchten nichts zu thun, als, sobald Deandels mit der Division sich zurückgezogen, frische Truppen nach dem Helder marschiren zu lassen, um die 3000 Bataver, welche da lagen, gefangen zu nehmen. Das thaten sie aber nicht: sie blieben ruhig in den Dünen sitzen, und liessen diese Truppen (d. 28sten) vor ihren Augen den Rückzug antreten. Niemand glaubte, daß die sich zurückziehenden Holländer durchkommen würden, und es ist unbegreiflich, warum die Britten nicht den mindesten Versuch machten, diesen Rückzug, wo nicht abzuschneiden, doch wenigstens zu erschweren. Dies war ein großer Fehler, durch dessen Vermeidung man der Division vielen Nachtheil verursacht haben würde. Ausserdem versahen sie es darinn, daß sie Daendels nicht gleich verfolgten, und ihn den folgenden Tag angriffen, um den erhaltenen Vortheil zu behaupten, und sich weiter auszubreiten. Eine geschlagene Armee ist leicht zu überwinden; und wenn man Landungen wagt, so geschieht es, um zu erobern, und nicht, um auf einem platze stehen zu bleiben. Die Engländer mußten immer offensiv agiren. Sie thaten es aber nicht, sondern liessen uns Zeit genug, uns zu verstärken und festzusetzen.

So wie die Holländer am Helder Befehl bekamen, abzumarschiren, mußte die Flotte sich von der Rhede zurückziehen, um sich vor den Landbatterien zu sichern. Die Schiffe kappten also die Anker, und segelten rückwärts nach dem Vlieter, dem einzigen Orte auf der Zuider See, wo eine Flotte liegen kann. Die Rhede stand also den Engländern offen, die auch augenblicklich in den Hafen liefen, und fortfuhren, im Angesicht der batavischen Flotte die Armee, Geschütz, Pferde xc. auszuschiffen. Unter den vielen Projekten, die Daendels hatte, um die Landung zu verhindern, gehört auch noch dies: Man wollte im Eingange des Hafens zwei Schiffe versenken, um ihn zu sperren, und die großen Kriegsschiffe der Engländer zu zwingen, auf der See zu bleiben. Dies wäre allerdings zweckmäßig und thunlich gewesen, und man hätte ohne sehr viele Kosten den Hafen wieder reinigen können. Indessen unterblieb es doch; niemand weiß warum: sehr wahrscheinlich aber wurde diese Maaßregel von der Marine verhindert, die, wie man fast durch ganz Holland überzeugt ist, mit den Britten unter einer Decke spielte *).

*) Verschiedene glaubwürdige Personen haben mich versichert, der englische Admiral sei einige Mal incognito bei dem batavischen Contre-Admiral Story am Bord gewesen. Man sagt, daß dieser nebst noch zwei andern der vornehmsten Befehlshaber, so zu sagen, einen Ausschuß gebildet hatte, welcher immer bei einander war, und wozu kein andrer See-Officier gelassen wurde. Die Zeit wird es lehren, ob diese allgemeine Sage gegründet ist; und die Aussprüche des batavischen hohen See-Kriegsraths, der sehr langsam und reiflich die Sache der verhafteten See-Officiere untersucht, werden in einigen Jahren zeigen, ob die Marine frei von den Beschuldigungen ist, die man ihr macht, -- oder nicht. Da ich nichts über diese schändliche Uebergabe sage, als was die Gerüchte verbreiten, so will ich, ohne mich weiter darüber zu erklären, die Sache auf ihrem Werth und Unwerth beruhen lassen. Der Himmel gebe nur, daß die Bataver, die den Admiral Story wie einen Gott verehrten, einem würdigern ihr Vertrauen schenken mögen! Denn alles andre auf die Seite gesetzt, konnte dieser doch, da es von ihm abhing, sich viele kleine Fahrzeuge zu verschaffen, anstatt alles zu übergeben, sich selbst, viele Officiere und Matrosen noch für die Republik retten, und nach Amsterdam zurückkehren.

Nach dem unglücklichen Ausgange der Schlacht vom 27sten August hatte Daendels sich hinter die sogenannten Egalemens-Slooten (Gräben) zurückgezogen. Wer diese Position kennt, muß gestehen, daß sie ganz vortrefflich ist, um einem angreifenden Feinde mit wenig Truppen das Terrain Fuß vor Fuß streitig zu machen. Dieser Slooten sind drei hinter einander, die von der Zuider See bis an die Dünen laufen. Ihre Länge ist höchstens viertehalb bis vier Stunden, und sie sind ziemlich breit und tief. Fünf Brücken liegen über denselben. Daendels brauchte also gar nichts zu thun, als diese Brücken durch Geschütz und kleine Werke zu vertheidigen, und da ganz Holland eine Ebene ist, so konnte er in den Wiesen im Mittelpunkt einige Truppen und Kanonen in Reserve stellen, um den Feind, wenn er ja einige Passagen forcirte, anzufallen und zu werfen. Links konnte der General das Dorf Petten und die Dünen voll Truppen stellen; und da der tiefe Sand alle Verschanzungen unmöglich macht. so kam es hier darauf an, wer am besten fechten konnte. Da nun drei Graben, der eine immer tiefer und breiter wie der andere, parallel hinter einander laufen, so hatte Daendels die Ressource, wenn ja die zwei ersten forcirt würden, was gewiß viel Blut gekostet haben würde, sich hinter die letzte zu stellen, ohne daß diese rückgängige Bewegung des rechten Flügels ihn nöthigte, den linken aus Petten zurückzuziehen. Ja selbst wenn die Engländer das Glück hatten, alle diese drei Kanäle zu passiren, so war nicht weit davon die herrliche Position hinter dem Zyper Damme. Dieser läuft von der Zuider See an, bis zum Kanal. welcher von Alkmaar kömmt, und dann wieder bis Petten. Die ganze Division erwartet auch, daß Daendels diese Stellungen behaupten würde, und hierüber herrschte nur eine Stimme in der ganzen batavischen Armee, die laut murrte, wie sie auch diese Positionen verlassen mußte. Ich habe mich nach dem Rückzuge der Engländer selbst mit eignen Augen von den Vortheilen überzeugt, die hier das Terrain gewährt; und ich bitte den Leser, aus einer guten Karte diese Gegend selbst zu untersuchen. Ausser dem wichtigen Vortheil, daß die Engländer, in einer sehr schmalen Erdzunge eingeschlossen, durch wiederholte, blutige und langwierige Gefechte die täglich an Verstärkungen zunehmende holländische Armee hätten zu verjagen suchen müssen, so behielt Daendels noch in dieser Stellung immer Gemeinschaft mit der Flotte, die er durch seinen Rückzug sich selbst überließ. Wie gut die Position hinter dem Zyper Damm ist, das bewiesen die Engländer, welche in dem Laufe der ganzen Kampagne dahinter standen, und woraus sie zu vertreiben, sehr schwer war, wie unser General Brüne wohl einsah, der zuletzt lieber eine sehr gemäßigte Kapitulation machte, als daß er es wagen wollte, die Engländer aus ihrer starken Stellung zu vertreiben. Und doch war die Position der Engländer, in Vergleichung mit der, die die Holländer hinter demselben Damm nehmen konnten, nur schlecht; denn die englische Position machte bei Crabbendam einen ausspringenden Winkel, der natürlich bei den Holländern ein einspringender geworden wäre. Forcirten also die Bataver das Dorf Petten, so nahmen sie die Engländer in den Rücken; dahingegen, wenn diese auch Petten oder die drei Kanäle und den Damm wegnahmen, so hätten sie die Holländer doch nicht in den Rücken nehmen können *). Ich habe mich mit Vorsatz über diese Position so vollständig erklärt, damit man sehe, wie sehr die Holländer Recht haben, kein Vertrauen mehr in ihren General zu setzen. --

*) Wie unser General Brüne vernahm, daß Daendels den Zyper Damm verlassen habe, sagte er öffentlich: Ou il est traître, ou il est fou ( Er ist entweder ein Verräther, oder ein Dummkopf); und nie haben diese zwei Generale gut mit einander harmonirt. Dieser Rückzug überzeugte jedermann, daß Daendels nicht gebohren war, um Heere anzuführen. Eben so überspannt wie er in der Schlacht war, eben so toll war er im Laufen. Er übersah aller Vortheile der Position, und eilte zurück, als wenn ihn ein Heer von 100000 Mann verfolgte. Man erzählt sich auch ins Ohr, daß das batavische Direktorium dem General Daendels eine gemessenen, verweisenden Befehl gesandt habe: "nicht weiter zurückzugehn, denn man befürchte, sein Laufen möchte war kein Ende nehmen."

