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Lucian.Bearbeiten


Lucian Buonaparte wurde im Jahr 1772 geboren. [1]

PortretLucianBonaparte240r

Lucian Bonaparte.

Am 27. Mai 1798 wurde er *) Glied des französischen Gesezgebungs-Körpers im Rath der Fünfhundert; er war darin Mitglied der Kommission der Eilf, nachher einer der Saal-Aufseher, alsdann Mitglied der Kommission der Sieben, und er war lezte Präsident dieses Raths vom 23. Oktober 1799 bis zum 9. November nemlichen Jahrs zu Paris und am folgenden 10. November zu Saint Cloud; vom 11. November an aber war er Präsident der Gesezgebungs-Kommission (des Ausschusses) des Raths der Fünfhundert, auch Mitglied ihrer Konstitutions-Sektion, bis zum 25. December 1799. An eben diesem Tag wurde er von seinem Bruder Ersten Konsul zum Minister des Innern ernannt, welches Amt er der ihm zu gleicher Zeit vom Erhaltungs-Senat zugedachten Stelle im Tribunat vorzog; am 7. November 1800 bekam er seine Entlassung. Dann war er als Botschafter vom 29. November 1800 bis zum 30. Oktober 1801 zu Madrid, wo er am 21. Merz 1801 die Uebereinkunft des Ersten Konsuls mit dem König von Spanien über Parma und Toskana und am 29. September 1801 für denselben den Frieden mit dem Fürsten Regenten von Portugall schloß. Seit dem 14. November 1801 war er in Paris zurük, er bekam aber erst am 9. Merz 1802 wieder eine öffentliche Stelle, nemlich im Tribunat, welches ihn am 7. Junii 1802 zu seinem Mitglied in die Ehren-Legion für deren Ober-Verwaltungs-Rath ernannte. Am 21. August des nemlichen Jahrs trat er in den Erhaltungs-Senat ein; er hatte die Senatorie von Trier.

*) Zugleich mit Arena.

Vom 10. Julii 1803 an reiste er bis zum 24. Februar 1804 in Frankreich und Italien; Mishelligkeiten mit gedacht seinem Bruder waren durch seine zwote Vermählung nach 3 1/2 Jahren so weit gediehen, daß er am 10. April 1804 *) von Paris nach Rom zog, wo er sich am 1. Mai 1804 niederließ.

*) Die Angabe, er sei Präsident jenes zu Vincennes am 20. Merz 1804 gehaltenen Kriegs-Gerichts über den lezten Duc d'Enghien gewesen, zeigt, daß ihr Erfinder nicht wußte, war ein Kriegs-Gericht ist.

Doch wohnte er auch vom 21. Nov. 1804 an zu Meiland und Pesaro, bis in den Monat Sept. 1805, im Jahr 1808 zu Florenz u. auf seinem Landgut bei Viterbo. Zu Rom bewohnte er den Palast Lancellotti, gewöhnlich aber befand er sich auf einem seiner benachbarten Landsize, nemlich der Villa de Nemori bei Albano und La Ruffinell bei Fraskati.

Im Jahr 1807 hatten die Brüder Napoleon und Lucian auf Verwendung der Muter eine Unterredung in der Mitte des Decembers in den Nähe von Mantoua, welche aber keine Aussöhnung bewirkte.

Am 14. Julii 1810 segelte Lucian von Civita Vecchia aus, um nach Nord-Amerika zu ziehen; *) zu Cagliari auf Sardinien bekam er den gehofften brittischen Paß nicht, und auf Maltha wurde ihm statt eines solchen die Erlaubniß, oder vielmehr die Weisung, ertheilt, in Engelland als Stats-Gefangener zu leben. Er kam am 13. December 1811 im Haven von Plymouth an, wohnte erst im Schloß Stonehause bei Ludlow, und ließ sich dann mit seiner Gemalin und seinen Kindern auf dem Landsiz Thorngrove bei Worcester nieder. Seine Stelle im Erhaltungs-Senat Frankreichs hörte im Monat Julius des Jahrs 1810 auf.

