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DuomoMilano900


Von Reisende.Bearbeiten

Karol Fryderyk Wojda [1]

Mailand den 30. Iuli. [1798]


Wenn man den Dohm, dieses ungeheure Gebäude, zum ersten Mal erblickt, so ist man geneigt, ihn vielmehr mit einem unförmigen und kolossalischen Marmorberge, als mit einem architektonischen Werke der Kunst, an welchem nun schon Jahrhunderte gearbeitet wird, zu vergleichen. Denken Sie sich ein Gemäuer von über einander gehäuften Marmorblöcken, geben Sie ihm 449 Fuss Länge, 275 Fuss Breite und 238 Höhe, und zieren Sie es von oben bis unter mit ungefähr viertausend marmornen Statüen und Basreliefs, und Sie werden eine so ziemlich richtige Vorstellung von der Kathedralkirche in Mailand haben. Nach der Peterskirche in Rom ist sie die grösste in Italien; aber die Menge von Marmor, Säulen und Statüen, die an ihr verschwendet sind, übertrifft bei weitem den Aufwand, welchen man bei jener damit gemacht hat, und dieses halte ich gerade für die Ursache, warum sie in Rücksicht auf Kunst, Schönheit und Geschmack so sehr hinter ihr zurück steht. Im Jahr 1386 von Johann Galeas Visconti angefangen, ist die heute im Jahr 1798 noch nicht beendigt, und indem sie an der einen Seite beinahe wieder baufällig wird, erblicken Sie vor dem Haupteingange, der unvollendet ist, die zu seiner Ausführung nöthigen Gerüste, und Tagtäglich Menschen beschäftigt, die entweder Marmorblöcke aufthürmen, oder Statüen und Basreliefs befestigen. Bei dieser auffallenden Langsamkeit liegt nicht Fahrlosigkeit oder Mangel an Fonds zum Grunde. Gerade diese letztern sind die Ursache, warum man die nicht zu beendigen eilet, denn nur bis zu ihrer gänzlichen Vollendung geniesst sie, laut einem Vermächtnisse, den Niessbrauch eines Kapitals, und um so lange als möglich die Zinsen davon zu ziehen, trägt man Sorge dafür, dass sie nie beendigt wird und noch immer etwas daran zu bauen übrig bleibt.
Dieser Umstand macht, dass man nur einzelne Gefällige und schöne Theile und kein angenehmes Ganze an ihr bemerken kann. Sie trägt die Spuren der Kunst aller Jahrhunderte, in welchen an ihr gebaut wurde, an sich, und wenn sie von der einen Seite als ein schwarzes und baufälliges Gebäude erscheint, so giebt ihr von der andern der kürzlich neu aufgetragene blendendweisse Marmor das Ansehen eines in unsern Zeiten errichteten Werkes. Wer es nicht weiss, dass die am Aeussern derselben angebrachten Statüen von Marmor sind, wird die schwerlich dafür halten, denn beide, die Jahre und Witterung, haben die meisten davon schon grau und schwarz gefärbt. In Rücksicht auf Kunst hält es schwer sie zu beurtheilen, denn ob sie gleich von kolossalischer Grösse sind, sie stehen sie doch viel zu hoch, als dass man sie gehörig untersuchen könnte. Nur die auf der Gallerie und den Thürmen kann man in der Nähe betrachten; aber man sieht es ihnen bei dem ersten Blicke an, dass sie mehr Lohnwerke, als Werke der Kunst sind. Doch über der Aussicht, die man von hier hat, vergisst man leicht den Marmorberg, auf welchem man steht, und die aus der biblischen Geschichte hergenommenen Süjets der ihn zierenden Figuren. Die ganze grosse Stadt von ungefähr hundert und dreissigtausend tausend Einwohnern, mit ihren Kirchen und Pallästen, liegt zu Ihren Füssen. Ihr Blick schwebt über der reizenden Landschaft hin, die sie von allen Seiten umgiebt; wenn das Wetter hell ist, entdecken Sie die Ufer des Tecino, des Po und der Trebia, von der andern Seite sehen Sie bis Lodi hin, und längs der Kette der Alpen, welche die Schweiz von Italien trennen, ruht Ihr Auge mit Wohlgefallen auf ihren hohen mit Schnee bedeckten höchsten Spitzen; auf den ungeheuern Felsmassen, die der Ewigkeit zu trotzen scheinen; auf dem romantischen Amphitheater, das sie gegen die Lombardei hin bilden; auf den Seen, die zwischen ihren Krümmungen sich hervordrängen; und auf den borromäischen Inseln Madre und Bella. Der höchste Taumel der Begeisterung bemächtigte sich meiner, als ich das erste Mal den Thurm der Kathedralkirche erstiegen hatte, und zu den Füssen der kolossalischen, stark vergoldeten Mutter Gottes, die ihn deckt, in die weite, unvergleichlich schöne Ebene hinausblickte; es wurden Gefühle in meiner Brust rege, wie sie nur immer der erhabene Standpunkt, auf welchem ich mich befand, erzeugen konnte; unermesslich in Schönheit und Grösse erschien sie mir die Natur, aus der Fülle des Herzens strömte stummes Gebet, und ich sah nur sie, ihre Reize und ihre Allmacht, und fessellos schwebte ich empor in Regionen, wo der dichte Schleier des Irdischen vor unsern Augen schwindet und der höchsten Vollkommenheit herrliches Ziel dem Geiste entgegen winket *).
Zweimal schon habe ich, seitdem ich hier bin, diesen Thurm bestiegen, und noch bin ich nicht gesättigt, und besuche ihn gewiss wieder, so oft ich Zeit und Gelegenheit dazu haben werde. Aber die Aussicht von demselben ist auch alles, was der Dohm anziehendes hat, man müsste denn die angenehme Kühle, die er im Innern selbst bei der grössten Hitze gewähret, mit in Anschlag bringen. und dieses ist freilich hier so unbedeutend nicht, und ich brachte schon manches Stündchen in demselben zu, wenn mir heiss war und mein Weg mich gerade bei ihm vorbei führte. -- Das Schiff ist -- wie Sie sich leicht denken werden -- seinem äussern Umfange völlig angemessen, ungeheuer gross, dunkel und finster, und gestützt auf 52 Säulen, die einen hohen sehr kühnen Plafond tragen. Es können noch so viel Menschen in demselben seyn, und man wird doch nie ein Gedränge bemerken; der grosse Altar erscheint, von dem Eingange betrachtet, ausserordentlich klein, und man erstaunt, wenn man näher kommt, über seine Grösse. Ehemals war er auch durch seinen Reichthum und die daran verwendete Pracht merkwürdig; aber jetzt steht er eben so einfach und von allen Zierrathen frei da, wie alle übrige Altäre, und überhaupt die ganze Kirche, deren seltene Schätze verschwunden sind. -- Vor dem grossen Altare befindet sich eine unterirdische Kapelle, in welcher der Körper des heiligen Carl Borromaeus aufbewahret wird. Dieser Bischoff steht hier in sehr grossem Ansehen, und verdient wirklich, durch seine Menschenliebe, die Ehrfurcht, mit welcher sein Andenken aufbewahret wird. -- Als Produkt eines ausserordentlichen Fleisses und richtiger anatomischer Kenntnisse, und nicht als Werk einer Kunst, deren Beschäftigung die sinnliche Darstellung des Schönen und Erhabenen ist, nenne ich Ihnen hier noch die hinter dem hohen Altare befindliche Statüe des H. Bartholomaeus. Man kann sie als Seitenstück zu dem Bilde betrachten, das sich im Museum zu Paris befindet und die Strafe des ungerechten Richters darstellt. Von der Haut entblösst kann man jeder Ader, jeden Muskel an ihr erkennen, das Ganze ein widriger, unangenehmer Anblick, und keineswegs der stolzen Aufschrift würdig:
Non me Praxiteles, sed Marcus finxit Agrati.