So wie die Truppen vom Helder zu der Division gestoßen waren, brach Daendels zwei Tage nachher (den 30sten August) auf, um bis Purmereind und Monnikendam zu marschiren und den Engländern die eine Hälfte von Nordholland zu überlassen. Indessen kam er diesen Tag nicht weiter als bis Schermerhorn, wo er sein Hauptquartier aufschlug, und die Armee zwischen Alkmaar und Avehorn stellte. Hier bekam er, wie man sagt, oben erwähnten Befehl vom Direktorium, und der General Brüne bereitete sich, um nach Alkmaar zu gehen und das Kommando zu übernehmen, weil man sah, daß die Sache anfing kritisch zu werden. Die Engländer folgten den Batavern auf dem Fuße nach, ohne jedoch ihren Rückzug zu beunruhigen, und besetzten die vortreffliche Position von dem Zyper Damm, die sie stark befestigten. Sie dehnten sich rechts und links aus, und schickten oft Korps nach Medenblick und Enkhuyzen. Doch setzten sie sich nicht fest an diesen Oertern.

September.Bearbeiten

Unterdessen kamen um diese Zeit verschiedene Bataillons von unsern Truppen an, und man erwartete täglich neue Verstärkungen vom Rhein und aus Belgien. Daendels ließ neue Zufuhr von Geschütz kommen, und versammlete einen ansehnlichen Park bei Alkmaar. Die Engländer schickten den General Don zu Daendels, mit Depeschen für das batavische Gouvernement. Diesen General hielt man einige Tage auf, und benutzte diesen Zwischenraum, um die Position zu verstärken. Am 2ten kam der General Brüne mit seinem Staab in Akmaar an, und besichtigte die Armee und Position. Er legte dieselbe ein wenig vorwärts, und bereitete sich, den Feinden nicht allein nachdrücklichen Widerstand zu leisten, sondern sie auch sehr bald anzugreiffen. Daendels hatte schon dem Obrist der Ingenieurs Krayenhoff den Befehl gegeben, Purmereind, Edam, Monnikendam, Durgendam und das Y zu befestigen, die nöthigen Batterien aufzuwerfen, und dadurch dem rechten Flügel einen sichern, mit guten Positionen versehenen Rückzug zu verschaffen, und Amsterdam und den Rücken der Armee gegen die Unternehmungen der Feinde, die nunmehro Herren der Zuider See waren, zu decken. Dies geschah mit großer Schnelligkeit, aber trotz dem war man nicht im Stande, diese Batterien zu decken, weil es an Artilleristen und Truppen fehlte *). Man sah nunmehro auch, daß der Haupt-Angriff der Engländer auf Nordholland gerichtet war: und um dies zu behaupten, wollte der General lieber Gröningen und Friesland Streifereien überlassen, als mit der gar zu schwachen Armee einem überlegenen Feinde die Spitze zu bieten. Die Division Dümonceau bekam also Befehl, nach Alkmaar zu rücken, wo sie den 8ten ankam. Itzt war die französisch-batavische Armee etwa 21000 Mann stark, und der General Brüne nahm folgende Position:

Das Hauptquartier war in Alkmaar. Unsere Truppen besetzten den linken Flügel, von der Nordsee an, über Bergen, Schoorl, Groet, bis Alkmaar. Die Division Dümonceau occupirte das Centrum zu Coedyk, Schoorldam, bis vor Crabbendam und Warmenhuyzen. Die Division Daendels stand am Langendyk, Pancras, Nord- en Zuyd-Scharwoude, Oudcarspel. Diese Flügel hatte keine weitere Stütze: und zur Sicherheit desselben hatte man die Brücken über den Kanälen abgebrochen. In Schermerhorn und Rustenburg standen einige freiwillige Bürger. In Hoorn lagen zwei Kompagnien Holländer, sich selbst überlassen; doch hatte Daendels die Vorsicht gebraucht, die Magazine in dieser Stadt ausleeren zu lassen.

*) Zur Besetzung aller dieser Werke, war ein kleines Detaschement Kanoniere bestimmt, nebst verschiedenen bewaffneten Bürgern. Aber auf diese undisciplinirte, unwillige und unerfahrne Leute konnte man sich nicht verlassen und nichts von ihnen erwarten.

Die Engländer hatten ihre Hauptposition hinter dem Zyperdamm, besetzten Petten, Crabbendam, Warmenhuyzen, Colhorn u. s. w. Sie konnten sich links so weit ausbreiten, wie sie wollten; hielten Medenblik besetzt, und kamen zuweilen nach Enkhuyzen. Doch streiften sie nicht weit in diesen Gegenden, und haben in der ganzen Kampagne nie versucht, den rechten Flügel der Holländer zu umgehen, was doch sehr thunlich war. Wir schätzten ihre Stärke dazumal auf 22000 Mann. Die Flotte war in feindlichen Händen, und in der Zuider See kreuzten unzählige kleine Fahrzeuge. Vor Amsterdam lagen einige Schiffe zur Deckung. Aus Frankreich erwartete man Kanonier-Böte und Matrosen, um zum wenigsten Amsterdam und die Küsten von Nordholland gegen die englische Flotte vertheidigen zu können. In Haarlem versammlete man Bürgercorps, welche eine zweite Linie formiren und 10000 Mann stark sein sollten *). Da man nicht wissen konnte, wie die Kampagne ausfallen würde, so fing nach und nach an, auf einen Rückzug hinter der Maas zu denken. Der Artillerie-Park wurde von Amersfort nach Utrecht verlegt, und der allgemeine Plan war, wenn wir der Uebermacht weichen mußten, uns bis hinter die Maas zurückzuziehen; dort eine zahlreiche Armee zu formiren, und dann aufs neue in Holland einzudringen. Zu diesem Endzweck wurden die Festungen, welche im Rücken der Armee lagen, in Vertheidigungsstand gebracht, so wie Waardem, Muiden, Wasem, Woerden, Schoonhoven, Ouderwater, Gorkum u. s. w. Aber hier ließ der Kriegsminister es wieder an allem fehlen; denn zu Ende des Feldzugs waren kaum 3 Festungen nur so weit gebracht, daß sie sich einige Tage halten konnten.

*) Auf dies Corps konnte man gar nicht rechnen; denn alle diese Bürger mußten erst organisirt werden: und Kommissairs, welchen dies Geschäft aufgetragen war, arbeiteten mit so vielem Eifer daran, daß an dem Tage, da die Kapitulation geschlossen wurde, wirklich einige tausend Bür- im Stande waren, nach der Armee zu marschiren. Man urtheilte also, was sich von diesen Leuten erwarten ließ, und mit welcher Geschwindigkeit man sie zu organisiren suchte. Diese Bürger-Corps, welche die batavische Republik gleich der Armee besoldete, und ungeheure Summen daran verschwendete, dienten zu weiter nichts, als zum Transport der Kriegsgefangenen, und zur Erhaltung der Ordnung hinter der Armee. Bei Gelegenheit der Organisation der Bürger-Corps bekam der Kriegsminister einen scharfen Verweis vom Direktorium, mit dem Befehl: ein wenig fertiger in seinen Geschäften zu sein. So fand er für gut, die Patente für die Bürger-Officiere -- welche sie doch haben mußten, wollte man verlangen, daß die Engländer sie wie Soldaten behandeln sollten -- zurückzubehalten, und nicht auszutheilen. Welch ein herrlicher Ministerium in Kriegszeiten!

Die kritische Lage der Republik erweckte viel Unruhe bei dem holländischen Gouvernement; indessen muß ich hier, zur Ehre der batavischen Gesetzgeber, sagen, daß sie standhaft genug waren, ihre Sitzungen äusserlich mit vieler Ruhe zu halten und sich entschlossen hatten, nicht eher, als im höchsten Fall der Noth, ihre Residenz zu verlegen; überzeugt, daß ein solcher Schritt immer übele Folgen haben müßte. Indessen den ersten Wink anreisen zu können, und bestimmten Herzogenbusch zur neuen Residenz.