*) Die Reise und alle Anstalten dazu geschahen so öffentlich, daß solche wahrscheinlich mit Vorwissen des Kaiser Napoleon unternommen wurde.

Lucian Buonaparte lebt, nachdem seine erste Ehe mit Anna Boyer der Tod am 14. Mai 1800 trennte, seit dem Monat December des Jahrs 1803 wieder in der Ehe mit der Witwe des zu Paris gewesenen Wechsel-Agenten Jouberteau, geborner Famberlon. Er zeugte 7 Kinder. Die älteste Tochter, Charlotte, wurde im Jahr 1814 mit einem Engelländer in der Nähe von Worcester vermählt; die zwote heißt Cäcilia; eine fernere wurde im Monat December des Jahrs 1804 geboren. Einer seiner Söhne starb in der Mitte des Monats August im Jahr 1808.

Er reiste im Monat April des Jahrs 1814 aus Engelland nach Italien, und traf am 27. Mai in Rom ein. Um ihm dahin zu folgen verließ seine Gemahlin mit den Töchtern Engelland am 29. August.

Lucian Bonaparte.Bearbeiten


Bonaparte (Lucian),[2] jüngerer Bruder des Kaisers Napoleon, geboren 1772, Senator, Lucian war anfangs bei der Administration der Armeen angestellt, verheirathete sich zu St. Maximin, ward Kriegscommissair, und im März 1797 Deputirter des Departements von Liamone beim Rathe der Fünfhundert. Bei der Annäherung des 18ten Brümaire ward er zum Präsidenten erhoben, und wendete in der außerordentlichen Sitzung zu St. Cloud den 19ten Brümaire alle Kräfte an, die Opposition, welche sich gegen seinen Bruder erhob, aufzuhalten. Er verließ den Vorsitz in der Mitte der Bewegung, welche der Eintritt des Generals veranlaßte, legte die Zeichen seiner Würde ab, da man ihm nicht das Wort gestattete, ging aus dem Saale und stieg sogleich zu Pferde, haranguirte mit Heftigkeit die Truppen, sagte, man habe seinen Bruder ermorden wollen, und lud die Soldaten zu seiner Vertheidigung ein. Sein Muth gab den Ereignissen die Entscheidung, und der Rath der Fünfhundert ward aus einander getrieben. Nach der Annahme der neuen Constitution erhielt er das Ministerium des Innern, welches er im October 1800 mit dem Gesandtschaftsposten in Madrid vertauschte. Zu Ende des Septembers 1801 unterzeichnete er zu Badajoz den Frieden Frankreichs mit Portugal, kam im folgenden Monat nach Paris zurück, ward den 9ten März 1802 Tribunatsmitglied, dann Minister des Innern, im Juli Großofficier der Ehrenlegion und Mitglied des Erhaltungssenats. Den 3ten Februar 1803 ward er ins Nationalinstitut zur Classe der politischen und moralischen Wissenschaften berufen; man übertrug ihm kurz darauf die Senatorie von Trier; er begab sich im Juli 1803 nach Belgien und in die Rheindepartemente, um Besitz von den der Ehrenlegion zugeschlagenen Gütern zu nehmen, und heirathete bei seiner Rückkunft die Madame Jouberteau, Wittwe eines Banquiers, indem er seine Bruders, die Monarchie von Frankreich, mit der Thronfolge für sein Haus wieder herzustellen, mißbilligte, und sich allen Planen, die derselbe in dieser Hinsicht ausführen wollte, widersetzte, so begab er sich im J. 1804 mit seiner zahlreichen Familie nach Italien, und erkaufte von der Familie Barberini die 4 Meilen von Rom gelegene schöne Villa de Nemori wo er als Privatmann, im Besitze eines großen Vermögens, für Künste und Wissenschaften eingezogen lebte. Da ihn auch dahin die Anträge Napoleons verfolgten, und die Spaltung dadurch so sehr zunahm, daß Lucian Gewaltstreiche besorgte, so beschloß er im J. 1811 sich nach Nordamerika zu begeben. Um in diesem Vorhaben durch die Engländer nicht gestört