SLUB Dresden


[Ansicht von Leipzig auf der Strasse nach Halle.]

Von Reisende.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Christian Fick.

[1]

Aufenthalt in Leipzig.

Unsere Ankunft in Leipzig am 10. Nachts erregte sowohl unter den vielen Fremden, welche die Messe herbei gezogen hatte, als unter den Einheimischen eine ausserordentliche Sensation. Jeder, auch der kurzsichtigste Mensch, konnte nun voraus sehen, daß die Franzosen die Stellung der alliirten Armee jenseits der Saale dazu benutzen würden, um wenigstens Streifereien bis nach der, der Messe wegen jetzt besonders interessanten, reichen Handelsstadt vorzunehmen. Ja schon in militärischer Hinsicht mußten sie ihre Patrouillen bis gegen die Elbe hin vorschieben, um, während dem man die Preussen auf dem westlichen Ufer der Saale fest hielt, bis man sie auf der Ostseite mit einer hinlänglichen Truppenmassa überflügelt hatte, von der Lage der Dinge, besonders von der Stärke und Stellung des Reservekorps, welches sich bei Halle sammelte, genaue Erkundigung einzuziehen. Man hatte daher in Leipzig kaum erfahren, daß das Tauenziensche Korps, welches als der Wächter der Strasse von Schleitz nach Leipzig angesehen wurde, sich nach der Saale zurückgezogen habe, so fiengen mehrere Kaufleute an einzupacken. Diese vorläufige Unruhe wurde aber am folgenden Tage allgemein, und die Verwirrung stieg aufs höchste, nachdem mehr als funfzig Packknechte nach und nach von Zeitz her vor unserm Gasthofe, dem neu erbauten König von Preussen vor dem Petersthor, herbei gesprengt kamen, mehrere Pferde an der Hand führend, mit der Nachricht, daß die Franzosen die Bagage eine halbe Meile disseits Gera eingeholt, und weggenommen hätten. Einige von den Packknechten waren verwundet, und besonders dem einen der ganze rechte Backe mit dem Knochen durchgehauen, so daß er, nach der Erklärung der herbeigeholten Wundärzte, unwiderbringlich verlohren war. Die Bouticken wurden nun geschlossen, und jeder Fremde suchte so schleunig als möglich die Stadt zu verlassen. Er herrschte eine Verwirrung sondern gleichen. Manchen schlechte Zahler benutzte diese ihm erwünschte Gelegenheit, um nun vor der Zahlwoche sich zu entfernen, und den Herren Gläubigern das Nachsehen zu lassen. Die politische Lage der Dinge war für einen großen, besonders den ehrlichen Theil der Handelsleute sehr schädlich. Ich gieng am 11. Nachmittags durch mehrere Hauptstrassen der Stadt, um das Gewühle, das ängstliche Hin- und Herlaufen der Menschen, das schleunige Fahren der Güter, fast mit Lebensgefahr zu sehen. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich meinen alten biedern Freund, Hrn. Gredy, Conditor am Markt. Dieser setzte mir die nachtheiligen Würkungen der neuesten politischen Lage auf die Messe, besonders auf Leipzigs Einwohner, sehr deutlich auseinander. In wenigen Stunden war kein Pferd sowohl auf der Post als bei einem Fuhrmann mehr zu haben; vorzüglich suchten die anwesenden Preussen, Russen und Engländer sich aus dem Staub zu machen. Nur die Freudenmädchen aus Berlin glaubten, vermöge ihre neutralen Waare, als Weltbürgerinnen keinem besondern Staate angehörig, ohne Gefahr bleiben, und die unterbrochenen Meßgeschäfte mit den fremden Kriegern fortsetzen zu können.

Funfzehn Jahre waren verflossen, seitdem ich diese für deutsche Kultur und Indüstrie so wichtige Stadt gesehen hatte. Ich fand vieles während der Zeit verschönert, besonders in den nächsten Umgebungen längst der Stadtmauer. Der Platz vor dem Petersthore mit schönen Anlagen, gewährt nun eine angenehmsten Promenaden. Gerne hätte ich die mit schon bekannten Institute und Merkwürdigkeiten wieder in Augenschein genommen, und eine ausgezeichnete Gelehrte besucht, wenn die allgemeine Verwirrung und Bestürzung mich nicht daran gehindert hätte. Die seit ihrer Stiftung im Jahre 1409 immer so berühmte Universität hat in den neuesten Zeiten zwar beinahe die Hälfte von der studierenden Menge verlohren; man muß dieß aber nicht dem Mangel an gelehrten, berühmten Professoren, sondern überhaupt dem Nachlassen der Studiersucht zuschreiben. . . .

Die Meßgeschäfte und die Handlung der Stadt Leipzig haben in den letzten Jahren sich nicht in dem Verhältnisse verringert, als es mit Messen an andern Orten der Fall ist. Die Ursachen sind leicht aufzufinden. Das nördliche Deutschland lebte, während daß das südliche, und besonders Frankfurt, der Kriegsschauplatz mehrere Jahre lang waren, bisher in glückliche Ruhe. Bei allen dem guten Willen der in Fehde begriffenen Heerführer, und bei allen den deswegen gegebenen Befehle, wurde doch öfters eine Stöhrung, wenn auch grundlose Furcht die Ursache war, bewürkt, oder die Kommunikation gehemmt. Besonders getrauten sich die Engländer in den letzten Jahren nicht öffentlich mehr nach Frankfurt am Main, sondern wählten Leipzig zum Platz, von wo aus sie Deutschland und andere Länder mit ihren Fabrikaten überschwemmten. Die Beinahe gänzliche Vernichtung der Messen zu Frankfurt an der Oder durch die strengsten Beschränkungen war für Leipzigs Handel und Messen auch nicht ungünstig. Noch einige andere Ursachen übergehe ich. Nur der so äusserst bedeutende Buchhandel hat sehr abgenommen, und wird unter der gegenwärtigen Lage, und bei seinen vielen unheilbaren Gebrechen sich immer mehr verringern.


Zeitungsnachrichten.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

[1806]

[2]

Kriegsnachrichten.

Der Divisionsgeneral und Untergouverneur der Thuillerien, Maçon, Platzcommandant in Leipzig, hat am 18. eine Proclamation erlassen, worinn Haus- und Handelsbücher-Untersuchungen bey allen Kaufleuten angeordnet, die Confiscation aller Englischen, Preussischen und Russischen Waaren ausgesprochen, zugleich aber der Truppe die strengste Mannszucht eingeschärft wird.

[3]
Bamberg, 7. Nov.

Täglich kommen franz. Blessirte hier an, welche in aufgehobenen Klöstern untergebracht werden. -- Der franz. Stadtkommandant Macon zu Leipzig ist am 27. Okt. gestorben. Zu Leipzig ist eine solche Menge engl. Waaren, daß man schon 60 Millionen gebothen hat, um sie wieder zu kaufen; auch haben dort die Franzosen alle Reit- und Zugpferde der preuss., russ. und engl. Meßfremden, in Beschlag genommen. --


Quellen.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Meine neueste Reise zu Wasser und Land oder ein Bruchstück aus der Geschichte meines Lebens. Von D. Johann Christian Fick. Erlangen auf Kosten des Verfassers und in Kommission in der Gredy und Breuningschen Buchhandlung. 1807.
  2. Wiener Zeitung Nro 88. Sonnabend, den 1. November 1806.
  3. Bamberger Zeitung. Nro. 312. Samstag, 8. November 1806.
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