So standen die Sachen Anfangs Septembers; und da Brüne sah, daß die Engländer sich ruhig hielten, bis die russischen Hülfstruppen angekommen wären, beschloß er, zuvor einen Angriff zu wagen, und sich zum Meister von dem Zyper Damm zu machen. Der 10ten September war dazu bestimmt, und den 9ten Abends sandte Brüne an die Divisionen die Ordres und Dispositionen. Der Plan des Angriffs war folgender: Die englische Stellung sollte an drei Orten angegriffen werden, nämlich: zu Petten durch unsere Truppen; zu Crabbendam durch die Division Dümonceau; und zu Eenigenburg durch Daendels. Der Angriff mußte mit Tagesanbruch geschehen; aber die Truppen, welche weit auseinander lagen, mußten die halbe Nacht marschiren, und kamen erst spät am Morgen, meistentheils ermattet, auf den Sammelplätzen an. Brüne *) begab sich des Morgens früh mit seinem ganzen Staabe nach dem linken Flügel, wo unsere Truppen den Angriff thun sollten. Dieses geschah auch mit dem gewöhnlichen Muthe; aber die Feinde waren zu stark verschanzt. Unsere Grenadiers mußten eine Batterie stürmen; allein die Gräben, welche vor derselben aufgeworfen waren, hielten sie auf. Viele sprangen hinein, aber sie wurden theils todtgeschossen, theils ertranken sie. Unser braver General David bekam eine schwere Wunde, und starb einige Tage nachher. Nach vielen Aufopferungen waren wir genöthigt, mit Verlust von beinahe 500 Mann zurückzuziehen, und die Attaque aufzugeben. So viel ich beurtheilen kann, war es ein großer Fehler, daß man uns nicht, so wie die Feinde immer thaten, den Angriff in den Dünen längs dem Strande thun ließ, wo man keine Batterien fand, und alles auf die Truppen allein ankam. Warum hat man uns gerade gegen eine feindliche Batterie gebracht, welche mit so vieler Mühe und Gefahr umsonst bestürmt werden mußte? -- Wahrscheinlich fürchtete man die Schiffe, welche die Dünen beschossen; aber es läßt sich mit Gewißheit annehmen, daß diese nicht viel Schade gethan haben würden, wenn eine Kolonne in den Dünen avancirt wäre und so die Engländer in den Rücken zu nehmen gesucht hätte. Nach diesem mißlungenen Angriff wurde nichts mehr gethan, und unsere Truppen blieben ruhig, bis gegen den Mittag, wo alles wieder die alte Stellung einnahm. Mißlang uns unser Vorhaben, woran nicht Mangel an Muth und Tapferkeit, sondern gänzliche Unmöglichkeit Schuld war, so ging es den andern Kolonnen nicht besser. -- Das Centrum sollte einen Angriff auf Crabbendam machen, und durch die Wegnahme dieses Dorfs, sich des Zyper Damms bemächtigen. Indessen gelang dies eben so wenig wie unser Angriff. Die Truppen, welche diese Division ausmachten, kamen sehr spät an, und hatten die halbe Nacht marschirt. Mehrere halb-Brigaden blieben verschiedene Stunden über die Zeit aus. Verschiedene Bataillons hatten sich verirrt. Um sechs oder sieben Uhr fing der Angriff an; aber kaum standen die Truppen einige Zeit vor dem Dorfe, als sich ein panischer Schrecken unter sie verbreitete. Ganze Bataillons liefen davon; und trotz aller Mühe, welche die Officiers und die Kavallerie anwandten, konnte man sie nicht wieder vorwärts bringen. Das Feuer hielt ein, und da die Kommandanten keine Befehle bekamen, und keine Möglichkeit sahen, ihre zerstreuten Bataillons zu sammeln, so rückte das Centrum auch wieder unverrichteter Sache in seine alte Position ein.

*) Wer Brüne kennt, muß gestehn, daß dieser Mann mehr Glück wie Verstand hat. Er ist so ziemlich arglos, und verläßt sich ganz auf den Chef seines General-Staabs und seine Adjutanten. Er ist ein großer Liebhaber von Branntwein; übrigens gut von Karakter. Er liebt die Pracht sehr, und hat eine ungeheure Suite. Seine militairischen Talente sind mittelmäßig, aber er ist sehr geschickt in militairischen Theaterstreichen, in Ueberraschungen u. s. w. Seine männliche Schönheit und sein martialisches Ansehn sind hinreichend, um die Truppen zu begeistern, wenn er sie anredet. Wenn man solche große Männer in der Nähe kennen lernt, so verschwindet oft der Nimbus, der in der Ferne scheint. So ist es mit Brüne. Lebhaftigkeit, Freundlichkeit, Erfahrung, ein leichter gefälliger Vortrag, machen beim ersten Anblicke Eindruck: lebt man aber einige Zeit mit ihm, so entdeckt man viele Blößen und der Held, der große Feldherr, sinkt zum gewöhnlichen Menschen herab, den Glück und Zufall, nicht Talent, erhoben.

Am rechten Flügel ging es noch am besten. Dieser mußte, zufolge der Disposition, Eenigenburg angreifen, und den Damm bestreichen. Daendels war auch ziemlich früh Meister von Dirkshorn und Harencarspel, wo die Vorposten der Engländer standen, und wollte nunmehro auf Eenigenburg losgehen. Aber hier stieß er aus einmal auf die ganze Brigade des Generals Bonhomme, die zu der Division Dümonceau gehörte, und Eenigenburg von einer andern Seite, als Daendels, angreifen sollte. Unglücklicherweise existirte aber der Weg gar nicht, den man ihr in der Disposition vorgeschlagen hatte, und nun mußte Bonhomme den Weg wählen, welchen Daendels eigentlich nehmen sollte. Dieser war also genöthigt, sich rechts zu wenden, und, anstatt Eenigenburg, St. Maarten anzugreifen *). Da indessen alle andere Angriffe fruchtlos abliefen, und die Truppen überall zurückgingen, so mußte Daendels auch sein Vorhaben aufgeben, und sich zurückziehen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, abgeschnitten zu werden, wozu die Engländer Miene machten: denn sie schickten einige Truppen, um Daendels in die linke Flanke zu fallen, und ihm so den Rückzug von St. Maarten abzuschneiden.

*) Wer den eingeschränkten Raum unsers Kriegstheaters kennt, der muß sich in der That wundern, wie es möglich ist, daß ein Ober-General sein Terrain nicht besser kennt, und eine Ordre unterschreibt, worin ein Weg vorgeschrieben wird, der gar nicht vorhanden ist. Dies beweist deutlich, mit welcher Zuverlässigkeit die Generale, die Adjutanten, die Ingenieurs, recognoscirten. Eben so unverzeihlich, wie von Brüne und seinem Staab, war dieser Fehler auch von Dümonceau und Bonhomme, die gleich beim Empfange der Ordre, wenn sie nämlich ihr Terrain genau gekannt hätten, dem General Brüne Bericht zuschicken mußten, daß der ihnen vorgeschriebene Weg wol auf der Karte, aber nicht in natura zu finden wäre.

Alle diese verschiedenen Angriffe waren gegen 1 Uhr geendigt, und die Bataillons kehrten alle wieder in ihre alten Quartiere und Positionen zurück *). Die Engländer hielten sich still hinter ihren Verschanzungen, und machten nicht die mindeste Bewegung, uns zu verfolgen. Der Verlust an beiden Seiten mag wol -- Todte, Verwundete und Gefangene zusammengenommen -- 2000 Mann betragen haben.

*) Es ist oben schon bemerkt worden, und es leuchtet immer mehr hervor, daß der Plan dieses ganzen Angriffs nicht gut angelegt war. Man hätte lieber alle Stärke nach Petten und den Dünen hinziehen sollen, um durch die Forcirung des linken Flügels gleich die ganze Englische Position in den Rücken nehmen zu können: anstatt hier durch vier vertheilte Angriffe auf Stellen, welche beinahe unerreichbar waren, die Stärke der Armeen zu schwächen, und viele Leute zu verlieren. Eben so unverzeihlich ist es, daß man Truppen von Mitternacht an, unaufhörlich, bis des Morgens um 8 Uhr marschiren läßt, und dann ermüdet ins Feuer bringt. Umstände erfordern dies zuweilen; aber hier konnte es ganz vermieden werden.

Brüne machte, dieser glorreichen Affaire zu Ehren, verschiedene Beförderungen in seinem General-Staabe, wiewol keiner von uns allen mehr gethan hatte, als mit dem General herumzureiten, und hinter der Fronte die Truppen zum Angriff defiliren zu sehen. --

Daendels zeichnete sich auch diesen Tag durch verschiedene unverzeihliche Fehler aus. -- Einem Artillerie-Officier gab er Ohrfeigen, und riß ihn vom Pferde. Gegen einen Major von der ersten Halb-Brigade, der auf Befehl eines Brigade-Generals einen gewissen Posten mit seinem Bataillon besetzt hielt, stieß er die niedrigsten Schmähungen vor der Fronte aus, und anstatt die rechtfertigenden Erklärungen des unschuldigen braven Majors anzuhören, überhäufte er ihn mit Schimpfwörtern. Dieser schwieg endlich still, ließ sich ausschelten, und mußte er in der größten Eile seine erste Stellung wieder einnehmen, weil er dadurch eine Flanke deckte, welche die Feinde bedroheten.

