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Lille.Bearbeiten


Die Hauptstadt, französisch Lille,[1] nach niederländischer oder flamländischer Mundart Ryssel genannt, ist als der Schlüssel der französischen Niederlande von Seiten der östreichischen anzusehen. Noch unter spanischer Regierung war diese Stadt schon eine nicht unbedeutende Vestung; allein ungleich beträchtlicher sind ihre Werke geworden, seitdem der gröste Meister in der Bevestigungskunst, Vauban, unter Ludwig XIV. sie verstärkte. Kenner rechnen seitdem Ryssel unter die stärksten Vestungen, und Vauban selbst erklärte sie öffentlich für sein Meisterstück. Im spanischen Erbfolgekriege unternahmen Eugen und Malborough, diese beiden berühmten Heerführer der kaiserlichen und englischen Truppen zum Erstaunen von Europa die Belagerung dieser Stadt. Das war ein so kühnes Unternehmen, daß selbst eine grose Anzahl Fürsten *) sich vor Ryssel einfanden, um Zeugen einer so wichtigen Belagerung zu seyn. -- Am 12. August 1708 fiengen die Belagerer ihre Angriffe auf die Stadt an. Mit Tapferkeit und Geschicklichkeit vereitelte die Besatzung unter dem Marschall von Boufflers die Arbeiten der Feinde, und die Stadt würde gerettet worden seyn, wäre man den Franzosen zu rechter Zeit zu Hülfe gekommen. Endlich mußte Boufflers am 22. Oktober die Stadt übergeben, zog sich aber mit seinen Truppen in die Citadelle zurück, nachdem Eugen in der Kapitulation versprochen hatte, diese nicht von der Stadtseite anzugreifen. Allein, da Eugen auf keinem andern Wege Herr der Citadelle werden konnte, so suchte er sie von der Stadtseite zu übermeistern, seines Ehrenwortes ungeachtet, von dem er durch die Nothwendigkeit sich entbunden glaubte, und bekam sie am 8. Dezember, nach wiederholtem tapfern Widerstande der Besatzung, in seine Gewalt. Der Garnison wurde zum Lohne für die so ehrenvolle Behauptung ihres Postens freier Abzug gestattet. Auserordentlich gros waren die Zurüstungen, welche zu dieser Belagerung gemacht wurden; man rechnet die Kosten auf einige Millionen Thaler. Gegen 15,000 Menschen fanden dabei ihren Tod, und diese mit Blute und Gelde theuer erkaufte Eroberung überließ der Kaiser im Frieden zu Uetrecht wider an die Franzosen, und diese blieben im ruhigen Besitz von Ryssel bis im gegenwärtigen Kriege, den Frankreich den alliirten Mächten führt. Ryssels Besitz würde den Leztern das Vordringen in Frankreich auserordentlich erleichtern, sie machten daher auch schon 1792 Versuche, es in ihre Hände zu bekommen. Ein östreichisches Heer von 24,000 Mann, unter dem Kommando des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen, rückte im September gegen Ryssel an, und foderte die Stadt dreimal auf. Allein vergeblich! Die Garnison war unerschütterlich, und selbst die Einwohner setzten sich ohne Widerrede allem Ungemache einer fürchterlichen Belagerung aus, welche die Oestreicher begonnen. Ein ununterbrochner Regen von glühenden Kugeln konnte den Muth der Belagerten nicht im geringsten schwächen. In kurzer Zeit waren fünfhundert Häuser ein Raub der Flamme geworden, und mehr als zweitausend hie und da sehr beschädigt. Die Bomben tödteten eine ziemliche Anzahl Menschen; viele fanden unter den Trümmern der einstürzenden Gebäude ihren Tod. Der ärmere Theil der Bürger, welcher die entlegenen und schlechtern Gassen bewohnte, verlor zuerst seine Haabseligkeiten, denn das Feuer der Belagerer war gleich anfänglich besonders hieher gerichtet gewesen. Aber die begüterten Einwohnern, deren Häuser unversehrt blieben, nahmen iene brüderlich auf, und es schien, als wachse mit dem Ungestüme der Belagerer, welche alle Mittel der Kriegskunst aufboten, den Ort zu erobern, der Muth und die Entschlossenheit der Belagerten, dem Feinde Trotz zu bieten. Dieser unerwartete Widerstand, nebst der Nachricht, daß ein französisches Heer zum Entsatz anrückte, bewogen den Herzog Albert, am 8. Oktober die Belagerung aufzuheben.

Da iezt Valenciennes, Conde und Quesnoi in den Händen der Alliirten sind, so ist ihnen dadurch ieder Versuch auf Ryssel erleichtert, und es ist nun zu erwarten, ob im Jahre 1794 eine neue Belagerung dieses vesten Platzes unternommen werden, und was der Ausgang seyn möchte?

Es ist leicht zu begreifen, daß die Belagerung von 1792 und die damit verbundene Einäscherung eines Theils der Stadt, ein sehr empfindlicher Schade für die Einwohner gewesen seyn müsse, und daß ihr Flor schon dadurch sehr viel leide, weil sie als Grenzvestung immer in Gefahr ist, über lang oder kurz einer wiederholten Belagerung ausgesetzt zu seyn. Diese Ursachen müssen der Handlung und dem Gewerbe einen tödtlichen Streich versetzt haben, da der Verkehr mit den östreichischen niederländischen Städten, der Ryssel sonst blühend machen half, ganz gehemmt ist. Ryssel war nämlich eben so berühmt wegen seines Handels, als wegen seiner wichtigen Vestungswerke. Ihre Lage an zween Flüssen, Lys und Deule, eine grose Anzahl Kanäle, zur Erleichterung des Waarentransports, gute Strasen zu den wichtigen Städten Gent, Ypern, Menin, die dem Niederländer überhaupt eigne Thätigkeit und Indüstrie, machten auch Ryssel zu einem der grösten und lebhaftesten Handelsplätze. Allein die gegenwärtigen Zeitumstände haben diesen Flor gehemmt.