zu werden, schrieb er dem englischen Minister am sardinischen Hof, Hill, und bat ihn um Pässe von seiner Regierung. Hill versprach es, und glaubte sich so sicher, die Pässe zu erhalten, daß er Lucian vermochte, sich einzuschiffen und nach Sardinien zu kommen. Aber die englische Regierung hatte den Paß verweigert, und als Lucian mit seiner Familie und mit allen seinen Habschaften bei Sardinien anlangte, erhielt er auch nicht einmal die Erlaubniß an das Land zu gehen. In dieser Verlegenheit fügte es sich, das Adair, der als englischer Gesandte nach Konstantinopel reiste, auf Sardinien landete, und auf Hills Verwendung es auf sich nahm, Lucian nach Maltha zu senden, wo er die weitere Entscheidung des englischen Cabinets zu erwarten hätte. Nachdem dieses die wiederholte Versicherung erhalten hatte, Lucian suche nichts, als einen ruhigen Zufluchtsort, so ertheilte es ihm zwar nicht die verlangten Pässe nach Amerika, aber die Erlaubniß nach England zu kommen, unter der Bedingung, auf Ehrenwort als Staatsgefangener daselbst zu bleiben. So kam er am 13ten Dec. 1811 am Bord der Fregatte Präsident, mit seiner Gattin, seiner 7 Kindern, und einem Gefolge von 35 Personen, im Hafen zu Plymouth an. Lord Powis räumte ihm sein Schloß Stonehause, bei Lüdlow, zum Aufenthalte ein. Er blieb daselbst einige Zeit, machte sich aber nachher in der Stadt Worcester ansäßig. Ein englischer Obrist hatte die Aufsicht auf seine Person und auf seine Correspondenz. Sein Leben war eingezogen, häuslich und wissenschaftlich, und größtentheils der Ausarbeitung eines epischen Gedichtes, zu dessen Helden er Karl den Großen gewählt hatte, gewidmet. Da nach Napoleons Sturz sein Verhaft keinen Zweck mehr zu haben schien, so erhielt er die Erlaubniß wieder nach Rom zurück zu gehen, wo er am 27sten Mai 1814 ankam, und wohin ihm später seine Familie nachfolgte. Er fand hier die beste Aufnahme, indem ihn der Papst feierlich mit dem von ihm erkauften Canino belehnte, ihn zum römischen Fürsten ernannte, und ihm erlaubte, seinen Karl den Großen Sr. Heiligkeit zu dediciren. Bei der entschiedenen Feindseligkeit, welche er immer gegen Napoleon geäußert hatte, war es sehr unerwartet, daß er, als dieser 1815 wieder von Elba zurück kam, sich nach Frankreich begab, und in enge Verbindung mit dem Usurpator trat. Er empfing in Paris die größten Ehrenbezeichnungen, und erhielt das Palais royal zur Wohnung. Als aber die Siege der Alliirten das Recht des königlichen Hauses wieder geltend machten, verließ Lucian Frankreich, um nach Rom zurück zu kehren. Da er sich bei den Vorposten des Grafen Bubna meldete, so ließ ihn dieser durch einen Officier nach Turin begleiten, wo er am 11ten Juli ankam, aber sogleich als Gefangener auf die Citadelle geführt wurde. Man hatte hier mehrere Zimmer für ihn in Bereitschaft gesetzt; auch genoß er eine sehr achtungsvolle Behandlung. Uebrigens äußerte er bei seiner Verhaftnehmung: "er begreife nicht, wie man ihn als einen Gefangenen behandlen könne, da er sich stets dem Ehrgeiz seines Bruders widersetzt, und auch zuletzt noch nach Frankreich gegangen sey, um diesen zu gemäßigten Gesinnungen zu bringen." Im September kam Lucian nach Rom zurück, da er vermöge eines Schlusses der verbündeten Höfe seine Freiheit wieder erhalten hatte. Jedoch mußte die päpstliche Regierung sich verbindlich machen, ihn, so wie die Mitglieder seiner Familie, nicht aus dem römischen Staate entkommen zu lassen.