Am Abend dieses Tages, da beide Armeen in der tiefsten Ruhe waren, erhob sich auf einmal die schrecklichste Verwirrung in der Division des General Daendels. Ein falsches Gerücht verbreitete sich: die englische Kavallerie sei in Broek, Nord- und Zuyd-Scharwoude eingedrungen, und haue alles nieder. Die Nacht, der plötzliche Auflauf, die Ueberraschung -- alles dies machte die größte Verwirrung. Ganze Bataillons liefen weg, die Artilleristen verliessen ihre Kanonen; die Infanteristen warfen Gewehre, Tornister, alles, weg; beinahe die ganze Division lief davon. Niemand dachte an Wiederversammlung. Die Officiere flüchteten, so schnell sie konnten. Die Kavallerie hieb sich durch die Infanterie. Verschiedene Flüchtlinge jagten durch Alkmaar, und verbreiteten den Schrecken bis Haarlem. Der General nebst den Truppen, welche nicht mit in diese Verwirrung verwickelt waren, konnten, so sehr sie sich auch darum bemühten, dem Unwesen nicht steuern; und wären in dem Augenblicke 20 Engländer gekommen, sie hätten die halbe Division gefangen nehmen können. Ein Glück war es indeß, daß die vielen Kanäle, welche zwischen den Divisionen Daendels und Dümonceau lagen, die Verbreitung dieser Flucht verhinderten.

Mit Tagesanbruch entdeckte man den Irrthum; kein Engländer war zu sehen, noch zu hören. Man versammelte die Bataillons wieder, raffte die weggeworfenen Gewehre wieder auf, und besetzte die alten Stellungen wieder: Einer schämte sich vor dem Andern. Kurz, es ging, wie es gewöhnlich nach solchen Vorfällen zu gehen pflegt: Jeder kroch zu Kreuz, und schlich leise und beschämt in sein Standquartier. Daendels schäumte vor Wuth, und wollte anfangs die ganze Division verdammen. Ich erwartete nichts anders, als ein fürchterliche Füsillade; aber wie es denn so gewöhnlich geht! -- Mancher Staabs- und Subaltern-Officier, den der General wohl wollte, und der hier seine Pflicht nicht gethan hatte, oder gar davon gelaufen war, würde, nach der Strenge der Kriegsgesetze behandelt, haben bluten müssen; daher verfiel Daendels in die andre Extremität, und vergab Allen. Ein einziger Unter-Officier, ein, nach dem Zeugnisse der Officiere, sehr braver Mann, wurde als Urheber dieser Unordnung füsillirt, und fuhr als das Söhn-Opfer der ganzen Division zum Himmel *). -- -- -- Der unglückliche Ausgang der Affaire vom 10ten lehrte Brüne, daß er kräftigere Mittel anwenden müßte, um die Engländer zu vertreiben. Man verschob alle fernere Angriffe bis zur Ankunft der sämmtlichen Verstärkungen, von denen täglich welche anrückten. Die Position der Armee wurde mit kleinen Verschanzungen befestigt. Geschütz und Munition wurde aufs neue von Amersfort geholt. Alkmaar selbst war mit Stücken besetzt, um im Falle der Noth die Feinde aufzuhalten, und den Rückzug der Armee zu decken. Man dachte mit Ernst an einen Rückzug hinter die Maas, weil man nicht wußte, welche Absichten die Engländer hätten, und ob sie nicht eine starke Diversion machen würden. In Haarlem lagen mit Ammunition beladene Schiffe, welche gleich nach Gorcum gehen konnten. Trotz dem allen war Brüne's Absicht, sich, so lange wie möglich, bei Alkmaar zu halten, überzeugt, daß die Engländer, wenn er ihnen das weitere Vordringen erschwerte, sich den Winter über nicht halten könnten.

*) Zwei holländische Officiere kamen zu Brüne, um ihm von dieser Verwirrung Nachricht zu geben; Brüne fuhr heftig auf, nannte sie Verräther, und wollte sie gleich füsilliren lassen. Er erklärte alles für unmöglich, und bekümmerte sich auch ganz und gar nicht um eine Nachricht, die doch wol einige Untersuchung verdiente: war es gegründet, daß die Engländer die Division Daendels geschlagen hätten, so würden sie ja die ganze Armee haben abschneiden können.

Die Feinde ihrerseits schienen, eben so wie wir, Verstärkungen abwarten zu wollen, ehe sie neue Unternehmungen wagten; denn vom 10ten bis zum 19ten blieben sie ruhig. Den 18ten kamen die russischen Hülfstruppen an *); und kaum waren diese gelandet, so unternahm der Herzog von York (am 19ten) einen allgemeinen Angriff auf unsre Armee.

*) Hätten die Engländer, anstatt in Nordholland, bei Waarden ans Land gesetzt, und sie durch eine Diversion in unsern Rücken, der gar nicht gedeckt war, den Rückzug abzuschneiden gedroht, so hätten wir Nordholland ohne Schwertstreich verlassen, und uns hinter die Maas zurückziehen müssen. Man erwartete auch so etwas; aber daran dachte der große York nicht, wiewol es seht leicht war, da in ganz Holland, ausser unsrer Armee, keine Truppen waren, und die 17000 Russen immer gemächlich retiriren konnten, da sie Herren der Zuider See waren. Was für einen Schrecken würde das hier verbreitet haben, wenn das Corps, zu Niekerk oder an der Eem ans Land gesetzt, nach Amersfort, Utrecht, und dann nach Amsterdam marschirt wäre! Wir hätten nicht genug eilen können, Alkmaar zu verlassen, um zum wenigsten die Kommunication mit Brabant nicht zu verlieren.

Der feindliche Plan zum Angriffe war sehr gut angelegt. Die Russen griffen unsern linken Flügel und das Centrum -- , die Engländer den rechten Flügel an. Zu gleicher Zeit marschirte eine große Kolonne, unter den Befehlen des Generals Abercrombie, nach Hoorn, und nahm diesen Ort in der Nacht zwischen dem 18ten und 19ten ein. Wahrscheinlich sollte diese Kolonne, wenn die andern Angriffe glückten, uns in die rechte Flanke fallen, und einen Theil der Armee abschneiden *) Am 19ten, sehr früh, fing der Angriff am rechten Flügel an. Die Engländer rückten mit sehr vielem Muth auf Oudcarspel los; allein sie wurden, trotz einem dreimal wiederholten Angriffe, jedesmal durch die holländischen Kartätschen zum Rückzuge genöthigt. Da sie sahen, daß es ihnen unmöglich war, die Batterien zu bestürmen, und sie schon viele Leute verloren hatten, warfen sie sich hinter den Damm, der von Dirkshorn nach Oudcarspel läuft, und hielten sich dahinter verborgen. Zwei Kanonen, welche sie auf den Damm gebracht hatten, die aber von den Holländern demontirt waren, mußten stehen bleiben, da die Feinde sie unmöglich unter dem Feuer der Bataver wegholen konnten.

*) Indessen haben die Engländer hier doch einen groben Fehler begangen, daß sie, anstatt gleich von Hoorn aus unsern rechten Flügel anzufallen, oder nach Purmereind, Edam, Monnikendam und Schermerhorn zu marschiren, und uns dadurch zu beängstigen, ganz ruhig in Hoorn blieben, und nach dem Verluste der Schlacht diesen Ort verliessen. -- Gewiß würde eine solche Diversion auf unsern rechten Flügel der ganzen Schlacht eine andre Wendung gegeben haben.

Diese Vorfälle mogten etwa bis 11 Uhr gedauert haben, worauf die Engländer hinter dem Damme blieben. Da Daendels sah, daß seine Vorposten den Feind zurückgetrieben hatten, und der General Bonhomme ihn um Hülfe für das Centrum bat, mit dem es nicht vortheilhaft stand, so sandte er der Division Dümonceau einige Bataillons Dragoner und reitender Artillerie zu Hülfe.

Während dies am rechten Flügel vorfiel, griffen die Russen und Britten den linken Flügel und das Centrum an. Anfänglich gelang es ihnen auch, Schoorldam, Groet und Schoorl wegzunehmen, und bis Bergen vorzudringen. Hier aber setzen sich unsre Truppen; und in und um Bergen wurde lange Zeit mit abwechselndem Glücke heftig gestritten. Die Russen konnten wegen Mangel an Ortkenntniß die erhaltenen Vortheile nicht benutzen, und verloren verschiedene Kanonen und einige Gefangne. Indessen waren wir nicht im Stande, sie zurückzutreiben, und unsere Stellungen wieder einzunehmen. Brüne, der von den Divisionen sehr verschiedene und unbestimmte Rapporte, zumal vom Centrum, erhielt, hörte, daß die Bataver sich bis Koedyk zurückgezogen hätten, daß es ferner dabei sehr unordentlich zugegangen sei, weil der General Dümonceau schon früh blessirt worden wäre, und seine Division viel verloren hätte. Auf diese Nachrichten befahl er dem Obrist Martuschewitz, Kommandanten der batavischen Artillerie, sich nach dem Centrum zu begeben, und, nachdem die Umstände es erfordern würden, die nöthigen Dispositionen zu machen. Diesem Manne verdanken wir gewissermaßen den glücklichen Ausgang des Gefechts. Er begab sich gleich nach dem Centrum, und fand hier alles in der größten Unordnung. Der General Bonhomme, welcher nach Dümonceau die Division kommandirte, war nirgend zu finden. Die Truppen standen vor Koedyk im Kugelregen, und wußten nicht, was sie thun sollten. Martuschewitz raffte augenblicklich einige Stücke zusammen, und that einen Angriff auf Schoorldam. Die Bataillons folgten ihm, und nach einem sehr lebhaften Feuer gelang es ihm, die Feinde in wenigen Stunden zu vertreiben, und das Dorf einzunehmen. Dies gab uns auf dem linken Flügel Luft; denn die Russen mußten nun, um nicht durch das vorrückende Centrum abgeschnitten zu werden, sich eilig zurückziehen. Wir verfolgten sie heftig, und nahmen ihnen, ausser dem General Herrmann, noch viele Kanonen und Gefangene ab. Indessen war die Nacht eingebrochen; die ganze Armee hatte wüthend gefochten, und war sehr ermattet. Wir mußten uns also begnügen, alle unsre verlorne Stellungen wieder einzunehmen, ohne den Feind weiter verfolgen zu können. Wäre er einige Stunden früher geschlagen worden, so würden wir ihm höchst wahrscheinlich noch verschiedene wichtige Posten abgenommen, und ihn vielleicht ganz von dem Zyper Damme vertrieben haben.