Das merkwürdigste Gebäude in Ryssel ist wohl die Citadelle, eine kleine Viertelstunde von der Stadt. Sie hat fünf regelmäsige Basteien, mit Aussenwerken und Kontreskarpen, von denen die erste durch einen Wassergraben von der zwoten getrennt ist. Die schönen Pavillions, welche zu Wohnungen für die Offiziers bestimmt sind, die übrigen regelmäsigen Gebäude gefallen dem Auge, und nur der Gedanke an die Absicht dieses schönen Baues, und Betrachtungen über das Elend, welches mit Vertheidigung und Eroberung vester Plätze verbunden, und von derselben unzertrennlich ist, hindert und schwächt den Eindruck, den die Kunst des Baumeisters, welche er bei Anlegung dieser Veste bewiesen hat, erzeugt.

Die vorzüglichsten Manufakturen von Ryssel und den nächstliegenden Orten sind Kammertuch, Spitzen und Zwirn. Letzterer wird hier so fein gesponnen, daß das Pfund zu 1800 Livres verkauft wird.

Die Hauptkirche zu St. Peter und die Börse gehören mit zu den ansehnlichsten Gebäuden.

Die Einwohnerzahl berechnet man ehedem auf 56,000, die Zahl der Häuser auf 12,000, unter denen die ältern meist von Holz waren. Die neuerbaueten aber wurden alle von Stein oder Ziegeln aufgeführet, und mehrere Strasen sind prächtig gebauet, besonders die von Ludwig XIV. angelegte Königsstrase, iezt Revolutionsstrase genannt.

Schrecklich war das Loos, das 1792 den französischen General Dillon in dieser Stadt traf. Er rückte gegen Dornick vor, allein die ihm von da entgegengehenden Oestreicher schlugen sein Korps, nöthigten es zur Flucht, und verfolgten die Fliehenden bis unter die Kanonen von Ryssel. Die Soldaten schrieben die Unordnung nicht sich, sondern einer Verrätherei, zu, die zwischen ihrem General und den Anführern der Feinde Statt haben sollte, und schwuren Dillon fürchterliche Rache. Als dieser daher hinter den Fliehenden in Lille einzog, schoß man in den Wagen, wo er saß, riß ihn aus demselben heraus, und ergab unter einer Menge von Strichen seinen Geist auf. Noch nicht mit seiner Ermordung zufrieden, schleppten die Rache schnaubenden Soldaten den Leichnam auf den Markt, zerstückelten und verbrannten ihn, und tanzten in wilder Freude um die Flamme herum, welche die Gebeine des unglücklichen Feldherrn verzehrte.

Vor der Revolution war Ryssel der Sitz des Generalgouverneurs (von Flandern und Hennegau) einer königlichen Intendanz, eines Münzhofes u. s. w. Seit den Zeiten der Revolution, wo es immer in Belagerungsstande sich befunden hat, herrschen die Kommissarien des Nationalkonvents, unter welchen der Kommandant steht.

*) Auf vierzig souveraine deutsche Fürsten waren im Lager der alliirten gegenwärtig, auch der damalige König von Polen und Kurfürst von Sachsen August wohnte, unter dem Namen eines Grafen von Meissen, als Volontair, der Belagerung bei.


Lille..Bearbeiten


Lille (im Deutschen Ryssel),[2] ehemals die Hauptstadt des französischen Flandern und aller französ. Niederlande, am schiffbaren Flusse Deule, welcher durch die Stadt fließt, ist groß, schön gebaut, mit vortrefflichen Umgebungen, hatte im J. 1802 beinahe 55,000 Einwohner, und ist eine der wichtigsten Festungen in Ganz Europa. Besonders ist die Citadelle, an welcher Vauban seine ganze Geschicklichkeit gezeigt hat, ein Meisterstück der Befestigungskunst. Der Generalgouverneur und der Intendant über französische Flandern und Hennegau hatten ihren Sitz in dieser Stadt. Es sind die bedeutendsten Fabriken und Manufacturen von allen Gewerben und besonders viele Oelschlägereien daselbst, zu welchen letztern sich mehrere hundert Mühlen um Lille befinden. Auch ist die Handlung der Einwohner nebst der Blumen-, besonders der Tulpenzucht, sehr ansehnlich. Letztere wird hier beinahe so stark, wie in Harlem getrieben, so, daß auch die Holländer viele Zwiebeln aus Lille beziehen. Spargel und Melonen werden durch ganz Frankreich versandt. Im J. 1708 eroberte es Prinz Eugen in Folge einer hartnäckigen und blutigen Belagerung; doch wurde es im utrechter Frieden 1713 an Frankreich zurückgegeben. 1793 bombardirten es die Oesterreicher ohne Erfolg. Jetzt ist Lille der Hauptort eines Arrondissements im Norddepartement und Sitz des commandirenden Generals der 16. Division. Die dazu gehörige Cantons heißen: Lille (Ryssel), Armentieres, Haubondin, la Bassée, Launoy, Roubaix, Lille, Quesnoy, Seclin, Pont à Marque, Templeuve und Tourcoing.


Quellen.Bearbeiten

  1. Geschichte und Beschreibung der französischen Niederlande des Elsasses und Lothringens. Leipzig bei J. A. Barth. 1794
  2. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
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