Lucian Buonaparte.Bearbeiten


Lucian Buonaparte,[3] geboren im Jahr 1774, kam 1793 nach Frankreich. Unter seinem Bruder in Italien erhielt er die Stelle eines Kriegskommissärs, und raffte ein unermesslichen Vermögen zusammen.

Er hat dieselben Charakterfehler, wie Napoleon, nur mit dem Unterschiede, dass er weit ruhiger, weit nachdenkender und bei weitem nicht so närrisch ist, als seine kaiserliche Majestät. In ihrem Privatleben betrachtet, ist Lucian weniger Gefährlich, weil er kein Kriegsmann ist. Napoleon kennt seine höhern Talente und seinen Stolz, keinen fremden Befehlen sich zu schmiegen. Desshalb wird er ihm nie die Beherrschung eines mächtigen Volkes anvertrauen; er konnte ihm gewiss keine Gesetze vorschreiben, und von den tausend und ein Dekreten, die Napoleons verbranntem Gehirne ihren Ursprung verdanken, würde kein einziges in Lucians Kabinette Zutritt und Annahme finden. Napoleon weiss ferner, dass Lucian einen schlechten Begriff von den Talenten seines kaiserlichen Bruder hat. Auch haben wenige Menschen den Helden besser beurtheilt, als Lucian, denn er hat eine traurige Meinung von dem Emporkömmling. Lucian ist in diesem Punkte völlig einig mit Talleyrand.

Die Ehre des XVIII Brümaire gehörte einzig dem Lucian. Zur Belohnung machte ihn sein Bruder zum Minister des Innern. Nun plünderte und stahl er sich zum reichsten Manne von Frankreich. Seine Intriguen und Ausschweifungen kannten keine Grenze. Seine Liebeshandel machten, dass er als Gesandter nach Madrid gleichsam verwiesen wurde.

Einige Zeit nachher begab er sich nach Bajadoz, um den Frieden zu unterhandeln; allein die Bedingung, ohne welche der Friede nicht zu Stande kommen konnte, war für ihn ein kleines Geschenk von sechs Millionen, und da die portugiesische Regierung von Geld entblöst war, bezahlte sie ihn in rohen Diamanten. Als er nach Paris zurückkam, verkaufte er diese Diamanten einem gewissen Salomon, der von London gekommen war, um die rohen Steine zu kaufen. Bald darauf ward er Mitglied des Tribunats, wo er schöne Reden hielt, endlich Senator; aber weiter brachte er es nicht.

Kurz ehe die Posse der Verkaiserung gegeben wurde, heirathete Lucian eine gewisse Madame Hauberton, der Wittwe eines Mäklers, eine Frau von nicht allzustrengen Sitten. Als Buonaparte diese Nachricht erfuhr, sagte er zu Lucian, "wie, du weisst, was jetzt vor sich geht, und du willst ein Weib ohne Rang und Reichthum heirathen" Lucian antwortete mit Kälte "so hat sie doch wenigstens Schönheit und Jugend." Buonaparte empfand den Stich, und dies war ihre letzte Unterredung.

Ich fand auf dem Landsitze von Lucian Buonaparte'n kurz vor seiner Ungnade, gleiche Pracht, wie bei Joseph Buonaparte'n, gleiche Etikette, und gleiche Freiheit; und die letztere besonders wurde durch die wirklich einnehmenden und gefälligen Manieren des Wirths, und durch den ganzen Ton des Umganges mit ihm, in dem nicht die mindeste Spur von Anmaassung ist, ungemein erhöhet. Bei dem Prinzen Joseph fühlt man, selbst mitten unter Ueberfluss und Freiheit, wenn man die Person des Wirthes sieht, oder nur an den Charakter desselben denkt, sowohl den Abstand an Vermögen, als das Demüthige der Abhängigkeit. Man empfindet da, dass man nicht sowohl einen Freund als vielmehr einen Herrn besucht, der Ihnen indirecte sagt: "iss, trinkt, und freue dich, so lange und so viel dir beliebt; vergiss aber nicht, wenn du glücklich bist, dass du es meiner Grossmuth zu danken hast; und wenn du nicht glücklich bist, dass ich nichts darnach frage."