So gut es indessen bei dem linken Flügel und Centrum zuging, eben so schlecht stand es nunmehro auf dem rechten. Die Feinde hatten nach der Einnahme von Schoorldam, der englischen Kolonne, welche Oudcarspel attakirte, einige Truppen zu Hülfe geschickt, welche auf die linke Flanke von Daendels anrückten. Daendels, der einsah, daß durch den Rückzug vom Centrum und linken Flügel seine Position von Oudcarspel sehr leicht enfilirt werden konnte, wollte anfangs, wie er diesen neuen Angriff auf seiner Flanke entdeckte, sich zurückziehen. Allein der Vortheil, welchen er der Armee verschaffen konnte, wenn er seine Position behauptete, bewog ihn, stehen zu bleiben, und wirklich zwang er durch ein wohl dirigirtes Feuer die Truppen, welche seine Flanke bedroheten, Halt zu machen und sich zu verbergen. Wäre er nun damit zufrieden gewesen, so würde alles gut gegangen seyn; aber nein! die Nachrichten, welche man ihm von den Vortheilen unsers linken Flügels brachte, reitzten seine unbegränzte Ehrbegierde: er wollte mit aller Gewalt auch Gefangene machen. Die zwei Kanonen, welche noch immer vor ihm auf dem Damm standen, stachen ihm viel zu sehr in die Augen, und ohne Unterlaß sann er darauf, sie wegzunehmen. Mit Mühe hielten ihn der Obrist Craß und dü Rütte davon ab *). Wie aber die Siegesnachrichten kamen, konnte niemand Daendels zurückhalten. Sogleich mußten 100 Grenadiers einen Ausfall thun, um die zwei Kanonen zu holen; kaum waren diese Truppen auf dem Damm, als die Engländer, welche den ganzen Tag still dahinter gelegen hatten, hervorkamen und mit den Holländern in die Verschanzungen drangen. Die Feinde, welche sich in der linken Flanke verborgen hielten, brachen auch los, und so wurde in einem Augenblick die ganze Division Daendels von allen Seiten überfallen; er verlor alle seine Kanonen und über 2000 Gefangene. Die Größte Verwirrung herrschte unter den Holländern; jeder suchte davon zu kommen, so gut er konnte. Glücklich, daß es schon spät in dem Nachmittag war, und die Engländer von der verlornen Schlacht, am rechten Flügel, Nachricht erhielten, sonst hätten sie den ganzen rechten Flügel geschlagen, und wären wahrscheinlich bis vor Alkmaar gekommen.

*) Brüne hatte bei jeder Division der batavischen Armee einen Officier von seinem Staab detachirt, um die Generals zu beobachten. Dies war der Oberst dü Rütte bei Daendels, und Basbou bei der Division Dumonceau.

Wie Brüne dies hörte, war er wüthend. Sogleich fertigte er den Befehl an Daendels ab, seine Position, es koste was es wolle, wieder einzunehmen. -- Diese Ordre war eben nicht in den gewähltesten Ausdrücken abgefaßt. Daendels mußte also in der Nacht wieder vorwärts rücken, und fertigte seinen General-Adjutanten mit einigen Grenadiers ab, um die Engländer zu überfallen; aber diese sparten ihm die Mühe; denn wahrscheinlich waren sie gleich, auf die Nachricht von dem Verlust auf ihrem rechten Flügel, mit Eile zurückgegangen, und Daendels bekam nichts, als einige hundert Traineurs, die meistentheils besoffen in den Häusern lagen. Die Kanonen hatten sie auch nicht fortschaffen können, so daß alle Stücke, und selbst die zwei englischen, welche Daendels mit aller Gewalt erobern wollte, in seine Hände fielen *). Dieser Tag war sehr ruhmvoll für unsre vereinigte Armee. Die Feinde verloren gewiß an 6000 Mann; und wäre der Fehler am rechten Flügel nicht vorgefallen: wir würden nicht mehr als 2000 Mann eingebüßt haben; so aber war unser Verlust beinahe eben so stark, als der englisch-russische. Wir schlugen zu allererst die bis jetzt noch immer siegreichen, so gefürchteten Russen; wir verloren keinen Fußbreit Terrain, und hielten die Feinde immer noch in ihrer engen Position eingeschlossen. Sie mußten nun neue Versuche machen, durchzudringen, um, ehe die schlechte Jahrszeit einfiel, festen Fuß zu fassen; aber diese Probe hatte sie belehrt, daß es so leicht nicht sei, uns zurückzutreiben. Der Verlust dieser Schlacht hatte auch Uneinigkeit zwischen den Russen und Engländer gestiftet, die, wie es immer zu gehen pflegt, sich einander gegenseitig die Schuld beimaßen. Sie mußten sich von diesem Gefechte erholen, und liessen uns also Zeit, unsre Position zu befestigen; besonders wurde der rechte Flügel so stark gemacht, daß er vor allen Angriffen sicher war, auch in allen folgenden Affairen nicht wieder angegriffen wurde.

*) Es ist nicht zu läugnen, daß von beiden Seiten mit vieler Tapferkeit gefochten wurde. -- Unsre Truppen sind bekannt genug, -- denn tapfer und Franzose sind zwei gleichlautende Wörter +) -- . Aber auch die Barbaren blieben uns nichts schuldig, und wetzten die Scharte aus, welche das eben nicht sehr tapfere Benehmen einiger Truppen bei dem Gefechte vom 10ten in ihren Ruhm gemacht hatte. Besonders zeichnete sich die holländische Artillerie sehr aus, der niemand das verdiente Lob versagen kann, daß sie der unsrigen nichts nachgab. Schade, daß ihre Generale nicht so gut sich, wie die Truppen es verdienen! Den General Dumonceau ausgenommen, der aber leider schon im Beginnen des Gefechts verwundet wurde, bedeuten die andern nicht viel. Daendels machte hier, wie gewöhnlich, die gröbsten Fehler, schlug und schalt wieder wie ein Wüthender; sprang immer im Feuer herum, und rief unaufhörlich: "ich muß auch Gefangene machen; ich muß auch Kanonen erobern;" und so veranstaltete er den herrlichen Ausfall! ! Auch sandte er während der Affaire einen Officier nach dem Artillerie-Park mit der Ordre: der ganze Park müsse zu seiner Division gebracht werden. Welche Tollheit, sein kleines Terrain mit 400 Wagen vollzupfropfen, und ohne Rücksicht auf die andern Divisionen alles für sich behalten zu wollen, da es ihm noch nicht einmal an Munition mangelte! Glücklich, daß dieser Befehl nicht ausgeführt wurde!
+) Niemand wird diese Lobrede auf die tapfern Franzosen -- so stark sie auch ist -- ungerne hören. Nur sollte sie nicht aus dem Munde eines Franzosen kommen. . . . . ---Anm. d. Herausg.