Zeitungsnachrichten.Bearbeiten

[1812]

Mayland, den 21sten Januar. [2]

Die Façade der hiesigen Kathedrale, eine der schönsten Kirchen der Welt, ist jetzt vollendet, und die drey Seiten, die so lange Zeit unvollendet waren, werden bald ganz ausgebaut seyn. Es war der erste Herzog von Mayland, Johann Galeazzo Visconti, der den Bau des Doms anfangen ließ, dessen Architektur man mit Unrecht gothisch nennt. Er ist ganz von weißem karrarischen Marmor erbaut, den die Zeit nicht verdorben hat. Der Architekt hat nach dem Urtheil der Sachverständigen eine eben so kühne Einbildungskraft gehabt, als der Erbauer der St. Peterskirche zu Rom. Ohne die Befehle des Kaisers wäre die Hauptkirche zu Mayland nicht ausgebaut worden.

Die Alten errichteten große Denkmäler, um einen Begriff von ihrer Macht zu geben, oder um den Ruhm ihrer Helden zu verewigen. Die Hauptkirche dieser Stadt wird von ...n großen Arbeiten unter der Regierung Napoleons zeigen. Am Tage, wo er die eiserne Krone auf sein Haupt setzte, unterzeichnete er den Befehl, den Tempel zu vollenden, worin er gesalbet worden.


Quellen.Bearbeiten

  1. Briefe über Italien geschrieben in den Jahren 1798 und 1799 vom Verfasser der vertraulichen Briefe über Frankreich und Paris. Leipzig bey Pet. Phil. Wolf und Comp. 1802
  2. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 43. Montag, den 19ten Februar 1812.
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