Bei Lucian ist es gerade das Widerspiel. Sein Betragen scheint anzudeuten, dass man ihm mit seiner Gesellschaft einen Gefallen thue; und er ist bei allen Gelegenheiten besorgt, den Abstand, den die Glücksgöttin zwischen ihm und seinen Gästen gemacht hat, unsichtbar zu machen: und da er ihnen nicht das Compliment machen kann, dass man reicher sey, als Er, so ergreift er mit der feinsten Manier jede Gelegenheit, zu beweisen, dass er die Ueberlegenheit in Genie und Talenten für einen Vorzug erkenne, der mehr als ein Gleichgewicht für den Abgang des Reichthums ist.

Man braucht eben nicht der scharfsichtigste Beobachter zu seyn, um an Napoleon den in der Geschwindigkeit empor gekommenen Soldaten, und an Josephen das ehemalige niedrige Mitglied der Juristerei zu erkennen: aber ich biete dem ausstudirtesten Höflinge Trotz, an Lucian Buonaparte'n etwas zu sehn, was einen ci-devant Sans-Culotte verriethe. Ueberdiess hat er auch andre, und zwar noch schätzbarere Eigenschaften an sich, wegen deren er in der Meinung der Nachwelt weit über seinen ältern Bruder hinauf gesetzt werden wird. Er ist äusserst mitleidig und freigebig gegen den wirklich Bedrängten; dienstfertig gegen diejenigen, von denen er weiss, dass sie eben nicht seine Freunde sind; und versöhnlich und verbindlich gegen die, die sich als seine Feinde bewiesen, und sich ausdrücklich für Feinde von ihm erklärt haben. Diess sind Tugenden, die in der Regel sehr selten vorkommen, und die bisher noch von keinem andern Gliede der Buonaparten-Familie sichtbar geworden sind.

Lucian Buonaparte hat noch eine gute Eigenschaft: er ist in seinen politischen Grundsätzen sich selbst gleich, und ändert sie nicht. Noch bis diesen Tag ist er, entweder aus Ueberzeugung oder aus Verblendung, republikanisch gesinnt, und macht auch kein Geheimniss daraus; wenn er seinen Bruder Napoleon im Verdacht gehabt hätte, dass er im mindesten Willens wäre, die monarchische Regierung wieder herzustellen, oder vollends gar eine Tyrannei einzuführen; so würde er sich am 9ten November 1799 in der Sitzung zu St. Cloud unfehlbar zu der Partei derjenigen Deputirten geschlagen haben, die wider ihn auf das Dekret antrugen, Napoleon Buonaparte'n in die Acht und für vogelfrei zu erklären -- Sollte die jetzt zwischen diesen beiden Brüdern bestehende Uneinigkeit bis auf den Grund untersucht werden: so würde sich vielleicht finden, dass sie sich mehr von Lucians Republikanismus, als von seiner Heirath herschreibe.

Ich weiss so gut, wie ganz Frankreich und Europa, dass sich Lucian in seinen Jugendjahren überaus strafbar gemacht, dass er sich eine Menge Unbedachtsamkeiten, manche Ungerechtigkeit, allerlei verkehrte Streiche, eine Menge grober Fehler, und, wie ich fürchte, sogar mehrere Verbrechen hat zu Schulden kommen lassen. Ich weiss, dass er eine Zeitlang unter Ruchlosen der Ruchloseste, und Zügellosen der Zügelloseste, unter Räubern der Unbarmherzigste, und unter Rebellen der Hartnäckigste gewesen ist. Ich weiss, dass ihm Schuld gegeben wird, er wäre mit unter den Septembrisirern gewesen; er hätte eine Frau ermordet, und eine andre mit Gift vergeben; er wäre unter der Schreckens-Regierung ein Spion, ein Angeber, ein Verfolger unschuldiger Menschen gewesen. Ich weiss, dass ihm Schuld gegeben wird, er hätte sich mit seinen Schwägern geschlagen, hätte seine Mutter übel behandelt, und mit seinen leiblichen Schwestern eine blutschänderische Gemeinschaft gehabt. Ich habe diese und andre ungeheure Beschuldigungen wider ihn gelesen und gehört; und es sey fern von mir, dass ich seine Sünden und Laster vertheidigen, beschönigen, bemänteln, oder nur läugnen wollte.