Der General Bonhomme erschien erst, da die Affaire zu Ende war: er mag eben so, wie der General Wievelt, ein sehr guter Mann seyn; aber er besitzt gewiß nicht die Talente eines Generals. -- Hätte Martuschewitz, den nachher unser Obrist Barbou kräftig mit Truppen unterstützte, das Centrum nicht angeführt, so zweifle ich sehr, ob Bonhomme etwas würde ausgerichtet haben. Niemand erntete mehr Lob mit so vieler Gemächlichkeit ein, als Brüne. Dieser blieb den ganzen Tag zu Hause, und sichte im Garten Raupen auf. Er empfing die Rapporte, und ließ und tüchtig herumjagen, um die Lage der Sachen auszukundschaften, ermangelte aber nicht, an den folgenden Tagen den Truppen vieles Lob zu ertheilen, und sehr viele Beförderungen in unsrer und der batavischen Armee vorzunehmen. Unglücklicher Weise halfen aber diese Beförderungen nichts; denn das batavische Gouvernement hat sie alle, einige wenige ausgenommen, annullirt, weil es dem General Brüne wol Erlaubniß gegeben hatte, die offenen Stellen zu besetzen, aber nicht, die bereits angestellten Officiere nach eigner Willkühr zu höhern Posten zu befördern. Die Officiere, welche durch den General erhoben waren, mußten also ihre erlangte Stelle wieder aufgeben; denn die batavische Regierung erkannte sie nicht an, und Brüne bekümmerte sich auch nicht weiter darum. Noch jetzt wimmelt es in der holländischen Armee von Officieren à la Brune, die den General verwünschen, der ihnen Würden ertheilte, die er zu vergeben nicht berechtigt war, und deren Gültigkeit zu bewirken, er sich, trotz seinen schriftlichen ertheilten Patenten, keine Mühe gab. Dies muß für diese Officiere um so unangenehmer sein, da alle Beförderungen, welche Brüne bei unsern Truppen gemacht hatte, von unsrer Regierung anerkannt wurden. Ich selbst verdanke dieser Kampagne meinen Rang als Brigaden-Chef.

Oktober.Bearbeiten

Alles war still bis zum 2ten, da wir aufs neue sehr lebhaft angegriffen wurden. Diesmal hatten die Feinde ihren Plan verändert; und da sie unserm mit Ueberschwemmungen und Verschanzungen ganz umgebenen rechten Flügel nicht schaden konnten, so suchten sie mit aller Gewalt zum linken durchzudringen. Ihr Angriff war, wie gesagt, sehr lebhaft, und sie drängten uns, eben so wie in der letzten Schlacht, anfänglich zurück. In kurzer Zeit hatten sie das Centrum bis Koedyk, und uns bis Bergen zurückgetrieben. Hier wurde das Gefecht mit gleichem Vortheil auf beiden Seiten eine Zeitlang fortgesetzt, aber nichts entschieden. Während uns indeß eine bedeutende Macht in und um Bergen beschäftigte, marschirte eine andere Kolonne längs dem Strande unter die Dünen hin, und suchte so nach Egmont am Zee zu kommen. Da wir nun die innere Seite der Dünen besetzt hielten, so wurde diese in ihre Absicht erst spät entdeckt. In aller Eile mußten wir daher Truppen nach Egmont senden, um den Feinde am Strande aufzuhalten. Denn wenn es ihm gelang, dies Dorf wegzunehmen, und sich darin festzusetzen, so war uns der Rückzug ganz abgeschnitten, weil der Feind nun auf Alkmaar losgehen, und uns den einzigen Weg nach Haarlem versperren konnte. Alle Truppen, die in Alkmaar waren, mußten nach Egmont. Daendels bekam Befehl, ihnen einige Bataillons vom rechten Flügel zu Hülfe zu senden; auch vom Centrum wurde alles genommen, was man nun entbehren konnte. Da wir bei unsern Truppen wenig Artillerie hatten, und diese alle bei Bergen stand, welchen Platz wir daher aus allen Kräften zu erhalten suchen mußten, um den Feinden Furcht einzujagen, und sie zu zwingen, den Angriff am Strande langsam und mit Vorsicht zu betreiben: so wurden schleunige und wiederholte Befehle abgefertigt, aus dem batavischen Park, und woher man nur sonst konnte, Kanonen nach Egmont zu bringen. Dies geschah: es kamen einige Kanonen und eine Kompagnie reitender Artillerie *) von dem Centrum an, die sich an den Strand vor Egmont stellten, und so nicht allein die Engländer aufhielten, sondern sie selbst einige hundert Schritt zurücktrieben. Unterdessen kamen immer mehr Truppen an, auch Kavallerie. Diese sollte angreifen, ging auch auf den Feind los; aber kaum war sie eine Strecke von den Kanonen, so kamen einige wenige englische Dragoner, die hinter einer Düne standen, hervor, und verbreiteten ein solches Schrecken unter diese Reuter, daß sie gleich rechts umkehrten, und im gesteckten Galop davon sprengten. Natürlich wurden die Artilleristen durch diesen Strom mit fortgerissen, und so blieben die Kanonen einige Zeit ganz allein stehen; denn die Kavalleristen sammelten sich nicht eher wieder, bis sie auf zwei mit Sand gefüllte Schiffe stiessen, welche man zwischen die See und die Dünen gestellt hatte, um einen Aufhalt zu veranlassen, wenn die Engländer so weit durchdringen sollten. Ein Glück, daß der Abend sich näherte, und die Feinde wegen ihrer großen Entfernung nicht wagen durften, die ungedeckten Kanonen abzuholen. Die einbrechende Nacht machte dem Gefecht ein Ende; und wiewohl wir den Engländern die ganze Ausführung ihres Angriffs insoweit vereitelt hatten, daß sie Egmont nicht einnahmen, so war unsre Lage doch sehr kritisch. Obwol im Centrum bis nach Koedyk zurückgedrängt, hatten die Feinde durch ihre viele Artillerie alle unsre Versuche vereitelt, wieder nach Schoorldam vorzudringen. Da sie, Meister aller Posten bis Bergen, wie auch am Strande und den halben Dünen von einer großen Strecke, am linken Flügel uns weit überflügelten, und bei dem geringsten Vortheil auf ihrer Seite uns unvermeidlich allen Rückzug auf Alkmaar abgeschnitten hätten: so mußte ein neuer lebhafter Angriff von unsrer Seite den Feind zurücktreiben, oder wir mußten unsre Stellung verlassen und ganz aufgeben. Die Truppen, welche allein durch die Dunkelheit der Nacht im Fechten unterbrochen wurden, blieben bis zum Anbruche des Tages einander gegenüber stehen.

*) Zur Schande des Kapitains dieser Kompagnie sei es gesagt: Trotz den wiederholten Befehlen, schleunigst vorzurücken, ging er, unter dem Vorwande, seine Pferde zu schonen, nicht eher vorwärts, bis ein Adjutant von unserm General der Artillerie ihm das Kommando zu nehmen, und es seinem Subaltern-Officier zu geben drohete.

Brüne war erst willens, den Angriff zu erneuern, und gab anfangs Befehl, mit Tagesanbruch den Feind mit aller Macht anzufallen. Wahrscheinlich bewog ihn aber die Betrachtung, daß die ganze Armee dem Feinde in die Hände fallen würde, wenn wir die Bataille verlören, eben so wie die Furcht, mit den abgematteten Truppen nicht viel ausrichten zu können, seine Ordre zu verändern, und den Rückzug zu befehlen. Mit Tagesanbruch fing der Rückzug an. Der Artillerie-Park, Bagage, Magazine, Hospital -- alles zog theils zu Lande nach Haarlem, theils zu Schiffe nach Amsterdam. Wir und die Division Dümonceau marschirte nach Bewerwyk, wohin das Hauptquartier verlegt wurde. Die Division Daendels zog sich nach Purmereind, und besetzte die schon lange vorher für sie bereiteten Positionen, worin sie eben so wenig angegriffen werden konnte, als in der vorigen. Des Nachmittags um drei Uhr verließ unser Nachtrab Alkmaar, und die Vorposten standen noch jenseits Castrikum, welches wir besetzt hielten. Man weiß, daß bei Bewerwyk das Terrain sehr schmal wird, und daß der einzige Weg, auf dem man vordringen kann, durch diese enge Straße geht, welche zu vertheidigen unsre letzte Zuflucht war. Auf dem rechten Flügel waren wir ziemlich sicher; denn erstens war dessen Stellung sehr stark, und man konnte sich darauf verlassen, daß die Feinde sie nicht forciren würden. Wenn auch, zweitens, die Engländer hier durchdrängen, und diesen Flügel schlugen, dann mußten sie noch das Y passiren, und Gefahr laufen, daß wir durch einen heftigen Angriff auf Alkmaar sie bald zwingen würden, ihre Vortheile zu verlassen, und ihre Stärke nach dieser Seite zu wenden. Diversionen zur See hatten wir jetzt gar nicht mehr zu befürchten *).

*) Es ist nicht wohl zu begreifen, warum die Engländer uns so ruhig zurückziehen liessen, und nicht gleich am 3ten früh Morgens uns angriffen. Dies wäre allerdings ihre beste Unternehmung gewesen, und wir erwarteten auch nichts anders. Da so vieles weggeschafft werden mußte, und das Schlachtfeld bei Egmont gar nicht weit von Alkmaar entfernt war, würde ein neuer Angriff uns vielen Schaden gethan haben. Doch dieser erfolgte nicht. -- Die Engländer fanden nichts als eine Wache in Alkmaar, welche, wie es gewöhnlich geschieht, vergessen war. 2 Zwölfpfünder, welche vor Alkmaar auf einer Batterie gestanden hatten, fielen auch in ihre Hände, weil der wachthabende Officier in Alkmaar die Thore nicht mehr öffnen lassen wollte. Dies ist auch alles Geschütz, das wir in diesem Feldzuge verloren haben, und zwar blos durch unsre Schuld.

Die Schlacht am 2ten kostete an beiden Seiten etwa 1500 Mann. Die Holländer verloren sehr wenig; denn unsre Truppen waren beinahe allein im Feuer.

Alle unsre Truppen concentrirten sich also bei Bewerwyk, und die Feinde, welche wußten, daß sie Meister von Haarlem und Amsterdam würden, wenn sie sich dieser Position bemächtigen könnten, liessen uns nicht lange in Ruhe, sondern erneuerten ihren Angriff am 6ten Oktober.

Bei dieser Affaire ging es eben so, wie bei der vorhergehenden. Im Anfange des Treffens drangen die Russen und Engländer vor, nahmen Backum und Castrikum ein, warfen uns in den Dünen und am Strande, und drangen bis vor Wyk op See. Das Hauptquartier wurde aus Bewerwyk rückwärts verlegt. Mit mühe erhielten wir uns noch, und immer gewannen die Feinde mehr Terrain. Der Augenblick näherte sich, da die Engländer in Bewerwyk eindringen, und so den engen Paß besetzen würden. Brüne fühlte ganz seine kritische Lage. Er, der gewöhnlich seht unbesorgt ist, konnte jetzt die Spuren seiner Verlegenheit nicht verbergen. Ueberall retirirten wir, und nur ein entschlossener Streich konnte uns retten. Brüne begab sich, um einen solchen zu wagen, nach den Dünen, raffte alle Truppen zusammen, die er fand, stellte sich an die Spitze dieser kleinen Kolonne, und rückte unter Trommelschlag gegen den Feind *). Dieser stutzt und wich. Wir rückten immer weiter vorwärts, und alle in den Dünen zerstreute Tirailleurs vermehrten die Kolonne. Es gelang uns, viel Terrain zu gewinnen. Dieser Vortheil war aber nicht der einzige: ein holländisches Bataillon -- ich glaube von der ersten Halb-Brigade -- , welches mit mehreren Truppen von den batavischen Divisionen am 2ten uns zu Hülfe gesandt, und seit der Zeit noch immer bei uns geblieben war, wurde von dem General van Damme kommandirt, von der Bewer Wyk aus einen Angriff auf die Russen zu thun, welche vor Castrikum standen. Mit der schönsten Ordnung, in voller Fronte, und ohne einen Schuß zu thun, marschirte dies Bataillon vorwärts, und fing ein wohlgerichtetes Musketen-Feuer an, als es dicht vor die Feinde gekommen war; diese dachten wahrscheinlich, es sei eine ganze Kolonne: sie wichen, und zogen sich in Unordnung zurück. Nunmehr neigte sich der Vortheil auf unsre Seite. Die Engländer zogen sich überall zurück, verliessen Castrikum, und räumten uns alle unsre verlorne Posten wieder ein. Es wurde schon dunkel, da wir zu siegen anfingen; und da die Verwirrung den ganzen Tag sehr groß gewesen war, so konnten wir den Feind nicht verfolgen, und waren sehr froh, daß wir unsere Position wieder erhalten hatten **).

*) wer unsre Soldaten kennt, wird wissen, was für einen Eindruck es auf sie macht, wenn ein schöner, großer General mit martialischem Gesicht und donnernder Stimme, wie Brüne, sie anredet, und durch ein kraftvolle Rede ihren Muth belebt. Sie waren auch alle wie begeistert, und kämpften mit unbeschreiblicher Wuth.

*) Man kann sich leicht vorstellen, welche Verwirrung auf beiden Seiten, auf einem kleinen coupirten Schlachtfelde, wo man den ganzen Tag mit abwechselndem Glücke gefochten hatte, und in den Dünen herrschen mußte, wo auf der einen Seite unsre Truppen zuweilen vorrückten, unterdeß die Feinde uns auf der andern, rechts oder links, zurückdrängten, und man alle Augenblicke, ehe man sich dessen versah, auf einander stieß. Nichts kann diese Verwirrung deutlicher bezeichnen, als folgender Vorfall, der dem General Brüne widerfuhr: Nachdem dieser, wie oben erwähnt worden, seine Truppen gegen den Feind gebracht hatte, und bemerkte, daß dieser wich, so kehrte er nach Bewerwyk zurück, und ritt mit einigen Adjutanten und Ordonannanzen queer durch die Dünen. Sie sahen und hörten keine Feinde; aber kaum waren sie etwas weiter gekommen, so fand Brüne, im Hinaufreiten auf eine Düne, an der andern Seite am Fuße derselben eine Escadron englischer Dragoner. Diese, welche dahin postirt waren, wußten nicht, daß ihnen zur Seite die Franzosen wieder vorrückten, und blieben daher ruhig auf ihrem Posten. Brüne erschrak sehr, nahm aber schnell seinen Entschluß. Mit bloßem Säbel stürzte er und sein kleines Gefolge auf den Feind los, der, wahrscheinlich in dem Wahne, daß dem General mehr Truppen folgten, davon sprengte: ein großes Glück für Brüne, da er nicht umkehren konnte, und gewiß gefangen worden wäre, wenn die Engländer sich nicht hätten abschrecken lassen. Auf diese Art sind viele kleine zerstreute Partheien von beiden Seiten in die Hände ihrer Feinde gefallen, die sich hinter Dünen versteckt hatten, wo man auf sie stieß, ehe man sich dessen versah.

Der Verlust auf beiden Seiten betrug wol 1200 Mann; wir bekamen aber noch überdas 7 Kanonen und 8 bis 900 Gefangene.

Dieser Tag war entscheidend. Die Engländer, in ihrer Erwartung, nach Haarlem zu kommen, betrogen, sahen ein, daß fernere Angriffe fruchtlos sein würden, und mußten befürchten, daß wir nun ihnen auch einmal auf den Hals fallen mögten. Sie fühlten die Unmöglichkeit, sich den Winter über, wo sie standen, zu halten; und da in wenig Wochen ihr Rückzug unthunlich wurde, zumal, wenn wir ihnen scharf zusetzten, so wollten sie lieber ihre erhaltenen Vortheile aufopfern, und nach England zurückkehren *).

*) Die letzte Schlacht entschied also das Schicksal von Holland; verloren wir sie, so mußte unsere Armee hinter die Maas, und wahrscheinlich brach alsdann eine Gegen-Revolution aus. Schon hoben die Oranischgesinnten das Haupt empor; schon waren in einigen Oertern der batavischen Republik Unruhen ausgebrochen; schon war halb Amsterdam am Tage der Schlacht, mit Orange-Kokarden in der Tasche, auf dem Wege nach Haarlem, und erwartete nur die Nachricht, daß Haarlem eingenommen sei, um die Kokarde aufzustecken. -- Der Verlust der Schlacht zog die Gefangennehmung der Division Daendels nach sich, die über Amsterdam retiriren mußte, und zum wenigsten drei Tage nöthig hatte, um das Y zu passiren; und uns wäre dann nichts übrig geblieben, als unser Heil in der Flucht zu suchen.

Sie fingen also an, wieder rückwärts aufzubrechen, und bezogen ihre alte Stellung hinter dem Zyper Damme. In eben dem Maaß, als die Engländer sich zurückzogen, marschirten wir vorwärts. Zu Alkmaar fanden wir noch ein ganzes fliegendes Lazareth, viele Wagen und die , wie gewöhnlich, vergessene Thorwache. Unsere Truppen besetzten ihre alte Position zu Bergen und Koedyk. Die Division Daendels hatte Befehl bekommen, auch von Purmereind aufzubrechen, und Hoorn zu besetzen. Da wir und die Division Dumonceau geradezu auf Alkmaar marschirten, so blieb Daendels etwas zurück. Indessen erreichte er die Küsten der Zuider See, und vertrieb die Engländer aus Hoorn, Enkhuyzen und Medenblik, in welchem letztern Orte sie die großen Schiffmagazine in Brand steckten; doch wurde das Feuer noch in Zeiten gelöscht.

Den 10ten October griff Daendels das Dorf Winkel an, welches er einnehmen mußte, um seine Communication mit Dumonceau zu eröffnen. Die Engländer, welche sich ganz hinter den Zyper Damm stellen wollten, vertheidigten das Dorf auch nicht mit gar zu großer Hitze, so daß Daendels es nach einigem Widerstande einnahm, und sich nunmehr über Niendorp an das Centrum anschliessen konnte. Daendels rückte noch weiter, bis an Colhorn, vor, welches Dorf er auch wegnehmen wollte; aber da dieses zu der Position der Engländer gehörte, so glaube ich, daß es ihm etwas mehr Mühe gekostet haben würde, als Winkel. Da die Engländer auf diese Art nun ganz eingeschlossen waren, bereitete sich Brune, sie in ihrer Position hinter dem Zyper Damm anzufallen, und ihre wahrscheinliche Einschiffung zu beunruhigen. Zu diesem Ende wurden schreckliche Zurüstungen gemacht; aber die Feinde liessen es so weit nicht kommen, sondern verlangten am 13ten October zu capituliren.