Aber gewiss ist es, dass alle Schändlichkeiten, die man ihm zur Last legen will, weder beurkundet noch sonst erwiesen sind, auch wohl schwierig je beurkundet oder erwiesen werden möchten.

Lucian Bonaparte kommt im Hafen zu Plymouth an.Bearbeiten


Der dreyzehnte December 1811. [4]

Lucian Bonaparte und sein Bruder Napoleon konnten sich nie gut mit einander vertragen. Der eine liebte Ruhe und Stille im Schoos der Wissenschaften und Künste, der andere wollte -- wenigstens Kaiser von Europa werden. Jener suchte und fand sein Glück im Umgang mit seiner Familie und den Musen, der andere wollte ihm gegen seine Neigung eine Krone aufdringen. Daher kam es auch, daß Lucian dem hochfahrenden Napoleon auswich, in Italien, nur 4 Meilen von Rom, ein Landgut kaufte und den Planen seines Bruders auf ruhiger Ferne zusah. Aber auch hier war er vor dessen Zudringlichkeiten nicht sicher, er mußte Gewalt besorgen und beschloß daher mit den Seinigen nach Amerika zu flüchten. Ohne einen Paß von England konnte er über die von dessen Schiffe bedeckten Meere nicht kommen. Er hatte zwar die beste Hoffnung, solchen zu erhalten, allein man schöpfte von Seiten der englischen Regierung Mißtrauen und die Hoffnung schlug fehl. Endlich ertheilte man ihm die Erlaubniß, zwar nicht nach Amerika, aber doch nach England zu reisen und der Tyranney seines Bruders zu entfliehen, weil er sich entschloß, als Staatsgefangener dort zu seyn. Am heutigen Tag kam er mit seiner Gattin, sieben Kinder und 35 Personen seines Gefolges zu Plymouth an und machte sich bald darauf in der Nähe der Stadt Worcester ansässig, wo er still, eingezogen, nur sich und den Wissenschaften lebte und der Aufsicht eines englischen Officiers über seine Person und Korrespondenz nicht bedurft hätte. Eine seiner Töchtern heyrathete einen vornehmen Engländer; er und die übrigen Glieder seines Familie kehrten im Jahr 1814 nach Napoleons Sturz wieder nach Italien zurück.


Anekdote zur Zeitgeschichte.Bearbeiten


[5] Als Napoleon einst seinem Bruder Lucian recht fest zusetzte, daß er sich doch zum Prinzen von Frankreich sollte erheben lassen, und es ihm frey stellte, was er für eine Krone haben wollte, sagte Lucian: "Nun wohlan - ich willige ein." - Napoleon wurde freundlich. - "So mache mich, fuhr Lucian fort, zum König von England." Seit der Zeit wagte es Napoleon nicht wieder, seinen Bruder wählen zu lassen.


Quellen.Bearbeiten

  1. Das Haus Buonaparte. Ein genealogischer Versuch. 1814.
  2. Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  3. Gallerie der merkwürdigsten Personen des Hofes und Cabinets zu St. Cloud. Amsterdam und Cöln, bei Peter Hammer, 1815.
  4. Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Augsburg und Leipzig in der Jenisch und Stageschen Buchhandlung.
  5. Der Aufmerksame. No. 99. Samstag den 20. August. 1814. Grätz.
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