So weit war es also mit dieser fürchterlichen Landung gekommen, daß nach einem Aufenthalt von sechs Wochen in Feindes Land die große Armee, die aus den besten englischen Truppen und den so sehr gefürchteten Russen bestand, die unbedeutenden Bataver und ein schwaches Corps Franzosen um Schonung bitten mußten. -- Ich rede hier nicht von der Capitulation: sie ist bekannt genug; indessen kann ich nicht umhin, hier öffentlich zu sagen, daß diese Capitulation dem General sehr wenig Ehre macht. --

Im Auslande bewundert man den großen Mann, den Held, den Befreier von Holland, den Ueberwinder der Russen; aber wenn man die Capitulation liest, muß man denken, daß Brüne beinah eben so geneigt zu capituliren war, als York; so sehr trägt sie das Gepräge der Eile. Hatte man nicht den ganzen Artikel vergessen, wodurch der Admiral de Winter ausgewechselt wurde? Hat man wol bestimmt, ob die 8000 französische Kriegsgefangenen, welche die Engländer freigeben mußten, Soldaten, Matrosen oder Officiers seyn sollten? und benutzten die Britten nicht itzt diesen Umstand, um uns zu schikaniren? Hat man nicht vergessen, den bei allen Capitulationen gewöhnlichen Artikel beizufügen, daß die Streitigkeiten, welche etwa über den einen oder andern Punkt entstehen möchten, zum Vortheil der einen oder der andern Armee ausgelegt werden sollten? Die ganze Armee ist überzeugt, daß Brüne weit mehr von dem Herzog von York erhalten haben würde, wenn er mit mehrerer Klugheit, und nicht so übereilt verfahren hätte. Was konnten die Engländer doch thun, wenn wir sie heftig angriffen? Ihre halbe Armee mußte ja in unsere Hände fallen. Denn die Drohung des Herzogs von York, die Dämme zu durchstechen, bedeutete nichts, weil die Engländer alsdann selbst ihr Grab darin finden mußten. Auch sollte man glauben, daß Brüne doch einigermaßen für die batavische Republik hätte sorgen und zum wenigsten die halbe Flotte zurück fordern müssen. -- Er handelte auch darin nicht vorsichtig, daß er und sein Staab ein Geschenk an Pferden vom Herzog von York annahm. Dieses wirft immer einen Schein der Bestechung auf ihn, zumal da man weiß, daß er sich von den Batavern seine Dienste hat gut bezahlen lassen, und für diese Campagne ein kleines Geschenk von 100,000 Gulden, nebst einem goldenen Degen, empfangen hat, womit er nicht einmal zufrieden war; denn er erwartete nicht weniger, als eine halbe Million. --

Man hat wol gesagt, Brüne habe die Capitulation geschlossen, um dem Blutvergiessen ein Ende zu m chen; aber das ist keine Rechtfertigung. Hätte er lieber einige tausend Mann mehr aufgeopfert, und die feindliche Armee gänzlich geschlagen und vernichtet, so würde er sehr wahrscheinlich dem großen Zweck des Friedens mehr Nutzen gebracht, und noch weit mehrern Menschen das Leben gerettet haben, die in dem bevorstehenden Feldzuge und Landung, wozu die Engländer rüsten, ihr Blut vergiessen werden +). Doch die Sache ist nun einmal nicht anders. -- Die Engländer waren froh, freien Abzug bekommen zu haben, und schifften sich mit vieler Eile ein. Verschiedene Schiffe strandeten noch beim Aussegeln wegen der eintretenden Stürme, und 5 bis 600 Mann fanden gewiß dabei ihren Tod in den Wellen.

+) Die Kapitulation der Engländer in Holland ist von dem Verfasser der vorliegenden Schrift in manchem Betracht sehr richtig gewürdigt worden; allein er hat dabei doch verschiedene Gegenstände unberührt gelassen, die man mir nachzuholen erlauben wird.

Der General Brüne hat bei dieser Kapitulation weder die Standhaftigkeit eines großen Feldherrn, noch die Klugheit und den Scharfblick eines geschickten Unterhändlers, am allerwenigsten aber die Unbefangenheit und Reinheit eines ächten Republikaners gezeigt. Er hätte, als republikanischer Feldherr, nach der damaligen Lage der Dinge, den Engländern gar keine Kapitulation bewilligen, oder doch auf keinen Fall, eine solche Kapitulation abschliessen sollen.

Weder das Interesse der Franzosen, noch viel weniger das der Holländer, ist bei dieser, für beide Theile, schimpflichen Kapitulation bedacht worden. Holland hatte dabei nichts zu thun, als zu - zahlen; Brüne und seine Kreaturen nichts, als zu -- empfangen. . . . .

Es ist ein in der Kriegsgeschichte bisher noch unbekanntes Beispiel, mit einem Feinde, der ganz in der Absicht gekommen ist, ein Land zu unterjochen, der weder in noch vor einer Festung steht, der gar keinen haltbaren Platz hat, der gar kein anderes Mittel hat, als entweder sich durchzuschlagen, oder in den Wellen sein Grab zu finden: es ist ein unerhörtes Beispiel, mit einem solchen Feinde, unter solchen Umständen, im offenen Felde eine Kapitulation abzuschliessen. Häufigere Beispiele liefert uns die Geschichte vom Gegentheil: Bei Pirna machten die Preussen 17000 Mann Sachsen im Lager zu Kriegsgefangenen; bei Maxen wurden im Lager 18000 Mann Preussen von dem General Daun zu Kriegsgefangenen gemacht; bei Saratoga in Amerika mußte sich Bourgoyne mit seiner ganzen Armee im Lager dem amerikanischen General Gates zu Kriegsgefangenen ergeben. -- Dachte Brüne wohl an diese Beispiele, als er dem Herzog von York die Kapitulation bewilligte?

Wie eigennützig ist nicht noch dabei das Verfahren des französischen Obergenerals! Er läßt sich beikommen, auf batavischem Grund und Boden mit einer feindlichen Armee eine Kapitulation abzuschliessen, ohne dazu die Befugniß, Bewilligung oder Ratification von der batavischen Regierung einzuholen! -- Davon ist weder vor, noch in, noch nach der Kapitulation, die Rede gewesen. Brüne hat mit dem Herzog von York, ohne weitere Anfrage, die Kapitulation abgeschlossen; hat dann die abgeschlossene Kapitulation nach dem Haag geschickt, und das batavische Direktorium hat darauf die Stadt erleuchten, und dem Obergeneral die goldenen Lorbeeren auszahlen lassen.

Dies sind die Folgen der Unterwürfigkeit der batavischen Armee unter französischer Obergewalt. Man erinnere sich, was ich oben in einer frühern Note, S. 25, über diesen Punkt gesagt habe. Schon in diesem kurzen Feldzuge ist das Betragen des französischen Obergenerals eine fortlaufende Reihe von Gewalt-Schritten. Es behandelt die batavischen Generale in jedem Betracht, wie seine Untergebenen; er schickt beobachtende Kommissaire zu den batavischen Divisionen, die Operationen verhindern und verschreiben können; er befiehlt Erhöhungen und Abdankungen nach Willkühr; und am Ende schließt er gar mit einem besiegten Feinde aus eigener macht-Vollkommenheit eine Kapitulation ab, die eben so sehr zum Nachtheil der Bataver, als zu seiner eigenen Unehre gereicht.

Von dem allen steht zwar nichts in den "Articles convenus" zwischen der französischen und batavischen Republik; aber man weiß es ja schon, wie dergleichen Artikel, wenn sie einmal von einer schwachen Regierung bewilligt worden, von der mächtigern kommentirt zu werden pflegen. . . . Anm. d. Herausg.

Nachdem dieser Feldzug geendigt war, kehrten alle Truppen nach ihren Standquartieren zurück. Brüne wurde nach Paris berufen, und reiste ab. Da er das Commando über die westliche Armee bekam, nahm er verschiedene Officiers von seinem General-Staabe mit, bei welcher Gelegenheit seine Wahl auch mich traf, und wir fahren itzt fort, beinahe eben so wie in Holland, neue Lorbeeren zu pflücken.

- - - - - - - - - - -

Quellen und Literatur.Bearbeiten

  • Landungsgeschichte der Engländer und Russen in Holland, im Herbst 1799. Nebst Anekdoten über die Anführer. Verfaßt von einem Officier im Gefolge des Generals Brüne. Hamburg, 1800. Bei August Campe.
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.